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Thema

„Weisheit“ benennt im Alten Testament wie im gesamten Alten Orient das Bemühen, die die Menschen umgebende Wirklichkeit zu ordnen, zu erfassen und zu erklären und sich so in der Welt geborgen zu wissen. Es geht um die Regeln, nach denen das Leben in allen seinen Beziehungen abläuft. Das schließt die Beziehung zu Gott ein. Wer diese Regeln kennt und beachtet, dem ist gelingendes Leben sicher. Weisheit bewegt sich dabei immer im Horizont der Schöpfung, ist also, selbst wenn dies nicht explizit angesprochen wird, stets theologisch verortet. Grundüberzeugung der Weisheit Israels ist die, dass sich die eigenen Taten und das Schicksal entsprechen, der sogenannte Tun-Ergehen-Zusammenhang (vgl. das Thema-Kapitel „Theodizee“). Diese Überzeugung ist in der weisheitlichen Literatur des AT stets präsent, entweder in vorausgesetzter Zustimmung oder, in den Zeugnissen der Krise der Weisheit, kritischer Hinterfragung oder Ablehnung.

Literaturgattungen

Die Weisheit hat eigene Literaturgattungen ausgebildet, die einerseits der Erarbeitung der Regeln der Wirklichkeit dienen, andererseits aber auch die Erkenntnisse zu Bildungszwecken weitergeben. Der ursprüngliche Sitz im Leben der Weisheit ist wohl vor allem die Erziehung Jugendlicher (vielleicht auch in den einzelnen Sippen) oder die Erziehung zu besonderen Funktionen, beispielsweise am Königshof. Dem Bildungsziel dient auch die oft poetische Sprache der Weisheitssprüche, insbesondere die Verwendung des Parallelismus membrorum, die das Einprägen erleichtern sollte (vgl. das Thema-Kapitel „Psalmengattungen“). Von dieser Funktion wie auch von den Inhalten her gibt es oft keinen Unterschied zwischen israelitischer und ägyptischer oder mesopotamischer Weisheit. Im Proverbienbuch sind nachweislich ägyptische Texte verarbeitet worden.

Listen

Weisheitliches Arbeiten konnte sich in vorwissenschaftlicher Weise zum Beispiel durch die Anfertigung von Listen ausdrücken, vgl. 1Kön 5,13, wo Salomo zugesprochen wird, dass er die Arten der Tiere, Vögel und Fische kennt. In diesen Bereich gehört auch die Anfertigung von Gebietsverzeichnissen (Ri 1), Genealogien, Annalen und Chroniken. Kennzeichnend ist hier, dass die Listen in Prosa abgefaßt sind, nicht in poetischem Stil.

Sprichworte

Wesentlich bedeutsamer und häufiger sind die (Volks-)Sprichworte (מָשָׁל, mašal), die auch in erzählenden Texten des AT vorkommen, vgl. Ri 8,21: „Wie der Mann, so seine Kraft“, oder, als Antithese formuliert, 1Sam 16,7: „Der Mensch sieht auf den äußeren Schein, der Herr aber sieht auf das Herz“. Diese Sprichworte wollen eine Erfahrung standardisieren, zur Allgemeingültigkeit erheben und so eine Orientierungsmöglichkeit in vergleichbaren Situationen geben. Sprichwörter können aber auch zwei Verhaltensweisen gegenüberstellen, von denen die eine nachzuahmen, die andere zu meiden ist, vgl. Prov 10,5: „Wer im Sommer einsammelt, handelt klug, wer aber schläft in der Ernte, handelt schändlich“.

Argumentationsstrukturen

In den Sprichworten werden verschiedene Argumentationsstrukturen dargestellt, etwa die Analogie, Prov 26,14: „Wie die Tür in der Angel sich dreht, so der Faule auf seinem Lager“. Daneben findet man Antithesen, Prov 10,17: „Wer Zucht bewahrt, geht den Weg zum Leben, wer aber Rüge missachtet, der geht in die Irre“, und Paradoxien, Prov 11,24: „Mancher gibt viel und wird doch noch reicher, mancher ist geizig über Gebühr und wird nur ärmer“. Ein Sonderfall sind die Makarismen/ Seligpreisungen, die ein bestimmtes Verhalten als besonders preiswürdig herausstellen, vgl. Ps 1,1: „Wohl dem Mann, der nicht wandelt im Rat der Frevler...“.

Oftmals sprechen diese Sprüche auch eine Mahnung oder Warnung aus, vgl. Prov 16,3 „Befiehl dem Herrn deine Wege, so werden deine Pläne gelingen“ (vgl. EG 361). Hier ist das ursprünglich einzeilige Sprichwort bereits durch eine zweite Zeile ergänzt. Neben solchen Zweizeilern gibt es auch Mehrzeiler, vgl. Prov 24,1ff. oder die Beschreibung des Trinkers in Prov 23,29–35. Die ein- oder zweizeiligen Sprüche konnten dann auch, wahrscheinlich aus lerntechnischen Gründen, zu thematisch geordneten Gruppen zusammengestellt werden, vgl. Prov 26,1ff. über den Toren.

Lehrgedichte

In einer weiteren Entwicklungsphase wurden dann ganze Lehrgedichte oder Weisheitsreden abgefasst, wie sie sich etwa in Prov 1–9 oder Hi 28 finden, aber auch aus der Umwelt Israels bekannt sind. Sie wollen das Wissen über die Wirklichkeit bündeln und so umfassend Geborgenheit im Kosmos vermitteln. Die späteren Weisen in Israel bildeten darüber hinaus noch andere Gattungen zur Vermittlung ihres Wissens aus, etwa Beispielerzählungen (Dan 1, das Tobit-Buch), oder Lehrbriefe (Aristeasbrief).

Krise der Weisheit

Die Überzeugung von der Geltung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs geriet in der exilisch-nachexilischen Zeit in eine Krise, so dass der optimistische Grundzug, die Wirklichkeit denkerisch bewältigen zu können, vergeht. Statt dessen kommt es zu einer gewissen Resignation, die Wirklichkeit lässt sich eben nicht in der eigenen Erfahrung oder Lehre vollgültig erfassen (Hiob, Prediger). Daneben tritt aber auch der Zug, die Weisheit mit der Tora zusammenzudenken. Gottes Gesetz wird zur alleingültigen Weisung, der Fromme und der Weise sind jetzt identisch. Programmatisch deutlich wird dies an der Vorordnung des weisheitlichen Tora-Psalms 1 vor den Psalter. Im späteren Buch Jesus Sirach (Kap. 24) ist die Weisheit die Botin Gottes, die den Menschen das Gesetz bringt.

Literatur

Jahrbuch für Biblische Theologie, Bd. 17, Gottes Kinder, 2002, besonders: H. Delkurt, Erziehung nach dem AT, 227–253.

B. Ego, H. Merkel (Hg.), Religiöses Lernen in der biblischen, frühjüdischen und frühchristlichen Überlieferung, WUNT 180, 2005.

M. Saur, Einführung in die alttestamentliche Weisheitsliteratur, 2012.

die-Bibel.dev.4.20.15
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