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7.6. Der Polykarpbrief (Polyk)

Übersicht über den Polykarpbrief

Präskript (inscriptio)  
1,1-3,3 Proömium
  1,1-3 Lob der Philipperwegen der Aufnahme der Märtyrer und wegen ihres Glaubens
  2,1-3 Mahnung zum Glauben und ihm entsprechenden Leben
  3,1-3 Anlass des Schreibens, Paulus - das unerreichte Vorbild
4,1-6,2 Haustafeln
  4,1 Allgemeine Mahnung
  4,2 Frauen
  4,3-5,1 Witwen
  5,2 Diakone
  5,3 Junge Männer und Jungfrauen
  6,1f. Presbyter
6,3-7,2 Polemik gegen die doketischenIrrlehrer
8,1-9,2 Mahnung zur Geduld
10,1-3 Allgemeine Gemeindeparänese
11,1-12,3 Der Fall des Presbyters Valens
  11,1-12,1 Warnung vor Geldgier (Valens und seine Frau als negatives Beispiel), Mahnung zu Vergebungsbereitschaft
  12,2f. Allgemeine Gemeindeparänese
13,1f Nachrichten betreffs der Grußübermittlung nach Syrienund der Sendung der Ignatiusbriefe, Bitte um Informationen über das Schicksal des Ignatius und seiner Mitgefangenen
14 Postskript

Der Verfasser

Der Bischof Polykarp von Smyrna war eine der angesehensten Gestalten der kleinasiatischen Kirche des 2. Jh. Er genoss weit über seine Gemeinde hinaus Autorität. So reiste er noch in hohem Alter nach Rom, um mit dem dortigen Bischof Anicet Verhandlungen über strittige Fragen, insbesondere den Termin des Osterfestes, zu führen.

Seinen jüngeren Zeitgenossen – vor allem Irenäus – galt Polykarp als Bindeglied zur apostolischen Generation. Für sie ist er Träger und Bewahrer der echten apostolischen Tradition, da er noch selbst die Apostel und Augenzeugen des Lebens Jesu gehört habe. Er wurde zudem als in der apostolischen Sukzession stehend angesehen, da er angeblich von den Aposteln zum Bischof eingesetzt worden sei.

Die Lebensdaten Polykarps sind nicht mit Sicherheit zu fassen. Sehr wahrscheinlich erlitt er im Jahr 155/156 den Märtyrertod. MartPol 9,3 überliefert die Antwort des greisen Bischofs an den Prokonsul, der ihn auffordert, Christus zu lästern: „86 Jahre diene ich ihm“. Bezieht man diese Aussage auf das Lebensalter, wäre Polykarp im Jahr 70 geboren worden.

Abfassungssituation

Polykarp hat den Brief an die Gemeinde in Philippi auf die Aufforderung der Adressaten hin geschrieben (3,1). Sie haben seinen Rat wohl vor allem zu den Irrlehrern (7,1) und in der Angelegenheit des Presbyters Valens (11f.) erbeten.

Die Datierung des Briefes ist unsicher. Sie hängt davon ab, ob er als literarisch einheitliches Schreiben beurteilt wird. Wenn Kap. 13 zum Gesamtbrief gehört, ist dieser wohl im Todesjahr des Ignatius entstanden. Falls Kap. 13 das Fragment eines Begleitbriefes zu den Ignatiusbriefen ist, gilt diese Datierung nur für das Kapitel. Der große Brief wäre dann später geschrieben. Eine genauere Bestimmung der Abfassungszeit scheint allerdings kaum möglich.

Überlieferung

Der Polyk ist in der griechischen Originalsprache unvollständig überliefert. Für die Kap. 10-12.14 liegt nur eine lateinische Übersetzung vor. An den griechisch erhaltenen Passagen kann überprüft werden, dass diese Übersetzung nicht besonders genau ist.

Es ist nicht ganz sicher, ob der Polyk ein einheitlicher Brief ist. In 9,2 scheint vorausgesetzt, dass Ignatius den Märtyrertod erlitten hat. In 13,2 erbittet Polykarp hingegen nähere Informationen über das Schicksal des antiochenischen Bischofs. Das spricht dafür, in Kap. 13 ein ursprünglich selbständiges Begleitschreiben zu den übersandten Ignatiusbriefen zu sehen. Eine halbwegs sichere Entscheidung wird nicht möglich sein, da auch der letzte Satz von Kap. 13 nur auf Latein überliefert ist.

Literarischer Charakter

Der Polyk ist ein echter Brief, der strukturell eng mit den Pastoralbriefen verwandt ist. Gelegentlich ist daraus sogar die Hypothese abgeleitet worden, Polykarp sei auch der Verfasser dieser Briefe. Der Bischof schöpft in seinem Schreiben weithin aus der frühchristlichen Tradition. Vermutlich kennt er mehrere Paulusbriefe, Mt, 1Joh, 1Petr und 1Clem, ohne immer ausdrücklich zu zitieren. Die Bedeutung des Polyk liegt also weniger in seiner theologischen Originalität als in der Front, an der Polykarp kämpft. Seine kompromisslose Ablehnung der Irrlehrer, die sich jeder inhaltlichen Auseinandersetzung verweigerte, war letztlich kirchengeschichtlich wirkungsvoller als die theologische Auseinandersetzung, die sein Freund Ignatius betrieb.

Inhalt

Den Inhalt seines Briefes charakterisiert der Bischof in 3,1 mit „über die Gerechtigkeit“. Der Text des Schreibens zeigt, dass er darunter vor allem Rechtgläubigkeit und ein rechtschaffenes, von der vergebenden Liebe geprägtes christliches Leben versteht. Deshalb besteht sein Brief sicher nicht zufällig im Wesentlichen aus Paränese. Dazu passt, dass er auch den Fall des Presbyters Valens (Unterschlagung im Amt) als Anlass für viel umfassendere Mahnungen nutzt. Trotzdem hat diese Angelegenheit Polykarp offenbar sehr beschäftigt, denn er leitet auch die Haustafeln mit einer Warnung vor der Geldgier ein. Er hatte vermutlich Sorge, dass durch das Verhalten des Valens die Autorität der Presbyter insgesamt leiden könnte.

Im Vergleich zu den Ignatiusbriefen fällt auf, dass Polykarp wenig zur innergemeindlichen Hierarchie sagt (5,3 bleibt singulär). Der Bischof wird nicht einmal erwähnt (vgl. dagegen Phil 1,1). Dieser Sachverhalt wird unterschiedlich gedeutet. Am wahrscheinlichsten ist wohl die Vermutung, dass in Philippi die bekämpften Irrlehrer die Mehrheit der Gemeinde stellten (vgl. „Irrtum der Menge“ [2,1]; „Torheit der Menge“ [7,2]). Dann gehörte der Bischof möglicherweise zu ihnen – und die Autorität eines Ketzers konnte Polykarp unmöglich stärken wollen. Während Polykarp im Fall des Presbyters Valens zu Vergebungsbereitschaft riet, war er gegenüber den Irrlehrern zu keinerlei positiven Bemühungen bereit. Die Beschreibung ihrer Lehre in 7,1 ist voll von polemischen Allgemeinplätzen und bösen Beschimpfungen. Sehr wahrscheinlich wendet sich Polykarp in diesen Sätzen gegen Doketen, die den Kreuzestod spirituell verstehen wollten. Als Strategie gegen sie empfiehlt er das Festhalten am überlieferten Wort, Gebet und Fasten sowie die Bitte an Gott, nicht in Versuchung zu führen.

Polykarp ging es also vor allem darum, die rechtgläubigen Christen zu sammeln und in ihrer Position zu befestigen.

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Die Texte auf dieser Seite sind mit freundlicher Genehmigung übernommen aus:

Cover der Bibelkundes des Neuen Testaments von Klaus-Michael Bull

Bull, Klaus-Michael: Bibelkunde des Neuen Testaments. Die kanonischen Schriften und die Apostolischen Väter. Überblicke – Themakapitel – Glossar, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 8. Aufl. 2018.

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