Auschwitz/Auschwitz gedenken
(erstellt: Februar 2026)
Vorgängerartikel von Matthias Bahr
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1. Zugang: Mit Jugendlichen in den Gedenkstätten von Auschwitz-Birkenau
„Sightseeing Auschwitz“ – viele Reiseveranstalter in Krakau werben mit diesem Slogan für eine Bustour in die nahe gelegene polnische Stadt Oświęcim. Die Führung durch die Dauerausstellung des so genannten Stammlagers, dicht gedrängt mit anderen Besuchern, bestätigt den Titel des 2007 erschienenen Kinofilms (→ Film, kirchengeschichtsdidaktisch
Wer hingegen mit Jugendlichen (→ Jugend, Religion
Die Arbeit in den Gedenkstätten von Auschwitz-Birkenau schließt an oft nur diffuses schulisches Vorwissen an, sie begegnet tiefen Emotionen (→ Bildung, emotionale
2. Der Ort und das Symbol
2.1. Ospenchin – Auschwitz – Oświęcim
In das Bewusstsein der Menschheit hat sich „Auschwitz“ als Synonym für die Verbrechen des Holocaust eingeschrieben. Es steht stellvertretend für den rassistischen Nationalsozialismus, dem die Mehrheit der europäischen Juden (→ Judentum
Auschwitz ist damit nicht nur selbst der Ort kaum vorstellbarer Verbrechen, sondern ebenso Symbol des Holocaust insgesamt. Als solches steht Auschwitz in der Gefahr, sich als konkreter Ort in gewisser Weise auch zu entziehen, obwohl er stets unmittelbar mit dem Handeln einzelner Menschen verbunden bleiben muss, die dort lebten und zu Verbrechern wurden, ohne als solche freilich geboren worden zu sein, wodurch sich die Dringlichkeit weiterer Fragen noch verstärkt.
Die Vorkriegsgeschichte reicht weit zurück: Als Grenzstadt 1270 n.Chr. von Deutschen gegründet, wechselte Oświęcim mehrmals in der Geschichte seine politische Zugehörigkeit, gelangte Ende des 15. Jahrhunderts unter die polnische Krone und war nach der Teilung Polens von Österreich in Besitz genommen worden; bis 1918 blieb die Stadt unter dem Einfluss der Habsburger (vgl. Steinbacher, 2004, 9f.; van Pelt/Dwork, 1998, 11). Bedingt durch die günstige Lage an den Handelswegen zwischen Ost und West ließen sich schon sehr früh auch Juden in Oświęcim nieder, die über Jahrhunderte mit den ansässigen Katholiken friedlich zusammenlebten und schließlich als Unternehmer zu wirtschaftlichem Wohlstand gelangten (vgl. Filip, 2005). Die Einrichtung eines Eisenbahnknotenpunktes in Oświęcim um 1900 zwischen Wien, Krakau und Kattowitz und die Nähe zu den oberschlesischen Industriegebieten beförderte die positive Entwicklung der Stadt.
Die nahe Grenze zu Preußen zog eine Vielzahl von Wanderarbeitern an, für die man schließlich – etwa drei Kilometer westlich vom Stadtzentrum entfernt – ein Lager baute, das 12.000 Arbeitssuchende aufnehmen konnte. Dieses Areal bauten die Nationalsozialisten später zum Konzentrationslager aus.
2.2. Aufbau als Konzentrationslager (Auschwitz I – „Stammlager“) und „SS-Interessensgebiet“
Nach dem Überfall auf Polen, mit dem Adolf Hitler seine Politik der Eroberung deutschen Lebensraums im Osten verfolgte, wurde die Stadt Oświęcim bereits am 4. September 1939 von deutschen Truppen eingenommen. Zu Beginn des Jahres 1940 suchte Heinrich Himmler nach geeigneten Standorten für die Errichtung von Konzentrationslagern im Osten, um politische Gegner inhaftieren zu können. Dabei richtete sich sein Interesse auch auf die nun wieder als Auschwitz bezeichnete Stadt. Zwar war die Lage in einem Hochwasser- und Sumpfgebiet für diese Zwecke zunächst problematisch. Dieser Umstand wurde jedoch durch die verkehrsgünstige Lage an einem Eisenbahnknotenpunkt aufgewogen; ebenso war das Gelände leicht nach außen abzusichern (vgl. Steinbacher, 2004, 21). Polnische und jüdische Zwangsarbeiter aus der näheren Umgebung und bis zu 500 Firmen aus dem gesamten Reichsgebiet waren mit dem Aufbau des Konzentrationslagers Auschwitz befasst, das als siebtes Konzentrationslager nach Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen und Ravensbrück in Betrieb genommen wurde. Erster Kommandant wurde Rudolf Höß, der zuvor in Dachau als Blockführer und in Sachsenhausen als Schutzhaftlagerführer Befehlsgewalt hatte. Zu vermuten ist, dass die zynische Inschrift „Arbeit macht frei“, die bereits unter anderem über dem Eingang von Dachau und Sachsenhausen stand, durch seine Initiative auch am Konzentrationslager Auschwitz angebracht wurde. Rasch wurde der Einflussbereich aber über das reine Lagergelände hinaus erweitert, so dass bereits Ende 1940 ein Areal von 40 Quadratkilometern zum sogenannten SS-Interessensgebiet gehörte mit Werkstätten, Kasernenbereichen, SS-Siedlungen, landwirtschaftlichen Gebieten und Waldflächen.
Das Konzentrationslager Auschwitz, in das am 14. Juni 1940 die ersten Häftlinge deportiert wurden, fungierte als Quarantäne- bzw. Durchgangslager: Die Häftlinge wurden erfasst, voneinander getrennt und in neuen Gruppen zusammengesetzt. Nach einer mehrwöchigen Aufenthaltszeit, die dazu diente, durch brutalen Terror die Lagerregeln durchzusetzen („Quarantäne“), wurden sie auf andere Lager weiter verteilt. Die ersten Häftlinge wurden nahezu vollständig zum Aufbau des Lagers herangezogen: Unter schwersten körperlichen Belastungen mussten die maroden Steinbaracken erneuert, aufgestockt und erweitert werden.
In dieser ersten Phase des Lagers (bis 1942) stellten nicht Juden, sondern die polnische politische Intelligenz die Mehrzahl der Häftlinge; das Ziel bestand darin, den Widerstand der (potentiellen) politischen Gegner (Lehrer, Wissenschaftler, Studenten, Gymnasiasten, Geistliche) zu brechen. Dabei ging es nicht um systematische Ermordung, die Vielzahl der Häftlinge ging vielmehr an den unerträglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, dem willkürlichen Terror und den Schikanen des Lagerlebens zu Grunde, „sie wurden von der SS zu Tode geprügelt, erhängt und erschossen“ (Steinbacher, 2004, 26). Viele Zeitzeugenberichte (→ Zeitzeugenbefragung
2.3. Das Lager Auschwitz-Monowitz und die IG Farben: Vernichtung durch Zwangsarbeit in Industriebetrieben
Die Interessen-Gemeinschaft Farbenindustrie AG (kurz: IG Farben) begann ab 1941 in Auschwitz-Monowitz mit dem Bau einer der größten Fabriken des Deutschen Reiches zur Erzeugung künstlichen Gummis für die Reifenproduktion (Buna). Der Zugriff auf entsprechende Ressourcen an Rohstoffen und Wasser sowie die Erschließung durch die Eisenbahn erwiesen sich als Standortvorteil; gleichwohl verstand sich die Wahl dieses Ortes als Beitrag zur Germanisierung und Industrialisierung des Ostens. Für den Bau des Fabrikgeländes bedienten sich die Manager des größten Chemiekonzerns Europas zunächst der Häftlinge des 7 km entfernten Stammlagers, deren Arbeitstag aufgrund der Entfernung und des zurückzulegenden Fußmarsches bereits um drei Uhr morgens begann, so dass sie völlig entkräftet an der Arbeitsstelle eintrafen. Dies führte schließlich zum Bau des Konzentrationslagers Monowitz in der unmittelbaren Nähe des Fabrikgeländes. In dessen Umgebung siedelten sich rasch weitere Industriebetriebe mit Nebenlagern an, die ebenfalls – im Bewusstsein einer rassischen Überlegenheit – auf das Heer der Häftlinge zurückgreifen konnten. An den schwersten Arbeitsverhältnissen beim Bau der Fabrik der IG Farben gingen von den 35.000 Häftlingen insgesamt 25.000 zugrunde; die Lebenserwartung unter diesen Bedingungen betrug im Durchschnitt zwei bis drei Monate (vgl. Steinbacher, 2004, 43-50). Einblicke in diese Zustände finden sich in den Berichten Primo Levis (vgl. Levi, 1992).
2.4. Auschwitz als „Musterstadt“
Die Entscheidung für die industrielle Ansiedlung führte dazu, das Auschwitz zum Muster der Besiedelung des Ostens aufstieg. In der Konsequenz wurden die ansässigen Juden aus der Stadt deportiert und weitreichende Pläne zur Modernisierung und zum Ausbau als einer „Musterstadt des Deutschtums“ im Osten entwickelt, in der Endausbaustufe ging der Breslauer Architekt Stosberg von einer Gesamtbevölkerung im Umfang von 80.000 Einwohnern aus. Steuerliche Anreize, die Überzeugung, deutsche Kultur in den Osten zu tragen, und die Aussicht auf gute Geschäfte führten dazu, dass sich tausende Deutsche, zunächst mehrheitlich Arbeiter und Angehörige der IG-Farben, aber auch Unternehmer und Beamte aus dem Reich in Auschwitz ansiedelten. Losgelöst von dem unmittelbar daneben stattfindenden Massenmord lebten sie ihr privates Leben in vollen Zügen bei gutem Essen, Tanz- und Theaterveranstaltungen (vgl. Steinbacher, 2000, 246) – die Vorgänge im Konzentrations- und Vernichtungslager waren ihnen gleichgültig. Auschwitz war das Modell einer neuen Lebensweise im Osten; der Zuzug der „Reichsdeutschen“ von „höherwertigem Blut“ sollte die Germanisierung des Ostens sicherstellen.
2.5. Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
In zwei Kilometern Entfernung vom so genannten Stammlager („Auschwitz I“) wurde im Herbst 1941 in dem Dorf Brzezinka (Birkenau) mit dem Bau eines weiteren Lagers begonnen, in dem Heinrich Himmler Zehntausende von sowjetischen Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit internieren wollte. Geplant wurde ein Lager, das bis zu 200.000 Menschen aufnehmen konnte. Von den 10.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Oktober 1941 eintrafen, lebte nach einem Monat nur noch die Hälfte; aus wirtschafts- und ernährungspolitischen Gründen ließ man sie verhungern (vgl. Steinbacher, 2004, 73). Anstelle der sowjetischen Kriegsgefangenen sollten dann Juden als Arbeitskräfte nach Auschwitz-Birkenau deportiert werden.
Zum eigentlichen Vernichtungslager wurde Auschwitz-Birkenau ab 1942, zum Zentrum der Massenvernichtung ab 1943 – zu dieser Zeit waren die anderen Vernichtungslager wie Belzec, Sobibor, Treblinka und Majdanek geschlossen worden (vgl. Steinbacher, 2004, 77). Die Deportierten mussten nach ihrer tagelangen Fahrt auf einem Nebengleis des Güterbahnhofs aussteigen und wurden anschließend zu Fuß in das Vernichtungslager getrieben. Wer als arbeitsfähig selektiert wurde, dem wurde – nur in Auschwitz – eine Nummer eintätowiert, die anderen Menschen aus den Transporten wurden in den Gaskammern erstickt. Erst mit der Fertigstellung der Krematorien II, III und V bis zum Frühsommer 1943 und nach den ausgefeilten Plänen der Ingenieure der Firma Topf und Söhne aus Erfurt, die sich ihre Öfen patentieren ließen, stieg die Verbrennungskapazität auf täglich 4.756 Leichen (vgl. Steinbacher, 2004, 80). Sowohl 1943 als auch 1944 entstanden Pläne, noch eine größere Vernichtungs- und Verbrennungseinrichtung zu bauen (Krematorium VI), die aber nicht mehr realisiert wurden. Die Inbetriebnahme des von den Häftlingen gebauten Bahngleises im Mai 1944, das es ermöglichte, die Deportierten durch das „Todestor“ bis in das Vernichtungslager Birkenau zu fahren, beschleunigte die Mordaktionen. Vom 16. Mai 1944 an wurden innerhalb von sechs Wochen – organisiert von Adolf Eichmann und durchgeführt von Rudolf Höß – fast eine halbe Million Juden aus Ungarn in Auschwitz-Birkenau vergast, diese Menschen wurden mehrheitlich nicht mehr registriert. Bis zum Herbst 1944 wurden weitere 60-70.000 Juden aus dem Getto in Łodz, aus der Slowakei und aus Theresienstadt deportiert.
Bei der Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 befanden sich in den Lagern Auschwitz-Birkenau-Monowitz nur noch 7.000 kranke und erschöpfte Häftlinge (vgl. Czech, 1989, 995). Die übrigen waren, sofern sie nicht ermordet worden waren, mit Transporten in andere Lager im Westen verlegt worden.
3. Der Zivilisationsbruch Auschwitz in der Mitte Europas: Anfragen und Auftrag
Historische Schätzungen gehen davon aus, dass in Auschwitz etwa 1,3 Millionen Menschen ermordet wurden: Polen, sowjetische Kriegsgefangene, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas; die Mehrheit der Opfer (etwa 1,1 Million Menschen) waren Juden.
Bereits 1947 wurde das Lager Gedenkstätte (→ Erinnerungsort
Die UNESCO hat die Gedenkstätten in die Liste des Welterbes aufgenommen. In Deutschland wurde von Bundespräsident Roman Herzog im Jahre 1996 der 27. Januar zum nationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust erhoben; 2005 ist dieses Datum zum Internationalen Holocaust-Gedenktag geworden.
Auschwitz ist das „Unvorstellbare“ (Delbo, 1990, 8). Der Historiker Dan Diner hat den Holocaust, für den Auschwitz das Synonym ist, zutreffend als Zivilisationsbruch bezeichnet, der sich im 20. Jahrhundert in der Mitte Europas abgespielt hat (vgl. Diner, 1988).
Die Erschütterung, die bis heute von Auschwitz ausgeht, hat eine Fülle von Fragen ausgelöst – auch in der Theologie (→ Theologie
Nach Auschwitz ringen Juden, die dadurch ihren Glauben nicht verloren haben, und jüdische Theologen um die Frage, was Auschwitz für das Nachdenken der Juden über Gott (→ Gott
35 Jahre nach Auschwitz bilanziert der Herausgeber eines Sammelbandes mit dem Titel „Auschwitz als Herausforderung für Juden und Christen“, Günther B. Ginzel: „... wird eine Politik, eine Theologie betrieben, die das ‚Nie wieder‘ von Treblinka, von Auschwitz, all der übrigen 3000 Vernichtungsstädten außer acht lässt? Kann, darf eine Theologie, die Auschwitz ermöglichte, nach und trotz Auschwitz noch existieren? So existieren, wie sie’s, oft genug noch, tut? […] Noch sind wir ganz am Anfang, die Fragen konsequent und auf voller Breite anzugehen“ (Ginzel, 1980, 8).
Als einer, der fordert, man müsse der Theologie ansehen, dass sie nach Auschwitz gedacht und formuliert sei, darf Johann Baptist Metz gelten. Entschieden plädiert er für eine Akzentverschiebung in der Theologie, indem sie apokalyptischer (etwa im Sinne der Gerichtsvorstellungen von Mt 25,31-46
Anders, aber nicht weniger fundamental hatte kurz nach seiner Befreiung aus Monowitz Primo Levi Auschwitz den Stellenwert einer „neuen Bibel“ (Levi, 1992, 63; vgl. auch Bahr, 2014b, 143) gegeben. Bis in den sprachlichen Duktus hinein kann dies an seiner Mahnung „Ist das ein Mensch?“ abgelesen werden, der sich auch formal an das Grundgebot Israels anlehnt (Dtn 5,4-9
„Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.
Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet,
In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,
Wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht;
Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.
Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,
Krankheit soll euch niederringen,
Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden“ (Levi, 1992, 9).
Auschwitz ist das neue „Schema“, das neue „Höre“ für die Welt.
4. Religionsdidaktik unter dem Schatten von Auschwitz
Die Auseinandersetzung mit Auschwitz führt auch in der Religionsdidaktik (→ Religionspädagogik
4.1. Die Ausrichtung des Faches klären: fundamentale Fürsorge für den anderen als soziale Anthropo-Theologie
Im Gefolge von Primo Levi und Johann Baptist Metz muss die Religionspädagogik (wie die Theologie insgesamt) ihre Gestalt in der Form einer sozialen Anthropo-Theologie suchen: Maßstab ist der Grad der Hinwendung zum anderen als Bruder und Schwester (→ Hermeneutik gegenüber dem Fremden
4.2. Die sozialethische Orientierung des Faches: Strukturkritik
So wie die soziale Frage des 19. Jahrhunderts (→ Soziale Frage (19. Jahrhundert)
4.3. Das religionspädagogische Interesse an allgemeiner Bildung
Die Auseinandersetzung mit Auschwitz entzieht sich einem einzelnen Fach: Weder die Geschichtswissenschaft noch Politik-, Sozial-, Erziehungswissenschaften oder gar Theologie und Religionspädagogik können erschöpfend beschreiben oder gar erklären, was Auschwitz ist und bedeutet. Insofern brauchen alle die ergänzenden Blicke der anderen, allenfalls multiperspektivisch ist eine gewisse Annäherung möglich. Die traditionelle Zuweisung von Themen an einzelne Unterrichtsfächer oder Fachdisziplinen wird hier letztlich sinnlos.
Auschwitz und die damit verbundenen Herausforderungen sind derart fundamental, dass sie bleibend zum Gegenstand von Bildungsprozessen gemacht werden müssen, für die im Bildungswesen entsprechende Freiräume vorzuhalten sind, etwa durch eine stärkere Implementierung in Bildungsplänen, die explizit die Auseinandersetzung mit Auschwitz und Rassismus als Bildungsaufgabe einfordern (vgl. Poth, 2014). Zum Auftrag von Schule (→ Schule
4.4. Sich dem Eindruck des Ortes aussetzen
Herausforderung und Irritation von Auschwitz erschließen sich wohl erst dann für Menschen der vierten oder fünften Generation danach, wenn es gelingt, dass sie auf die Stimme des jeweiligen Ortes hören. Am intensivsten kann dies in den Gedenkstätten von Auschwitz-Birkenau selbst geschehen (→ außerschulisches Lernen/Erkundung
Aber es kommt auch nationalen Gedenkstätten eine besondere Bedeutung zu, sowohl den ‚großen‘ Orten wie Dachau, Buchenwald, Bergen-Belsen oder Ravensbrück, als auch den ‚kleinen‘ Gedenkstätten (z.B. Oberer Kuhberg in Ulm, Neustadt an der Weinstraße oder Ahrensbök in Schleswig-Holstein), die den Terror in den sogenannten frühen Lagern und damit das Gedenken an die ersten Opfer wachhalten, eingebettet in die Lebenswelt auch heutiger Menschen ‚vor Ort‘. Auch hier stellt sich (wie in den Gedenkstätten von Auschwitz) die Frage nach angemessenen Wegen der Annäherung etwa im Sinne der oben genannten Formen ästhetischer Bildung in einem weiten Sinne (vgl. Hilger, 2010, 335f.), an das sich Reflexionen über die spezifischen Bildungsziele anschließen mit der Frage: Was also soll in Gedenkstätten eigentlich erfahren – gelernt – erkannt werden?
4.5. „Nie wieder“ – konstruktive Konturen der Ausgestaltung
In seiner Rede zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz (2020) bezog sich der polnische Journalist und Auschwitz-Überlebende Marian Turski auf einen Satz des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen: „Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen“ (Turski, 2025, 351). Turski erinnert an die Gefahr, die sich schon früh gezeigt hat: Die allmähliche Gewöhnung an geltendes Unrecht, das sich immer weiter verschärfte, und die Tatenlosigkeit der zusehenden Mehrheit. Turski fordert mit Blick auf die Gegenwart die Einhaltung eines neuen, ‚elften‘ Gebotes: „Du sollst nicht gleichgültig sein“ (Turski, 2025, 354). Damit wird ein Programm formuliert, das von den letzten Überlebenden bereits 2017 als eine Art Vermächtnis an die Welt verfasst wurde. In jüdisch-christlicher Hinsicht bedeutet es nicht weniger, als ‚nach Auschwitz‘ den Dekalog (→ Dekalog, bibeldidaktisch, Sekundarstufe
Dieser Auftrag, der der Realisierung auch in kirchlichen Kontexten noch harrt (vgl. aber das Beispiel in der Schulbuchreihe „Religion verstehen“ 7, Bahr/Schmid 2019, 46), legt weitere Konkretisierungen nahe. Was aber verhindert Gleichgültigkeit? Orientierende Maßstäbe können – global gesehen – in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (→ Grundrechte/Menschenrechte
Analog gilt dies auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht. Die Zerstörung von rechtsstaatlichen Verhältnissen, die Willkür möglich macht(e), muss in demokratischen Gesellschaften als Warnsignal gesehen werden. Das Eintreten für Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung wird zivilgesellschaftlich zum politischen Auftrag und zur Christenpflicht. Nächsten- und Fernstenliebe reichen nicht. Sozialethisch gewendet sind viel stärker auch die strukturellen Bauprinzipien demokratischer Gesellschaften offensiv zu thematisieren. Das ist so ungewöhnlich nicht: Letztlich ist es die Verwirklichung der prophetischen Dimension der jüdisch-christlichen Tradition in moderner Gestalt.
Damit aber werden das Bekenntnis „Nie wieder“ und das elfte Gebot konstruktiv gefüllt: „Dafür jetzt!“
4.6 Auschwitz gedenken: Der 27. Januar an den Lernorten des Glaubens
Der Internationale Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, bietet sich vorrangig für eine Gedenkveranstaltung an (vgl. Bahr/Gänger, 2010). Grundsätzlich ist es erforderlich, dass sich Schülerinnen und Schüler, die diese Veranstaltung planen, in ihrem Unterricht bereits mit der Thematik intensiv beschäftigt haben – im Sinne historischer Zusammenhänge, durchaus aber auch in der exemplarischen Annäherung an Einzelschicksale oder Zeitzeugenberichte. Das legt inhaltliche und organisatorische Abstimmungen zwischen Geschichts-, Deutsch-, Religions- und Ethikunterricht nahe. Im Sinne der Subjektorientierung (→ Subjekt
Zusammen mit den Schülerinnen und Schülern überlegen, an welchem Ort sie gedenken wollen: Dies kann das Klassenzimmer sein aber auch die Aula, denkbar ist auch ein Wortgottesdienst (→ Schulgottesdienst
Sich den konkreten Personen zuwenden: ‚Eingedenken‘ in das Leiden, Entfaltung von Solidarität (Metz) ist erst dann möglich, wenn mir der andere in seinem Angesicht gegenübertritt. Das gelingt umso mehr, als er oder sie in seiner konkreten Existenz Kontur gewinnt, als Kind, Vater oder Mutter, mit einem Namen, einer Lebensgeschichte, einer Zugehörigkeit zu einer verfolgten Gruppe – als Jude, Sinti und Roma, Homosexueller, Zeuge Jehovas, Mensch mit körperlicher oder geistiger Behinderung. Im Mittelpunkt können ausgewählte Personen (→ Biografisches Lernen
Ein unbedachtes Zurückgreifen auf die jüdische Gedenktradition vermeiden: Wichtig wäre es, dass Christen (in Deutschland) – die Nachkommen der Tätergeneration – sensibel werden für die Inanspruchnahme von Liedern und Texten (→ Textarbeit
Ein angemessenes Verhältnis zwischen Sprechen und Schweigen finden: Sprache und Musik müssen sein, gleichwohl braucht es Gelegenheit für das innere Nachsinnen in der Stille. Kleine Symbolhandlungen (→ Symboldidaktik
Sich der Botschaft der Gedenkveranstaltung bewusstwerden: Wer sich als Lehrerin oder Lehrer (→ Religionslehrkräfte, Erwartungen und Kompetenzen
Klage und Anfragen einen Platz geben: Wo das Gedenken im gottesdienstlichen Umfeld stattfindet, können Irritationen ausgesprochen werden. Auschwitz wirft die Frage auf, wer der Mensch ist, was ihn so sein lässt. Eine erschöpfende Antwort ist nicht möglich, wohl aber auch in der Gegenwart noch der Klageruf angesichts dieser tiefen Dunkelheit. Dabei sind die Zuschauer immer mit gemeint – im Zulassen, Wegschauen, Stummbleiben. Im gottesdienstlichen Raum kann diese Erschütterung hinausgerufen werden.
Vorhandene Modelle daraufhin überprüfen, inwieweit sie Gedenken mit Geschichtsunterricht verwechseln: Wo Entwürfe für Gedenkveranstaltungen den Anspruch erheben, in groben Strichen die Geschichte des Nationalsozialismus nachzeichnen zu wollen, wird man wohl Korrekturen vornehmen müssen, um die Perspektive des Gedenkens aufrechtzuhalten. Sinnvoll ist der Blick auf jene kleinen Schritte, die die Freiheitsräume mehr und mehr eingeengt und schließlich zielgerichtet das Leben zerstört haben. Wo diese Prozesse aus der Perspektive der Opfer beschrieben werden, können die Auswirkungen der kleinen schrittweisen Gewalttätigkeiten deutlich werden – und die Verantwortung jedes Einzelnen offenlegen, gestern wie heute.
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