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1. Mose 22,1-14(15-19) | Judika | 17.03.2024

Einführung in das 1. Buch Mose

1. Einführung und Gliederung

Das 1. Buch Mose, die Genesis („Entstehung“), in jüdischer Tradition nach dem ersten Wort בְּרֵאשִׁית bəre’šît „Am Anfang“ genannt, berichtet in seinem ersten Teil, der sogenannten Urgeschichte Gen 1-11, von der Erschaffung der Welt, dem ersten Leben auf Erden, den ersten Problemen dieses Lebens und den darauf bezogenen Reaktionen durch Gott sowie der Ausbreitung der Menschheit über die gesamte (zur Zeit der Entstehung des Buches im Blick befindliche) Erde. Der zweite Teil, die Erzelternerzählung Gen 12–50, berichtet von der Entstehung des späteren biblischen Israel in Form einer großen Familiengeschichte mit der Hauptlinie Abraham und SaraIsaak und RebekkaJakob und Lea, Rahel, Bilha und Silpa, von denen mehrere Nebenlinien, nämlich „Israels“ Nachbarn: die Ismaeliter, Ammoniter, Moabiter und Edomiter, unterschieden werden. Die auf den zweitjüngsten Jakob-Sohn Joseph fokussierte Josephserzählung Gen 37; 39–50 berichtet schließlich, wie Jakob und seine Familie nach Ägypten gekommen sind. In Ägypten wird sodann aus den zwölf Jakob-Söhnen das Volk Israel, die Familiengeschichte somit zur Volksgeschichte: Ex 1.

Markantestes Gliederungssystem des überlieferten Textes und zugleich Spezifikum der Genesis gegenüber den anderen Büchern des Pentateuch ist die (priesterschriftliche) Aufteilung in Geschlechterfolgen (תּוֹלֵדוֹת tôledôt), wonach die einzelnen Teile jeweils die Nachkommensgeschichte der in der Genealogie genannten Person(en) oder Größe(n) berichten: 2,4a; 5,1; 6,9; 10,1; 11,10; 11,27; 25,12; 25,19; 36,1/9; 37,2. Die Geschichte des biblischen Israel wird so als Nachkommensgeschichte Jakobs (37,2) verstanden.

2. Entstehung

Obige Rede vom „biblischen Israel“ (im Unterschied zum „historischen Israel“) deutet an, dass die Genesis, ja die fünf Bücher Mose, der Pentateuch, insgesamt, erzählte, gedeutete Geschichte mitteilt, nicht aber Geschichtsschreibung im historiographischen Sinne darstellt: In den Erzelternerzählungen deuten das historische Israel und Juda ihre Gegenwart des 1.Jt.v.Chr. im Modus von Familiengeschichte: Die Nachbarn Israels und Judas werden zu Nebenlinien in der Familiengeschichte des biblischen Israel. In der Urgeschichte werden altorientalische Traditionen transformiert, deren Kenntnis in Israel und Juda frühestens ab der neuassyrischen Zeit vorauszusetzen sind. Die Genesis ist daher keine Sammlung von Sagen aus vorstaatlicher Zeit, die durch die auch in den anderen Büchern des Pentateuch vorliegenden Quellen des Jahwisten, des Elohisten und der Priesterschrift verschriftlicht wurden, wie in den älteren (literarkritisch und überlieferungsgeschichtlich orientierten) Kommentaren zum Buch vorausgesetzt wird (bes. Hermann Gunkel; Gerhard von Rad; Claus Westermann). Die jüngere Forschung am Buch Genesis im Speziellen und am Pentateuch im Allgemeinen zeigt dagegen immer deutlicher, dass

  1. 1.zahlreiche Texte von Anfang an für ihren literarischen Kontext des werdenden Buches in Auseinandersetzung mit bereits bestehenden Texten geschrieben wurden, dass
  2. 2.der Untergang Israels (also des „Nordreichs“) 722 v.Chr. und erst recht der Untergang Judas (also des „Südreichs“) 587 v.Chr. Katalysatoren für Verschriftlichung und Komposition der Texte darstellten, und dass
  3. 3.das bis in die 1970er Jahre zwar nicht unbestrittene, aber maßgebliche Quellenmodell (mit den vier Quellenschriften Jahwist, Elohist, Deuteronomium und Priesterschrift, die in sukzessiven Redaktionsprozessen miteinander verbunden wurden) den Textbestand der Genesis und des Pentateuch insgesamt nicht hinreichend erklären kann.

Entsprechend wird seit den 1970er Jahren immer stärker eine Kombination von Quellen-, Fragmenten- / Erzählkranz- und Ergänzungs- / Fortschreibungsmodellen zur Erklärung der Theologiegeschichte der Genesis (und des Pentateuch insgesamt) vertreten:

Dabei gilt als relativ konsensfähig, dass der Jakob-Esau-Laban-Erzählkranz aus Israel (Gen *25; *27; *29–33) und der Abraham-Lot-Erzählkranz aus Juda (Gen *13; *18-19; *21,1–7) zu den ältesten Texten der Genesis gehören und dem 8. respektive dem 8. oder 7. Jh. v. Chr. zugewiesen werden können. Dass auch die nicht-priesterschriftliche Urgeschichte (Gen *2-4; *6-8) einen ehedem eigenständigen Erzählkranz aus dem späten 7. oder frühen 6. Jh. v. Chr. darstellt, erscheint plausibel, ist aber umstritten. Vergleichbares gilt für die nicht-priesterschriftliche Josephserzählung.

Erstmalig kombiniert wurden die Urgeschichte, die Erzelternerzählung sowie die Exoduserzählung von der Priesterschrift im 5. Jh. v. Chr., deren Erzählzusammenhang von der Schöpfung bis zur Sinaioffenbarung reicht (wobei das genaue Ende umstritten ist). Dabei ist strittig, ob die Priesterschrift als eigene Quellenschrift zunächst literarisch neben den vor-priesterschriftlichen Texten überliefert und erst von späteren Tradenten mit ihnen kombiniert wurde, oder ob die Priesterschrift von Anfang an eine Ergänzung zu den älteren Texten darstellte und niemals isoliert von ihnen bestand. Der Textbestand der Urgeschichte und der Exoduserzählung sowie das theologische Profil der priesterschriftlichen Mose-Berufung mit der Dreiteilung der Geschichte entsprechend der Gottes(namen)kenntnis in Ex 6,2–8 sprechen für erstere These.

Während im klassischen Quellenmodell die große Masse der Texte vor-priesterschriftlich eingeordnet wurde, wird in der aktuellen Forschung die nach-priesterschriftliche Entstehung vieler Texte erkannt und mit dem Ergänzungsmodell erklärt. Dies gilt in besonderer Weise, aber bei Weitem nicht ausschließlich, für die ehedem dem Elohisten zugewiesenen Texte in Gen 15; 20; 21; 22.

3. Wichtige Themen

Die Genesis stellt in ihren ersten Kapiteln den Gott Israels als den Erschaffer der ganzen Welt dar. Oder anders, in der Reihenfolge der kanonischen Leserichtung, formuliert: Der Erschaffer der ganzen Welt erweist sich in der Genesis als der Gott der Erzeltern „Israels“. Auf die Herausstellung der gesamten Menschheit als Ebenbild Gottes im Unterschied zur restlichen belebten Welt (1,26-27; 5,1-3; 9,6), auf den Schöpfungssegen für die gesamte Menschheit (1,28; 9,1.7) – und teilweise auch für die Tierwelt (1,22) – folgt ab Gen 11 eine Konzentration auf die Linie des Noachsohnes Sem, sodann Terach, Abraham, Isaak und Jakob-Israel. Die restliche (damals bekannte) Welt und insbesondere Israels und Judas Nachbarn werden „Israel“ genealogisch zugeordnet und auf diese Weise von „Israel“ abgegrenzt.

Der priesterschriftliche Schöpfungssegen („Seid fruchtbar und mehret euch…“; 1,28; 9,1.7) findet in der Erzelternerzählung seine (literarhistorisch freilich ältere) Fortsetzung in der Nachkommensverheißung an die Patriarchen, die die einzelnen Erzählungen miteinander verbinden. Dabei wird die Realisierung der Nachkommensverheißung in den Erzählungen immer wieder verzögert und gefährdet – durch die anfängliche Kinderlosigkeit der Erzeltern, durch ihr Verhalten gegenüber fremden Herrschern (12,10–20; 20,1–18; 26,1–11), durch ihre Umgehung der Verheißungslinie (Gen 16), und durch Gottes Erprobung Abrahams (22,1–19). Konflikte zwischen Brüdern kommen nicht nur in der zweiten Generation des Menschengeschlechtes vor (Gen 4), sondern durchgehend in der Genesis (wobei die Priesterschrift die ihr bekannten Brüderkonflikte bemerkenswerterweise nicht erzählt). Zu den Verheißungen an die Erzväter (nur in 16,11–12 erhält auch eine Frau, bemerkenswerterweise die später verstoßene ägyptische Sklavin Hagar, eine vergleichbare Verheißung) gehört auch die Segens- und Landzusage. Letztere weist über das Buch Genesis, ja den Pentateuch insgesamt, hinaus.

Die Priesterschrift weist zudem in Gen 9 und Gen 17 die Vorstellung eines Bundes Gottes mit der gesamten Menschheit sowie der Tierwelt bzw. mit Abraham und seinen Nachkommen auf, die nicht primär an der Beachtung von Geboten liegt wie in älteren bundestheologischen Vorstellungen.

Die unendlich vielseitigen und äußerst breit rezipierten Texte der Genesis zeichnen sich schließlich durch ihre realistische, ungeschönte Darstellung menschlichen Lebens auf Erden im Verhältnis zur menschlichen und nicht-menschlichen Mitwelt und im Verhältnis zu Gott aus, das von allen Seiten immer wieder in Frage gestellt und bedroht wird.

Literatur:

  • Albertz, Rainer, Die Josephsgeschichte im Pentateuch. Ein Beitrag zur Überwindung einer anhaltenden Forschungskontroverse (FAT 153), Tübingen 2021.
  • Bührer, W., 2019, Neuere Ansätze in der Pentateuchkritik, VuF 64, 19–32.
  • Gertz, J. Chr., 22021, Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte Gen 1–11 (ATD 1), Göttingen.
  • Gertz, J. Chr. 62019, Tora und Vordere Propheten, in: Ders. u.a. (Hgg.), Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments, Göttingen, 193–312.
  • Köckert, M., 2017, Abraham. Ahnvater – Vorbild – Kultstifter (BG 31), Leipzig.
  • Römer, Th., 2014, Das Buch Genesis, in: W. Dietrich u.a. (Hgg.), Die Entstehung des Alten Testaments. Neuausgabe (ThW 1), Stuttgart, 94–110.
  • Schüle, A., 22020, Die Urgeschichte. Genesis 1-11 (ZBK.AT 1.1), Zürich.
  • Tal, Abraham, Genesis, Biblia Hebraica Quinta 1, Stuttgart 2015.
  • Wöhrle, Jakob, Fremdlinge im eigenen Land. Zur Entstehung und Intention der priesterlichen Passagen der Vätergeschichte (FRLANT 246), Göttingen 2012.

A) Exegese kompakt: Genesis 22,1-19

1וַיְהִ֗י אַחַר֙ הַדְּבָרִ֣ים הָאֵ֔לֶּה וְהָ֣אֱלֹהִ֔ים נִסָּ֖ה אֶת־אַבְרָהָ֑ם וַיֹּ֣אמֶר אֵלָ֔יו אַבְרָהָ֖ם וַיֹּ֥אמֶר הִנֵּֽנִי׃ 2וַיֹּ֡אמֶר קַח־נָ֠א אֶת־בִּנְךָ֙ אֶת־יְחִֽידְךָ֤ אֲשֶׁר־אָהַ֨בְתָּ֙ אֶת־יִצְחָ֔ק וְלֶךְ־לְךָ֔ אֶל־אֶ֖רֶץ הַמֹּרִיָּ֑ה וְהַעֲלֵ֤הוּ שָׁם֙ לְעֹלָ֔ה עַ֚ל אַחַ֣ד הֶֽהָרִ֔ים אֲשֶׁ֖ר אֹמַ֥ר אֵלֶֽיךָ׃ 3וַיַּשְׁכֵּ֨ם אַבְרָהָ֜ם בַּבֹּ֗קֶר וַֽיַּחֲבֹשׁ֙ אֶת־חֲמֹר֔וֹ וַיִּקַּ֞ח אֶת־שְׁנֵ֤י נְעָרָיו֙ אִתּ֔וֹ וְאֵ֖ת יִצְחָ֣ק בְּנ֑וֹ וַיְבַקַּע֙ עֲצֵ֣י עֹלָ֔ה וַיָּ֣קָם וַיֵּ֔לֶךְ אֶל־הַמָּק֖וֹם אֲשֶׁר־אָֽמַר־ל֥וֹ הָאֱלֹהִֽים׃ 4בַּיּ֣וֹם הַשְּׁלִישִׁ֗י וַיִּשָּׂ֨א אַבְרָהָ֧ם אֶת־עֵינָ֛יו וַיַּ֥רְא אֶת־הַמָּק֖וֹם מֵרָחֹֽק׃ 5וַיֹּ֨אמֶר אַבְרָהָ֜ם אֶל־נְעָרָ֗יו שְׁבוּ־לָכֶ֥ם פֹּה֙ עִֽם־הַחֲמ֔וֹר וַאֲנִ֣י וְהַנַּ֔עַר נֵלְכָ֖ה עַד־כֹּ֑ה וְנִֽשְׁתַּחֲוֶ֖ה וְנָשׁ֥וּבָה אֲלֵיכֶֽם׃ 6וַיִּקַּ֨ח אַבְרָהָ֜ם אֶת־עֲצֵ֣י הָעֹלָ֗ה וַיָּ֨שֶׂם֙ עַל־יִצְחָ֣ק בְּנ֔וֹ וַיִּקַּ֣ח בְּיָד֔וֹ אֶת־הָאֵ֖שׁ וְאֶת־הַֽמַּאֲכֶ֑לֶת וַיֵּלְכ֥וּ שְׁנֵיהֶ֖ם יַחְדָּֽו׃ 7וַיֹּ֨אמֶר יִצְחָ֜ק אֶל־אַבְרָהָ֤ם אָבִיו֙ וַיֹּ֣אמֶר אָבִ֔י וַיֹּ֖אמֶר הִנֶּ֣נִּֽי בְנִ֑י וַיֹּ֗אמֶר הִנֵּ֤ה הָאֵשׁ֙ וְהָ֣עֵצִ֔ים וְאַיֵּ֥ה הַשֶּׂ֖ה לְעֹלָֽה׃ 8וַיֹּ֨אמֶר֙ אַבְרָהָ֔ם אֱלֹהִ֞ים יִרְאֶה־לּ֥וֹ הַשֶּׂ֛ה לְעֹלָ֖ה בְּנִ֑י וַיֵּלְכ֥וּ שְׁנֵיהֶ֖ם יַחְדָּֽו׃ 9וַיָּבֹ֗אוּ אֶֽל־הַמָּקוֹם֮ אֲשֶׁ֣ר אָֽמַר־ל֣וֹ הָאֱלֹהִים֒ וַיִּ֨בֶן שָׁ֤ם אַבְרָהָם֙ אֶת־הַמִּזְבֵּ֔חַ וַֽיַּעֲרֹ֖ךְ אֶת־הָעֵצִ֑ים וַֽיַּעֲקֹד֙ אֶת־יִצְחָ֣ק בְּנ֔וֹ וַיָּ֤שֶׂם אֹתוֹ֙ עַל־הַמִּזְבֵּ֔חַ מִמַּ֖עַל לָעֵצִֽים׃ 10וַיִּשְׁלַ֤ח אַבְרָהָם֙ אֶת־יָד֔וֹ וַיִּקַּ֖ח אֶת־הַֽמַּאֲכֶ֑לֶת לִשְׁחֹ֖ט אֶת־בְּנֽוֹ׃ 11וַיִּקְרָ֨א אֵלָ֜יו מַלְאַ֤ךְ יְהוָה֙ מִן־הַשָּׁמַ֔יִם וַיֹּ֖אמֶר אַבְרָהָ֣ם ׀ אַבְרָהָ֑ם וַיֹּ֖אמֶר הִנֵּֽנִי׃ 12וַיֹּ֗אמֶר אַל־תִּשְׁלַ֤ח יָֽדְךָ֙ אֶל־הַנַּ֔עַר וְאַל־תַּ֥עַשׂ ל֖וֹ מְא֑וּמָּה כִּ֣י ׀ עַתָּ֣ה יָדַ֗עְתִּי כִּֽי־יְרֵ֤א אֱלֹהִים֙ אַ֔תָּה וְלֹ֥א חָשַׂ֛כְתָּ אֶת־בִּנְךָ֥ אֶת־יְחִידְךָ֖ מִמֶּֽנִּי׃ 13וַיִּשָּׂ֨א אַבְרָהָ֜ם אֶת־עֵינָ֗יו וַיַּרְא֙ וְהִנֵּה־אַ֔יִל אַחַ֕ר נֶאֱחַ֥ז בַּסְּבַ֖ךְ בְּקַרְנָ֑יו וַיֵּ֤לֶךְ אַבְרָהָם֙ וַיִּקַּ֣ח אֶת־הָאַ֔יִל וַיַּעֲלֵ֥הוּ לְעֹלָ֖ה תַּ֥חַת בְּנֽוֹ׃ 14וַיִּקְרָ֧א אַבְרָהָ֛ם שֵֽׁם־הַמָּק֥וֹם הַה֖וּא יְהוָ֣ה ׀ יִרְאֶ֑ה אֲשֶׁר֙ יֵאָמֵ֣ר הַיּ֔וֹם בְּהַ֥ר יְהוָ֖ה יֵרָאֶֽה׃ 15וַיִּקְרָ֛א מַלְאַ֥ךְ יְהוָ֖ה אֶל־אַבְרָהָ֑ם שֵׁנִ֖ית מִן־הַשָּׁמָֽיִם׃ 16וַיֹּ֕אמֶר בִּ֥י נִשְׁבַּ֖עְתִּי נְאֻם־יְהוָ֑ה כִּ֗י יַ֚עַן אֲשֶׁ֤ר עָשִׂ֨יתָ֙ אֶת־הַדָּבָ֣ר הַזֶּ֔ה וְלֹ֥א חָשַׂ֖כְתָּ אֶת־בִּנְךָ֥ אֶת־יְחִידֶֽךָ׃ 17כִּֽי־בָרֵ֣ךְ אֲבָרֶכְךָ֗ וְהַרְבָּ֨ה אַרְבֶּ֤ה אֶֽת־זַרְעֲךָ֙ כְּכוֹכְבֵ֣י הַשָּׁמַ֔יִם וְכַח֕וֹל אֲשֶׁ֖ר עַל־שְׂפַ֣ת הַיָּ֑ם וְיִרַ֣שׁ זַרְעֲךָ֔ אֵ֖ת שַׁ֥עַר אֹיְבָֽיו׃ 18וְהִתְבָּרֲכ֣וּ בְזַרְעֲךָ֔ כֹּ֖ל גּוֹיֵ֣י הָאָ֑רֶץ עֵ֕קֶב אֲשֶׁ֥ר שָׁמַ֖עְתָּ בְּקֹלִֽי׃ 19וַיָּ֤שָׁב אַבְרָהָם֙ אֶל־נְעָרָ֔יו וַיָּקֻ֛מוּ וַיֵּלְכ֥וּ יַחְדָּ֖ו אֶל־בְּאֵ֣ר שָׁ֑בַע וַיֵּ֥שֶׁב אַבְרָהָ֖ם בִּבְאֵ֥ר שָֽׁבַע׃ פ

Genesis 22:1-19BHSBibelstelle anzeigen

Übersetzung

1 Und es geschah nach diesen Ereignissen, da prüfte Gott Abraham. Und er sprach zu ihm: „Abraham!“ Und er sprach: „Hier bin ich.“

2 Und er sprach: „Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, Isaak und geh ins Land Morija und bringe ihn dort als Brandopfer dar auf einem der Berge, den ich dir sagen werde.“

3 Und Abraham machte sich früh am Morgen auf, sattelte seinen Esel, nahm seine beiden Diener mit sich und Isaak, seinen Sohn, spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf und ging an den Ort, von dem Gott zu ihm gesprochen hatte.

4 Am dritten Tag erhob Abraham seine Augen und sah den Ort von ferne.

5 Und Abraham sprach zu seinen Knechten: „Bleibt doch hier bei dem Esel. Ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen und anbeten und zu euch zurückkommen.“

6 Und Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und legte (es) auf Isaak, seinen Sohn. Und er nahm in seine Hand das Feuer und das Messer. Und die beiden gingen miteinander.

7 Und Isaak sprach zu Abraham, seinem Vater, und er sprach: „Mein Vater!“ Und er sprach: „Hier bin ich, mein Sohn.“ Und er sprach: „Siehe, das Feuer und das Holz. Aber wo ist das Tier zum Brandopfer?“

8 Und Abraham sprach: „Gott wird sich das Tier zum Brandopfer ersehen, mein Sohn.“ Und die beiden gingen miteinander.

9 Und sie kamen zu dem Ort, von dem Gott zu ihm gesprochen hatte. Und Abraham baute dort den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte Isaak, seinen Sohn, und legte ihn auf den Altar oben auf das Holz.

10 Und Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.

11 Und es rief ihm der Bote YHWHs vom Himmel zu und sprach: „Abraham, Abraham!“ Und er sprach: „Hier bin ich.“

12 Und er sprach: „Strecke deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts an! Denn jetzt weiß ich, dass du gottesfürchtig bist, da du deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast.“

13 Und Abraham erhob seine Augen und sah, und siehe, ein Widder hatte sich hinten im Gebüsch mit seinen Hörnern verfangen. Und Abraham ging hin und nahm den Widder und brachte ihn als Brandopfer dar anstelle seines Sohnes.

14 Und Abraham nannte den Namen jenes Ortes „YHWH sieht“, von dem man heute noch sagt: „Auf dem Berg, auf dem YHWH sich zeigt.“

15 Und der Bote YHWHs rief Abraham ein zweites Mal vom Himmel zu.

16 Und er sprach: „Bei mir selbst habe ich geschworen, Spruch YHWHs: Weil du das getan und deinen Sohn, deinen einzigen, nicht verschont hast,

17 daher will ich dich reichlich segnen und deine Nachkommenschaft will ich überaus zahlreich machen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Ufer des Meeres. Und deine Nachkommenschaft wird das Tor ihrer Feinde in Besitz nehmen.

18 Und durch deine Nachkommenschaft werden sich alle Völker der Erde segnen, weil du auf meine Stimme gehört hast.“

19 Und Abraham kehrte zu seinen Knechten zurück. Und sie machten sich auf und gingen miteinander nach Beerscheba. Und Abraham blieb in Beerscheba.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 1: אַחַר הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה ’aḥar haddəbārîm hā’ellæh „nach diesen Ereignissen“ nimmt unspezifisch Bezug auf den vorangehenden Kontext. Im Blick sind mindestens die Erzählungen von der Geburt Isaaks in Gen 21,1–7, von der Vertreibung seines Halbbruders Ismael in 21,8–21 und vom Schwurbrunnen in Beerscheba in 21,22–34 sowie deren jeweilige Kontexte – allen voran die Nachkommensverheißung an Abraham.

V. 2: Die bisweilen vertretene Übersetzung von יָחִיד jāḥîd als „einzigartig“ stellt eine Harmonisierung dar, die auch durch die weiteren Belege des Lexems im Alten Testament nicht gedeckt ist. Nach der Vertreibung Ismaels aus Abrahams Familie in 21,8–21 kann Isaak als „einziger“ Sohn bezeichnet werden, denn nur auf ihn bezieht sich die auf „Israel“ hin zielende Nachkommensverheißung an Abraham.

V. 5a: הַנַּעַר hanna‘ar „der Knabe“ (vgl. 22,5.12) zur Bezeichnung von Abrahams „Sohn“ Isaak (vgl. בֵּן ben in 22,2.3.6.7.8.9.10.12.12.13.16) ist im Hebräischen dasselbe Lexem wie für die Bezeichnung von Abrahams zwei „Knechten“ (22,3.5.19).

V. 5b: Abraham formuliert auch die Rückkehr im Plural!

V. 7.8: שֶׂה śæh bezeichnet Kleinvieh wie Schafe oder Ziegen.

V. 13: Statt „ein Widder hinten“ (אַיִל אַחַר ’ayil ’aḥar) lesen viele masoretische Handschriften, der samaritanische Pentateuch, die Septuaginta, die syrische Übersetzung und viele zeitgenössische AuslegerInnen „ein Widder“ (אַיִל אֶחָד ’ayil ’æḥād) mit Betonung der Zahl. Beide Lesarten könnten auf Vertauschung von Resch und Dalet zurückgehen, die Lesung mit Dalet könnte indes eine bewusste Anpassung an andere Opfertexte darstellen (vgl. Lev 16,15; Num 6,14; 7,15 u.ö.).

2. Literarische Gestaltung

Wie unmenschlich und gottlos auch immer man die Erzählung von Isaaks Bindung, seiner verhinderten Opferung, deuten mag, die Erzählung macht von Anfang an klar, dass es sich um eine Prüfung Abrahams handelt (V. 1a). Dass Gott die Opferung Isaaks nicht wirklich will, ist den Lesenden der Erzählung daher von Anfang an klar. Auch wenn Abraham dieser Plan nicht mitgeteilt wird – ebenso wenig, wie Hiob von den Himmelsszenen in Hi 1,6–12; 2,1–7a weiß –, so blickt auch er bereits auf eine lange Beziehungsgeschichte mit diesem Gott zurück, wie durch die Wendung „nach diesen Ereignissen“ (V. 1a) und die darin vorausgesetzten Erzählungen deutlich wird.

Die Erzählung lässt sich in die drei Teile Auftrag (V. 1–2), Ausführung (V. 3–10) und Auflösung (V. 11–19) gliedern und folgendermaßen weiter unterteilen (wobei es zu dem Text durchaus auch andere Gliederungsvorschläge gibt):

  1. 1.Auf die soeben beschriebene Exposition in V. 1a folgt der Auftrag zur Opferung Isaaks in V. 1b–2. Eine unmittelbare Reaktion Abrahams in Worten oder Taten wird nicht berichtet.
  2. 2.Abrahams Vorbereitungen und Aufbruch mitsamt zwei Dienern und Isaak in V. 3–5 erfolgt am nächsten Morgen. Vielleicht lässt dies Raum, um Abraham nächtliche Bedenkzeit zuzuschreiben, vergleichbar der stummen Wanderschaft von drei Tagen. Die letzte Wegstrecke gehen Abraham und Isaak alleine: V. 6–8. Dabei betonen V. 6b und V. 8b als Rahmen um ihr Zwiegespräch gleichlautend, dass die beiden „miteinander“, in Übereinstimmung gehen. V. 9–10 berichten sodann von der Bindung Isaaks zum Opfer.
  3. 3.Wegen des Einspruchs vom Himmel kommt es nicht zur Opferung Isaaks, V. 11–12, sondern zur stellvertretenden Opferung eines Widders: V. 13. Die Rede des Boten YHWHs macht in V. 12 den Lesenden deutlich, dass Abraham die Prüfung bestanden, dass er Gottes Auftrag gerade ohne die vollzogene Opferung Isaaks erfüllt hat, und öffnet Abraham die Augen: Auch er muss (spätestens) jetzt erkennen, dass er im Hinblick auf seine Gottesfurcht geprüft wurde, und sieht nun einen Widder als Opfertier bereitstehen. V. 14: In V. 14a benennt Abraham diesen unvergesslichen Ort in Aufnahme seiner Rede an Isaak in V. 8 („Gott wird sich das Schaf zum Brandopfer ersehen [ראה r’h]“) als „YHWH sieht (ראה r’h)“. Und der Erzähler hält in V. 14b in Aufnahme der Gottesbegegnung Abrahams in V. 11–12 fest, dass der Ort noch zu seiner Zeit „Auf dem Berg, wo YHWH sich zeigt (ראה r’h niph.)“ genannt wird. In V. 15–18 wendet sich der Bote YHWHs „zum zweiten Mal“ an Abraham und bekräftigt die bereits früher ergangenen Verheißungen an Abraham (vgl. bes. V. 17a mit 12,2; 15,5 und V. 18 mit 12,3; 18,18). V. 19 berichtet schließlich von der Rückkehr zuerst zu den Knechten und sodann nach Beerscheba (vgl. 21,14.31-33). Isaak wird dabei nicht explizit genannt, muss aber in der Rückkehr zu den Knechten wie in V. 5 angekündigt und im „miteinander“ wie in V. 6b.8b mitgemeint sein – und ist auch im Folgekontext an der Seite Abrahams vorausgesetzt (vgl. Gen 24; 25). Dass Isaak nicht explizit genannt wird, stellt auf jeden Fall eine Leerstelle dar, die im Laufe der Rezeptionsgeschichte des Textes unterschiedlich gefüllt wurde. Die Leerstelle lässt am Ende der Erzählung nach Isaak fragen, nach seinem Ergehen und Empfinden.

Teil 3 beginnt wie Teil 1 mit einer Anrede Abrahams durch Gott bzw. seinen Boten. Dabei ist bemerkenswert, dass die ersten beiden Teile einfach von „Gott“, הָ)אֱלֹהִים) (hā)’ælohîm, sprechen (mit oder ohne formaler Determination: V. 1.3.8.9), dass Teil 3 diesen Gott aber beim Namen nennt: YHWH (V. 11.14a.14b.15.16 – mit Ausnahme des Verweises auf Abrahams Gottes-Furcht in V. 12). Dies lässt sich dahingehend deuten, dass in der Rede von „Gott“ eine gewisse Distanz zwischen Gott und Abraham zum Ausdruck kommt, in der Rede von YHWH dagegen die Zuwendung Gottes.