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Johannes 12,44-50 | 1. Sonntag nach dem Christfest | 31.12.2023

Einführung in das Johannesevangelium

Das Johannesevangelium ist wie ein Fluss, in dem ein Kind waten und ein Elefant schwimmen kann.

Robert Kysar

Das Evangelium „nach Johannes“ ist das tiefgründigste und theologisch wie kulturgeschichtlich wirkungsvollste der kanonischen Evangelien. Es unterscheidet sich in Stoff, narrativer Gestalt, Sprache und Theologie signifikant von den Synoptikern. Die Erklärung dieser Besonderheiten sowie die Frage nach seinen Quellen und seinem historischen und theologischen Wert gehören zu den schwierigsten und umstrittensten Fragen der Forschung.

Joh ist wie Mk eine kerygmatische Erzählung vom Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu, d.h. ein Evangelium. Es ist programmatisch aus nachösterlicher Perspektive gestaltet, aus der durch den Geist gewirkten „Erinnerung“ (Joh 2,22; 12,16), und es trägt diese Perspektive bewusst in die Erzählung der Geschichte Jesu und seines Todes (19,30), so dass alle Einzel-Episoden schon im Licht des Ganzen des Christusgeschehens, im ‚österlichen Glanz‘, zu lesen sind.

Joh enthält eigentümliche Stoffe (Prolog, Abschiedsreden, ausgedehnte Reden und Dialoge Jesu mit Nikodemus, der Samaritanerin oder Pilatus), Erzählungen wie das Weinwunder (Joh 2), Lazarus (Joh 11), die Fußwaschung (Joh 13). Wichtige synoptische Stoffe (z.B. Geburtsgeschichten, Gleichnisse, Bergpredigt, Endzeitrede) fehlen. Die Tempelreinigung (Joh 2,13-22) ist aus dem Passionskontext an den Anfang umgestellt, der Todesbeschluss des Hohen Rates (Joh 11,45-54) erfolgt ebenfalls schon vor der Passion als Antwort auf die Lazarus-Erweckung. Dies weist auf eine bewusste Umgestaltung der älteren Jesusüberlieferung hin, die auch geschichtliche Sachverhalte in großer Freiheit anders erzählt. Dies zeigt sich auch in der anderen Sprache Jesu, die im Grunde die Sprache aller anderen Figuren und des Autors ist. D.h., auch in Jesu Worten und Reden spricht faktisch der joh Autor.

1. Verfasser

Das „Evangelium nach Johannes“ ist wie alle kanonischen Evangelien anonym überliefert. Die Überschrift ist im 2. Jh. nachgetragen. Traditionell wurde es ab dem späten 2. Jh. dem Apostel und Zebedaiden Johannes zugeschrieben, der mit der Figur des „Jüngers, den Jesus liebte“ (Joh 13,23) identifiziert wurde. Diese Zuschreibung ist erklärlich, weil man diesen ‚Lieblingsjünger‘ (LJ) mit dem ‚unbekannten‘ zweiten Jünger aus Joh 1,35-40 identifiziert hat und (aufgrund von Mk 1,16-20 oder Apg 3-5) in diesem den Zebedaiden Johannes sah. So ‚wurde‘ der LJ zum Augenzeugen der ganzen Erzählung und das Evangelium bekam ‚apostolische‘ Würden. Nach der Johanneslegende (bei Irenäus u.a.) soll dieser Johannes als Greis sein Werk in Ephesus in Kleinasien geschrieben haben, nach Clemens v. Alex. ist es als „geistliches“ Evangelium in Ergänzung und Vertiefung zu den drei eher „leiblichen“ Erzählungen der Synoptiker abgefasst.

Aufgrund von Stoff, Sprache und erzählerischer Gestalt ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass der galiläische Fischer im hohen Alter das Werk verfasst hat. Und selbst wenn er der Autor wäre, wäre schwer erklärlich, warum es sich von der älteren Tradition so unterscheidet.

Nur das wohl als ‚Nachtrag‘ angefügte Kapitel 21 führt die Abfassung auf den LJ zurück, in Joh 1-20 ist dieser zwar an wenigen Stellen ab dem letzten Mahl (13,23; 19,25-27; 20,1-10) Petrus an die Seite gestellt, doch eher als ‚ideale Figur‘, die Jesus näher ist und ihn besser versteht. Der eigentliche „Autor“ ist in Joh 1-20 der „erinnernde“ Geist (Joh 14,25f). Wenn hinter dem LJ auch eine ‚reale‘ Figur im Umkreis der joh Gemeinden stand (wie 21,22f nahelegt), ist fraglich, ob dieser mit einer bekannten Gestalt zu identifizieren ist. Das Joh wäre in dann Fall posthum von Schülern (21,24f) herausgegeben. Wenn der Autor des Joh mit dem von 1-3Joh identisch ist, wäre der autoritativ schreibende „Presbyteros“ aus 2Joh 1; 3Joh 1 am ehesten mit dem bei Papias von Hierapolis (Eus., h.e. 3,39,4) als Traditionsträger in der Asia erwähnten „Presbyteros Johannes“ zu identifizieren. Die spätere Zuschreibung an den Zebedaiden wäre dann in einer Verwechslung oder eher intentionalen Überblendung der Namen erfolgt.

Schriftzitate und Anspielungen belegen eine gute Kenntnis des AT, das aber höchst selektiv benutzt wird. Analog ist auch für die übrigen Traditionen eine sehr eigenständige Verwendung anzunehmen. Nichts ist nur ‚abgeschrieben‘, Joh 20,30f bezeugt eine bewusste Auswahl des Autors aus den ihm verfügbaren Stoffen. Daraus folgt aber: Die Eigenständigkeit in Stoff und literarischer Ausgestaltung belegt keine ‚Unabhängigkeit‘ von der synoptischen Tradition. Jede Rekonstruktion schriftlicher Quellen (z.B. einer ‚Semeia‘-Quelle mit Wundergeschichten oder eines eigenen Passionsberichtes) ist m.E. unmöglich, doch sind neben den Synoptikern (v.a. Mk) mündliche und schriftliche Gemeindetraditionen anzunehmen, die aber alle eigenständig umgestaltet sind. Der Autor kennt das Mk (wie z.B. die Anspielungen auf die Gethsemane-Episode in 12,27f; 14,31 und 18,11 zeigen) und setzt die Kenntnis auch bei seinen Lesern voraus (s. 3,24), evtl. kennt er auch Lk oder Stoffe daraus, eine Kenntnis des Mt ist nicht zu belegen. Er ist gleichfalls vertraut mit jüdischen Bräuchen und wohl auch mit Gegebenheiten in Jerusalem. Vielleicht ist er ursprünglich ein Palästiner, der dann im Zuge des jüdischen Krieges nach Kleinasien kam.

2. Adressaten

Das Joh ist wohl in Gemeindekreisen entstanden, die auch in 1-3Joh greifbar sind. Diese Gemeinden (oder die ‚Joh. Schule‘) in Kleinasien sind erst im letzten Drittel des 1. Jh. greifbar, sie hatten eigene Traditionen, aber nahmen auch synoptische und paulinische Motive auf. Ein Teil der joh Christusgläubigen entstammte wohl der Diasporasynagoge, und die traumatischen Spuren einer erfolgten Trennung (aposynagogos: Joh 9,22; 12,42; 16,2) sind wahrnehmbar, hingegen waren andere wohl Nichtjuden („Griechen": Joh 7,35; 12,20). Der Kontext steht also ein Verband ‚gemischter‘ Gemeinden, wohl im urbanen Raum, in dem neben diesen joh Christusgläubigen auch anders geprägte Gruppen koexistierten (z.B. Apk, Eph, Pastoralbriefe).

Nach den Abschiedsreden erscheinen die Adressaten selbst verunsichert ‚in der Welt‘, so dass Jesu Wort und das ganze Joh im Durchgang durch die Geschichte Jesu eine Antwort darauf bietet. Zugleich ist das Joh nicht nur als konkretes Wort an einen begrenzten, gar ‚sektiererisch‘ abgeschlossenen Gemeindekreis zu lesen, vielmehr zielt es auch auf Lesende in einem weiteren Rahmen, ja auf die Welt der Bücher, wenn es in 1,1 die Genesis überbietend aufnimmt und in 21,25 mit einem Hinweis auf viele Bücher endet.

3. Entstehungsort

Die Herausgabe des Evangeliums wird seit der altkirchlichen Tradition in Ephesus angesetzt. Dies ist im Joh und den drei Briefen nicht positiv zu belegen, und sachlich wäre jeder urbane Kontext im östlichen Mittelmeerraum denkbar, doch weist das frühe Zeugnis des Papias von Hierapolis, Polykarp u.a. auf den Raum Kleinasiens, ebenso die frühe Verbindung mit der dort situierten Apokalypse. Andere Vorschläge (Alexandrien wegen der Rede vom Logos; Syrien wegen vermeintlicher Nähe zu gnostischen Traditionen; Ostjordanland wegen der Bedeutung der ‚Juden‘) sind ebensowenig zu belegen. Kleinasien bleibt die wahrscheinlichste Option.

4. Wichtige Themen

Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die hohe Christologie: Jesus ist der eine Offenbarer Gottes, ja er ist ‚Gott‘. Er gibt Leben, gibt den Geist. Sein Tod ist ‚Vollendung‘ der Schrift und des Willens Gottes (19,30), seine Sendung (ans Kreuz) der Erweis der ‚Liebe‘ Gottes zur Welt (3,16). Auffällig ist die ‚Vergegenwärtigung‘ der Eschatologie: Das ‚ewige Leben‘ ist schon jetzt im Glauben gegeben (5,24), das Gericht ergeht jetzt in der Begegnung mit Jesus (3,18). Zentrale Bedeutung hat der Geist, der als ‚Beistand‘ (Paraklet) der nachösterlichen Gemeinde diese begleitet, erinnert und zum Zeugnis befähigt. Joh entwickelt eine Art, von Vater, Sohn und Geist in personaler Unterscheidung zu reden, die bereits in die Richtung der späteren Trinitätslehre führt. Das alles wird in Bezug auf die Schriften Israels entfaltet, die nach Joh sämtlich von Jesus zeugen. Daher beansprucht der joh Jesus Exklusivität als Offenbarer (1,18; 14,6), während alle anderen Wege, auch der der nicht an Jesus glaubenden Schüler Moses (9,28) nicht „zum Vater“ führen. Die schroffe antijüdische Polemik ist z.T. Ertrag der schmerzhaften Trennungs- und Identitätsbildungsprozesse. Für die Gemeinde ergibt sich daraus eine innere Trennung von der ‚Welt‘, der mit einer (Familien-)Ethik der (nicht nur, aber vorrangig) auf die eigene Gruppe gerichteten Liebe begegnet wird.

5. Besonderheiten

Das Joh will, dass seine Leser:innen besser und tiefer verstehen. Diesem Ziel dient die literarische Ausgestaltung durch ein eine Vielzahl literarischer Gestaltungsmittel: die Vor-Information durch den Prolog lässt die Leserschaft stets ‚wissender‘ sein als die textlichen Figuren, deren ‚dumme‘ Fragen oft Verwunderung auslösen. Die Wundergeschichten sind durch textliche Verweise so ausgestaltet, dass sie nie nur als Bericht eines vergangenen Ereignisses gelesen werden können, sondern stets auf das Ganze des Heilsgeschehens bezogen sind. Explizite und implizite Erzählerkommentare und Erläuterungen lenken den Blick auf textliche und theologische Bezüge. Narrative Figuren bieten Identifikationsangebote und provozieren durch ihre Ambivalenz zur Stellungnahme. Miteinander vernetzte, z.T. breit symbolisch ausgestaltete Metaphern (wie Wasser, Brot, Hirte, Weinstock, aber auch Geburt, Familie, Tempel, Garten) verstärken das Wirkungspotential des Textes und laden die Lesenden ein, ihn „zu bewohnen“ (Ricœur). Als subtiler literarischer Text spiegelt das Joh nicht nur die hohe Kunst seines Autors, sondern wurde selbst zur Weltliteratur.

Literatur:

  • Meyers KEK: Jean Zumstein, Das Johannesevangelium, Göttingen 2016; C.K:Barrett, Das Evangelium nach Johannes, Üs. H. Balz (KEK Sonderband), Göttingen 1991.
  • Martin Hengel, Die johanneische Frage, WUNT 67, Tübingen 1993.
  • Jörg Frey, Die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Studien zu den johanneischen Schriften 1, WUNT 307, Tübingen 2013: https://www.mohrsiebeck.com/buch/die-herrlichkeit-des-gekreuzigten-9783161527968?no_cache=1
  • Francis Moloney, The Gospel According to John, Sacra Pagina 4, Collegeville MN 1998; Marianne Meye Thompson, John: A Commentary, NTL, Louisville KN 2015.

A) Exegese kompakt: Johannes 12,44-50

Zwischenbilanz: Am Ende stehen «Licht» und «Leben»

44Ἰησοῦς δὲ ἔκραξεν καὶ εἶπεν· ὁ πιστεύων εἰς ἐμὲ οὐ πιστεύει εἰς ἐμὲ ἀλλ’ εἰς τὸν πέμψαντά με, 45καὶ ὁ θεωρῶν ἐμὲ θεωρεῖ τὸν πέμψαντά με. 46ἐγὼ φῶς εἰς τὸν κόσμον ἐλήλυθα, ἵνα πᾶς ὁ πιστεύων εἰς ἐμὲ ἐν τῇ σκοτίᾳ μὴ μείνῃ. 47καὶ ἐάν τίς μου ἀκούσῃ τῶν ῥημάτων καὶ μὴ φυλάξῃ, ἐγὼ οὐ κρίνω αὐτόν· οὐ γὰρ ἦλθον ἵνα κρίνω τὸν κόσμον, ἀλλ’ ἵνα σώσω τὸν κόσμον. 48ὁ ἀθετῶν ἐμὲ καὶ μὴ λαμβάνων τὰ ῥήματά μου ἔχει τὸν κρίνοντα αὐτόν· ὁ λόγος ὃν ἐλάλησα ἐκεῖνος κρινεῖ αὐτὸν ἐν τῇ ἐσχάτῃ ἡμέρᾳ. 49ὅτι ἐγὼ ἐξ ἐμαυτοῦ οὐκ ἐλάλησα, ἀλλ’ ὁ πέμψας με πατὴρ αὐτός μοι ἐντολὴν δέδωκεν τί εἴπω καὶ τί λαλήσω. 50καὶ οἶδα ὅτι ἡ ἐντολὴ αὐτοῦ ζωὴ αἰώνιός ἐστιν. ἃ οὖν ἐγὼ λαλῶ, καθὼς εἴρηκέν μοι ὁ πατήρ, οὕτως λαλῶ.

Johannes 12:44-50NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

44 Jesus aber rief: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat, 45 und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. 46 Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. 47 Und wenn jemand meine Worte hört und sie nicht bewahrt, dann richte nicht ich ihn. Denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu retten. 48 Wer mich verwirft und meine Worte nicht annimmt, der hat [schon] seinen Richter: Das Wort, das ich gesprochen habe, das wird ihn richten am letzten Tag. 49 Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir das Gebot gegeben, was ich sagen und was ich reden soll. 50 Und ich weiss, dass sein Gebot ewiges Leben ist. Was [auch immer] ich also rede: Wie der Vater mir gesagt hat, so rede ich.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 44: κράζω:laut ausrufen, proklamieren

V. 47f.: κρίνω: richten im Sinne von aburteilen, das Todesurteil sprechen

V. 49: ἐντολή: Gebot, aber hier: Auftrag (im Kontext des Gesandtenrechts)

V. 50b: ἃ οὖν ἐγὼ λαλῶ: Das Objekt des Satzes ist vorangestellt (entsprechend einem hebr. ‚Casus pendens‘).

2. Literarische Gestalt und Kontext

Der Abschnitt steht als ‚Epilog‘ am Ende des Teils, in dem das Joh vom öffentlichen Wirken Jesu berichtet. Ab 13,1 beginnt der Rahmen der Abschiedsgespräche in der Passion. V. 44-50 ist nicht mehr Teil der ‚Griechenrede‘ (12,23-36). Nach dieser Rede, in der Jesus sein universales Wirken nach seinem Tod ankündigt, zieht er sich von den Menschen zurück (V. 36). Dann folgen zwei verschiedene ‚abschließende‘ Abschnitte. In 12,37-43 gibt der Erzähler eine Erklärung aus der Schrift, warum die Zeitgenossen Jesu mehrheitlich nicht glaubten. Ab V. 44 redet Jesus noch einmal selbst, nein, er „ruft aus“, proklamiert, doch ist unklar, zu wem er redet. Es sind keine Adressaten genannt. Daher wurde der Abschnitt als „situationsgelöstes Redestück“ bezeichnet. Im Grunde liegt hier ein zusammenfassender Kommentar zum ganzen Wirken Jesu vor.

Der Abschnitt bietet keine ganz kohärente Rede, sondern eher eine Folge eigenständiger Sprüche:
V. 44f.: Jesus als Repräsentant (Gesandter) Gottes (= dessen, der ihn gesandt hat):
- 44: hinsichtlich des Glaubens
- 45: hinsichtlich des Sehens

V. 46f.: Der Zweck der Sendung Jesu
- 46: positiver Zweck: aus der Finsternis zum Licht bringen
- 47a: negiert: Negation jeder negativen (richterlichen) Tätigkeit Jesu
- 47b: positiver Zweck: gekommen, um zu retten.

V. 48-50a: Begründende Explikation:
- V. 48: Explikation der negativen Aussage V. 47a: Nicht Jesus richtet, sondern sein Wort.
- V. 49: Begründung: Jesu Wort ist nicht ‚eigenmächtig‘, sondern gründet im Gebot des Vaters
- V. 50a: Positive Explikation: Das Gebot (= der Auftrag) des Vaters „ist“ ewiges Leben.

V. 50b: Abschluss: Jesus als Repräsentant Gottes: in seinem Reden (Rückbindung an 44f.)

3. Historische Einordnung

Die Aussagen haben Parallelen in ganz Joh 1-12, besonders eng in Joh 3,11-21.31-36. Die Sachlogik des Ganzen ließe sich so rekonstruieren: Jesus ist der bevollmächtigte Gesandte des Vaters. Der Glaube an Gott ist nun konkretisiert im Glauben an Jesus. Gottes Wille zielt unzweideutig auf die Mitteilung von „ewigem“, d.h. göttlichem und unbegrenzten Leben. Jesus war gesandt, um Menschen aus der Finsternis ins Licht (bzw. aus dem Tod ins Leben) zu bringen. Die Abweisung Jesu und seines Wortes bedeutet allerdings Abtrennung von diesem Leben (= Gericht). Dies wird am letzten Tag durch das gültige Wort Jesu aufgedeckt werden. Doch trotz dieser (letztlich unerklärlichen) negativen Implikationen des Kommens Jesu wird festgehalten, dass Jesu Sendung und sein Wirken eindeutig positiv auf Lebensmitteilung hin ausgerichtet sind.

Die Perspektive ist die des Rückblicks auf Jesu ganzes Wirken. Eine andere, hier vergleichbare Bilanz findet sich dann noch einmal im Abschiedsgebet Jesu Joh 17. Doch anders als dort, wo es um die Rechenschaft des Gesandten gegenüber dem Sender geht, sind hier die Adressaten der Sendung Jesu im Blick. Anders als dort ist hier die Frage der Abweisung Jesu und seines Wortes und damit der Status, die Gültigkeit seiner Botschaft im Vordergrund. In beiden Rechenschaftsberichten ist aber die Perspektive auf Jesu Wirken eine rückblickende, nachösterliche. Angeredet ist die Leserschaft.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Zentral ist zunächst die Gesandtenvorstellung: Der Gesandte repräsentiert den Sendenden. Er ist vom Sender beauftragt und zugleich bevollmächtigt. Auf Jesus bezogen: Was der Vater ihm zu sagen vorgibt, sagt er (V. 50). Daher sind seine Worte Gottes Worte, bevollmächtigt und (rechts-)gültig (V. 48). Jesus ist der, in dem (d.h. in dessen Handeln, in dessen Geschichte) der unsichtbare Gott sichtbar, anschaulich, offenbar geworden ist (V. 44f.; vgl. 14,7.9; und 1,18). Bei Joh ist die Rede von der Sendung und dem Gesandten nicht im Sinne der Niedrigkeit (Subordination), sondern im Sinne der Ermächtigung und Vollmacht Jesu gedacht: Seine Botschaft ist Gottes eschatologisch gültiges Wort.

Im Rückblick auf Jesu Wirken ist nicht zu übergehen, dass manche Menschen seine Worte zwar hören, aber nicht bewahren (bzw. nach 12,38-41 nicht wirklich hören können) und Jesus abweisen. Dabei ist von einer Gerichtswirklichkeit die Rede, aber Joh bemüht sich festzuhalten, dass nicht Jesus als verurteilender Richter fungiert, sondern das von ihm gesprochene Wort. Kann man so trennen? Dem Autor kommt alles darauf an, dass Jesus selbst – trotz der negativen Verkündigungserfahrung – ganz in positiver Intention gezeichnet wird. Er ist nicht gekommen zu richten, sondern zu retten (vgl. 3,17). Seine Worte (und damit auch der Wille Gottes) zielen auf Leben und nur auf Leben. Das Negative, die Sünde, der Unglaube, bleiben letztlich ein Rätsel. In 12,37-43 wird es durch das Verstockungsmotiv – d.h. von Gott her – erklärt. Hier ist eher von menschlicher Abweisung die Rede. Damit stellt sich die Frage, was "Sünde" ist (bzw. was "Gericht" begründet): Nicht die Nicht-Einhaltung von bestimmen Geboten, sondern der Unglaube (16,10), hier verstanden als Selbstverschließung gegenüber dem rettenden Handeln Gottes. Anders gesagt: wenn der Mensch sich das Gute, das Leben, das ihm zugedacht ist, nicht gönnt, wenn er das Positive, das ihm ganz positiv und lebensfördernd begegnet, abweist und verwirft. Zugleich ist klar, dass Joh auch mit einem eschatologischen ‚Gericht‘ rechnet. Nicht in dem Sinn, dass dann erst die Entscheidung über Heil und Unheil fallen würde, sondern so, dass dann die im Leben eingenommene Stellung zu Jesus endgültig wird. Jesu Wort ist der Maßstab. An Jesu Wort gemessen, ist der Unglaube definitiv im Unrecht. „Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“ (Joh 3,18).

5. Theologische Perspektivierung

Worauf zielt das Kommen, die Sendung Jesu, und was hat sie den Menschen bzw. uns ‘gebracht’? Die Antwort bei Joh ist (metaphorisch) Licht und (umfassend) Leben. Diese Frage lässt sich (im Kirchenjahr) zurück auf das Christfest hin beziehen, aber auch am Jahreswechsel auf Rückblick und Vorausblick:

Die Grundbewegung des Heilsgeschehens ist positiv: Gottes Gebot, sein Auftrag an Jesus und dessen Werk sind unzweideutig lebensfördernd: Gottes Lebensmacht, ‚ewiges Leben‘ soll sich ausbreiten. Jesus selbst ist als Licht (vgl. 8,12) in die Welt gekommen. Menschen sollen aus der Finsternis (der Welt) zu ihm, ans Licht kommen. Dieses Licht scheint in das Dunkel und erhellt es.

Das Rätsel des Unglaubens (und damit des Gerichts) bleibt. Aber Joh lässt nicht zu, dass dieses Thema dominant wird. Gott und sein Wirken soll nicht ambivalent erscheinen, sondern undualistisch positiv, auf Leben ausgerichtet. Der Gott, der sich in Jesu Wirken und Geschick offenbart hat (vgl. 1,18), ist eben „die Liebe“ (1 Joh 4,8f.; vgl. Joh 3,16), der Lebensgeber, seine Worte sind Geist und Leben (6,63), und das Wort in Person, Jesus Christus, ist „das Leben“.                                                                   

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Dass unser Text, ja, die Botschaft Jesu im gesamten Johannesevangelium „unzweideutig lebensfördernd“, alles Reden und Wirken und Sein Jesu „auf Lebensmitteilung hin ausgerichtet“ sei, ist – unzweideutig – gut zu lesen und zu hören! Leben wird nicht begrenzt gewährt, sonst wäre es ja nicht das göttliche Leben, an dem wir teilhaben können – dies erschließt mir die Exegese und nimmt mich mit in den johanneischen Gedanken einer Lebensfülle ohne Abstriche. Leben wird von Gott „gegönnt“, und die Verweigerung der Annahme der Botschaft relativiert dieselbe nicht. Die Exegese lässt keinen Zweifel an der rundweg positiven Ausrichtung, was ein überraschend eindeutiger Befund ist: Denn auch wenn Theologiestudierende heute nicht mehr lernen, dass es sich bei der johanneischen Gemeinde um ein gnostisches Grüppchen handelt, das sich dem Leben um sich herum verschließt und meint, einen Kampf von Licht und Finsternis in einer Weise ausfechten zu müssen, als ob es sich dabei um zwei gleich starke Mächte handele, wird dieser uneingeschränkte Heils- und damit letztlich Lebenswillen im Johannesevangelium selten so stark gemacht wie hier. Die Trias von Leben, Licht und Liebe ist durchsetzungsstark und ruft auf, selbst zum Licht zu werden und sich zum Lieben bereitzumachen – Licht und Liebe sollen erkennbar gelebt werden.

Wir meint übrigens – auch das eröffnet die Exegese – uns als Angesprochene, nicht nur mittelbar: Dass das vierte Evangelium ohnehin durch die nachösterliche Perspektive bestimmt ist und wir uns mit denen gemeint wissen dürfen, die geistgewirkt erkennen können, was die Jünger nachösterlich erkennen sollten und auf was die mitgemeinte johanneische Gemeinde aufbaut, kommt, so der exegetische Befund, besonders stark darin zur Geltung, dass die Adressaten nicht explizit benannt werden und dennoch deutlich wird, dass Jesus – und zwar laut (κράζω)! – diejenigen anspricht, für die das uneingeschränkte Leben eine gültige Zusage darstellt: für die glaubenden Leser und Hörerinnen.    

2. Thematische Fokussierung

Von richtenden und prophetischen Worten

Der buchstäbliche Ruf Jesu zum Leben, die Zusage, dass ich mir Leben „gönnen“ soll, da Gott es mir gönnt, kann durchaus meine Predigt durchziehen. Zugleich verdeutlicht die Exegese, dass Jesus das innerhalb des johanneischen Verständnisses auch versprechen darf, dass er die volle Berechtigung hat, weshalb er sie in unserem Text nicht mehr verteidigen muss: Als „bevollmächtigter Gesandte[r]“ tritt der legitimiert auf, der Gott repräsentiert in Bezug auf das Sehen, Glauben und Reden. Und doch ist zugleich eine Grenze gesetzt: Geglaubt wird schließlich an Gott. Dabei ist die Repräsentation durch das Reden des Bevollmächtigten eine durch die Exegese erschlossene Erkenntnis, die womöglich auch diejenigen aufhorchen lässt, die sich schon einmal mit der Lehre von den „Ämtern Jesu“ auseinandergesetzt haben und neben

1) einem versöhnenden, rettenden Priester und

2) dem herrschenden, richtenden König

3) auch an ein prophetisches Amt Jesu denken, wie es insbesondere die reformierte Tradition betont hat.

Dieses Amt ist innerhalb der Theologie reformierter Herkunft zudem als dasjenige bedacht worden, das sich der verkündigende Christenmensch selbst zu eigen machen kann: Das unzweideutige Wort vom unbeschränkten Lebenswillen und Lebenswunsch Gottes ist auch von ihm oder von ihr – von uns – auszurufen. Jesus wurde zuerst laut, als er das Leben verhieß, das er selbst ist, und so in seiner – nicht geradlinigen Rede – dennoch das entscheidende Wort eröffnet. Der Text kann damit zugleich im johanneischen Horizont den „zusammenfassenden Kommentar zum ganzen Wirken Jesu“ abbilden.

3. Theologische Aktualisierung

Ein Kommentar über Jesu Leben – und über meins 

Nur sieben Verse, 156 Worte als „Kommentar“ über Jesu gesamtes Leben und seine Lebensaufgabe? Das ist ja eine twittermäßige (bzw. nun "X"-mäßige) Kürze! Auch eine Verkürzung?

Alltäglich und zunehmend werden wir gewahr, dass alles kommentiert wird, was wir tun, tun wollen, tun könnten. Gelobt oder getadelt – es wird bewertet. Gerne lassen wir aber auch uns bewerten,und ein großer Teil des digitalen Seins besteht im Darstellen von Kommentierungswürdigem – und wenn es nicht kommentiert wird, was ich doch teilen wollte, um die Reaktionen zu sehen, dann verunsichert das. Und nein, das ist kein Problem, das lediglich der „jüngeren Generation“, Gen Y oder der Gen Z, angelastet werden kann – ein unkommentierter Status zum jüngsten Erfolg, der doch aber nachweisbar gesehen wurde von der eigenen Tochter, lässt auch die Älteren unbefriedigt zurück. Verständlich ist das auch, denn wer die Social Media nutzt, will doch kommunizieren, und d.h. nicht zuletzt auch kommentieren und etwas und letztlich sich kommentieren lassen.

„Und was könnte als zusammenfassender Kommentar über Dein Leben und Wirken stehen?“ – Das nun ist eine große, mächtige, aufwühlende Frage und nicht leicht zu beantworten. Unkommentiert bleibt sie aber nicht, die Frage nach dem eigenen Leben, dem ganzen Leben und nicht nur nach dem Ausschnitt, den ich hier und da preisgebe. Unkommentiert bleibt das Leben nicht – zumindest nicht im Horizont eines Glaubens an einen Gott, der mir bedingungslos positiv Leben mitteilt und unzweideutig positiv mein Leben und jedes Leben wertet, während ich mich dem immer wieder verschließe. Auch diese eben formulierte Hoffnung ist kurz wie ein Post im Netz und gehört doch zugleich in den Bereich des „eschatologisch gültige[n] Wort[es]“, das Jesus mitteilt und ich aktualisieren will. Kommentarmächtig bin ich auch, ja bevollmächtigt, das Wort weiterzusagen.

Ein weitreichender Kommentar Das hat weitreichende Konsequenzen. Es kann dann augenscheinlich nicht genügen, Belanglosigkeiten auszurufen oder virtuell abzusetzen: Wenn ich vom Leben predige, das Gott uneingeschränkt gönnt, muss z.B. die Frage erlaubt sein, mit welcher Begründung dieses dann eingeschränkt werden kann: Darf ich einem tierischen Lebewesen das Leben nehmen? Oder ist diese Frage als eine zu große zurückzustellen, oder zugunsten der Debatte darum, wie sein Leben wenigstens würdig beendet wird, zumindest in den Blick zu nehmen? Wie spreche ich angemessen und handlungsmotivierend von dem johanneischen Lebenszeugnis Jesu, wenn sich doch offenkundig die Würde von Menschenleben in aller Welt noch täglich behaupten muss gegen die Begierden und Ziele anderer Menschen? „Unzweideutig lebensfördernd“ ist der Mensch nun einmal nicht und geschöpfliche Grenzen sind ihm gesetzt – doch ist ihm aufgetragen, daran mitzuwirken, dass Leben als wertvoll erachtet wird und der Raum dafür – präsentisch oder digital – genutzt wird, miteinander zu erschließen, wie jegliches Leben lebensfördernd statt lebensverneinend gestaltet werden kann. Das Lautwerden Jesu soll nicht verhallen.    

4. Bezug zum Kirchenjahr

Wir haben es in Bezug auf den 1. Sonntag nach dem Christfest mit einem Sonntag zu tun, der hoffentlich nicht im Kirchenjahr untergeht, auch wenn er „ungünstig“ zwischen Weihnachten und dem Altjahresabend liegt und in diesem Kirchenjahr auf den 31.12. fällt. Unser Text ist ein Kommentar zum Leben und Wirken Jesu – und der Sonntag kann liturgisch in einer Weise gestaltet werden, dass beleuchtet wird, was das Kirchenjahr zusammenhält: vom Kind in der Krippe bis zu seinem Tod und seiner Auferstehung – ein Wirken, das geistgewirkt sich erhält und die Kirche immer wieder von Neuem entstehen lässt. Dem Systematischen Theologen Gerhard Sauter zufolge ist das Christusereignis so „überreich“, dass man es geradezu in unterschiedliche Feste aufsprengen musste.[1] „Menschliches Reden kann an der mitgeteilten Fülle Gottes nur so teilhaben, daß es eins nach dem anderen sagt.“[2] Die Feste seien aber eben nicht als „Wegstrecke“ durch das Jahr zu charakterisieren, sondern immer als dogmatische „Einheit“.[3] Kein stetiges Mitgehen mit dem Lauf der Welt fänden wir vor, mit dem „Werden und Vergehen“ der Natur, auch wenn dieser Gedanke oft stark gemacht würde, vielmehr implizierten die Christusfeste einen „Gegenrhythmus“ zu dem, das den alltäglichen Kreislauf unterbrechen könne.[4] Damit stellt auch – beziehen wir Sauters Überlegung zum Kirchenjahr auf unseren Text – der johanneische Christus ein Gegengewicht dar, indem er Leben in einer Weise verspricht, dass alles lebensfeindliche Treiben in der Welt erkennbar wird. Dazu dient auch ein Innehalten, in dem mir bewusst wird, wann Worte selbstrichtende Worte waren. Nach dem Weihnachtsfest und vor dem Ende des Jahres steht für uns die Zwischenbilanz vom Glauben und Sehen und Reden an – für all das ist Jesus Repräsentant: Stellt der Text einen Kommentar über sein Wirken dar, impliziert das zugleich den Kommentar über unser Leben – und der ist positiv. Diese Botschaft ist klar und deutlich zwischen Weihnachten und Altjahresgottesdienst hörbar zu machen – es sei uns gegönnt

[1] „Die Wahrnehmung der Gegenwart Gottes in Jesus Christus ist so überreich, daß sie nicht mehr in einem einzigen Fest untergebracht werden kann. Sie muß, ebenso wie im Bekenntnis, entfaltet werden.“ G. Sauter, „Kein Jahr von unserer Zeit verflieht, das dich nicht kommen sieht“. Dogmatische Implikationen des Kirchenjahres, in: P. Cornehl/M. Dutzmann/A. Strauch (Hg.), „…in der Schar derer, die da feiern“. Feste als Gegenstand praktisch-theologischer Reflexion, Göttingen 1993 (56-58), 63 (HiO).

[2] AaO, 64 (HiO).

[3] Vgl. aao, 63 (HiO).

[4] Vgl. aaO, 66f.

Autoren

  • Prof. Dr. Jörg Frey (Einführung und Exegese)
  • Dr. Sabine Joy Ihben-Bahl (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500009

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