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Andere Schreibweise: Latinisierte Schreibweise: Ephesus

(erstellt: April 2021)

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1. Name

Die Herkunft des Ortsnamens Ephesos (Ἔφεσος) ist nicht bekannt. Insofern Ephesos mit dem Ort Apaša identisch ist, der in hethitischen Quellen erwähnt wird, ist eine originär griechische Herkunft auszuschließen.

2. Biblische Überlieferung

Ephesos begegnet im Neuen Testament vor allem als Wirkungsort des Apostels Paulus (Apg 18,24-19,40; Apg 20,16-17; 1Kor 15,32; 1Kor 16,8; 1Tim 1,3; 2Tim 1,18; 2Tim 4,12). Dabei ist die Erinnerung an sein Wirken in Ephesos meistens mit Schwierigkeiten verbunden; in 1Kor 15,32 wird das im Bild des Kampfes mit wilden Tieren verdeutlicht. Dennoch blieb der Ort Ephesos fester Bestandteil der Erinnerung an Paulus, was sich am Ende des 2. Jahrhunderts auch in den Paulusakten zeigt. Die Adressierung in Eph 1,1 ist indes textkritisch sekundär; Der Epheserbrief trägt zwar in den meisten Handschriften die paratextuelle Zuschreibung „An die Ephesier“, doch Markion scheint ihn als Brief an die Laodizener gekannt zu haben.

Auch die Johannesapokalypse richtet sich u.a. an eine christliche Gemeinde in Ephesos (Apk 1,11; Apk 2,1). Ob diese Gemeinde in der Tradition des Paulus stand, darf indes als fraglich gelten. Eine Verbindung des Johannesevangeliums mit Ephesos ist erst bei Irenäus um 180 n. Chr. bezeugt (Irenäus, Haer. 3,1,1). Die oft zitierte Notiz bei Papias (Eusebius, Hist. Eccl. 3,39,3-4) ist dafür nicht in Anspruch zu nehmen; hier stellt erst Eusebius selbst mit seinem Erzählerkommentar (Hist. Eccl. 3,39,5-7) die Verbindung zum Johannesevangelium her.

3. Lage

Die antike Großstadt Ephesos liegt am ägäischen Meer, an der Westküste der kleinasiatischen Halbinsel, etwa 60 km südlich des heutigen Izmir (früher: Smyrna). An der Stelle der antiken Stadt befindet sich keine moderne Siedlung. Die nächstgelegene Ortschaft ist die Kleinstadt Selçuk, die bis 1914 Ayasoluk (Verballhornung von hágios theólogos, dem Beinamen des Apostels Johannes) hieß. Heute bezeichnet „Ayasoluk" nur noch den Hügel außerhalb von Selçuk, auf dem sich eine byzantinische Befestigungsanlage und die Johannesbasilika befinden.

Bei der Betrachtung des antiken Ephesos ist zu beachten, dass sich die Küstenlinie seit der Antike um mehrere Kilometer nach Westen verschoben hat. Die Schwemmlandebene, die sich heute zwischen den Stadtbergen von Ephesos und der gegenwärtigen Küste erstreckt, existierte zu Beginn der Eisenzeit noch nicht; das antike Ephesos lag am Meer. Im Laufe der Antike erzwangen die vom Kaystros (heute: Küçük Menderes) angeschwemmten Sedimente mehrmals die Verlegung des Hafens und bedrohten auch in der Kaiserzeit das verbliebene (heute noch sichtbare) Hafenbecken. Als Knotenpunkt des Handels zwischen Asien und dem Mittelmeerraum war Ephesos auf seinen Hafen angewiesen, und so folgte die Stadt durch die Jahrhunderte hindurch den Standorten ihres Hafens.

Das Stadtgebiet in hellenistischer und römischer Zeit, das heute durch den archäologischen Park erschlossen wird, ist durch zwei Berge bestimmt, den kegelförmigen Panayır Dağ, in dessen westlichen Hang etwa das Theater hineingebaut ist, und den langgezogenen Bülbül Dağ, auf dessen Kamm sich die hellenistische Stadtmauer entlangzieht.

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4. Zur Erforschung von Ephesos

Das antike Ephesos ist heute für Besucher durch einen archäologischen Park sehr gut erschlossen. Anders als etwa in Rom oder Athen, ist das antike Stadtgebiet nicht von einer modernen Siedlung überbaut, so dass die Ausgräber bei ihrer Arbeit kaum eingeschränkt waren. Der Nachteil dieser Situation war allerdings, dass die Lokaltradition über das antike (hellenistisch-kaiserzeitliche) Stadtgebiet abgebrochen war; man kannte lediglich das Ruinenfeld, in dem der Handelsreisende Ciriaco de Pizzicolli (bzw. Cyriacus von Ancona, 1391 - vor 1457) im Jahre 1446 erstmals Inschriften sammelte und dokumentierte.

Literarisch war Ephesos aber vor allem durch den großen Artemis-Tempel (Artemision) bekannt, eines der sieben Weltwunder der Antike. Diesen fand erst 1869 der britische Architekt John Turtle Wood, der eigentlich mit dem Bau der ersten Bahnlinie im Osmanischen Reich betraut war, aber im Zeitraum 1863-1874 in Ephesos auch Ausgrabungen durchführte. Erst jetzt war klar, dass sich das Artemision außerhalb der Stadt, in der Ebene unterhalb des Ayasoluk, befunden hatte.

Seit 1895 liegen die Ausgrabungen in Ephesos in der Hand des Österreichischen Archäologischen Instituts (http://www.oeaw.ac.at/oeai/). Bis zum Ersten Weltkrieg konzentrierten sich die Grabungen auf das Gebiet zwischen Theater und Hafen, wobei besonders der archäologische Komplex des „Hafen-Gymnasiums“ hervorzuheben ist. In der Zeit zwischen den Weltkriegen (1926-1935) erschlossen die Archäologen auch christliche Monumente wie die Marienkirche und die Johannesbasilika, aber auch der Tempel für den provinzialen Kaiserkult unter Domitian (s.u. 5.2.2) wurde entdeckt. Nach dem Zweiten Weltkrieg (ab 1954) widmete man sich unter anderem den Bauten entlang der „Ringstraße“ (Embolos). In diese Zeit fallen auch die Versuche, einzelne Fassaden – namentlich die der Celsus-Bibliothek – wiederaufzubauen.

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Seit Mitte der 1990er Jahre liegt ein wesentlicher Schwerpunkt der archäologischen Forschung auf den „Hanghäusern“, die nicht nur ausgegraben und publiziert, sondern auch durch Schutzbauten für Besucher erschlossen werden. Damit wird wenigstens ein kleiner Ausschnitt der Wohnbebauung sichtbar, während die sonstigen Ausgrabungen vor allem öffentliche Gebäude (Tempel, Theater, Thermen etc.) zutage gefördert haben. Daneben laufen zahlreiche Projekte, die sowohl archaische wie spätantike Befunde zum Gegenstand haben. Nach einer erzwungenen Unterbrechung in den Jahren 2016-2018 sind nun wieder Forscherinnen und Forscher des ÖAI in Ephesos tätig (http://www.oeaw.ac.at/oeai/institut/aussenstellen/ephesos).

Die Ausgrabungen seit 1895 sind im Detail in den Bänden der Reihe „Forschungen in Ephesos“ (Abkürzung: FiE) dokumentiert. Die meisten der über 5.000 Inschriften, die in Ephesos gefunden wurden, sind in den sieben Bänden der „Inschriften von Ephesos“ (Abkürzung: IvE) versammelt, die in der Reihe „Inschriften griechischer Städte in Kleinasien“ erschienen sind.

5. Stadtgeschichte

5.1. Vor 133 v. Chr.

5.1.1. Frühgeschichte und klassische Zeit

Ausweislich archäologischer Funde gab es im Gebiet von Ephesos bereits in der Bronzezeit mehrere Siedlungen. Dem entspricht die Lokalmythologie, die mehrere Ursprungserzählungen kennt: Zum einen wird Ephesos auf eine Ansiedlung von Amazonen zurückgeführt (Strabon, 14,1,4; auch Pausanias, 7,2,7), zum anderen auf einen gewissen Koressos und Ephesos, den Sohn des Flussgottes Kaystros (Pausanias, 4,31,8; 7,2,7-8). Die griechische Präsenz in Ephesos wird nach Strabon, 14,1,21 auf den athenischen Königssohn Androklos zurückgeführt, der sich mit einer Gruppe von Ionern u.a. auf dem Koressos (dem nordwestlichen Ausläufer des Panayır Dağ, in archaischer Zeit noch eine ins Meer ragende Landzunge) niedergelassen habe. Der Ort der Ansiedlung, so der Mythos, sei Androklos durch den Lauf eines aufgescheuchten Ebers angezeigt worden: Androklos habe den Eber an der Stelle der späteren Siedlung erlegt, nachdem dieser um den Panayır Dağ herumgelaufen sei. Diese Erzählung erklärt auch den Prozessionsweg um den Berg, der noch in der Kaiserzeit als Durchbrechung des ansonsten strikt rechtwinkligen Straßenmusters sichtbar blieb.

Etwa ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. tritt Ephesos als eine griechische Stadt im Verbund der griechischen Städte in Kleinasien in Erscheinung. Die Siedlung befand sich in dieser Zeit aber noch nicht im Bereich der hellenistischen und römischen Stadt, sondern nördlich davon, in der Nähe des Artemision. Eine weitere Siedlung ist am Panayır Dağ nachweisbar (zur Siedlungsgeschichte vgl. auch https://www.oeaw.ac.at/oeai/forschung/historische-archaeologie/historische-archaeologie-im-mittelmeerraum/ephesos-vorhellenistische-siedlungsgeschichte). Auch für den Artemis-Tempel sind im 8. Jahrhundert v. Chr. die ersten Baustrukturen archäologisch nachweisbar (der Kult war freilich schon wesentlich älter).

Im 6. Jahrhundert v. Chr. kam Ephesos kurzzeitig unter die Herrschaft des Lyderkönigs Kroisos (davon: Krösus); dieser errichtete im Bereich des Artemision einen neuen Artemis-Tempel, der in der Antike als Weltwunder galt. Ab 546 v. Chr. gehörte die Stadt dann zum Perserreich, blieb aber in ihrer inneren Verfassung eine griechische Polis. Nach den Perserkriegen schloss sich Ephesos dem attischen Seebund an, lavierte im Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta und fiel nach dem Krieg wieder bis 334 v. Chr. unter persische Oberhoheit. Alexander der Große förderte den Neubau des 356 v. Chr. niedergebrannten Artemision. Dieser Tempel – wiederum von monumentalen Ausmaßen, war bis zur endgültigen Zerstörung 262 n. Chr. das religiöse Zentrum von Ephesos. Heute sind davon noch Reste der Fundamentmauern und eine wieder errichtete Säule zu besichtigen.

5.1.2. Artemis, das Artemision und Ephesos

Die unstrittige Stadtgöttin von Ephesos war Artemis. Allerdings war diese Artemis nicht die griechische Jagdgöttin, die leicht geschürzt mit Pfeil und Bogen dem Wild nachstellt. Das (wohl hölzerne) Kultbild, das sich im Innenraum (naós) des Artemision befand, scheint eine weibliche Gestalt in starrer, aufrechter Haltung mit einem hohen Kopfputz gewesen zu sein. So stellen es jedenfalls Abbildungen auf ephesischen Münzen dar sowie marmorne Nachbildungen aus der römischen Kaiserzeit, die bei Ausgrabungen in der Stadt gefunden wurden.

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Gemeinsam ist all diesen Abbildungen ein seltsamer Brustbehang, für den noch keine zufriedenstellende Erklärung gefunden wurde. Christliche Polemik (Minucius Felix, Octavius 22,5; Hieronymus, Comm. Eph. Praef. 540) deutete die Gebilde als eine große Menge von Brüsten; in neuerer Zeit wird erwogen, ob es sich um die Hoden geopferter Stiere handeln könnte. Das Standbild war als Werk des Endoios bekannt (Plinius, N.H. 16,79,213-215; Athenagoras, Leg. 17,4), anderen Autoren zufolge eine unvordenkliche Stiftung von Amazonen (Kallimachos, Hymn. 3,237-239.248-250; Pausanias, Descr. 4,31,8). Apg 19,35 ist der einzige bekannte Beleg für die Vorstellung, das ephesische Kultbild sei vom Himmel bzw. von Zeus heruntergefallen.

Was die Gestalt des Kultbildes angeht, war die ephesische Artemis also eine besondere Artemis. Von der Hirsch-Ikonographie abgesehen, wurde sie nicht speziell als Göttin der Jagd gesehen, sondern sie war die Stadtgöttin von Ephesos. Dennoch war sie auch in Ephesos in die Erzählung der griechischen Mythologie eingebunden, wonach sie, zusammen mit ihrem Bruder Apollon, von Zeus und Leto abstammte. Die ephesische Lokalmythologie fand ihren Geburtsort passenderweise in der Nähe der Stadt, im fußläufig erreichbaren Hain von Ortygia. So konnte der Geburtstag der Artemis am 6. Thargelion (Mai/Juni) zum höchsten Feiertag von Ephesos werden. Diesen Tag beging die Stadt Ephesos mit einer feierlichen Prozession zum Hain von Ortygia. An diese Feier schloss im Jahr 104 n. Chr. Gaius Vibius Salutaris, ein in Ephesos ansässiger römischer Ritter, seine Stiftung an; die Verfügung ist inschriftlich erhalten (Inschriften von Ephesos, Nr. 27). Aus den Erträgen des Stiftungskapitals sollte jedes Jahr am Geburtstag der Artemis eine Geldverteilung an den Rat und die Bürger von Ephesos, vor allem aber an organisierte Jugend der ephesischen Bürgerschaft (die Epheben) erfolgen. Seine Stiftung zeigt, dass auch und gerade in der römischen Kaiserzeit die Stadtgöttin Artemis das bestimmende Fundament für die kollektive Identität der Ephesier war: Ephesos mochte zum römischen Imperium gehören, aber in erster Linie war und blieb es die Stadt der Artemis (Rogers).

Die Feste zu Ehren der Göttin Artemis hatten, wie Feste in griechischen Götterkulten allgemein, drei Bestandteile: Die Prozession (pompé), in der die Bürgerschaft der Stadt als strukturiertes Ganzes zum Tempel zog, das Opferfest (thysía), bei dem das Fleisch der Opfertiere gleich zubereitet und verzehrt wurde (in der Regel verbrannte man auf dem Altar nur die unbrauchbaren Teile), und der sportliche und musische Wettkampf (agón): Dass es einen sportlichen Wettkampf zu Ehren der Artemis gab, ist schon seit langem aus Ehreninschriften für die siegreichen Athleten bekannt. Für einen musischen Agon spricht, dass seit einigen Jahren im Bereich des Artemision ein Odeion als Aufführungsstätte für Gesangsdarbietungen bekannt ist (Zabrana).

Der Tempelbezirk der Artemis scheint schon in vorgeschichtlicher Zeit eine anerkannte Asylstätte gewesen zu sein. In einer Zeit ohne geordnete Rechtspflege waren Einrichtungen dieser Art ein Weg, sich Fehden oder ausgedehnter Blutrache zu entziehen. In späterer Zeit konnte die Asylie (wörtlich: Nicht-Plünderung, also Unantastbarkeit im Schutz der Gottheit) zum Ärgernis werden, wenn ein Potentat wie Marcus Antonius den Asylbereich kurzzeitig bis in das Stadtgebiet hinein ausdehnte (Strabon, 14,1,23): So war ein Teil der Stadt dem Verbrechen überlassen. Dieser Zustand wurde allerdings bald wieder beendet.

Es mag eine Folge der Asylie sein, dass das Artemision als überregional berühmter Tempel auch die Rolle einer Bank übernahm; zudem scheint der landwirtschaftlich genutzte Grundbesitz des Tempels in der Umgebung von Ephesos ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor gewesen zu sein.

5.1.3. Hellenistische Zeit

Seit dem Feldzug Alexanders des Großen war Ephesos von der persischen Oberhoheit befreit, musste sich nun aber in den Konflikten zwischen Alexanders Nachfolgern (Diadochenkämpfe) positionieren. Zunächst (ab 302 v. Chr.) gehörte die Stadt zum Machtbereich des Lysimachos, der im Wesentlichen den europäischen Teil des Reiches Alexanders umfasste. Lysimachos verlegte die Stadt in die Ebene am Fuß des Panayır Dağ, also näher an einen zu dieser Zeit nutzbaren Hafen. Anscheinend war die Bevölkerung aber wenig geneigt, in die neue Stadt umzuziehen (Strabon, 14,1,21).

Lysimachos verlor Ephesos an den Seleukiden Seleukos I. Nikator, der den (vorder-) asiatischen Teil des Alexanderreiches beherrschte. Im Lauf des 3. Jahrhunderts v. Chr. fiel Ephesos aber mehrfach auch unter die Herrschaft einer weiteren Großmacht unter den Nachfolgestaaten des Alexanderreiches: des ägyptischen Ptolemäerreiches (seitdem sind in Ephesos auch Spuren ägyptischer Religion belegt). Formal war Ephesos aber eine freie griechische Stadt mit eigenen Institutionen (Beamte, Rat, Volksversammlung).

Am Ende des 3. Jahrhunderts begann Rom, sich als Ordnungsmacht im ägäischen Raum zu engagieren. Im Frieden von Apameia (188 v. Chr.) zwang es den Seleukiden Antiochos III. Theos, Kleinasien zu räumen. Ephesos fiel an das Königreich Pergamon und wurde eine unfreie Provinzstadt.

5.2. Römische Zeit

5.2.1. Republik

Da der letzte König von Pergamon, Attalos III., keine Erben hatte, vererbte er 133 v. Chr. sein Reich an das römische Volk. Für Rom war diese Erbschaft vor allen Dingen ein Weg, um verarmte Plebejer zu versorgen, und so war die Verwaltung der neuen Provinz Asia zunächst vor allem von Ausbeutung bestimmt. Ephesos war zwar formal eine freie Stadt, war aber auch dem Zugriff römischer Steuerpächter (publicani) ausgeliefert. Nur sporadisch setzte sich ein römischer Beamter wie der Proconsul Quintus Mucius Scaevola (120 / 19 v. Chr.) für die Belange der Provinzbevölkerung ein; er wurde mit einem nach ihm benannten Agon (Sportwettkampf), den Moukíeia, geehrt. Neben den Steuerpächtern ließen sich auch andere römische Geschäftsleute in der Provinz Asia einschließlich Ephesos nieder und beteiligten sich im Schutz der römischen Macht an der Ausbeutung der Provinz. Die so entstehende Spannung eskalierte, als 89 / 88 v. Chr. König Mithridates VI. Eupator gegen Rom Krieg führte. Er konnte sich auf seinem Eroberungszug durch die Provinz Asia als Befreier der Griechen von der römischen Herrschaft darstellen. Als ein grausamer Höhepunkt dieses Feldzugs mag die „ephesiche Vesper“ gelten, eine konzertierte Mordaktion, der angeblich 80.000 Römer zum Opfer fielen, sogar diejenigen, die sich in den Schutz der Tempel geflüchtet hatten (Appian, Mithr. 22-23). Als Mithridates’ Stern sank, konnte sich Ephesos aber nicht mehr durch rechtzeitigen Seitenwechsel aus der Affäre ziehen. Lucius Cornelius Sulla behandelte die Stadt als erobertes Gebiet. Abgesehen davon, dass Ephesos seine Freiheit verlor, waren immense Strafzahlungen aufzubringen, für die wiederum Darlehen bei römischen Banken nötig waren. Ephesos, wie auch andere Städte in der Provinz, musste sich erheblich verschulden und erholte sich in den folgenden Jahrzehnten nur langsam. Römische Beamte, die für Ephesos Erleichterungen bewirkten und die wirtschaftliche Konsolidierung beförderten, erhielten göttliche Ehren: Eine Inschrift aus Ephesos (IvE 251) feiert Gaius Iulius Caesar als „von Ares und Aphrodite (stammenden) offenbaren Gott und Retter des menschlichen Lebens“ – hier zeichnet sich schon der spätere Kaiserkult ab. Um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. dürfte Ephesos Sitz des Proconsul der Provinz Asia geworden sein.

Im Bürgerkrieg nach Caesars Ermordung (44 v. Chr.) hatte Marcus Antonius die östliche Hälfte des Reiches unter sich; mit seiner Verbündeten Kleopatra schlug er sein Hauptquartier in Ephesos auf und zog von dort auch in die entscheidende Schlacht bei Actium (31 v. Chr.), mit welcher der Bürgerkrieg endete und Octavianus (der nachmalige Augustus) Alleinherrscher wurde.

5.2.2. Kaiserzeit

Im römischen Bürgerkrieg war Ephesos also auf der falschen Seite gestanden. Der neue Alleinherrscher Octavianus (der nachmalige Augustus) überzog die früheren Unterstützer seines Gegners aber nicht mit Strafen, sondern schuf mit dem nun befriedeten römischen Reich einen Raum, in dem sich alle Provinzen und Städte entwickeln konnten. Ob Ephesos in dieser Zeit formal eine freie Stadt war, ist fraglich; allerdings besaß dieser Status in der Kaiserzeit ohnehin keine große Relevanz mehr.

Auf die neue Situation reagierten die Provinzialen auf mehreren Ebenen mit göttlicher Verehrung für Augustus:

  • Der Verband (griechisch: koinón) der griechischen Städte in der Provinz Asia errichtete für Augustus und die Dea Roma (Verkörperung des römischen Staates) einen Kult in Pergamon.
  • Für die in der Provinz Asia ansässigen Römer richtete Augustus in Ephesos einen Kult für seinen vergöttlichten Adoptivvater Gaius Iulius Caesar ein.
  • In Ephesos – wie auch in anderen Städten der Provinz – ist durch Inschriften nachweisbar, dass Augustus auf städtischer Ebene in einem Heiligtum als Gott verehrt wurde. Wo sich dieses Heiligtum befand, ist aber bis heute umstritten.

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In der römischen Kaiserzeit (1.-3. Jahrhundert n. Chr.) konnte sich Ephesos ungestört entwickeln, ohne Plünderungen durch römische Kriegsherren befürchten zu müssen. Die archäologischen Befunde aus dieser Zeit weisen auf Reichtum und Prachtentfaltung bei privaten und öffentlichen Gebäuden hin. Einen besonderen Aufschwung erlebte Ephesos unter Kaiser Domitian (81-96 n. Chr.), als die Stadt Standort eines Tempels für den provinzialen Kaiserkult wurde. In dieser Eigenschaft trug die Stadt Ephesos den Ehrentitel neokóros, also „Tempelhüter(in)“. Diesen Titel verwendete sie auch für ihre Rolle als Standort des überregional bedeutsamen Artemis-Tempels (reflektiert in Apg 19,35). Angesichts der neuen Würde setzte die Stadt Ephesos am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. ein ehrgeiziges Programm zur Stadtverschönerung um. Neben Erweiterungen am Theater und mehreren prächtigen Brunnenanlagen bescherte dies der Stadt auch einen großen Bad-Gymnasium-Komplex, die so genannten „Hafenthermen“. Im 2. und 3. Jahrhundert folgten weitere Bad-Gymnasien des gleichen Typs, die eine (römische) Thermenanlage und ein (griechisches) Gymnasium verbanden. Unter Kaiser Hadrian (117-138 n. Chr.) wurde Ephesos erneut Standort eines provinzialen Kaiserkult-Tempels und erhielt zum zweiten Mal den Ehrentitel neokóros. Weitere Verleihungen folgten unter den Kaisern Caracalla und Geta (197/98-211) sowie Elagabal (218-222).

Auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet scheint Ephesos in der römischen Kaiserzeit ein Zentrum der Medizin gewesen zu sein: Abgesehen von den namentlich bekannten Medizinern Rufus von Ephesos und Soranos von Ephesos (beide 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr., letzterer in Rom tätig), ist für Ephesos auch ein Agon der Ärzte inschriftlich bezeugt. Daneben ist auf den prominenten Sophisten und Redner T. Flavius Damianos zu verweisen, der in Ephesos öffentliche Gebäude wie etwa einen überdachten Fußweg von der Stadt zum Artemision (Damianus-Stoa) finanzierte. Er ist das Paradebeispiel für einen Angehörigen der kaiserzeitlichen Oberschicht, der sich durch Bildung und Reichtum auszeichnete und für öffentliche Ämter empfahl, seinen Reichtum auch für den Ausbau und die Verschönerung seiner Heimatstadt einsetzte und im Gegenzug für diese Wohltaten wiederum von der Stadt Ehrungen erhielt, die (meistens durch Inschriften auf den noch erhaltenen Postamenten seiner Statuen) heute noch nachvollziehbar sind. Was in dieser Zeit an privatem Luxus möglich war, ist heute noch in den Wohneinheiten des Hanghauses 2 – großzügige Luxuswohnungen in zentraler Lage – zu besichtigen.

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Diese Blütezeit von Ephesos endete abrupt im Jahre 262 n. Chr., als ein Erdbeben und plündernde Goten Ephesos trafen. War Ephesos von den Krisen des 3. Jahrhunderts bis dahin nicht betroffen gewesen, so war nun ein Wiederaufbau des zerstörten Artemision nicht mehr möglich, und die örtliche Münzprägung in Ephesos kam zum Erliegen.

5.3. Spätantike

Von der Katastrophe des Jahres 262 n. Chr. erholte sich Ephesos nur allmählich. Im 4./ 5 . Jahrhundert setzt wieder nachweisbare Bautätigkeit ein, wobei vor allem kaiserzeitliche Strukturen neu ausgebaut wurden. So wurde etwa die Terrasse des 89 / 90 n. Chr. eingeweihten Sebastoi-Tempels nun zur Basis eines neuen Gebäudes, dessen Mosaikfußboden noch erhalten ist, die Hanghäuser wurden neu besiedelt (freilich nicht mehr als Luxuswohnungen, sondern als Werkstätten), und die südliche Säulenhalle des Kaiserkult-Tempels von Kaiser Hadrian wurde nun zur Marienkirche. Im zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts hatte sich Ephesos so weit erholt, dass die Stadt als Tagungsort des dritten ökumenischen Konzils 431 n. Chr. dienen konnte – ebenso für weitere Synoden wie das berüchtigte latrocinium („Räubersynode“) des Jahres 449 n. Chr.

Im 6. Jahrhundert verlagerte sich das Zentrum von Ephesos wieder, diesmal zurück nach Nordosten auf den Ayasoluk. Auf diesem befestigten Hügel ließ Kaiser Justinian (527-565) als zweites geistliches Zentrum die Johannesbasilika (über dem vermeintlichen Grab des Apostel Johannes) errichten. Ab 1955 wurden Teile der ausgegrabenen Ruine wiederaufgerichtet, so dass man heute einen guten Eindruck von den Ausmaßen des spätantiken Kirchengebäudes erhält. Von der Siedlung auf dem Ayasoluk ausgehend, entstand am östlichen Fuß des Hügels die neuzeitliche Stadt Selçuk.

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Im 7. Jahrhundert ließen Einfälle von Persern und Arabern die byzantinische Herrschaft im Gebiet von Ephesos brüchig erscheinen, vollends prekär wurde sie ab 1090 mit der ersten Eroberung durch die neu in Kleinasien auftretenden Türken, ab 1330 blieb Ephesos fest in türkischer Hand. Allerdings lebte in der Region bis 1922 / 23 eine griechische Bevölkerungsgruppe.

In der Ebene, am nunmehr endgültig verlandeten bzw. versumpften Hafenbecken, bestand bis ins 14. Jahrhundert eine Siedlung im Anschluss an die Marienkirche. Diese Siedlung wurde erst in den Jahren 2011 bis 2018 ergraben; die Publikation steht noch aus.

6. Juden in Ephesos

In Ephesos gab es spätestens seit Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. eine jüdische Gemeinde (Josephus, Ant. 12,125-126). Der Quellenbefund ist jedoch nicht sehr aussagekräftig: Der Apostelgeschichte (Apg 18,19-21.26; Apg 19,8-10.34; Apg 20,19.21) ist nur zu entnehmen, dass es in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Ephesos eine jüdische Gemeinde mit einem eigenen Versammlungsraum und einer gewissen Außenwirkung gab. Josephus überliefert im 14. und 16. Buch seiner Antiquitates Iudaicae einige Dokumente, in denen den in Ephesos lebenden Juden bestimmte Privilegien gewährt werden, so etwa die ungehinderte Abführung der Tempelsteuer nach Jerusalem oder die Rücksicht auf jüdische Sabbatobservanz bei Gerichtsterminen. Der inschriftliche Befund ist jedoch ausgesprochen mager. Das Corpus Inscriptionum Iudaicarum enthält für Ephesos ganze sechs Inschriften (von insgesamt über 5000), die überhaupt in irgendeinem Sinn als jüdisch einzuordnen sind; zwei davon stammen erst aus der Spätantike. Daneben sind noch einige Kleinfunde zu nennen. Die spärlichen Befunde legen nahe, dass diejenigen Juden, die im Quellenmaterial Spuren hinterließen, um weitgehende Integration in die Mehrheitsgesellschaft bei Wahrung der eigenen Identität bemüht waren. Allerdings zeigen die fallweisen Privilegierungen, die Josephus bezeugt, dass ihr Status prekär war; in der Regel waren sie keine Vollbürger mit unstrittigen Rechten, sondern geduldete Metoiken („Beisassen“), denen fallweise Privilegien gewährt wurden. Dass es im Umfeld der jüdischen Gemeinde „Gottesfürchtige“ gab, ist zwar für Ephesos selbst nicht direkt zu belegen, aber aus den Befunden anderer kleinasiatischer Städte immerhin als plausibel anzunehmen.

7. Anfänge des Christentums in Ephesos

7.1. Vor Paulus

Die Geschichte des Christentums in Ephesos beginnt schon vor Paulus. Als Paulus – vermutlich 51 oder 52 n. Chr. – nach Ephesos kam, scheint dort schon mit Apollos ein Vertreter des christlichen Glaubens am Werk gewesen zu sein. Der etwas gewundenen Erzählung Apg 18,24-28 ist zu entnehmen, dass dieser eine eigene Form der Christusnachfolge vertrat; der 1. Korintherbrief (1Kor 1,12; 1Kor 3,3-7; 1Kor 16,12) deutet auf ein spannungsvolles, aber nicht feindseliges Verhältnis zwischen Paulus und Apollos hin. Auch die anschließende Episode Apg 19,1-7 lässt den Schluss zu, dass es in Ephesos auch andere „Jünger“ (Jesu) gab, die ihren Glauben nicht auf Paulus zurückführten.

7.2. Paulus

Paulus etablierte in Ephesos eine Gruppe von Christusanhängern, deren Zentrum das Haus von Prisca und Aquila war (vgl. 1Kor 16,19). Dies war auch die Basis, von der aus Paulus sein Kollektenprojekt (v.a. 1Kor 16,1-4) wie auch die teilweise schwierigen Kontakte mit seiner Gemeinde in Korinth organisierte. Die Hausgemeinde um Prisca und Aquila (und Paulus) umfasste vermutlich nicht alle Christen in Ephesos; die älteren Gruppierungen, auf die Apg 18,24-19,7 hinweist, dürften weiter bestanden haben.

Auch in Ephesos scheint Paulus Schwierigkeiten gehabt zu haben; jedenfalls verwendet er in 1Kor 15,32 das Bild des Kampfes mit wilden Tieren, und in 1Kor 16,9 spricht er (neben vielversprechenden Möglichkeiten) von zahlreichen Widersachern. Auch der Rückblick auf die Abreise aus Asia (2Kor 1,8-9) lässt auf erhebliche Widerstände schließen. Wenn man annimmt, dass der Philipperbrief und der Philemonbrief in Ephesos entstanden sind, lassen sich diese Notizen wenigstens teilweise auf einen Gefängnisaufenthalt beziehen. Daraus ist aber nicht zu folgern, dass Paulus in Ephesos völlig gescheitert sei.

7.3. Nach Paulus

Dass die Apostelgeschichte dem Aufenthalt in Ephesos relativ viel Raum widmet, spricht dafür, dass es auch zur Zeit des Lukas in Ephesos ein paulinisch geprägtes Christentum gab. Darauf weist besonders die Abschiedsrede des Paulus in Apg 20,17-35 hin, die der Erzähler eigens an die Ältesten aus Ephesos gerichtet sein lässt. Die pseudepigraphischen Pastoralbriefe vermitteln einen ambivalenten Eindruck von Ephesos als Wirkungsort des Paulus; 1Tim 1,3 deutet auf Konflikte um das theologische Erbe des Paulus hin. Hingegen spricht die Adressierung des Epheserbriefes – wann immer sie diesem Schreiben zugewachsen sein mag – für eine positive Erinnerung an Ephesos als Basis und ideale Gemeinde des Paulus.

7.4. „Johannes“ und christliche Vielfalt in Ephesos

Ephesos verbindet sich aber auch mit dem Namen Johannes. Unter den sieben Gemeinden, an die sich die Johannesapokalypse richtet (Apk 1,4.11) befindet sich auch eine in Ephesos (Apk 1,11; Apk 2,1). Diese scheint aber nicht die einzige christliche Gruppierung in Ephesos gewesen zu sein, denn Johannes, der Verfasser der Johannesapokalypse, polemisiert in Apk 2,6 (auch Apk 2,14-15) gegen „Nikolaïten“ – augenscheinlich eine andere christliche Gruppe am selben Ort, die in manchen Dingen etwas „liberaler“ eingestellt war, als es Johannes für wünschenswert hielt. Ob man diese Gruppe mit paulinisch geprägtem Christentum assoziieren kann, mag dahingestellt bleiben. Wenn man auch das Johannesevangelium und die Johannesbriefe mit Ephesos in Beziehung setzt – die Notiz bei Irenäus, Haer. 3,1,1 mag das nahelegen – , wird die Gemengelage noch komplexer. Bis in die 1990er Jahre erklärte man diese Bezeugung von unterschiedlichen Formen des frühen Christentums an einem Ort mit der Annahme, dass die eine Gemeinde von Ephesos zuerst paulinisch geprägt gewesen sei, aber um die Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert das paulinische vom johanneischen Christentum abgelöst worden sei (Schnackenburg, Thiessen, Günther). Dabei bleibt aber fraglich, wie dieser Wandel vorzustellen sei und wie die Polemik, die die Johannesapokalypse gegen andere Christen (Nikolaïten) betreibt, in dieses Modell zu integrieren sei. In jüngerer Zeit nimmt man daher eher an, dass in Ephesos zur gleichen Zeit mehrere christliche Gemeinden mit je unterschiedlicher Orientierung existiert haben (Trebilco, Witetschek). Die Darstellung des Christentums in Ephesos am Ende des 1. Jahrhunderts hängt stark von einleitungswissenschaftlichen Entscheidungen ab, die das heranzuziehende Corpus von Quellen bestimmen. Wenn man die Pastoralbriefe, die Johannesbriefe und die Johannesapokalypse heranzieht (Trebilco) entsteht ein anderes Bild von Gemeindeverfassung(en), Glaubensvollzügen und theologischen Orientierungen, als wenn man die Apostelgeschichte und die Johannesapokalypse als einschlägige Quellen in den Mittelpunkt stellt (Witetschek).

7.5. Nach der neutestamentlichen Zeit

Das gleiche gilt für die Ignatiusbriefe. Wenn man die Texte in diesem Briefcorpus für authentische Dokumente aus trajanischer Zeit (98-117 n. Chr.) hält, hat man eine Quelle, die für diese Zeit bereits eine entwickelte episkopale Ämterstruktur bezeugt. Hält man das ignatianische Briefcorpus für pseudepigraphisch, belegt es lediglich den Wunsch eines Autors aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts.

Am Ende des 2. Jahrhunderts war Ephesos ein Zentrum der Quartodezimaner: Bischof Polykrates von Ephesos vertrat in seinem Brief an Victor von Rom (Eusebius, Hist. Eccl. 5,24,2-7) mit Nachdruck die Position, dass Ostern exakt am Termin des jüdischen Pesachfestes zu feiern sei. Dafür berief er sich auf eine etablierte Tradition, die nicht nur christliche Amts- und Würdenträger aus seiner eigenen Familie einschloss, sondern auch Märtyrer und Apostel, einschließlich Johannes. Polykrates berief sich dabei besonders darauf, dass Johannes in Ephesos „schlafe“, also begraben sei. Etwas später findet sich die Lokaltradition von einem Johannesgrab in Ephesos auch in den Johannesakten (ActJoh 111-115). Im 3./4. Jahrhundert kannte Eusebius (Hist. Eccl. 3,39,5-7) sogar eine Lokaltradition von zwei (!) Johannesgräbern in Ephesos. Freilich gibt keiner der erwähnten Texte eine exakte Lokalisierung eines Johannesgrabes. Archäologisch greifbar ist nur eine Grabstätte bzw. Memoria im Bereich der Johannesbasilika, die in der Antike und Mittelalter ein beliebtes Pilgerziel war. Ein weiteres spätantikes Pilgerziel war an der Ostseite des Panayır Dağ die Grotte der sieben Schläfer.

8. Marianische Lokaltradition

Aus der Kombination von Joh 19,27 mit der Lokaltradition vom Aufenthalt des Apostels und Evangelisten Johannes in Ephesos ließ sich ableiten, dass Maria ihren Lebensabend in Ephesos verbracht habe. Diese Vorstellung wurde befördert durch die von Clemens Brentano abgefassten Visionen der westfälischen Nonne Anna Katharina Emmerick (1774-1824). Davon inspiriert, fanden französische Lazaristen 1891 südlich von Ephesos eine Ruine, die sie zum Haus Marias erklärten (türkisch: Meryemana evi). Die so entstandene Wallfahrtsstätte wird heute von einer Kapuzinerkommunität betreut (https://www.hzmeryemanaevi.com/en/).

Literaturverzeichnis

1. Lexikonartikel

  • Paulys Realencyclopädie, Stuttgart 1893-1978
  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff.
  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-20
  • Encyclopedia of the Bible and its Reception, Berlin / New York 2009ff

2. Weitere Literatur

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  • Friesen, S.J., 2001, Imperial Cults and the Apocalypse of John. Reading Revelation in the Ruins. Oxford / New York.
  • Friesinger, H./Krinzinger, F. (Hrsg.), 1999, 100 Jahre österreichische Forschungen in Ephesos. Akten des Symposions Wien 1995 (DÖAW.PH 260 – Archäologische Forschungen 1). Wien
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  • Günther, M. 1995 (21998), Die Frühgeschichte des Christentums in Ephesus (ARGU 1). Frankfurt/M. u.a.
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  • Koester, H. (Hrsg.), 1995, Ephesos. Metropolis of Asia. An Interdisciplinary Approach to its Archaeology, Religion, and Culture (Harvard Theological Studies 41). Valley Forge, PA
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  • Price, S.R.F. 1984, Rituals and Power. The Roman Imperial Cult in Asia Minor. Cambridge
  • Rogers, G.M., 1991, The Sacred Identity of Ephesus. Foundation Myths of a Roman City. London / New York
  • Schnackenburg, R., 1991, Ephesus. Entwicklung einer Gemeinde von Paulus zu Johannes, in: BZ.NF 35, 41-64
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  • Witetschek, S., 2009, Artemis and Asiarchs. Some Remarks on Ephesian Local Colour in Acts 19, in: Biblica 90, 334-355
  • Witetschek, S., 2017, Polycrates of Ephesus and the “Canonical John”, in: M. Vinzent (Hrsg.), Papers Presented at the Seventeenth International Conference on Patristic Studies Held in Oxford 2015. Volume 17: Biblica. Philosophica, Theologica, Ethica. Hagiographica. Ascetica (Studia Patristica 91). Leuven
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  • Wohlers-Scharf, T., 1995, Die Forschungsgeschichte von Ephesos (EHS Archäologie 54), Frankfurt/M. u.a.
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Abbildungsverzeichnis

  • Stadtplan von Ephesos. Österreichisches Archäologisches Institut.
  • Die wieder aufgebaute Fassade der Celsus-Bibliothek. Das Bibliotheksgebäude war zugleich das Grabmal seines Stifters, Tiberius Iulius Celsus Polemainos, der sich – gewissermaßen als Heros – ausnahmsweise innerhalb der Stadtmauern bestatten lassen durfte. Foto: Stephan Witetschek
  • Die „schöne Artemis“ (eine kaiserzeitliche Nachbildung des Kultbildes) im Ephesos-Museum in Selçuk. Foto: Stephan Witetschek
  • Marmorplatte vom Altar des Sebastoi-Tempels im Ephesos-Museum in Selçuk. Foto: Stephan Witetschek.
  • Wieder errichtetes Fragment (Architekturprobe) von der Verkleidung der Substruktionen des Sebastoi-Tempels. Im Hintergrund sind die Unterbauten der Tempelplattform zu sehen. Foto: Stephan Witetschek.
  • Vormals überdachter, mit Mosaikboden versehener Fußgängerweg an der Kuretenstraße mit Blick auf Hanghaus 2. Foto: Stephan Witetschek.
  • Bodenmosaiken und Wandmalereien in Wohneinheit 3/5 von Hanghaus 2. Foto: Susann Witetschek
  • Innenhof (Peristyl) mit Brunnenanlage in Wohneinheit 2 von Hanghaus 2. Foto: Susann Witetschek.
  • Blick von Wohnheinheit 2 über die Ausgrabungen in Hanghaus 2. Foto: Stephan Witetschek
  • Johannesgrab vor der Apsis der Johannesbasilika. Foto: Susann Witetschek.
  • Blick über die Reste des Artemision (mit einer wieder errichteten Säule) auf die Isa-Bey-Moschee, die Johannesbasilika und die Zitadelle auf dem Ayasoluk (von vorne nach hinten). Foto: Stephan Witetschek.

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