Jeremia 29,1.4-7(8-9)10-14 | 21. Sonntag nach Trinitatis | 25.10.2026
Einführung in das Jeremiabuch
Das Jeremiabuch
Auch in der Debatte um das Verhältnis der historischen „klassischen“ Prophetie
Das Buch Jeremia kreist um die Zerstörung Jerusalems
Die gegenwärtig vertretenen Thesen darüber, welche Teile des Buches seinen entstehungsgeschichtlichen Kern bildeten, inwieweit dieser Kern auf eine Prophetengestalt namens Jeremia aus Anatot zurückzuführen sei, und welche Bereiche des Buches sich umgekehrt schriftgelehrter theologischer Reflexion verdankten, gehen weit auseinander. H.-J. Stipp etwa führt weite Teile der Wortüberlieferung in Jer 1–25
Dieser Ansatz hat den Vorteil, dass sich durch ihn einige Besonderheiten des Jeremiabuches erklären lassen. Dies beginnt bei der frühen Bedeutung der Frau Zion: Klagen wurden in Mesopotamien nicht selten im Namen der personifizierten Stadt vorgebracht; entsprechend werden die an die Klagen in Jer 4–6
Literatur:
- Bezzel, H., 2007, Die Konfessionen Jeremias. Eine redaktionsgeschichtliche Studie (BZAW 378), Berlin / New York.
- Köhler, S., 2017, Jeremia – Fürbitter oder Kläger? Eine religionsgeschichtliche Studie zur Fürbitte und Klage im Jeremiabuch (BZAW 506), Berlin / Boston.
- Levin, Chr., 1985, Die Verheißung des neuen Bundes. In ihrem theologiegeschichtlichen Zusammenhang ausgelegt (FRLANT 137), Göttingen.
- Pohlmann, K.-F., 1989, Die Ferne Gottes – Studien zum Jeremiabuch. Beiträge zu den „Konfessionen“ im Jeremiabuch und ein Versuch zur Frage nach den Anfängen der Jeremiatradition (BZAW 179), Berlin / New York.
- Schmid, K., 1996, Buchgestalten des Jeremiabuches. Untersuchungen zur Redaktions- und Rezeptionsgeschichte von Jer 30–33 im Kontext des Buches (WMANT 72), Neukirchen-Vluyn.
- Stipp, H.-J., 2019, Art. Jeremia, in: WiBiLex, https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/22332/
[Abruf 20.08.2023]
Kommentare
- Wanke, G., 1995, Jeremia. Teilband 1: Jer 1,1–25,14 (ZBK.AT 20.1), Zürich.
- Wanke, G., 2003, Jeremia. Teilband 2: Jer 25,15–52,34 (ZBK.AT 20.2), Zürich.
- Werner, W., 1997, Das Buch Jeremia. Kapitel 1–25 (Neuer Stuttgarter Kommentar 19,1), Stuttgart.
- Werner, W., 2003, Das Buch Jeremia. Kapitel 25,15–52 (NSK 19,2), Stuttgart.
A) Exegese kompakt: Jeremia 29,1.4-7(8-9)10-14
Zukunft und Hoffnung!
Übersetzung
1 Und dies sind die Worte des Briefes, den Jeremia, der Prophet, aus Jerusalem schickte zum [Rest der >LXX] Ältesten der Verbannung (LXX: Kolonie) und zu den Priestern und zu den (LXX: Lügen-) Propheten [, einen Brief nach Babylon an die Kolonie >MT] und zum ganzen Volk, [das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel verbannt hatte >LXX].
4 So spricht JHWH Zebaot, der Gott Israels, zur ganzen Verbannung, die ich verbannt habe von Jerusalem nach Babel.
5 Baut Häuser und lasst euch nieder, und pflanzt Gärten und esst ihre Frucht.
6 Nehmt Frauen und zeugt Söhne und Töchter und nehmt für eure Söhne Frauen, und eure Töchter gebt Männern [und sie sollen Söhne und Töchter gebären >LXX], und mehrt euch dort und werdet nicht weniger.
7 Und sucht das Heil der Stadt (LXX: des Landes), wohin ich euch verbannt habe, und betet für sie zu JHWH, denn in ihrem Heil wird für euch Heil sein.
8 Denn so spricht JHWH Zebaot, der Gott Israels: Lasst euch nicht täuschen durch eure Propheten, die in eurer Mitte sind und euch wahrsagen, und hört nicht auf eure Träume, die ihr träumt.
9 Denn Trug prophezeien sie euch in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, Spruch JHWHs.
10 Denn so spricht JHWH: Wenn nach meinem Mund voll sind für Babel 70 Jahre, werde ich euch mustern und über euch aufrichten mein gutes Wort, um euch zurückzubringen zu diesem Ort.
11 Denn [ich weiß die Gedanken, die >LXX] ich über euch denke, Spruch JHWHs, Gedanken des Heils und nicht zum Üblen, um euch zu geben Zukunft und Hoffnung (LXX: dieses).
12 [und ihr werdet mich rufen und gehen >LXX] und zu mir beten, [und ich werde euch hören > Peschitta].
13 Und ihr werdet mich suchen [und finden, denn ihr werdet mich suchen >in Teilen der LXX-Überlieferung] mit eurem ganzen Herzen.
14 Und ich werde mich finden lassen (LXX: ich werde erscheinen) für euch, [Spruch JHWHs, und ich werde euer Geschick wenden und euch sammeln von allen Völkern und von allen Königreichen, wohin ich euch verstoßen habe und euch zurückbringen zu dem Ort, von dem ich euch verbannt habe. >LXX].
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Die obige Arbeitsübersetzung mit ihren vielen eckigen und runden Klammern macht es deutlich: In diesem Abschnitt sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Fassungen des Jeremiabuches nicht unerheblich. Die Septuaginta
Adressat des Briefes ist in V. 1. im MT der Rest
In V. 6 fügt der MT explizit eine weitere Generation hinzu – womöglich im Blick auf die 70 Jahre von V. 10. Die zunächst zeitlich unbefristete Aufforderung, sich mit der Situation in der Fremde zu arrangieren, rückt so näher an die sekundär eingetragene (s.u.) Perspektive der Befristung.
In V. 7 hat LXX den „Frieden des Landes“ (εἰρήνην τῆς γῆς) im – weiteren – Blick, MT das „Heil der Stadt“ (אֶת־שְׁלוֹם הָעִיר, ʾæt-šǝlôm hāʿîr). Welche Lesart hier die ältere ist, ist nicht leicht zu entscheiden.
V. 11 erscheint in der mutmaßlich älteren LXX-Fassung deutlich weniger prägnant. Nicht nur fehlt die Doppelung der „Gedanken“, die griechische Übersetzung verheißt auch nicht „Zukunft und Hoffnung“ (אַחֲרִית וְתִקְוָה; ʾaḥărît wǝtiqwāh), sondern schlicht „diese (Dinge)“ (ταῦτα), wobei nicht ganz klar ist, ob damit auf das Vorhergehende oder das Folgende Bezug genommen wird. Das hebräische אַחֲרִית, ʾaḥărît, meint zunächst wörtlich ein „Danach“. Das kann ein „Ende“ sein (vgl. die ältere Lutherübersetzung „das Ende, des ihr wartet“) – oder eben „Zukunft“ (vgl. Prov 19,20). Verbreitet ist an unserer Stelle das Verständnis als „Nachkommenschaft“ (vgl. Stipp 2019, 168). Die Vergleichsstelle dafür ist Jer 31,17
Während LXX in V. 12 nur von Gebet und Erhörung (in der Diaspora) spricht, hat MT auch ein „gehen“ – und denkt dabei womöglich an eine Wallfahrt
Korrespondierend zu Gebet und Erhörung hat LXX in V. 13 und 14 das Paar von Suchen und Finden (bzw. sehen) lassen – MT schreibt den Vers dergestalt fort, dass nun die Heimkehr der weltweiten Diaspora
2. Einordnung der Perikope in den näheren und weiteren Kontext
Jeremias Brief an die nach Babylon Verschleppten steht im weiteren Kontext der Prophetenerzählungen
Der Abschnitt zielt zunächst auf V. 7 und das in ihm nicht weniger als dreimal genannte Schlüsselwort Schalom
Demgegenüber schlagen die Verse 8–9 ein neues Thema an: Das der falschen Propheten
3. Textgenese
Die Gliederung legt es nahe, das Wachstum der Perikope entsprechend zu rekonstruieren. Im Kern steht die Segnung der Gemeinschaft der Verbannten im fremden Land Babylon, wie sie V. 4–7 als Rücknahme der sogenannten „Nichtigkeitsflüche“ darstellen (vgl. Dtn 28,30
Das Thema der falschen Propheten scheint damit nicht direkt in Verbindung zu stehen, weshalb die These beliebt war, die Verse 8 und 9 hinter V. 15 zu verschieben – Stipps Vorschlag ist überzeugender. Er sieht in V. 8.9.15 eine erste Fortschreibung nach V. 7, die von weiteren Ergänzungen auseinandergezogen worden sei (vgl. Stipp 2019, 179). Eine solche Ergänzung wären zunächst V. 11–14 in der LXX-Fassung: „Gedanken des Heils“ Gottes sind „diese“: Gegenwart und Gebetserhörung – durchaus in der Fremde.
V. 10 dagegen interpretiert die „Gedanken des Heils“ als göttlichen Geschichtsplan und importiert die 70 Jahre für Babylon aus Jer 25,12
An diesen Gedanken knüpft schließlich die sehr späte Fortschreibung an, die nur noch in der späteren masoretischen Textfassung von v. 13–14 entwickelt wurde: Das Gebet
4. Historische Einordnung der Schichten
Die (in der Perikopenordnung ausgelassene) Datierung der Verse 2–3 verortet den Brief Jeremias in die Zeit zwischen der ersten Einnahme Jerusalems 597 und der Zerstörung von Stadt und Tempel 586 v. Chr. Dies ist der Terminus a quo. Will man nicht mit einer jeremianischen Autorschaft rechnen, sondern den Brief als literarisches und theologisches Dokument betrachten, kann er auch einige Jahre oder Jahrzehnte jünger sein. Dann würde er die in V. 5–7 geschilderte Praxis nicht anregen sondern legitimieren. So oder so steht seine Grundschicht am Anfang einer gewaltigen und folgenreichen theologischen Umdeutung, die mehr und mehr die „Gola“, die Gruppe der nach Babylon Verschleppten und ihrer Nachkommen, nicht als die primär von Gottes Zorn Getroffenen, sondern als die durch das Gericht Geretteten betrachtet. Die Grundschicht in Jer 29
5. Schwerpunkte der Interpretation
Wann kommt die heilvolle Wende der unheilvollen Gegenwart? Das ist die Frage, die sich aus der Aufforderung, das Heil in der unvollkommenen Gegenwart und „Fremde“ zu suchen, innerhalb der Fortschreibungsgeschichte des Abschnitts entwickelt hat und über sie hinaus weist. Die Rede von Gottes heilvollen „Gedanken“ oder „Plänen“ hat den Eintrag der siebzigjährigen Frist begünstigt: Das Heil steht noch aus, und es kommt, dann, bald. Dan 9
6. Perspektiven für die Predigt
„Zukunft und Hoffnung“ – das ist die Parole schon für den ältesten Kern des Textes. Die Perspektive einer Zukunft ergibt sich gegen den Augenschein in desolater Situation aus Gottes Segen, der auch in der „Fremde“ gegenwärtig ist und Hoffnung wirkt. Und diese Zukunft beginnt in der Gegenwart.
Literatur
- Levin, Chr., 1985, Die Verheißung des neuen Bundes in ihrem theologiegeschichtlichen Zusammenhang ausgelegt (FRLANT 137), Göttingen.
- Stipp, H.-J., 2019, Jeremia 25–52 (HAT 12,2), Tübingen.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Jeremias Brief an die Verbannten enthält eine Spannung, die für heutige Leserinnen und Leser auf den ersten Blick verwirrend wirkt: Fordert der Brief die Adressaten auf, sich in der Stadt einzurichten, ihr Bestes zu suchen und für die Fortexistenz, also die Zukunft Babylons zu sorgen (V. 5-7), oder geht es darum, dass der Briefschreiber eine Rückkehr verheißt, die nicht mehr lange auf sich warten lässt (V. 10.13–14)? Die Exegese hilft diese Spannung aufzuklären, indem sie nicht nur auf die verschiedenen Textgestalten der Überlieferung verweist: Das Thema des Heils, das mehrmals angesprochen wird, dient als inhaltliche Klammer. Es verbindet die Orientierung an einer Zukunft in Babylon und die Hoffnung auf die Rückkehr nach Jerusalem. Während der hebräische Text die Heimkehr aus der weltweiten Diaspora verheißt, ist die griechische Vorlage stärker an der Zusage von Gottes Gegenwart interessiert: „denn in ihrem Heil wird für euch Heil sein“(V. 7).
2. Thematische Fokussierung
Die inhaltliche Spannung verweist auf eine komplexe Entstehungsgeschichte der Perikope, die sich die Predigt (möglicherweise) zunutze machen kann. Offenbar geht es zunächst darum, anzusprechen, dass auch die verbannte Gemeinschaft in Babylon eine (gesegnete) Gemeinde
3. Theologische Aktualisierung
Wie verhält sich die Aufforderung, das Heil in der unvollkommenen Gegenwart und „Fremde“ zu suchen, zur Vorstellung von Gottes heilvollen „Gedanken“ oder „Plänen“? Wie auch immer man sich zu den verschiedenen Fortschreibungen und ihren theologischen Konsequenzen verhält – ob man sich für eine der beiden Varianten entscheidet, beide zusammenzudenken versucht oder noch weitere Präzisierungen wählt – im Kern geht es um die Zuordnung von gegenwärtiger und kommender Heilszeit, also um eine Frage, die den Zusammenhang von präsentischer und futurischer Eschatologie berührt oder um es paulinisch auszudrücken, um das Zugleich von „Schon jetzt und noch nicht“ (u.a. Gal. 3
4. Bezug zum Kirchenjahr
Gerade indem sich der Text auf das Verhältnis von Gegenwart und Zukunft fokussiert, reagiert er auf kollektive (Lebens-)Erfahrungen, die ihre Wurzeln ursprünglich in einem (nicht freiwilligen, sondern erzwungenen) Ortswechsel haben: Die leid- und trauervollen Erfahrungen der nach Babylon Verschleppten sind die Folie, vor deren Hintergrund über Zukunft und Hoffnung in der Gegenwart nachgedacht werden kann. Vom Volkstrauertag am 15.11.2026, der den Opfern von Gewalt und Kriegen gedenkt, trennen den 21. Sonntag nach Trinitatis gerade einmal zwei Wochen. Flucht und Vertreibung sind bei den älteren Gemeindegliedern vielleicht noch aus eigener Erfahrung präsent, mit den Folgen von Gewalt und (kriegerischen) Vertreibungen aber sind wir alle (mindestens indirekt) konfrontiert. Wenn in dieser Situation auch nur ein wenig vom Duktus des Predigttextes, der von „Zukunft und Hoffnung“ spricht, durchdringt, kann sich auch aktuell gegen den Augenschein eine Perspektive der Hoffnung ergeben, die aus Gottes Zukunft in der Gegenwart wirkt, indem sie im Hier und Jetzt beginnt.
5. Anregungen
Insofern der Predigttext seinen Adressaten ursprünglich in Gestalt eines Briefes begegnet, der Sprüche Jahwes von Zukunft als Gegenwart und als Hoffnung enthält, bietet es sich an, über das Verhältnis von Erinnerung und Gegenwart auf eine Weise nachzudenken, dass die Gegenwart von der Erinnerung her beeinflusst ist. Dies kann beispielsweise durch die Frage geschehen, welches erinnerte Ereignis sich in der Gegenwart – individuell oder gemeinschaftlich – als prägend erweist, insofern die Erinnerung immer auch die Gegenwart als kommunikatives oder bereits als kollektives Gedächtnis (A. Assmann, Erinnerungsräume, ³2006) mitbestimmt.
Folgende Impulse legen sich nahe:
- Impuls 1: Welche Briefe/Emails haben das Leben meiner Familie/meiner Gemeinde verändert?
- Impuls 2: Welche Texte, Lieder oder Ereignisse erinnere ich, die die Weltgeschichte verändert haben? Wie erinnere ich sie?
Literatur
- Assmann, A., ³2006, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München.
Autoren
- Prof. Dr. Hannes Bezzel (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Antje Roggenkamp (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500218
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