Johannes 6,47-51 | Lätare | 30.03.2025
Einführung in das Johannesevangelium
Das Johannesevangelium ist wie ein Fluss, in dem ein Kind waten und ein Elefant schwimmen kann.
Robert Kysar
Das Evangelium „nach Johannes"
Joh ist wie Mk eine kerygmatische Erzählung vom Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu, d.h. ein Evangelium
Joh enthält eigentümliche Stoffe (Prolog, Abschiedsreden, ausgedehnte Reden und Dialoge Jesu mit Nikodemus, der Samaritanerin oder Pilatus), Erzählungen wie das Weinwunder (Joh 2
1. Verfasser
Das „Evangelium nach Johannes“ ist wie alle kanonischen Evangelien anonym überliefert. Die Überschrift ist im 2. Jh. nachgetragen. Traditionell wurde es ab dem späten 2. Jh. dem Apostel und Zebedaiden Johannes zugeschrieben, der mit der Figur des „Jüngers, den Jesus liebte“ (Joh 13,23
Aufgrund von Stoff, Sprache und erzählerischer Gestalt ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass der galiläische Fischer im hohen Alter das Werk verfasst hat. Und selbst wenn er der Autor wäre, wäre schwer erklärlich, warum es sich von der älteren Tradition so unterscheidet.
Nur das wohl als ‚Nachtrag‘ angefügte Kapitel 21
Schriftzitate und Anspielungen belegen eine gute Kenntnis des AT, das aber höchst selektiv benutzt wird. Analog ist auch für die übrigen Traditionen eine sehr eigenständige Verwendung anzunehmen. Nichts ist nur ‚abgeschrieben‘, Joh 20,30f
2. Adressaten
Das Joh ist wohl in Gemeindekreisen entstanden, die auch in 1-3Joh
Nach den Abschiedsreden erscheinen die Adressaten selbst verunsichert ‚in der Welt‘, so dass Jesu Wort und das ganze Joh im Durchgang durch die Geschichte Jesu eine Antwort darauf bietet. Zugleich ist das Joh nicht nur als konkretes Wort an einen begrenzten, gar ‚sektiererisch‘ abgeschlossenen Gemeindekreis zu lesen, vielmehr zielt es auch auf Lesende in einem weiteren Rahmen, ja auf die Welt der Bücher, wenn es in 1,1
3. Entstehungsort
Die Herausgabe des Evangeliums wird seit der altkirchlichen Tradition in Ephesus
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die hohe Christologie: Jesus ist der eine Offenbarer Gottes, ja er ist ‚Gott‘. Er gibt Leben, gibt den Geist. Sein Tod ist ‚Vollendung‘ der Schrift und des Willens Gottes (19,30
5. Besonderheiten
Das Joh will, dass seine Leser:innen besser und tiefer verstehen. Diesem Ziel dient die literarische Ausgestaltung durch ein eine Vielzahl literarischer Gestaltungsmittel: die Vor-Information durch den Prolog lässt die Leserschaft stets ‚wissender‘ sein als die textlichen Figuren, deren ‚dumme‘ Fragen oft Verwunderung auslösen. Die Wundergeschichten sind durch textliche Verweise so ausgestaltet, dass sie nie nur als Bericht eines vergangenen Ereignisses gelesen werden können, sondern stets auf das Ganze des Heilsgeschehens bezogen sind. Explizite und implizite Erzählerkommentare und Erläuterungen lenken den Blick auf textliche und theologische Bezüge. Narrative Figuren bieten Identifikationsangebote und provozieren durch ihre Ambivalenz zur Stellungnahme. Miteinander vernetzte, z.T. breit symbolisch ausgestaltete Metaphern (wie Wasser, Brot, Hirte, Weinstock, aber auch Geburt, Familie, Tempel, Garten) verstärken das Wirkungspotential des Textes und laden die Lesenden ein, ihn „zu bewohnen“ (Ricœur). Als subtiler literarischer Text spiegelt das Joh nicht nur die hohe Kunst seines Autors, sondern wurde selbst zur Weltliteratur.
Literatur:
- Meyers KEK: Jean Zumstein, Das Johannesevangelium, Göttingen 2016; C.K:Barrett, Das Evangelium nach Johannes, Üs. H. Balz (KEK Sonderband), Göttingen 1991.
- Martin Hengel, Die johanneische Frage, WUNT 67, Tübingen 1993.
- Jörg Frey, Die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Studien zu den johanneischen Schriften 1, WUNT 307, Tübingen 2013: https://www.mohrsiebeck.com/buch/die-herrlichkeit-des-gekreuzigten-9783161527968?no_cache=1
- Francis Moloney, The Gospel According to John, Sacra Pagina 4, Collegeville MN 1998; Marianne Meye Thompson, John: A Commentary, NTL, Louisville KN 2015.
A) Exegese kompakt: Johannes 6,47-51
Leben für die Welt
Jesus gibt sich selbst – als Brot des Lebens; er gibt, was das Leben fördert. Das empfängt der Glaube.
Übersetzung
47 Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat ewiges Leben. 48 Ich bin das Brot des Lebens. 49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. 50 Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit jemand von ihm esse und nicht sterbe. 51 Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel gekommen ist. Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er in Ewigkeit leben, und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
50 οὗτός ἐστιν: Sprachlich ist unklar, worauf οὗτος bezogen ist. Sachlich ist klar: nicht das Manna (V. 49), sondern das im Folgenden erwähnte Brot: Jesus (V. 51a) bzw. sein „Fleisch“ (V. 51c).
50 καταβαίνων: Das Ptz. Präsens weist darauf hin, dass nicht das Manna der vergangenen Wüstenzeit, sondern das jetzt von Jesus gegebene Brot (bzw. das eucharistische Mahl der nachösterlichen Zeit) das ‚Himmelsbrot‘ ist.
2. Literarische Gestaltung
Der Abschnitt bietet einen Ausschnitt aus der Brotrede Joh 6,26-58
Hier ist die Forschung geteilt. Während Jan Heilmann, Wein und Blut: Das Ende der Eucharistie im Johannesevangelium und ihre Konsequenzen, BWANT 204, Stuttgart 2014, auf metaphorische Hintergründe der Rede vom Essen verweist und deshalb einen Bezug der joh Aussagen auf konkrete Mähler bestreitet, plädiert David C. Bienert, Das Abendmahl im johanneischen Kreis, BZNW 202, Berlin/New York 2020 für eine konkret mahltheologische Deutung der entsprechenden Aussagen.
Der Abschnitt nimmt Elemente der bisherigen Rede auf und führt semantisch weiter:
V. 47 bietet einen Neueinsatz mit einer neuen „Amen, amen“-Einleitung (nach V. 26
V. 49-51 sind ein Scharnierstück zum Schluss der Rede (V. 52-58
V. 49f. bringen erstmals nach V. 31
V. 51 formuliert in variierter Wiederholung von V. 35.48
In V. 51c wird an die Rede vom Essen ein weiterer, zu V. 53-56
3. Literarischer Kontext und historische Einordnung
Die Brotrede ist in 6,59
Die in der älteren Forschung (Bultmann
4. Schwerpunkte der Interpretation
Die Perikope ist in ihrem Zuschnitt schwierig, weil sie vieles von dem zuvor in Joh 6
V. 51 bietet eine spezifische Deutung des Todes Jesu. Sein Lebenseinsatz „für“ (im Sinne von „zugunsten von“; nicht „anstelle von“) seine Freunde (15,13
Bienert 394.
V. 51 redet davon, dass die ganze Welt durch Jesu Lebenshingabe Leben empfangen soll (so schon Mk 14,23
5. Theologische Perspektivierung
Laetare ist liturgisch das „kleine Ostern“, Anlass zur freudigen Vergewisserung in der Passionszeit. Der knappe, dichte Text erinnert bündig daran, dass Jesu Hingabe seines Lebens „Leben“ eröffnet hat. Dabei ist Jesus nicht „Opfer“, sondern Geber des Lebens für alle. Dieses Leben zu empfangen, erfordert weder religiöse Höhenflüge (Gefühl), noch ein ‚gläubiges‘ Ja-Sagen zu allem und jedem. Es ist auch kein Akt, zu dem ich mich ‚frei‘ entschließen könnte, sondern Geschenk, das nur zu empfangen und staunend zu genießen ist.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Zum Verständnis der Perikope sind die Verse Joh 6,1-14.26-46.52-58
Bei der Exegese können wir uns dem nicht - mit Bultmann - durch eine literarkritische Scheidung entziehen. Sie ist aus theologischem Interesse an den Text herangetragen worden.
Die Deutung des Essens als „konkrete Aneignung des Heils“ (s.o.) kann auf den Vollzug des Abendmahls bezogen sein, darüber hinaus jedoch auch auf die Leibhaftigkeit des Glaubens: er ist dort Leben bringend, wo er konkret wird, wo der Körper ins Spiel kommt, Bewegung in Gang gesetzt wird. Inkarnatorisch glauben heißt, leiblich im Glauben zu leben.
So konkret das Essen und Kauen auch sein mag, eine metaphorische Deutung bleibt nicht aus. Das Himmelsbrot können die Rezipienten nur mit Blick auf die bereits eingeübte Mahlfeier verstanden haben. Vers 51 ist hier die Brücke: das Brot ist gleichzusetzen mit dem Fleisch, das Jesus „geben“ wird. Dieser Vergleich kommt spät und erklärt nachträglich, warum das Himmelsbrot im Gegensatz zum Manna ewiges Leben bewirkt. Das Ineinander von Irdischem und Geistigem, letztlich die Bedeutung der Inkarnation sowie des ewigen Lebens, bleiben unaufgelöst und so Gegenstand des Glaubens. Ebenso wenig wie wir das Brot von innen heraus erzeugen können, können wir den Glauben erzeugen. Er wird uns geschenkt und nährt den Geist so wie das Brot den Körper nährt. Diese Anschauung ist die Gegenbewegung zur Schule des „Empowerments“, der Selbstermächtigung, in der aktuellen Ratgeberliteratur. Hier wird gelehrt, dass die Kraft des Lebens einzig aus sich selbst heraus erzeugt werde. Die typologische Kontrastierung der Mannaspeisung gegenüber dem Himmelsbrot ist eine Provokation für den Glauben Israels. Das Manna sollte in der Predigt entsprechend nicht mit falschen Heilsversprechen verglichen werden.
2. Thematische Fokussierung
Wie leiblich ist der Glaube? Wo berührt die geistige Welt die irdische Welt? Was also passiert, wenn ich das Himmelsbrot zu mir nehme? Das JohEv spricht in Bildern, aber sie bleiben trotz ihrer Anschaulichkeit uneindeutig. Denn was genau das „Leben in Ewigkeit“ und die Hingabe für das „Leben der Welt“ (V. 51) meinen, bleibt offen. Es gilt, die Unklarheit der Sprache nicht auszubeuten, sondern den Hörenden eine Auslegung anzubieten. Ewigkeit, Tod und Auferstehung müssen zur Sprache kommen. Hier kann auf die moderne Sehnsucht nach dem Verschieben unserer natürlichen Grenzen eingegangen werden: zum Beispiel die Begeisterung für das unsterbliche, ewig junge, schöne und verliebte Vampir-Paar Bella und Edward Swan in den Twilight-Filmen, das Hinauszögern des Alterungsprozesses durch die Kosmetik-Branche, medizinische und technische Maßnahmen zur Verlängerung des Lebens usw. Diese Sehnsucht sollte nicht moralisch verurteilt werden. Sie ist dem Menschen eigen. Zu thematisieren wäre, in welcher Weise der christliche Glaube dem gegenüber auf diese menschliche Sehnsucht antwortet.
In der Predigt kann die oben genannte Bewegung vom Konkreten (Sättigung der Fünftausend und Verweis auf die Mannaspeisung) zum Metaphorischen (Ich bin das lebendige Brot) zurück zum Konkreten (Fleisch und Blut in Brot und Wein) nachempfunden werden.
3. Theologische Aktualisierung
„In biblischer Tradition reden heißt von der Verheißung des Lebens reden,“ so schreibt Ernst Lange 1975 in einem Artikel. Gemeint ist ein Leben als Gesegnete:r Gottes, ein heilvolles Leben im Licht des Glaubens. Der Glaube an die Auferstehung ermöglicht einen anderen Umgang mit dem Faktum des Sterbenmüssens. Dem Tod zum Trotz können Glaubende an der lebendigmachenden Kraft der Liebe festhalten und auf die Vollendung der Welt hoffen. Es macht Sinn zu leben! Wenn wir beim Abendmahl Brot und Wein teilen, dann nehmen wir damit Gottes Heilsversprechen in uns auf. Es verleiht uns eine Liebe zum Leben, die den Tod nicht zu fürchten braucht. Diese vom Glauben genährte Liebe zum Leben, zu den Mitmenschen, zur Welt schützt zugleich vor den vermeintlichen Heilsversprechen der Nahrungsergänzungsindustrie sowie des Körperkults: die Selbstoptimierung kann durchaus Lebensqualität steigern, aber sie macht den Menschen nicht „satt“ im geistlichen Sinn.
Ernst Lange, Nicht an den Tod glauben. Praktische Konsequenzen aus Ostern, München 1982, 77.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Sonntag Lätare („Freuet euch!“ nach Jes 66,10
Das Gleichnis vom Weizenkorn (Joh 12
Autoren
- Prof. Dr. Jörg Frey (Einführung und Exegese)
- Esther Joas (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500104
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