Johannes 9,1–7 | 8. Sonntag nach Trinitatis | 26.07.2026
Einführung in das Johannesevangelium
Das Johannesevangelium ist wie ein Fluss, in dem ein Kind waten und ein Elefant schwimmen kann.
Robert Kysar
Das Evangelium „nach Johannes"
Joh ist wie Mk eine kerygmatische Erzählung vom Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu, d.h. ein Evangelium
Joh enthält eigentümliche Stoffe (Prolog, Abschiedsreden, ausgedehnte Reden und Dialoge Jesu mit Nikodemus, der Samaritanerin oder Pilatus), Erzählungen wie das Weinwunder (Joh 2
1. Verfasser
Das „Evangelium nach Johannes“ ist wie alle kanonischen Evangelien anonym überliefert. Die Überschrift ist im 2. Jh. nachgetragen. Traditionell wurde es ab dem späten 2. Jh. dem Apostel und Zebedaiden Johannes zugeschrieben, der mit der Figur des „Jüngers, den Jesus liebte“ (Joh 13,23
Aufgrund von Stoff, Sprache und erzählerischer Gestalt ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass der galiläische Fischer im hohen Alter das Werk verfasst hat. Und selbst wenn er der Autor wäre, wäre schwer erklärlich, warum es sich von der älteren Tradition so unterscheidet.
Nur das wohl als ‚Nachtrag‘ angefügte Kapitel 21
Schriftzitate und Anspielungen belegen eine gute Kenntnis des AT, das aber höchst selektiv benutzt wird. Analog ist auch für die übrigen Traditionen eine sehr eigenständige Verwendung anzunehmen. Nichts ist nur ‚abgeschrieben‘, Joh 20,30f
2. Adressaten
Das Joh ist wohl in Gemeindekreisen entstanden, die auch in 1-3Joh
Nach den Abschiedsreden erscheinen die Adressaten selbst verunsichert ‚in der Welt‘, so dass Jesu Wort und das ganze Joh im Durchgang durch die Geschichte Jesu eine Antwort darauf bietet. Zugleich ist das Joh nicht nur als konkretes Wort an einen begrenzten, gar ‚sektiererisch‘ abgeschlossenen Gemeindekreis zu lesen, vielmehr zielt es auch auf Lesende in einem weiteren Rahmen, ja auf die Welt der Bücher, wenn es in 1,1
3. Entstehungsort
Die Herausgabe des Evangeliums wird seit der altkirchlichen Tradition in Ephesus
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die hohe Christologie: Jesus ist der eine Offenbarer Gottes, ja er ist ‚Gott‘. Er gibt Leben, gibt den Geist. Sein Tod ist ‚Vollendung‘ der Schrift und des Willens Gottes (19,30
5. Besonderheiten
Das Joh will, dass seine Leser:innen besser und tiefer verstehen. Diesem Ziel dient die literarische Ausgestaltung durch ein eine Vielzahl literarischer Gestaltungsmittel: die Vor-Information durch den Prolog lässt die Leserschaft stets ‚wissender‘ sein als die textlichen Figuren, deren ‚dumme‘ Fragen oft Verwunderung auslösen. Die Wundergeschichten sind durch textliche Verweise so ausgestaltet, dass sie nie nur als Bericht eines vergangenen Ereignisses gelesen werden können, sondern stets auf das Ganze des Heilsgeschehens bezogen sind. Explizite und implizite Erzählerkommentare und Erläuterungen lenken den Blick auf textliche und theologische Bezüge. Narrative Figuren bieten Identifikationsangebote und provozieren durch ihre Ambivalenz zur Stellungnahme. Miteinander vernetzte, z.T. breit symbolisch ausgestaltete Metaphern (wie Wasser, Brot, Hirte, Weinstock, aber auch Geburt, Familie, Tempel, Garten) verstärken das Wirkungspotential des Textes und laden die Lesenden ein, ihn „zu bewohnen“ (Ricœur). Als subtiler literarischer Text spiegelt das Joh nicht nur die hohe Kunst seines Autors, sondern wurde selbst zur Weltliteratur.
Literatur:
- Meyers KEK: Jean Zumstein, Das Johannesevangelium, Göttingen 2016; C.K:Barrett, Das Evangelium nach Johannes, Üs. H. Balz (KEK Sonderband), Göttingen 1991.
- Martin Hengel, Die johanneische Frage, WUNT 67, Tübingen 1993.
- Jörg Frey, Die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Studien zu den johanneischen Schriften 1, WUNT 307, Tübingen 2013: https://www.mohrsiebeck.com/buch/die-herrlichkeit-des-gekreuzigten-9783161527968?no_cache=1
- Francis Moloney, The Gospel According to John, Sacra Pagina 4, Collegeville MN 1998; Marianne Meye Thompson, John: A Commentary, NTL, Louisville KN 2015.
A) Exegese kompakt: Johannes 9,1–7
Übersetzung
1 Und im Vorbeigehen sah er einen Menschen, der war blind von Geburt an. 2 Und seine Jünger fragten ihn: „Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, so dass er blind geboren wurde?“ 3 Jesus antwortete: „Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern. Vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, in der niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf den Boden und machte einen Brei aus dem Gespuckten und strich den Brei auf seine Augen 7 und sagte zu ihm: Geh, [dich] zu waschen in das Wasserbecken Siloah, das übersetzt heißt „Gesandter“. So ging er und wusch sich und kam sehend [zurück].
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
2 ἵνα: Hier liegt kein finaler, sondern konsekutiver Sinn vor: „so dass“.
3 ἀλλ’ ἵνα: Der Finalsatz mit ἵνα schließt nicht an ein finites Verb an, sondern steht für sich. Er ist im Deutschen durch einen Hauptsatz wiederzugeben „(Es) sollen… offenbar werden.“ Es wäre unangemessen, eine nicht vorhandene Verbindung zu konjizieren, wie z.B. „Er ist blind geboren, damit die Werke Gottes offenbar werden.“ Diese ‚Logik‘ ist im Text nicht enthalten.
4 ἡμᾶς δεῖ ἐργάζεσθαι: δεῖ trägt einen AcI.
6 Σιλωάμ (hebr. Schiloach) wird hier (aufgrund der gleichen hebräischen Konsonanten umvokalisiert und) assoziiert mit hebr. schaliach, „der Gesandte“ und so auf Jesus selbst bezogen.
2. Literarischer Kontext und historische Einordnung
V.1–7 markiert den Beginn des Kapitels 9,1–41, das ausführlich die Heilung, die folgenden Diskussionen und die sozialen Konsequenzen des Geschehens erzählt. Nachklappend wird das Handeln Jesu als Sabbatheilung klassifiziert (V.14
Es ist daher fragwürdig, die „Perikope“ V. 1–7 aus dem Ganzen „herauszuschneiden“. Dies war möglich, solange man in V. 1–7 (oder Teilen davon) eine selbständige Wundergeschichte sehen konnte, die später mit Deutungen (Sabbat) und Diskussionen in mehreren Stufen ergänzt worden wäre. Diese Theorie hat ihre Plausibilität verloren. Das extrem knapp erzählte Wunder (V.1.6.7) ist als selbständiger Text kaum denkbar, vielmehr scheinen V. 1–7 von vorneherein auf ihre Weiterführung hin gestaltet. Zahlreiche Elemente bieten Ansatzpunkte für die weitere Deutung: die Frage nach einer im Hintergrund stehenden Sünde (V. 3), die Rede von „Werken Gottes“ (V.3), das kleine Bildwort vom Wirken am Tag und der dem Ende zulaufenden Zeit (V.4), die Joh 8,12
Natürlich ist der Text des Evangeliums nach dem Jahr 70, außerhalb Palästinas entstanden. Der Konflikt zwischen Jesus bzw. seinen Anhängern und religiösen Autoritäten („Juden“/„Pharisäern“), die hier fast ‚behördlich‘ auftreten, ist ein Konflikt aus späterer Zeit. Eine einflussreiche Forschungsposition (Martyn) sah Joh 9
Verglichen mit den synoptischen Blindenheilungen ist diese Erzählung gesteigert: Der Mann ist blind von Geburt an. Er kennt nichts anderes, und man kennt ihn nicht anders, denn als blinden Bettler. Wie schon in den Synoptikern sind Blindheit und Sehen mit metaphorischen Aspekten von Unglauben/Sünde und Glaube verbunden. Die Heilung spiegelt den Weg zum Heil. Zugleich ist die Materialität des Geschehens hier auffällig. Nicht nur durch ein Wort oder Handauflegung geschieht die Heilung, vielmehr drastisch mit der ‚Dreckapotheke‘, zugleich mit einem Auftrag, einer Sendung, der der Mann Folge leistet: Er wäscht sich in dem „Gesandten“ – in Jesus – und kommt sehend zurück. Diese physische Erfahrung ist für ihn Grund genug, Jesus zu glauben.
3. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung und Kontext
Der Text schließt direkt an den Konflikt im Tempelbezirk am Laubhüttenfest an: Die „Juden“ wollten Jesus steinigen, er entwich (Joh 8,59
‚Retardierende‘ Elemente werden eingestreut: Die Frage der Jünger, die den volkstümlichen Glauben aufnimmt, dass eine solche Behinderung auf ‚Schuld‘ basiert, die Antwort Jesu, die diese Frage nicht wirklich beantwortet, aber auf eine andere Ebene verweist, die des Handelns Gottes, ja einer göttlichen ‚Notwendigkeit‘. Es folgt der Spruch über Jesu Auftrag, und über die kommende Nacht, d.h. ein Hinweis auf die bevorstehende „Stunde“ des Todes Jesu, sowie der Rückverweis auf Jesu Selbstprädikation als „Licht der Welt“ (Joh 8,12
Auffällig ist das Zeit-Element in V. 4–5: ἕως und ὅταν markieren das „solange“, d.h. den Aspekt der (für Jesus) jetzt gegebenen, aber begrenzten Zeit des Wirkens. Die Episode ist damit eingeordnet in Jesu Weg auf seinen Tod hin (die Nacht; vgl. 13,30
4. Schwerpunkte der Interpretation
Jesu Initiative ist auffällig. Andere wären an dem Blinden vorbeigegangen. Aber er „sieht“ den Menschen und weiß um sein Geschick. Er handelt von sich aus. Da ist keine Bitte, kein Hilferuf. Er „muss“ wirken, im Wissen um seine Zeit, die der „Nacht“ (Joh 13,30
Blindheit war in der Antike eine schwere körperliche und soziale Einschränkung. Wer nicht von der Familie unterhalten wurde, war zum Betteln verdammt, sozial deklassiert. Heilung ist Resozialisation. Auf Heilung eines blind Geborenen war freilich nicht zu hoffen. Was Jesus hier tut, ist nicht einfach Nothilfe, Restitution, es ist mehr: das Werk Gottes, des Schöpfers.
Irenäus (haer. V 15,2–4) hat Jesu Spucken und das Formen eines Lehmbreis als ‚Wiederholung‘ der Schöpfung des Menschen aus Lehm (Gen 2,7
5. Von der Exegese zur Predigt
Einige Aspekte des Textes verdienen weiter reflektiert zu werden:
- Am Anfang ist Jesus aktiv und initiativ. Er sieht und handelt. Am Ende ist der Geheilte Subjekt seines Tuns: „Er ging hin, wusch sich und kam sehend (zurück).“ Das Verhältnis von Passivität und Aktivität verdient weitere Reflexion: Die Heilung wird diesem Menschen gleichwohl nicht einfach übergestülpt. Er bekommt einen Auftrag, und indem er diesem Auftrag nachgeht, wird er heil. Haben wir (in reformatorischer Tradition) die Menschen, auch in der Kirche, zu passiv werden lassen – so dass ihre eigene Lebensenergie, ja ihr Gehorsam keinen Raum mehr hat?
- Menschen (nicht zuletzt fromme Menschen) fragen nach der Vergangenheit, der Schuld („wie kommt es?“ „wer ist schuld?“), doch bringt die Beantwortung dieser Frage keine Heilung. Jesu Blick geht nach vorn: Was kann Positives geschehen, wie kann sich Gottes heilende Kraft Bahn brechen? Dieser Blickwechsel will eingeübt werden: Weg vom „Warum?“ – hin zum „Wofür?“
- Wo Heil nicht leiblich wird, nicht sozial wirksam und relevant, bleibt es unwirklich. Leibliche und soziale Erfahrungen geben dem Glauben Überzeugungskraft, Durchhaltekraft, Resilienz. Wie können wir darauf hinwirken, dass Gottesdienst und Gemeindeleben solches vermitteln?
Literatur
- Frey, J., 2022, Die Heilung des blind Geborenen (Joh 9,1–41), in: ders., Vom Ende zum Anfang. Studien zum Johannesevangelium, WUNT 486, Tübingen, 343–362
- Martyn, J.L., 1979, History and Theology in the Fourth Gospel, 2. Aufl., Nashville, Tn.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Eine weitere Wundergeschichte. Eine von so vielen! – So hätte ich die Erzählung womöglich betrachtet und die Szene nur „im Vorbeigehen“ (V.1) wahrgenommen – wenn der Exeget mich nicht aufgefordert hätte, stehen zu bleiben und genauer hinzuschauen. Nun denke ich: Blind bin ich, wenn ich meine, es geht hier lediglich um eine Blindenheilung. Selbst theologische Bildung kann diese Form der Blindheit begünstigen: „Bei dieser Perikope haben wir es mit einem Erweis der Vollmacht Jesu zu tun!“, mag ich dann vollmundig behaupten und mich auf mein im Studium erlerntes Wissen berufen. Doch nun bin ich stehengeblieben und höre mir die ganze Geschichte an, in der es mehr als um ein Wunder geht, in der es vielmehr um alles geht, was die Begegnung mit Gott für unser Leben bereithalten kann: Die Verse zeigen, was Jesus uns zeigt, wenn er unser Leben neu machen will.
Beachte ich den gesamten Erzählkontext, wie der Exeget ihn beleuchtet, sehe ich vor allem den Blinden mit anderen Augen. Plötzlich ist er mehr als der vormals Kranke, der geheilt wurde: Ich erkenne ihn als die Person, die gehofft und geglaubt und lebensverändernde Konsequenzen aus der ganz eigenen Gottesbegegnung gezogen hat; als der Mensch, der nun in dem Licht leuchtet, das Jesus selbst ist. Er ist dann kein bloßes Exempel eines Heilungserweises, sondern das Exempel eines Geschöpfes, das uns an die erste und immer wieder neue Schöpfung erinnert – wie es bereits Irenäus tut (s. o.).
2. Thematische Fokussierung
Wenn man erst einmal damit begonnen hat, genau hinzuschauen, wird noch viel mehr sichtbar: Die ungewöhnliche Maßnahme Jesu, seine „Dreckapotheke“, die jemand mit gesteigertem Hygienebedürfnis nur zu gern überlesen dürfte, weitet plötzlich den Blick für die Vielfalt kreativer Maßnahmen bei Gottesbegegnungen: Wie können andere Menschen, die Gott in irgendeiner Weise gesehen haben, von Gott berührt wurden, unsere geprägten Vorstellungen von dem, wie der Mensch – sozusagen „gemeinhin“ – Gott begegnet, irritieren und inspirieren?
Der blinde Mann geht und wäscht sich, wie Jesus es ihm sagt, und dann – wir befinden uns bereits außerhalb des eigentlichen Predigttextes – erkennt er, was zu tun ist: Er erklärt den Pharisäern immer wieder, weshalb er plötzlich sehen kann, er diskutiert mit ihnen, und zwar immer leidenschaftlicher; er versucht, Jesu Handeln zu deuten, denn nun – nachdem Jesus ihn gesehen hat –, erkennt er ihn: Er glaubt. An ihm zeigen sich die Werke Gottes, von der die christliche Botschaft weiß, und nun verkündigt er sie selbst: Ohne theologische Vorbildung erzählt er schlicht und ergreifend, wie Jesus ihm begegnet ist und öffnet uns die Augen.
3. Theologische Aktualisierung
Was könnten wir alles sehen, wenn wir den Blinden in den Blick nehmen, der sich auf den Weg macht, ohne zu wissen, ob er dem Mann, der ihn anspricht, glauben kann? Warum sollte er hoffen, dass sich etwas an einem Zustand ändert, den er von Geburt an kennt – und somit nichts anderes? Er muss schon vor dem Gang zum Teich und seinem Bad mehr als andere gesehen haben: Seine und jede Existenz kann sich ändern – jederzeit! Nach all den Jahren des Immergleichen gibt es das Jetzt, das alles neu machen könnte. Dass er heute Gott begegnet, konnte er nicht ahnen, doch hat er sich darauf eingelassen, dass es SEIN Wort ist, das ihn mit der persönlichen Ansprache erreicht.
Wie begegnet uns Gott? Eigentlich wissen wir um das große Spektrum von Gotteserfahrungen, wenn wir Anderen zuhören, die Gott an heiligen Orten, in Kirchen und in Gottesdiensten aufsuchen oder die Gott in der Natur spüren können oder die plötzlich eine Großveranstaltung wie eine Segens-Aktion oder ein Tauf-Event aufsuchen, weil sie glauben, dass nun der Moment gekommen ist, Gott (wieder) zu spüren. Wir haben von unzähligen „Wundern“ gehört, die die christliche Glaubensgemeinschaft trägt – lassen wir uns darauf ein, dass wir sie selbst – und zwar immer wieder! – erleben können? Hören wir z. B. von einem Segens-Event, das ein kirchenferner Mensch aufsucht, wäre es schade, dies lediglich als eine Aktion für Andere zu betrachten, denen wir auch eine Gottesbegegnung wünschen, die wir schon „kennen“. Sie kann vielmehr – als ein Beispiel – den Blick dafür schulen, dass Gott auch mich wieder, jetzt und hier oder übermorgen und ganz woanders, auf bekannte oder ungewöhnliche Weise berühren will. Wenn ich den blinden Menschen der Erzählung erstmals genau in den Blick nehme, wenn ich auf seine Initiative schaue, und auf sein Heilwerden, das das Ganze seiner Existenz betrifft, zeigt er mir, dass sein Wunder einer Gottesbegegnung mich betrifft. Wenn Irenäus in Dreck und Spucke die wunderbare Schöpfung des ersten Menschen sieht – dann ist alles möglich!
Die „Werke Gottes“ können in ungewöhnlich-wunderbarer Weise offenbar werden, Gott auf ungewöhnliche Weise dem Einzelnen begegnen, so dass Kirchen diesbezüglich kreative Maßnahmen ergreifen können. Schließlich warten überall Menschen, und zwar nicht, um von uns geheilt zu werden, sondern um Teil einer heilsamen Gemeinschaft mit Gott zu sein, deren Brüder und Schwestern wir werden wollen – wir müssen genau hinsehen. Doch nicht weniger sollten wir uns selbst in den Blick nehmen, die wir Gott von ganz Neuem begegnen können – jetzt und hier oder übermorgen und ganz woanders, auf bekannte oder ungewöhnliche Weise.
Wie öffnen wir aber die Augen dafür, gerade, wenn wir glauben, dass es ein Geschenk bleibt, Gott sehen zu dürfen, das nicht von uns abhängt? Vielleicht hilft es, die Augen zu schließen, wenn wir den Weg des Blinden in Joh 9 sehen wollen, so dass er unserer wird. Wie hört es sich nun – vermeintlich blind – an, wenn eine fremde Stimme dich plötzlich, unerwartet anspricht und von der du glaubst, ihr vertrauen zu können? Wie fühlt es sich an, wenn du deine Hand ausstreckst, damit dich jemand unterstützt, aber plötzlich deine Augen betastet werden? Wie aufgeregt und womöglich auch ängstlich bist du, wenn du aufgefordert wirst, aufzustehen, und zwar nicht, um deinen üblichen, bekannten Weg sicher zu gehen, sondern um einen neuen Ort aufzusuchen, den du erst noch entdecken musst und dich womöglich auch stolpern lässt? Wie wird es für dich sein, wenn du nach all den Jahren, in denen du so selbstverständlich am Morgen dein Gesicht gewaschen hast, (wieder) das Wasser spürst, das den Unterschied macht?
Öffnen wir, nach unserem Weg, auf dem uns ein blinder Mann geführt hat, nun wieder die Augen – sehen wir dann mehr als vorher? Strahlt sogar das Licht des Lebens, von dem wir gehört haben, stärker oder irgendwie anders als zuvor? Lässt es uns selbst leuchten, damit wir nichts weniger als die Werke Gottes tun können? Einen Versuch ist es wert.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Die Formulierung „Es ist ein Wunder“ ist schon ein ziemlich großer Ausspruch. Nun zeigt diese Perikope, wenn sie – durch die Exegese motiviert – in seinem Kontext in Joh 9 gelesen wird, dass es hier sogar um mehr als ein Wunder geht! Das Wunder ist – kontraintuitiv – nicht das größte, das hier passiert! Das Größte an dieser Erzählung ist, dass das Wunder nur der Auftakt für ein neues Leben darstellt, das uns bis hierhin führt; d. h. dahin, dass Menschen sich noch immer im Gottesdienst versammeln, um von Wundern zu hören und Werke zu tun, die im Lichte dieser geschehen! Davon weiß auch das Evangelium des Sonntags, das uns als „Salz der Erde“ bezeichnet und will, dass unser Licht und damit unsere Werke leuchten (Mt 5,13–16
5. Anregungen
Wann war ich zuletzt blind? Was war der Auslöser, dass ich wieder sehen konnte? War es ein „Wunder“ und wenn, was war das Wunderhafte daran? Der Gottesdienst lädt ein, genau hinzusehen. Selbstgefällig auf die blinden Autoritäten der Erzählung zu schauen, ist damit nicht impliziert – es geht um unsere „blinden Flecken“.
Gerade dann, wenn die Predigt mit dem Wortspiel von „blind“ und „sehend“ spielt, ist sensibel auf die zuhörende Gemeinde zu achten, deren einzelne Gemeindeglieder oder deren Verwandte von Blindheit und Sehschwäche betroffen sein können. Daher ist Sensibilität vonnöten und für die Gegenüberstellung „blind – sehend“ sind auch Varianten zu suchen, die wiederum nicht nur andere Leiden (Taubheit) thematisieren sollten (bspw.: unberührt – berührt, weggehört – hingehört, vorbeigelaufen – stehengeblieben).
Autoren
- Prof. Dr. Dr. h.c. Jörg Frey (Einführung und Exegese)
- Dr. Sabine Joy Ihben-Bahl (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500204
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