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2. Mose 16,2-3.11.-18 | 7. Sonntag nach Trinitatis | 14.07.2024

Einführung in das 2. Buch Mose

Das 2. Buch Mose (bzw. Buch Exodus) stellt – neben den Erzelternerzählungen in der Genesis – eine der zwei großen Ursprungsgeschichten Israels im Alten Testament dar, nämlich die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und des Bundesschlusses zwischen Jahwe und seinem Volk Israel am Sinai. Auch wenn die Ereignisse in Ex ihr historisches Setting – der biblischen Chronologie zufolge – im späten 2. Jt.v.Chr. haben, hat das literarische Werden des Buches wahrscheinlich erst in der späteren Königszeit in Israel und Juda angefangen, etwa im 8. Jh.v.Chr., und bis in die nachexilische Zeit (Perserzeit, spätes 6. bis 4. Jh.v.Chr.) gereicht.

1. Verfasser

Obwohl Mose traditionell als Autor des Pentateuchs – der fünf Bücher Mose – betrachtet wurde, ist eine mosaische Verfasserschaft des ganzen Pentateuchs insofern nicht plausibel, da erst Ex 2 von der Geburt Mose und Dtn 34 bereits vom Tod Moses erzählen. Vielmehr hatte das Exodusbuch wohl eine Vielzahl von Autoren, die in verschiedenen Epochen zum Buch beigetragen haben. Es wird in der exegetischen Forschung diskutiert, welche Texte zur ältesten Exoduserzählung gehört haben. Allgemeiner Konsens ist, dass das Buch aus priesterlichen und nicht-priesterlichen Partien besteht, wobei die priesterlichen Texte bereits eine vorpriesterliche Exoduserzählung voraussetzen und diese neu erzählen bzw. fortschreiben.

2. Adressaten

Da das 2. Buch Mose als Ursprungsgeschichte Israels dient, sind die Adressaten im breitesten Sinn das ganze Volk Israel; d.h. die Bevölkerung Israels und Judas in der spätmonarchischen und nachmonarchischen Zeit. Insbesondere der Dekalog (Ex 20,1–17) und die Rechtstexte im sogenannten Bundesbuch (Ex 21–23) deuten auf eine breite Adressatengruppe hin, auch wenn offen bleibt, inwiefern diese Gesetze tatsächlich umgesetzt wurden. In den priesterlichen Partien, die in das ganze Buch eingewoben wurden und in größeren Einheiten zu kultischen Angelegenheiten in Ex 25–31 und Ex 35–40 vorkommen, sind Priester als engerer Adressatenkreis möglicherweise im Blick.

3. Entstehungsort

Obwohl die Exoduserzählung in Ägypten beginnt, wurden große Anteile des 2. Buch Moses am wahrscheinlichsten in Israel und Juda (und vor allem in Jerusalem) verfasst. Insbesondere die priesterlichen Partien deuten auf den Tempelkult hin, der (nach der biblischen Erzählung) später im salomonischen Tempel in Jerusalem ausgeübt wird.

4. Wichtige Themen

Wichtige Themen der exegetischen Interpretation von Ex sind u.a.

  • Gottes Eingreifen in die menschliche Geschichte, insbesondere durch die Befreiung seines Volkes aus der Unterdrückung und existentiellen Bedrohung,
  • die Beziehung Gottes zu seinem Volk, ausgedrückt durch das Konzept eines „Bundes“ (ברית) und durch die Begegnung der Menschen mit Gott im Kult,
  • die göttlichen Gesetze (sowohl nicht-kultische als auch kultische) in Ex 20–40 und ihr Verhältnis zu anderen Gesetzen im Pentateuch (in 3., 4. und 5. Mose) und
  • die Auseinandersetzung des Buches mit Fragen der Führung und Organisation eines idealen Israels, die bereits in der „Geburtsstunde“ Israels verhandelt werden, bevor das Volk ins verheißene Land kommt.

Literatur:

  • Albertz, R., 2012, Exodus: Ex 1–18 (ZBK.AT 2/1), Zürich
  • Berner, Chr., 2010, Die Exoduserzählung. Das literarische Werden einer Ursprungslegende Israels (FAT 73), Tübingen
  • Carr, D.M., 2012, The Moses Story: Literary-Historical Reflections, HBAI 1, 7–36
  • Dozeman, Th., 2009, Commentary on Exodus (ECC), Grand Rapids
  • Gerhards, M., 2006, Die Aussetzungsgeschichte des Mose. Literar- und traditionsgeschichtliche Untersuchungen zu eine Schlüsseltext des nichtpriesterlichen Tetrateuch (WMANT 109), Neukirchen-Vluyn
  • Utzschneider, H./Oswald, W., 2012, Exodus 1–15 (IEKAT 2.1), Stuttgart

A) Exegese kompakt: 2. Mose 16,2–3.11–18

2וַיִּלֹּ֜ינוּ כָּל־עֲדַ֧ת בְּנֵי־יִשְׂרָאֵ֛ל עַל־מֹשֶׁ֥ה וְעַֽל־אַהֲרֹ֖ן בַּמִּדְבָּֽר׃ 3וַיֹּאמְר֨וּ אֲלֵהֶ֜ם בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֗ל מִֽי־יִתֵּ֨ן מוּתֵ֤נוּ בְיַד־יְהוָה֙ בְּאֶ֣רֶץ מִצְרַ֔יִם בְּשִׁבְתֵּ֨נוּ֙ עַל־סִ֣יר הַבָּשָׂ֔ר בְּאָכְלֵ֥נוּ לֶ֖חֶם לָשֹׂ֑בַע כִּֽי־הוֹצֵאתֶ֤ם אֹתָ֨נוּ֙ אֶל־הַמִּדְבָּ֣ר הַזֶּ֔ה לְהָמִ֛ית אֶת־כָּל־הַקָּהָ֥ל הַזֶּ֖ה בָּרָעָֽב׃ ס
Exodus 16:2-3BHSBibelstelle anzeigen

11וַיְדַבֵּ֥ר יְהוָ֖ה אֶל־מֹשֶׁ֥ה לֵּאמֹֽר׃ 12שָׁמַ֗עְתִּי אֶת־תְּלוּנֹּת֮ בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵל֒ דַּבֵּ֨ר אֲלֵהֶ֜ם לֵאמֹ֗ר בֵּ֤ין הָֽעַרְבַּ֨יִם֙ תֹּאכְל֣וּ בָשָׂ֔ר וּבַבֹּ֖קֶר תִּשְׂבְּעוּ־לָ֑חֶם וִֽידַעְתֶּ֕ם כִּ֛י אֲנִ֥י יְהוָ֖ה אֱלֹהֵיכֶֽם׃ 13וַיְהִ֣י בָעֶ֔רֶב וַתַּ֣עַל הַשְּׂלָ֔ו וַתְּכַ֖ס אֶת־הַֽמַּחֲנֶ֑ה וּבַבֹּ֗קֶר הָֽיְתָה֙ שִׁכְבַ֣ת הַטַּ֔ל סָבִ֖יב לַֽמַּחֲנֶֽה׃ 14וַתַּ֖עַל שִׁכְבַ֣ת הַטָּ֑ל וְהִנֵּ֞ה עַל־פְּנֵ֤י הַמִּדְבָּר֙ דַּ֣ק מְחֻסְפָּ֔ס דַּ֥ק כַּכְּפֹ֖ר עַל־הָאָֽרֶץ׃ 15וַיִּרְא֣וּ בְנֵֽי־יִשְׂרָאֵ֗ל וַיֹּ֨אמְר֜וּ אִ֤ישׁ אֶל־אָחִיו֙ מָ֣ן ה֔וּא כִּ֛י לֹ֥א יָדְע֖וּ מַה־ה֑וּא וַיֹּ֤אמֶר מֹשֶׁה֙ אֲלֵהֶ֔ם ה֣וּא הַלֶּ֔חֶם אֲשֶׁ֨ר נָתַ֧ן יְהוָ֛ה לָכֶ֖ם לְאָכְלָֽה׃ 16זֶ֤ה הַדָּבָר֙ אֲשֶׁ֣ר צִוָּ֣ה יְהוָ֔ה לִקְט֣וּ מִמֶּ֔נּוּ אִ֖ישׁ לְפִ֣י אָכְל֑וֹ עֹ֣מֶר לַגֻּלְגֹּ֗לֶת מִסְפַּר֙ נַפְשֹׁ֣תֵיכֶ֔ם אִ֛ישׁ לַאֲשֶׁ֥ר בְּאָהֳל֖וֹ תִּקָּֽחוּ׃ 17וַיַּעֲשׂוּ־כֵ֖ן בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֑ל וַֽיִּלְקְט֔וּ הַמַּרְבֶּ֖ה וְהַמַּמְעִֽיט׃ 18וַיָּמֹ֣דּוּ בָעֹ֔מֶר וְלֹ֤א הֶעְדִּיף֙ הַמַּרְבֶּ֔ה וְהַמַּמְעִ֖יט לֹ֣א הֶחְסִ֑יר אִ֥ישׁ לְפִֽי־אָכְל֖וֹ לָקָֽטוּ׃

Exodus 16:11-18BHSBibelstelle anzeigen

Übersetzung

2 Da murrte die ganze Gemeinde der Israelit:innen gegen Mose und Aaron in der Wüste. 3 Und die Israelit:innen sprachen zu ihnen: „Wären wir doch durch JHWHs Hand im Land Ägypten gestorben, als wir am Fleischtopf saßen, als wir Brot zur Sättigung aßen! Denn ihr habt uns in diese Wüste hinausgeführt, um diese ganze Versammlung durch den Hunger sterben zu lassen.“ …

11 Da redete JHWH zu Mose und sprach: 12 „Ich habe das Murren der Israelit:innen gehört; rede zu ihnen und sprich: ‚Gegen Abend werdet ihr Fleisch essen und am Morgen euch mit Brot sättigen, und ihr werdet erkennen, dass ich JHWH, euer Gott, bin.‘“ 13 Und am Abend stiegen Wachteln auf und bedeckten das Lager, und am Morgen war Taubelag rings um das Lager. 14 Und Taubelag kam herauf, und siehe, auf der Wüste lag etwas Feinkörniges, Kristallisiertes (?), feinkörnig wie Reif auf der Erde. 15 Als die Israelit:innen es sahen, sprachen sie, einer zum andern: „Was ist das?“ Denn sie wussten nicht, was es war. Und Mose sprach zu ihnen: „Es ist das Brot, das JHWH euch zur Speise gegeben hat. 16 Das ist’s, was JHWH geboten hat: Sammelt davon, jeder so viel wie er essen kann, ein Omer pro Kopf, nach der Zahl eurer Leute, jeder für die in seinem Zelt, sollt ihr es nehmen.“ 17 Und die Israelit:innen taten so und sammelten, der eine viel, der andere wenig. 18 Als sie es aber mit dem Omer maßen, hatte der, der viel gesammelt hatte, nicht mehr und der, der wenig gesammelt hatte, nicht weniger; jeder so viel, wie er essen konnte, hatten sie gesammelt.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V.3: „Wären wir doch“ für die idiomatische Wendung מִֽי־יִתֵּן,wörtlich „wer gäbs“ (Buber).

V.12: בֵּ֤ין הָֽעַרְבַּיִם wörtlich „zwischen den beiden Abendhälften“, was sich entweder auf die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Anbruch der Nacht oder auf die Zeit vom Beginn bis zum Ende des Sonnenuntergangs bezieht, vgl. Buber: „zwischen den Abendstunden“.

V. 14: מְחֻסְפָּס ist Partizip Passiv von einer Wurzel חספס, die nur hier belegt ist. Die genaue Bedeutung ist unsicher; nach einem arabischen Äquivalent könnte das Wort auch lautmalerisch „knisternd“ bedeuten.

V. 15: מָן הוּא „Was ist das?“ Anstelle des Fragepronomens מַה־ „was?“, das ein paar Worte später begegnet („denn sie wussten nicht, was es war“), ist hier das Wort מָן mān gebraucht, das im Biblischen Hebräisch sonst nicht vorkommt (aber aus semitischen Nachbarsprachen bekannt ist); mān spielt volksetymologisch auf den gleichlautenden Namen der Himmelsspeise מָן „Man(na)“ an. Vgl. V.31 knüpft dagegen an die (volksetymologische) Erklärung des Namens der Himmelsspeise „Man(na)“ aus V. 15 an, die zum Predigttext gehört., wo erzählt wird, wie die Israelit:innen der Speise ihren Namen gaben. Im klassischen Arabisch ist das Wort mann(a) „Sammelname f. versch. Arten von Pflanzenbelägen, v. denen man annahm, sie seien wie Tau v. Himmel gefallen“ (Wilhelm Gesenius, Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, hg. v. Rudolf Meyer u. Herbert Donner, Berlin 182013, 691).

V.18: עֹמֶר „Omer“ ist ein Getreidemaß, das als ein Hundertstel einer „Eselslast“ („Ḥomer“) bemessen ist (vgl. V.36 und Ez 45,11); vgl. z.B. Luther 2017: „einen Krug voll“ etc. לְפִֽי־אָכְלוֹ wörtlich „nach seinem Essbedürfnis“ (Genesius, Handwörterbuch, 1041).

2. Literarische Gestalt und Kontext

Das umfangreiche Kapitel Ex 16 bietet Redundanzen und wirkt sperrig. Es dürfte von mehreren Händen verfasst sein. Die Perikope, die aus zwei Abschnitten zusammengesetzt ist (V.2–3.11–18), trifft aus den 36 Versen von Ex 16 eine recht knappe Auswahl.

Der ausgelassene Vers 1 nennt Stationen des Wegs durch die Wüste und datiert das Geschehen auf den Tag genau. In V.4–10, die vom Perikopentext übersprungen werden, wird die Speisung des Volkes durch „Brot vom Himmel“ (V.4) zunächst auf den Sabbat bezogen (V.4–5); anschließend kündigt JHWH an, dass er das Murren des Volkes mit der abendlichen Gabe von Fleisch und der morgendlichen Gabe von Brot beantworten wird (V.6–10). Im Text, der auf den zweiten Teil der Perikope folgt (V.19–36), wird vor allem das Thema des Sabbats weitergeführt: Da es am siebten Tag der Woche kein Manna gibt, muss am Vortag die doppelte Menge gesammelt werden. Mit diesem Befehl prüft JHWH, ob das Volk die Sabbatruhe hält (V.22–30).

V.31 knüpft dagegen an die (volksetymologische) Erklärung des Namens der Himmelsspeise „Man(na)“ aus V. 15 an, die zum Predigttext gehört.

Der erste Teil der Perikope (V.2–3) ist die Exposition für das ganze Kapitel. Mitten in der Wüste (vgl. V.1) begehren die Israelit:innen gegen ihre beiden Anführer auf („es murrte“). Sie fürchten, dass Mose und Aaron sie dem Hungertod preisgegeben haben: Man hatte sich doch satt essen können, als man noch an den Fleischtöpfen Ägyptens saß! Der zweite Teil der Perikope (V.11–18) lässt sich als Fortsetzung lesen: JHWH teilt Mose mit, dass er das Murren der Israelit:innen gehört hat. Mose soll ankündigen, dass sie abends Fleisch und morgens Brot bekommen werden, um daran ihren Gott JHWH zu erkennen (V.11–12). Ohne zu erwähnen, dass Mose den Befehl ausgeführt hat, fährt die Erzählung fort: Abends kommen Wachteln über das Lager, und am Morgen entdeckt das Volk (V.14: „und siehe!“) eine feinkörnige Speise auf dem Boden, die dem Morgentau ähnelt (V.13–15a). Mose erklärt, dass es sich um das Brot handelt, das JHWH gegeben hat (V.15b). Die Perikope endet mit einem Verteilungswunder: Obwohl manche Israelit:innen viel, andere wenig sammeln, hat jeder und jede genug, um satt zu werden.

3. Historische Einordnung

Ex 16 gehört zur Erzählung von Israels Auszug aus Ägypten. Die Manna-Episode steht fast noch am Anfang dieser Erzählung. Dass Israel am Schilfmeer vor der Vernichtung gerettet wurde (Ex 14–15), liegt nur wenige Tage zurück (vgl. Ex 15,23). In den Perikopen, die vor und nach Ex 16 stehen, lässt nicht der Hunger, sondern der Durst das Volk aufbegehren (Ex 15,22–27; 17,1–7). Bis zum Berg Sinai, wo sich Gott dem Volk offenbaren wird, sind es von „der Wüste Sin“ (Ex 16,1), in der JHWH zum ersten Mal „Brot vom Himmel regnen lässt“ (Ex 16,4), noch fast zwei ganze Monate Wegstrecke (vgl. Ex 19,1).

Den ältesten Kern des Kapitels bildete wahrscheinlich die kurze Reisenotiz zu Beginn von V.1 („Und sie brachen auf von Elim“), gefolgt von der episodischen Nachricht über die Entdeckung des Manna (V.14–15a.31) – einer Kuriosität, die mancherorts in der Sinaiwüste zu finden ist: Tropfen vom Saft der Tamariske, die von Schildläusen abgesondert werden. Die weißlichen Kügelchen schmecken süß und werden morgens vom Boden aufgesammelt, da sie in der Tageshitze schmelzen. Das ‚Wüstenitinerar‘, in dem diese Notizen gestanden haben, gehörte zur ältesten Exodus-Erzählung. Sie entstand irgendwann nach dem gewaltsamen Ende des Königreiches Israel (722/720 v. Chr.). Das Vorbild des Itinerars sind die Inschriften der assyrischen Großkönige, die beim Bericht von ihren Feldzügen allerlei merkwürdige Phänomene erwähnten, die sich unterwegs ereignet haben sollten. Das biblische Itinerar handelt aber nicht von einem König und seinem Heer, sondern von einer machtlosen Schar entlaufender Sklav:innen.

Dass Mose in V.15b die merkwürdige Speise als von JHWH gegebenes Brot bezeichnet, ist ein deutender Nachtrag. Auch das folgende Verteilungswunder (V.16–18) dürfte nachgetragen sein.

Die übrigen Verse der Perikope gehören zur sogenannten Priesterschrift (V.2–3.11–13). Sie spricht typischerweise von „der Gemeinde der Israelit:innen“ und nennt nicht nur Mose, sondern auch Aaron als Anführer des Volkes (V.2). Wenn das Volk gegen beide murrt, begehrt es gegen JHWH auf (V.6–8). Dieser reagiert, indem er seine Herrlichkeit in der Wüste erscheinen lässt (V.9–10). Sodann speist er das Volk morgens mit „Brot“ und abends mit Fleisch: den Wachteln, die sich abends im Zeltlager niederlassen (vgl. Num 11,31).

4. Schwerpunkte der Interpretation

Auffällig ist, wie das Volk über seinen Gott spricht, als es gegen Mose und Aaron murrt: „Wären wir doch durch JHWHs Hand im Land Ägypten gestorben!“ (V. 3) Die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens, die sich scheinbar demütig auf JHWH beruft, verdrängt die Erinnerung daran, dass JHWH das Volk aus der dortigen Sklaverei befreit (vgl. Ex 6,6) und gerade erst vor der Vernichtung gerettet hat (vgl. Ex 14).

An der Speisung sollen die Israelit:innen erkennen, „dass ich JHWH, euer Gott, bin“ (V.12). Die formelhafte Wendung ist dem Buch Ezechiel entlehnt: Dort drückt sie aus, dass das in der Geschichte erfahrene Unheil und die erhoffte neue Heilszeit das Volk dazu bringen sollen, JHWHs göttliches Wesen zu erkennen. Schließlich sorgt JHWH auf geheimnisvolle Weise dafür, dass alle gleich viel bekommen: Es stellt sich als unmöglich heraus, von dem Brot, das JHWH gibt (V.15), mehr aufzuhäufen, als andere haben (V.16–18). In der Gemeinde des Gottesvolkes (vgl. V.2) sorgt JHWH für jedes einzelne Glied gleichermaßen.

5. Theologische Perspektivierung

Paulus versteht das Manna als geistliche Speise (1Kor 10,3) und das Wasser aus dem Felsen (Ex 17,6), den er mit Christus gleichsetzt, als geistlichen Trank (1Kor 10,4). An anderer Stelle erinnert Paulus an die wundersam gerechte Verteilung des Manna, um unter den christlichen Gemeinden für einen Ausgleich zugunsten der Notleidenden zu werben (2Kor 8,14–15). Nach Joh 6,30–58 ist Jesus das wahre Brot vom Himmel, weil er das ewige Leben gibt, während das Manna, das die Väter in der Wüste aßen, den Tod nicht überwinden konnte.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Speisung des murrenden Volkes durch Wachteln und Manna ist mir seit Kindesbeinen als eine etwas moralinsaure Erzählung vertraut. Sie wurde in der Sonntagsschule erzählt und fand sich in illustrierten Kinderbibeln. Reinhard Müller regt mich durch seinen exegetischen Kommentar dazu an, genauer hinzuschauen. Bei sorgfältiger Lektüre entpuppt sich das Kapitel 16 zunächst als redundant und holprig. Einiges wird gesagt, vieles bleibt ungesagt und – im besten Sinne – fragwürdig. Der Text provoziert die narrative Rekonstruktion, die aufgrund einiger Leerstellen, Doppelungen und Stolpersteine notgedrungen einen hohen konstruktiven und somit interpretativen Anteil erhält. Der Text reizt zur Ausgestaltung und Auslegung. Er reizt zur Predigt.

2. Thematische Fokussierung

Während ich diese Zeilen schreibe, demonstrieren in Deutschland zehntausende Menschen gegen die AfD, die Alternative für Deutschland, welcher in großer Nähe zu Rechtsextremismus gesehen wird und die bei den nächsten Wahlen stärkste Kraft in mehreren Bundesländern werden könnte. – Wer ist das murrende Volk? Wer sind die Menschen, die sich empören, laut, provokant und bedrohlich oder hinter vorgehaltener Hand und durch ihr Wahlverhalten? Was sind die Gründe ihrer Sorgen und Unzufriedenheit mit bestehenden Verhältnissen? Wie ist das Murren zu deuten? Welche berechtigten Anliegen werden geltend gemacht und wo schießt das Murren und Schimpfen über das Ziel hinaus? Und wie ist ihm zu begegnen?

Der Vergleich birgt die Gefahren der Moralisierung, der Besserwisserei und der Belehrung. Vielleicht auch der Verharmlosung. Diese gilt es im Auge zu behalten und gegenzusteuern. Das murrende Volk verbindet den Predigttext jedenfalls mit unserer Gegenwart. Und zwar nicht zuletzt dadurch, dass auch das Murren der Israelit:innen im Text weit über das Ziel hinausschießt. Vielleicht lassen sich aus dem Text mögliche Coping-Strategien im Umgang mit krassen Unmutsäußerungen und Untergangsszenarien – auch eigenen – finden.

Es versteht sich von selbst, dass die Predigt nicht beim Murren stehen bleiben kann, sondern auch von Wachteln und Manna, vom täglichen Brot aus Gottes Hand und vom Sättigungswunder sprechen muss. Da aufgrund des Zuschnitts der Perikope die Sabbatruhe nicht im Fokus steht, kann auf diese Thematik verzichtet werden. Sie kann aber auch als weiterer Aspekt göttlicher Fürsorge – Evangelium als Unterbrechung (J.B. Metz) – aufgegriffen und vertieft werden. Zu erwägen ist, V.1 dazu zu nehmen, um die Manna-Episode in den Exodus-Erzählungen zu lokalisieren. Dadurch würde deutlich, wie rasch das Murren nach der wundersamen Errettung am Schilfmeer einsetzt (vgl. Ex 15,23).

3. Theologische Aktualisierung

Wenige Verse nach dem Loblied Miriams auf die Rettung durch JHWH aus einer scheinbar ausweglosen Situation, aus akuter Todesgefahr, und, wenn wir der Terminierung in V.1 folgen, nur wenige Tage danach, murrt „die ganze Gemeinde der Israelit:innen“, sprich: alle. Die Stimmung kippt. Bereits zum zweiten Mal. Die Nerven liegen blank.

Was ist mit murren hier gemeint? Interessanterweise verwenden die meisten Bibelübersetzungen das altertümlich anmutende Verb. In der BasisBibel dagegen „rebellieren“ die Israelit:innen und in der Gute Nachricht Bibel „rotten“ sie „sich zusammen“. Es könnte homiletisch produktiv sein, die Onomatopoesie und Semantik von murren auszuloten, andere Übersetzungen und Umschreibungen ins Spiel zu bringen. Gemäß Duden (online) meint murren „seine Unzufriedenheit, Auflehnung mit brummender Stimme und unfreundlichen Worten zum Ausdruck bringen“ (Vgl.: https://www.duden.de/rechtschreibung/murren). Statt murren könnte auch mit grummeln, knurren, motzen, maulen, (be-)schimpfen, herumkritteln oder anklagen übersetzt werden.

Wichtig zu erwähnen: Murren ist nicht an sich illegitim. Es gibt genug und gute Gründe, um zu murren, um sich zu wehren, um zu klagen. In der Bibel finden sich vielfältige und starke Textvorlagen für lautstarke und anhaltende Klagen, auch und gerade JHWH gegenüber.

Es ist jedoch bemerkenswert, dass die Israelit:innen sich nicht gegen JHWH auflehnen, der sie, so die Erzählung, aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit hat, sondern gegen jene, die die Flucht im Auftrag JHWHs in die Wege geleitet haben. Wie kommt es dazu? Trauen sie sich nicht, den göttlichen Retter direkt anzuklagen? Oder haben sie bereits wenige Tage nach dem Wunder am Schilfmeer den Glauben an JHWH und das Projekt Exodus verloren und kehren sich nun knurrend und motzend gegen jene, die behaupteten, im Namen und Auftrag JHWHs zu handeln? Noch bemerkenswerter ist die krass unzutreffende Darstellung der Verhältnisse in Ägypten. Statt von Frondienst und versuchtem Genozid (Tötung des männlichen Nachwuchses) ist von Fleischtöpfen und Brot in Fülle die Rede. Die unfreien und brutalen Verhältnisse werden ignoriert und schöngeredet.

Es legt sich nahe, in diesem Zusammenhang die Situation jener zu thematisieren, die Verantwortung tragen in Politik und Gesellschaft, dafür ihre Lebenszeit und -kraft zur Verfügung stellen und immer wieder unsachgemäßer Kritik und Polemik ausgesetzt sind. Was sich Mose und Aaron anhören müssen, kennen sie nur allzu gut.

Die neu gewonnene Freiheit ist für die Israelit:innen offenbar schwer erträglich. Der Verlust des Vertrauten verunsichert, gerade weil in Ägypten die eigenen Spielräume stark eingeschränkt waren. Sich als Gruppe, Gemeinschaft und Gesellschaft zusammenzuraufen, Vertrautes hinter sich zu lassen und neue Wege zu finden, Möglichkeiten zu erwägen, Differenzen zu diskutieren und Kompromisse zu erstreiten, strengt an. Es könnte in der Predigt an Beispiele erinnert werden, in denen die unfreien und unwürdigen Verhältnisse der Vergangenheit nachträglich schöngeredet und mit den Herausforderungen der Gegenwart kontrastiert werden (vgl. Sabine Rückert, die im Podcast „Unter Pfarrerstöchtern“ Zeitungsbeiträge über die Unzufriedenheit nach der Überwindung totalitärer, unfreier Verhältnisse seit 1990 bis in die Gegenwart zusammen: URL: https://www.zeit.de/serie/unter-pfarrerstoechtern?p=4 (Mose Teil 6: Manna in der Wüste, Min. 20 ff).

Verblüffend ist, dass sich weder JHWH noch Mose durch das Murren des Volkes und die Schönfärberei der entlaufenen Sklav:innen provozieren lassen und nicht kontern. Zumindest ist davon – anders als in vielen anderen Episoden über das murrende Volk – nicht die Rede. Stattdessen stellt JHWH Wachteln und Manna in Aussicht, um sich mit dieser Aktion wieder ins Spiel zu bringen, sich den Israelit:innen handfest in Erinnerung zu rufen. Die frohe Botschaft, die sich daraus gewinnen lässt: JHWH spielt das Spiel der Murrenden nicht mit. Die bösen und unwahren Worte rufen weder Ärger noch Richtigstellungen hervor, weder Retourkutschen noch Willfährigkeit, kein „Reißt euch zusammen!“ und keine Moralpredigt. Vielmehr unterläuft er das Spiel dadurch, dass er die Israelit:innen mit Lebensmitteln versorgt und ihnen Unterbrechungen (Sabbatruhe) gewährt, damit sie ihre Wüstenwanderung fortsetzen, damit sie sich in ihre neugewonnene und offenkundig herausfordernde Freiheit einüben können. Und dadurch mit der Zeit hoffentlich eine neue Sicht und Einstellung gewinnen sowohl zur eigenen Vergangenheit in Unfreiheit als auch zur Freiheit in der Wüste – als Bild für die geschenkte und zugleich anspruchsvolle Freiheit des Glaubens. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (Dtn 8,3; Mt 4,4), aber er benötigt Lebensmittel, um leben und sich den Herausforderungen der Freiheit stellen zu können. Lebensmittel, die er:sie täglich neu empfängt – und zwar, sofern er:sie glaubt, sie dankbar aus Gottes Hand empfängt, als Gabe, erbeten im Vater Unser, ritualisiert und verdichtet im Abendmahl. Verständnis für die Herausforderungen der Freiheit, Großzügigkeit und Versorgung – nicht mit den Fleischtöpfen Ägyptens, aber mit dem Lebensnotwendigen, wie es jeder:m zukommt – ist die göttliche Coping-Strategie in dieser scheinbar verfahrenen Situation und durchaus unsachgemäßen Anklage.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der 7. Sonntag nach Trinitatis steht im Zeichen des Abendmahls, in dem sich Wachteln und Manna und die tägliche Versorgung verbinden mit Jesu Abschiedsmahl, mit den Speisungs- bzw. Verteilungswundern der Evangelien, mit den Gastmählern, zu denen Jesus sich einladen ließ, mit dem Leib Christi, der im Abendmahl rituell dargestellt und handfest erfahrbar wird.

5. Anregungen

Eine in großen Teilen narrative Predigt legt sich in Bezug auf die vorliegende Perikope nahe. Die Begebenheiten könnten aus der Sicht Aarons erzählt werden, der als Sprecher fungiert und an der einen und anderen Stelle seine kritischen Rückfragen hat zum Projekt Exodus. Oder aus der Sicht einer Volksgenossin, die nicht in das Murren der anderen einstimmen mag und ihre Einschätzung der Lage mit einer Freundin kontrovers diskutiert.

Die narrative Form würde es ermöglichen, verschiedene theologische Aussagen, Kontroversen und Bekenntnisse in die Figurenzeichnung zu integrieren und den Zuhörenden zu offerieren.

Literatur

  • J. Ebach, 1986, „Jeder nach seinem Eßbedarf“. Die Geschichte vom Mannawunder, in: ders., Ursprung und Ziel. Erinnerte Zukunft und erhoffte Vergangenheit. Biblische Exegesen – Reflexionen – Geschichten, Neukirchen-Vluyn, 126–146.

Autoren

  • Dr. Stephen Germany (Einführung)
  • Prof. Dr. Reinhard Müller (Exegese)
  • Prof. Dr. David Plüss (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500051

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