Johannes 3,22-30 | Tag der Geburt Johannes des Täufers (Johannis) | 24.06.2024
Einführung in das Johannesevangelium
Das Johannesevangelium ist wie ein Fluss, in dem ein Kind waten und ein Elefant schwimmen kann.
Robert Kysar
Das Evangelium „nach Johann
Joh ist wie Mk eine kerygmatische Erzählung vom Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu, d.h. ein Evangelium
Joh enthält eigentümliche Stoffe (Prolog, Abschiedsreden, ausgedehnte Reden und Dialoge Jesu mit Nikodemus, der Samaritanerin oder Pilatus), Erzählungen wie das Weinwunder (Joh 2
1. Verfasser
Das „Evangelium nach Johannes“ ist wie alle kanonischen Evangelien anonym überliefert. Die Überschrift ist im 2. Jh. nachgetragen. Traditionell wurde es ab dem späten 2. Jh. dem Apostel und Zebedaiden Johannes zugeschrieben, der mit der Figur des „Jüngers, den Jesus liebte“ (Joh 13,23
Aufgrund von Stoff, Sprache und erzählerischer Gestalt ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass der galiläische Fischer im hohen Alter das Werk verfasst hat. Und selbst wenn er der Autor wäre, wäre schwer erklärlich, warum es sich von der älteren Tradition so unterscheidet.
Nur das wohl als ‚Nachtrag‘ angefügte Kapitel 21
Schriftzitate und Anspielungen belegen eine gute Kenntnis des AT, das aber höchst selektiv benutzt wird. Analog ist auch für die übrigen Traditionen eine sehr eigenständige Verwendung anzunehmen. Nichts ist nur ‚abgeschrieben‘, Joh 20,30f
2. Adressaten
Das Joh ist wohl in Gemeindekreisen entstanden, die auch in 1-3Joh
Nach den Abschiedsreden erscheinen die Adressaten selbst verunsichert ‚in der Welt‘, so dass Jesu Wort und das ganze Joh im Durchgang durch die Geschichte Jesu eine Antwort darauf bietet. Zugleich ist das Joh nicht nur als konkretes Wort an einen begrenzten, gar ‚sektiererisch‘ abgeschlossenen Gemeindekreis zu lesen, vielmehr zielt es auch auf Lesende in einem weiteren Rahmen, ja auf die Welt der Bücher, wenn es in 1,1
3. Entstehungsort
Die Herausgabe des Evangeliums wird seit der altkirchlichen Tradition in Ephesus
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die hohe Christologie: Jesus ist der eine Offenbarer Gottes, ja er ist ‚Gott‘. Er gibt Leben, gibt den Geist. Sein Tod ist ‚Vollendung‘ der Schrift und des Willens Gottes (19,30
5. Besonderheiten
Das Joh will, dass seine Leser:innen besser und tiefer verstehen. Diesem Ziel dient die literarische Ausgestaltung durch ein eine Vielzahl literarischer Gestaltungsmittel: die Vor-Information durch den Prolog lässt die Leserschaft stets ‚wissender‘ sein als die textlichen Figuren, deren ‚dumme‘ Fragen oft Verwunderung auslösen. Die Wundergeschichten sind durch textliche Verweise so ausgestaltet, dass sie nie nur als Bericht eines vergangenen Ereignisses gelesen werden können, sondern stets auf das Ganze des Heilsgeschehens bezogen sind. Explizite und implizite Erzählerkommentare und Erläuterungen lenken den Blick auf textliche und theologische Bezüge. Narrative Figuren bieten Identifikationsangebote und provozieren durch ihre Ambivalenz zur Stellungnahme. Miteinander vernetzte, z.T. breit symbolisch ausgestaltete Metaphern (wie Wasser, Brot, Hirte, Weinstock, aber auch Geburt, Familie, Tempel, Garten) verstärken das Wirkungspotential des Textes und laden die Lesenden ein, ihn „zu bewohnen“ (Ricœur). Als subtiler literarischer Text spiegelt das Joh nicht nur die hohe Kunst seines Autors, sondern wurde selbst zur Weltliteratur.
Literatur:
- Meyers KEK: Jean Zumstein, Das Johannesevangelium, Göttingen 2016; C.K:Barrett, Das Evangelium nach Johannes, Üs. H. Balz (KEK Sonderband), Göttingen 1991.
- Martin Hengel, Die johanneische Frage, WUNT 67, Tübingen 1993.
- Jörg Frey, Die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Studien zu den johanneischen Schriften 1, WUNT 307, Tübingen 2013: https://www.mohrsiebeck.com/buch/die-herrlichkeit-des-gekreuzigten-9783161527968?no_cache=1
- Francis Moloney, The Gospel According to John, Sacra Pagina 4, Collegeville MN 1998; Marianne Meye Thompson, John: A Commentary, NTL, Louisville KN 2015.
A) Exegese kompakt: Johannes 3,22-30
Konkurrenz unter Freunden
Der wenig bekannte, selten gepredigte Text bietet überraschende Einblicke in das Verhältnis von Johannes dem Täufer und Jesus. Ein taufender Jesus, Johannesjünger, die sich über Konkurrenz echauffieren, und der Täufer, der sich am Erfolg des anderen mitfreut und selbst zurücktritt. Welches Verhalten ist angemessen auf dem religiösen Markt? Was ist dem Evangelium gemäß?
Übersetzung
22 Danach kam Jesus mit seinen Jüngern in das judäische Land, und dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte. 23 Aber auch Johannes taufte in Ainon, nahe bei Salim, denn dort waren viele Wasser; und und sie (= die Menschen) gingen dorthin und ließen sich taufen. 24 Johannes war nämlich noch nicht in das Gefängnis geworfen.
25 Da kam es zu einem Streit zwischen einigen von den Jüngern des Johannes und einem Juden über die Reinigung. 26 Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: „Meister, derjenige, der mit dir war jenseits des Jordans, über den du Zeugnis abgelegt hast, siehe, dieser tauft, und alle kommen zu ihm.» 27 Johannes antwortete und sagte: „Ein Mensch kann nicht etwas empfangen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. 28 Ihr selbst bezeugt mir, dass ich gesagt habe: ‘Ich bin nicht der Messias, sondern ich bin vor jenem her gesandt.’“ 29 Wer die Braut hat, ist der Bräutigam. Der Freund des Bräutigams aber, der da(bei) steht und ihn hört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. 30 Jener muss wachsen, ich aber geringer werden.»
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
22: διέτριβεν: Das Imperfekt erweckt die Vorstellung, dass Jesus und die Jünger sich dort länger aufgehalten haben und auch die Tauftätigkeit Jesu ein länger andauernde war.
22/23: βαπτίζειν: (jemanden anders) untertauchen. Die Implikationen der ‚christlichen‘ Taufe sind hier zu vermeiden.
23: Die conjugatio periphrastica „Es war … Johannes taufend…“ ist als duratives Imperfekt zu lesen.
25: „mit einem Juden“: Hier ist der Text unsicher und kaum zu klären. Die einzige hinreichend bezeugte Alternative ist der Plural „mit Juden“. Die Vermutung, hier hätte ursprünglich ΙΗΣΟΥ gestanden, das zu ΙΟΥ abgekürzt und dann falsch zu ΙΟΥΔΑΙΟΥ aufgelöst worden sei, ist eine Konjektur der Forschung (seit dem 18. Jh.). Andere haben zusätzlich einen Artikel (ΤΟΥ ΙΗΣΟΥ oder ΤΩΝ ΙΗΣΟΥ) konjiziert. Die Problematik, wer mit wem über was streitet, bleibt unklar. Textkritisch ist ΙΟΥΔΑΙΟΥ vorzuziehen.
2. Literarische Gestalt und Kontext
V. 22-26 erscheint aus unterschiedlichen kleinen (Versatz-)Stücken zusammengesetzt. V. 26 bildet mit V. 27-30 einen kurzen Dialog des Täufers mit seinen Jüngern, der dann ab V. 31
Die Notizen über ein gleichzeitiges Taufen Jesu und des Johannes werden in V. 24 in einer typisch joh erzählerischen Randbemerkung kommentiert. Der Evangelist weist explizit darauf hin, dass die hier gebotene Chronologie eines parallelen Wirkens Jesu und des Johannes von einer anderen abweicht, die die Leserschaft offenbar kennt: die synoptische Chronologie, nach der Jesus erst nach der Verhaftung des Täufers auftritt (Mk 1,14
Mit V. 25 beginnt (textlich unklar) etwas Neues. Die Notiz über einen Streit „um die Reinigung“, d.h. die Wirksamkeit von Reinigungsriten (der Johannestaufe?) wird sachlich nicht aufgenommen, vielmehr geht es allein um die Problematik einer Konkurrenz zwischen dem Täufer und seinem ehemaligen Jünger Jesus. Dieses Ansinnen weist der Täufer seinerseits zurück, indem er Jesu „Erfolg“ begrüßt.
Die Worte des Täufers V. 27-30 haben gegenüber V. 31-36
Dazu M. und R. Zimmermann, Der Freund des Bräutigams (Joh 3,29): Deflorations- oder Christuszeuge?, ZNW 90 (1999), 123-130.
3. Literarischer Kontext und historische Einordnung
Der Abschnitt ist ein Zwischenstück zwischen dem Nikodemusdialog 3,1-21
V. 22-26 setzten im Anschluss an Jesu Passah-Festreise nach Jerusalem einen längeren Aufenthalt Jesu und seiner Jünger in Judäa voraus. Die Synoptiker wissen davon nichts, auch nicht davon, dass Jesus selbst taufte (was in Joh 4,2,
4. Schwerpunkte der Interpretation
V. 27 ist ein Satz über göttliche Providenz: Allgemein wird gesagt: Niemand kann etwas eigenmächtig „erzwingen.“ Positiv gewendet auf Jesus und das Wachstum der Jesusbewegung bezogen heißt das: Was geschieht, ist von Gott gegeben, also „in Ordnung“, zu akzeptieren. Ob dieser Satz verallgemeinert werden darf oder nicht, steht auf einem anderen Blatt – hier bestünde die Gefahr von Passivität und Fatalismus. Das entspräche auch nicht dem, was von Nachfolger:innen Jesu erwartet ist.
In der Ostkirche hat Johannes den Titel „Prodromos“ = Vorläufer. Dieses Verhältnis wird schon in Mk 1,1-3
5. Theologische Perspektivierung
Worum geht es hier? Dass Jesus „konkurrenzlos“ ist? Das ist nach Joh klar: Jesus ist inkommensurabel. Joh vermeidet jeden Eindruck der Vergleichbarkeit, selbst Jesu Taufe wird verschwiegen, damit nicht der Täufer „größer“ erscheinen könnte. Aber das ist nicht das Spezifikum dieses Abschnitts.
Eher lässt sich hier beobachten und reflektieren, wie mit dem Phänomen religiöser Konkurrenz umgegangen wird und umgegangen werden kann. Zunächst wird eine Konkurrenz zwischen zwei religiösen Bewegungen berichtet. Die einen ärgern sich über den Erfolg der anderen, würden jener am liebsten ‚das Wasser abgraben‘. Die Täuferjünger reagieren menschlich, enttäuscht, verärgert. Ihnen geht es um die eigene Bewegung, den eigenen Platz, womöglich auch ums Rechthaben. Die erste, ‚weisheitliche‘ Antwort lautet: „keep calm!“ Nichts geschieht zufällig. Aber das ist noch nicht genug Der Täufer erkennt vielmehr die Zeichen der Zeit und sieht, was ‚dran‘ ist, was ‚in der Luft liegt‘. Er ist darin Vorbild, dass er den verärgerten Aktivismus seiner Schüler zurückweist, aber noch mehr darin, dass er selbst hörsam ist, , seine Eigeninteressen zurücknimmt und das Gehörte – bzw. den Gehörten - zur Geltung zu bringen sucht.
„Er muss wachsen, ich aber geringer werden“ – dieses Wort hatte eine heute vergessene Bedeutung für die Ansetzung der „Geburtstage“ Jesu und des Täufers, mit einem halben Jahr Differenz: Augustinus sagt in einer Predigt (ser. 194,2): „Er sandte nämlich den Menschen Johannes voraus, der zu dem Zeitpunkt geboren wurde, als die Tage anfingen abzunehmen; und er selbst wurde geboren, als die Tage anfingen zu wachsen, um damit auf das hinzuweisen, was derselbe Johannes sagt: Jener muss wachsen, ich aber abnehmen.“ Das Wort ist auch in der berühmten Kreuzigungsdarstellung von Matthias Grünewald im Isenheimer Alter (Colmar) als Schrift eingefügt. Dort weist der Täufer mit überlangem Finger auf Jesus, den Gekreuzigten (als Lamm Gottes: Joh 1,29)
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Vieles ist neu und überraschend an der exegetischen Erschließung von Joh 3,22-30
Die chronologischen Besonderheiten des Johannesevangeliums gegenüber den Synoptikern auch in der Jesus-Johannes-Sequenz sind erwartbar. Jedoch lässt mich der exegetische Fokus auf die religiöse Konkurrenz beider Gesandten aufhorchen. Schon zu anderer Predigtgelegenheit war mir die Prolog-Notiz über das Verhältnis von Jesus und Johannes (1,30
Der letzte Satz der Exegese spricht fast unangenehm deutlich in unsere Situation als Predigende hinein: „Mein Ego muss geringer werden, Jesus muss wachsen.“
2. Thematische Fokussierung
Wie die Exegese verdeutlicht, spielt das theologische Thema der Reinigung ‒ obwohl Aufhänger des erstgenannten Disputs ‒ im weiteren Verlauf der Jünger-Kontroverse keine entscheidende Rolle. Theologische Themen treten hinter Autoritätskämpfe zurück. Das ist wiederum thematisch interessant. Oft verhindern (auch in der Kirche) Machtfragen die Auseinandersetzung mit den wirklich wichtigen Themen. Oder sind gerade die Fragen nach Macht und göttlicher Berufung wichtig? Nach welchem Kriterium vergeben wir Predigtaufträge und Ämter? Wo lassen wir Machtmissbrauch auf welche Weise zu?
Die Exegese ermöglicht viele Verknüpfungen zwischen Text und gegenwärtiger Lebenswelt. Nicht nur die Johannesjünger müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie (noch) dem richtigen Prediger folgen. Auch gegenwärtig suchen Christ:innen im religiösen Wettstreit zwischen verschiedenen Prediger:innen und „Sinnfluencer:innen“, zwischen Kirchengemeinden, theologischen Schulen oder protestantischen Denominationen Orientierung. Wie die Exegese deutlich macht, werden in der Predigtperikope zwei sich besonders nahestehende Prediger – räumlich, zeitlich, inhaltlich und persönlich – von anderen in Konkurrenz zueinander gebracht. Konkurrenz ergibt sich meist in und aus besonderer Nähe. Das lässt sich wunderbar auf die Konkurrenz im kirchlichen Nachbarschaftsraum beziehen. Aus der Ferne erscheinen das Wachstum und der Erfolg anderer weniger bedrohlich, weil es nicht um den gleichen Einflussbereich geht. Im Nachbarschaftsstreit ist hingegen schnell vergessen, dass es um die Botschaft geht und nicht darum, wer sie auf welche Weise erfolgreich verbreitet.
Aufgelöst wird die Nachbarschafts-Spannung, wie die Exegese deutlich macht, anhand zweier mächtiger Stellschrauben: Beziehung und göttliche Bestimmung. Wer in freundschaftlicher Verbundenheit zueinander steht, kann sich über den Erfolg der Freund:innen freuen, ohne darin eine Bedrohung zu sehen. Man hat an dem Erfolg des Anderen Teil. Und: Wer das göttliche Dei erkennt und akzeptiert, erkennt und akzeptiert die Zeichen der Zeit. Es gibt eine Zeit, zu predigen, es gibt eine Zeit, anderen zuzuhören. Die göttliche Ordnung steht über dem eigenen Geltungsdrang. So wie der Mond zu- und abnimmt, so wie die Sonne und länger und kürzer scheint, so muss sich auch unser Wirken in einen ewigen Kreislauf einfinden. Die starken Bilder von göttlich verfügtem Wachstum und Rückgang, von Reichweitenstreit und freundschaftlicher Rückendeckung, von Redezeit und (Christus-)Gehorsam können die Kommunikation des Evangeliums (nicht nur im Predigtfall) visuell und visionär bereichern.
3. Theologische Aktualisierung
Der große Trost der Jesus-Johannes-Wende liegt darin, im „Abnehmen“ der eigenen Reichweite nicht nur Zerfall, sondern eine gottverbürgte Verheißung zu erkennen. Wer Christus nach vorne stellt und nicht nur das Schaufenster, sondern den ganzen Raum füllen lässt, muss sich nicht in Geltungskämpfe verstricken lassen. Das ist aber nicht nur Trost, sondern auch und vor allem Anspruch und Zumutung. Es erfordert Mut, der christlichen Botschaft selbst wieder Überzeugungspotential zuzutrauen.
Jesu Konkurrenzlosigkeit und Unvergleichbarkeit stehen für das Johannesevangelium außer Frage, doch gibt es immer wieder Umstände und geschichtliche Wendungen, damals wie heute, die statt „Jesus first“ andere Gewichtungen in die Alltagsüberzeugungen eintragen wollen. Diese dann wieder zu bereinigen, bedarf der ewigen Tauferinnerung.
Sogar innerhalb der Grenzen der eigenen Konfession gibt es eine breite, bisweilen unübersichtliche religiöse Angebotspalette. Alle werben für ihre Art des Christseins, für ihre Form des Evangeliums. Wie steht es nun um das Entscheidungskriterium in der Frage: Welche christliche Gemeinschaft erwähle ich als konkrete Taufgemeinschaft? Wo und wann das eigene Kind taufen? Der eigene Wohnort und der Geburtstag des Kindes geben die Antwort längst nicht mehr vor. Welche Prediger:innen „konsumiere“ ich? Suche ich die Megachurch anstelle der kleinen Ortsgemeinde auf? Gebe ich mich mit den theologischen Einsichten der Pfarrperson vor Ort zufrieden oder suche ich mir per livestream die Predigt, die am besten zu meiner politischen Gesinnung passt?
In Bezug auf die Bewertung der unterschiedlichen ntl. Schriften hat Martin Luther das vielzitierte Kriterium „was Christum treibet“ geprägt. Das lässt sich natürlich auch auf jene Menschen und Gemeinschaften übertragen, die Verkündigungsdienst leisten. Steht dort Christus oder das Wachsen der eigenen Reichweite im Vordergrund? Daran muss sich das innergemeindliche Handeln, ja auch die Gottesdienstgestaltung immer wieder messen und wenn nötig justieren lassen. Für die konkrete Predigtsituation rührt das an der vieldiskutierten Frage: Wie viel Persönlichkeit nehme ich mit auf die Kanzel? Die rechte Balance zwischen Lebenskonkretion und Abstraktion von der immer nur eigenen Sichtweise ist nicht leicht zu finden. Wann ist die Zeit als authentische Zeug:in nach vorn zu treten, wann ist die Zeit hinter das Evangelium zurückzutreten? Aus der biblischen Tradition kennen wir viele Erzählungen, wo aus Kleinem Großes wird. Diese Bewegung entspricht – für viele mittlerweile fast selbstverständlich ‒ Gottes Logik und es ist nicht nur rund um Weihnachten ein beliebtes theologisches Deutungsmuster. Dass dazu umgekehrt auch Großes abnehmen muss und wir davon unter Umständen betroffen sind, denken wir ungern mit. Der Verzicht auf Geltung und Privilegien tut weh, selbst wenn es passiert, um Christus zu treiben. Die „Sommerweihnacht“ gibt Anlass, darüber nachzudenken.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Johannestag steht terminlich und thematisch in enger Verbindung mit der Sommersonnenwende, auch Sommerweihnacht genannt. Das Bild vom Wachsen und Abnehmen, das uns die Johannesperikope zu predigen vorgibt, von göttlicher Ordnung und ewigem Kreislauf, passt nicht zufällig genau zu der jahreszeitlichen Begehung des längsten Tages im Jahr. Die Predigtanlässe zum Johannistag werden zwar insbesondere im städtischen Pfarrkalender immer rarer. Mancherorts werden aber – wenn der Johannistag auf einen Wochenendtag fällt - Taufgottesdienste oder Tauferinnerungsfeiern begangen, manchendorfs gibt es noch das traditionelle Johannisfeuer. Oft fällt der Johannistag eher zufällig mit einem Gottesdienst an besonderen Orten (etwa im Seniorenheim oder im Krankenhaus) zusammen. Die Predigtgelegenheiten sind hier, wie dort auf Andachtslänge reduziert. Auch hier ist genau zu bedenken, wie viel Zeit zu predigen und wie viel Zeit zum Zuhören christusgemäß sind.
Das biblische Gesamtensemble des Johannistages fügt sich gut in das Spiel aus Wachsen und Abnehmen ein. Psalm 92
Autoren
- Prof. Dr. Jörg Frey (Einführung und Exegese)
- Dr. Olivia Rahmsdorf (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500048
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