Schülerinnen und Schüler
Andere Schreibweise: students (engl.)
(erstellt: Februar 2026)
Vorgängerartikel von Elisabeth Naurath
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1. Grundlegendes
1.1. Schülerinnensein, Schülersein
Schülerinnen und Schüler sind zumeist Kinder und Jugendliche, die eine → Schule
Schule als zentraler Lern- und Lebensraum nimmt großen Einfluss auf die Bildung, Entwicklung und Sozialisation von Kindern und Jugendlichen und stellt eine zentrale Begegnungsstätte für Interaktionen und Beziehungsverhältnisse dar (Harring/Rohlfs/Palentien, 2023). Als Akteurinnen und Akteure im Unterricht folgen Schülerinnen und Schüler unterschiedlichen Handlungslogiken, die im sozialen Gefüge der Klasse eingebettet sind. Schülerinnen- und Schülerhandeln ist nicht ausschließlich auf das Erreichen von Unterrichtszielen ausgerichtet, sondern verfolgt z.B. auch die Aufrechterhaltung der Peerkultur durch Kommunikation mit Mitschülerinnen und -schülern. Damit liefert sowohl die formale Unterrichts- als auch die informelle Peerordnung (→ Gruppe/Peergroup
1.2. Bildungstheoretischer und religionsdidaktischer Wandel zum Subjekt: Das 20. Jahrhundert als Bezugsrahmen für Schülerinnen und Schüler heute
Das leitende Prinzip schulischen Unterrichts – insbesondere des Religionsunterrichts – ist die Vorstellung, dass → Bildung
Dieses Ziel unterrichtlicher Praxis ist eng mit dem allgemein pädagogischen Konzept der Subjektorientierung verbunden. In der Pädagogik wie auch in der Theologie wurden insbesondere im 20. Jahrhundert vielfältige Theorien zur Beziehung von → Subjekt
Die Öffnung der Religionspädagogik hin zu ihren Nachbarwissenschaften wie der Erziehungswissenschaft und der Psychologie brachte neue Impulse für das Verständnis religiöser Bildungsprozesse. Die entwicklungspsychologischen Modelle von Oser/Gmünder, Kohlberg und Fowler (→ Entwicklungspsychologie
Die sog. → Empirische Wende
1.3. Schulorganisation
Nach der Grundschule wechseln Schülerinnen und Schüler in Deutschland je nach Bundesland in unterschiedliche weiterführende Schulformen, die sich je nach Region unterscheiden. Aus dem ehemals dreigliedrigen System entwickelt sich zunehmend ein zweigliedriges, da Hauptschulen vielfach mit anderen Schulformen zusammengelegt werden (→ Schule
Mit Ausnahme der Länder, in denen die Ausnahmeregel aus GG Art. 141 greift, ist der Religionsunterricht gemäß Art. 7 Abs. 3 GG in allen Schulformen als ordentliches Lehrfach verankert und hat nach den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaften zu erfolgen (→ Religionsunterricht, Recht
2. Horizonte der Vielfalt von Schülerinnen und Schülern
2.1. Heterogenität und Ungleichheit
Die Entwicklung eines zunehmend inklusiven Schulsystems führt zu deutlich heterogenen Klassenzusammensetzungen (→ Heterogenität
Seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2006 (in Deutschland seit 2009 rechtsverbindlich) ist das deutsche Bildungssystem verpflichtet, inklusive Strukturen zu etablieren, die eine gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung in Regelschulen ermöglichen (→ Inklusion
Die zunehmende Vielfalt der Schülerinnen- und Schüler wird inzwischen auf diskursiver Ebene verstärkt wahrgenommen. Beispielsweise rücken in der Religionspädagogik vermehrt unterschiedliche Diskriminierungsformen in den Fokus, die den Schulalltag prägen und strukturelle Ungleichheiten sowie mangelnde Chancengleichheit reproduzieren. Diese Phänomene werden zunehmend unter der Analyseperspektive der → Intersektionalität
Die → Schulbuchanalyse
2.2. Gender und geschlechtliche Vielfalt
Das Thema der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt (→ Gender
Geschlecht stellt einen einflussreichen Faktor innerhalb von Bildungsprozessen dar, da schulische Interaktionen häufig durch geschlechtsspezifische Zuschreibungen und Praktiken im Sinne des doing gender geprägt sind. Dies zeigt sich etwa in der Vergabe von Aufgaben oder in der Art und Weise, wie Lehrkräfte mit Schülerinnen und Schülern kommunizieren (Kohler-Spiegel, 2020). Eine geschlechtssensible und empathische Wahrnehmung setzt daher eine dekonstruierende Auseinandersetzung mit normativen Geschlechterbildern voraus.
Religionsunterricht, der sich mit anthropologischen Fragen (→ Anthropologie
2.3. Flucht, Migration und kulturell-religiöse Vielfalt
Vielfältige Anlässe und Beweggründe führen dazu, dass Menschen ihre Heimat verlassen und sich an einem anderen Ort migrieren. Dies kann sowohl auf freiwillige, als auch unfreiwillige Beweggründe zurückgehen, sei es aufgrund beruflicher, familiärer Motive oder Bildungsaussichten oder aber aufgrund von Krieg, religiöser oder politischer Verfolgung oder Naturkatastrophen im Herkunftsland. Die globalen Migrations- und Fluchtbewegungen führen dazu, dass Schul- und Klassenzusammensetzungen heterogener werden und Schülerinnen und Schüler mit vielfältigen Kulturen, sozialen Hintergründen, Religionen und Religionsausübungen in Kontakt stehen. Dies prägt die Bedeutung und Zielsetzung interreligiösen Lernens (→ Interreligiöses Lernen
Vor diesem Hintergrund ist es im Religionsunterricht geboten, sich an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen, den individuellen Subjekten und (Migrations-)Biografien der Lernenden zu orientieren und ihre damit verbundenen religiösen, kulturellen oder politischen Ausdrucksformen differenziert wahrzunehmen. Damit Schülerinnen und Schüler differenziertes und sachliches Wissen über die Gründe, den Kontext und die Folgen von Migration lernen, ist es zentral, eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen anzustoßen (Reese-Schnitker, 2018). Dies erfordert auch die Auseinandersetzung mit → Rassismus
Migration und Flucht stellen bereits zentrale Themen der Bibel dar (→ Flucht als Thema der Bibel, bibeldidaktisch
3. Lebenswelt und Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern
3.1. Schülerinnen und Schüler in der (post)digitalen Welt
Digitalität beeinflusst den schulischen Alltag, das Rollenverständnis und die Beziehung von Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften. Spätestens seit der Corona-Pandemie (Hochphase von 2020 bis 2022) und der Etablierung von Künstlicher Intelligenz (KI) beispielsweise durch den Textgenerator ChatGPT (seit 2022) ist klar, dass digitale Medien das Lernen und Lehren verändern (→ Digitalisierung
Den prägenden Einfluss von KI und digitalen Medien auf Schülerinnen und Schüler belegen auch aktuelle Jugendstudien. Viele Lernende begegnen KI mit grundsätzlicher Offenheit und Faszination, zugleich aber auch mit Sorge vor Automatisierung, Arbeitslosigkeit und unmenschlichen Entscheidungen (Albert, 2024). Anwendungen wie ChatGPT werden zunehmend für schulische Zwecke wie Hausaufgaben genutzt, während das Internet längst ein selbstverständlicher Teil des Alltags ist (Medienpädagogischer Forschungsverbund, 2024). Schülerinnen und Schüler wachsen in einer Welt auf, in der Offline-Sein zur Ausnahme geworden ist (Floridi, 2015). Die allgegenwärtige Digitalität prägt ihr Selbstverständnis und führt zu neuen Formen der Kommunikation, die sich deutlich von denen früherer Generationen stark unterscheiden.
Die zunehmende Bedeutung von Social Media (→ Soziale Medien
3.2. Politisches Engagement im Kontext multipler Krisen
Jugendliche sind heute politisierter als noch vor fünf Jahren. Ihr gestiegenes Interesse an politischen Themen geht einher mit wachsenden Sorgen, insbesondere vor einem Krieg (→ Krieg und Frieden
Trotz vielfältiger Krisen blicken Jugendliche optimistisch in die gesellschaftliche Zukunft. Werte wie Freundschaft, Partnerschaft und ein stabiles Familienleben bleiben seit drei Jahrzehnten konstant zentrale Lebensziele (Albert, 2024).
Da die → Adoleszenz
Ein prägnantes Beispiel für das politische Engagement von Schülerinnen und Schülern ist die Bewegung Fridays for Future, die Ausdruck ihres wachsenden Umweltbewusstseins in Zeiten der Klimakrise ist (Hurrelmann/Albrecht, 2020). Die Bewegung bietet Visionen für die Zukunft und rückt Fragen der Generationengerechtigkeit ins öffentliche Bewusstsein. In religionspädagogischen Konzepten wird Klimagerechtigkeit im Rahmen der → Bildung für nachhaltige Entwicklung
3.3. Prävention sexualisierter Gewalt
Ein bis zwei Kinder pro Schulklasse sind statistisch gesehen von sexualisierter Gewalt betroffen (UBSKM, o.J.). Dies ist auch für religionspädagogische Überlegungen von hoher Relevanz: zum einen aufgrund der möglichen Betroffenheit einzelner Schülerinnen und Schüler, zum anderen, weil der Religionsunterricht existenzielle Fragen und Themen berührt, in denen sich besondere Formen von → Vulnerabilität
Seit dem Bekanntwerden zahlreicher Taten sexualisierter Gewalt in kirchlichen Einrichtungen 2010, ist die Thematik eng mit der öffentlichen Wahrnehmung von Kirche verknüpft. Durch die MHG-Studie (2018), weitere Studien in deutschen Bistümern, die ForuM-Studie (2024) und eine breite mediale Berichterstattung ist das Thema auch bei Schülerinnen und Schülern im Religionsunterricht präsent (Mößle, 2025). Vertrauensverlust, Vorurteile oder das Anfragen theologischer Konzepte wie Schuld und Vergebung verlangen das sensibilisierte und kompetente Aufgreifen des Themas im Religionsunterricht. Hier gilt es, neben dem Wissen um Prävention theologische Sprachfähigkeit in allen Ausbildungsphasen einzuüben.
Schulische Schutzkonzepte, die oft in Kooperation mit der Schulsozialarbeit entwickelt werden, setzen auf Prävention durch Interventionspläne, Beschwerdeverfahren und klare Handlungsabläufe. Zentrale Elemente sind die Partizipation von Schülerinnen und Schülern, die kontinuierliche Qualifizierung von Lehrkräften und die fächerübergreifende Verankerung präventiver Inhalte. Darüber hinaus bieten → Schulseelsorge/Schulpastoral
4. Die Bedeutung des Religionsunterrichts für Schülerinnen und Schüler
Der Religionsunterricht ist ein zentraler Ort existenzieller, ethischer und religiöser Orientierung inmitten einer zunehmend komplexen und heterogenen Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern. Er greift vielfältige Heterogenitätsdimensionen auf und bietet Raum für persönliche Fragen, Erfahrungen und Perspektiven.
Zugleich spiegelt er die religiöse Vielfalt und Ambivalenz innerhalb der Schülerinnen- und Schülerschaft wider: So ist im Religionsunterricht die Spannbreite individueller religiöser Orientierung mit starker persönlicher Glaubenspraxis bis hin zu einer distanzierten Haltung gegenüber religiösen Institutionen anzutreffen. Verstehen sich Schülerinnen und Schüler religiös, wird der gelebte Glaube, etwa in Form des persönlichen Gebets, als bedeutsamer empfunden als institutionalisierte Formen wie der Gottesdienstbesuch. Jüngere Schülerinnen und Schüler sind tendenziell mehr an Religion interessiert als ältere (Pohl-Patalong, 2017). Die religiöse Sozialisation zeigt sich insgesamt rückläufig, insbesondere unter christlich geprägten Jugendlichen wird deutlich, dass der Glaube an Gott an Bedeutung verliert (Albert, 2024). Muslimische Jugendliche weisen hingegen eine deutlich stärkere Bindung an Glaubens- und Gebetspraxis auf.
Die KMU VI (2024) (→ Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) der EKD
Der Religionsunterricht wird von vielen Schülerinnen und Schülern als relevant erlebt, wenn er einen erkennbaren Bezug zu den Lebensbereichen Beruf, Gesellschaft oder ihrem persönlichen Leben herstellt und sie einen Lernertrag für sich ableiten können (Schwarz, 2019). Bleibt dieser Lebensweltbezug aus und geht der vermittelte Stoff gänzlich an den persönlichen Fragen und Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler vorbei, verlieren sie das Interesse oder melden sich vom Fach ab (Mößle, 2023; Gennerich, 2018).
Insgesamt wird der Religionsunterricht von den Schülerinnen und Schülern als Raum für Urteilsbildung wahrgenommen, in dem sie ihre persönliche Position innerhalb einer pluralen Gesellschaft einüben, diskutieren, und reflektieren lernen. Diese Offenheit ermöglicht es auch religionsfernen Schülerinnen und Schülern, von der Teilnahme am Fach Religion zu profitieren, Autonomie und Urteilsfähigkeit zu entwickeln und Orientierung angesichts existenzieller Fragen zu finden (Pohl-Patalong, 2017). Religionsunterricht hat das Potenzial zu einem Safe(r) Space zu werden, an dem Schülerinnen und Schüler partizipieren lernen und angesichts herausfordernder Themen und potenzieller Unsicherheiten in einen ehrlichen Austausch treten können. Zentral ist hierbei das wertfreie und einfühlsame Handeln der Lehrkraft, die den Lernenden mit einer offenen Haltung (→ Haltung, Lehrende
Der Religionsunterricht ist Teil des schulischen Systems und unterliegt somit auch dem Prinzip der Leistungsbeurteilung. Obwohl viele Lehrkräfte Glaubensaussagen nicht bewerten und eine religiöse Positionierung aus der Notengebung heraushalten, erleben Schülerinnen und Schüler mitunter Widersprüche: Teilweise fühlen sie sich benachteiligt, wenn sie kritische Äußerungen tätigen oder offenbaren, dass sie nicht an Gott glauben (Roose, 2022). Gleichzeitig haben gute Noten im Fach Religion für Schülerinnen und Schüler eine hohe Bedeutung (Schwarz, 2019).
5. Weiterführende Perspektiven
Der Religionsunterricht nimmt in der Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern eine bedeutsame Rolle ein, denn er stellt eine institutionelle Schnittstelle zu theologischer Bildung und reflektierter religiöser Praxis dar. Gerade vor dem Hintergrund schwindender religiöser Sozialisationsinstanzen wie Familie und Gemeinde gewinnt seine Bedeutung weiter an Gewicht und wird von vielen Schülerinnen und Schülern nach wie vor geschätzt. Angesichts polarisierender Diskurse sind differenzsensible Lernräume gefragt, die Reflexion ermöglichen und Lernenden Orientierung sowie Raum für existenzielle Fragen bieten. Dies erfordert eine intensivere religionspädagogische Auseinandersetzung mit digitalen und analogen Lebenswelten von Schülerinnen und Schülern.
Ein weiteres Potenzial religionspädagogischer Forschung liegt in der stärkeren Berücksichtigung praxistheoretischer Perspektiven, die Schülerinnen und Schüler als aktiv handelnde Akteurinnen und Akteure bei der Herstellung unterrichtlicher Realität in den Fokus rücken. Die Einbindung der Schülerinnen- und Schülerperspektive, insbesondere im Hinblick auf ihre normativen Orientierungen, sozialen Interaktionsmuster und impliziten Wissensbestände, die über das curricular vermittelte Wissen hinausreichen, bietet ein weiterführendes Forschungsfeld.
Auch der Umgang mit Heterogenität der Schülerinnen und Schüler bedarf mehr religionspädagogischer Forschung, da diese eine zentrale Herausforderung auf allen Ebenen des Bildungssystems, von der bildungspolitischen Metaebene über die schulorganisatorische Mesoebene bis hin zur unterrichtlichen Mikroebene, darstellt. Sie geht weit über die Forderung nach didaktischer Binnendifferenzierung hinaus. Inwiefern Lernen in heterogenen Lerngruppen gelingen kann, ist eine zentrale Fragestellung der religionspädagogischen sowie der lern- und entwicklungspsychologischen Forschung. Besonders hervorzuheben ist dabei der religiöse Lernprozess, der einen sensiblen Umgang mit religiöser Heterogenität erfordert und in dem das gemeinsame Fragen nach Wahrheit reflektiert und ausgehandelt werden muss. Solche Aushandlungsprozesse gewinnen angesichts zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung an Bedeutung, da sie Schülerinnen und Schüler dazu befähigen können, eine tolerantere und demokratischere Haltung zu entwickeln.
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