Elementarisierung
(erstellt: Februar 2026)
Vorgängerartikel von Ulrike Baumann
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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.100014
Das religionspädagogische Anliegen der Elementarisierung ist umfassender als die Konzentration auf eine Elementartheologie, deren Maßstäbe primär die Auswahl und Vereinfachung von Inhalten sind. Pädagogisch gibt es das Elementare nicht „an sich“ oder nur auf die Sache bezogen. Vielmehr verweist der Begriff auf ein Verhältnis zwischen einem Inhalt und Personen, für die er zugänglich, einsichtig und grundlegend bedeutsam werden soll. Diesem Erschließungsprozess dient die Elementarisierung.
1. Das Interesse an Elementarisierung
Erziehungswissenschaftlich reichen die Wurzeln der Bemühung um elementares Lernen weit zurück. Als prominenter Vertreter im 18. Jahrhundert gilt Johann Heinrich Pestalozzi, der mit seiner Tätigkeit in Stans Stufen einer sittlichen Elementarbildung beschrieb. Ihn hat Wolfgang Klafki in den 1950er Jahren aufgenommen (Klafki, 1964), um das pädagogische Problem des Elementaren im Rahmen einer Theorie kategorialer → Bildung
In der → Religionspädagogik
Schon früh hat das Elementarisierungskonzept sich um eine empirische Fundierung durch → Unterrichtsforschung
2. Konzepte der Elementarisierung
Der Elementarisierungsansatz hat religionsdidaktisch unterschiedliche Ausformungen erfahren. Für Ingo Baldermann blieb die Frage nach elementaren Zugangsmöglichkeiten zur Bibel leitend. Indem er Kindern elementare Sätze aus den Psalmen (→ Psalmendidaktik
Nach Godwin Lämmermann kann Elementarisierung nicht mit der Strukturierung von Inhalten einsetzen. Er räumt den lebensweltlichen Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler den Primat bei der Elementarisierung ein, um von dort her Schlüsselprobleme für didaktische Überlegungen zu identifizieren. Allerdings bleibt das Auffinden solcher Schlüsselprobleme hier eine „spekulativ-didaktische Aufgabe“ und der Weg von der Fülle möglicher Lebensweltbezüge zu immer begrenzten Unterrichtsprozessen eher undeutlich (Lämmermann, 2005, 246; vgl. 226-245).
Gerhard Büttner setzt durch das Einbeziehen empirischer Befunde vor allem aus der Kinder- und Jugendtheologie (→ Kindertheologie
Besonders wirksam wurde der Tübinger Ansatz der Elementarisierung, für den neben Nipkow heute Friedrich Schweitzer steht. Im Laufe der Zeit hat dieses religionsdidaktische Modell breite Akzeptanz gefunden, aber auch Weiterentwicklungen und Modifikationen erfahren.
3. Der Tübinger Ansatz der Elementarisierung
Den Hintergrund für dieses Konzept bildet eine Verbesserung der Qualität des Religionsunterrichts, um eine lebensbezogene Begegnung zwischen den Inhalten oder Themen und den Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen. Grundlegend bedeutsame Lernvollzüge sollen durch ein zweipoliges Vorgehen unterstützt werden, bei dem Person und Sache sich wechselseitig erschließen. Theologische und pädagogische Kriterien werden dabei konvergent zur Wirkung gebracht.
3.1. Elementarisierungsdimensionen
Das Elementarisierungsmodell bezieht sich auf die Vorbereitung, Planung und Artikulation von Religionsunterricht. Es will dem Wissen, Verstehen und Urteilen als Bestimmungen des Lernens gerecht werden und formuliert dabei jeweils ein auf → Subjekt
Elementare Strukturen: Je nach Unterrichtsinhalt vergewissern sich die Unterrichtenden durch exegetische, historische, systematische, empirische und ideologiekritische Analysen (→ Ideologiekritik
Elementare Erfahrungen: Bei Elementarisierung geht es um lebensbedeutsame Erschließung und erfahrungsbezogene Relevanz. Die Unterrichtenden fragen nach in überlieferten Zeugnissen aufgehobenen elementaren (Glaubens-) Erfahrungen. Damit sind Erfahrungen von Menschen zu unterschiedlichen Zeiten gemeint. Nachhaltig aber geht es um die elementaren Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler und ihre lebensweltlichen Zusammenhänge, von denen her sie einem Inhalt begegnen bzw. auf die hin er ausgelegt werden kann. Zentral ist die Konzentration auf die für ein Thema wichtigen Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler, ergänzt durch die Reflexion auf die in einem Text oder Thema eingelagerten Erfahrungen.
Elementare Zugänge: Zu berücksichtigen sind die jeweiligen Zugangs- und Deutungsweisen der Schülerinnen und Schüler, die sich aus ihrer Entwicklung und mit ihrer Lebenslage verbundenen Verstehensweise erklären. Das Elementare erscheint als das zeitlich Angemessene, Elementarisierung als Sequenzproblem im Sinne lebensgeschichtlich bedingter Verstehensvoraussetzungen. Sie können je nach Vertrautheit mit einer bestimmten Inhaltsdomäne zwischen Kindern variieren. Zu beachten ist, welche Expertise sie in einem Bereich bereits mitbringen. Entscheidend ist auch die Einsicht, dass Kinder und Jugendliche sich die Welt als aktive Subjekte erschließen. Auf Seiten der Unterrichtenden setzt dies die Fähigkeit voraus, Äußerungen von Kindern und Jugendlichen auf dem Hintergrund ihrer religiösen Entwicklung und lebensgeschichtlichen Bezüge kundig lesen und interpretieren zu können. Eine kognitive Aktivierung (→ Kognitive Aktivierung
Elementare Wahrheiten: Das Elementare erscheint im existenziellen Bezug eines Themas oder Inhalts, Elementarisierung als Vergewisserungsproblem im Gespräch über Fragen nach Wahrheit. Damit wird nicht unterstellt, dass Wahrheit in eindeutiger, objektiver Tradition unabhängig von ihrer persönlichen Erfahrung festzumachen ist oder dass der Wahrheitsstreit zwischen verschiedenen Religionen von einer dritten, scheinbar objektiven Warte aus zu entscheiden sei. Der Religionsunterricht kann die Frage nach Wahrheit nicht ausklammern, sondern nimmt sie dialogisch auf, weil er sonst den Ernst von Glaubenserfahrungen und das Interesse der Schülerinnen und Schüler unterbieten würde. Sie sollen die Glaubwürdigkeit von Überzeugungen auf die Probe stellen können, um so religiöse Orientierung zu gewinnen und den eigenen Glauben zu klären. Es geht um das existenzielle Potenzial von Texten und Themen, das auch eine Positionierung (→ Positionalität
Elementare Lernformen: Die dem Ansatz innewohnende Dynamik verlangt bewegliche didaktische Fantasie. Die Unterrichtenden suchen nach Formen des Lehrens, die dem Thema gerecht werden, und berücksichtigen dabei kognitive, affektive und handlungsorientierte Aspekte des Lernens sowie Möglichkeiten kreativer Gestaltung. Die Sache soll den Schülerinnen und Schülern durch methodische Vielfalt zugänglich werden. Im Sinn eines didaktischen Lernverständnisses müssen die Lernformen mit den anderen Dimensionen der Elementarisierung konvergieren. Dabei ist auch die Passung zwischen eingeplanten → Medien
Die Erschließungsdimensionen sind im Sinne eines Kreises oder Zirkels zu verstehen, in den an jeder Stelle eingetreten werden kann. Sie bieten ein komplexes Modell zur Vorbereitung und Gestaltung von Unterricht, das über die Konfessionsgrenzen hinweg Akzeptanz findet und auch in der islamischen Religionsdidaktik rezipiert wird (Boschki, 2017; Schweitzer/Ulfat, 2022).
3.2. Elementarisierung als Analyseinstrument
Nach Schweitzer erweisen sich die Grundkategorien des Elementaren, Fundamentalen und Exemplarischen noch immer als hilfreich, weil sie als Prüfkriterien für Bildungspläne (→ Lehrplan
Die Dimensionen des Tübinger Ansatzes eignen sich auch zur qualitativen Analyse von Schulbüchern (→ Religionsbuch, evangelisch
3.3. Verbindung zu weiteren didaktischen Ansätzen
Für die weitere Diskussion war besonders der von Schweitzer u.a. erbrachte Nachweis wichtig, dass sich Elementarisierung auch als Weg zum Kompetenzerwerb (→ Kompetenzorientierter Religionsunterricht
Entsprechende Modelle zur Gestaltung von Unterricht lassen sich auch gut mit dem Konzept der Kinder- und Jugendtheologie verbinden. Schweitzer zeigt, dass Elementarisierungsmöglichkeiten zu verdeutlichen helfen, was Kinder- und Jugendtheologie für Lernen und → Bildung
Büttner nimmt eine praxisbezogene Reformulierung des Elementarisierungsansatzes vor, wobei die einzelnen Dimensionen weitere Ausformulierungen erfahren. Aufmerksamkeit erhält die Themenkonstitution im Klassenzimmer bzw. Unterricht, die auch durch die ausgewählten Medien bewirkt wird. Von diesen Medien gehen zahlreiche Appelle aus, unter denen ausgewählt werden muss, um elementare Formen des Lernens anzubieten. Büttner konzentriert die elementaren Erfahrungen auf die Frage, ob die Schülerinnen und Schüler mit diesen Lernformen bereits Erfahrungen gemacht haben oder ob der Unterricht hier neue Erfahrungen ermöglichen soll und kann (vgl. Büttner, 2019, 126-163).
4. Gemeindepädagogik und Elementarisierung
Elementarisierung führt die religionspädagogisch oft getrennt behandelten Bereiche von Religionsdidaktik und → Gemeindepädagogik
Glaube will nicht nur verstanden, sondern auch gefeiert und auf vielfältige Weise lebendig werden. Dem entsprechen eine elementarisierende liturgische Bildung und eine elementare Erschließung der Sakramente (→ Sakramentenkatechese/-pastoral
5. Elementarisierung als Herausforderung für interreligiöses Lernen
Bildung schließt angesichts gesellschaftlicher Vielfalt den Respekt vor anderen Religionen und Überzeugungen ein. Damit er durch Gemeinsamkeiten und Differenzen hindurch erworben wird, ist interreligiöses Lernen (→ Interreligiöses Lernen
Der didaktische Elementarisierungsbedarf ist beim interreligiösen Lernen besonders groß: Die Beschäftigung mit Weltreligionen im Unterricht erfordert erhebliche Reduktionen, die gleichwohl nicht zu unangemessenen Verkürzungen führen sollen. Zentrale Unterrichtsinhalte sollten deshalb nach Möglichkeit dialogisch-kooperativ elementarisiert werden (vgl. Schweitzer/Ulfat, 2022, 173-257).
Interreligiöses Wissen ist auf eine Verankerung in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen angewiesen, wenn es nicht äußerlich und träge bleiben soll. Karlo Meyer führt zur Differenzierung das religionswissenschaftliche Begriffspaar (→ Religionswissenschaft
Es legt sich bei interreligiösen Fragen nahe, in den didaktischen Zirkel bei den Schülerinnen und Schülern einzusteigen. Blicken sie aus ihrem eigenen Glaubenskontext auf ein Phänomen oder haben sie damit externe, gar nur medial vermittelte elementare Erfahrungen? Sie sollten der Präsenz des Fremden in der eigenen Lebenswelt nachspüren und dabei auch ambivalente Sichtweisen zum Ausdruck bringen können. Bei den elementaren Zugängen oder Denkweisen ließen sich in der Entwicklung von der Kindheit zum Jugendalter bisher zwei parallele Übergänge erkennen: Ein Übergang von äußerlichen Merkmalen hin zu inneren Überzeugungen und mit dem Übergang zum Jugendalter eine Orientierung in der Welt der Religionen, die ihr Verhältnis zueinander betrifft. Wie unterscheiden sich hier Zugänge von Jugendlichen mit einem bestimmten Glauben von jenen ohne den betreffenden Transzendenzbezug? Differenzen lassen sich nicht ausschließlich der Subjektseite zuordnen und müssen deshalb auch präsent sein, wenn über den Kern der Sache entschieden wird. Zu den elementaren Strukturen gehört es, die eigenen Überlieferungsmaterialien anderer Religionen zu nutzen. Die Rezeption dieser Inhalte ist aber bereits erfahrungsweltlich vorgeprägt und erfordert deshalb eine den Weltzugängen der Schülerinnen und Schüler entsprechende Auswahl, damit sie eine andere Religion überhaupt als Herausforderung erreicht. Dabei erwartet der Religionsunterricht nicht, dass ein bestimmter Inhalt wie in seinem ursprünglichen Glaubenskontext beherzigt, wohl aber, dass er lernend behandelt wird.
Für Gemeinsamkeiten und bleibende Fremdheit (→ Fremdheit als didaktische Aufgabe
Elementarisierung im Kontext interkulturellen (→ Interkulturalität
Literaturverzeichnis
- Baldermann, Ingo, Einführung in die biblische Didaktik, Darmstadt 1996.
- Baumann, Ulrike, Perspektiven religiöser Bildung. Ein Gespräch mit frühen Klassikern, Würzburg 2024.
- Baumann, Ulrike, Wieso sind Friedensstifter selig? Elementarisierung mit der Bergpredigt, in: IRP-Impulse, Frühjahr 2018, 38-43.
- Baumann, Ulrike, Mich mögen, wie ich bin. Geschlechterdifferenz im Religionsbuch, in: Pithan, Annebelle u.a. (Hg.), Gender, Religion, Bildung, Gütersloh 2009, 327-340.
- Boschki, Reinhold, Einführung in die Religionspädagogik, Darmstadt 3. Aufl. 2017.
- Büttner, Gerhard, Elementarisierung im Religionsunterricht. Einführung in die Praxis, Stuttgart 2019.
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- Klafki, Wolfgang, Das pädagogische Problem des Elementaren und die Theorie der kategorialen Bildung, Weinheim 3. Aufl. 1964.
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- Schweitzer, Friedrich, Lernen im Religionsunterricht. Was der RU leisten kann und wie er seine Ziele erreicht, Göttingen 2024.
- Schweitzer, Friedrich/Ulfat, Fahima, Dialogisch, kooperativ, elementarisiert. Interreligiöse Einführung in die Religionsdidaktik aus christlicher und islamischer Sicht, Göttingen 2022.
- Schweitzer, Friedrich/Haen, Sara/Krimmer, Evelyn, Elementarisierung 2.0. Religionsunterricht vorbereiten nach dem Elementarisierungsmodell, Göttingen 2019.
- Schweitzer, Friedrich, Elementarisierung und Kompetenz. Wie Schülerinnen und Schüler von „gutem Religionsunterricht“ profitieren, mit weiteren Beiträgen von Ulrike Baumann u.a., Göttingen 4., überarb. Aufl. 2018.
- Schweitzer, Friedrich, Elementarisierung und Bibeldidaktik, in: Zimmermann, Mirjam/Zimmermann, Ruben (Hg.), Handbuch Bibeldidaktik, Tübingen 2013, 409-415.
- Schweitzer, Friedrich, Elementarisierung im Kontext neuerer Entwicklungen, in: Grümme, Bernhard u.a. (Hg.), Religionsunterricht neu denken. Innovative Ansätze und Perspektiven der Religionsdidaktik. Ein Arbeitsbuch, Stuttgart 2012, 234-246.
- Schweitzer, Friedrich, Elementarisierung im Religionsunterricht. Erfahrungen, Perspektiven, Beispiele, mit weiteren Beiträgen von Karl Ernst Nipkow u.a., Neukirchen-Vluyn 3. Aufl. 2011a.
- Schweitzer, Friedrich, Kindertheologie und Elementarisierung. Wie religiöses Lernen mit Kindern gelingen kann, Gütersloh 2011b.
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