Deutsche Bibelgesellschaft

Johannes 14,15-19(20-23a)23b-27 | Pfingstsonntag | 08.06.2025

Einführung in das Johannesevangelium

Das Johannesevangelium ist wie ein Fluss, in dem ein Kind waten und ein Elefant schwimmen kann.

Robert Kysar

Das Evangelium „nach Johannes" ist das tiefgründigste und theologisch wie kulturgeschichtlich wirkungsvollste der kanonischen Evangelien. Es unterscheidet sich in Stoff, narrativer Gestalt, Sprache und Theologie signifikant von den Synoptikern. Die Erklärung dieser Besonderheiten sowie die Frage nach seinen Quellen und seinem historischen und theologischen Wert gehören zu den schwierigsten und umstrittensten Fragen der Forschung.

Joh ist wie Mk eine kerygmatische Erzählung vom Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu, d.h. ein Evangelium. Es ist programmatisch aus nachösterlicher Perspektive gestaltet, aus der durch den Geist gewirkten „Erinnerung“ (Joh 2,22; 12,16), und es trägt diese Perspektive bewusst in die Erzählung der Geschichte Jesu und seines Todes (19,30), so dass alle Einzel-Episoden schon im Licht des Ganzen des Christusgeschehens, im ‚österlichen Glanz‘, zu lesen sind.

Joh enthält eigentümliche Stoffe (Prolog, Abschiedsreden, ausgedehnte Reden und Dialoge Jesu mit Nikodemus, der Samaritanerin oder Pilatus), Erzählungen wie das Weinwunder (Joh 2), Lazarus (Joh 11), die Fußwaschung (Joh 13). Wichtige synoptische Stoffe (z.B. Geburtsgeschichten, Gleichnisse, Bergpredigt, Endzeitrede) fehlen. Die Tempelreinigung (Joh 2,13-22) ist aus dem Passionskontext an den Anfang umgestellt, der Todesbeschluss des Hohen Rates (Joh 11,45-54) erfolgt ebenfalls schon vor der Passion als Antwort auf die Lazarus-Erweckung. Dies weist auf eine bewusste Umgestaltung der älteren Jesusüberlieferung hin, die auch geschichtliche Sachverhalte in großer Freiheit anders erzählt. Dies zeigt sich auch in der anderen Sprache Jesu, die im Grunde die Sprache aller anderen Figuren und des Autors ist. D.h., auch in Jesu Worten und Reden spricht faktisch der joh Autor.

1. Verfasser

Das „Evangelium nach Johannes“ ist wie alle kanonischen Evangelien anonym überliefert. Die Überschrift ist im 2. Jh. nachgetragen. Traditionell wurde es ab dem späten 2. Jh. dem Apostel und Zebedaiden Johannes zugeschrieben, der mit der Figur des „Jüngers, den Jesus liebte“ (Joh 13,23) identifiziert wurde. Diese Zuschreibung ist erklärlich, weil man diesen ‚Lieblingsjünger‘ (LJ) mit dem ‚unbekannten‘ zweiten Jünger aus Joh 1,35-40 identifiziert hat und (aufgrund von Mk 1,16-20 oder Apg 3-5) in diesem den Zebedaiden Johannes sah. So ‚wurde‘ der LJ zum Augenzeugen der ganzen Erzählung und das Evangelium bekam ‚apostolische‘ Würden. Nach der Johanneslegende (bei Irenäus u.a.) soll dieser Johannes als Greis sein Werk in Ephesus in Kleinasien geschrieben haben, nach Clemens v. Alex. ist es als „geistliches“ Evangelium in Ergänzung und Vertiefung zu den drei eher „leiblichen“ Erzählungen der Synoptiker abgefasst.

Aufgrund von Stoff, Sprache und erzählerischer Gestalt ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass der galiläische Fischer im hohen Alter das Werk verfasst hat. Und selbst wenn er der Autor wäre, wäre schwer erklärlich, warum es sich von der älteren Tradition so unterscheidet.

Nur das wohl als ‚Nachtrag‘ angefügte Kapitel 21 führt die Abfassung auf den LJ zurück, in Joh 1-20 ist dieser zwar an wenigen Stellen ab dem letzten Mahl (13,23; 19,25-27; 20,1-10) Petrus an die Seite gestellt, doch eher als ‚ideale Figur‘, die Jesus näher ist und ihn besser versteht. Der eigentliche „Autor“ ist in Joh 1-20 der „erinnernde“ Geist (Joh 14,25f). Wenn hinter dem LJ auch eine ‚reale‘ Figur im Umkreis der joh Gemeinden stand (wie 21,22f nahelegt), ist fraglich, ob dieser mit einer bekannten Gestalt zu identifizieren ist. Das Joh wäre in dann Fall posthum von Schülern (21,24f) herausgegeben. Wenn der Autor des Joh mit dem von 1-3Joh identisch ist, wäre der autoritativ schreibende „Presbyteros“ aus 2Joh 1; 3Joh 1 am ehesten mit dem bei Papias von Hierapolis (Eus., h.e. 3,39,4) als Traditionsträger in der Asia erwähnten „Presbyteros Johannes“ zu identifizieren. Die spätere Zuschreibung an den Zebedaiden wäre dann in einer Verwechslung oder eher intentionalen Überblendung der Namen erfolgt.

Schriftzitate und Anspielungen belegen eine gute Kenntnis des AT, das aber höchst selektiv benutzt wird. Analog ist auch für die übrigen Traditionen eine sehr eigenständige Verwendung anzunehmen. Nichts ist nur ‚abgeschrieben‘, Joh 20,30f bezeugt eine bewusste Auswahl des Autors aus den ihm verfügbaren Stoffen. Daraus folgt aber: Die Eigenständigkeit in Stoff und literarischer Ausgestaltung belegt keine ‚Unabhängigkeit‘ von der synoptischen Tradition. Jede Rekonstruktion schriftlicher Quellen (z.B. einer ‚Semeia‘-Quelle mit Wundergeschichten oder eines eigenen Passionsberichtes) ist m.E. unmöglich, doch sind neben den Synoptikern (v.a. Mk) mündliche und schriftliche Gemeindetraditionen anzunehmen, die aber alle eigenständig umgestaltet sind. Der Autor kennt das Mk (wie z.B. die Anspielungen auf die Gethsemane-Episode in 12,27f; 14,31 und 18,11 zeigen) und setzt die Kenntnis auch bei seinen Lesern voraus (s. 3,24), evtl. kennt er auch Lk oder Stoffe daraus, eine Kenntnis des Mt ist nicht zu belegen. Er ist gleichfalls vertraut mit jüdischen Bräuchen und wohl auch mit Gegebenheiten in Jerusalem. Vielleicht ist er ursprünglich ein Palästiner, der dann im Zuge des jüdischen Krieges nach Kleinasien kam.

2. Adressaten

Das Joh ist wohl in Gemeindekreisen entstanden, die auch in 1-3Joh greifbar sind. Diese Gemeinden (oder die ‚Joh. Schule‘) in Kleinasien sind erst im letzten Drittel des 1. Jh. greifbar, sie hatten eigene Traditionen, aber nahmen auch synoptische und paulinische Motive auf. Ein Teil der joh Christusgläubigen entstammte wohl der Diasporasynagoge, und die traumatischen Spuren einer erfolgten Trennung (aposynagogos: Joh 9,22; 12,42; 16,2) sind wahrnehmbar, hingegen waren andere wohl Nichtjuden („Griechen": Joh 7,35; 12,20). Der Kontext steht also ein Verband ‚gemischter‘ Gemeinden, wohl im urbanen Raum, in dem neben diesen joh Christusgläubigen auch anders geprägte Gruppen koexistierten (z.B. Apk, Eph, Pastoralbriefe).

Nach den Abschiedsreden erscheinen die Adressaten selbst verunsichert ‚in der Welt‘, so dass Jesu Wort und das ganze Joh im Durchgang durch die Geschichte Jesu eine Antwort darauf bietet. Zugleich ist das Joh nicht nur als konkretes Wort an einen begrenzten, gar ‚sektiererisch‘ abgeschlossenen Gemeindekreis zu lesen, vielmehr zielt es auch auf Lesende in einem weiteren Rahmen, ja auf die Welt der Bücher, wenn es in 1,1 die Genesis überbietend aufnimmt und in 21,25 mit einem Hinweis auf viele Bücher endet.

3. Entstehungsort

Die Herausgabe des Evangeliums wird seit der altkirchlichen Tradition in Ephesus angesetzt. Dies ist im Joh und den drei Briefen nicht positiv zu belegen, und sachlich wäre jeder urbane Kontext im östlichen Mittelmeerraum denkbar, doch weist das frühe Zeugnis des Papias von Hierapolis, Polykarp u.a. auf den Raum Kleinasiens, ebenso die frühe Verbindung mit der dort situierten Apokalypse. Andere Vorschläge (Alexandrien wegen der Rede vom Logos; Syrien wegen vermeintlicher Nähe zu gnostischen Traditionen; Ostjordanland wegen der Bedeutung der ‚Juden‘) sind ebensowenig zu belegen. Kleinasien bleibt die wahrscheinlichste Option.

4. Wichtige Themen

Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die hohe Christologie: Jesus ist der eine Offenbarer Gottes, ja er ist ‚Gott‘. Er gibt Leben, gibt den Geist. Sein Tod ist ‚Vollendung‘ der Schrift und des Willens Gottes (19,30), seine Sendung (ans Kreuz) der Erweis der ‚Liebe‘ Gottes zur Welt (3,16). Auffällig ist die ‚Vergegenwärtigung‘ der Eschatologie: Das ‚ewige Leben‘ ist schon jetzt im Glauben gegeben (5,24), das Gericht ergeht jetzt in der Begegnung mit Jesus (3,18). Zentrale Bedeutung hat der Geist, der als ‚Beistand‘ (Paraklet) der nachösterlichen Gemeinde diese begleitet, erinnert und zum Zeugnis befähigt. Joh entwickelt eine Art, von Vater, Sohn und Geist in personaler Unterscheidung zu reden, die bereits in die Richtung der späteren Trinitätslehre führt. Das alles wird in Bezug auf die Schriften Israels entfaltet, die nach Joh sämtlich von Jesus zeugen. Daher beansprucht der joh Jesus Exklusivität als Offenbarer (1,18; 14,6), während alle anderen Wege, auch der der nicht an Jesus glaubenden Schüler Moses (9,28) nicht „zum Vater“ führen. Die schroffe antijüdische Polemik ist z.T. Ertrag der schmerzhaften Trennungs- und Identitätsbildungsprozesse. Für die Gemeinde ergibt sich daraus eine innere Trennung von der ‚Welt‘, der mit einer (Familien-)Ethik der (nicht nur, aber vorrangig) auf die eigene Gruppe gerichteten Liebe begegnet wird.

5. Besonderheiten

Das Joh will, dass seine Leser:innen besser und tiefer verstehen. Diesem Ziel dient die literarische Ausgestaltung durch ein eine Vielzahl literarischer Gestaltungsmittel: die Vor-Information durch den Prolog lässt die Leserschaft stets ‚wissender‘ sein als die textlichen Figuren, deren ‚dumme‘ Fragen oft Verwunderung auslösen. Die Wundergeschichten sind durch textliche Verweise so ausgestaltet, dass sie nie nur als Bericht eines vergangenen Ereignisses gelesen werden können, sondern stets auf das Ganze des Heilsgeschehens bezogen sind. Explizite und implizite Erzählerkommentare und Erläuterungen lenken den Blick auf textliche und theologische Bezüge. Narrative Figuren bieten Identifikationsangebote und provozieren durch ihre Ambivalenz zur Stellungnahme. Miteinander vernetzte, z.T. breit symbolisch ausgestaltete Metaphern (wie Wasser, Brot, Hirte, Weinstock, aber auch Geburt, Familie, Tempel, Garten) verstärken das Wirkungspotential des Textes und laden die Lesenden ein, ihn „zu bewohnen“ (Ricœur). Als subtiler literarischer Text spiegelt das Joh nicht nur die hohe Kunst seines Autors, sondern wurde selbst zur Weltliteratur.

Literatur:

  • Meyers KEK: Jean Zumstein, Das Johannesevangelium, Göttingen 2016; C.K:Barrett, Das Evangelium nach Johannes, Üs. H. Balz (KEK Sonderband), Göttingen 1991.
  • Martin Hengel, Die johanneische Frage, WUNT 67, Tübingen 1993.
  • Jörg Frey, Die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Studien zu den johanneischen Schriften 1, WUNT 307, Tübingen 2013: https://www.mohrsiebeck.com/buch/die-herrlichkeit-des-gekreuzigten-9783161527968?no_cache=1
  • Francis Moloney, The Gospel According to John, Sacra Pagina 4, Collegeville MN 1998; Marianne Meye Thompson, John: A Commentary, NTL, Louisville KN 2015.

A) Exegese kompakt: Joh 14,15-19 (20-23a)23b-27 

Jesu Abschiedsgeschenk: der Geist

Was haben wir vom Heiligen Geist zu erwarten? Im Abschied Jesu wird er verheißen als Beistand, als Lehrer und vor allem als die Person, die die Beziehung zu Jesus durch alle Wechselfälle der Zeiten „am Laufen“ hält.

15Ἐὰν ἀγαπᾶτέ με, τὰς ἐντολὰς τὰς ἐμὰς τηρήσετε· 16κἀγὼ ἐρωτήσω τὸν πατέρα καὶ ἄλλον παράκλητον δώσει ὑμῖν, ἵνα μεθ’ ὑμῶν εἰς τὸν αἰῶνα ᾖ, 17τὸ πνεῦμα τῆς ἀληθείας, ὃ ὁ κόσμος οὐ δύναται λαβεῖν, ὅτι οὐ θεωρεῖ αὐτὸ οὐδὲ γινώσκει· ὑμεῖς γινώσκετε αὐτό, ὅτι παρ’ ὑμῖν μένει καὶ ἐν ὑμῖν ἔσται. 18Οὐκ ἀφήσω ὑμᾶς ὀρφανούς, ἔρχομαι πρὸς ὑμᾶς. 19ἔτι μικρὸν καὶ ὁ κόσμος με οὐκέτι θεωρεῖ, ὑμεῖς δὲ θεωρεῖτέ με, ὅτι ἐγὼ ζῶ καὶ ὑμεῖς ζήσετε. 20ἐν ἐκείνῃ τῇ ἡμέρᾳ γνώσεσθε ὑμεῖς ὅτι ἐγὼ ἐν τῷ πατρί μου καὶ ὑμεῖς ἐν ἐμοὶ κἀγὼ ἐν ὑμῖν. 21ὁ ἔχων τὰς ἐντολάς μου καὶ τηρῶν αὐτὰς ἐκεῖνός ἐστιν ὁ ἀγαπῶν με· ὁ δὲ ἀγαπῶν με ἀγαπηθήσεται ὑπὸ τοῦ πατρός μου, κἀγὼ ἀγαπήσω αὐτὸν καὶ ἐμφανίσω αὐτῷ ἐμαυτόν.

22Λέγει αὐτῷ Ἰούδας, οὐχ ὁ Ἰσκαριώτης· κύριε, [καὶ] τί γέγονεν ὅτι ἡμῖν μέλλεις ἐμφανίζειν σεαυτὸν καὶ οὐχὶ τῷ κόσμῳ; 23ἀπεκρίθη Ἰησοῦς καὶ εἶπεν αὐτῷ· ἐάν τις ἀγαπᾷ με τὸν λόγον μου τηρήσει, καὶ ὁ πατήρ μου ἀγαπήσει αὐτὸν καὶ πρὸς αὐτὸν ἐλευσόμεθα καὶ μονὴν παρ’ αὐτῷ ποιησόμεθα. 24ὁ μὴ ἀγαπῶν με τοὺς λόγους μου οὐ τηρεῖ· καὶ ὁ λόγος ὃν ἀκούετε οὐκ ἔστιν ἐμὸς ἀλλὰ τοῦ πέμψαντός με πατρός.

25Ταῦτα λελάληκα ὑμῖν παρ’ ὑμῖν μένων· 26ὁ δὲ παράκλητος, τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον, ὃ πέμψει ὁ πατὴρ ἐν τῷ ὀνόματί μου, ἐκεῖνος ὑμᾶς διδάξει πάντα καὶ ὑπομνήσει ὑμᾶς πάντα ἃ εἶπον ὑμῖν [ἐγώ].

27Εἰρήνην ἀφίημι ὑμῖν, εἰρήνην τὴν ἐμὴν δίδωμι ὑμῖν· οὐ καθὼς ὁ κόσμος δίδωσιν ἐγὼ δίδωμι ὑμῖν. μὴ ταρασσέσθω ὑμῶν ἡ καρδία μηδὲ δειλιάτω.

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Übersetzung

15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote bewahren. 16 Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, damit er für immer mit euch sei: 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und erkennt ihn nicht. Ihr aber erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen. 19 Es ist noch eine kurze (Zeit), und die Welt sieht mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

[20 An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. 21 Wer meine Gebote hat und bewahrt sie, der ist es, der mich liebt. Wer aber mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde mich ihm offenbaren. 22 Judas, nicht der Ischariot, sagt zu ihm: „Herr, was ist geschehen, dass du dich uns offenbaren willst, aber nicht der Welt?“ 23 Jesus antwortete und sprach zu ihm:“]

Wenn jemand mich liebt und mein Wort bewahrt, wird auch mein Vater ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen. 24 Wer mich nicht liebt, bewahrt meine Worte nicht, und das Wort, das ihr gehört habt, ist nicht meines, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

25 Dieses habe ich geredet, während ich bei euch war. 26 Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich gesagt habe. 27 Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz sei nicht erschüttert und fürchte sich nicht!

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V.16.26 παράκλητος ist ein (passives) Verbaladjektiv von παρακαλέω (= herbeirufen, zureden, ermutigen, trösten). Im passiven Sinn ist er der Herbeigerufene (ad-vocatus). Im Hintergrund steht das (forensische) Bild des (Gerichts-)Beistandes, Anwalts. Daher „Beistand“. Die Übersetzung „Tröster“ fasst das Wort aktivisch (= wie παρακαλῶν) und ist sprachlich unrichtig.

V. 16f.: drei verschiedene Präpositionen bringen das Verhältnis des Geistes zu den Jüngern zur Sprache: μεθ᾽ ὑμῶν (= mit euch: auf dem Weg), παρ᾽ ὑμῖν (= bei euch: räumlich, sozial), ἐν ὑμῖν (= in euch: innerlich, als Einwohnung, aber auch sozial „in“ der Jüngergruppe)

V. 19: ἔτι μικρόν (zu ergänzen χρόνον (wie 12,35; 13,33): noch eine kurze Zeit

V. 23: τί γέγονεν: was ist (geschehen), im Sinne von „wie kommt es“

V. 25: ταῦτα λελάληκα: Das Perfekt betont, dass diese Worte jetzt ‚dastehen‘, gültig sind. Diese formelhafte Wendung begegnet gerne am Ende von Redeabschnitten (15,11; 16,1.4.25.33), blickt auf das Gesagte zurück.

2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung und Kontext

Die Perikope umfasst die zwei ersten „Parakletsprüche“ aus den joh Abschiedsreden, in denen Jesus den über seinen bevorstehenden Weggang (13,33.36; 14,5) trauernden Jüngern für die nachösterliche Zeit den Heiligen Geist verheißt, der hier „Paraklet“ (= Beistand) genannt wird. Die Perikope liest die Sprüche (V. 16f.26) in ihrem Redekontext, der von der Liebe zu Jesus und vom Halten seiner Gebote spricht (V. 15.23b-24) sowie vom Wiedersehen und der bleibenden Verbindung mit ihm (V. 18-20). Am Ende steht der Friedensgruß des Abschiednehmenden (V. 27).

Die eingeklammerten Verse (V. 20-23a) vertiefen das Verhältnis zwischen der Liebe zu Jesus und der Erkenntnis seiner Verbundenheit mit Gott in einem knappen Jüngerdialog. Diese Verse können – besonders wenn der Fokus auf dem Geist liegt – weggelassen werden.

V. 15: Am Anfang steht ein Konditionalis: „Wenn ihr mich liebt…“. Diese Liebe ist für die in der Abschiedssituation erschrockenen Jünger fraglos vorausgesetzt. Die Liebe zu Jesus (in Antwort auf seine Liebe: 13,34f.) ist die Grundsituation der Jüngerschaft, Liebe will, dass die Gemeinschaft aufrecht erhalten bleibt – sie fürchtet die Trennung.

V. 16f.18-20.21-24 bieten drei Antworten, wie die Gemeinschaft erhalten bleiben kann:

  1. V. 16f. Der Geist kommt als Stellvertreter Jesu zu den Jüngern. Er wird von Gott (nach Joh 16 von Jesus) zu ihnen gesandt. Nur die Glaubenden können ihn wahrnehmen. Der Geist steht ihnen helfend bei, er bleibt bei ihnen (auch wenn Jesus weggeht), ja sogar in ihnen.
  2. V. 18-20 Im Kontrast zum Gefühl des Verwaistseins wird der Jüngergemeinde zugesagt, dass sie Jesus selbst wieder „sehen“ wird. Dies mag zunächst auf den Ostertag zielen, für die lesende Gemeinde bleibt auch dies Verheißung, weniger auf die Wiederkunft Christi (vgl. 14,3), als v.a. auf seine Präsenz im Geist. Im Glauben und durch den Geist sehen sie Jesus, verstehen ihn besser und haben Anteil an seinem göttlichen Leben.
  3. V. 21-24 greifen das Motiv der Liebe und des Haltens der Gebote Jesu (v.a. des Liebesgebots) auf. In dieser bleibenden Verbindung wird die Gemeinschaft, ja Einwohnung des Vaters und Jesu in den Glaubenden verheißen, ein gegenseitiges In-Sein.

V. 25f. erläutert nach einem Neueinsatz das Wirken des Geistes in der nachösterlichen Zeit. Er erinnert und lehrt die Gemeinde und erhält die Verbindung mit Jesus. Hier wird aufgenommen, was Joh 2,21 und 12,16 gesagt war: Die Jünger des irdischen Jesus hatten Jesu Worte, Handeln und Geschick nicht verstanden – erst nach Ostern „erinnerten sie sich“ und glaubten. Dieses nach Ostern erschlossene Verständnis des Wirkens Jesu, seiner Worte und v.a. seines Todes, auch im Licht der Schrift, ist durch den Geist bewirkt, der das neue Verstehen schenkt. Der Heilige Geist ist mithin der Autor des johanneischen Verständnisses Jesu und seiner Geschichte. Wichtig ist dabei, dass „Erinnerung“ nicht nur Repetition von Fakten ist (wie es ‚wirklich war‘, oder was er ‚wörtlich sagte‘), sondern tiefere Durchdringung, ja kreatives Neuverständnis im Rückblick und natürlich auch im Licht der Schriften impliziert.

V. 27: Ziel der Abschiedsrede ist, dass die Jünger in den Anfechtungen „nicht erschüttert“ sind, sondern glauben (so 14,1), dass sie in der liebenden Beziehung zu Jesus mit ihm und dem Vater verbunden bleiben und in den Anfechtungen nicht die Zuversicht verlieren.

3. Historische Einordnung

Der literarische und erzählerische Kontext ist durch das letzte Mahl Jesu (13,1-20) und den dort angekündigten Abschied (13,33) gegeben. Die Jünger fragen, wohin Jesus geht (Joh 14,5) und was sein Weggang, seine Abwesenheit für die Zeit danach bedeutet.

Der historische Rahmen des Textes ist die Verunsicherung der nachösterlichen Gemeinde in einer ‚Welt‘, die nicht an Jesus glaubt, die ihn für tot und irrelevant hält und die vom Heiligen Geist nichts wahrnimmt. Im Bild der Anrede des scheidenden Jesus an seine Jünger bieten die Abschiedsreden Trost und Zusage für die Adressatengemeinde, aber darüber hinaus für die Gemeinde zwischen Ostern und Wiederkunft Christi. Die Situation ist konkret und zugleich allgemein bzw. verallgemeinerungsfähig.

Die Verheißung des Geistes erfüllt sich im Joh am Ostertag (Joh 20,22), dem ‚johanneischen Pfingsten‘. Darin besteht eine signifikante Differenz zu Apg 2,1-21 – gemeinsam ist beiden aber, dass der Geist als (nach)österliche Gabe Gottes, vermittelt durch Jesus in der Gemeinde präsent ist und wirkt.

Angesichts der Anfechtung, des Gefühls des Alleingelassenseins (V. 18) wird benannt, welche Heilsgaben die Gemeinde nach Ostern hat: „Leben“ durch Jesus (V. 20), die Liebe Gottes und Jesu (V. 23), die Einwohnung Gottes und Jesu (V. 23), Erkenntnis Jesu und Verstehen seines Werks und seiner Worte (V. 26), die bleibende Gegenwart und Wegbegleitung durch den Geist (V. 16) und letztlich „Friede“ (V.27) in ihm, d.h. Resilienz in allen Verunsicherungen.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Die Rede vom „Parakleten“ ist für das joh Geist-Verständnis charakteristisch, aber nur in den Abschiedsreden gebraucht. Die rechtliche Sinnkomponente des Terminus kommt v.a. in 15,26 und 16,7-11 zur Geltung. In 14,16f.26 ist der Geist Stellvertreter, Wegbegleiter und Lehrer. Es sind primär ‚worthafte‘ Wirkungen, die man sich im konkreten alltäglichen Leben der Gemeinde vorstellen kann. Außergewöhnliche Wirkungen (Wunder, ekstatische Rede etc.) sind im Joh nicht erwähnt. Doch sind auch im Joh konkrete und spürbare Erfahrungen des Geistes (in Taufe, Schriftlektüre, Verkündigung und Gemeindeleben) vorausgesetzt (s. J. Frey). Die Versuche, das Konzept des Parakleten aus spezifischen Milieus (gnostisch, apokalyptisch, qumranisch etc.) zu erklären, führen wenig weiter. Entscheidend ist die Abschiedssituation. Urchristliche Geist-Vorstellungen werden im Sinne eines personalen göttlichen Gegenübers modifiziert. Der Geist tritt an die Stelle des irdischen Jesus, er redet, lehrt, hilft, leitet als göttlicher Begleiter, innerlich und doch als Gegenüber. Ähnlichkeiten bietet die mittelplatonische Vorstellung eines ‚daimonion‘, eines göttlichen Führers und Helfers, von dem bei Sokrates die Rede ist (s. M. Jost). Vielleicht kannte der Evangelist diese Vorstellungen und konnte das Wirken des Geistes seiner Leserschaft so verständlich machen.

Der Konditionalis V. 15.21-24 darf nicht missverstanden werden. Ist die Liebe zu Jesus und das Halten seiner Gebote Bedingung seiner Zuwendung und Offenbarung? Sollte diese etwa ‚verdient‘ sein durch eine Vorleistung? Das wäre ein Missverständnis. Im joh Kontext ist diese Liebe ihrerseits provoziert durch die vorgängige Liebe Gottes (3,16) und Jesu (13,34f.). Eine Liebesbeziehung ist reziprok, sie lebt vom Hin- und Her, von der Gegenseitigkeit. Sie fragt nicht nach Vorleistungen. Das Leitbild ist das der Beziehung – die (v.a. an Paulus orientierten) theologischen Paradigmen von ‚Glauben ohne Werke‘ oder von ‚Indikativ und Imperativ‘ sind für Joh unangemessen. Das neue Leben ist ganz Geschenk, aber es besteht in einer lebendigen Relation, in gegenseitiger Liebe, in Kommunikation. Diese erhält der Hl. Geist aufrecht.

V. 27 mit dem Friedensgruß hat Gewicht. Es bildet eine Rahmung zum Anfang der Rede. Die Worte Jesu sollen die Seinen „ruhig“ machen angesichts der Unruhe in der Welt. V.1 sieht den Ursprung dieser „Ruhe“ und Furchtlosigkeit im Glauben an Gott und Christus. Der Glaube bzw. die Beziehung gegenseitiger Liebe zu Jesus ist inspiriert durch den Geist, der an Jesu Worte, sein Wirken und nicht zuletzt seinen Lebenseinsatz erinnert und diese tiefer verstehen lehrt. So entsteht ein lebendiger „Kreislauf“ von Geist – Glaube – Liebe zu Jesus, ein „Lebenskreis“.

5. Vom Text zur Predigt

Zentral (zumal für Pfingsten) ist die Verheißung des Heiligen Geistes. Was können wir mit dem Geist anfangen? Manchen evangelischen Christinnen und Christen ist der Geist viel zu unkonkret, anderen – und einer Mehrheit in der Weltchristenheit – ist der pfingstliche Geist zentral mit viel Emotion, mit Wundern und außergewöhnlichen Ereignissen verbunden. Die joh Rede vom Geist zeigt einen dritten Weg auf: Der Geist ist im Alltäglichen, Jesu Gabe für den Alltag, es braucht keine besonderen Manifestationen, um mit ihm zu rechnen. Gott ist gegenwärtig auch im Kleinen und Normalen, wo Menschen nicht verzweifeln, sondern glauben.

Unterschiedliche Metaphern aus dem Text können in der Predigt aktiviert werden: Jesus lässt keine Waisenkinder zurück (V. 18). Sein Zuspruch und nicht zuletzt sein Geist sind wertvolles Abschiedsgeschenk für seine Geliebten (V. 27).

Die Predigt könnte dies am roten Faden einer ‚Beziehung‘ (Abschied, Fernbeziehung, Geschenk, Erinnerungszeichen, Wiedersehen, innige Gemeinschaft) veranschaulichen. Dies ist hier sachgemäß, weil es um ein Netzwerk gegenseitigen Liebens geht und der Heilige Geist ‚Gott in Beziehung‘ ist.

Literatur:

  • J. Frey, Der johanneische Geist-Paraklet und die Frage nach seiner Verleiblichung, EvTh 85 (2024), 338-350.
  • M. Jost,Der Pneuma-Paraklet des Johannesevangeliums.Studien zur religionsgeschichtlichen Verortung der johanneischen Pneumatologie, WUNT, Tübingen 2025 (im Druck).
  • ders., The Daimonion of Socrates and the Pneuma-Paraclete of Jesus, Early Christianity 14 (2023), 62–80.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die ersten Verse der joh Perikope versetzen mich in Habachtstellung. Es geht um den Geist der Wahrheit, der hier recht exklusiv den Jüngern verheißen wird. Das könnte dazu verleiten, bei der theologischen Aktualisierung eine Kluft zwischen den verheißenen Wahrheits-„Inhabern“ und dem Rest der Welt aufzumachen. Religiöse Wahrheitsansprüche waren und sind – das hat die Geschichte gezeigt – leider allzu oft Steigbügelhalter für Ausgrenzungsrhetorik und fundamentalistische Ideologien. Umso dankbarer bin ich der Exegese für ihre Erschließung des besonderen Kontextes der Trennung, in den der Geist hinein verheißen wird. Der Trennungsschmerz setzt eine innige Liebesbeziehung zwischen Jesus und den Zurückbleibenden voraus, die es zu bewahren gilt. Der Geist der Wahrheit ist somit kein Handlanger für das Aburteilen der ach so wahrheitsvergessenen „Welt“ (i.e. der Andersgläubigen), sondern dient der Erkenntnis und Erinnerung Jesu und der bleibenden Nähe zu ihm über seinen Weggang hinaus.

2. Thematische Fokussierung

Gerade zu Pfingsten wird der Geist (durchaus mit Anleihen aus Joh 3,8, aber auch Apg 2,1-21) gern als unergründlicher Windhauch dargestellt, der alles durchdringt, aber nirgendwo fassbar wird. Das ist für viele spirituell anschlussfähig, besonders in Zeiten, in denen pantheistische Gottesvorstellungen Konjunktur feiern. Zugleich bleibt diese Rede vom Geist denkbar unkonkret hinter dem Alltagsleben der Hörenden zurück. Wahrnehmbar wird die Geistkraft allerhöchstens noch dann, wenn etwas Besonderes passiert. Die Exegese fordert mich dazu heraus, den Geist in der Predigt als personales göttliches Gegenüber zu denken, der meine Gottesbeziehung im Alltag stärkt, jenseits besonderer Begegnungen mit dem Übernatürlichen.

Daneben ist der Trennungsschmerz eine anschlussfähige Emotion, die mich zu predigen motiviert. Eine Trennung wird jede:r Gottesdienstbesucher:in schon durchgemacht haben. Im übertragenen Sinne ist damit auch der Schmerz darüber angesprochen, dass uns unsere Welt oft gottlos chaotisch scheint. Oder noch persönlicher gewendet: Der Schmerz über das Verschwinden Gottes unter dem Gerümpel meines Alltags. Hier lohnt es sich, zum einen Szenen des Abschiedes und der Trennung nachzuzeichnen, zum anderen darüber zu reden, was die „Fernbeziehung“ (zu Gott) erträglicher macht bzw. was über die Distanz hinweg Nähe schafft.

3. Theologische Aktualisierung

Wo fühlen wir uns aktuell von Jesus und Gott abgeschnitten, getrennt? In welchen Situationen fehlt uns Gott? Dann, wenn es uns schlecht geht oder wenn wir besondere Freude teilen wollen oder wenn das Leben einfach nur so dahinplätschert? Menschen, die ihren Lebenspartner/ihre Lebenspartnerin verloren haben, beklagen oft: „Am meisten fehlt mir XY als Gesprächspartner:in. Egal, ob etwas besonders Schönes oder besonders Blödes passiert ist. Manchmal auch nur, wenn ich eine ganz banale Alltagsfrage habe, z.B. wo der Schraubenzieher liegt. Ich habe doch immer mein Leben mit ihm/ihr geteilt.“ Die Trennung ist deshalb so schmerzhaft, weil es niemanden mehr gibt, mit dem das Erlebte geordnet und einsortiert werden kann. Es herrscht Chaos. Überbrückt wird dieser Schmerz durch das weitergeführte Gespräch mit den Verstorbenen – ob am Grab, oder auf das Foto blickend, ob leise murmelnd oder nur gedanklich. Das Leben wird weiter geteilt, sortiert, geordnet.

Ebendas verspricht Jesus im Johannesevangelium vor seinem Abschied. Es wird euch jemand zur Seite stehen, der euch die Sicherheit und Zuversicht gibt, die ich euch geben konnte. Einer, der euch beisteht, wenn euch in der Gottlosigkeit der Welt alles über den Kopf wächst, der mit euch einsortiert, ordnet, Chaos bewältigt.

Jesus ist nicht (mehr) tot, und doch wirkt er oft fern wie ein Verstorbener. Ebenso wie das Sprechen mit den geliebten Verstorbenen, hilft auch das Gebet, Distanz zu überbrücken, Beziehung aufrecht zu erhalten, Welt zu teilen, Chaos zu bewältigen – ob in der Kirche oder mit dem kleinen Holzkreuz in der Hand, ob abends im Bett oder morgens beim Zähneputzen, ob leise murmelnd oder nur in Gedanken. Eben dann und so, wie es nötig ist, um das Zu-Viel der Weltbegegnung zu verarbeiten.

Es ist aber nicht bloß das weitergeführte Gespräch, das nach der Trennung die Distanz überbrückt. Überbrücken hilft auch die Erinnerung. Die geteilten Geschichten über den Verstorbenen: „Weißt du noch, wie er immer…?“ Erinnerungen an die schönen oder intensiven Begegnungen in der Vergangenheit, ob bei der Trauung, der Taufe oder an diesem einen Morgen in den Bergen, als man so staunte über die Schönheit des Anderen. Erinnerungen teilen ‒ dafür sind Glaubensgemeinschaften, ihre Erzählungen und Zeugnisse da, dafür ist Jesu Beistand da. Die Erinnerung und die Sehnsucht intensivieren sich, indem sie geteilt und mit Nuancen und Facetten anderer Gotteserfahrungen angereichert werden.

Der Paraklet steht nicht nur für intensivierte Erinnerungsgemeinschaft, sondern auch für die Möglichkeit neuer Begegnungen mit dem Vermissten, etwa mittels seines Vermächtnisses: das vermachte Wort, das vermachte Ritual, das vermachte Zeichen der Gegenwart.

Schließlich hilft es, auch um den Schmerz des vermissten Gegenübers zu wissen. Auch Jesus schmerzt die Trennung. Er geht nicht ohne Weiteres, das spürt man den Abschiedsreden ab. Er hinterlässt einen Beistand, auch um den eigenen Schmerz zu lindern. Und was ist der Trennungsschmerz anderes als Zeichen einer tiefen Liebe, die man erleben durfte und darf? Wenn wir Gott vermissen, dann weil er uns so viel wert ist, weil eine gottlose Welt schwer auszuhalten ist. Wenn Gott uns vermisst, dann nur, weil wir ihm so viel wert sind. Das zu realisieren, kann Hoffnung geben. Trotz aller ungestillter Sehnsucht ist der Glaube an Gott eine Bereicherung für das Leben. „Die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude“ (D. Bonhoeffer, 255f.), schreibt Dietrich Bonhoeffer mit Blick auf den Verlust eines geliebten Menschen. Gilt das nicht auch für den Verlust Gottes im Alltag? Wo wir Gott schmerzhaft vermissen, können wir gleichzeitig froh darüber sein, dass es diese Sehnsucht nach dem Göttlichen noch in uns gibt. „Gott zu vermissen, ist auch eine Art, mit Gott zu leben“ (C. Brudereck, 7).

4. Bezug zum Kirchenjahr

Es lohnt sich, nicht nur an Pfingsten mit dem Geist zu rechnen. Der Paraklet ist Beistand nicht erst seit Pfingsten und nicht nur zu besonderer Gelegenheit. Die joh Perikope fordert uns dazu heraus, über die klassische Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte hinaus auch auf die Geistgabe an Ostersonntag (Joh 20,22: Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!) oder gar an Karfreitag (Joh 19,30: Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.) hinzuweisen. Der Geist kommt, um Trennungsschmerz zu überwinden, egal wann er auftritt. Pfingsten wird oft als „Geburtstag der Kirche“ bezeichnet. Die joh Perikope lädt dazu ein, über das Vermissen/die Abwesenheit Gottes auch in der Kirche zu sprechen. Inwiefern geht unsere Beziehung zu Gott im kirchlichen Strukturchaos und den Selbsterhaltungsbemühungen unter? Wo empfinden wir den Trennungsschmerz noch? Oft wird der Geist dazu bemüht, für das „frische“ Neue und für die Veränderung zu werben. Der joh Paraklet erinnert uns: Der Geist ist nicht nur für Erneuerung da, sondern auch für Beziehungskontinuität.

5. Anregungen

„Die Kirche, jeder Sonntag, unsere Erzählgemeinschaft feiert eine Energie, die nicht an unsere Grenzen gebunden ist. Wir erleben: Wenn wir diese Gemeinschaft nicht haben, fehlt uns etwas. Und wenn wir sie feiern, fehlt uns erst recht etwas. In der Gemeinschaft wird die Sehnsucht noch größer. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Güte. Wir feiern sie im Vermissen. Im gemeinsamen Wünschen (…) So wird der Sehnsuchtsort zu einem Kraftort“ (C. Brudereck, 29). Den Gottesdienst als einen Sehnsuchtsort auszugestalten, das wäre eine gute Zielvorstellung für das Pfingstfest mit dem joh Parakleten in der Mitte, dazu vielleiht EG+ 102 „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ und Psalm 52,11 mit Christina Brudereck: „Ich hoffe in Präsenz derer, die dich lieben. Ich kann nicht alleine hoffen…“ (98).

Literatur

  • D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, München 1989.
  • C. Brudereck, Trotzkraft, Essen 2021.
  • C. Brudereck, Sehnsuchtsort, in: Loccumer Pelikan 4 (2021), 29.

Autoren

  • Prof. Dr. Jörg Frey (Einführung und Exegese)
  • Dr. Olivia Rahmsdorf (Praktisch-theologische Resonanzen)

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