Johannes 14,15-19(20-23a)23b-27 | Pfingstsonntag | 08.06.2025
Einführung in das Johannesevangelium
Das Johannesevangelium ist wie ein Fluss, in dem ein Kind waten und ein Elefant schwimmen kann.
Robert Kysar
Das Evangelium „nach Johannes"
Joh ist wie Mk eine kerygmatische Erzählung vom Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu, d.h. ein Evangelium
Joh enthält eigentümliche Stoffe (Prolog, Abschiedsreden, ausgedehnte Reden und Dialoge Jesu mit Nikodemus, der Samaritanerin oder Pilatus), Erzählungen wie das Weinwunder (Joh 2
1. Verfasser
Das „Evangelium nach Johannes“ ist wie alle kanonischen Evangelien anonym überliefert. Die Überschrift ist im 2. Jh. nachgetragen. Traditionell wurde es ab dem späten 2. Jh. dem Apostel und Zebedaiden Johannes zugeschrieben, der mit der Figur des „Jüngers, den Jesus liebte“ (Joh 13,23
Aufgrund von Stoff, Sprache und erzählerischer Gestalt ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass der galiläische Fischer im hohen Alter das Werk verfasst hat. Und selbst wenn er der Autor wäre, wäre schwer erklärlich, warum es sich von der älteren Tradition so unterscheidet.
Nur das wohl als ‚Nachtrag‘ angefügte Kapitel 21
Schriftzitate und Anspielungen belegen eine gute Kenntnis des AT, das aber höchst selektiv benutzt wird. Analog ist auch für die übrigen Traditionen eine sehr eigenständige Verwendung anzunehmen. Nichts ist nur ‚abgeschrieben‘, Joh 20,30f
2. Adressaten
Das Joh ist wohl in Gemeindekreisen entstanden, die auch in 1-3Joh
Nach den Abschiedsreden erscheinen die Adressaten selbst verunsichert ‚in der Welt‘, so dass Jesu Wort und das ganze Joh im Durchgang durch die Geschichte Jesu eine Antwort darauf bietet. Zugleich ist das Joh nicht nur als konkretes Wort an einen begrenzten, gar ‚sektiererisch‘ abgeschlossenen Gemeindekreis zu lesen, vielmehr zielt es auch auf Lesende in einem weiteren Rahmen, ja auf die Welt der Bücher, wenn es in 1,1
3. Entstehungsort
Die Herausgabe des Evangeliums wird seit der altkirchlichen Tradition in Ephesus
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die hohe Christologie: Jesus ist der eine Offenbarer Gottes, ja er ist ‚Gott‘. Er gibt Leben, gibt den Geist. Sein Tod ist ‚Vollendung‘ der Schrift und des Willens Gottes (19,30
5. Besonderheiten
Das Joh will, dass seine Leser:innen besser und tiefer verstehen. Diesem Ziel dient die literarische Ausgestaltung durch ein eine Vielzahl literarischer Gestaltungsmittel: die Vor-Information durch den Prolog lässt die Leserschaft stets ‚wissender‘ sein als die textlichen Figuren, deren ‚dumme‘ Fragen oft Verwunderung auslösen. Die Wundergeschichten sind durch textliche Verweise so ausgestaltet, dass sie nie nur als Bericht eines vergangenen Ereignisses gelesen werden können, sondern stets auf das Ganze des Heilsgeschehens bezogen sind. Explizite und implizite Erzählerkommentare und Erläuterungen lenken den Blick auf textliche und theologische Bezüge. Narrative Figuren bieten Identifikationsangebote und provozieren durch ihre Ambivalenz zur Stellungnahme. Miteinander vernetzte, z.T. breit symbolisch ausgestaltete Metaphern (wie Wasser, Brot, Hirte, Weinstock, aber auch Geburt, Familie, Tempel, Garten) verstärken das Wirkungspotential des Textes und laden die Lesenden ein, ihn „zu bewohnen“ (Ricœur). Als subtiler literarischer Text spiegelt das Joh nicht nur die hohe Kunst seines Autors, sondern wurde selbst zur Weltliteratur.
Literatur:
- Meyers KEK: Jean Zumstein, Das Johannesevangelium, Göttingen 2016; C.K:Barrett, Das Evangelium nach Johannes, Üs. H. Balz (KEK Sonderband), Göttingen 1991.
- Martin Hengel, Die johanneische Frage, WUNT 67, Tübingen 1993.
- Jörg Frey, Die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Studien zu den johanneischen Schriften 1, WUNT 307, Tübingen 2013: https://www.mohrsiebeck.com/buch/die-herrlichkeit-des-gekreuzigten-9783161527968?no_cache=1
- Francis Moloney, The Gospel According to John, Sacra Pagina 4, Collegeville MN 1998; Marianne Meye Thompson, John: A Commentary, NTL, Louisville KN 2015.
A) Exegese kompakt: Joh 14,15-19 (20-23a)23b-27
Jesu Abschiedsgeschenk: der Geist
Was haben wir vom Heiligen Geist zu erwarten? Im Abschied Jesu wird er verheißen als Beistand, als Lehrer und vor allem als die Person, die die Beziehung zu Jesus durch alle Wechselfälle der Zeiten „am Laufen“ hält.
Übersetzung
15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote bewahren. 16 Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, damit er für immer mit euch sei: 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und erkennt ihn nicht. Ihr aber erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen. 19 Es ist noch eine kurze (Zeit), und die Welt sieht mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.
[20 An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. 21 Wer meine Gebote hat und bewahrt sie, der ist es, der mich liebt. Wer aber mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde mich ihm offenbaren. 22 Judas, nicht der Ischariot, sagt zu ihm: „Herr, was ist geschehen, dass du dich uns offenbaren willst, aber nicht der Welt?“ 23 Jesus antwortete und sprach zu ihm:“]
Wenn jemand mich liebt und mein Wort bewahrt, wird auch mein Vater ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen. 24 Wer mich nicht liebt, bewahrt meine Worte nicht, und das Wort, das ihr gehört habt, ist nicht meines, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.
25 Dieses habe ich geredet, während ich bei euch war. 26 Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich gesagt habe. 27 Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz sei nicht erschüttert und fürchte sich nicht!
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.16.26 παράκλητος ist ein (passives) Verbaladjektiv von παρακαλέω (= herbeirufen, zureden, ermutigen, trösten). Im passiven Sinn ist er der Herbeigerufene (ad-vocatus). Im Hintergrund steht das (forensische) Bild des (Gerichts-)Beistandes, Anwalts. Daher „Beistand“. Die Übersetzung „Tröster“ fasst das Wort aktivisch (= wie παρακαλῶν) und ist sprachlich unrichtig.
V. 16f.: drei verschiedene Präpositionen bringen das Verhältnis des Geistes zu den Jüngern zur Sprache: μεθ᾽ ὑμῶν (= mit euch: auf dem Weg), παρ᾽ ὑμῖν (= bei euch: räumlich, sozial), ἐν ὑμῖν (= in euch: innerlich, als Einwohnung, aber auch sozial „in“ der Jüngergruppe)
V. 23: τί γέγονεν: was ist (geschehen), im Sinne von „wie kommt es“
V. 25: ταῦτα λελάληκα: Das Perfekt betont, dass diese Worte jetzt ‚dastehen‘, gültig sind. Diese formelhafte Wendung begegnet gerne am Ende von Redeabschnitten (15,11
2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung und Kontext
Die Perikope umfasst die zwei ersten „Parakletsprüche“ aus den joh Abschiedsreden, in denen Jesus den über seinen bevorstehenden Weggang (13,33.36
Die eingeklammerten Verse (V. 20-23a) vertiefen das Verhältnis zwischen der Liebe
V. 15: Am Anfang steht ein Konditionalis: „Wenn ihr mich liebt…“. Diese Liebe ist für die in der Abschiedssituation erschrockenen Jünger fraglos vorausgesetzt. Die Liebe zu Jesus (in Antwort auf seine Liebe: 13,34f.
V. 16f.18-20.21-24 bieten drei Antworten, wie die Gemeinschaft erhalten bleiben kann:
- V. 16f. Der Geist kommt als Stellvertreter Jesu zu den Jüngern. Er wird von Gott (nach Joh 16
von Jesus) zu ihnen gesandt. Nur die Glaubenden können ihn wahrnehmen. Der Geist steht ihnen helfend bei, er bleibt bei ihnen (auch wenn Jesus weggeht), ja sogar in ihnen. - V. 18-20 Im Kontrast zum Gefühl des Verwaistseins wird der Jüngergemeinde zugesagt, dass sie Jesus selbst wieder „sehen“ wird. Dies mag zunächst auf den Ostertag zielen, für die lesende Gemeinde bleibt auch dies Verheißung, weniger auf die Wiederkunft Christi (vgl. 14,3
), als v.a. auf seine Präsenz im Geist. Im Glauben und durch den Geist sehen sie Jesus, verstehen ihn besser und haben Anteil an seinem göttlichen Leben. - V. 21-24 greifen das Motiv der Liebe und des Haltens der Gebote Jesu (v.a. des Liebesgebots) auf. In dieser bleibenden Verbindung wird die Gemeinschaft, ja Einwohnung des Vaters und Jesu in den Glaubenden verheißen, ein gegenseitiges In-Sein.
V. 25f. erläutert nach einem Neueinsatz das Wirken des Geistes in der nachösterlichen Zeit. Er erinnert und lehrt die Gemeinde und erhält die Verbindung mit Jesus. Hier wird aufgenommen, was Joh 2,21
V. 27: Ziel der Abschiedsrede ist, dass die Jünger in den Anfechtungen „nicht erschüttert“ sind, sondern glauben (so 14,1), dass sie in der liebenden Beziehung zu Jesus mit ihm und dem Vater verbunden bleiben und in den Anfechtungen nicht die Zuversicht verlieren.
3. Historische Einordnung
Der literarische und erzählerische Kontext ist durch das letzte Mahl
Der historische Rahmen des Textes ist die Verunsicherung der nachösterlichen Gemeinde in einer ‚Welt‘, die nicht an Jesus glaubt, die ihn für tot und irrelevant hält und die vom Heiligen Geist nichts wahrnimmt. Im Bild der Anrede des scheidenden Jesus an seine Jünger bieten die Abschiedsreden Trost und Zusage für die Adressatengemeinde, aber darüber hinaus für die Gemeinde zwischen Ostern und Wiederkunft
Die Verheißung des Geistes erfüllt sich im Joh am Ostertag (Joh 20,22
Angesichts der Anfechtung, des Gefühls des Alleingelassenseins (V. 18) wird benannt, welche Heilsgaben die Gemeinde nach Ostern hat: „Leben“ durch Jesus (V. 20), die Liebe Gottes und Jesu (V. 23), die Einwohnung Gottes und Jesu (V. 23), Erkenntnis Jesu und Verstehen seines Werks und seiner Worte (V. 26), die bleibende Gegenwart und Wegbegleitung durch den Geist (V. 16) und letztlich „Friede“ (V.27) in ihm, d.h. Resilienz in allen Verunsicherungen.
4. Schwerpunkte der Interpretation
Die Rede vom „Parakleten“ ist für das joh Geist-Verständnis charakteristisch, aber nur in den Abschiedsreden gebraucht. Die rechtliche Sinnkomponente des Terminus kommt v.a. in 15,26
Der Konditionalis V. 15.21-24 darf nicht missverstanden werden. Ist die Liebe zu Jesus und das Halten seiner Gebote Bedingung seiner Zuwendung und Offenbarung? Sollte diese etwa ‚verdient‘ sein durch eine Vorleistung? Das wäre ein Missverständnis. Im joh Kontext ist diese Liebe ihrerseits provoziert durch die vorgängige Liebe Gottes (3,16
V. 27 mit dem Friedensgruß hat Gewicht. Es bildet eine Rahmung zum Anfang der Rede. Die Worte Jesu sollen die Seinen „ruhig“ machen angesichts der Unruhe in der Welt. V.1
5. Vom Text zur Predigt
Zentral (zumal für Pfingsten) ist die Verheißung des Heiligen Geistes. Was können wir mit dem Geist anfangen? Manchen evangelischen Christinnen und Christen ist der Geist viel zu unkonkret, anderen – und einer Mehrheit in der Weltchristenheit – ist der pfingstliche Geist zentral mit viel Emotion, mit Wundern und außergewöhnlichen Ereignissen verbunden. Die joh Rede vom Geist zeigt einen dritten Weg auf: Der Geist ist im Alltäglichen, Jesu Gabe für den Alltag, es braucht keine besonderen Manifestationen, um mit ihm zu rechnen. Gott ist gegenwärtig auch im Kleinen und Normalen, wo Menschen nicht verzweifeln, sondern glauben.
Unterschiedliche Metaphern aus dem Text können in der Predigt aktiviert werden: Jesus lässt keine Waisenkinder zurück (V. 18). Sein Zuspruch und nicht zuletzt sein Geist sind wertvolles Abschiedsgeschenk für seine Geliebten (V. 27).
Die Predigt könnte dies am roten Faden einer ‚Beziehung‘ (Abschied, Fernbeziehung, Geschenk, Erinnerungszeichen, Wiedersehen, innige Gemeinschaft) veranschaulichen. Dies ist hier sachgemäß, weil es um ein Netzwerk gegenseitigen Liebens geht und der Heilige Geist ‚Gott in Beziehung‘ ist.
Literatur:
- J. Frey, Der johanneische Geist-Paraklet und die Frage nach seiner Verleiblichung, EvTh 85 (2024), 338-350.
- M. Jost,Der Pneuma-Paraklet des Johannesevangeliums.Studien zur religionsgeschichtlichen Verortung der johanneischen Pneumatologie, WUNT, Tübingen 2025 (im Druck).
- ders., The Daimonion of Socrates and the Pneuma-Paraclete of Jesus, Early Christianity 14 (2023), 62–80.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die ersten Verse der joh Perikope versetzen mich in Habachtstellung. Es geht um den Geist der Wahrheit, der hier recht exklusiv den Jüngern verheißen wird. Das könnte dazu verleiten, bei der theologischen Aktualisierung eine Kluft zwischen den verheißenen Wahrheits-„Inhabern“ und dem Rest der Welt aufzumachen. Religiöse Wahrheitsansprüche waren und sind – das hat die Geschichte gezeigt – leider allzu oft Steigbügelhalter für Ausgrenzungsrhetorik und fundamentalistische Ideologien. Umso dankbarer bin ich der Exegese für ihre Erschließung des besonderen Kontextes der Trennung, in den der Geist hinein verheißen wird. Der Trennungsschmerz setzt eine innige Liebesbeziehung zwischen Jesus und den Zurückbleibenden voraus, die es zu bewahren gilt. Der Geist der Wahrheit ist somit kein Handlanger für das Aburteilen der ach so wahrheitsvergessenen „Welt“ (i.e. der Andersgläubigen), sondern dient der Erkenntnis und Erinnerung Jesu und der bleibenden Nähe zu ihm über seinen Weggang hinaus.
2. Thematische Fokussierung
Gerade zu Pfingsten wird der Geist (durchaus mit Anleihen aus Joh 3,8
Daneben ist der Trennungsschmerz eine anschlussfähige Emotion, die mich zu predigen motiviert. Eine Trennung wird jede:r Gottesdienstbesucher:in schon durchgemacht haben. Im übertragenen Sinne ist damit auch der Schmerz darüber angesprochen, dass uns unsere Welt oft gottlos chaotisch scheint. Oder noch persönlicher gewendet: Der Schmerz über das Verschwinden Gottes unter dem Gerümpel meines Alltags. Hier lohnt es sich, zum einen Szenen des Abschiedes und der Trennung nachzuzeichnen, zum anderen darüber zu reden, was die „Fernbeziehung“ (zu Gott) erträglicher macht bzw. was über die Distanz hinweg Nähe schafft.
3. Theologische Aktualisierung
Wo fühlen wir uns aktuell von Jesus und Gott abgeschnitten, getrennt? In welchen Situationen fehlt uns Gott? Dann, wenn es uns schlecht geht oder wenn wir besondere Freude teilen wollen oder wenn das Leben einfach nur so dahinplätschert? Menschen, die ihren Lebenspartner/ihre Lebenspartnerin verloren haben, beklagen oft: „Am meisten fehlt mir XY als Gesprächspartner:in. Egal, ob etwas besonders Schönes oder besonders Blödes passiert ist. Manchmal auch nur, wenn ich eine ganz banale Alltagsfrage habe, z.B. wo der Schraubenzieher liegt. Ich habe doch immer mein Leben mit ihm/ihr geteilt.“ Die Trennung ist deshalb so schmerzhaft, weil es niemanden mehr gibt, mit dem das Erlebte geordnet und einsortiert werden kann. Es herrscht Chaos. Überbrückt wird dieser Schmerz durch das weitergeführte Gespräch mit den Verstorbenen – ob am Grab, oder auf das Foto blickend, ob leise murmelnd oder nur gedanklich. Das Leben wird weiter geteilt, sortiert, geordnet.
Ebendas verspricht Jesus im Johannesevangelium vor seinem Abschied. Es wird euch jemand zur Seite stehen, der euch die Sicherheit und Zuversicht gibt, die ich euch geben konnte. Einer, der euch beisteht, wenn euch in der Gottlosigkeit der Welt alles über den Kopf wächst, der mit euch einsortiert, ordnet, Chaos bewältigt.
Jesus ist nicht (mehr) tot, und doch wirkt er oft fern wie ein Verstorbener. Ebenso wie das Sprechen mit den geliebten Verstorbenen, hilft auch das Gebet, Distanz zu überbrücken, Beziehung aufrecht zu erhalten, Welt zu teilen, Chaos zu bewältigen – ob in der Kirche oder mit dem kleinen Holzkreuz in der Hand, ob abends im Bett oder morgens beim Zähneputzen, ob leise murmelnd oder nur in Gedanken. Eben dann und so, wie es nötig ist, um das Zu-Viel der Weltbegegnung zu verarbeiten.
Es ist aber nicht bloß das weitergeführte Gespräch, das nach der Trennung die Distanz überbrückt. Überbrücken hilft auch die Erinnerung. Die geteilten Geschichten über den Verstorbenen: „Weißt du noch, wie er immer…?“ Erinnerungen an die schönen oder intensiven Begegnungen in der Vergangenheit, ob bei der Trauung, der Taufe oder an diesem einen Morgen in den Bergen, als man so staunte über die Schönheit des Anderen. Erinnerungen teilen ‒ dafür sind Glaubensgemeinschaften, ihre Erzählungen und Zeugnisse da, dafür ist Jesu Beistand da. Die Erinnerung und die Sehnsucht intensivieren sich, indem sie geteilt und mit Nuancen und Facetten anderer Gotteserfahrungen angereichert werden.
Der Paraklet steht nicht nur für intensivierte Erinnerungsgemeinschaft, sondern auch für die Möglichkeit neuer Begegnungen mit dem Vermissten, etwa mittels seines Vermächtnisses: das vermachte Wort, das vermachte Ritual, das vermachte Zeichen der Gegenwart.
Schließlich hilft es, auch um den Schmerz des vermissten Gegenübers zu wissen. Auch Jesus schmerzt die Trennung. Er geht nicht ohne Weiteres, das spürt man den Abschiedsreden ab. Er hinterlässt einen Beistand, auch um den eigenen Schmerz zu lindern. Und was ist der Trennungsschmerz anderes als Zeichen einer tiefen Liebe, die man erleben durfte und darf? Wenn wir Gott vermissen, dann weil er uns so viel wert ist, weil eine gottlose Welt schwer auszuhalten ist. Wenn Gott uns vermisst, dann nur, weil wir ihm so viel wert sind. Das zu realisieren, kann Hoffnung geben. Trotz aller ungestillter Sehnsucht ist der Glaube an Gott eine Bereicherung für das Leben. „Die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude“ (D. Bonhoeffer, 255f.), schreibt Dietrich Bonhoeffer mit Blick auf den Verlust eines geliebten Menschen. Gilt das nicht auch für den Verlust Gottes im Alltag? Wo wir Gott schmerzhaft vermissen, können wir gleichzeitig froh darüber sein, dass es diese Sehnsucht nach dem Göttlichen noch in uns gibt. „Gott zu vermissen, ist auch eine Art, mit Gott zu leben“ (C. Brudereck, 7).
4. Bezug zum Kirchenjahr
Es lohnt sich, nicht nur an Pfingsten mit dem Geist zu rechnen. Der Paraklet ist Beistand nicht erst seit Pfingsten und nicht nur zu besonderer Gelegenheit. Die joh Perikope fordert uns dazu heraus, über die klassische Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte hinaus auch auf die Geistgabe an Ostersonntag (Joh 20,22: Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!) oder gar an Karfreitag (Joh 19,30: Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.) hinzuweisen. Der Geist kommt, um Trennungsschmerz zu überwinden, egal wann er auftritt. Pfingsten wird oft als „Geburtstag der Kirche“ bezeichnet. Die joh Perikope lädt dazu ein, über das Vermissen/die Abwesenheit Gottes auch in der Kirche zu sprechen. Inwiefern geht unsere Beziehung zu Gott im kirchlichen Strukturchaos und den Selbsterhaltungsbemühungen unter? Wo empfinden wir den Trennungsschmerz noch? Oft wird der Geist dazu bemüht, für das „frische“ Neue und für die Veränderung zu werben. Der joh Paraklet erinnert uns: Der Geist ist nicht nur für Erneuerung da, sondern auch für Beziehungskontinuität.
5. Anregungen
„Die Kirche, jeder Sonntag, unsere Erzählgemeinschaft feiert eine Energie, die nicht an unsere Grenzen gebunden ist. Wir erleben: Wenn wir diese Gemeinschaft nicht haben, fehlt uns etwas. Und wenn wir sie feiern, fehlt uns erst recht etwas. In der Gemeinschaft wird die Sehnsucht noch größer. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Güte. Wir feiern sie im Vermissen. Im gemeinsamen Wünschen (…) So wird der Sehnsuchtsort zu einem Kraftort“ (C. Brudereck, 29). Den Gottesdienst als einen Sehnsuchtsort auszugestalten, das wäre eine gute Zielvorstellung für das Pfingstfest mit dem joh Parakleten in der Mitte, dazu vielleiht EG+ 102 „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ und Psalm 52,11
Literatur
- D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, München 1989.
- C. Brudereck, Trotzkraft, Essen 2021.
- C. Brudereck, Sehnsuchtsort, in: Loccumer Pelikan 4 (2021), 29.
Autoren
- Prof. Dr. Jörg Frey (Einführung und Exegese)
- Dr. Olivia Rahmsdorf (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500120
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