Deutsche Bibelgesellschaft

Philipper 3,(4b-6)7-14 | 9. Sonntag nach Trinitatis | 17.08.2025

Einführung in den Philipperbrief

Lange Zeit stand der Phil in der Paulusforschung eher am Rande des Corpus Paulinum, obwohl der Brief mit Phil 2,5/6-11 einen zentralen christologischen Text enthält. In Folge der einschlägigen Kommentierung durch Ernst Lohmeyer (1928), der im Phil ein einzigartiges Zeugnis paulinischer (Martyriums-)Theologie erkannte, hat der Brief in den letzten 100 Jahren eine besondere Aufmerksamkeit erfahren, die sich auch auf die möglichen Umstände der Abfassung des Briefes richtet: Paulus schreibt unter den Bedingungen einer Gefängnishaft. Umstritten bleibt die Frage, ob Paulus den Brief kurz vor seinem Martyrium in Rom, also Anfang der 60er Jahre, oder zuvor aus einer Haft in Ephesus, also Mitte der 50er Jahre, verfasst hat. Die Frage nach Zeitpunkt und Ort der Abfassung, dem Lebensalter des Apostels und den Bedingungen, unter denen Paulus den Phil als Gefangener schrieb, sind für die Textauslegung und die Einordnung in das Lebenswerk des Apostels (Missionsgeschichte, Gemeindeleitung, Briefe und Theologie) nicht unerheblich. Die folgende Auslegung geht von einer Entstehung des Briefes in römischer Haft – d.h. vermutlich in den letzten Lebensmonaten des Paulus – aus (anders z.B. A. Standhartinger, 31ff., oder L. Bormann) in zeitlicher Nähe zum Phlm.

1. Verfasser

Der Phil wurde von Paulus – wie er selbst sagt: in co-Senderschaft mit seinem engen Mitarbeiter Timotheus – verfasst. Im Präskript (1,1-2) verzichtet Paulus darauf, sich mit seiner Berufsbezeichnung als „Apostel“ zu titulieren, sondern bezeichnet sich und seinen Mitarbeiter als „Sklaven Christi Jesu“ (δοῦλοι Χριστοῦ Ἰησοῦ). Damit ist eine vollständige Unterordnung unter den Kyrios Christus (vgl. 2,11), der als Erniedrigter selbst Sklavengestalt annahm (2,7), gemeint. Im Blick auf seine eigene Rolle strebt Paulus eine imitatio Christi an. Historisch gesehen befindet sich Paulus beim Schreiben des Briefes in (römischer) Gefängnishaft, zu der sich Lukas am Ende der Apg nur knapp äußert (Apg 28,16-31). Paulus ist – wie er selbst in bildhafter Sprache beschreibt – „in Fesseln“ (ἔν… τοῖς δεσμοῖς: z.B. 1,7). Obwohl er über den Ausgang des Prozesses gegen sich noch im Unklaren ist (1,23) und ein gewaltsames Todesschicksal in zeitlicher Nähe nicht ausschließen kann, ja wohl erwarten muss (1,12ff.20), versteht Paulus seine Gefangenschaft als „Verteidigung des Evangeliums“ (εἰς ἀπολογίαν τοῦ εὐαγγελίου: 1,16), die sogar missionarisch auf die Prätorianergarde (1,13) und das „Haus des Kaisers“ ausstrahlt (4,22). In seiner Haft verspürt der sichtlich gealterte Apostel (vgl. dazu Phlm 9) eine starke Sehnsucht danach, zu sterben und schnell bei Christus zu sein (1,21-26). Die Sorge für die Gemeinde(n) in Philippi und der Wunsch, sie möglichst doch noch einmal zu besuchen, nötigen ihn aber, in dem als inneren Konflikt empfundenen Zwiespalt zwischen Todessehnsucht einerseits und Verantwortung für die Gemeinden (1,23f.) andererseits seine Bereitschaft für weitere Aufgaben zu erklären (1,25f.). In dieser Situation ist Paulus nicht gänzlich allein: Epaphroditus, Gemeindemitglied aus Philippi, überbrachte Paulus eine Gabe der Philipper (4,14), für die Paulus im Brief dankt (4,10-20). Auf dem Weg zu Paulus tödlich erkrankt (2,25-30), ist Epaphroditus inzwischen genesen und begibt sich (zusammen mit dem Schreiben des Paulus) auf den Weg zurück nach Philippi. Timotheus bleibt noch solange bei Paulus, bis sich die Haftsituation des Apostels klärt.

2. Adressaten

Phil 1,2 ist an folgende Adresse gerichtet: „an alle Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, zusammen mit Aufsehern und Diakonen“ (πᾶσιν τοῖς ἁγίοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τοῖς οὖσιν ἐν Φιλίπποις σὺν ἐπισκόποις καὶ διακόνοις). Paulus schreibt an eine Gemeinschaft Christus-Glaubender in Philippi. Die Stadt liegt im nordgriechischen Makedonien geographisch zentral an der Via Egnatia. Die Gemeinde der Christus-Glaubenden hat Paulus selbst vor ca. zwölf Jahren auf seinem Weg von Kleinasien nach Griechenland (via Thessaloniki nach Korinth) gegründet. Nach der Darstellung des Lukas handelt es sich um die erste Gemeindegründung auf europäischem Kontinent (Apg 16,11ff.). Neben Epaphroditus kennen wir einige Mitglieder der Gemeinde namentlich (Phil 4,2f.; Apg 16,14). Paulus war zu der Mission in Nordgriechenland eigens durch eine nächtliche Vision beauftragt worden (Apg 16,9f.). Auffällig ist, dass Paulus im brieflichen Präskript – anders etwa als in 1 und 2 Kor – keine „Gemeinde“ (ἐκκλησία) wie eine verfasste Ortsgemeinschaft anschreibt, sondern von „Heiligen“ spricht und zudem eine zusätzliche Gruppe von Leitungspersonen („Aufseher und Diakone“) nennt. Während die ältere Forschung hierin ein Indiz für ein spätes, möglicherweise nachpaulinisches pseudepigraphes Schreiben (F.C. Baur) im Übergang zu den sog. Pastoralbriefen (1Tim, 2Tim und Tit) sah, geht die gegenwärtige Forschung eher von spezifisch in Philippi entwickelten Amts- oder Funktionsbezeichnungen aus (Standhartinger, 76-78). Paulus steht mit den Philippern grundsätzlich in einem engen, freundschaftlichen Verhältnis (4,1.10ff.), sieht und benennt aber auch in Philippi die Gefahr potenzieller, wohl noch nicht real agierender Gegner, die er als „Feinde des Kreuzes Christi“, als „Hunde“, als „böswillige Arbeiter“ bezeichnet (3,2.18). Der Phil ist von autobiographischen Nachrichten sowie von Trost, Freundschaft, Ermahnung und eschatologischer Belehrung (3,10f.20f.) geprägt. In der Orientierung auf Christus hin (2,6-11) verfolgt Paulus in seinem Schreiben mehrfache Ziele:

  • Erstens informiert er seine Freunde in Makedonien über seine äußere und innere Situation in Haft,
  • zweitens fordert er sie angesichts der Nähe Christi zur Freude auf (3,1; 4,4), die auch in der Dankbarkeit über die Genesung des Epaphroditus begründet ist (2,25-30), und ermahnt sie dabei zu Einheit und Demut im Umgang miteinander (2,1ff.) sowie zu Wachsamkeit,
  • drittens teilt er mit ihnen seine individuelle eschatologische Hoffnung auf ein „Gemeinwesen in den Himmeln“ (3,20: τὸ πολίτευμα ἐν οὐρανοῖς) in Gemeinschaft mit Christus: Paulus hofft, nicht nur im Blick auf sein Todesschicksal Christus gleichgestaltet zu werden, sondern auch – wie dieser – von den Toten auferweckt zu werden (3,10f.).

3. Entstehungsort

Paulus befindet sich bei der Abfassung des Briefes in Gefängnishaft. In der Auslegungsgeschichte des Phil der letzten ca. 250 Jahre wurden Korinth, Ephesus, Cäsarea und Rom – also mit Ausnahme Philippis (s. Apg 16,23ff.) alle Orte, an denen Paulus mutmaßlich in Gefangenschaft geriet – als Gefängnisorte diskutiert. In der gegenwärtigen Forschung konzentriert sich die Diskussion auf Ephesus oder Rom. Argumente, die für Rom als Gefängnis- und damit als Abfassungsort des Phil sprechen, sind

  1. die Hinweise auf die Prätorianergarde und das Haus des Kaisers (s.o.),
  2. die Todessehnsucht des Apostels, die auf dessen höheres Lebensalter hinweist, und
  3. das fortentwickelte (christologische, eschatologische und administrative) Denken des Paulus, das in der Anrede der Adressaten (s.o.), aber auch in der persönlichen Auferstehungshoffnung greifbar wird: Paulus erwartet für sich (und seine Adressaten) ein christus-konformes Todes- und Auferstehungsschicksal (3,10f.20f.).

Trotz der genannten Argumente für Rom lässt sich die Frage nach dem Entstehungsort des Phil nicht abschließend klären.

4. Wichtige Themen

Wichtige Themen befassen sich zunächst mit den klassischen sog. Einleitungsfragen. Es handelt sich dabei um

  1. die Frage nach dem Abfassungszeitpunkt und -ort des Briefes (s.o.),
  2. die Frage nach der Entstehungsgeschichte des Briefes (literarische Einheitlichkeit oder spätere Kompilation verschiedener Einzelbriefe),
  3. die Frage nach dem Typus bzw. der Gattung des Briefes (z.B. Trostbrief, Freundschaftsbrief, Gefängnisbrief),
  4. die sozial- und religionsgeschichtliche Prägung der Gemeinde in Philippi,
  5. die Frage nach der Identifikation der Gegner (real oder fiktiv), die Paulus in Phil 3 polemisch attackiert.
  6. Daneben wird bei der Interpretation von Phil 2,6-11 die Frage der Form (Hymnus oder exemplarische Erzählung), der Herkunft (vorpaulinisch oder paulinisch), der traditionsgeschichtlichen Prägung durch Septuaginta-Motivik und der christologischen Bedeutung (Präexistenzaussage?) diskutiert.
  7. In theologischer Hinsicht stellt sich die Frage, ob im Phil ethische, ekklesiologische oder eschatologische Themen, die jeweils von der Christologie her begründet sind (2,6-11), überwiegen. Im brieflichen Profilvergleich ist jedenfalls festzustellen, dass Paulus etwa „im Römerbrief seine Argumentationen letztlich am Gottesgedanken ausrichtet, während im Philipperbrief das Christusgeschehen im Mittelpunkt steht“ (Bormann, 402). Treten im 1 Kor verschiedenste Gemeinde(an)fragen in den Fokus, so steht Paulus selbst – der „Sklave Jesu Christi“ – im Phil als Person im Zentrum: In einer imitatio Christi wartet er auf volle Teilhabe am Schicksal Christi.

5. Besonderheiten

Wie bei (fast) allen anderen authentischen Paulusbriefen (1Thess, 1.2Kor, Gal, Röm) handelt sich auch bei Phil um einen Gemeindebrief, der jedoch einige markante Besonderheiten aufweist:

  1. Phil ist – wie Phlm auch (V. 1.9.13) – ein Gefangenschaftsbrief, der wiederum entsprechende Imitationen eines aus der Haft schreibenden Apostels in der nachpaulinischen Pseudepigraphie hervorgebracht hat (Kol; Eph; 2Tim).
  2. In Phil 3,4bff. findet sich – neben Gal 1f. – die wichtigste autobiographische Passage, in der Paulus auf seine Herkunft „aus dem Volke Israel“ und seinen Werdegang zurückblickt.
  3. In Phil 1,21ff. gewährt Paulus einen tiefen Einblick in seine von Zwiespalt geplagte innere Person.
  4. In Phil 2,5/6-11 schafft Paulus einen sprachlich verdichteten Text, in dem er in seiner Gefangenschaft das Lebens-, Todes- und Erhöhungsschicksal Jesu, das er in den Deutungszusammenhang der universalen Königsherrschaft Gottes (z.B. Jes 45) stellt, zugleich in seiner Bedeutung für die Gemeinschaft der Christus-Glaubenden auslegt.

Literatur:

  • Einführung in den Phil: L. Bormann, „Philipperbrief“, in: O. Wischmeyer/E.-M. Becker (Hgg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767; Tübingen/Basel: Francke Verlag, 20213), 397-416.
  • Aktueller deutschsprachiger Kommentar: A. Standhartinger, Der Philipperbrief (HNT 11/1; Tübingen: Mohr Siebeck, 2021).
  • Thematische Aufsatzsammlung zu Grundthemen des Phil: E.-M. Becker, Der Philipperbrief des Paulus: Vorarbeiten zu einem Kommentar (NET 29; Tübingen/Basel: A. Francke Verlag, 2020). – open access: https://elibrary.narr.digital/book/99.125005/9783772056888

A) Exegese kompakt: Philipper 3,(4b–6)7–14 

Paulus erwartet für sich die vollständige Gemeinschaft mit Christus in Tod und Auferstehung.

4καίπερ ἐγὼ ἔχων πεποίθησιν καὶ ἐν σαρκί. Εἴ τις δοκεῖ ἄλλος πεποιθέναι ἐν σαρκί, ἐγὼ μᾶλλον· 5περιτομῇ ὀκταήμερος, ἐκ γένους Ἰσραήλ, φυλῆς Βενιαμίν, Ἑβραῖος ἐξ Ἑβραίων, κατὰ νόμον Φαρισαῖος, 6κατὰ ζῆλος διώκων τὴν ἐκκλησίαν, κατὰ δικαιοσύνην τὴν ἐν νόμῳ γενόμενος ἄμεμπτος. 7[Ἀλλ’] ἅτινα ἦν μοι κέρδη, ταῦτα ἥγημαι διὰ τὸν Χριστὸν ζημίαν. 8ἀλλὰ μενοῦνγε καὶ ἡγοῦμαι πάντα ζημίαν εἶναι διὰ τὸ ὑπερέχον τῆς γνώσεως Χριστοῦ Ἰησοῦ τοῦ κυρίου μου, δι’ ὃν τὰ πάντα ἐζημιώθην, καὶ ἡγοῦμαι σκύβαλα, ἵνα Χριστὸν κερδήσω 9καὶ εὑρεθῶ ἐν αὐτῷ, μὴ ἔχων ἐμὴν δικαιοσύνην τὴν ἐκ νόμου ἀλλὰ τὴν διὰ πίστεως Χριστοῦ, τὴν ἐκ θεοῦ δικαιοσύνην ἐπὶ τῇ πίστει, 10τοῦ γνῶναι αὐτὸν καὶ τὴν δύναμιν τῆς ἀναστάσεως αὐτοῦ καὶ [τὴν] κοινωνίαν [τῶν] παθημάτων αὐτοῦ, συμμορφιζόμενος τῷ θανάτῳ αὐτοῦ, 11εἴ πως καταντήσω εἰς τὴν ἐξανάστασιν τὴν ἐκ νεκρῶν.

12Οὐχ ὅτι ἤδη ἔλαβον ἢ ἤδη τετελείωμαι, διώκω δὲ εἰ καὶ καταλάβω, ἐφ’ ᾧ καὶ κατελήμφθην ὑπὸ Χριστοῦ [Ἰησοῦ]. 13ἀδελφοί, ἐγὼ ἐμαυτὸν οὐ λογίζομαι κατειληφέναι· ἓν δέ, τὰ μὲν ὀπίσω ἐπιλανθανόμενος τοῖς δὲ ἔμπροσθεν ἐπεκτεινόμενος, 14κατὰ σκοπὸν διώκω εἰς τὸ βραβεῖον τῆς ἄνω κλήσεως τοῦ θεοῦ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ.

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Übersetzung

[4b Wenn ein anderer meint, sich auf das Fleisch zu verlassen – ich viel mehr! 5 Am achten Tag beschnitten, aus dem Geschlecht Israels, aus dem Stamm Benjamins, Hebräer aus Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer, 6 nach dem Eifer einer, der die Gemeinde verfolgte, nach der Gerechtigkeit, die im Gesetz liegt, untadelig geworden.]

7 [Aber] was immer für mich Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden gehalten, 8 aber ja, vielmehr halte ich sogar alles dafür, Schaden zu sein, wegen des Übermaßes der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, durch den mir dies alles zum Schaden geworden ist, und ich halte es für Dreck, damit ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, wobei ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz (kommt), sondern die durch den Glauben an Christus – die Gerechtigkeit aus Gott aufgrund des Glaubens, 10 um ihn zu erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Teilhabe an seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleichgestaltet werde, 11 ob ich wohl gelangen sollte zu der Auferstehung, (die) aus den Toten (erfolgt). 12 Nicht, weil ich (es) schon ergriffen hätte oder schon vollkommen wäre – ich verfolge aber, ob ich es auch ergreife, da ich auch ergriffen wurde von Christus [Jesus]. 13 Brüder, ich meine nicht von mir, dass ich es ergriffen hätte. Eins aber: während ich die Dinge hinter mir vergesse, strecke ich mich aus nach den Dingen vor mir 14 und strebe nach einem Ziel auf den Siegespreis der Berufung von oben durch Gott in Jesus Christus hin.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 5: διώκω(ν): zentrales Verb im Gesamtabschnitt (V. 6.12.14 wiederkehrend), mit dem Paulus einerseits seine frühere Verfolgertätigkeit, andererseits seine gegenwärtige Zielstrebigkeit in der Christus-Existenz beschreibt.

V. 7–8: mit dem Tempuswechsel von ἥγημαι (Perfekt: V. 7) zu ἡγοῦμαι (Präsens: V. 8) ist der Übergang vom Rückblick auf die gegenwärtige Situation markiert; allerdings hat die Perfektform schon einen resultativen Aspekt.

V. 9: zu den Übersetzungsmöglichkeiten von διὰ πίστεως Χριστοῦ als genitivus obiectivus („durch den Glauben an...“), auctoris („durch den von Christus verursachten Glauben“) oder subiectivus („durch Treue, Vertrauen, Glauben Christi“): A. Standhartinger, 234f.

V. 10: τοῦ γνῶναι αὐτὸν bildet einen finalen Infinitiv – die umfassende Erkenntnis ist im Blick.

V. 12f.: καταλάβω... κατελήμφθην... κατειληφέναι: mit dem Formenwechsel (Aorist-Aktiv über Aorist-Passiv zu Perfekt Infinitiv Aktiv) ist weniger eine Tempusveränderung als eine Differenz im Aspekt (ingressiver Aorist – resultatives Perfekt) angezeigt, der den Beginn des Ergreifens bis zu seinem Resultat nachzeichnet.

2. Literarische Gestaltung:

Wie will der Verfasser sein Lesepublikum gewinnen?

In Phil 3,4bff. formuliert Paulus – neben Gal 1f. und 2 Kor 12 – einen seiner wenigen autobiographischen Texte. Der Apostel, der (wahrscheinlich in Rom) gefangen ist, sich im Briefeingang als „Sklave Christi Jesu“ bezeichnet (Phil 1,1) und seine Situation als Gefangener, inklusive seiner Todessehnsucht geschildert hatte (Phil 1,12-26), gibt seinen Lesern in Philippi nun einen kurzen Rückblick auf sein Curriculum und einen Einblick in seine gegenwärtige christusbezogene Existenz, die zugleich auf ein zu erwartendes Todesschicksal vorausblickt. Um den autobiographischen Charakter der Perikope angemessen zu erfassen, sollten Phil 3,4b–14, zumindest: 3,4b–11 im Zusammenhang ausgelegt und auch gepredigt werden!

Zu Beginn (V. 4b–6) blickt Paulus auf sein Leben seit seiner Geburt und Beschneidung (V. 4b–5) – aus Sicht seiner gegenwärtigen Christus-Zugehörigkeit – zurück. Das eifernde Leben als Pharisäer, der sogar die Gemeinde (einige Handschriften ergänzen: „die Gemeinde Gottes“) verfolgte, war „untadelig“: Paulus lebte gesetzeskonform und war damit gerecht (V. 6). Worin genau seine frühere Verfolgertätigkeit, die seinem Apostolat anhängt (vgl. auch Gal 1,13.22; 1Kor 15,9), bestanden hatte und ob sie der Darstellung der Apostelgeschichte entspricht (vgl. Apg 8,1-3; 9,4), lässt sich kaum sagen. Trotz seiner Untadeligkeit hat Paulus eine ‚Gewinn-Schaden-Bilanz‘ angestellt (die Semantik von κέρδη-ζημία bestimmt V. 7f.), deren Ergebnis (ἥγημαι-ἡγοῦμαι: s.o.) er seinen Lesern nunmehr vorlegt: Im Lichte Christi betrachtet ist das, was Paulus als ‚Gewinn‘ für sich verbuchte, ‚Schaden‘ (V. 7); diese Einsicht gilt weiterhin, ja sie gilt noch viel mehr: Denn um Christus ganz und gar und vollständig als Kyrios ‚gewinnen‘, die bisher erlangte Christus-Erkenntnis (V. 8) in der Jetztsituation als Erwartung der Mit-Auferstehung mit Christus von den Toten verstehen und auf sich selbst beziehen zu können (V. 10f.), betrachtet Paulus alles das, was in der Retrospektive ‚schädlich‘ war, nunmehr sogar noch viel schärfer als ‚Dreck‘ bzw. ‚Kot‘ (V. 8).

Wenn die Perikope über V. 11 hinaus auch noch V. 12–14 umfasst, was sich exegetisch diskutieren lässt – dann wäre nicht die Auferstehungserwartung (V. 11), sondern die Beschreibung des Laufes (V. 14) Zielpunkt der Texteinheit –, kommt zusätzlich der ‚Eifer‘ zum Ausdruck, mit dem der Apostel nun zwischen seinem Leben in Gefangenschaft und dem erwarteten Todes- und Auferstehungsschicksal schwebt. Die ‚eifernde Strebsamkeit‘ des Apostels – ob als einstiger Pharisäer und Verfolger der Gemeinde, als Apostel und Christus-Glaubender oder jetzt als Gefangener, der sein Todesschicksal in den Blick nimmt – macht die Person des Paulus in seiner Gesamtbiographie unverwechselbar aus. So sieht er sich aktuell im Wettkampf;  die jüngste Forschung spricht von Agon-Metaphorik: In diesem Wettkampf strebt Paulus – zielorientiert (Skopos) – den „Siegespreis der Berufung von oben“, von Gott her, an (V. 14).

3. Kontext und historische Einordnung

Der autobiographische Textabschnitt ist in den Briefverlauf seit Phil 1,1 bestens eingebettet. Hypothesen zur Teilung bzw. Kompilation des Phil, die auch in der jüngsten Forschung weiter diskutiert werden (s. A. Standhartinger; L. Bormann), sind nicht angezeigt. Im unmittelbaren Kontext hatte sich Paulus polemisch mit möglichen Gegnern in Philippi auseinandergesetzt und vor ihnen gewarnt (Phil 3,2-4a) – eine Warnung, die er in Phil 3,18f. wiederholen und vertiefen wird. Das genaue Profil dieser Gegner, die sogar als „Hunde“ beschimpft werden (3,2), bleibt in 3,2ff. wie in 3,18f. unklar: Handelt es sich um Befürworter der Beschneidung, also judaisierende Gegenmissionare wie in Galatien oder um Feinde des Kreuzes Christi wie in Korinth? Es scheint eher, dass Paulus seine Adressaten vorsorglich vor möglichen Gegnern, die in Philippi so wie zuvor schon in anderen Gemeinden eindringen könnten, warnt. Die Polemik wäre nicht aktuell begründet, sondern prospektiv zu verstehen, und zwar in einem brieflichen Schreiben, das letztlich den Charakter von Abschiedsworten hat (vgl. dazu ausführlich: E.-M. Becker). Darin, wie Paulus in und trotz seiner nahen Todeserwartung den Philippern als der ‚Eiferer‘, der er seit jeher war und der nunmehr zielorientiert (κατὰ σκοπὸν V. 14) den himmlischen Siegespreis anstrebt, ein Vorbild (exemplum) an Christus-Zugehörigkeit sein kann, liegt die pragmatische Bedeutung der autobiographischen Passage. Für Paulus haben sich in seinem Curriculum die Bewertungsrichtlinien vollständig umgekehrt und ihn in eine existenzielle Paradoxie geführt: Das, was einst gewinnträchtig schien, ist nun glasklar als Schaden und ‚Kot‘ enttarnt; der Gewinn um Christi willen wiederum schließt zunächst den Tod als Lebensverlust und dann die Auferstehung ein – diese Deutung ergibt sich, wenn man die nicht ausgefüllte Leerstelle im Text (V. 10f.) als mögliche Anspielung auf ein Nachfolgewort aus der synoptischen Tradition versteht (z.B. Mk 8,35), das wiederum nicht zufällig Kreuzesnachfolge meint (s. auch Phil 2,8). Erst die volle Partizipation an Christi Tod und Auferstehung überführt – so beschreibt es Paulus jedenfalls für sich selbst (und für seine Adressaten) – die Christus-Zugehörigkeit in eine umfängliche christus-konforme Existenz.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Phil 3,4b–14 enthalten – im Duktus autobiographischer Rede geschrieben – zwei zentrale theologische Themen: Gerechtigkeit und Auferstehung. So wie der persönliche ‚Eifer‘ das Curriculum des Paulus in allen Lebensphasen prägt, bleibt die Gerechtigkeit für Paulus der ausschlaggebende Bewertungsmaßstab des Menschen vor Gott (Röm 1,16f.). Im Lichte Christi sind, so wie Paulus es erfahren hat, die Richtlinien neu bestimmt: Nicht das Gesetz diktiert die Vorgaben der Gerechtigkeit; vielmehr hat Gott in Christus die Gerechtigkeit wieder von der πίστις (Treue, Vertrauen, Glaube) her (V. 9), also als relationales Geschehen zwischen Gott, Christus und Mensch, definiert (so auch A. Standhartinger, 236). Der paulinische ‚Eifer‘ im Leben aus Christuszugehörigkeit ist daher weniger aktionistisch als vielmehr antizipatorisch (vorwegnehmend), wenn auch agonistisch (wettkämpferisch): der „Siegespreis der Berufung von oben durch Gott“ wird erstrebt und doch zugeteilt (V. 14); denn das Streben danach ist nicht Ergreifen, sondern Ergriffensein (V. 12). Zweites Thema: Die Erwartung der Auferstehung der Toten, deren Erstling Christus war (1 Kor 15,20), galt zunächst für diejenigen, die am Tag der Parusie nicht mehr am Leben waren (1 Thess 4,13-18). Indem Paulus sich nun an der Spitze derer sieht, die nicht nur mit Christus sterben, sondern auch mit ihm auferstehen werden, wird die individuelle Auferstehungshoffnung zu einem kollektiven Glaubensgut. Das aber bedeutet in der Konsequenz: der eschatologische Siegespreis setzt die Todesgemeinschaft mit Christus nunmehr zwingend voraus.

5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt

In Phil 3 kommt die paulinische Eschatologie unseren modernen Glaubensvorstellungen und -hoffnungen am nächsten. Denn anders als in den eschatologischen Texten, die Paulus zuvor geschrieben hatte (1 Thess 4; 1 Kor 15; 2 Kor 5), erwartet der Apostel nun nicht länger, am Tag der Wiederkunft Christi (Parusie) selbst noch am Leben zu sein. Er rechnet vielmehr mit seinem (baldigen) Tod und sucht im Lichte des Abschieds von den Philippern, ihnen – sei es durch Leben oder Tod (1,20) – ein Vorbild an christusbezogener Existenz zu sein. Zu dieser vorbildhaften Selbstdarstellung gehören

  1. die Schilderung seiner Gefangenschaft (1,12ff.),
  2. der paradigmatische Blick auf das Todesschicksal und die Demut Christi (2,6–11), der der Gemeinschaft der Christus-Glaubenden nach innen Orientierung gibt (2,1– 5),
  3. die Warnung vor möglichen Gegnern als Abgrenzung nach außen (3,2–4a),
  4. der schonungslose Rückblick auf das eigene Curriculum des Apostels als Verlustrechnung (3,4b–6),
  5. der Ausblick auf die als Gewinn (1,20) zu erwartende vollständige Konformität mit dem Todes- und Auferstehungsschicksal Christi (3,10f.),
  6. die sich metaphorisch als eiferndes Streben eines „Sklaven Christi“ nach dem himmlischen Siegespreis beschreiben lässt (3,12–14).

In e. und f. könnte der spezifische Anknüpfungspunkt für diese Predigt liegen. Dass das ersehnte Zusammensein in personaler Gemeinschaft mit Christus als dem himmlischen Kyrios den eigenen Tod notwendig voraussetzt, hat Paulus in keinem anderen Brief zuvor so weit und so konkret für sich und seine Gemeinden zu Ende gedacht.

Literatur:

  • Bormann, Lukas: Philipperbrief, in: O. Wischmeyer / E.-M. Becker (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen/Basel 20213), 397–416.
  • Standhartinger, Angela: Der Philipperbrief (HNT 11/1), Tübingen 2021.
  • Thematische Aufsatzsammlung zu Grundthemen des Phil: E.-M. Becker, Der Philipperbrief des Paulus: Vorarbeiten zu einem Kommentar (NET 29) Tübingen/Basel 2020 – open access: https://elibrary.narr.digital/book/99.125005/9783772056888

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Durchwachsen: Die Perikope empfängt nicht gerade mit offenen Armen, finde ich. Gedanken springen. Viele paulinische Großbegriffe fallen in schneller Folge. Und dann drängt sich auch noch ausgerechnet das (so noch milde übersetzte) Wort „Dreck“ in den Vordergrund. Erst in den Schlussversen (Phil 3,12-14) regt sich mehr: Mit starken Verben zeigt sich Paulus in Aktion, in einer Bewegung begriffen, unter der man sich etwas vorstellen kann (‚ich strecke mich aus nach den Dingen vor mir…‘).

Autobiografisch: Mir hilft der exegetische Hinweis aufs „Autobiografische“. Das meint mehr, als dass Paulus routiniert „ich“ sagt. Paulus spricht von der Leber weg. Das merkt am besten, wer die Perikope laut vorliest. Sie liest sich nämlich trotz der zig Themen und vieler Substantive ziemlich leichtgängig (auch in der Lutherübersetzung). Ein Gedanke drängt zum nächsten. So, wie Paulus das beim Diktieren ersann. Indem er einen Satz formulierte. Inne hielt. Überlegte. Fortfuhr. Gleichzeitig stellen sich Vers um Vers auch Gefühle ein. So empfinde ich nach, wie Paulus auf kürzester Textdistanz von zorniger Selbstbehauptung (3,4) zur tastenden Selbstrelativierung (3,12ff.) gelangt.

Eine Gedankenkette: Dazu passen die Beobachtungen, die die Exegese unter A) 2. zur literarischen Gestaltung notiert. Die vielen, großen Einzelthemen: Sie greifen wie Glieder einer Kette ineinander; eines zieht das andere nach sich. In Gang gesetzt wird das durch das Motiv biografischer Wenden (früher/heute, Pharisäer/Christus-Zugehörigkeit…) und durch die akute, extreme Lebenssituation, die den Phil prägt.

Fragile Existenz: Wir werden Zeugen davon, wie Paulus einerseits sehr persönlich mit der Not ringt, die ihn bedrängt. Gleichzeitig stehen ihm, das verdeutlicht die Exegese, bei seinem Sprechdenken die Leute in Philippi vor Augen. Samt ihrer potenziellen Not. Aus meiner Sicht ist das eigentliche Thema darum: Existenz. Auch die Exegese verwendet das Wort mehrfach. Genauer: Endlichkeit und Gefahr als Charakteristika menschlicher Existenz. Ausgerechnet diese Fragilität verbindet uns Paulus zufolge mit Christus. Und umgekehrt heißt ‚Christus begreifen‘ Paulus zufolge, entsichert zu leben. (Der Hymnus Phil 2,5/6–11 schwingt unüberhörbar mit; Paulus hat ihn ja buchstäblich gerade eben aufgesagt oder nachgedichtet.) Ich meine: Die Themen Gerechtigkeit und Auferstehung, die der Exegese zufolge in Phil 3 theologisch zentral sind, müssen aus dieser existenziellen Dynamik heraus in den Blick kommen.

2. Thematische Fokussierung

Motive: Die Exegese arbeitet die vielen Existenz-Themen in Phil 3 heraus:

  1. Paulus’ Bezugnahme auf seine Konversion (modern gesprochen), indem er geradezu aggressiv mit seinem Herkommen abrechnet.
  2. Das Begriffspaar „Schaden und Gewinn“. Mit dem er voneinander absetzt: Einerseits: „Was ich aus mir selbst heraus erreichen könnte“. Andererseits: „Was mir in Christus/durch Christus widerfährt“.
  3. Die mystische Vorstellung, das eigene Leben und Sterben verschmelze mit Christi Schicksal. Allein von Gott her kann das geschehen. Fast gänzlich passiv.
  4. Das gilt auch für die Sprechhaltung des Autors: Paulus pendelt zwischen fester Behauptung und tastender Ergebenheit. Er stößt sich ab und er öffnet sich. Die Exegese zeichnet das bis in grammatische Feinheiten hinein nach.

Emotionen: Diese Themen gehören zum Grundbesteck theologischer Anthropologie. Fürs Predigen aber fast wichtiger: Die hohe Emotionalität, die sich durch die Verse schlängelt. Eingangs dominiert Wut. Dahinter tritt dann unverkennbar Angst hervor. Sie drängt Paulus geradezu ins Zutrauen zu Christus. So dass die Perikope auf einer heiteren Note endet. Es lohnt sich, die folgenden Abschnitte des Briefes unter diesem Eindruck zu lesen. Glaubhaft, dass Paulus sie buchstäblich unter Tränen (3,18) diktiert.

Theologie: Im Fokus steht also eine Theologie im existenziellen Modus, die Paulus an Ort und Stelle entwickelt. Aus gegebenem Anlass und zu den allergrößten Fragen. Eine Theologie, die sich mehr entfaltet, als dass sie von vornherein feststeht. Die sich in die Christus-Erzählung mehr hineinlegt, als dass sie sie auslegt.

3. Theologische Aktualisierung

Homiletiken haben in den letzten Jahrzehnten dem „Ich“ der Predigenden, der Rhetorik, dem religiösen Reden, der sprachlichen Form, schließlich auch der Authentizität der Predigenden und der Wirkung auf die Hörenden (wieder) Raum eingeräumt. Phil 3 zeigt, wieso das so wichtig ist. Und warum das kein Gegenmodell zur theologischen Reflexion ist. Paulus treibt existenzielle Theologie. Einschließlich großer Gefühle, auch der dunklen. Die – auch in Phil 3 – kritisch befragt werden können.

Phil 3 liefert Anregungen, was das fürs Predigen bedeuten könnte: Die Verbindung von individuellem Bekenntnis und gemeinschaftlichem Zeugnis. Tastende, suchende Sprache, die kein gemeindlich-religiöses Wissen wiederkäut.

Paulus liefert in der Perikope auch ein Vokabular für christliche Existenz. Nicht: erarbeiten, halten, greifen. Sondern: ergriffen werden, sich ausstrecken, streben. Vokabular der Existenz, ganz im Sinne der lateinischen Wortwurzel existere: heraus-treten, hervor-treten, sich-aussetzen. Das liegt ja als Thema der ganzen Bibel auf der Hand. Von unbehausten Erzeltern und einem wandernden Gottesvolk über die ins Risiko gezwungenen Propheten und die den Abgründen abgerungenen Psalmworte bis zum Gottessohn am Kreuz (und darüber hinaus).

Allerlei hochkonkrete Aktualisierungen des Themas ‚Fragilität‘ sind (leider) schnell bei der Hand. Es ist, als habe sich in den letzten Jahren ein überwältigendes Maß an Bedrängnis und Risiko angesammelt. Als sei die Welt aus den Fugen geraten. Müßig, hier Schlagzeilen aufzulisten.

Für die Predigt könnte es besonders wichtig sein, die üblichen Reaktionen auf diese schwer erträglichen Bedrohungslagen beim Namen zu nennen. Verdrängung: Ich kann es an mich nicht mehr heranlassen, so ohnmächtig fühle ich mich. Kollektive Ablenkungsmanöver: Versuche, vor drängenden Realitäten die Augen zu schließen. Politische Umwertung: Statt die erdrückenden sozialen Ungleichheiten die verwundbaren Menschen zu attackieren. Phil 3 hält keine sozio-ökonomischen Lösungen parat. Paulus‘ Verse verkörpern aber eine klare, christliche Option. Die Fragilität annehmen, das Todesschicksal ernst nehmen, Ent-Sicherung wagen: Das verbindet mit Christus – zur Auferstehung, zur Erfüllung.

Das Paulus-Thema Gerechtigkeit kann genau so verstanden werden. Leider verleitet es dazu, Vorstellungen von religiöser Gesetzlichkeit an den Haaren herbeizuziehen, die ‚unter uns‘ gar keine Rolle spielen (dafür teils kräftig antijudaistisch getönt sind, auch aufgrund von Texten wie Phil 3,1-4.) Viel empfehlenswerter: Das existenzielle Moment. Selbstsicherung auch im religiös überhöhten Maßstab gibt es um uns herum en masse. Und die Gegen-Option, sich zu freien Sphären abzustoßen, auf Gott hin.

Zurecht bemerkt die Exegese, wie nah uns Paulus mit dem Thema Auferstehung kommt. Auch in dieser Hinsicht: Paulus geht es erkennbar nicht um dogmatisch korrekte Vorstellungen. Er verleiht seiner Sehnsucht Worte, gegen konkrete Angst. Eine Einladung auch fürs Predigen.

Zu all dem passt, dass Paulus in den Schlussversen keine Tatsachen, sondern eine Haltung und ein Grundgefühl beschreibt. Spürbar wird, wie auch dem Großdenker Paulus (Gott sei Dank) nichts anderes übrigbleibt, als sich der Hoffnung entgegen zu lehnen. Mit dem poetischen Grundzug gleichsam ‚unhaltbarer‘ Sätze.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Das Evangelium Mt 13,44-46 wartet mit den beiden Ultrakurzparabeln von Perle und Schatz auf. Sie fordern: „All in“ fürs Himmelreich. Im Eingangspsalm (Ps 63) betet sich ein einzelner – durchaus analog zu Phil 3 – von der durstigen Seele zum vollen Gotteslob empor. Existenzfragen stehen im Mittelpunkt. Und die Paradoxie, die auch Phil 3 andeutet: Atemberaubend schön und ewig sicher – das gibt’s nur außerhalb der eigenen Kontrolle. Das passt Mitte August ganz gut, in den Hochsommer mit flirrendem Licht. Und zum Schöpfungslob in der Mitte der Trinitatiszeit. Und zur Sehnsuchtszeit Sommerferien sowieso.

5. Anregungen

Die Exegese regt zurecht an, die Perikope in ihrem Zusammenhang zu predigen. Dazu gehört besonders ihre Dramaturgie, von Empörung bis Vertrauen.

  1. Falls die Predigt diese Bewegung auf aktuelle Themen überträgt: Es liegt nahe, als Predigende wirklich existenziell zu sprechen. Davon, was mich, was uns hier bedrängt. Wie das mit Christus verbindet und mich/uns verändert.
  2. Zur Entlastung: Paulus beschreibt nicht die Lösung für ein Problem (z.B. dem Tod entkommen). Paulus beschreibt, wie er mit Christus in der erdrückenden Wirklichkeit an- und so aus ihrer Gewalt freikommt.
  3. Es fällt beim Predigtmachen leicht, Bedrängnisse konkret zu schildern. Hingegen: Wie schön, wie leicht meine mit Christus verbundene/von Gott ergriffene Existenz … ist, das wird schnell abstrakt, eindimensional oder klischeebeladen. Vielleicht hilft es deshalb, das Schreiben damit zu beginnen. Auf der Spur des Paulus: tasten, strecken, streben, sich sehnen, also: mit Bewegungen ins Offene.

Autoren

  • Prof. Dr. Eve-Marie Becker (Einführung und Exegese)
  • Dr. Peter Meyer (Praktisch-theologische Resonanzen)

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