Philipper 3,(4b-6)7-14 | 9. Sonntag nach Trinitatis | 17.08.2025
Einführung in den Philipperbrief
Lange Zeit stand der Phil
1. Verfasser
Der Phil wurde von Paulus – wie er selbst sagt: in co-Senderschaft mit seinem engen Mitarbeiter Timotheus
2. Adressaten
Phil 1,2
- Erstens informiert er seine Freunde in Makedonien über seine äußere und innere Situation in Haft,
- zweitens fordert er sie angesichts der Nähe Christi zur Freude auf (3,1
; 4,4 ), die auch in der Dankbarkeit über die Genesung des Epaphroditus begründet ist (2,25-30 ), und ermahnt sie dabei zu Einheit und Demut im Umgang miteinander (2,1ff .) sowie zu Wachsamkeit, - drittens teilt er mit ihnen seine individuelle eschatologische Hoffnung auf ein „Gemeinwesen in den Himmeln“ (3,20
: τὸ πολίτευμα ἐν οὐρανοῖς) in Gemeinschaft mit Christus: Paulus hofft, nicht nur im Blick auf sein Todesschicksal Christus gleichgestaltet zu werden, sondern auch – wie dieser – von den Toten auferweckt zu werden (3,10f .).
3. Entstehungsort
Paulus befindet sich bei der Abfassung des Briefes in Gefängnishaft. In der Auslegungsgeschichte des Phil der letzten ca. 250 Jahre wurden Korinth, Ephesus, Cäsarea und Rom – also mit Ausnahme Philippis (s. Apg 16,23ff.
- die Hinweise auf die Prätorianergarde und das Haus des Kaisers
(s.o.), - die Todessehnsucht des Apostels, die auf dessen höheres Lebensalter hinweist, und
- das fortentwickelte (christologische, eschatologische und administrative) Denken des Paulus, das in der Anrede der Adressaten (s.o.), aber auch in der persönlichen Auferstehungshoffnung greifbar wird: Paulus erwartet für sich (und seine Adressaten) ein christus-konformes Todes- und Auferstehungsschicksal (3,10f
.20f .).
Trotz der genannten Argumente für Rom lässt sich die Frage nach dem Entstehungsort des Phil nicht abschließend klären.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen befassen sich zunächst mit den klassischen sog. Einleitungsfragen. Es handelt sich dabei um
- die Frage nach dem Abfassungszeitpunkt und -ort des Briefes (s.o.),
- die Frage nach der Entstehungsgeschichte des Briefes (literarische Einheitlichkeit oder spätere Kompilation verschiedener Einzelbriefe),
- die Frage nach dem Typus bzw. der Gattung des Briefes
(z.B. Trostbrief, Freundschaftsbrief, Gefängnisbrief), - die sozial- und religionsgeschichtliche Prägung der Gemeinde in Philippi,
- die Frage nach der Identifikation der Gegner (real oder fiktiv), die Paulus in Phil 3 polemisch attackiert.
- Daneben wird bei der Interpretation von Phil 2,6-11
die Frage der Form (Hymnus oder exemplarische Erzählung), der Herkunft (vorpaulinisch oder paulinisch), der traditionsgeschichtlichen Prägung durch Septuaginta-Motivik und der christologischen Bedeutung (Präexistenzaussage?) diskutiert. - In theologischer Hinsicht stellt sich die Frage, ob im Phil ethische, ekklesiologische oder eschatologische Themen, die jeweils von der Christologie her begründet sind (2,6-11
), überwiegen. Im brieflichen Profilvergleich ist jedenfalls festzustellen, dass Paulus etwa „im Römerbrief seine Argumentationen letztlich am Gottesgedanken ausrichtet, während im Philipperbrief das Christusgeschehen im Mittelpunkt steht“ (Bormann, 402). Treten im 1 Kor verschiedenste Gemeinde(an)fragen in den Fokus, so steht Paulus selbst – der „Sklave Jesu Christi“ – im Phil als Person im Zentrum: In einer imitatio Christi wartet er auf volle Teilhabe am Schicksal Christi.
5. Besonderheiten
Wie bei (fast) allen anderen authentischen Paulusbriefen (1Thess
- Phil ist – wie Phlm auch (V. 1
.9 .13 ) – ein Gefangenschaftsbrief, der wiederum entsprechende Imitationen eines aus der Haft schreibenden Apostels in der nachpaulinischen Pseudepigraphie hervorgebracht hat (Kol ; Eph ; 2Tim ). - In Phil 3,4bff.
findet sich – neben Gal 1f. – die wichtigste autobiographische Passage, in der Paulus auf seine Herkunft „aus dem Volke Israel“ und seinen Werdegang zurückblickt. - In Phil 1,21ff.
gewährt Paulus einen tiefen Einblick in seine von Zwiespalt geplagte innere Person. - In Phil 2,5/6-11
schafft Paulus einen sprachlich verdichteten Text, in dem er in seiner Gefangenschaft das Lebens-, Todes- und Erhöhungsschicksal Jesu, das er in den Deutungszusammenhang der universalen Königsherrschaft Gottes (z.B. Jes 45 ) stellt, zugleich in seiner Bedeutung für die Gemeinschaft der Christus-Glaubenden auslegt.
Literatur:
- Einführung in den Phil: L. Bormann, „Philipperbrief“, in: O. Wischmeyer/E.-M. Becker (Hgg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767; Tübingen/Basel: Francke Verlag, 20213), 397-416.
- Aktueller deutschsprachiger Kommentar: A. Standhartinger, Der Philipperbrief (HNT 11/1; Tübingen: Mohr Siebeck, 2021).
- Thematische Aufsatzsammlung zu Grundthemen des Phil: E.-M. Becker, Der Philipperbrief des Paulus: Vorarbeiten zu einem Kommentar (NET 29; Tübingen/Basel: A. Francke Verlag, 2020). – open access: https://elibrary.narr.digital/book/99.125005/9783772056888
A) Exegese kompakt: Philipper 3,(4b–6)7–14
Paulus erwartet für sich die vollständige Gemeinschaft mit Christus in Tod und Auferstehung.
Übersetzung
[4b Wenn ein anderer meint, sich auf das Fleisch zu verlassen – ich viel mehr! 5 Am achten Tag beschnitten, aus dem Geschlecht Israels, aus dem Stamm Benjamins, Hebräer aus Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer, 6 nach dem Eifer einer, der die Gemeinde verfolgte, nach der Gerechtigkeit, die im Gesetz liegt, untadelig geworden.]
7 [Aber] was immer für mich Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden gehalten, 8 aber ja, vielmehr halte ich sogar alles dafür, Schaden zu sein, wegen des Übermaßes der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, durch den mir dies alles zum Schaden geworden ist, und ich halte es für Dreck, damit ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, wobei ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz (kommt), sondern die durch den Glauben an Christus – die Gerechtigkeit aus Gott aufgrund des Glaubens, 10 um ihn zu erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Teilhabe an seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleichgestaltet werde, 11 ob ich wohl gelangen sollte zu der Auferstehung, (die) aus den Toten (erfolgt). 12 Nicht, weil ich (es) schon ergriffen hätte oder schon vollkommen wäre – ich verfolge aber, ob ich es auch ergreife, da ich auch ergriffen wurde von Christus [Jesus]. 13 Brüder, ich meine nicht von mir, dass ich es ergriffen hätte. Eins aber: während ich die Dinge hinter mir vergesse, strecke ich mich aus nach den Dingen vor mir 14 und strebe nach einem Ziel auf den Siegespreis der Berufung von oben durch Gott in Jesus Christus hin.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 5: διώκω(ν): zentrales Verb im Gesamtabschnitt (V. 6.12.14 wiederkehrend), mit dem Paulus einerseits seine frühere Verfolgertätigkeit, andererseits seine gegenwärtige Zielstrebigkeit in der Christus-Existenz beschreibt.
V. 7–8: mit dem Tempuswechsel von ἥγημαι (Perfekt: V. 7) zu ἡγοῦμαι (Präsens: V. 8) ist der Übergang vom Rückblick auf die gegenwärtige Situation markiert; allerdings hat die Perfektform schon einen resultativen Aspekt.
V. 9: zu den Übersetzungsmöglichkeiten von διὰ πίστεως Χριστοῦ als genitivus obiectivus („durch den Glauben an...“), auctoris („durch den von Christus verursachten Glauben“) oder subiectivus („durch Treue, Vertrauen, Glauben Christi“): A. Standhartinger, 234f.
V. 10: τοῦ γνῶναι αὐτὸν bildet einen finalen Infinitiv – die umfassende Erkenntnis ist im Blick.
V. 12f.: καταλάβω... κατελήμφθην... κατειληφέναι: mit dem Formenwechsel (Aorist-Aktiv über Aorist-Passiv zu Perfekt Infinitiv Aktiv) ist weniger eine Tempusveränderung als eine Differenz im Aspekt (ingressiver Aorist – resultatives Perfekt) angezeigt, der den Beginn des Ergreifens bis zu seinem Resultat nachzeichnet.
2. Literarische Gestaltung:
Wie will der Verfasser sein Lesepublikum gewinnen?
In Phil 3,4
Zu Beginn (V. 4b–6) blickt Paulus auf sein Leben seit seiner Geburt und Beschneidung (V. 4b–5) – aus Sicht seiner gegenwärtigen Christus-Zugehörigkeit – zurück. Das eifernde Leben als Pharisäer, der sogar die Gemeinde (einige Handschriften ergänzen: „die Gemeinde Gottes“) verfolgte, war „untadelig“: Paulus lebte gesetzeskonform und war damit gerecht (V. 6). Worin genau seine frühere Verfolgertätigkeit, die seinem Apostolat anhängt (vgl. auch Gal 1,13
Wenn die Perikope über V. 11 hinaus auch noch V. 12–14 umfasst, was sich exegetisch diskutieren lässt – dann wäre nicht die Auferstehungserwartung (V. 11), sondern die Beschreibung des Laufes (V. 14) Zielpunkt der Texteinheit –, kommt zusätzlich der ‚Eifer‘ zum Ausdruck, mit dem der Apostel nun zwischen seinem Leben in Gefangenschaft und dem erwarteten Todes- und Auferstehungsschicksal schwebt. Die ‚eifernde Strebsamkeit‘ des Apostels – ob als einstiger Pharisäer und Verfolger der Gemeinde, als Apostel und Christus-Glaubender oder jetzt als Gefangener, der sein Todesschicksal in den Blick nimmt – macht die Person des Paulus in seiner Gesamtbiographie unverwechselbar aus. So sieht er sich aktuell im Wettkampf; die jüngste Forschung spricht von Agon-Metaphorik: In diesem Wettkampf strebt Paulus – zielorientiert (Skopos) – den „Siegespreis der Berufung von oben“, von Gott her, an (V. 14).
3. Kontext und historische Einordnung
Der autobiographische Textabschnitt ist in den Briefverlauf seit Phil 1,1
4. Schwerpunkte der Interpretation
Phil 3,4b–14 enthalten – im Duktus autobiographischer Rede geschrieben – zwei zentrale theologische Themen: Gerechtigkeit und Auferstehung. So wie der persönliche ‚Eifer‘ das Curriculum des Paulus in allen Lebensphasen prägt, bleibt die Gerechtigkeit für Paulus der ausschlaggebende Bewertungsmaßstab des Menschen vor Gott (Röm 1,16f.
5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt
In Phil 3
- die Schilderung seiner Gefangenschaft (1,12ff.),
- der paradigmatische Blick auf das Todesschicksal und die Demut Christi (2,6–11), der der Gemeinschaft der Christus-Glaubenden nach innen Orientierung gibt (2,1– 5),
- die Warnung vor möglichen Gegnern als Abgrenzung nach außen (3,2–4a),
- der schonungslose Rückblick auf das eigene Curriculum des Apostels als Verlustrechnung (3,4b–6),
- der Ausblick auf die als Gewinn (1,20) zu erwartende vollständige Konformität mit dem Todes- und Auferstehungsschicksal Christi (3,10f.),
- die sich metaphorisch als eiferndes Streben eines „Sklaven Christi“ nach dem himmlischen Siegespreis beschreiben lässt (3,12–14).
In e. und f. könnte der spezifische Anknüpfungspunkt für diese Predigt liegen. Dass das ersehnte Zusammensein in personaler Gemeinschaft mit Christus als dem himmlischen Kyrios den eigenen Tod notwendig voraussetzt, hat Paulus in keinem anderen Brief zuvor so weit und so konkret für sich und seine Gemeinden zu Ende gedacht.
Literatur:
- Bormann, Lukas: Philipperbrief, in: O. Wischmeyer / E.-M. Becker (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen/Basel 20213), 397–416.
- Standhartinger, Angela: Der Philipperbrief (HNT 11/1), Tübingen 2021.
- Thematische Aufsatzsammlung zu Grundthemen des Phil: E.-M. Becker, Der Philipperbrief des Paulus: Vorarbeiten zu einem Kommentar (NET 29) Tübingen/Basel 2020 – open access: https://elibrary.narr.digital/book/99.125005/9783772056888
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Durchwachsen: Die Perikope empfängt nicht gerade mit offenen Armen, finde ich. Gedanken springen. Viele paulinische Großbegriffe fallen in schneller Folge. Und dann drängt sich auch noch ausgerechnet das (so noch milde übersetzte) Wort „Dreck“ in den Vordergrund. Erst in den Schlussversen (Phil 3,12-14
Autobiografisch: Mir hilft der exegetische Hinweis aufs „Autobiografische“. Das meint mehr, als dass Paulus routiniert „ich“ sagt. Paulus spricht von der Leber weg. Das merkt am besten, wer die Perikope laut vorliest. Sie liest sich nämlich trotz der zig Themen und vieler Substantive ziemlich leichtgängig (auch in der Lutherübersetzung). Ein Gedanke drängt zum nächsten. So, wie Paulus das beim Diktieren ersann. Indem er einen Satz formulierte. Inne hielt. Überlegte. Fortfuhr. Gleichzeitig stellen sich Vers um Vers auch Gefühle ein. So empfinde ich nach, wie Paulus auf kürzester Textdistanz von zorniger Selbstbehauptung (3,4) zur tastenden Selbstrelativierung (3,12ff.) gelangt.
Eine Gedankenkette: Dazu passen die Beobachtungen, die die Exegese unter A) 2. zur literarischen Gestaltung
Fragile Existenz: Wir werden Zeugen davon, wie Paulus einerseits sehr persönlich mit der Not ringt, die ihn bedrängt. Gleichzeitig stehen ihm, das verdeutlicht die Exegese, bei seinem Sprechdenken die Leute in Philippi vor Augen. Samt ihrer potenziellen Not. Aus meiner Sicht ist das eigentliche Thema darum: Existenz. Auch die Exegese verwendet das Wort mehrfach. Genauer: Endlichkeit und Gefahr als Charakteristika menschlicher Existenz. Ausgerechnet diese Fragilität verbindet uns Paulus zufolge mit Christus. Und umgekehrt heißt ‚Christus begreifen‘ Paulus zufolge, entsichert zu leben. (Der Hymnus Phil 2,5/6–11
2. Thematische Fokussierung
Motive: Die Exegese arbeitet die vielen Existenz-Themen in Phil 3
- Paulus’ Bezugnahme auf seine Konversion (modern gesprochen), indem er geradezu aggressiv mit seinem Herkommen abrechnet.
- Das Begriffspaar „Schaden und Gewinn“. Mit dem er voneinander absetzt: Einerseits: „Was ich aus mir selbst heraus erreichen könnte“. Andererseits: „Was mir in Christus/durch Christus widerfährt“.
- Die mystische Vorstellung, das eigene Leben und Sterben verschmelze mit Christi Schicksal. Allein von Gott her kann das geschehen. Fast gänzlich passiv.
- Das gilt auch für die Sprechhaltung des Autors: Paulus pendelt zwischen fester Behauptung und tastender Ergebenheit. Er stößt sich ab und er öffnet sich. Die Exegese zeichnet das bis in grammatische Feinheiten hinein nach.
Emotionen: Diese Themen gehören zum Grundbesteck theologischer Anthropologie. Fürs Predigen aber fast wichtiger: Die hohe Emotionalität, die sich durch die Verse schlängelt. Eingangs dominiert Wut. Dahinter tritt dann unverkennbar Angst hervor. Sie drängt Paulus geradezu ins Zutrauen zu Christus. So dass die Perikope auf einer heiteren Note endet. Es lohnt sich, die folgenden Abschnitte des Briefes unter diesem Eindruck zu lesen. Glaubhaft, dass Paulus sie buchstäblich unter Tränen (3,18) diktiert.
Theologie: Im Fokus steht also eine Theologie im existenziellen Modus, die Paulus an Ort und Stelle entwickelt. Aus gegebenem Anlass und zu den allergrößten Fragen. Eine Theologie, die sich mehr entfaltet, als dass sie von vornherein feststeht. Die sich in die Christus-Erzählung mehr hineinlegt, als dass sie sie auslegt.
3. Theologische Aktualisierung
Homiletiken haben in den letzten Jahrzehnten dem „Ich“ der Predigenden, der Rhetorik, dem religiösen Reden, der sprachlichen Form, schließlich auch der Authentizität der Predigenden und der Wirkung auf die Hörenden (wieder) Raum eingeräumt. Phil 3
Phil 3 liefert Anregungen, was das fürs Predigen bedeuten könnte: Die Verbindung von individuellem Bekenntnis und gemeinschaftlichem Zeugnis. Tastende, suchende Sprache, die kein gemeindlich-religiöses Wissen wiederkäut.
Paulus liefert in der Perikope auch ein Vokabular für christliche Existenz. Nicht: erarbeiten, halten, greifen. Sondern: ergriffen werden, sich ausstrecken, streben. Vokabular der Existenz, ganz im Sinne der lateinischen Wortwurzel existere: heraus-treten, hervor-treten, sich-aussetzen. Das liegt ja als Thema der ganzen Bibel auf der Hand. Von unbehausten Erzeltern und einem wandernden Gottesvolk über die ins Risiko gezwungenen Propheten und die den Abgründen abgerungenen Psalmworte bis zum Gottessohn am Kreuz (und darüber hinaus).
Allerlei hochkonkrete Aktualisierungen des Themas ‚Fragilität‘ sind (leider) schnell bei der Hand. Es ist, als habe sich in den letzten Jahren ein überwältigendes Maß an Bedrängnis und Risiko angesammelt. Als sei die Welt aus den Fugen geraten. Müßig, hier Schlagzeilen aufzulisten.
Für die Predigt könnte es besonders wichtig sein, die üblichen Reaktionen auf diese schwer erträglichen Bedrohungslagen beim Namen zu nennen. Verdrängung: Ich kann es an mich nicht mehr heranlassen, so ohnmächtig fühle ich mich. Kollektive Ablenkungsmanöver: Versuche, vor drängenden Realitäten die Augen zu schließen. Politische Umwertung: Statt die erdrückenden sozialen Ungleichheiten die verwundbaren Menschen zu attackieren. Phil 3
Das Paulus-Thema Gerechtigkeit kann genau so verstanden werden. Leider verleitet es dazu, Vorstellungen von religiöser Gesetzlichkeit an den Haaren herbeizuziehen, die ‚unter uns‘ gar keine Rolle spielen (dafür teils kräftig antijudaistisch getönt sind, auch aufgrund von Texten wie Phil 3,1-4
Zurecht bemerkt die Exegese, wie nah uns Paulus mit dem Thema Auferstehung kommt. Auch in dieser Hinsicht: Paulus geht es erkennbar nicht um dogmatisch korrekte Vorstellungen. Er verleiht seiner Sehnsucht Worte, gegen konkrete Angst. Eine Einladung auch fürs Predigen.
Zu all dem passt, dass Paulus in den Schlussversen keine Tatsachen, sondern eine Haltung und ein Grundgefühl beschreibt. Spürbar wird, wie auch dem Großdenker Paulus (Gott sei Dank) nichts anderes übrigbleibt, als sich der Hoffnung entgegen zu lehnen. Mit dem poetischen Grundzug gleichsam ‚unhaltbarer‘ Sätze.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Das Evangelium Mt 13,44-46
5. Anregungen
Die Exegese regt zurecht an, die Perikope in ihrem Zusammenhang zu predigen. Dazu gehört besonders ihre Dramaturgie, von Empörung bis Vertrauen.
- Falls die Predigt diese Bewegung auf aktuelle Themen überträgt: Es liegt nahe, als Predigende wirklich existenziell zu sprechen. Davon, was mich, was uns hier bedrängt. Wie das mit Christus verbindet und mich/uns verändert.
- Zur Entlastung: Paulus beschreibt nicht die Lösung für ein Problem (z.B. dem Tod entkommen). Paulus beschreibt, wie er mit Christus in der erdrückenden Wirklichkeit an- und so aus ihrer Gewalt freikommt.
- Es fällt beim Predigtmachen leicht, Bedrängnisse konkret zu schildern. Hingegen: Wie schön, wie leicht meine mit Christus verbundene/von Gott ergriffene Existenz … ist, das wird schnell abstrakt, eindimensional oder klischeebeladen. Vielleicht hilft es deshalb, das Schreiben damit zu beginnen. Auf der Spur des Paulus: tasten, strecken, streben, sich sehnen, also: mit Bewegungen ins Offene.
Autoren
- Prof. Dr. Eve-Marie Becker (Einführung und Exegese)
- Dr. Peter Meyer (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500132
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