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Dreihundert Jahre Wildwuchs

Der Weg zur ersten kirchenamtlichen Revision 1892

Mit der Lutherbibel 2017 wird im Oktober dieses Jahres die vierte kirchenamtliche Revision als eine von den evangelischen Gliedkirchen autorisierte Fassung erscheinen. Zehn Jahre nahm die Überarbeitung in Anspruch – ein kurzer Zeitraum im Vergleich zur ersten kirchenamtlichen Revision von 1892. Von deren Anfängen bis zu ihrem Abschluss verging ein gutes halbes Jahrhundert. Sie stand allerdings auch vor einer besonderen Herausforderung: Hatten Luther und seine Wittenberger Mitstreiter die Übersetzung der Bibel noch als „work in progress“ verstanden, so hatte es seit nunmehr dreihundert Jahren keine allgemein verbindliche Überarbeitung des Textes mehr gegeben.


Auf den ersten Blick erscheint es paradox: Obwohl mit dem Tod des Reformators die Lutherbibel „faktisch sakrosankt“[1] geworden war, wucherten in der Folge die verschiedenen Textausgaben.

Einerseits kam mit der dogmatischen Abschirmung der altprotestantischen Orthodoxie dem Luthertext fast dieselbe Unfehlbarkeit zu wie der Heiligen Schrift selbst. Andererseits waren in einer Zeit ohne Urheberrecht im heutigen Sinn Textänderungen für Buchdrucker und Setzer pragmatisches Alltagsgeschäft. Dass dabei mehr als nur orthografische Anpassungen vorgenommen wurden, war eine selbstverständliche Begleiterscheinung des Verbreitungsprozesses. Je nach Region fanden dabei dialektale Eigenheiten Aufnahme oder wurden unübliche Ausdrücke ersetzt. Und auch die Notwendigkeit punktueller Modernisierungen wurde erkannt. So wurde zum Beispiel das unverständlich gewordene „Maul“ durch „Maulthier“ ersetzt.[2]  Mit Textbeigaben wie Einleitungstexten, Erklärungen und Illustrationen wurde noch freier umgegangen – ohne, dass in irgendeiner Weise darüber Rechenschaft abgelegt worden wäre. Gerade die Glossen und Summarien transportierten aber in besonderer Weise die lutherische Theologie, sodass sich theologische Konflikte verstärkt auf die Frage nach der richtigen Gestaltung dieses „Beiwerks“ verlagerten.[3]

Regionale Revisionen

Aufgrund ihrer fundamentalen Bedeutung für den Protestantismus wurden bald Stimmen nach einer inhaltlichen Regulierung der Lutherbibel laut. Allerdings waren solche Initiativen zunächst immer regional begrenzt. Hinzu kamen die obligatorischen theologischen Auseinandersetzungen. Drei Fassungen, die durch einen solchen begrenzten Revisionsprozess in der Folgezeit besondere Bedeutung erlangten, sollen hier kurz vorgestellt werden:

Im Mitteldeutschen Raum stellt ab 1581 die „Normalbibel“ über Jahrzehnte den Standardtext. Dabei handelt es sich um eine Fassung, die sich darum bemüht, nur die Überarbeitungen wiederzugeben, die zweifelsfrei auf Luther zurückgehen. Kurfürst August von Sachsen selbst hatte sich im Sinne der Einheit seiner Kirche nach langwierigen theologischen Streitereien zwischen strengen Lutheranern und dem Wittenberger Herausgeberkreis, der nach 1545 immer wieder Textänderungen vorgenommen hatte, zum Eingreifen genötigt gesehen und die Erstellung einer verbindlichen Textfassung durchgesetzt.[4] Dass dieser Ausgabe in ihrer textlichen Qualität beileibe nicht der normative Status zusteht, wie ihn ihre Bezeichnung nahelegt, wurde erst viel später von Carl Mönckeberg überzeugend dargelegt.[5]

Für die in Nürnberg gedruckte „Kurfürstenbibel“ von 1641 bemühte sich ein Gremium der theologischen Fakultät Jena um einen genauen Nachdruck der 1545er Ausgabe und steht damit beispielhaft für das Bemühen der Zeit, den authentischen Luthertext so gut wie möglich zu rekonstruieren und zu konservieren. Da sich die Alltagssprache zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich von der Sprache Luthers entfernt hatte, versuchten immer mehr Bibelausgaben durch Glossare und Stichwortverzeichnisse das Textverständnis zu gewährleisten.[6] Die „Kurfürstenbibel“ – die ihren Namen der Widmung der kursächsischen Herrscherfamilie verdankt – fiel durch Illustrationen und besonders ausführliche Erläuterungen auf, um den „gemeinen Mann“ zu erreichen und ihn „vor Ketzerei und Irrlehren zu bewahren“.[7]

Mit der Stader Bibel erschien 1690 auch im norddeutschen Raum eine sorgsam editierte Textfassung, nachdem zu Anfang vor allem Übersetzungen der Lutherbibel ins Niederdeutsche verbreitet waren. Der studierte Philologe und Bremer Generalsuperintendent Johannes Diecmann hatte zahlreiche Wittenberger Ausgaben eingesehen und verglichen und die bis dato zuverlässigste Ausgabe der Lutherbibel editiert. Sie lieferte auch die Textgrundlage für den ersten Druck der Cansteinschen Bibelgesellschaft. Diese „Canstein-Bibel“ war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die am weitesten verbreite Lutherbibel überhaupt.[8]

Dennoch konnte durch diese fachlich unsteten und lokal begrenzten Vereinheitlichungsversuche die Zahl der verschiedenen Textversionen nur eingedämmt werden. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts werden bis zu elf verschiedene Lutherbibeln gezählt. Dabei sind es nicht nur abweichende Textfassungen, die den Ruf nach einer übergreifenden Revision lauter werden lassen. In der Heiligen Schrift häufen sich zum Teil sinnentstellende Fehler. So wird in einigen Ausgaben die „Sintflut“ zur „Sündflut“, das „Osterfest“ wohl versehentlich zum „Opferfest“ und der unverständlich gewordene Lutherausdruck „freidig“ (mutig, kühn) zu „freudig“ umgedeutet.[9]

Der Weg zu einem einheitlichen Text

Dennoch bedurfte es eines zähen Ringens und langer Vorarbeit bis die erste kirchenamtliche Revision 1892 zum Abschluss kam. Zunächst waren es Bemühungen um eine kritische Lutherbibel-Ausgabe, der es um die Nachvollziehbarkeit der Textvielfalt ging. Der Hallenser Universitätsbibliothekar Heinrich Ernst Bindseil gab zwischen 1845 und 1855 eine solche kritische Edition heraus, in der alle ihm verfügbaren Fassungen abgebildet wurden. Dass eine solche Publikation nicht für eine breite Leserschaft angedacht war, zeigt allein schon die Tatsache, dass die Ausgabe sieben Bände umfasste. Allerdings lieferte sie eine sichere Grundlage für die weiteren Revisionsbemühungen.

Die Bibelgesellschaften und der Druck im "stehenden Satz"

Eine tragende Rolle im Vorfeld der ersten kirchenamtlichen Revision spielten die deutschen Bibelgesellschaften. Mit dem Druck im „stehenden Satz“ hatte zunächst die Cansteinsche Bibelgesellschaft zahllose Auflagen zu vergleichsweise geringen Preisen produzieren können. Das Prinzip beruhte darauf, den Bleisatz eines Bogens nach dem Druck nicht aufzulösen, sondern in den Drucktafeln zu belassen. Das erforderte zwar eine weitaus größere Menge an Bleilettern, ersparte aber das Neusetzen bei Nachdrucken.[10] Ab Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs die Zahl der Bibelgesellschaften in den deutschsprachigen Gebieten und mit ihr die Reichweite der Bibelverbreitung. Das sorgte zwar einerseits für eine Stabilisierung der Textfassungen der Lutherbibel, andererseits erschwerte es Textkorrekturen und machte den Text resistent gegen sprachliche Entwicklungen. Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Bibelgesellschaften zunächst kein gesteigertes Interesse an einem erneuerten Text äußerten, obwohl die Notwendigkeit einer Begrenzung der Textvielfalt auch von ihnen eingesehen wurde. Es war der Hamburger Pfarrer Carl Mönckeberg, der durch seine vielbeachteten „Beiträge zur würdigen Herstellung des Textes der Lutherischen Bibelübersetzung“ die allgemeine Aufmerksamkeit immer wieder auf das Problem lenkte. Dabei betonte er auch immer wieder die Notwendigkeit von Korrekturen und sprachlichen Änderungen. Nach mehreren Treffen einigten sich schließlich die Bibelgesellschaften 1857 unter anderem darauf, in Zukunft nur noch einen gemeinsamen Text herauszugeben und die offensichtlichen Fehler des Luthertextes durch Anmerkungen kenntlich zu machen. In der Folge wurde eine Gruppe um Mönckeberg mit der Erarbeitung von Richtlinien betraut.

Probedruck und Abschluss der ersten kirchenamtlichen Revision

Allerdings wird von verschiedenen Seiten auch die Beteiligung der Amtskirche gefordert, deren Akzeptanz zurecht als Voraussetzung für eine gelingende Revision angesehen wird. 1863 stimmte die Deutsche Evangelische Kirchenkonferenz dem Revisionsvorhaben zu und beschloss verbindliche Richtlinien. Von einer sprachlichen Modernisierung wird dabei abgesehen. Ausdrückliches Ziel ist die Herstellung eines einheitlichen Textes, der offensichtlich falsche Stellen behutsam korrigiert. 1867 erscheint schließlich ein Probedruck des Neuen Testaments, das weitestgehend Zustimmung findet und dem nach zahlreichen Unterbrechungen und Verzögerungen 1883 eine vollständige „Probebibel“ folgt.[11] Im Wesentlichen waren es zwei Kritikpunkte, die zu einer weiteren Bearbeitung führten: der Verbleib zu vieler altmodischer und unverständlicher Ausdrücke sowie die Abweichungen gegenüber der in den Schulen gelehrten Orthografie und Grammatik. Bis 1892 werden Nachbearbeitungen durchgeführt. Im selben Jahr wird die Ausgabe bestätigt und als „Durchgesehen im Auftrag der Deutschen Evangelischen Kirchenkonferenz“ von den Bibelgesellschaften herausgegeben.

Fast ein halbes Jahrhundert benötigte diese texteinigende Revision. Lothar Schmidt fasst das in seiner Beschreibung so zusammen: „Ein beherrschender Eindruck bei der ganzen ersten kirchenamtlichen Revision der Lutherbibel ist, dass man Zeit hat und sich Zeit lässt, sowohl bei der Vorbereitung als auch bei der Ausführung.“[12] Doch das Ergebnis ist fundamental: Nach knapp 350 Jahren gibt es wieder eine Lutherbibel.


Der Beitrag wurde dem Artikel „Von der Reformationszeit bis 2017. Die Revisionsgeschichte der Lutherbibel“ von Sven Bigl entnommen, der in folgendem Band erscheinen wird: „… und hätte der Liebe nicht“. Die Revision und Neugestaltung der Lutherbibel zum Jubiläumsjahr 2017: 500 Jahre Reformation hrsg. v. Hannelore Jahr, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, ISBN 978-3-438-06620-6


Fußnoten

(1) Vgl. Siegfried Meurer: Vorwort. In: Die Geschichte der Lutherbibelrevision von 1850 bis 1984, hrsg. v. Klaus Dietrich Fricke und Siegfried Meurer, Stuttgart 2001, S. 13-32, h. S. 19.
(2) Wilibald Grimm: Kurzgefaßte Geschichte der lutherischen Bibelübersetzung bis zur Gegenwart. Jena 1884, S. 43.
(3) Vgl. Heimo Reinitzer: Die Revision der Lutherbibel im 16. und 17. Jahrhundert. In: Wolfenbütteler Beiträge. Aus den Schätzen der Herzog August Bibliothek. Band 6, hrsg. v. Paul Raabe. Frankfurt am Main 1983, S. 302-304.
(4) Karl Albert Weidemann: Geschichte der deutschen Bibelübersetzung Luthers, Leipzig 1834, S. 83-85.
(5) Lothar Schmidt: Die Anfänge der ersten kirchenamtlichen Lutherbibelrevision. In: Die Geschichte der Lutherbibelrevision von 1850 bis 1984, a.a.O.,  S. 37-130, h. S. 41.
(6) Vgl. Werner Besch: Luther und die deutsche Sprache, Berlin 2014; S. 69-72
(7) Zitiert nach Detlev Hellfaier: Oktober im Jahr der Bibel: Die „Kurfürstenbibel“ des Wolfgang Endter aus Nürnberg (1649). www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unserer-arbeit/ausstellungen/ausstellung-2003-1/oktober.html, abgerufen am 26.02.2016.
(8) Vgl. Helmut Roscher: Johannes Diecmann und seine Stader Bibel(n). In: „Was Dolmetschen für Kunst und Arbeit sei“ Beiträge der Rostocker Konferenz 2013, hrsg. v. Melanie Lange und Martin Rösel, Leipzig – Stuttgart 2014, S. 137-146.
(9) Vgl. Wilibald Grimm: Kurzgefaßte Geschichte der lutherischen Bibelübersetzung bis zur Gegenwart. Jena 1884, S. 40-42.
(10) Vgl. Hermann Ehmer: Von der Württembergischen Bibelanstalt zur Deutschen Bibelgesellschaft. In: Festschrift: 200 Jahre Bibelgesellschaft in Württemberg (1812-2012), hrsg. v. der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart 2012., S. 12-13.
(11) Für eine detaillierte Beschreibung dieser Etappe siehe: Wilibald Grimm: Kurzgefasste Geschichte der lutherischen Bibelübersetzung, S. 48-76.
(12) Lothar Schmidt: Die Anfänge der ersten kirchenamtlichen Lutherbibelrevision. In: Die Geschichte der Lutherbibelrevision von 1850 bis 1984 a.a.O.,  S. 37-130, h. S. 59.


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