Deutsche Bibelgesellschaft

Offenbarung 1,9-18 | Letzter Sonntag nach Epiphanias | 01.02.2026

Einführung in die Offenbarung

In den letzten 30 Jahren hat die Forschung zur neutestamentlichen Johannesapokalypse erheblich an Dynamik gewonnen. Sowohl in Hinsicht auf die Fragen nach Verfasser, Adressaten, Abfassungszeit und literarischer Integrität dieser Schrift als auch im Blick auf den theologischen Skopus dieses letzten Buches des Neuen Testaments sind neue Vorschläge vorgelegt worden.

1. Verfasser

Angesichts des Sachverhalts, dass die Johannesapokalypse an die sieben christlichen Gemeinden in der römischen Provinz Asia, dem westlichen Teil der heutigen Türkei, gerichtet ist (Apk 1,4.11), darf davon ausgegangen werden, dass der – unter dem Namen „Johannes“ auftretende – Verfasser derselben eben in jenem Teil des Imperium Romanum beheimatet gewesen ist. Eine Forschungsmehrheit geht davon aus, dass es sich bei dem in Apk 1 eingeführten „Johannes“, einer konkret faßbaren, zur Zeit der Abfassung der Apk lebenden und im Rahmen einer christlichen Gemeinschaft oder eines Gemeindeverbandes theologisch-prophetisch wirkenden historischen Gestalt, um denjenigen handelt, dem die in der Apk verzeichneten Offenbarungen zuteil geworden sind bzw. der die Apk in ihrer Gesamtheit geschaut hat. Eine Forschungsminderheit versteht mit guten Argumenten die Apk als eine pseudonyme Schrift – nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass zahlreichen frühjüdischen Apokalypsen dieses Merkmal der Pseudonymität eignet. Der namentlich unbekannte Apokalyptiker habe seine Apokalypse verfaßt und dann der Gestalt des „Johannes“, einer herausragenden Figur aus der theologischen Vergangenheit der in der Apk angeschriebenen sieben Gemeinden, in den Mund gelegt und der Apk damit eine fiktive Vorzeitigkeit implementiert. Nach Meinung des Verfassers handelt es sich bei diesem „Johannes“ um den heros eponymos, die jenen theologisch prägende Gründungsfigur des „johanneischen Kreises“, eines in der Provinz Asia zu lokalisierenden Gemeindeverbandes, dem auch das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe zuzurechnen sind.

2. Adressaten

Die Apk ist adressiert an sieben im Westen der römischen Provinz Asia ansässige christliche Gemeinden. Zugunsten der Annahme, dass diese Gemeinden bzw. die in jenen organisierten Christen einer umfassenden, von staatlicher Seite autorisierten Christenverfolgung ausgesetzt wären, läßt sich in der Apk selbst keinerlei Textsignal namhaft machen. Vereinzelte Hinweise, die gegenwärtige Bedrängnisse von Seiten der nichtchristlichen Umwelt der in Apk angeschriebenen Christen zu indizieren scheinen, lassen sich, wenn überhaupt, auf einzelne, auf lokaler Ebene ergriffene behördliche Maßnahmen gegen die Christen deuten; Belege für staatlich organisierte und propagierte provinzweite oder gar reichsweite antichristliche Maßnahmen gegen jene bietet die Apk hingegen nicht. Viel eher scheint es so zu sein, dass sich die Adressaten der Apk zur Zeit der Abfassung der Apk mit ihrer nichtchristlichen Umwelt weitestgehend arrangiert hatten und sich – zumindest in ihrer Mehrheit – als ein durchaus integrativer Teil der jeweiligen pagan geprägten Stadtgesellschaft verstehen wollten. Würde die Abfassung der Apk, wie die gegenwärtige Mehrheit der Forschung dies vorschlägt, in die Zeit der Regentschaft des römischen Kaisers Domitianus (81–96 n.Chr.), konkret in die Zeit zwischen 90 und 95 n.Chr. datiert, so ließen sich für eine solche Annahme durchaus gute Gründe anführen: Nach einer Phase der politischen Instabilität nach dem Tode Kaisers Nero, des letzten Kaisers der julisch-claudischen Dynastie, im Jahr 68 n.Chr. – hinzuweisen ist hier in Sonderheit auf das sog. „Dreikaiserjahr“ 68/69 n.Chr., in dem mit den Imperatoren Galba, Otho und Vitellius gleich drei Imperatoren vergeblich versuchten, sich auf dem römischen Kaiserthron zu etablieren – übernahm im Jahr 69 n.Chr. mit Flavius Vespasianus der im ersten jüdischen Krieg 66–70 n.Chr. siegreiche römische Feldherr die Macht. Jenem gelang es, die Verhältnisse zu stabilisieren und die flavische Dynastie zu etablieren. Flavius Vespasianus (69–79 n.Chr.) und seine Söhne Titus (79–81 n.Chr.) und Domitianus (81–96 n.Chr.) beruhigten die innen- und außenpolitische Lage und trugen, vor allem auch durch eine umfassende Wirtschafts- und Strukturförderung, wesentlich zu einer nach Jahren der Stagnation wieder wachsenden Prosperität des gesamten Imperium Romanum und damit natürlich auch der Provinz Asia und ihrer Einwohner bei.

Vor diesem Hintergrund will nicht verwunderlich scheinen, dass auch die christlichen Einwohner derselben keiner Anlaß sahen, sich, soweit es ihr christlicher Glaube aus ihrer Sicht zuließ, in die Gesellschaft ihrer jeweiligen Stadt zu integrieren und sich der kultisch-religiösen Verehrung des – nach Röm 13,1–7 ja immerhin von Gott eingesetzten – amtierenden römischen Regenten zumindest nicht von vornherein und in Fülle und Gänze zu verschließen. In noch weitaus stärkerem Maße gilt dies, wird die Abfassung der Apk in die Zeit der Regentschaft des Kaisers Hadrianus (117–138 n.Chr.) datiert. Dieser als „Reisekaiser“ bekannte römische Herrscher bereiste die Provinz Asia mehrere Male und zeigte allein durch seine Anwesenheit vor Ort und die aus diesem Anlaß den örtlichen Kommunen jeweils zur Verfügung gestellten Geldmittel, dass ihm daran lag, die Wohlfahrt dieser Provinz und ihrer Einwohner in sehr konkreter Weise zu fördern. Im Zuge eines umfassenden verwaltungstechnischen Restrukturierungsprogramms des gesamten östlichen Teils des Imperium Romanum wurde Hadrianus mit der Gottheit Zeus Olympios kultisch-religiös verbunden und als irdische Erscheinung desselben sowohl im öffentlichen als auch im unmittelbar privaten, sogar im familiären (!) Raum als Hadrianos Olympios, Retter und Schöpfer verehrt. Dass sich auch die christlichen Profiteure dieser kaiserlichen Wohlfahrtspolitik veranlaßt gesehen haben, sich an der kultisch-religiösen Verehrung gerade auch dieses Herrschers aktiv zu beteiligen, kann letzten Endes nicht wunder nehmen.

3. Entstehungsort

Die Apk gibt an, an einem Sonntag auf der Insel Patmos, einer der Provinz Asia vorgelagerten Insel, empfangen worden zu sein (Apk 1,9f.). Die Begründung, die der Apokalyptiker für seinen Aufenthalt auf Patmos liefert, läßt mehrere Deutungen zu:

  1. Der Apokalyptiker befand sich auf dieser Insel in einer – womöglich zeitlich begrenzten – Verbannung. Dieser lange Zeit den Forschungsconsensus repräsentierenden These widerspricht jedoch, dass Verbannte in der Regel an Verbannungsorte verbracht worden sind, die sich in erheblicher räumlicher Entfernung von ihrem Wohnort befanden. Wenn der Apokalyptiker in der Provinz Asia lebte und wirkte, will Patmos als Verbannungsort eher unwahrscheinlich erscheinen.
  2. Der Apokalyptiker befand sich auf Patmos, um dort das Evangelium zu verkündigen.
  3. Der Apokalyptiker besuchte diese nur sehr dünn besiedelte Insel, um sich geistlich inspirieren zu lassen.

Unter den sieben in der Apk aufgelisteten Städten, in denen die angeschriebenen christlichen Gemeinden ansässig sind, sind in Sonderheit Ephesus, Hauptstadt und Regierungssitz der Provinz Asia, Pergamon und Smyrna als politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentren hervorzuheben, die sämtlich auch bedeutsame Heiligtümer beherbergten, in denen ehemalige oder aber auch amtierende römische Kaiser provinzweit kultisch-religiös verehrt worden sind. Die mit diesen provinzialen Kulten jeweils verbundenen Spiele sorgten dafür, dass diese Städte auch als touristische Ziele in Erscheinung getreten sind. Einer schlüssigen Antwort harrt die Frage, warum der Apokalyptiker nur diese sieben christlichen Gemeinden angeschrieben hat, wiewohl doch davon auszugehen ist, dass zur Zeit der Abfassung der Apk in dieser Provinz mehr als diese sieben existierten. Will man nicht mit der Zahl „sieben“ als einer heiligen Zahl argumentieren und annehmen, dass diese sieben Gemeinden pars pro toto für alle provinzialen christlichen Gemeinden ständen und in der Apk somit sämtliche asianische Gemeinden angeschrieben wären, ließe sich immerhin denken, dass es sich bei diesen sieben Gemeinden um solche handelte, die dem Gemeindeverband des „johanneischen Kreises“ zuzurechnen seien bzw. diesen Gemeindeverband eigentlich konstituierten. Daraus folgte: In der Apk schriebe ein Prophet oder Theologe des „johanneischen Kreises“ an die eben zu diesem Kreis sich zählenden Christen.

4. Wichtige Themen

In der Apk ruft der Apokalyptiker zentral dazu auf, standhaft und treu im Glauben zu bleiben, sich der paganen Mehrheitsgesellschaft und ihren „bürgerlichen“ Verlockungen, in Sonderheit der Teilhabe an der kultisch-religiösen Kaiserverehrung vollständig zu verweigern und dafür auch gesellschaftliche Nachteile und Repressionen in Kauf zu nehmen. Nur derjenige – so seine These – der diesen Weg der vollständigen Separation gehe, werde des in Bälde zu erwartenden, in der Errichtung eines neuen Himmels und einer neuen Erde gipfelnden endgültigen Heils teilhaftig und erhalte die Möglichkeit, in heilvoller Gemeinschaft mit Gott und seinem Christus in Ewigkeit zu leben. Diejenigen, die sich in die pagane Mehrheitsgesellschaft integrieren, haben hingegen die ewige Vernichtung zu gewärtigen.

Literatur:

  • D.E. Aune, Revelation, 3 Bände, Dallas/Nashville 1997/1998 (WBC 52.52A.52B)
  • T. Witulski, Die Johannesoffenbarung und Kaiser Hadrian. Studien zur Datierung der neutestamentlichen Apokalypse, FRLANT 221, Göttingen 2007.

A) Exegese kompakt: Offenbarung 1,9-18

Im Anschluss an eine Herausgebernotiz (Offb 1,1–3) und ein letzten Endes erweitertes Briefeingangsformular (1,4–8) kommt der Apokalyptiker in 1,9–20 – als Predigttext sind hier jedoch nur 1,9–18 zu diskutieren – auf seine Beauftragung zu sprechen. Im Kern geht es dabei um eine auf der vor der türkischen Ägäisküste gelegenen Insel Patmos empfangene Vision.

9Ἐγὼ Ἰωάννης, ὁ ἀδελφὸς ὑμῶν καὶ συγκοινωνὸς ἐν τῇ θλίψει καὶ βασιλείᾳ καὶ ὑπομονῇ ἐν Ἰησοῦ, ἐγενόμην ἐν τῇ νήσῳ τῇ καλουμένῃ Πάτμῳ διὰ τὸν λόγον τοῦ θεοῦ καὶ τὴν μαρτυρίαν Ἰησοῦ. 10ἐγενόμην ἐν πνεύματι ἐν τῇ κυριακῇ ἡμέρᾳ καὶ ἤκουσα ὀπίσω μου φωνὴν μεγάλην ὡς σάλπιγγος 11λεγούσης· ὃ βλέπεις γράψον εἰς βιβλίον καὶ πέμψον ταῖς ἑπτὰ ἐκκλησίαις, εἰς Ἔφεσον καὶ εἰς Σμύρναν καὶ εἰς Πέργαμον καὶ εἰς Θυάτειρα καὶ εἰς Σάρδεις καὶ εἰς Φιλαδέλφειαν καὶ εἰς Λαοδίκειαν.

12Καὶ ἐπέστρεψα βλέπειν τὴν φωνὴν ἥτις ἐλάλει μετ’ ἐμοῦ, καὶ ἐπιστρέψας εἶδον ἑπτὰ λυχνίας χρυσᾶς 13καὶ ἐν μέσῳ τῶν λυχνιῶν ὅμοιον υἱὸν ἀνθρώπου ἐνδεδυμένον ποδήρη καὶ περιεζωσμένον πρὸς τοῖς μαστοῖς ζώνην χρυσᾶν. 14ἡ δὲ κεφαλὴ αὐτοῦ καὶ αἱ τρίχες λευκαὶ ὡς ἔριον λευκὸν ὡς χιὼν καὶ οἱ ὀφθαλμοὶ αὐτοῦ ὡς φλὸξ πυρὸς 15καὶ οἱ πόδες αὐτοῦ ὅμοιοι χαλκολιβάνῳ ὡς ἐν καμίνῳ πεπυρωμένης καὶ ἡ φωνὴ αὐτοῦ ὡς φωνὴ ὑδάτων πολλῶν, 16καὶ ἔχων ἐν τῇ δεξιᾷ χειρὶ αὐτοῦ ἀστέρας ἑπτὰ καὶ ἐκ τοῦ στόματος αὐτοῦ ῥομφαία δίστομος ὀξεῖα ἐκπορευομένη καὶ ἡ ὄψις αὐτοῦ ὡς ὁ ἥλιος φαίνει ἐν τῇ δυνάμει αὐτοῦ.

17Καὶ ὅτε εἶδον αὐτόν, ἔπεσα πρὸς τοὺς πόδας αὐτοῦ ὡς νεκρός, καὶ ἔθηκεν τὴν δεξιὰν αὐτοῦ ἐπ’ ἐμὲ λέγων·

μὴ φοβοῦ· ἐγώ εἰμι ὁ πρῶτος καὶ ὁ ἔσχατος 18καὶ ὁ ζῶν, καὶ ἐγενόμην νεκρὸς καὶ ἰδοὺ ζῶν εἰμι εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων καὶ ἔχω τὰς κλεῖς τοῦ θανάτου καὶ τοῦ ᾅδου.

Offenbarung 1,9-18NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

(9) Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. (10) Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, (11) die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. (12) Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter (13) und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. (14) Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme (15) und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; (16) und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. (17) Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. 

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

Diese Szene bietet keine wirklichen Übersetzungsprobleme. Von Christus – und niemand anderer kann hier gemeint sein – wird hier gesprochen als von einem ὅμοιος υἱὸς ἀνθρώπου, von jemandem, ‚der dem Sohn eines Menschen ähnelt‘.

2. Literarische Gestaltung und Kontext

Der Seher Johannes befindet sich – warum, lässt sich nicht endgültig klären – auf der im ägäischen Meer gelegenen Insel Patmos, wird vom Geist Gottes ergriffen und angewiesen, die Inhalte, die er im weiteren Fortgang nun, vermittelt über Visionen, schauen wird, in einem Buch niederzuschreiben und es an sieben Gemeinden der römischen Provinz Asia, im Westen der heutigen Türkei, zu senden. Im Anschluss an diese auditiv empfangene Anweisung wendet sich der Apokalyptiker um und sieht, zwischen sieben goldenen Leuchtern, jemanden stehen, der einem Menschensohn gleicht. Unstrittig ist, dass es sich bei dieser an die Darstellung des Danielbuches angelehnten Gestalt um den erhöhten Christus handelt. Die der Darstellung inhärente Bildlichkeit lässt – ganz im Rahmen der Gesamtintention der Offb – erkennen, dass sich die Christusgestalt als der wahrhaft Herrschende von seinem irdischen Pendant, dem römischen Kaiser, vollständig unterscheidet, ohne dass man, zumindest aus exegetischer Sicht, über allgemeine Bemerkungen hinauskäme. Die Bilder scheinen als offene Stellen zu fungieren, die der jeweilige Interpret zu füllen aufgerufen ist. Im Anschluss an eine recht genaue Beschreibung dieser Gestalt fällt der Apokalyptiker ‚wie tot‘ vor ihr nieder. Aber „der wie ein Menschensohn“ rührt ihn an und lässt ihn wissen, dass er selbst als der nunmehr Erste, Letzte und Lebendige, als seinerzeit Verstorbener, nun aber Lebendiger (hier kommen Kreuzestod und Auferstehung Christi in den Blick) über die Schlüssel des Todes und der Hölle verfüge.
Der theologische Schwerpunkt dieses im Blick auf eine Predigt recht sperrigen Textes liegt in der in Offb 1,17f. begegnenden Selbstdefinition des ὅμοιος υἱὸς ἀνθρώπου. Sie lässt den erhöhten Christus als diejenige Figur in Erscheinung treten, der allein ermächtigt ist, Menschen vor Tod und Hölle, letzten Endes also vor dem Aufenthalt in der Gottesferne, zu bewahren und ihnen ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott zu schenken. Dieser Aussage eignet zunächst eine deutlich antiimperiale, gegen das imperium Romanum und die von dessen Repräsentanten für sich in Anspruch genommene soteriologische Kompetenz gerichtete argumentationslogische, letztlich kontrastanaloge Spitze. Nicht der amtierende Kaiser in Rom ist derjenige, in dessen Macht es steht, eine neue Heilszeit herbeizuführen und zu verhindern, dass seine Untertanen sich an Unheilsorten werden aufhalten müssen. Die Schlüssel zu Tod und Hölle sind im Besitz des Gottessohnes Christus; nur er hat die Macht, diejenigen, die ihm vertrauen, vor der Gottesferne, vor einer Existenz ohne Gott und ohne dessen heilvolle Zuwendung zu bewahren. Damit setzt der Apokalyptiker gleich ganz am Anfang seiner Schrift ein deutliches Signal gegen das in der staatlich-imperialen Propaganda zur Zeit der Abfassung der Offb verbreitete Narrativ, dass mit dem aktuell amtierenden Kaiser und dessen Wirken das Tor zu einer Zeit ewigen Heils weit aufgestoßen worden sei. Der Selbstdefinition des erhöhten Christus zufolge eignen ausschließlich ihm selbst, nicht jedoch dem amtierenden römischen Regenten, die Fähigkeit und die Möglichkeit, soteriologisch zu handeln. Für die Rezipienten der Offb bedeutet dies: Gleich am Anfang wird ihnen – implizit zumindest – klargemacht, dass es nur wenig zielführend sein kann, vom imperium Romanum, dessen Repräsentanten und den von ihnen gesetzten und entwickelten Vorfindlichkeiten und Verhältnissen auch nur irgendeinen soteriologischen Ertrag zu erwarten; einen solchen vermag ausschließlich der erhöhte Christus in Aussicht zu stellen. Für die Glaubens- und Lebenspraxis der Adressaten bedeutet dies: Niemand macht einen Schritt auf das Heil, auf die Gemeinschaft mit Gott, auf ein gelingendes Leben zu, der bereit ist, seinen christlichen Glauben und seine christliche Identität – zumindest in den Augen des Apokalyptikers – zu verwässern, indem er sich auf den Weg macht, sich in die pagane Mehrheitsgesellschaft zu integrieren und – etwa im Sinne eines in der Antike durchaus nicht unüblichen – interreligiösen Miteinanders sowohl die Christus- als aber etwa auch die kultisch-religiöse Kaiserverehrung zu praktizieren. Heil, Gemeinschaft mit Gott, gelingendes Leben schenkt nur der gekreuzigte und auferstandene, nun erhöhte Christus, und er schenkt es nur denjenigen – dies wird im Rahmen der weiteren Darstellung der Offb dann mehr als ausreichend deutlich –, die standhaft und glaubenstreu bleiben und sich in ihrem Christsein den Angeboten der paganen Mehrheitsgesellschaft vollständig verweigern. In diesem Sinne tritt der Apokalyptiker als ein kompromissloser Theologe auf, der jegliche Form von Integration in oder auch nur Gemeinschaft mit der paganen Mehrheitsgesellschaft als Verlust der christlichen Identität und damit auch diesseitigen und jenseitigen Heils begreift.

3. Theologische Perspektivierung

Ob und inwieweit die vom Apokalyptiker gepredigte Haltung einer kompromisslosen Verweigerung gegenüber staatlichen Institutionen und gesellschaftlich relevanten Gruppen eine auch in der aktuellen Gegenwart noch praktikable Form christlicher Existenz darstellt, muss mehr als fraglich bleiben. Nichtsdestotrotz bleibt jedoch die Stimme des Apokalyptikers eine wichtige und hörenswerte Stimme, hält er doch die Frage wach, wie weit sich Christen bzw. die christliche Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit auf solche Verhältnisse, Entwicklungen, Tendenzen und auch Institutionen einlassen kann, die einen un- oder gar nicht christlichen Charakter tragen, ohne dabei ihre eigene christliche Identität aufzugeben, eine Frage, der gerade auch in der Gegenwart des Jahres 2025/2026 eine hochaktuelle Relevanz zukommt.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Offb ist von einer kompromisslosen Eindeutigkeit geprägt. Diese Einschätzung ist eines der grundlegenden Ergebnisse der Exegese. Sowohl beim einfachen Durchlesen wie in den Bezügen in Kirchengeschichte und Gegenwart auf die Offb wird dieser Zug bestätigt. Er ist verbunden mit einem für unsere Gegenwart unüblichen Schwarz-Weiß- und auch Freund-Feind-Schema.

Dennoch irritiert die Einleitung in die Schrift. Mindestens zwei bisherige feste Überzeugungen werden infrage gestellt: keine Verfolgungs- oder Bedrängnissituation, in der die Offb zu ermutigen sucht? Die „heilige Zahl“ Sieben nicht als Symbol für eine Gesamtheit, sondern als konkrete Gemeindezahl einer „Schule“, hier der johanneischen? Beides kann neue Deutungen eröffnen: eher Mahnschreiben an ‚nachlässig‘ Gewordene statt Ermutigung; Schulbewusstsein innerhalb der weiteren schon bestehenden, vielfältigen Christenheit. Die Predigtperikope transportiert in diesem Ansatz vor allem ein kompromissloses Gegenmodell zum historischen weltlichen Herrscher, dem Kaiser: allein Christus ist der, der Heil vermitteln kann. Es ist möglich, aus dieser Zuspitzung (etwa: „Die in der Vision unzweideutig gezeigte Figur des Christus ist die einzige, alleinige Quelle von Heil“) die Predigt zu entwickeln.

Neben den beiden genannten Irritationen (Mahnschreiben statt Ermutigung? Schulbewusstsein statt ‚Gemeinchristlichkeit‘?) erscheint die Perikope vielleicht auch weniger „sperrig“ (s. o.) für eine Predigt in der Gegenwart. Die exegetischen Einsichten sind dabei als Rahmen und Grundlage zu berücksichtigen, um verantwortlich zu predigen.

2. Thematische Fokussierung

Text, Kontext, Gattung und weitere Textgeschichte sind vielfältig mit der Gegenwart verknüpft. Die Exegese legt Verständnisspuren aus für die zahlreichen Fragen, die sich bei einer Erstlektüre des Predigttextes stellen: Wer ist Johannes? Was heißt „um des Wortes Gottes … willen“ auf Patmos sein? Warum die sieben Gemeinden? (Offb 1,4 bietet statt der Deutung als „Schule“ an, es seien „die“ Gemeinden in der römischen Provinz Asia.) Was bedeutet „Menschensohn“? Was bedeuten die Bilder in der Vision genau, besonders das zweischneidige Schwert und die Feuerflammen? Ist es ein einmaliges Bild oder, über das Danielbuch hinaus, häufiger in der Bibel, der jüdischen und der Kirchengeschichte? Was bedeuten die Formeln Erster/Letzter, lebendig/tot, Schlüssel des Lebens/der Hölle?

Mindestens vier mögliche thematische Linien erscheinen für die Gegenwart fruchtbar. Eine Predigerin / ein Prediger muss sich dabei für eine Linie entscheiden (oder findet eine ganz andere eigene Linie), um die Predigt aus diesem reichhaltigen Text nicht zu überfrachten.

  1. Wie in der Exegese angelegt: Christus als alleiniger Bringer und Garant von Heil, gerade im Gegensatz zum (historischen) weltlichen Herrscher. Herrschende mit Heilsversprechen  gibt es auch in der Gegenwart zuhauf – wie stellen sich Christinnen und Christen zu ihnen? Aber auch: Wie gelingt christliches Leben unter den Ansprüchen der Herrschenden? Dabei dürfte aus dogmatischer Sicht der Exegese zuzustimmen sein, die infrage stellt, dass eine Totalverweigerung gegenüber allen staatlichen Aktivitäten heute angezeigt ist – mindestens 1900 Jahre nach der Abfassung der Offb und in einem Land mit langer christlicher Geschichte sind zahlreiche Institutionen, Gesetze etc. christlich geprägt (vgl. auch Confessio Augustana Art. 16, dessen Verdammungsurteil aufgehoben ist, z. B. in der Versöhnung zwischen Lutherischen und Mennoniten 2010, dessen positive Aussage gegenüber dem Engagement von Christinnen und Christen in öffentlichen Bezügen jedoch gilt).
  2. Die Vision enthält die dem ganzen Buch der Offb zugrundeliegende Aufforderung an Johannes: „Schreibe auf und sende es an die Gemeinden“ (V. 11). Die Frage der Berufung in unserem jeweiligen Leben kann mit diesem Zug des Textes verbunden werden. Auf welcher Grundlage verstehen wir Berufungen, ganz alltägliche und umfassende? Welche Form, welchen Inhalt hat eine Berufung, welche Handlungen sollen folgen, wo liegen Gefahren …?
  3. Johannes sieht in seiner Vision Verschiedenstes, das, darauf weist die Exegese hin, aus der biblischen Bilderwelt (hier: des Danielbuches) genommen ist oder daran erinnert. Hinzu kommt das Phänomen eines Totempfindens, möglicherweise einer Form der Ekstase. Welche religiösen Phänomene werden in der Predigtgemeinde heute als tragbar empfunden, welche von der Predigerin / dem Prediger? Nicht nur charismatische, sondern auch Migrationskirchen bringen neue Ausdrucksformen von Religiosität in „unseren“ Kulturkreis ein. Was könnte Gemeinden bereichern? Wovor ist zu warnen?
  4. Die Vision zeigt Christus und transportiert, auch mit alttestamentlichen Elementen, ein bestimmtes Gottesbild. Die reiche Bilderwelt der Offb wird in Kunst (zahlreich auffindbar über eine Suche „Bilder zu Offenbarung 1“ (Ecosia / Google / Bing) und Medien (z. B. Filme wie Apocalypse Now, Armageddon, The Day After Tomorrow u.a.) aufgenommen, oft auch das Modell des alleinigen Erlösers (Matrix 1–3, The Chosen u.a.). Anhand der Vision und des Auftrags könnte das Gottesbild für die Gegenwart thematisiert werden.

Bei allen diesen Linien ist es möglich, die reiche Bilderwelt aufzunehmen oder / und eine Ich-Identifikation mit dem Seher Johannes zu wagen. Gerade der Begriff des göttlichen Auftrags und der Berufung erfordert Sensibilität, da Lebensentwürfe von Hörenden betroffen sein können.

3. Theologische Aktualisierung

Von den soeben aufgeführten Linien soll hier die zweite, „Berufung“, verfolgt werden. Der Seher Johannes wird auf Patmos ‚berufen‘, das in den folgenden Visionen Geschaute weiterzugeben. Die Johannesoffenbarung ist wirkmächtig geworden. Immer wieder haben sich Menschen auf ihre Motive berufen, um Gegenwart zu deuten. Eine andere Qualität hat es, wenn Menschen – fälschlich – die Offb als Handlungsaufforderung zum mörderischen Kampf gegen als böse Wahrgenommenes deuten.

Das Thema ist aktuell, weil Menschen religiöse Vorstellungen für Anschläge, Amoktaten o. ä. nutzen. Von der Ausgangsvision an enthält die Apk jedoch keine Aufforderungen zu gewalttätigem Handeln: Ein Standhaftbleiben in der Nachfolge Jesu, ein Aushalten, Sich-nicht-verführen-Lassen wird gefordert. Gleichzeitig enthält der Auftrag zur Nachfolge viele Elemente aus der Lehre Jesu, auf die hingewiesen werden kann: das Vertrauen auf Gott, die Nutzung der Gaben füreinander, ein Blick weg von einem selbst hin zum Nächsten etc. sind solche Elemente.

Die Lesungen des Sonntags bieten eine gute Anknüpfung: Die Berufungsgeschichte des Mose Gen 3,1-15 ist die AT-Lesung und enthält ähnliche Motive. Die Epistellesung 2 Kor 4,6-10, weist auf unsere menschlichen Grenzen hin – aber auch auf das Geschenk des Lichtes Christi. Gerade hier lassen sich Kriterien für Berufung entwickeln: Berufungsempfindungen müssen daran geprüft werden, ob sie Jesu Botschaft entsprechen. Die Evangelienlesung Mt 17,1-9 lässt sich als Kontrast zwischen Berufungssituation und menschlicher Reaktion verwenden. Der Psalm (97) bietet Anknüpfungspunkte in Motiven der Gottesdarstellung. Der Wochenspruch Jes 60,2 stellt eine Verbindung zwischen menschlicher und himmlischer Sphäre dar. Für das Thema „Berufung“ wird hier ihre Möglichkeit deutlich; Schwierigkeiten und Gefahren bleiben.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Da der letzte Sonntag nach Epiphanias relativ früh im Jahr liegt (1. Februar), ist es legitim, darauf zu schauen, was Hoffnungen, Erwartungen für das Jahr sind – und vielleicht, was man selbst als Glaubende oder Glaubender ins Jahr einbringen möchte – und: auf welcher Grundlage. Lieder können diese Suchbewegung unterstützen: EG 113 „O Tod, wo ist dein Stachel nun“, EG 351 „Ist Gott für mich, so trete“, aber auch das Lichtmotiv aufnehmende Lieder wie EG 441 „Du höchstes Licht“ oder EG 70 „Wie schön leuchtet der Morgenstern“; die Lichtmotivik von Weihnachten ist nicht vergessen. Dabei kann die Vision von Offb 1,9-18 auch gegenüber der noch dunklen Jahreszeit herausgestrichen werden.

5. Anregungen

Der Text ruft in seiner Bildgewalt nach einer ruhigen, besonnenen Auslegung – hier kann die Kraft vom Text her kommen und muss nicht mit eigenen sprachlichen Bildern zu erzeugen versucht werden. Nimmt man die thematische Linie „Berufung“ auf, hilft die Besonnenheit doppelt, um Schönes, Würdigendes und Chancen von Gefahren zu trennen. Da der Text auch viele Fragen auslöst (s. o.), ist ebenfalls eine eher deutende Sprache, die die Deutungen vielleicht gleich auf Grundlegendes (s. Exegese) oder Gegenwärtiges bezieht, angezeigt. Im Ergebnis könnten die Zuhörenden für ihre Lebensentscheidungen im Glauben Ermutigung, Bestärkung und Trost „mitnehmen“. Gedacht ist dabei z. B. an den Mut zur Berufswahl, an Lebensentscheidungen wie die für die Ehepartnerin / den Ehepartner, aber auch an Schweres, wenn Menschen z. B. aus ihrer Glaubensüberzeugung auf Karrierewege verzichten, um Angehörige zu pflegen. Wozu sind wir von dem Gott, der selbst durch Leiden geläutert ist und lebendig machen kann, berufen?

Autoren

  • Prof. Dr.Thomas Witulski (Einführung und Exegese)
  • Dr. Andreas Ohlemacher (Praktisch-theologische Resonanzen)

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