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Jakobus 4,13-15 | Neujahrstag | 01.01.2024

Einführung in den Jakobusbrief

Der Jakobusbrief hat in den letzten dreißig Jahren deutlich an Interesse bei der neutestamentlichen Exegese gewonnen. Eine Reihe hervorragender Kommentare und eine Flut von Monographien, Aufsätzen und Sammelbänden sind erschienen. Wesentliche Anregungen kamen aus der angloamerikanischen Exegese und der frühchristlichen Sozialgeschichte.

1. Verfasser

Der Jak gehört zu den sog. Katholischen (d.h. „allgemeinen“) Briefen. Das Präskript – es gleicht nicht demjenigen der Paulusbriefe, sondern wählt die griechische eingliedrige Form – nennt Ἰάκωβος θεοῦ καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ δοῦλος (Jak 1,1) als Verfasser des Schreibens. Gegenwärtig werden folgende Positionen vertreten:

  1. 1.Der Herrenbruder Jakobus ist der Verfasser. In diesem Fall wäre Jak gleichzeitig mit den Paulusbriefen entstanden.
  2. 2. Ein unbekannter Verfasser hat die Autorität des gleichnamigen Herrenbruders in Anspruch genommen – in diesem Fall wäre der Jak ein pseudepigraphes Schreiben, das den Herrenbruder als theologische Referenzfigur (role model) verwendet.
  3. 3.Es handelt sich um einen frühchristlichen Verfasser der 3. Generation mit dem sehr verbreiteten Namen Jakobus (Rainer Metzner).

Ad (1): Gegen die Autorschaft des Herrenbruders sprechen folgende Punkte: Das hohe Sprachniveau deutet auf einen Verfasser, der Griechisch muttersprachlich beherrscht und in der hellenistischen Kultur beheimatet ist. Zudem finden sich weder Merkmale eines Augenzeugenberichts noch eine ausgeprägte Erwähnung der Person Jesu im Jak. Auch eine unmittelbare Auseinandersetzung mit paulinischer Theologie ist nicht festzustellen. Der Brief ist erst bei Origenes belegt. Die altkirchliche Tradition ist in Bezug auf die orthonyme (historische) Verfasserschaft sehr unsicher.

Ad (2) und (3): Ob es sich um ein pseudonymes oder ein orthonymes Schreiben handelt, ist gegenwärtig offen. Der Verfasser verstand sich auf jeden Fall als christlicher Lehrer (Jak 3,1) und empfand sich als autorisiert, ein paränetisches Rundschreiben zu veröffentlichen. Seine literarischen Fähigkeiten sind weit überdurchschnittlich (gegen Martin Dibelius: D. hält den Verfasser für unbedeutend. Vf. hat aber einen eigenen literarischen und theologisch-ethischen Anspruch). Für die Predigt gilt daher: es ist am besten, von „Jakobus“ zu sprechen, ohne die Problematik der Verfasserschaft zu diskutieren. Diese lässt sich in einer Predigt nicht darstellen und ändert auch nichts am Inhalt des Textes, der weisheitlich ist.

2. Adressaten

Jak 1,1 ist an folgende Adresse gerichtet: ταῖς δώδεκα φυλαῖς ταῖς ἐν τῇ διασπορᾷ χαίρειν. Die Mehrheit der Exegeten geht von einer metaphorischen Verwendung der Adresse aus: die christlichen Adressaten werden als neues bzw. ideales Israel angesprochen. Eine qualifizierte Minderheit liest die Adresse im Wortsinn und denkt an eine diasporajüdische oder ebionitische (judenchristliche, Dale C. Allison) Adressatenschaft. Gegen Letzteres spricht: die Bezeichnung Israels als des „Zwölfstämmevolkes“ ist in neutestamentlicher Zeit nur mehr eine ideelle Größe. Weder Israel noch spezifische jüdische Themen und Wendungen spielen im Jak eine Rolle. Wichtig sind folgende Beobachtungen:

  1. 1.Der literarische Anspruch des Jak lässt darauf schließen, dass der Verfasser einen Leserkreis durchaus gehobener Bildung vor Augen hat.
  2. 2.Der Verfasser warnt vor Spannungen und Streit in den Gemeinden.
  3. 3.Er warnt ebenso vor einer Einflussnahme der sozial Hochgestellten und „Reichen“.

Punkt 1. bis 3. deuten darauf hin, dass die christlichen Gemeinden, an die sich der Verfasser wendet, bereits eine gewisse soziale und kulturelle Entwicklung und Ausdifferenzierung durchlaufen haben und Kaufleute und Grundbesitzer in ihren Reihen haben (grundsätzlich anders Martin Dibelius: Adressaten sind einfache Leute).

3. Entstehungsort

Es können nur Spekulationen angestellt werden, plausibel ist eine Metropole des östlichen Mittelmeerraums. Jak wendet sich an ein städtisches Milieu. Schließt man den Herrenbruder als Verfasser aus (wie es die deutschsprachige Exegese mehrheitlich vorschlägt), ermöglicht dies eine Spätdatierung des Textes. Einen Anhaltspunkt für die Entstehungszeit bietet der Judasbrief , der sich auf Jak bezieht (vgl. Jud 1). Eine gewisse Nähe zum 1. Petrusbrief  besteht ebenfalls. Beide Schriften präsentieren sich als Zeugnisse der dritten urchristlichen Generation, so dass auch der Jakobusbrief gegen Ende des 1. Jhs. n. Chr. entstanden sein dürfte.

4. Wichtige Themen

Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind:

  1. 1.die Frage einer antipaulinischen Theologie in Kap. 2,
  2. 2.die sozialgeschichtliche und ethische Einordnung des Briefes,
  3. 3.die Theologie (und stark reduzierte Christologie), speziell die Weisheitstheologie,
  4. 4.die Eschatologie,
  5. 5.der Schriftgebrauch und möglicherweise der Rekurs auf die synoptische Tradition.

Frage 1. und 3. sind in besonderer Weise kontrovers. Jak 2 lässt sich als qualifizierte kritische Auseinandersetzung mit der paulinischen Rechtfertigungslehre (oder einer populären oder auch missverstandenen Version dieser Lehre) verstehen (so schon Luther). Die new perspective on James (K.-W. Niebuhr) liest Jak dagegen als eigenen Beitrag zu einer frühchristlichen Weisheitstheologie und Ethik ohne Bezug auf Paulus („Befreiung“ des Jak von Paulus und Luther). Diese Frage ist offen.

(2) Auch die sozialgeschichtliche Einordnung führt zu unterschiedlichen Ergebnissen: entweder werden „die Reichen“ als Teil der wachsenden christlichen Gemeinden interpretiert oder als außergemeindliche Gegner, vor deren negativem Beispiel der Verfasser die Gemeinden warnt. Die Ethik ist eine Vollkommenheits- und Tun-Ethik.

(4) Die Eschatologie gehört wesentlich zur Theologie und Ethik des Jak. Der Verfasser warnt vor dem Endgericht und benutzt durchweg prophetische Gerichtssprache in der ethischen Paränese.

(5) Die „Schrift“ in Gestalt der Septuaginta ist sachlich und sprachlich die Grundlage des Jak. Explizite Hinweise auf Herrenworte (so bei Paulus) fehlen. Wieweit die synoptische Tradition ebenfalls Basis der Ethik des Jak ist, bleibt umstritten. Deutlich sind dagegen die vielen Bezüge auf die frühjüdische und frühchristliche ethische Motivik (Dibelius).

5. Besonderheiten

Jak hat ein verhältnismäßig hohes sprachliches und formales Niveau. Neue Untersuchungen betonen besonders die formale Qualität des Schreibens, den pädagogisch-erzieherischen Ton des Briefes und die kulturelle Kompetenz des Verfassers. Jak wird im Gegensatz zu der Einschätzung durch Martin Dibelius (Traditionssammlung, niedriges Eigenprofil des Verfassers, „Kleine-Leute-Literatur“) als eigenständiger literarischer Text von einem beachtlichen Anspruch wahrgenommen. Die allgemeine Briefadresse und die literarische Qualität weisen darauf, dass hier weniger ein situatives Schreiben vorliegt als vielmehr der Versuch, eine lehrhafte briefliche Kurzliteratur für einen weiteren christlichen Leserkreis zu entwickeln. Auf jeden Fall handelt es sich nicht um direkte briefliche Kommunikation mit bestimmten Gemeinden (so Paulus), sondern eher um Leseliteratur.

Literatur:

  • Meyers KEK: Martin Dibelius, Der Brief des Jakobus, 11. Auflage herausgegeben und ergänzt von Heinrich Greeven, Göttingen 1984.
  • Aktueller Kommentar: Rainer Metzner, Der Brief des Jakobus (ThHKNT 14), Leipzig 2017 (dort ausführliche Literatur und thematische Exkurse).
  • Angelsächsische Literatur: Karl-Wilhelm Niebuhr, »A New Perspective on James?« Neuere Forschungen zum Jakobusbrief, in: ThLZ129, 2004, 1019-1044.

A) Exegese kompakt: Jakobus 4,13-15(16-17)

Die Perikope Jak 4,13-15 wird durch die Hinzunahme der Verse 16 und 17 abgerundet. Beide Verse stellen den Kommentar des Verfassers zu VV.13-15 dar. V.16 macht deutlich, dass es nicht um den Handel oder den Reichtum, sondern um den Übermut und die Selbstbestimmtheit der Kaufleute geht. V.17 macht deutlich, dass die Einsicht in die Unverfügbarkeit des eigenen Lebens in ein entsprechendes Verhalten umgesetzt werden muss.

13Ἄγε νῦν οἱ λέγοντες· σήμερον ἢ αὔριον πορευσόμεθα εἰς τήνδε τὴν πόλιν καὶ ποιήσομεν ἐκεῖ ἐνιαυτὸν καὶ ἐμπορευσόμεθα καὶ κερδήσομεν, 14οἵτινες οὐκ ἐπίστασθε τὸ τῆς αὔριον ποία ἡ ζωὴ ὑμῶν – ἀτμὶς γάρ ἐστε ἡ πρὸς ὀλίγον φαινομένη, ἔπειτα καὶ ἀφανιζομένη – 15ἀντὶ τοῦ λέγειν ὑμᾶς· ἐὰν ὁ κύριος θελήσῃ καὶ ζήσομεν καὶ ποιήσομεν τοῦτο ἢ ἐκεῖνο. 16νῦν δὲ καυχᾶσθε ἐν ταῖς ἀλαζονείαις ὑμῶν· πᾶσα καύχησις τοιαύτη πονηρά ἐστιν. 17εἰδότι οὖν καλὸν ποιεῖν καὶ μὴ ποιοῦντι, ἁμαρτία αὐτῷ ἐστιν.

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Übersetzung

13 Wohlan nun ihr, die ihr sagt: “Heute oder morgen werden wir in die und die Stadt reisen und uns dort ein Jahr betätigen und Handel treiben und Gewinn machen“ – 14 die ihr doch nicht den nächsten Tag kennt, wie euer Leben sein wird; Rauch nämlich seid ihr, der eine kleine Zeit sichtbar wird und dann verschwindet, – 15 statt dass ihr sagt: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder jenes tun“. 16 Nun aber rühmt ihr euch in euren Prahlereien; jedes derartige Rühmen ist böse. 17 Wer aber weiß, was Gutes zu tun ist, es aber nicht tut, der sündigt.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V.13 ποιήσομεν: wir wollen machen = wir wollen Zeit zubringen.

V.14 οἵτινες bezieht sich zurück auf οἱ λέγοντες·von V.13 („Ihr, die ihr sagt ...seid solche, die ihr das Morgen nicht kennt, [nämlich] wie euer Leben [sein wird]“.

V.15 Wie weit reicht die sog. conditio Iacobea? Der Wenn-Satz umfasst nur die Worte: „Wenn der Herr will“. Es folgt καὶ ζήσομεν καὶ ποιήσομεν: „[dann ]werden wir leben und dies und das tun“ (καὶ… καὶ: „sowohl als auch“).

V.17 εἰδότι: Dativ=„für den, der weiß, Gutes zu tun“.

2. Literarische Gestalt und Kontext

4,13-17 und 5,1-6 gehören formal zusammen (gleiche Eingangswendung: „Wohlauf nun, ihr…“). Beide Abschnitte sind sehr sorgfältig gestaltet: rhetorische Figuren, gewählte Wortwahl, Bilder, lebhaft in Rede und Widerrede gestalteter Text, Schlusspointe. Der Verfasser schreibt für ein sprachlich nicht unanspruchsvolles Lesepublikum. Die Redeform ist die der kurzen Bußpredigt, die auf prophetischer Tradition aufbaut und im NT von Johannes dem Täufer und Jesus verwendet wird. Jakobus spricht hier mit prophetischer Autorität und prophetischem Nachdruck und Ernst. V.15 wurde zum geflügelten Wort (vgl. aber schon 1Kor 4,19: dort benutzt Paulus dieselbe Wendung für seine Reisepläne). Die Schärfe der Aussage von V.17 gehört in den prophetischen Bußzusammenhang.

3. Historische Einordnung

4,13-17 findet sich im 2. Teil des Jak (Kap. 3-5). Jakobus setzt sich kritisch mit drei Gruppen auseinander: zunächst ausführlich mit Gemeindelehrern und den Gefahren der „Zunge“, d.h. kontroverser Diskussionen (3,1-4,12), dann kürzer mit Kaufleuten (4,13-17) und Reichen (5,1-6). Das spiegelt die Situation der wachsenden frühchristlichen Gemeinden in der 2., eher der 3. christlichen Generation (Ende 1. Jh. n.Chr.). Gebildete Männer und Frauen und reiche und welterfahrene Personen schließen sich den Gemeinden an und gelangen zu Status und Einfluss (2,1-7). Jakobus hält die Reichen aber für gefährlich: ihr Reichtum als Grundbesitzer gründet auf der Armut der Lohnarbeiter und ist mit Machtausübung, Unrecht und Unterdrückung verbunden. Zugleich kritisiert er die selbstbewusste Überheblichkeit der Großkaufleute. Unser Text ist ein Beispiel für den regen Handel rund um das Mittelmeer, ob zu Schiff oder zu Land. Die Kaufleute gehören nicht der obersten Spitze der römischen Sozialpyramide an, die dem Großgrundbesitz und der hohen Verwaltung vorbehalten ist. Sie können aber großen Reichtum erwerben (Erwerb einer Schiffsladung mit seltenen Gütern, Verkauf der gesamten Fracht in einer Großstadt: Off 18,11-20).

4. Schwerpunkte der Interpretation

Jakobus wendet sich hier aber nicht gegen den Reichtum der Kaufleute. Seine Pointe ist eine andere. Er tadelt den Planungswahnsinn des Überland- und Überseehandels, dessen Ursprung er in der übergroßen Selbstsicherheit und Überheblichkeit der Kaufleute findet. Ausdruck dieser Selbstsicherheit ist die fingierte Rede der Kaufleute in V.13: sie sprechen von einer einjährigen Geschäftsreise, die ihnen Gewinn bringen soll. Die Formulierung des Zeitpunktes „heute oder morgen“ bringt die Nonchalance der Kaufleute zum Ausdruck, die davon ausgehen, die Zeitwahl sei in ihr Belieben gestellt. Dasselbe gilt für die Wahl der Stadt: „Diese oder jene“ wollen sie aufsuchen. Jakobus bezeichnet dies Verhalten als Ruhmsucht – auf Deutsch „Angeberei“ (vgl. καύχησις, Ruhmsucht, bei Paulus). Dem stellt Jakobus die conditio humana gegenüber, die er in atl. Tradition schonungslos beschreibt: „Ein Rauch/Atemhauch seid ihr“ (V.14).

5. Theologische Perspektivierung

Der Text enthält zwei theologische Motive, erstens den anthropologischen Verweis auf die Fragilität menschlichen Lebens und die Abhängigkeit aller Vorhaben von Gott, zweitens den ethischen Verweis in V.17 auf den Zusammenhang zwischen Wissen und Tun: das theologische Motiv, das Jakobus am wichtigsten ist. Lediglich theoretisches Wissen, das nicht umgesetzt wird, ist „Sünde“.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Einführungen zum Jak verändern und vertiefen mein Verständnis des Briefs, das noch immer geprägt ist durch die luthersche Bewertung als „recht stroherne Epistel“. Die new perspective on James, die Wertschätzung der literarischen Qualität und die Bezüge zur Sozialgeschichte des frühen urbanen Christentums machen es mir möglich, mich unbefangener auf den Autor und sein Anliegen einzulassen. Schon die Selbstbezeichnung „Jakobus, Diener Gottes und des Herrn Jesu Christi“ (Jak 1,1) stellt die heutigen Predigerinnen und Predigern ja implizit vor die Herausforderung, ihre eigene Position zu Evangelium und Gemeinde zu klären. Sind wir in der Predigt nicht auch christliche Lehrer, Lehrerin, autorisiert und gelegentlich beauftragt zu einer Bußpredigt?

Es lohnt, sich unbefangen auf den Text, seine mutmaßliche Situation und Intention einzulassen. Die Feststellung von Teil A helfen dazu:  Der Text richtet sich als eine Bußpredigt gezielt an Kaufleute und Handel Treibende. Er wendet sich nicht gegen einen Berufsstand an sich, ebensowenig wie er die „Reichen“ und Wohlhabenden qua Status aus der Gemeinde ausgrenzt; aber er wendet sich gegen einen Habitus, ein prahlerisches Gehabe aufgrund erfolgreichen Wirtschaftens, ererbten oder erwirtschafteten und einträglichen Spekulierens, mit dem sie auch Einfluss in der Gemeinde beanspruchen. Der Habitus resultiert aus einer betriebswirtschaftlichen Logik, die mit ihrer vermeintlich planerischen Sicherheit, dem inter-urbanen Handeltreiben und Investieren Geltungsansprüche über alle Lebensbereiche erhebt. Das ist „Planungswahnsinn“. Gegen diesen Wahn, den ja nicht nur die ‚Reichen‘ und ‚Mächtigen‘, sondern Mitglieder aller sozialen Schichten teilen, richtet sich allein schon die Anerkennung der conditio humana: das Leben als solches ist kontingent! Wer sollte das besser begreifen als Menschen nach den Erfahrungen einer globalen Pandemie, die sich auf alle Lebensbereiche ausgewirkt hat? Die heutigen Erfahrungen des Lebens in einer global wirtschaftenden, neokapitalistisch geprägten Gesellschaftsordnung eröffnen einen neuen Zugang zum Text.

Die Übersetzung von ἀτμίς als „Rauch/Atemhauch“ statt „Dunst (Luther 2017) berührt tief: es nicht nur die metaphorische Rede der Vergänglichkeit, sondern es ist auch die eingehauchte Ruach, der göttliche Atem, der Menschen in ihrer Seele, ihrer Lebenskraft bestimmt und gegen die übersteigerte Autonomiekonzepte und Kontrollfantasien verstoßen. Die prophetische Gattung der kurzen Bußpredigt, die Ethik und Eschatologie kombiniert, ausbeuterische Strukturen kritisiert und zu einer Umkehr aus Einsicht aufruft, hat ihr Recht zu jeder Zeit. Sie erlangt neue Aktualität in der Generation der „Fridays for future“-Demonstrationen. Doch wie die Rezeption des Jak muss auch eine heutige Predigt umsichtig mit der Tradition christlicher Bußpredigt umgehen.

2. Thematische Fokussierung

Der Text spricht recht unerwartet direkt in die gegenwärtige Lebenswelt hinein. Die heutige Welt ist in allen Lebensbereichen von ökonomischem Denken bestimmt, selbst das Gesundheitswesen und der Bildungssektor. Abläufe und Regelversorgung sind geprägt von Privatisierung und Gewinnorientierung als Anreizen zu Verbesserung und Innovation. Kluges Wirtschaften wird auch für die Planungsspielräume der Kirchen jenseits sinkender Kirchensteuer-Einnahmen angemahnt. Doch vermeintlich sichere Geldanlagen und Investitionen haben sich als Spekulation in ‚Dunst‘ aufgelöst. Wer also mit dem Predigttext zu einer pauschalen Kritik an Wirtschaft, Börse und Handel ansetzt, sollte bedenken, dass er im sprichwörtlichen Glashaus sitzt.

Durch sein hohes literarisches Niveau entwirft der Text eine Situation, auf der es sich lohnt, in der Predigt aufzubauen. Wie ‚Jakobus‘ mit einer gebildeten Leserschaft rechnet, so sollte man eine anspruchsvolle und kritische Predigtgemeinde vor Augen haben, die sich der Ambivalenzen heutiger Lebensumstände bestens bewusst ist. Die Fragen nach dem „Leben“ und seinen Existenzbedingungen (V.14) sind in allem Ernst zu stellen. Die Mahnung zum einem Handeln nach besserem Wissen (V.17) stellt sich jedem und jeder und keinesfalls nur Anderen, als Feindbilder Diskriminierten.  Der Text bietet sich bestens dazu an, in einer Predigt lebensweltnah über Haushalten und Wirtschaften, Handel und Planen nachtzudenken und nicht zu schnell die Botschaft zu ‚spiritualisieren‘. Die Sprachbilder des Textes, seine griffigen und weisheitlich-pointierten Formulierungen können als Vorbild dienen zu ebenso pointierten Aussagen. Nicht zu übersehen ist die Kunst der rhetorischen Fragen, die der Autor an seine Leserschaft richtet. Dies ließe sich im Sinne eines auf „call & response“ angelegten Hörerorientierung umsetzen. In jedem Fall kann kreativ mit der Doppeldeutigkeit von Rauch/Ruach umgegangen werden.

3. Theologische Aktualisierung

Die Gefahr einer Bußpredigt ist es, dass sie den Zuspruch, den Trost des Evangeliums vergisst oder übergeht, der die Basis aller Mahnung ist. Karl Barth erinnerte im Jahr 1935 in seinem berühmten Vortrag „Evangelium und Gesetz“ daran, dass „das Gesetz […] nichts anderes als die notwendige Form des Evangeliums [ist], dessen Inhalt die Gnade ist“! (Barth). Der Zuspruch besteht bereits in der sog. conditio Iacobea: denn das „wenn der Herr will“ ist ja im Christusgeschehen, das wir in der Weihnachtszeit erinnern, schon beantwortet: Gott will, dass wir leben. Darauf weist das Evangelium Lk 4,21 hin: In Christus ist der Wille Gottes vor aller Augen kundgetan.

In einer Bußpredigt kann also nur darum gehen, zur Reflektion aufzurufen, wie wir mit dem Wissen um Gottes Orientierung an einem guten Leben in unserem Denken, Tun, Planen und Wirtschaften umgehen. Anregungen dazu gibt es im Kanon der biblischen Texte, zu dem Jakobus zurecht gehört, ausreichend. Die conditio Iacobea wirft also die Frage nach dem treibenden Willen auf: ist es der Wille, der dem Doppelgebot der Liebe entspricht oder der Wille zur Maximierung des eigenen Gewinnanteils? Diese bleibend unbequeme Frage wird die Predigt nicht vermeiden können. Die Konsequenz wird durch die Doppelung des „und“ eindrücklich vor Augen geführt: werden wir werden leben (können) und dies oder das tun können? Darum geht es: um die Ermöglichung von Leben durch kluges, lebensdienliches und darin gottgefälliges Handeln und Wirtschaften.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der Kasus Neujahr ist weder von seiner Geschichte her noch im heutigen Gemeindeleben so weihnachtlich bestimmt wie die Festtage im Umfeld, vielmehr wird er als religiöse Feier aus Anlass des weltlichen Jahresbeginns begangen. Die Kalenderreform unter Julius Cäsar 46 v.Chr. bestätigte den Termin des 1. Januar als Datum staatlichen Ämterwechsels, der mit Festgelagen und Geschenken ausgelassen gefeiert wurde. Die Kirche setzte diesem Treiben Bußgottesdienste und Aufrufe zum Fasten entgegen. Augustinus forderte: „Jene mögen Neujahrsgeschenke machen, ihr sollt Almosen geben; jene mögen ausgelassene Lieder singen, ihr sollt euch hinziehen lassen zum Wort der Schrift; jene mögen ins Theater eilen, ihr in die Kirche; jene mögen sich berauschen, ihr sollt fasten“ (Bieritz, 219).

Tatsächlich wird die unmittelbar im Kirchengebäude sitzende Gottesdienstgemeinde aus Menschen bestehen, die den Jahreswechsel nachdenklich, mit Glockenläuten, Gesang und Gebet begehen wollen. Ihr ernsthaftes Interesse erfordert eine vom Evangelium ausgehende Bußpredigt. Aber es wäre auch zu überlegen, eine Predigt zu verfassen, die über soziale Kanäle zeitversetzt gesehen werden kann und damit auch Menschen erreicht, die am Neujahrstag lieber von zuhause aus ein gutes Wort hören möchten. Auch diese sind offen für eine Neuausrichtung ihres Lebens.

Der Predigttext eignet sich damit vorzüglich zum Feiertag, denn Neujahr bringt das Wirtschaftsjahr als Haushaltsjahr in Unternehmen, Vereinen und Behörden in Verbindung mit einer Bilanzierung im Privaten. Die berühmt-berüchtigten „guten Vorsätze“ zum Neujahr sind eine Verballhornung der Pläne, mit denen viele Menschen einen neuen Lebensabschnitt angehen. Die Bußpredigt des Jakobustexts ermuntert zum Gebet um den Willen Gottes: Wenn Gott will: „Wenn Du, Gott, willst, dann werden wir leben und durch unser Handeln, durch gute Geschäfte uns selbst und anderen zum Leben dienen.“

Wenn es diesen Text nicht gäbe, fehlte Kirche und Gesellschaft eine der zentralen weisheitlichen Einsichten des Christentums. Es fehlte nicht eine recht stroherne Epistel, es fehlte ihr das Wissen darum, dass der Hauch unseres Lebens Geschenk Gottes ist und als solches Leben schenken will.

Literatur

  • Karl Barth, Evangelium und Gesetz (1935), in: Rechtfertigung und Recht. Christengemeinde und Bürgergemeinde. Evangelium und Gesetz, Zürich 1998.
  • Karl-Heinrich Bieritz, Das Kirchenjahr 1998, 219.

Autoren

  • Prof. em. Dr. Dr. h.c. Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
  • Prof. Dr. Traugott Roser (Praktisch-theologische Resonanzen)

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