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Kindheitsevangelium nach Thomas (KThom)

(erstellt: Juli 2012; letzte Änderung: Juni 2023)

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1. Aufbau, Inhalt, Komposition

1.1. Aufbau

1.1. Inhalt und Komposition

Das in mehreren Versionen erhaltene, griechische Kindheitsevangelium nach Thomas (KThom) hat eine überaus komplexe Überlieferungsgeschichte (→ Abschnitt 2.1 und → 2.3). Die Übersicht hier und in den folgenden Unterkapiteln bezieht sich auf den Text des Codex Sabaiticus der Textgruppe Gs weil dieses Manuskript das vermutlich älteste erreichbare Stadium der Erzählung auf Griechisch wiedergibt.

Der Prolog (1) schreibt die Erzählung dem „Israeliten“ Thomas zu. Die Verbindung mit einer biblischen Figur will der Erzählung Authentizität und Autorität verleihen und verortet sie geografisch in Nazareth. Allerdings fehlt der Prolog in frühen Versionen des Textes, was auf eine spätere Hinzufügung schließen lässt.

Nach der Einführung schließt sich der Hauptteil mit einem Wechsel von Wundern und (Streit-)Gesprächen an. Das erste Wunder-Tripel (2–3) spielt sich ab als Jesus fünf Jahre alt ist. Während des Sabbat spielt er an einem Bach und legt dort Tümpel an. Auf wundersame Weise reinigt er das Wasser und formt dann zwölf Spatzen aus Lehm, die er – zum Staunen eines Pharisäers – zum Leben erweckt. Der Sohn des →Hohepriesters Annas beobachtet dies, zerstört die Tümpel und beschuldigt Jesus, den Sabbat zu brechen. In der Folge verflucht Jesus ihn und er „verdorrt“; vermutlich stirbt er.

Die Wunder sind eng miteinander verbunden: Annas‘ Sohn handelt mit Bezug zu Jesu erstem Wunder (Reinigung der Tümpel), aber ohne explizite Bezugnahme auf dessen zweites Wunder (Belebung der Spatzen). Die Einfügung des zweiten Wunders verstärkt die Wirkung der Erzählung sowohl durch die gesteigerte Darstellung der Macht Jesu als auch durch die Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Reaktionen: Der des staunenden Pharisäers und der ablehnenden Reaktion des Sohns des Annas. Klimax und Konklusion der Ereignisse vollziehen sich im dritten Wunder, dem Tod von Annas‘ Sohn.

Es folgen die Episoden von der Verfluchung eines unachtsamen Jungen (4) und die Zurechtweisung Jesu durch Joseph (5), die zentrale Elemente mit der Erzählung von Annas‘ Sohn (3) gemeinsam haben. Auf Jesu Rückweg vom Bach läuft ein anderer Junge an ihm vorbei und stößt ihn an; auch er wird verflucht und stirbt. Die Episode unterscheidet sich von der vorhergehenden vor allem durch ihren Fokus auf der Reaktion der Umstehenden. Diese erfolgt dreifach: Zuerst als Reaktion ‚der Menge‘, dann als Reaktion der Eltern des Jungen und schließlich als Reaktion des Joseph; die letztgenannte ist die bei weitem ausführlichste.

Es folgt die erste Lehrer-Episode (6–8), in der der Lehrer Zachäus eingeführt wird. Nachdem er von Jesus gehört hat, will er dem Jungen Weisheit vermitteln. Das Ergebnis ist für den Lehrer beinahe tödlich, denkt er doch fälschlicherweise, er könne Jesus etwas beibringen, das dieser noch nicht weiß. Am Ende bekennt Zachäus seine Verzweiflung und Scham und ruft aus, der Junge müsse etwas Gewaltiges sein, „entweder ein Gott oder ein Engel oder was soll ich sagen – ich weiß es nicht“ (7.4).

Nach dieser Episode wendet sich die Geschichte: Jesus versichert nun, dass die „Unfruchtbaren Frucht bringen [werden], die Blinden sehen, und die Törichten verständig werden“ (8.1). Dieser Ausspruch scheint bis in die genaue Abfolge hinein mit den vorausgegangenen Verfluchungen übereinzustimmen: Annas‘ Sohn, die geblendeten Ankläger (5.1) und Zachäus – sie alle werden wiederhergestellt werden, bzw. Frucht bringen, sehen und weise werden. Auf diese Weise gelesen führt die Rede Jesu in KThom 8.1 zentrale Linien der ersten Hälfte der Erzählung zusammen.

Es schließt sich im zweiten Teil von KThom 8.1 ein Lobpreis aus dem Mund Jesu an: „Ich bin von oben gekommen, um die, die unten sind, zu retten und sie nach oben zu rufen, so wie es der, der mich zu euch gesandt hat, befohlen hat.“ Daraufhin werden die Verfluchten gerettet und Jesus gewinnt die Anerkennung und Achtung aller: „niemand wagte es von da an, ihn wütend zu machen“ (8.2). Einige bis dahin im Plot entstandenen Spannungen werden so aufgelöst, jedoch deutet der erfolglose Versuch des Lehrers Jesus etwas beizubringen auch bereits an, dass weitere Versuche folgen werden.

Die nächste Episode, die Auferweckung des Zeno (9), ist nur locker mit den vorangegangenen Geschehnissen verbunden. Wieder geschieht ein Wunder und wieder ist ein toter Junge involviert. Diesmal wird der Tod allerdings nicht von Jesus verursacht, fällt Zeno doch während des Spielens vom Dach. Seine Eltern beschuldigen dennoch Jesus ihn gestoßen zu haben. Jesus beweist seine Unschuld dadurch, dass er Zeno von den Toten auferweckt und mit ihm spricht. Überraschenderweise befiehlt Jesus Zeno im Anschluss daran, zu „schlafen“, so dass dieser erneut stirbt. Nichtsdestotrotz preisen Zenos Eltern Gott und ehren Jesus (9.3).

Danach erreicht Jesus einen neuen Abschnitt seiner Kindheit. Er ist sieben Jahre alt geworden und wirkt ein neues Wunder-Tripel (10–12: Wassertragen im Umhang, wundersame Ernte, wundersame Reparatur eines Bettes). Die ersten beiden Wunder werden nur knapp erzählt, das dritte dagegen deutlich ausführlicher. Es fungiert als Höhepunkt der Erzähleinheit. Alle drei Wunder sind thematisch miteinander verbunden: Sie behandeln häusliche Aktivitäten, Orte, und Figuren. Zudem werden sie durch ähnliche Reaktionen miteinander verknüpft: Maria und Joseph küssen Jesus und bitten um Gottes Segen für das Kind.

Jesus wird nun acht Jahre alt und weil Joseph Jesu Weisheit sieht, beschließt er, dass es an der Zeit sei, ihn erneut zur Schule zu schicken (13). Der Rückbezug zum Thema des Schulbesuchs verstärkt die Kohäsion der gesamten Erzählung und trägt zum Voranschreiten des Plots bei. Der Rückverweis auf die vergangene Lehrer-Episode weckt zudem Erwartungen darauf, was nun geschehen wird. Gleichzeitig stellt die zweite Lehrer-Episode den Beginn eines neuen Abschnitts dar.

Die zweite Lehrer-Episode ist eine knapp erzählte Überleitung zur dritten Lehrer-Episode, die zudem den Spannungsbogen weiter verschärft. Zum einen ist das Ergebnis fatal: Der Lehrer wird nicht nur beschämt, sondern stirbt durch einen Fluch Jesu. Zum anderen stehen die Geschehnisse in direktem Widerspruch zur Aussage am Ende der ersten Lehrer-Episode: „niemand wagte es von da an, ihn wütend zu machen“ (8.2). Was der Erzähler dort in Aussicht gestellt hatte, gilt anscheinend nicht mehr: Jesus wird wütend gemacht und daraufhin unter Hausarrest gestellt, um weitere Todesfälle zu vermeiden.

Nach ein paar Tagen des Hausarrests bietet jedoch ein dritter Lehrer von sich aus an, Jesus mit zur Schule zu nehmen (14). Er erkennt Jesu Überlegenheit sofort und anstatt zu versuchen ihm etwas beizubringen, lässt er sich von Jesus belehren. Dies führt dazu, dass auch der zweite Lehrer „gerettet“ wird (14.4). Mit der dritten Lehrer-Episode wird so ein neuer Höhepunkt der Geschichte erreicht und die aufgebaute Spannung erneut gelöst: Der letzte Lehrer hat sein Können unter Beweis gestellt, der verfluchte Lehrer wird wiederbelebt und die Hauptaussage der drei Lehrer-Episoden ist komplettiert: Jesus besitzt übermächtige „Gnade und Weisheit“ (14.3).

Es folgen zwei weniger ausführlich erzählte Wunder (15–16: Heilung eines Schlangenbisses und Heilung eines verletzten Fußes), die trotzdem narrative Kohärenz besitzen: Beide handeln von körperlicher Arbeit und von der Heilung junger Männer. Auch die Dramatik wird gesteigert: Während Jesu Bruder Jakobus, dessen Schlangenbiss geheilt wird, lediglich dem Tod nahe ist, ist der namenlos bleibende junge Mann bereits gestorben; und während es bei der Heilung des Schlangenbisses keine Reaktion etwaiger Zuschauer gibt, ist diese in der Episode der Heilung eines verletzten Fußes zentral und deutet sogar den Jesus der kanonischen Evangelien an. Die Menge ruft aus, Jesus werde fortan nicht aufhören zu retten „alle Tage seines Lebens“ (16.3).

Mit diesen Worten leitet das letzte Wunder zur abschließenden Episode über (17: Jesus im Tempel), die die deutlichste Verbindung des KThom zur kanonischen Tradition überhaupt schafft.

In der Forschung ist das KThom häufig als eine Sammlung lose verbundener Episoden behandelt worden. Bereits die knappe Analyse oben zeigt allerdings, dass die Erzählung (zumindest im Codex Sabaiticus 259) eine klare Struktur, eine kohärente Erzähllinie und eine dynamische Dramaturgie aufweist. Um es auf den Punkt zu bringen: Das KThom besitzt eine weitaus größere narrative Qualität als bislang angenommen.

2. Textüberlieferung

2.1. Text

Die frühesten Textzeugen des KThom sind lateinische und syrische Manuskripte des 5. bis 6. Jh.; sie enthalten jeweils Teile der Erzählung und geben vermutlich Material wieder, das im 3. Jh. aus dem Griechischen übersetzt wurde. Auch spätere (mittelalterliche) Manuskripte auf Lateinisch, Syrisch, Armenisch, Georgisch und Äthiopisch könnten frühes Material enthalten, vermutlich solches aus dem 6. Jh..

Das älteste erhaltene griechische Manuskript ist der Codex Sabaiticus 259, der auf 1089/1090 n. Chr. datiert wird, und die gesamte Erzählung enthält. Sehr wahrscheinlich gibt er einen Text des 4.–7. Jh. wieder. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass der Codex Sabaiticus 259 die älteste erreichbare Fassung der Erzählung auf Griechisch enthält. Alle anderen griechischen Manuskripte sind jünger (13.–16. Jh.) und spiegeln spätere Stadien der Überlieferung wider (9.–15. Jh.).

Die griechischen Manuskripte können in vier Textgruppen eingeteilt werden. Codex Sabaiticus 259 ist dabei der einzige Textzeuge der Gruppe Gs.

2.2. Gattung und Genre

In formkritischer Hinsicht enthält das KThom drei große Gattungen: Prolog, → Wundererzählungen, und Reden/Streitgespräche. Der später hinzugefügte Prolog weist viele Gemeinsamkeiten mit anderen frühchristlichen Werken auf, besonders mit anderen apokryphen Schriften. Die Erzählung enthält weiterhin zwei Hauptgruppen von Wundern: Naturwunder und Heilungswunder. Obwohl Wunder zahlenmäßig häufiger sind, machen Reden/Streitgespräche mehr als 60% des Textes aus. Diese bestehen sowohl aus Dialogen als auch aus kurzen Sprüchen und Reden. Häufig ist dabei Jesus der Sprecher.

In Hinblick auf das literarische Genre des KThom als Ganzem kann keine eindeutige Einordnung vorgenommen werden. Das KThom weist deutliche Ähnlichkeiten mit antiken Biografien auf, allerdings beschäftigen sich diese üblicherweise nicht besonders ausführlich mit der Kindheit ihrer Hauptcharaktere. Weiterhin lassen sich Elemente ausmachen, die das KThom mit antiken Fabeln, Märchen, Mythen und Legenden gemeinsam hat. Gleichzeitig ist es jedoch in einer bemerkenswert nüchternen Form verfasst, die es auch von diesen Gattungen wesentlich unterscheidet. Darüber hinaus bestehen Gemeinsamkeiten zwischen dem KThom mit anderer antiker jüdischer und frühchristlicher Literatur, z.B. biblischen Romanen, apokryphen → Apostelakten und hagiographischer Literatur, aber auch hier sind die Ähnlichkeiten jeweils nicht besonders deutlich ausgeprägt. Ähnlich verhält es sich mit dem → Protevangelium des Jakobus. Trotz eines gemeinsamen Interesses an der Kindheit Jesu unterscheiden sich jedoch auch diese beiden Schriften in Form und Stil.

Tatsächlich scheinen die größten Parallelen zwischen dem KThom und den kanonischen Evangelien zu bestehen. Gemeinsam sind ihnen der biographische Zugang und chronologische Aufbau, sowie die Kombination von Wundern, Streitgesprächen und Reden. Außerdem findet sich im KThom ein expliziter Bezug zum zweiten Kapitel des Lukasevangeliums.

Zusammengefasst ist das KThom eine Mischung aus → Evangelium und Legende, die einige Elemente mit antiken Biografien teilt. Näher an eine spezifische Genrezuordnung heranzukommen, scheint weder möglich noch nötig. Als einzige Erzählung der Antike, die den Fokus ausschließlich auf die Kindheit einer Person legt, ist das KThom einzigartig.

2.3. Überlieferung

Die Überlieferungsgeschichte des KThom ist überaus komplex. Der Versuch, die Beziehung zwischen den einzelnen Manuskripten nachzuzeichnen, hat sich als sehr schwierig erwiesen. Wie auch viele andere frühe christliche Werke hat sich die Erzählung im Laufe der Zeit vielfach verändert, sowohl bezüglich ihres Inhalts als auch bezüglich der Anordnung der einzelnen Episoden. Der Forschungsdiskurs fokussiert gegenwärtig auf zwei Bereiche: Die Beziehung zwischen der mündlichen und schriftlichen Überlieferung, und die Entstehung größerer Erzählzusammenhänge und -zyklen aus dem vorhandenen Material. So wird diskutiert, ob das KThom seinen Ursprung in mündlichen Erzähltraditionen hat oder von Beginn an ein literarisches Werk war. Weiter steht zur Debatte, ob es einen ursprünglichen Kern der Erzählung gab und falls ja, worin dieser bestand. Die erhaltenen Texte selbst weisen Merkmale beider Überlieferungstypen (mündlich und schriftlich) auf; wahrscheinlich ist deshalb ein Wechselspiel zwischen mündlichem Weitererzählen, schriftlichem Kopieren und einer redaktionellen Überarbeitung des Textes. Manche Episoden sind in der schriftlichen Tradition weniger fest etabliert und scheinen immer wieder in die Erzählung hinein- bzw. wieder aus ihr herausgenommen worden zu sein. Außerdem wurde die Erzählung bereits früh in verschiedene Sprachen übersetzt und aus diesen wiederum weiterübersetzt. Selbst im Koran hat sie Spuren hinterlassen (vgl. Suren 3:49 und 5:110).

3. Historischer Hintergrund

Das KThom enthält keine zusätzlichen historischen Informationen über Jesus, die über das Neue Testament hinausgehen. Sein (durchaus nicht zu unterschätzender) Wert liegt in anderen Bereichen. Große Bedeutung hat es für die Untersuchung der Wahrnehmung und Deutung Jesu in der Zeit nach dem Entstehen der neutestamentlichen Texte. Darüber hinaus ermöglicht es Einblicke in Alltagsleben, soziale Rollen und Beziehungen, das Verständnis von Kindern und Familie und in kulturelle Werte seiner Entstehungszeit.

3.1. Autor und Urheberschaft

Herkömmlicherweise wird das KThom dem Thomas zugeschrieben; vermutlich ist hier ursprünglich der Apostel Thomas gemeint, vielleicht auch Thomas, der legendarische Zwillingsbruder Jesu, oder Thomas, ein Schüler des Mani. In einer anderen Textgruppe (Gd), wird Jesu Bruder → Jakobus als Autor angegeben. Der Prolog ist die einzige Stelle, an der der Name des Autors erwähnt wird; dieser fehlt jedoch in vielen der frühesten Versionen der Erzählung, weshalb der Verfasser unbekannt bleiben muss. Das KThom könnte darüber hinaus jene Art von Erzählung sein, die über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden ist und dabei immer wieder verändert und ausgeschmückt wurde, so dass es angemessener sein könnte von ‚Urhebern‘ zu sprechen, anstatt von einem einzelnen Autor.

3.2. Sprache

Ursprünglich wurde das KThom wohl auf Griechisch verfasst, obwohl auch Syrisch als Ursprungssprache vorgeschlagen worden ist. Nicht lange nach der Entstehung der neutestamentlichen Schriften wurde es ins Lateinische und Syrische übersetzt; viele anderen Übersetzungen folgten später, z.B. ins Armenische, Georgische, Äthiopische, Irische, Arabische und Slawische.

3.3. Enstehungsort

Der Entstehungsort des KThom ist nicht sicher bestimmbar. Der Text selbst stellt nur wenige Informationen bezüglich Geografie und regionaler Kultur zur Verfügung; deshalb kann wenig über seine räumliche Verortung gesagt werden. Syrien als Entstehungsort ist in der Forschung diskutiert worden (vgl. auch die postulierte Verbindung des Apostels Thomas mit diesem Gebiet), ebenso wie Kleinasien, Ägypten, Palästina und verschiedene Zentren der jüdischen Diaspora. Kleinasien oder Syrien sind hier wohl die besten Vorschläge (vgl. die Abfassung auf Griechisch). Die nur eingeschränkt vorhandene Vertrautheit des Textes mit palästinischer Geografie und jüdischen Bräuchen könnte auf ein hauptsächlich nicht-jüdisches Entstehungsmilieu hinweisen.

3.4. Datierung

Weil die Entstehung und Überlieferung des KThom schwierig zu rekonstruieren sind, ist es auch schwierig zu datieren. Der Kern der Erzählung geht wohl auf die Mitte des 2. Jh. zurück. Justin, dial. 88 (ca. 150 n. Chr.), Epistula Apostolorum 4 (Mitte des 2. Jh.) und Irenäus, adv. haer. 1.20.1 (vor 180 n. Chr.) nehmen Bezug auf verschiedene Elemente der Erzählung. Anspielungen auf den Text finden sich auch im Evangelium der Wahrheit 1 19,17–32 (ca. 140–180 n. Chr.) und den Thomasakten 79 (frühes 3. Jh.). Die meisten dieser Texte beziehen sich auf die Lehrer-Episoden. Quellen des 4. Jh. nehmen auch Bezug auf andere Episoden und belegen damit die Kenntnis des Materials in größerem Umfang. Die bedeutendsten Bezugnahmen auf das KThom sind in Epiphanius, adv. haer. 51.20.2-3; Johannes Chrysostomus, in Joh. hom. 17 und in der Geschichte von Joseph dem Zimmermann 17 zu finden.

3.5. Sozio-kulturelles Setting

Wie kann der soziale und kulturelle Kontext des KThom beschrieben werden und in welchen Milieus könnte es entstanden und überliefert worden sein? In der aktuellen Diskussion tun sich diesbezüglich zwei Wege auf: Einige Forscher weichen der Fragestellung komplett aus oder nehmen aufgrund der literarischen Beschaffenheit des Werks eine hohe Bildungsschicht als Entstehungsmilieu an. Andere argumentieren auf der Basis von Sozialgeschichte und Kulturanthropologie dafür, dass für die Erzählung ein Setting in der arbeitenden ‚Mittelschicht‘ angenommen werden sollte und die Erzählung eine ländliche, dörfliche Welt widerspiegelt anstelle eines städtischen, elitären Kontextes. Auf diese Weise gelesen kann die Erzählung einen Blick in andere Bevölkerungsschichten ermöglichen, als es die meisten anderen antiken Schriften tun.

3.6. Adressaten und Ziel

Wer wäre an einer Erzählung wie dem KThom interessiert gewesen und aus welchen Gründen? Diese Fragen sind in der jüngsten Forschung intensiv diskutiert worden. Wieder zeigen sich zwei gegensätzliche Meinungen, die bis zu einem gewissen Grad mit einer jeweils unterschiedlichen Interpretation der Menschlichkeit Jesu in der Erzählung zusammenhängen.

Auf der einen Seite wird Jesus als typischer Vertreter eines bestimmten Topos antiker biographischer Literatur gesehen: Als puer senex, ein Miniatur-Erwachsener also, der nicht die typischen Charakteristika eines Kindes aufweist. Beispiele für diesen Topos aus dem Bereich der antiken Literatur sind Texte, in denen politische oder religiöse Figuren wie Kaiser oder ‚heilige Männer‘ bereits als Kinder mit der Weisheit eines Erwachsenen beschrieben werden und auf diese Weise ihre zukünftige Größe erahnen lassen. So wird auch die Darstellung Jesu als fundamental von diesem literarischen und kulturellen Topos beeinflusst angesehen. Die Zuhörer – für gewöhnlich sind hier Erwachsene gemeint – würden sich in diesem Szenario bewusst oder unbewusst an diese Vorstellung erinnern und Jesus bereits im Kindesalter als ein Ideal an Reife und Weisheit wahrnehmen.

Vertreter der anderen Richtung interpretieren die Darstellung Jesu im KThom als typische Darstellung von Kindern aus der Sicht Erwachsener. Grundlage dieses Arguments bilden Darstellungen von Kindern in anderen antiken Quellen und das close reading des KThom selbst: In der Erzählung begegnet Jesus spielend, zur Schule gehend, hilfsbereit seinen Eltern gegenüber, emotional reagierend, und mit zunehmendem Alter auch zunehmend reifer. Wenn diese Darstellung Jesu enger mit der Frage nach den Zuhörern verknüpft wird, gelangt man zu dem Schluss, dass eine zentrale Zielgruppe der Erzählung Kinder waren und dass der junge Jesus als Identifikationsfigur für sie dienen sollte. Das KThom wird so zu einer unterhaltsamen und lehrreichen Erzählung für Kinder (und Erwachsene), ähnlich anderen antiken Texten, wie z.B. Fabeln und Märchen.

4. Theologie

Auch die Theologie des Textes ist in der jüngeren Forschung zum KThom vielfach untersucht worden. Wurde die Erzählung früher als theologisch schwach eingeschätzt, konnte die jüngere Forschung zeigen, dass das KThom mehr theologische Substanz besitzt als bisher angenommen.

4.1. Christologie

Der theologische Schwerpunkt der Erzählung liegt klar auf der Christologie. In der älteren Forschung sind die ungewöhnlich scheinenden Züge Jesu – vor allem seine Flüche, seine Rachsucht und Emotionalität – verschieden interpretiert und vor allem mit gnostischem, doketischem oder ebionitischem Gedankengut in Verbindung gebracht worden. Daraus ergab sich die Kategorisierung des Textes als ‚häretisch‘. Die religionsgeschichtliche Forschung des frühen 20. Jh. hingegen erklärte die Darstellung Jesu im KThom durch Berührungspunkte mit fernöstlichen Religionen, insbesondere mit der Darstellung Buddhas als Kind. Auf ähnliche Weise wird gegenwärtig eine Verbindung zur Darstellung der griechisch-römischen Götter hergestellt. Die anstößige Darstellung Jesu wurde auch durch die Interpretation der Erzählung als antichristliche Schrift erklärt.

Die jüngste Forschung schlägt zumeist andere Pfade ein: Die meisten Forscher sehen in der Erzählung eine mehrheitsfähige, nicht zwingend von der Norm abweichende Christologie und argumentieren, der Jesu des KThom habe viel mit dem Jesus der kanonischen Evangelien gemeinsam, der in diesen ebenfalls Flüche und Wehe-Rufe ausspricht. Zugegebenermaßen beinhaltet das KThom nur wenige christologische Begriffe und Titel. Zudem gibt es keinen Verweis auf Jesu Passion und Auferweckung. Der christologische Schwerpunkt liegt klar auf einem anderen Gebiet, nämlich auf Jesu Kraft, Wunder zu wirken und auf seiner Weisheit. Beide verweisen wiederum auf seinen göttlichen Ursprung (8.1) und auf seinen Auftrag, Erlösung zu bringen (16.3). Jesus bezeichnet Gott außerdem als seinen Vater und gibt an, in seinem Namen und Auftrag zu arbeiten (12.2). Der Jesus des KThom ist somit nicht weniger göttlich als der des Neuen Testaments. Ebenso wie dort wird er auch im KThom als ganz göttlich und ganz menschlich dargestellt, allerdings mit einer überraschenden Wendung: Er ist nicht nur wahrer Gott und wahrer Mensch, er ist auch wahrer Gott und wahres Kind (→ Abschnitt 3.6).

4.2. Epistemologie und Hermeneutik

Das KThom spricht nicht von ‚Glaube‘ und erwähnt auch den Heiligen Geist nicht. Dennoch sind Einsicht und Verstehen zentrale Themen: Der Text weist einen reichen epistemologischen Wortschatz auf, wie z.B. Unwissenheit (ἄγνοια / agnoia), Einsicht/Verstehen (ἐπιστήμη / epistēmē), wissen/erkennen (γινώσκω / ginōskō), und Weisheit (σοφία / sophia). Verstehen ist Resultat des Unterrichtet-Werdens (6.4; 6.9). Drei zentrale Ziele des rechten Verstehens sind auszumachen: Zu verstehen, wer Jesus ist (der Gesandte Gottes), die „Ordnung“ und die „Prinzipien“ des Alpha, des ersten Buchstabens, zu verstehen (6.10 und 7.1, vgl. dazu Offb 21,6 und Offb 22,13) – dieses Verstehen scheint das Privileg Jesu zu sein – und dazu fähig zu sein, die Schrift auszulegen (14.2–3).

4.3. Schöpfungstheologie

Auch wenn das KThom keinen besonderen Fokus auf die Schöpfungstheologie legt, lassen sich einige grundlegende schöpfungstheologische Aussagen treffen: Gott ist Schöpfer der Welt (6.6). Die Reinigung der Tümpel und die Belebung der Spatzen (2.1–5) können als typologisches Gegenstück der Genesiserzählung (vgl. Gen 1–2) angesehen werden. Gott ist also Lebensspender (12.2), von ihm gehen Segen (10.2; 17.4), Weisheit und Gnade (17.5) aus.

4.4. Ethik

Wegen der in ihm enthaltenen Flüche Jesu ist das KThom und sein Jesus wiederholt der A- oder Immoralität bezichtigt worden. Diese Kritik geht jedoch fehl, ist die Erzählung doch sehr interessiert an ethischen Themen. Im gesamten Text werden traditionelle Werte wie die Liebe Gleichaltrigen gegenüber, Respekt gegenüber der älteren Generation, Gehorsam, Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit gegenüber den Marginalisierten (6.2 etc.) vorausgesetzt und beworben. In den drei Lehrer-Episoden und der Hilfsbereitschaft Jesu gegenüber Armen und Weisen (11) ist das Motiv der sich umkehrenden Verhältnisse erkennbar, das auch in der Bibel begegnet. Zusätzlich ist die Kritik an sozio-kulturell Höhergestellten an mehreren Stellen (3.1; 7.1) erkennbar.

Auch wenn die Flüche Jesu aus einer modernen Perspektive problematisch erscheinen (und auch innerhalb der Erzählung selbst problematisiert werden, etwa in 4.2 und 5.1), lassen sie sich doch einordnen und erklären. Zunächst können sie als Mittel der Fokussierung auf die Christologie der Erzählung verstanden werden: Sie demonstrieren Jesu Überlegenheit und göttliche Macht, mit der er auch das Recht hat, Leben zu geben und zu nehmen. Zudem sind die Flüche nicht willkürlich, sondern werden gezielt ausgesprochen: Diejenigen, die verflucht werden, hätten erkennen sollen, wer Jesus ist. Der oder die Urheber der Geschichte und auch die Zuhörerinnen und Zuhörer wissen dies – die Figuren aber haben es noch nicht verstanden.

Zusätzlich können die Flüche Jesu im Rahmen der narrativen Gesetzmäßigkeiten von Volksmärchen erklärt werden, in denen das Grundprinzip gilt: ‚Ende gut, alles gut.‘ Deshalb zeigt sich in dem Moment, in dem die Figuren begreifen, wer Jesus ist, eine große Veränderung: Er beginnt zu segnen und belebt sogar die Opfer seiner früheren Flüche wieder. Die einzige Ausnahme stellt Zeno dar (9). Dies scheint allerdings eine Eigenart des Codex Sabaiticus 259 zu sein; in allen anderen griechischen Manuskripten bleibt Zeno am Leben.

4.5. Bibelrezeption im KThom

Auch wenn bislang davon ausgegangen wurde, dass das KThom wenige Verbindungen zur Bibel aufweist, zeigen sich bei genauerer Untersuchung zahlreiche biblische Verweise, insbesondere zu den Evangelien nach Lukas und Johannes und in gewissem Maße auch zu den paulinischen Briefen.

Der deutlichste und längste Verweis bezieht sich auf Lk 2,41–50. In KThom 17 wird der Ausschnitt aus dem Lukasevangelium komplett wiedergegeben und weist lediglich einige Umformulierungen, Auslassungen und Dehnungen auf. Die Episode enthält auch Verweise auf andere Teile des Lukas-Evangeliums. Der andere explizite Verweis auf eine kanonische Schrift bezieht sich auf 1 Kor 13,1. In KThom 6.8 kritisiert Jesus die Heuchelei und mangelnde Erkennis des ersten Lehrers indem er sie als: „ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“ bezeichnet.

Hinzu kommen häufige Anspielungen auf bestimmte biblische Texte, besonders auf Ausdrücke, die typisch für das Johannesevangelium sind, z.B. „Ich komme von oben, um die, die unten sind, zu retten“ (8.1b, vgl. dazu z.B. Joh 3,3; vgl. außerdem etwa KThom 4.1 und Joh 7,27–28). Anspielungen auf Matthäus und Markus sind selten (vgl. aber KThom 6.4 und Mt 18,20). Abgesehen von 1 Kor 13,1 finden sich gelegentlich weitere Anspielungen auf paulinische Literatur, zum Beispiel „sorge dich nicht“ (6.3, vgl. 1 Kor 7,21; vgl. außerdem KThom 4.2 und Röm 12,14; KThom 6.4 und Röm 15,27, sowie 1 Kor 3,3).

Andere Elemente, die auf eine Vertrautheit mit dem Neuen Testament hinweisen und offensichtlich Szenen aus dem Leben Jesu ins Gedächtnis rufen wollen, sind Figuren und Namen, z.B. Jesu Eltern und Jakobus (15). Dass letzterer der Bruder Jesu ist, wird stillschweigend vorausgesetzt. Zwei andere biblische Figuren tauchen mit dem Hohepriester Annas (3.1) und dem Lehrer → Zachäus (6.1, vgl. dazu Lk 19,1–10) auf. Berufsbezeichnungen aus den neutestamentlichen Schriften finden sich ebenso: → „Pharisäer“, → „Schriftgelehrte“ und die seltenen Bezeichnungen „Anwalt“ (6.4, νομικός / nomikos) und „Gesetzeslehrer“ (6.5, νομοδιδάσκαλος / nomodidaskalos), die sonst beinahe ausschließlich im Lukasevangelium zu finden sind.

5. Siehe auch

→ Apokryphen (NT)

Literaturverzeichnis

Textausgaben und Übersetzungen

  • Burke, T., 2010, De Infantia Iesu Evangelium Thomae Graece (CCSA 17), Turnhout
  • Kaiser, U./Tropper, J., 2012, Die Kindheitserzählung des Thomas, in: C. Markschies / J. Schröter (Hgg.), Evangelien und Verwandtes (AcA 1/2), 7.Aufl., Tübingen, 930–959

Sekundärliteratur

  • Aasgaard, R., 2009, The Childhood of Jesus. Decoding the Apocryphal Infancy Gospel of Thomas,Eugene (mit Text und englischer Übersetzung des Codex Sabaiticus)
  • Aasgaard, R., 2021, Das apokryphe Kindheitsevangelium des Thomas. Die erste Kindergeschichte des Christentums?, in: ZNT 48, 79–89
  • Burke, T., 2015, Infancy-Gospel of Thomas, in: e-Clavis. Christian Apocrypha (online: https://www.nasscal.com/e-clavis-christian-apocrypha/infancy-gospel-of-thomas/; letzter Zugriff: 01.03.2023)
  • Cousland, J.R.C., 2019, Holy Terror. Jesus in the Infancy Gospel of Thomas (LNTS 560), London
  • Davis, S.J., 2014, Christ Child. Cultural Memories of a Young Jesus, New Haven & London
  • Frilingos, C.A., 2017, Jesus, Mary, and Joseph. Family Trouble in the Infancy Gospels, Philadelphia
  • Kaiser, U., 2021, Das apokryphe ‚Kindheitsevangelium des Thomas‘. Wirklich ‚nur‘ eine Geschichte für Kinder?, in: ZNT 48, 91-99
  • Kurzmann-Penz, I., 2018, Zur literarischen Fiktion von Kindheit. Überlegungen zu den apokryphen Kindheitsevangelien Jesu im Rahmen der antiken Biographie, Stuttgart
  • Vukovíc, M., 2022, Survival and Success of an Apocryphal Childhood of Jesus: Reception of the Infancy Gospel of Thomas in the Middle Ages (SBR 21), Berlin/Boston

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