1. Korinther 1,26-31 | 1. Sonntag nach Epiphanias | 07.01.2024
Einführung in den 1. Korintherbrief
1 Kor ist, verglichen mit den anderen paulinischen Briefen (ausgenommen Röm
1. Verfasser
Über Denken und Wirken des Paulus, die uns historisch am besten bekannte Gestalt des frühen Urchristentums, informieren die sieben allgemein als authentisch angesehenen neutestamentlichen Briefe. Eine wichtige Quelle für die paulinische Biographie ist darüber hinaus die Apostelgeschichte
2. Adressaten
Aus der Provinz Asia kommend war Paulus in Philippi und Thessaloniki
3. Entstehungsort
1 Kor wurde in Ephesus
4. Wichtige Themen und Argumentationsgang des 1 Kor
Paulus kritisiert im Eingangsteil des 1 Kor die Existenz innergemeindlicher „Parteien“; dabei richtet er den Brief immer an die ganze Gemeinde, wobei er schon in der Adresse (1,2
1 Kor ist durchgängig bestimmt durch die Reaktionen auf die akute Lage in Korinth; kein anderer Paulusbrief informiert (uns) so detailliert über die bei den Adressaten bestehende Situation. Paulus hatte durch „die (Leute) der Chloe“ (1,11
Aus 1,12
In 5,1–7,40
In Kap. 8-11
Da es offenbar Tendenzen gab, die üblichen Konventionen im Verhältnis von Männern und Frauen zu verwischen, fordert Paulus, Frauen sollten die übliche Haartracht tragen, wenn sie im Gottesdienst predigen und beten (11,2-16
Das Pneumatikertum ist in Korinth stark entwickelt (1 Ko
5. Besonderheiten
Der Argumentationsgang des Paulus im 1 Kor lässt eine innere Kohärenz erkennen: Es gibt eine christologische, kreuzestheologische Grundlage für die Aussagen zu den unterschiedlichen Themen. Schwer zu beantworten ist die Frage nach dem religiösen bzw. philosophischen Hintergrund der korinthischen Parteienbildung; die Annahme, hier zeige sich eine frühe Form christlicher „Gnosis“, wird im Allgemeinen verneint, aber „weisheitliche“ Tendenzen sind deutlich erkennbar (1,18-31
Literatur:
- Hans Conzelmann, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 21981.
- Eva Ebel, Die Attraktivität früher christlicher Gemeinden. Die Gemeinde von Korinth im Spiegel griechisch-römíscher Vereine (WUNT II/178), Tübingen 2004.
- Andreas Lindemann, Der Erste Korintherbrief (HNT 9/I), Tübingen 2000.
- Margaret M. Mitchell, Art. Korintherbriefe, RGG4 Band 4, Tübingen 2001, Sp. 1688–1694.
- Dieter Zeller, Der erste Brief an die Korinther (KEK V), Göttingen 2009.
A) Exegese kompakt: 1. Korinther 1,26-31
Übersetzung
26 Seht doch, Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme [sind berufen].
27 Sondern das Törichte der Welt hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott erwählt, damit er das Starke zuschanden mache;
28 und das Geringe der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt – das Nicht-Seiende, damit er das Seiende zunichtemache,
29 auf dass sich kein Fleisch rühme vor Gott.
30 Von ihm her aber seid ihr in Christus Jesus, der für uns geworden ist Weisheit von Gott her und Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung,
31 damit, wie geschrieben steht: „Wer sich rühmt, der rühme sich im Herrn!“
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 26a
In V. 26b
V. 27.28
In V. 28
2. Kontext
In 1,18-25
3. Exegese
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Drei exegetisch gewonnene Gesichtspunkte lohnen sich, weiter geführt zu werden.
Erstens ist deutlich geworden, dass Paulus mutig programmatisch und rhetorisch kraftvoll gleich zu Beginn ein Doppelproblem adressiert: interne Differenzen, die zu noch tieferen Krisen führen könnten (Spaltungen). Und davor steht die bedrängende Frage: Wie kann die Gemeinde in der Stadtgesellschaft, überhaupt in der Welt mit ihren gänzlich anderen Maßstäben bestehen? Man könnte von internen Rangdebatten unter einem gewissen Außendruck sprechen, wobei der gesellschaftliche Außendruck eher eine externe Ablehnung darstellt.
Dass hier nicht allein Glaubenshaltungen eine Rolle spielen, sondern reale soziale, existenziell folgenreiche Verhältnisse, wurde, zweitens, exegetisch mit Hinweis auf die σοφοὶ, δυνατοί und εὐγενεῖς knapp skizziert und weckt natürlich sofort tiefergehendes Interesse: Wer verbirgt sich genau dahinter? Was bedeutet es, wenn sich in einer Gemeinde die Mehrheit jenseits aller gesellschaftlichen und ökonomischen Privilegien bewegt? Wer wenig gebildet war und auf schwere, gering entlohnte Handarbeit festgelegt, galt so gut wie nichts (vgl. Schottroff). Die Mehrheit der Gemeinde schien aber genau auf diese mindere Arbeit für den eigenen Lebensunterhalt angewiesen zu sein, war deswegen höchstwahrscheinlich nicht im Lesen und Schreiben geschult und hatte nicht zuletzt deswegen weder Ansehen noch einen Einfluss in der Stadt Korinth. Kaum Bildung, kaum Macht, kaum Einfluss. Das ist im Kontext des städtischen Zusammenlebens eine tiefe Kränkung! Paulus adressiert diese Kränkung auch, indem er gewissermaßen im Gegenzug den Topos καταισχύνῃ (V. 27
Der dritte bereits erwähnte und noch einmal anders hervorzuhebende Gesichtspunkt liegt darin, wie sich Paulus an die Mahnrede des Jeremia (9,22ff.
Die paulinische Argumentation ist Entlastung und Bestärkung zugleich
Die Argumentationsweise hat etwas Entlastendes und Bestärkendes zugleich: Entlastend, denn das Sein der Gemeinde ἐν κυρίῳ entbindet von dem Anspruch, vor den Augen der Welt doch immer noch angesehener, einflussreicher, gebildeter werden zu wollen. Bestärkend, denn gerufen ἐν κυρίῳ zu sein, bedeutet, sich darauf verlassen zu können, dass ein Leben, gerecht, geheiligt, erlöst (V. 30
2. Thematische Fokussierung
Paulinische Perspektivverschiebung
Hier liegt eine sehr dichte Argumentation zu Herkunft, Ruf und Auftrag der Gemeinde vor. Das ist riskant, weil sich dann Verkürzungen einschleifen. Eine solche wäre etwa: Je niedriger der eigene soziale Stand und je irrelevanter in den Augen der Welt, desto höher geschätzt und berufen durch Gott in Jesus Christus. Paulus akzentuiert da anders: Aus keinem der weltlichen Maßstäbe ist ein göttlicher Maßstab ableitbar, weder direkt noch umgekehrt. Hierfür steht der Verweis auf Conzelmann im exegetischen Teil. Gott sieht nicht auf den weltlichen Stand und fragt weder nach weltlicher Elite oder Erniedrigung. Berufung und Erwählung hängen an Jesus Christus selbst. Der Schritt weg von den eigenen Rang- und Statusüberlegungen hin zu Jesus Christus ist m.E. die entscheidende Herausforderung in der Predigt.
3. Bezug zum Kirchenjahr
Paulinisches Empowerment noch im Offenbarungslicht der Epiphaniaszeit. Das paulinische Empowerment an die korinthische Gemeinde zum Bestehen in der Welt fällt auf den 1. Sonntag nach Epiphanias 2024. Mitten in irritierend komplexen und verunsichernden Zeiten, die scheinbar immer stärker im gesellschaftlichen, mitunter auch innergemeindlichen Gegeneinander erlebt werden. Vermehrt erleben sich Menschen zurückgesetzt, übergangen und überhört. Die Zeilen des Paulus sind keine Anleitung zum trotzigen Auftreten mit dem Fuß. Feinsinnig ermöglichen sie etwas anderes. Das Hören dieses Berufungstextes, noch im Offenbarungslicht der Epiphaniaszeit, mahnt: Versichere dich auch in verwirrend dunklen Zeiten, dass nicht du selbst es bist, der Weisheit, Stärke und Einfluss vermehren muss, dass du sie auch nicht gegen Eindringlinge verteidigen oder sie gegen andere Einflüsse um jeden Preis durchsetzen müsstest. Du kannst an einer anderen Weisheit, Stärke und Einflusskraft teilhaben. Dieses Teilhaben ist ein Privileg und führt im besten Fall zu einem neuen Hingabe- und Selbstbewusstsein. Aber es ist alles andere als ein Instrument gegen verunsichernde Fragestellungen, die gegenwärtig Gemeinden treffen. Aber mit diesem Privileg verbindet sich eine Verantwortung als Gemeinde: Konzentriert leben unter den Erkennungszeichen der Gemeinde Christi, d.h. erkennbar machen, dass wir leben als Berufene, Brauchbare für Gottes Arbeit in dieser Welt, und zwar nicht selbstgerecht giftig, nicht überlegen abgrenzend und ohne so zu tun, als ob wir schon jetzt alle Fesseln in dieser Welt gelöst hätten. Wir können aber jetzt schon gerecht, geheiligt, gelöst leben
5. Anregungen
In der Predigt könnte man die Gemeinde auf die Frage antworten lassen, wo ihr dies glaubwürdig gelingt, als Berufene, gerecht, geheiligt und gelöst zu leben, und wo und wann sie daran gescheitert ist. Das kann zu einer Selbstbesinnung ermutigen, die sich der Doppelfrage stellt: Warum tun wir, was wir tun? Inwiefern ist an unserem Tun als Berufene unser Sein ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, erkennbar? Wir diskutieren viel über die Themen Migration und die Sorge vor Wohlstandsverlust. Also auch Ansehensverlust, wie es im Paulusbrief anklingt. Besondere Behutsamkeit braucht es im Nennen der bereits angesprochenen Kränkungspotenziale, hier etwa in einer Gemeinde. Gemeinden haben besonders im Osten Deutschlands trotz aller Aufbrüche und inmitten von wachsenden Möglichkeiten und Infrastruktur dennoch Ungerechtigkeiten, Kränkungen und Demütigungen erfahren. Das wirkt nach und wirkt sogar hinein in die aktuellen kirchlichen wie gesellschaftlichen Transformationsdebatten. Die gesellschaftliche Stimmung macht vor den Gottesdienstgemeinden nicht Halt, in denen schwindende Kräfte und schwindender Einfluss immer wieder thematisiert werden. Die Predigt hat die Chance, die letztendliche Irrelevanz der weltlichen Statusfragen aus Gottes Perspektive anzusprechen. Sie hat die Chance, die Gemeinde mit dem paulinischen Perspektivwechsel zu überraschen und zu erfrischen.
Literatur
- Florian Wilk, Der erste Brief an die Korinther, NT D, Teilband 7/1, V&R, 2023.
- Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth, Kohlhammer, ThKNT 7, 2021.
- Walter Klaiber, Der erste Korintherbrief, Neukirchener Theologie, 2011.
Autoren
- Prof. i.R. Dr. Andreas Lindemann (Einführung und Exegese)
- Dr. Christina-Maria Bammel (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500014
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