Deutsche Bibelgesellschaft

Offenbarung 21,1-7 | Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Ewigkeitssonntag | 22.11.2026

Einführung in die Offenbarung

In den letzten 30 Jahren hat die Forschung zur neutestamentlichen Johannesapokalypse erheblich an Dynamik gewonnen. Sowohl in Hinsicht auf die Fragen nach Verfasser, Adressaten, Abfassungszeit und literarischer Integrität dieser Schrift als auch im Blick auf den theologischen Skopus dieses letzten Buches des Neuen Testaments sind neue Vorschläge vorgelegt worden.

1. Verfasser

Angesichts des Sachverhalts, dass die Johannesapokalypse an die sieben christlichen Gemeinden in der römischen Provinz Asia, dem westlichen Teil der heutigen Türkei, gerichtet ist (Apk 1,4.11), darf davon ausgegangen werden, dass der – unter dem Namen „Johannes“ auftretende – Verfasser derselben eben in jenem Teil des Imperium Romanum beheimatet gewesen ist. Eine Forschungsmehrheit geht davon aus, dass es sich bei dem in Apk 1 eingeführten „Johannes“, einer konkret faßbaren, zur Zeit der Abfassung der Apk lebenden und im Rahmen einer christlichen Gemeinschaft oder eines Gemeindeverbandes theologisch-prophetisch wirkenden historischen Gestalt, um denjenigen handelt, dem die in der Apk verzeichneten Offenbarungen zuteil geworden sind bzw. der die Apk in ihrer Gesamtheit geschaut hat. Eine Forschungsminderheit versteht mit guten Argumenten die Apk als eine pseudonyme Schrift – nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass zahlreichen frühjüdischen Apokalypsen dieses Merkmal der Pseudonymität eignet. Der namentlich unbekannte Apokalyptiker habe seine Apokalypse verfaßt und dann der Gestalt des „Johannes“, einer herausragenden Figur aus der theologischen Vergangenheit der in der Apk angeschriebenen sieben Gemeinden, in den Mund gelegt und der Apk damit eine fiktive Vorzeitigkeit implementiert. Nach Meinung des Verfassers handelt es sich bei diesem „Johannes“ um den heros eponymos, die jenen theologisch prägende Gründungsfigur des „johanneischen Kreises“, eines in der Provinz Asia zu lokalisierenden Gemeindeverbandes, dem auch das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe zuzurechnen sind.

2. Adressaten

Die Apk ist adressiert an sieben im Westen der römischen Provinz Asia ansässige christliche Gemeinden. Zugunsten der Annahme, dass diese Gemeinden bzw. die in jenen organisierten Christen einer umfassenden, von staatlicher Seite autorisierten Christenverfolgung ausgesetzt wären, läßt sich in der Apk selbst keinerlei Textsignal namhaft machen. Vereinzelte Hinweise, die gegenwärtige Bedrängnisse von Seiten der nichtchristlichen Umwelt der in Apk angeschriebenen Christen zu indizieren scheinen, lassen sich, wenn überhaupt, auf einzelne, auf lokaler Ebene ergriffene behördliche Maßnahmen gegen die Christen deuten; Belege für staatlich organisierte und propagierte provinzweite oder gar reichsweite antichristliche Maßnahmen gegen jene bietet die Apk hingegen nicht. Viel eher scheint es so zu sein, dass sich die Adressaten der Apk zur Zeit der Abfassung der Apk mit ihrer nichtchristlichen Umwelt weitestgehend arrangiert hatten und sich – zumindest in ihrer Mehrheit – als ein durchaus integrativer Teil der jeweiligen pagan geprägten Stadtgesellschaft verstehen wollten. Würde die Abfassung der Apk, wie die gegenwärtige Mehrheit der Forschung dies vorschlägt, in die Zeit der Regentschaft des römischen Kaisers Domitianus (81–96 n.Chr.), konkret in die Zeit zwischen 90 und 95 n.Chr. datiert, so ließen sich für eine solche Annahme durchaus gute Gründe anführen: Nach einer Phase der politischen Instabilität nach dem Tode Kaisers Nero, des letzten Kaisers der julisch-claudischen Dynastie, im Jahr 68 n.Chr. – hinzuweisen ist hier in Sonderheit auf das sog. „Dreikaiserjahr“ 68/69 n.Chr., in dem mit den Imperatoren Galba, Otho und Vitellius gleich drei Imperatoren vergeblich versuchten, sich auf dem römischen Kaiserthron zu etablieren – übernahm im Jahr 69 n.Chr. mit Flavius Vespasianus der im ersten jüdischen Krieg 66–70 n.Chr. siegreiche römische Feldherr die Macht. Jenem gelang es, die Verhältnisse zu stabilisieren und die flavische Dynastie zu etablieren. Flavius Vespasianus (69–79 n.Chr.) und seine Söhne Titus (79–81 n.Chr.) und Domitianus (81–96 n.Chr.) beruhigten die innen- und außenpolitische Lage und trugen, vor allem auch durch eine umfassende Wirtschafts- und Strukturförderung, wesentlich zu einer nach Jahren der Stagnation wieder wachsenden Prosperität des gesamten Imperium Romanum und damit natürlich auch der Provinz Asia und ihrer Einwohner bei.

Vor diesem Hintergrund will nicht verwunderlich scheinen, dass auch die christlichen Einwohner derselben keiner Anlaß sahen, sich, soweit es ihr christlicher Glaube aus ihrer Sicht zuließ, in die Gesellschaft ihrer jeweiligen Stadt zu integrieren und sich der kultisch-religiösen Verehrung des – nach Röm 13,1–7 ja immerhin von Gott eingesetzten – amtierenden römischen Regenten zumindest nicht von vornherein und in Fülle und Gänze zu verschließen. In noch weitaus stärkerem Maße gilt dies, wird die Abfassung der Apk in die Zeit der Regentschaft des Kaisers Hadrianus (117–138 n.Chr.) datiert. Dieser als „Reisekaiser“ bekannte römische Herrscher bereiste die Provinz Asia mehrere Male und zeigte allein durch seine Anwesenheit vor Ort und die aus diesem Anlaß den örtlichen Kommunen jeweils zur Verfügung gestellten Geldmittel, dass ihm daran lag, die Wohlfahrt dieser Provinz und ihrer Einwohner in sehr konkreter Weise zu fördern. Im Zuge eines umfassenden verwaltungstechnischen Restrukturierungsprogramms des gesamten östlichen Teils des Imperium Romanum wurde Hadrianus mit der Gottheit Zeus Olympios kultisch-religiös verbunden und als irdische Erscheinung desselben sowohl im öffentlichen als auch im unmittelbar privaten, sogar im familiären (!) Raum als Hadrianos Olympios, Retter und Schöpfer verehrt. Dass sich auch die christlichen Profiteure dieser kaiserlichen Wohlfahrtspolitik veranlaßt gesehen haben, sich an der kultisch-religiösen Verehrung gerade auch dieses Herrschers aktiv zu beteiligen, kann letzten Endes nicht wunder nehmen.

3. Entstehungsort

Die Apk gibt an, an einem Sonntag auf der Insel Patmos, einer der Provinz Asia vorgelagerten Insel, empfangen worden zu sein (Apk 1,9f.). Die Begründung, die der Apokalyptiker für seinen Aufenthalt auf Patmos liefert, läßt mehrere Deutungen zu:

  1. Der Apokalyptiker befand sich auf dieser Insel in einer – womöglich zeitlich begrenzten – Verbannung. Dieser lange Zeit den Forschungsconsensus repräsentierenden These widerspricht jedoch, dass Verbannte in der Regel an Verbannungsorte verbracht worden sind, die sich in erheblicher räumlicher Entfernung von ihrem Wohnort befanden. Wenn der Apokalyptiker in der Provinz Asia lebte und wirkte, will Patmos als Verbannungsort eher unwahrscheinlich erscheinen.
  2. Der Apokalyptiker befand sich auf Patmos, um dort das Evangelium zu verkündigen.
  3. Der Apokalyptiker besuchte diese nur sehr dünn besiedelte Insel, um sich geistlich inspirieren zu lassen.

Unter den sieben in der Apk aufgelisteten Städten, in denen die angeschriebenen christlichen Gemeinden ansässig sind, sind in Sonderheit Ephesus, Hauptstadt und Regierungssitz der Provinz Asia, Pergamon und Smyrna als politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentren hervorzuheben, die sämtlich auch bedeutsame Heiligtümer beherbergten, in denen ehemalige oder aber auch amtierende römische Kaiser provinzweit kultisch-religiös verehrt worden sind. Die mit diesen provinzialen Kulten jeweils verbundenen Spiele sorgten dafür, dass diese Städte auch als touristische Ziele in Erscheinung getreten sind. Einer schlüssigen Antwort harrt die Frage, warum der Apokalyptiker nur diese sieben christlichen Gemeinden angeschrieben hat, wiewohl doch davon auszugehen ist, dass zur Zeit der Abfassung der Apk in dieser Provinz mehr als diese sieben existierten. Will man nicht mit der Zahl „sieben“ als einer heiligen Zahl argumentieren und annehmen, dass diese sieben Gemeinden pars pro toto für alle provinzialen christlichen Gemeinden ständen und in der Apk somit sämtliche asianische Gemeinden angeschrieben wären, ließe sich immerhin denken, dass es sich bei diesen sieben Gemeinden um solche handelte, die dem Gemeindeverband des „johanneischen Kreises“ zuzurechnen seien bzw. diesen Gemeindeverband eigentlich konstituierten. Daraus folgte: In der Apk schriebe ein Prophet oder Theologe des „johanneischen Kreises“ an die eben zu diesem Kreis sich zählenden Christen.

4. Wichtige Themen

In der Apk ruft der Apokalyptiker zentral dazu auf, standhaft und treu im Glauben zu bleiben, sich der paganen Mehrheitsgesellschaft und ihren „bürgerlichen“ Verlockungen, in Sonderheit der Teilhabe an der kultisch-religiösen Kaiserverehrung vollständig zu verweigern und dafür auch gesellschaftliche Nachteile und Repressionen in Kauf zu nehmen. Nur derjenige – so seine These – der diesen Weg der vollständigen Separation gehe, werde des in Bälde zu erwartenden, in der Errichtung eines neuen Himmels und einer neuen Erde gipfelnden endgültigen Heils teilhaftig und erhalte die Möglichkeit, in heilvoller Gemeinschaft mit Gott und seinem Christus in Ewigkeit zu leben. Diejenigen, die sich in die pagane Mehrheitsgesellschaft integrieren, haben hingegen die ewige Vernichtung zu gewärtigen.

Literatur:

  • D.E. Aune, Revelation, 3 Bände, Dallas/Nashville 1997/1998 (WBC 52.52A.52B)
  • T. Witulski, Die Johannesoffenbarung und Kaiser Hadrian. Studien zur Datierung der neutestamentlichen Apokalypse, FRLANT 221, Göttingen 2007.

A) Exegese kompakt: Offenbarung 21,1-7

Nicht überraschen kann, dass die hier formulierten Erwägungen sich mit denen zu Apk 21,5, der Jahreslosung für das Jahr 2026, weitgehend überschneiden. Mit den letzten beiden Kapiteln seiner Schrift, Apk 21 und Apk 22, kommt der Apokalyptiker zum Ende seiner theologischen Ausführungen. An diesem Ende stehen die Schau eines neuen Himmels und einer neuen Erde, die an die Stelle des bis dato bestanden habenden Kosmos treten, und die Schau des vom Himmel herabkommenden ‚neuen Jerusalems‘ (ἡ πόλις ἡ ἁγία Ἰερουσαλὴμ καινή) als des endzeitlichen und endgültigen Wohnraumes derjenigen, die glaubenstreu und standhaft geblieben sind und gegenüber ihrer nichtchristlichen Umwelt, trotz aus dieser erwachsener möglicher Anfeindungen und zahlreicher Verlockungen, eine – zumindest in den Augen des Apokalyptikers – notwendige Distanz gewahrt haben. Innerhalb der Ausführungen in Apk 21,1–8 wird diese endzeitliche und endgültige Existenz der Glaubenstreuen und Standhaften theologisch reflektiert und soteriologisch eingeordnet.

1Καὶ εἶδον οὐρανὸν καινὸν καὶ γῆν καινήν. ὁ γὰρ πρῶτος οὐρανὸς καὶ ἡ πρώτη γῆ ἀπῆλθαν καὶ ἡ θάλασσα οὐκ ἔστιν ἔτι. 2καὶ τὴν πόλιν τὴν ἁγίαν Ἰερουσαλὴμ καινὴν εἶδον καταβαίνουσαν ἐκ τοῦ οὐρανοῦ ἀπὸ τοῦ θεοῦ ἡτοιμασμένην ὡς νύμφην κεκοσμημένην τῷ ἀνδρὶ αὐτῆς. 3καὶ ἤκουσα φωνῆς μεγάλης ἐκ τοῦ θρόνου λεγούσης·

ἰδοὺ ἡ σκηνὴ τοῦ θεοῦ μετὰ τῶν ἀνθρώπων, καὶ σκηνώσει μετ’ αὐτῶν, καὶ αὐτοὶ λαοὶ αὐτοῦ ἔσονται, καὶ αὐτὸς ὁ θεὸς μετ’ αὐτῶν ἔσται [αὐτῶν θεός], 4καὶ ἐξαλείψει πᾶν δάκρυον ἐκ τῶν ὀφθαλμῶν αὐτῶν, καὶ ὁ θάνατος οὐκ ἔσται ἔτι οὔτε πένθος οὔτε κραυγὴ οὔτε πόνος οὐκ ἔσται ἔτι, [ὅτι] τὰ πρῶτα ἀπῆλθαν.

5Καὶ εἶπεν ὁ καθήμενος ἐπὶ τῷ θρόνῳ· ἰδοὺ καινὰ ποιῶ πάντα καὶ λέγει· γράψον, ὅτι οὗτοι οἱ λόγοι πιστοὶ καὶ ἀληθινοί εἰσιν. 6καὶ εἶπέν μοι· γέγοναν. ἐγώ [εἰμι] τὸ ἄλφα καὶ τὸ ὦ, ἡ ἀρχὴ καὶ τὸ τέλος. ἐγὼ τῷ διψῶντι δώσω ἐκ τῆς πηγῆς τοῦ ὕδατος τῆς ζωῆς δωρεάν. 7ὁ νικῶν κληρονομήσει ταῦτα καὶ ἔσομαι αὐτῷ θεὸς καὶ αὐτὸς ἔσται μοι υἱός.

Offenbarung 21,1-7NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

(1) Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. (2) Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. (3) Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; (4) und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. (5) Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! (6) Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. (7) Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. 

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

Der Text bietet keine wirklichen Übersetzungsprobleme. Die Frage, ob in Apk 21,3 von „seinen Völkern“ oder „seinem Volk“ die Rede ist, hängt von der entsprechend getroffenen textkritischen Entscheidung ab. Theologisch unstrittig ist, dass sich die Menge derjenigen, die in der Gemeinschaft mit Gott leben, aus unterschiedlichen Völkern rekrutiert.

2. Literarische Gestaltung und Kontext / Kontexte / Schwerpunkte der Interpretation

Mit dem 21. Kapitel beginnt die Entfaltung eines großartigen, die in der Apk angeschriebenen Christen tröstenden, aber auch mahnenden und aufrüttelnden Bildes einer neuen, von ihm geschaffenen Welt, die als das lohnende Ziel christlicher Existenz an die Stelle des bestehenden Kosmos tritt. Ein angemessenes Verständnis der Perikope Apk 21,1–7 muß zentral folgende Aspekte berücksichtigen:

  1. Den Machtansprüchen des imperium Romanum als des zur Zeit der Abfassung der Apk rund um das Mittelmeer herum zentralen politischen Akteurs und dem von seinen Repräsentanten immer wieder proklamierten staatlich-imperialen Narrativ des ewigen Bestandes und Bestehens desselben (aeternitas) setzt der Apokalyptiker seine durch seine Himmelsschau gewonnene Erzählung vom letztendlichen Untergang desselben entgegen. Die Zukunft gehört – dessen ist der Apokalyptiker sicher – nicht dem imperium Romanum, dessen Repräsentanten und den jenes tragende Gottheiten, sondern dem Gott Israels, dem Vater Jesu Christi, und dem von ihm geschaffenen neuen Kosmos. Der bestehende Kosmos, die – zur Zeit der Abfassung der Apk noch – bestehenden politischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse, die innerhalb jener dominierenden Werte – sind dem Untergang geweiht, ein Hinweis, der dem imperium Romanum, wiewohl innerhalb der staatlich-imperialen Propaganda häufig gegensätzlich dargestellt, zugleich jegliche soteriologische Qualität abspricht. An die Stelle der alten Welt tritt Gottes neue und heilvolle Schöpfung. Damit ist zugleich klar: Das Heil für die Menschen liegt ausschließlich in der Hand Gottes; er allein – und eben nicht andere Mächte oder Gewalten – erweist sich als derjenige, der zu Recht als σωτὴρ καὶ κτίστης, als Retter und Schöpfer verehrt wird.
  2. Die Teilhabe am neuen Himmel und an der neuen Erde, sind in gleicher Weise wie auch die Erlaubnis, sich im ‚neuen Jerusalem‘ anzusiedeln, als positive Vergeltung und Belohnung für diejenigen zu verstehen, die sich und ihre christliche Existenz der paganen Mehrheitsgesellschaft vollständig verweigert und gegenüber jener und ihren partizipatorischen Angeboten konsequent distanziert geblieben sind, ein Sachverhalt, der durch das in Apk 21,7 Gesagte wünschenswert deutlich wird. Der jenen innerhalb ihrer irdischen Existenz aus dieser Distanzierung erwachsene Verlust an ‚Lebensqualität‘ wird nun gleichsam kompensiert durch die Möglichkeit, an der neuen Schöpfung teilzuhaben und im ‚neuen Jerusalem‘ zu leben. Neuer Kosmos und heilige Stadt sind somit nur denjenigen beschieden, die in ihrer christlichen Existenz glaubenstreu und standhaft geblieben sind und ihre christliche Identität nicht aufgegeben haben.
  3. Die hier zu analysierende Perikope gewinnt ihre theologische Semantik und ihren theologischen Akzent im wesentlichen durch die Ausführungen in Apk 21,3f. Die soteriologische Qualität der in Apk 21,1 angekündigten neuen Schöpfung erweist sich in concreto in dem Sachverhalt, dass Gott den Bewohnern des ‚neuen‘ Jerusalem unmittelbar nahe ist; Apk 21,3b macht dies in pleonastischer – und damit in Sonderheit für hörende Rezipienten in sehr eindringlicher und auch einprägsamer – Weise deutlich: Gott wird bei den Menschen wohnen, sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Diese Nähe, dieses Besorgtsein, diese Achtsamkeit Gottes werden ihrerseits dann in Apk 21,4 konkretisiert: Gott selbst wischt die Tränen der Bewohner des ‚neuen Jerusalem‘ ab, Tod, Leid, Klage und Schmerz werden unter ihnen nicht mehr zu finden sein. Wer die in Apk 21,1.5a verheißene neue Schöpfung – und die Gewißheit der Realisierung derselben wird dann in Apk 21,5b unterstrichen – lediglich als ein kosmologisches ludibrium Gottes auffassen möchte, irrt. Neue Schöpfung und ‚neues Jerusalem‘, das heißt: Gott realisiert und schenkt den Glaubenstreuen und Standfesten sein Heil in eschatologischer und damit endgültiger Weise.

3. Theologische Perspektivierung

Diese in ihre Kompromisslosigkeit im Neuen Testament nur noch mit dem im Johannesevangelium und im ersten Johannesbrief begegnenden Dualismus zwischen christlicher Gemeinde und sie umgebender „Welt“ zu vergleichende Verkündigung der Apk fordert Christen zu allen Zeiten dazu auf, ihre Sicht der sie umgebenden politischen Institutionen und Figuren und ihr Verhältnis zu jenen immer wieder neu zu reflektieren und darauf achtzugeben, im Rahmen ihres Umgehens mit jenen nicht der eigenen christlichen Identität verlustig zu gehen. Da, wo Staat und Gesellschaft als Mächte in Erscheinung treten, die für sich eine unbedingte Verehrung einfordern, ist jenen in aller Entschiedenheit und kompromisslos entgegenzutreten. Hinzu kommt: Staat und Gesellschaft, politische Gruppen, Parteien, Organisationen und Gruppierungen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, sich für das Wohl anderer zu engagieren, verfügen grundsätzlich über keinerlei soteriologische Qualität und sind aus sich heraus nicht in der Lage, soteriologisch, d.h. im Sinne der Kreation gelingenden Lebens, in Erscheinung zu treten, eine Erkenntnis, die der austro-britische Philosoph Karl Raimund Popper ohne direkten Bezug zur biblischen Überlieferung folgendermaßen formuliert hat: „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle. Dieser Versuch führt zu Intoleranz, zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition“ (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II, Tübingen 1992, 277). Rettung, Hilfe, Heil, Begleitung, Trost, Ermutigung, neue Hoffnung, Perspektiven, die in der verheißenen neuen Welt das Miteinander prägen und bestimmen, sind zwar auch in der bestehenden Welt durchaus bereits erlebbar und erfahrbar,  sind letzten Endes aber nur von Gott selbst zu erwarten, der durch seine Botinnen und Boten bereits in dieser alten, noch bestehenden Schöpfung wirkt und somit im Dunkel des Alten bereits das heilvolle und heilsame Licht des Neuen aufleuchten läßt.

Somit eignet der Perikope Apk 21,1–7 im Kontext der neutestamentlichen Apk letzten Endes eine doppelte theologische Zuspitzung: Einerseits enthüllt sie den Aspekt der Zugewandtheit Gottes als die entscheidende soteriologische Realität, der sich diejenigen, die auf ihn vertrauen, gewiss sein können, die sich allerdings nur für diejenigen realisiert, die sich diesem Gott auch zuwenden. Andererseits möchte sie diejenigen, die aus der Kraft der Zugewandtheit Gottes heraus leben, dazu ermutigen, durch ihr Wirken im Sinne dieser göttlichen Zugewandtheit die neue Schöpfung schon in der alten Realität werden zu lassen.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen: Was hat die Exegese erbracht/angeregt?

Die Exegese bietet für einen sonst eher persönlich empfundenen Predigttext (Vers 4, auch 6b.7a) einen großen, weltgeschichtlich-kosmischen Rahmen mit gut predigbaren, individuellen Folgerungen. So entsteht eine geschlossene Einordnung und Deutung der Perikope. Eine Predigerin / ein Prediger kann sich entscheiden, diese Deutung umzusetzen: kompromisslose Distanz zu den Verlockungen und Inanspruchnahmen der umgebenden Gesellschaft, keinerlei Heilserwartungen an irgendetwas außer Christus. Gottes Zugewandtheit wird deutlich. Am Realwerden der neuen Schöpfung können die Gott Vertrauenden arbeiten.

Gleichzeitig nimmt die Exegese einen sonst plausiblen Rahmen: Können Leid und Tränen nicht gerade aus Bedrängnis (und nicht aus einer Integration in eine pagane Umwelt) kommen? Wer den Kontext z. B. ab Kapitel 17 liest, kann das Leiden, das überwunden wird, gerade von Handlungen wie dem aktiv schädigenden Wirken „Babylons“ / Roms (Kap. 17-19) und dem martialisch geschilderten Weltende (Kap. 19 und 20) kommen sehen. Wird nicht in diesem Sinne „alles neu“, wie die im Text enthaltene Jahreslosung (Vers 5) verheißt? Und selbst wenn die Abwendung von der paganen Umwelt, ihren Verheißungen und Verlockungen die Grundbotschaft der Apk ist, bleibt mit einer früheren Auslegung zur Apk zu fragen, ob die Gesellschaft, in der heute gepredigt wird, nicht doch eine deutlich andere als zur Zeit der Apk sei. Hierfür ist die Exegese offen: Der Text fordert zur Prüfung des Verhältnisses zur Umwelt heraus.

Weitere Fragen an die Exegese ergeben sich z. B. aus dem Hinweis auf die Notwendigkeit, sich aktiv Gott zuzuwenden: Ist hier nicht eine „Selbsttätigkeit“ enthalten, die zwar vielleicht im Sinne des ‚Apokalyptikers‘ oder der pseudonym Verfassenden ist, dennoch einer Rechtfertigungserwartung (in einer Leidenssituation?) ausschließlich von Gott her entgegensteht? Oder erschüttert ein Detail wie der (schon in der Lutherbibel 2017 gegenüber 1984 vollzogene) Wechsel von „Volk“ zu „Völkern“ in Vers 2 nicht die hier angelegte Perspektive des Zusammengehörigkeitsgefühls des (zukünftigen, gemeinsamen, umfassenden) Gottesvolks?

Die Entscheidungen für Auslegung, Gebete und Lieder haben an diesem Sonntag besonderes Gewicht: Der Ewigkeitssonntag ist in den meisten Gemeinden mit der Erinnerung an die Verstorbenen verbunden, auch wenn theoretisch hierfür die Texte des Totensonntags gelten.

2. Thematische Fokussierung: An welchen Punkten fördert die Exegese meine Predigt?

Die Exegese führt also in ein sehr konstruktives Fragen zu bisherigen Wahrnehmungen und Einordnungen zum Predigttext. Die am Ende des exegetischen Abschnitts vorgeschlagene Anknüpfung über Fragen, wo sich Christinnen und Christen zu sehr auf ihre ‚weltliche‘ Umgebung einlassen, wo Unterwerfung unter falsche (Ab-)Götter gefordert oder Weltverbesserung selbst zerstörerisch wird, passt hervorragend in die Gegenwart: politische Systeme, Personen, social media u.a. stellen z. T. den kritisierten Anspruch. Predigende können die exegetische Situationsbeschreibung aufnehmen und die Perikope zum Anlass nehmen, genau diese Fragen zu stellen. Dem Modell der Apk einer irdischen oder diesseitsähnlichen Beschreibung des neu Gewordenen gemäß erscheint solch ein Fragen legitim – der Himmel kommt auf die Erde, in Vollkommenheit aber weiter als Gottes, nicht Menschen-Werk.

An drei Stellen ist vermutlich besondere Sensibilität erforderlich:

  1. Jerusalem ist leider auch in der Gegenwart (geschrieben Juli 2025) Ort religiöser Auseinandersetzungen.
  2. „Volk“ und „Völker“, „Gottesvolk und „andere“ Völker zeigen Zuordnungen auf, die notwendige Differenzen markieren, aber mit den Abgrenzungen auch Fragen nach „Wir“ und „Die“, Heils- und Unheilszuordnung aufwerfen, mit denen reflektiert umzugehen ist.
  3. „Das Erste ist vergangen“ (Vers 4) ist beim Hintergrund eine Bedrängnissituation ersehnter Zustand, stellt bei einer „bloßen“ Warnung vor Integration aber vielleicht erfolgreich Aufgebautes infrage; die inhaltliche Verwerfung von unter widrigen Verhältnissen Aufgebautem löst starke Gefühle aus, eine in Deutschland nach 1990 erlebte Erfahrung, die vielerorts unaufgearbeitet ist.

3. Theologische Aktualisierung: Wie hilft der Text dazu, „jetzt“ von Gott und Christus zur Gemeinde zu sprechen?

Unabhängig davon, welchen Zugang und welche Einordnung man für den Text wählt, sind (mindestens) sieben emotional aufgeladene Stichworte im Hör-Raum:

  1. Neuwerden,
  2. Gottes Nähe,
  3. Gottes-Volk / -Völker-Sein,
  4. ein Ende von Tränen, Tod, Leid, (Angst-) Geschrei, Schmerz,
  5. ein umfassendes Geborgensein, in allen Existenzdimensionen und von ‚Anfang‘ bis ‚Ende‘ in Gott,
  6. die Stillung von ‚Durst‘,
  7. die (Bedingung der?) Überwindung, die in eine als Erbschaft und Kindschaft beschriebene besondere Zugehörigkeit zu Gott führt.

Mit diesen Begriffen wird eine als christlich verstandene Existenzform beschrieben, die zugleich endzeitliches Ziel ist und Trost, Hoffnung und Ermutigung für das „Jetzt“ enthält.

Diese Stichworte sind besonders vor dem Hintergrund schwerwiegend, dass am Letzten Sonntag des Kirchenjahres (Ewigkeitssonntag / Totensonntag) in den allermeisten Gemeinden der Verstorbenen des zu Ende gehenden Kirchenjahres gedacht wird (s. o.). Gottes Nähe kann hier doppelt tröstlich wirken. Eine stark theoretische Analyse könnte am Hörvermögen in dieser Situation vorbeigehen. Die Jahreslosung (v5: Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu“) kann mit dem Gedanken der Geborgenheit der Toten bei Gott im Hintergrund möglicherweise eine tröstliche Deutung verstärken.

Hierzu passen die anderen Texte des Sonntags, wobei das Evangelische Gottesdienstbuch (überarbeitete Auflage 2018 / 2020) wie gesagt unterschiedliche Ordnungen für den Toten- und für den Ewigkeitssonntag anbietet. Zum Ewigkeitssonntag enthält die AT-Lesung Jes 65,17-19(20-22)-25 sehr viele Motive des Predigttextes. Die Epistel ist der Predigttext. Als Evangelium bringt das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, Mt 25,1-13, mit der Versagensmöglichkeit einen anderen, zusätzlichen Akzent in das narrative Gefüge des Gottesdienstes. Der Wochenspruch Lk 12,35 „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen“ bedarf für viele in der Gegenwart Hörende eher der Erklärung. Der Wochenpsalm 126 enthält stark das tröstliche Element und würde, ließe man die alte Deutung zu, an eine Verfolgungssituation anknüpfen – wie sie vielleicht mit Geflüchteten in der Gemeinde gegeben ist.

4. Wie prägt der Text den Sonn- oder Feiertag im Kirchenjahr?

Kirchenjahreszeitlich schließt der Ewigkeitssonntag die ‚nachdenklich‘ geprägte Reihe vom Volkstrauertag über den Buß- und Bettag hin zum Kirchenjahresende ab und steht vor der als Neuaufbruch oder Besinnungszeit feierbaren Adventszeit. Auf das verbreitete Totengedenken, auch mit den gut zueinander passenden Texten des Ewigkeitssonntags, wurde schon eingegangen. Die Perikope der Reihe II, also der vorliegende Text, passt vermutlich besonders gut zu diesem Aspekt des Sonntags (z. B. Trost in Vers 4). Die Wochenlieder EG 147 / 535 „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ oder EG 153 „Der Himmel, der ist“ passen gut. Die liturgische Farbe Weiß fällt vielleicht manchen auf.

Liedvorschläge: Zum Eingang passen EG 152 „Wir warten dein, o Gottessohn“ oder EG 450 „Morgenglanz der Ewigkeit“. Der gut zum Text- und Bedeutungsgefüge passende Psalm der Woche könnte gut mit EG 298 „Wenn der Herr einst die Gefangenen“ verstärkt werden, es besteht aber die Gefahr einer Doppelung. Im Verlauf des Gottesdienstes könnte das Adventslied EG 7 „O Heiland, reiß die Himmel auf“ die Dynamik der Veränderung (Neuwerden) unterstützen und LW 53 „Du bist da“ die Geborgenheit gerade im Predigttext aufnehmen und ausdrücken.

Vielleicht ist es für eine Predigthilfe unpassend, aber ich möchte den Predigenden die Perikope besonders ans Herz legen, da sie aus pfarramtlicher und Seelsorgeerfahrung für viele eine sehr starke Trostwirkung entfaltet.

5. Weitere Anregungen bzw. schreib- und Inszenierungsimpulse für Predigende

Entsprechend sei den Predigenden gewünscht, dass sie ihre ganze Glaubensüberzeugung, die durch Lebenserfahrungen geprüft sein dürfte, der Gemeinde in der Predigt und den Gebeten mitgeben – nicht überstülpen oder aufdrängen, aber die ruhige Stärke des Textes fruchtbar werden lassen können. Meditativ und tröstend erscheint nach Exegese und Resonanzen ein gut geeigneter Predigtstil für Apk 21,1-7.

Autoren

  • Prof. Dr. Thomas Witulski (Einführung und Exegese)
  • Dr. Andreas Ohlemacher (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500224

EfP unterstützen

Exegese für die Predigt ist ein kostenloses Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft. Um dieses und weitere digitale Angebote für Sie entwickeln zu können, freuen wir uns, wenn Sie unsere Arbeit unterstützen, indem Sie für die Bibelverbreitung im Internet spenden.

Jetzt spenden

Entdecken Sie weitere Angebote zur Vertiefung

VG Wort Zählmarke
Deutsche Bibelgesellschaftv.4.46.1
Folgen Sie uns auf: