Deutsche Bibelgesellschaft

Markus 14,(1-2)3-9 | Palmsonntag | 29.03.2026

Einführung in das Markusevangelium

Das Markusevangelium (MkEv) wird – mit und seit Aufkommen der sog. Markuspriorität in der Evangelienforschung im ersten Drittel des 19. Jhs. – für die Grundform der Evangelienerzählung, also deren Prototyp gehalten. Ob Matthäus und Lukas die uns vorliegende kanonische Fassung des MkEv, eine Vorform oder eine spätere Form, also einen sog. Proto- oder Deuteromarkus, kannten, ist im Rahmen der Erforschung der Zwei-Quellen-Theorie weiterhin umstritten. Unabhängig von Fragen der Quellenforschung schärft der Blick auf die Seitenreferenten Matthäus und Lukas das Augenmerk für die Erzählinteressen des Markus: Der früheste Evangelist macht die „Anfänge des Evangeliums“ beim Wirken des Täufers fest (Mk 1,4-11) und konzentriert sich ganz auf die Verkündigung Jesu (Mk 1,14ff.).

1. Verfasser

Im Unterschied zum „Erfinder“ der frühchristlichen Briefform, Paulus, bleibt der Verfasser des ältesten Evangeliums anonym und im Dunkeln – er ist uns weder namentlich noch biographisch näher bekannt. Vier Spuren führen zu seinem Autorenprofil und so zu seiner möglichen Identität.

  1. Der Autor im Spiegel altkirchlicher Traditionen und Zeugnisse: Die frühesten Papyrushandschriften, die Teile des MkEv bezeugen (P 137 [2./3. Jh.: Mk 1,7-9.16-18] und P 45 [3. Jh.: Mk 4,36-12,28 in Teilen] (vgl. ECM I,2), enthalten keine inscriptio und somit keinen Hinweis auf eine Autorkennzeichnung. Erst in den ältesten Vollbibelhandschriften (Sinaiticus, Vaticanus) aus dem 4. Jh. (s.: https://ntvmr.uni-muenster.de/ecm ) wird das MkEv mit ΚΑΤΑ ΜΑΡΚΟΝ überschrieben – damit ist zwar kein Autorenname gesetzt, aber eine Zuschreibung zu einem gewissen „Markus“ vorgenommen. Nach Papias von Hierapolis (erstes Drittel des 2. Jhs.) war „Markus“ der Dolmetscher des Petrus in Rom (s. auch 1 Petr 5,13). Diese Zuordnung rückt den Verfasser in eine Nähe zu Petrus (s. Mk 8,27-33; 9,2-10; 1,29-31) und verortet sein Werk in Rom.
  2. Der Autor und seine Werkkonzeption: Markus entwickelt die Evangelienform als Erzählung über die „Anfänge des Evangeliums“ (Mk 1,1) und stellt das öffentliche Wirken Jesu unter diese Überschrift. Er knüpft damit an den zentralen paulinischen Begriff des „Evangeliums“ an (z.B. 1 Kor 15,1; Röm 1,1.15).
  3. Der Autor und sein Schreibstil: Markus schreibt Koine-Griechisch und neigt zu einem parataktischen Stil, der in der früheren Forschung als volkstümlich galt. Typische Stilmerkmale sind ein kaum variierender Wortschatz und ein lebhafter Wechsel der Zeitformen mit einer Vorliebe für erzählende Präsensformen (Alkier/Paulsen 2021). Markus zeigt aber durchaus Kenntnis der Progymnasmata (Mortensen 2023), also der literarischen Einübung in rhetorische Grundformen.
  4. Der Autor und seine religionsgeschichtliche Prägung: Markus ist mit Orten und Landschaften in Galiläa, besonders Kapernaum, vertraut und weitet den Blick auf Syrophönizien (Mk 7,24ff.) und „alle Welt“ (Mk 14,9). Beim Jerusalem-Aufenthalt Jesu fokussiert Markus auf dessen (kritische) Haltung zum Tempel (Mk 11-15). Bei der Diskussion über „rein und unrein“ setzt Markus trennende Speisevorschriften außer Kraft (Mk 7,19). Markus hält an der Erwartung einer baldigen Wiederkunft Jesu (im Anschluss an die Tempelzerstörung) fest (Mk 13,24-27).

Aus der Spurensuche, die einer Indizienkette gleicht, ergibt sich das Bild eines nicht-ungebildeten Autors, der breite Kenntnis frühchristlicher Traditionen und eine Vorliebe für Galiläa hat, aber zugleich eine universale Perspektive für die Verkündigung Jesu und die Ausbreitung des Evangeliums entwickelt. Er denkt und schreibt im Schatten der Ereignisse des Jahres 70 (Tempelzerstörung).

2. Adressaten

Die Evangelien bieten – mit Ausnahme von Lk 1,3 (s. auch Apg 1,1) – keine deutlichen Hinweise auf ihre Adressaten(gruppen). Markus hat offenbar ein Adressatenkollektiv (Mk 13,5bff.) im Blick, das lesen kann (Mk 13,14), aber Erklärungen zur aramäischen/hebräischen Begriffen (z.B. Mk 7,11), Bräuchen (Mk 7,3) und Ortsangaben (Mk 15,22) benötigt. Anders als für Paulus oder Matthäus stehen für Markus der νόμος und dessen Auslegung nicht im Zentrum von Theologie oder Ethik. Wichtig dagegen ist das Thema der Nachfolge (schon Mk 1,16-20), das Markus als Kreuzesnachfolge (Mk 8,34-9,1) im Horizont einer universalen Evangeliumsverkündigung (Mk 13,9-13; 14,9) versteht. Markus scheint primär mit einem Lesepublikum (Mk 13,14) zu rechnen, das seine Wurzeln in der hellenistischen, vielleicht sogar hellenistisch-römischen Welt (Mk 15,39), d.h. jedenfalls außerhalb Palästinas hat, also eher „heidenchristlich“ geprägt ist.

3. Entstehungsort

Markus zeigt eine gute (z. B. Mk 1,21), aber nicht fehlerfreie (z. B. Mk 5,1) Kenntnis der Orte und Landschaften Galiläas. Dies könnte auf eine Komposition seiner Evangelienschrift im benachbarten syrischen Raum hinweisen, vielleicht sogar auf Pella, wohin die Jerusalemer Gemeinde nach 70 floh (Eusebius h e 3,5). Die Rom-Hypothese kann sich u.a. auf die patristische Tradition über Petrus und Markus stützen (s.o.), lässt aber offen, warum Markus z.B. bei römischen numismatischen Daten (Mk 12,42) ungenau ist (G. Theißen).

4. Wichtige Themen

In der synoptischen Forschung der letzten Jahre wurden besonders

  1. Gattungsfragen (Mythos, aitiologische Erzählung, Biographie, personenzentrierte Historiographie: s. ZNT [2021]) diskutiert. In diesem Zusammenhang wurden der sprachliche und literarische Gestaltungswille des Markus herausgestellt sowie
  2. Fragen zu seiner Erzähltechnik („episodischer Erzählstil“: G. Guttenberger; C. Breytenbach) erörtert.
  3. Bei der theologischen Erschließung der frühesten Evangelienschrift stehen die Themen Nachfolge bzw. Jüngerschaft, Eschatologie und christologische Identitätsdiskurse im Vordergrund.
  4. Umstritten bleibt die Frage, ob Markus ein „‚Antievangelium‘ zum Aufstieg der Flavier“ konzipierte (z.B. G. Theißen, S. 69; ZNT) oder einen von der Weltpolitik weitgehend unabhängigen Entwurf einer Zeitgeschichtsschreibung bietet (E.-M. Becker).

5. Besonderheiten

Markus erzählt eilig (Καὶ εὐθὺς: Mk 1,10.12 etc.). Er schafft eine Ereignisgeschichte (ἐγένετο: Mk 1,4 etc.), die nur wenige Wochen an erzählter Zeit umfasst (Mk 2,23; 14,1) und immer wieder Züge eines proklamatorischen Textes trägt, also nicht nur über die Verkündigung Jesu berichtet, sondern selbst auch verkündigt (Mk 1,1.14f.; 4,3ff.; 13,5bff.). Die Erzählung reicht vom erfolgreichen Wirken Jesu in Galiläa in Worten und Taten (bes. Exorzismen und Wundergeschichten) bis zu dessen augenscheinlichem Scheitern als Gekreuzigtem in Jerusalem. Obwohl Markus die Ostererscheinungen im Modus einer Ankündigung belässt – Jesus wird erst noch Petrus und den anderen Jüngern in Galiläa erscheinen (Mk 16,7) –, ist seine Evangelienerzählung von Anfang an eine Jesus-Christus-Geschichte (Mk 1,1; 8,29). Die Jesus-Christus-Erzählung wird in einer andauernden Spannung von Offenbarmachung und Verborgenheit Jesu (z.B. Mk 4,10-12), Verstehen und Missverstehen, Nachfolge und Verrat vorangetrieben, in die alle Erzählfiguren einbezogen sind (Jünger, Kranke, Dämonen, König Herodes, Kenturio etc.). Fand die ältere Forschung im MkEv eine „Messiasgeheimnistheorie“ (W. Wrede), führt die gegenwärtige Exegese die Spannung, in der die Identität Jesu enthüllt oder verhüllt wird, auf unterschiedliche christologische Vorstellungen und Titel zurück, die Markus der Tradition entnimmt und miteinander verknüpft. So liegt im christologischen Diskurs („Wer ist dieser?“ z.B. Mk 4,41) das Gravitationszentrum markinischer Theologie.

Literatur

  • Alkier, S./Paulsen, T. (2021), Die Evangelien nach Markus und Matthäus. Neu übersetzt. Frankfurter Neues Testament Bd. 2. Paderborn: Brill/Schöningh. (Zur Sprache und zum Stil des MkEv).
  • Becker, E.-M. (2017), Der früheste Evangelist. Studien zum Markusevangelium. WUNT 380. Tübingen: Mohr Siebeck. (Zu Fragen von Gattung und Geschichtskonstruktion).
  • Guttenberger, G. (2017), Das Evangelium nach Markus. ZBK.NT 2. Zürich: Theologischer Verlag. (Neuerer Kommentar)
  • Mortensen, J.P.B., ed. (2023), Genres of Mark. Reading Mark’s Gospel from Micro and Macro Perspectives. SANt 9. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. (Beiträge zu Markus im Rahmen der antiken Progymnasmata).
  • Strutwolf, H. et al. 2021. Editio Critica Maior (ECM) I. The Synoptic Gospels. 2 The Gospel According to Mark. Vol. 1–3. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft. (Große Ausgabe zur Texterforschung).
  • Theißen, G. (2002), Das Neue Testament. München: C.H. Beck. (Knappe Einführung in die Entstehung der Evangelien).
  • Themenheft Markusevangelium, in: ZNT 24, Heft 47 (2021). (Fragen zur gegenwärtigen Markusforschung).

A) Exegese kompakt: Markus 14,(1-2)3-9

1Ἦν δὲ τὸ πάσχα καὶ τὰ ἄζυμα μετὰ δύο ἡμέρας. καὶ ἐζήτουν οἱ ἀρχιερεῖς καὶ οἱ γραμματεῖς πῶς αὐτὸν ἐν δόλῳ κρατήσαντες ἀποκτείνωσιν· 2ἔλεγον γάρ· μὴ ἐν τῇ ἑορτῇ, μήποτε ἔσται θόρυβος τοῦ λαοῦ.

3Καὶ ὄντος αὐτοῦ ἐν Βηθανίᾳ ἐν τῇ οἰκίᾳ Σίμωνος τοῦ λεπροῦ, κατακειμένου αὐτοῦ ἦλθεν γυνὴ ἔχουσα ἀλάβαστρον μύρου νάρδου πιστικῆς πολυτελοῦς, συντρίψασα τὴν ἀλάβαστρον κατέχεεν αὐτοῦ τῆς κεφαλῆς. 4ἦσαν δέ τινες ἀγανακτοῦντες πρὸς ἑαυτούς· εἰς τί ἡ ἀπώλεια αὕτη τοῦ μύρου γέγονεν; 5ἠδύνατο γὰρ τοῦτο τὸ μύρον πραθῆναι ἐπάνω δηναρίων τριακοσίων καὶ δοθῆναι τοῖς πτωχοῖς· καὶ ἐνεβριμῶντο αὐτῇ. 6Ὁ δὲ Ἰησοῦς εἶπεν· ἄφετε αὐτήν· τί αὐτῇ κόπους παρέχετε; καλὸν ἔργον ἠργάσατο ἐν ἐμοί. 7πάντοτε γὰρ τοὺς πτωχοὺς ἔχετε μεθ’ ἑαυτῶν καὶ ὅταν θέλητε δύνασθε αὐτοῖς εὖ ποιῆσαι, ἐμὲ δὲ οὐ πάντοτε ἔχετε. 8ὃ ἔσχεν ἐποίησεν· προέλαβεν μυρίσαι τὸ σῶμά μου εἰς τὸν ἐνταφιασμόν. 9ἀμὴν δὲ λέγω ὑμῖν, ὅπου ἐὰν κηρυχθῇ τὸ εὐαγγέλιον εἰς ὅλον τὸν κόσμον, καὶ ὃ ἐποίησεν αὕτη λαληθήσεται εἰς μνημόσυνον αὐτῆς.

Markus 14,1-9NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

(1 Es fanden aber das Passahfest und das Fest der ungesäuerten Brote in zwei Tagen statt. Und die führenden Priester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn, nachdem sie ihn mit einer List in (ihre) Gewalt gebracht hätten, töten sollten. 2 Sie sagten nämlich: ‚Nicht beim Fest, damit nicht etwa ein Volksaufstand sein werde.‘ 3 Und als er in Bethanien im Haus Simons, des Leprakranken, war und zu Tisch lag, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß mit echtem, kostbarem Salböl (aus der) Nardenpflanze, und sie schüttete (das Salböl), nachdem sie das Alabastergefäß zerschlagen hatte, auf seinen Kopf. 4 Es wurden aber einige unwillig (und sagten) zu einander: ‚Wozu ist diese Vergeudung des Salböles geschehen? 5 Es wäre nämlich möglich (gewesen), dass dieses Salböl für mehr als dreihundert Denare verkauft und den Armen gegeben worden wäre.‘ Und sie machten ihr heftige Vorwürfe. 6 Jesus aber sagte: ‚Lasst sie! Was macht Ihr ihr Mühen? Ein gutes Werk hat sie an mir getan. 7 Immer nämlich habt Ihr die Armen mit Euch, und könnt, wann immer Ihr wollt, ihnen wohltun. Mich aber habt Ihr nicht immer. 8 Was sie konnte, hat sie getan. Sie hat vorweggenommen, meinen Körper auf das Begräbnis hin zu salben. 9 Amen, ich sage Euch aber: Wo auch immer das Evangelium verkündigt wird für die Welt als ganze, wird auch, was diese getan hat, erzählt werden zur Erinnerung an sie.‘

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 1: Ἦν δὲ τὸ πάσχα καὶ τὰ ἄζυμα μετὰ δύο ἡμέρας: Der Doppelhinweis auf Passahfest und Mazzot, die zusammengefeiert werden konnten, ist nicht unüblich (vgl. z.B. Josephus, Ant. 14,21); der geschichtsschreibende Erzählfaden wird mit dieser Datierung wiederaufgenommen: das Passahfest beginnt in der Nacht zum 15. Nisan – der „Todesbeschluss“ erfolgt zwei Tage zuvor und soll möglichst schnell ausgeführt werden;

V. 1 und 3: Codex D, eine wichtige Bibelhandschrift aus dem 4. Jahrhundert, lässt eine Reihe von zusätzlichen Informationen weg (καὶ τὰ ἄζυμα und ἐν δόλῳ und νάρδου πιστικῆς πολυτελοῦς) und verknappt so die Erzählung zu Beginn – mit teils weitreichenden christologischen Implikationen (s.u.);

V. 3: ἔχουσα ἀλάβαστρον μύρου νάρδου πιστικῆς πολυτελοῦς: Nardenöl – in Alabastergefäßen aufbewahrt – galt als „kosmetisches Mittel der Oberschicht“ (G. Guttenberger, 325); das Partizip ἔχουσα kann unübersetzt bleiben;

V. 3: αὐτοῦ τῆς κεφαλῆς: auch hier bieten verschiedene Handschriften variierende Lesarten dazu, wie das Nardenöl auf Jesu Kopf ausgegossen wird;

V. 4: ἦσαν δέ τινες ἀγανακτοῦντες πρὸς ἑαυτούς: hier bieten verschiedene Handschriften variierende Lesarten, die insbesondere die Gruppe der τινες zu erläutern suchen, und zwar als solche aus dem Jüngerkreis (so Codex W, eine Bibelhandschrift aus dem 4. Jahrhundert) oder noch direkter D);

V. 5: ἐπάνω δηναρίων τριακοσίων: mehr als 300 Denare gingen über das Jahresgehalt eines Lohnarbeiters hinaus;

V. 8: ὃ ἔσχεν ἐποίησεν: Die Wendung lässt sich entweder so verstehen, dass die namenlose Frau das Einzige getan hat, was für Jesus angesichts seines bevorstehenden Todes noch getan werden kann, oder, dass sie – ähnlich wie die arme Witwe in Mk 12,41-44 – ihren ganzen Besitz eingesetzt hat (vgl. auch dazu G. Guttenberger, 324);

V. 9: τὸ εὐαγγέλιον: meint Markus hier seine eigene Evangelienschrift?

2. Literarische Gestaltung

In Mk 14,(1-2)3-9 holt Markus seine Leserinnen und Leser in die erzählte Zeit zurück, die von der Datierung in 14,1 her ihren Ausgangspunkt bis 15,47 hin nimmt. Von jetzt an ist die erzählte Zeit passionsbestimmt: Mk 14,1-16,8 gelten als Textzusammenhang, was für die Bedeutung der zeichenhaften Salbungshandlung durch die namenlose Frau entscheidend ist (s.u.). 14,1-2.3-9 sind mit der Evangelienerzählung im engeren und weiteren Kontext eng verwoben: Jesus war – von Betfage und Betanien aus – nach Jerusalem gekommen (seit 11,1), war als bescheidener König in die Stadt eingezogen (11,7ff.), hatte mit seiner Tempelaktion (11,15-19) sowie mit seinen schriftgelehrten Gesprächen in Tempelnähe Aufsehen erregt (11,27ff.) und sich dabei nicht geringen Eindruck verschafft (12,28). Schließlich hatte er sich mit seinem engsten Jüngerkreis (bestehend aus den beiden Brüderpaaren Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes; s. 1,16-20) auf den Ölberg zurückgezogen (13,3). Dort hatte er sie – auf ihr eigenes Fragen hin – über den Zeitpunkt der Zerstörung des Tempels, die Zeichen der Endzeit bis zur Wiederkehr des Menschensohnes (13,24-27) und das vorherige „Muss“ der Verkündigung des Evangeliums „unter allen Völkern“ (13,10) unterrichtet. Die Endzeitrede des Markus, die mit einer aufmerksamen Leserschaft rechnet (13,14), endete mit dem Appell: „Wachet!“ (13,37). Dass das erfolgreiche Wirken Jesu in Galiläa und Jerusalem tödlich enden würde, weiß die markinische Leserschaft bereits seit 3,6 (vgl. später auch 11,8; 12,12). In seiner ersten Leidensankündigung, die wie ein Kontrapunkt auf das Christus-Bekenntnis des Petrus (8,27-30) folgte, welches wiederum die mehrfach debattierte Identität Jesu endlich zu enthüllen schien, ließ Markus Jesus auch seinen Jüngerkreis an dem Vorauswissen von Tod und Auferstehung teilhaben (8,31-33). Die markinische Leserschaft ist erzählerisch vorbereitet und erfährt nunmehr in Mk 14,1f. – die beiden Verse sollten daher aus der Perikope nicht abgetrennt werden! –, wann und unter welchen Umständen Jesus in Jerusalem zu Tode kommen würde. Wieder ist die für das markinische Erzählen typische Eile geboten: „Nicht beim Fest“ sollte Jesus ergriffen werden. Denn ein Tumult im Volk war zu vermeiden. Doch das Passahfest war nah. Aus Sicht der „führenden Priester und Schriftgelehrten“ musste also schnell gehandelt werden.

3. Kontext und historische Einordnung

Jesus hielt sich in zeitlicher Nähe zum Passahfest mit seinen Jüngern in Jerusalem auf. In Betanien war er – wie über die synoptischen Evangelien hinaus auch Johannes zu berichten weiß (Joh 11) – sozial verankert. Im Haus des Leprakranken Simon, der sonst nur in den Evangelien aus dem Paralleltext in Mt 26,6, bekannt ist, erhielt die zu Tisch liegende (männliche) Gruppe Besuch von einer namenlosen, offenbar wohlhabenden Frau. Sie kam in das Haus ohne Anliegen und salbte gleichsam ungefragt Jesu Kopf mit einem kostbaren Nardenöl, das aus Indien importiert worden sein könnte, und aromatisch und würzig duftete. Stehen zudem die inzwischen wohl überstandene Leprakrankheit des Hausherrn Simon und das Nardenöl der namenlosen Frau assoziativ in Zusammenhang? Das Verhalten der Frau wirkte – wohl in verschiedener Hinsicht – anstößig. Explizite Vorwürfe werden von „einigen“, die ein Teil der Handschriften als Jünger Jesu identifizieren (s.o.), allerdings nur im Blick darauf laut, dass die Handlung als Vergeudung erscheint. Die 300 Denare hätten auch der Armenfürsorge zugutekommen können – ein ethisches Argument, das sonst auch Jesus vertrat (10,21). Wie schon in Mk 12,41-44 erweist sich Jesus erneut als derjenige, der sich in besonderer Weise um Frauen sorgt. Denn er verhilft der Frau in dreifacher Hinsicht zu ihrem „Recht“: Er nimmt die Namenlose vor dem Unmut der Beistehenden in Schutz; er schätzt ihre Handlung, würdigt deren zeichenhafte Bedeutung und wertet sie höher als jede Armenfürsorge; er macht die Frau und ihre Handlung zum Gegenstand fortdauernder christusbezogener Erinnerung (memoria). Mit dem Amen-Wort Jesu in 14,9, das die Erzählperspektive, aus der Markus kurz nach 70 n.Chr. schreibt, sichtlich spiegelt und daher auf den Evangelisten selbst zurückgehen dürfte (D. Lührmann, 233), wird die Szene im Haus des Simon in Betanien abgeschlossen. Insgesamt wird der Szene allerdings ein älterer vormarkinischer Traditionskern zugrunde liegen, da über die Parallele in Matthäus hinaus (Mt 26,6ff.) auch Lukas (Lk 7,36ff.) und Johannes (Joh 12,1ff.) teils eigenständige Erzählungen über die Salbung (von Jesu Füßen) kennen – Letzterer lässt diese Salbung ebenfalls in Betanien (im Anschluss an den Tötungsbeschluss des Hohen Rates: Joh 11,47ff.) stattfinden; Lukas dagegen nimmt die Salbung aus dem Passionszusammenhang heraus. Dass die Salbungserzählung schon in den Anfängen der Überlieferung die Passionsgeschichte eröffnet hätte, wird daher von der Markusexegese gemeinhin bezweifelt (z.B. A. Yarbro Collins, 625). Die szenische Erzählung ist eher hinzugekommen. Typologisch betrachtet lässt sich die Salbung in Betanien kaum als Königssalbung verstehen – eine solche wäre nicht mit Nardenöl vorgenommen worden (G. Guttenberger, 325). Interessanterweise verzichtet die Handschrift D auf die entsprechende ausführliche Beschreibung des Öls (s.o.) und lässt somit die Deutung als Königssalbung zu. War die Salbung als persönlicher Schmuck für ein fröhliches Fest gedacht (A. Yarbro Collins, 642 mit Hinweis auf Am 6,6; Ps 22,5; Jes 25,6f.LXX)? Die Deutung, die der (markinische) Jesus der Salbung gibt, ist ganz auf sein Begräbnis bezogen. Die namenlose Frau nimmt mit der Salbung gewissermaßen vorweg, was die drei Frauen, die nach dem Sabbat zum Grab Jesu kommen werden, um den Leichnam mit wohlriechenden Ölen zu salben (Mk 16,1), nicht mehr werden tun können: Sie werden das Grab leer vorfinden (Mk 16,5f.). Die Salbung Jesu durch die namenlose Frau ersetzt indes die später unmöglich gewordene Totensalbung nicht nur, sondern überbietet sie gewissermaßen sogar: Das kostbare Nardenöl, mit dem Jesu Kopf gesalbt wird, ist kostspielig und kommt dem noch lebenden Mann zugute, der nur wenig später die Dornenkrone tragen muss (Mk 15,17).

4. Schwerpunkte der Interpretation

Die episodische Erzählung von der Salbung Jesu in Betanien (Mk 14,3-9) im Anschluss an den Tötungsbeschluss jerusalemer Autoritäten (Mk 14,1f.) leitet im Aufriss des Markusevangeliums die Folge der Passionsereignisse unwiderruflich ein. Trotz oder wegen aller Erfolge Jesu steht der Leserschaft seit 3,6 ein gewaltsames Todesschicksal Jesu vor Augen. Die Erzählung ist ganz an die Handlung der Frau gebunden und ermöglicht es daher, Frauenforschung und feministische Exegese gewinnbringend in die Exegese miteinzubeziehen (vgl. E. Schüssler Fiorenza). Zudem erfüllt die Erzählung eine doppelte Funktion in der Evangelienschrift: Mit der Salbung nimmt die namenlose Frau in Betanien zum einen das vorweg, was nach Jesu Tod mit seinem Leib nicht mehr getan werden kann und auch nicht mehr getan werden muss: „Er ist auferstanden! Er ist nicht hier!“ (Mk 16,6) Markus macht aber deutlich: Der würdevolle Umgang mit seinem Leib wurde Jesus nicht verwehrt, sondern wurde ihm sogar in überbordendem Maße schon vor seinem Leidensweg zuteil. Der Kopf, auf den ihm wenig später die Dornenkrone gesetzt werden wird (Mk 15,17), wurde zuvor mit Nardenöl gesalbt. Zum anderen nimmt Markus seine Leserschaft in die Jetztzeit der Evangeliumsverkündigung mit: Dass die namenlose Frau erinnert wird, zeigt, wie sich Jesu Voraussage der memoria im Rahmen der weltweiten Verkündigung des Evangeliums (Mk 13,10) an ihr bereits erfüllt hat (Mk 14,9). In der Salbungshandlung wird eine Liebestat an Jesus in seiner körperlichen Präsenz geübt, die dieser höher gewichtet als alles andere: Denn solange Jesus und somit der Bräutigam da ist, sind der Feier seiner Präsenz alle anderen Dinge – das Fasten etwa (Mk 2,18-21) oder sogar die Armenfürsorge (Mk 10,21), die sonst wichtiger Kernbestand der Botschaft Jesu war (vgl. Lk 6,20) – dem unterzuordnen (Mk 14,7).

5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt

Auch wenn die namenlose Frau nicht selbst spricht, erfüllen sie und ihr Nardenöl sinnbildhaft den Raum – das Aroma lässt sich erahnen. Vor der Frau steht und vor sie stellt sich Jesus. Sie, die Verwirrung und Ärgernis im Haus des einstigen Leprakranken stiftet, wird von Jesus geschützt. Denn sie begreift, was die körperliche Präsenz Jesu bedeutet. Noch ist Jesus da – dieser Einsicht die nahe (Mk 14,10-15,47) und die fernere Zukunft (Mk 14,9) in der Gemeinschaft der Jesus-Nachfolge unterzuordnen, ist das von Jesus selbst gegebene „Gebot“ der Stunde. Am Palmsonntag lässt sich – im Sinne einer ereignisgeschichtlichen Betrachtung des Kirchenjahres – die leibliche Präsenz Jesu, die der Karfreitag beenden wird, umso fröhlicher erinnern und würdevoller feiern.

Weiterführende Literatur:

  • E.-M. Becker, „Was die ‚arme Witwe‘ lehrt: Sozial- und motivgeschichtliche Beobachtungen zu Mk 12,41-4par.“, in: NTS 65 (2019), 148-165.
  • G. Guttenberger, Das Evangelium nach Markus (ZBK.NT 2; Zürich: Theologischer Verlag: 2017).
  • D. Lührmann, Das Markusevangelium (HNT 3; Tübingen: Mohr Siebeck, 1987).
  • E. Schüssler Fiorenza, In Memory of Her: A Feminist Theological Reconstruction of Christian Origins (New York: Crossroad Publishing Company, 1983).
  • A. Yarbro Collins, Mark. A Commentary (Hermeneia; Minneapolis: Fortress, 2007).

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Seit meiner Kinderbibellektüre ist mir die Szene vor Augen: Eine Frau, die völlig überraschend, schnell und energisch in einer eher von Männern dominierten Runde auftaucht. Sie bricht den Kopf eines Flacons ab und schüttet wertvollstes Duftöl auf Jesu Haupt. Dann wandert der Lichtkegel der Aufmerksamkeit schon weiter auf die Männer, die ihr Tun missbilligen. Schließlich spricht Jesus – wobei mich seine Rede nie überzeugt hat. Die nüchterne Vergleichsnennung „Jahreseinkommen“ der Exegese hat mein Unbehagen dieser Verschwendung gegenüber eher vertieft als gelöst: Wenn ich auch nur einen Jahreslohn unterhalb aller Steuergrenzen von etwa 12.000 € annehme, dann ist mir das viel zu viel für einen Moment der Salbung.

Neu verstanden habe ich: Dass duftendes Öl die Haare Jesu tränkte, bevor Tränen und Schweiß und Blut dazukamen. Ja, der Leichnam, der vom Kreuz abgenommen wurde, hatte ein gesalbtes Haupt. Vielleicht war ja noch eine Spur des Duftes zu erahnen?

Und: Wie eingehend das Handeln dieser Unbekannten von Jesus gewürdigt wird, das muss festgehalten und beachtet werden.

2. Thematische Fokussierung

Selbst unsere westlichen Gesellschaften übersehen Frauen noch oft, nehmen ihr Handeln nicht ernst, kritisieren voreilig. In anderen Ecken der Welt sieht es eher schlechter als besser damit aus. Ein unkonventionelles Verhalten einer Frau wird gerne missbilligt, kein Wunder, dass Lukas aus ihr eine Sünderin macht (Lukas 7,37) (freilich: Auch bei Lukas erfährt sie von Jesus Annahme und Rechtfertigung!)

In der Markusversion wird ein überraschendes, unerklärliches Verhalten einer Frau nüchtern geschildert. Und Jesus akzeptiert diese unerbetene Wohltat. Er nimmt die Unbekannte in Schutz, fordert ein freundliches Verhalten ihr gegenüber ein, würdigt ihr Handeln für jetzt und für die Zukunft. Von Jesus kommt kein „ja, aber…“, sondern eine umfassende Wertschätzung ihres Tuns.

3. Theologische Aktualisierung

Markus 14,7 spricht aus, was seit der Auferstehung und erst recht seit der Himmelfahrt der Fall ist: „Mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Die Gegenwart des Auferstandenen ist denen zugänglich, die sich den „Geringsten“ (Mt 26) zuwenden – hier kommen die Armen wieder ins Spiel! – und dem Glauben, der sich an Wort und Sakrament hält. Wo finden wir also eine Strukturanalogie zur Tat der Frau? Vielleicht ist es die großzügige Spenderin, die die neue Orgel der Kirchengemeinde zu einem Drittel bezahlte. Vielleicht ist es Frank Zander, der jedes Jahr zu Weihnachten die Berliner Obdachlosen mit feinem Essen in feiner Umgebung versorgt. Vielleicht sind es die, die für den Zusammenhalt einer Gemeinde sorgen, im Kuchenbacken und Gespräche führen, in Anlehnung an Psalm 133 „Siehe, wie fein ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen! Es ist wie das feine Salböl…“

4. Bezug zum Kirchenjahr

Die Evangelienlesung vom Einzug Jesu in Jerusalem nach dem Johannesevangelium (Joh 12,12-19) benennt das ganz besondere Königsein Jesu, das sich in der Salbung widerspiegelt. Zusätzlich klingt an, was Mk 14,1-2 aufgenommen wird: Die Nähe des Passahfestes und der Wunsch bestimmter Kreise, Jesus loszuwerden. Die Epistel, der bedeutende Hymnus von der Selbsthingabe Christi und seiner Erhöhung (Phil 2,5-11), bildet einen guten Rahmen zur Einordnung von Mk 14. Der „Name, der über allen Namen ist“ wurde in der teuren Salbung schon duftende Realität.

Diese unglaubliche Großzügigkeit, die keine Gegenleistung fordert, die nicht berechnet, die einfach nur gibt, die Schönes, Wertvolles, Wohlriechendes gibt – die hat die Welt ein bisschen besser gemacht. Eine Hingabe, die sich in Jesu Selbsthingabe spiegelt.

5. Anregungen

Diese Erzählung muss nacherzählt werden. Wenn der Predigttext trotzdem gelesen wird, bietet sich eine zusätzliche Perspektive an: Die eines Jüngers, der da richtig etwas gelernt hat. Oder die einer jungen Dienerin, die sich angenommen fühlt in der Beobachtung der Szene. Beide könnten im Rückblick erzählen: als Christenleute Ende der dreißiger Jahre in Jerusalem.

Autoren

  • Prof. Dr. Eve-Marie Becker (Einführung und Exegese)
  • Dr. Bianca Schnupp (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500180

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