Markus 14,(1-2)3-9 | Palmsonntag | 29.03.2026
Einführung in das Markusevangelium
Das Markusevangelium
1. Verfasser
Im Unterschied zum „Erfinder“ der frühchristlichen Briefform, Paulus, bleibt der Verfasser des ältesten Evangeliums anonym und im Dunkeln – er ist uns weder namentlich noch biographisch näher bekannt. Vier Spuren führen zu seinem Autorenprofil und so zu seiner möglichen Identität.
- Der Autor im Spiegel altkirchlicher Traditionen und Zeugnisse: Die frühesten Papyrushandschriften, die Teile des MkEv bezeugen (P 137 [2./3. Jh.: Mk 1,7-9.16-18
] und P 45 [3. Jh.: Mk 4,36-12,28 in Teilen] (vgl. ECM I,2), enthalten keine inscriptio und somit keinen Hinweis auf eine Autorkennzeichnung. Erst in den ältesten Vollbibelhandschriften (Sinaiticus, Vaticanus) aus dem 4. Jh. (s.: https://ntvmr.uni-muenster.de/ecm ) wird das MkEv mit ΚΑΤΑ ΜΑΡΚΟΝ überschrieben – damit ist zwar kein Autorenname gesetzt, aber eine Zuschreibung zu einem gewissen „Markus“ vorgenommen. Nach Papias von Hierapolis (erstes Drittel des 2. Jhs.) war „Markus“ der Dolmetscher des Petrus in Rom (s. auch 1 Petr 5,13 ). Diese Zuordnung rückt den Verfasser in eine Nähe zu Petrus (s. Mk 8,27-33 ; 9,2-10 ; 1,29-31 ) und verortet sein Werk in Rom. - Der Autor und seine Werkkonzeption: Markus entwickelt die Evangelienform als Erzählung über die „Anfänge des Evangeliums“ (Mk 1,1
) und stellt das öffentliche Wirken Jesu unter diese Überschrift. Er knüpft damit an den zentralen paulinischen Begriff des „Evangeliums“ an (z.B. 1 Kor 15,1 ; Röm 1,1 .15 ). - Der Autor und sein Schreibstil: Markus schreibt Koine
-Griechisch und neigt zu einem parataktischen Stil, der in der früheren Forschung als volkstümlich galt. Typische Stilmerkmale sind ein kaum variierender Wortschatz und ein lebhafter Wechsel der Zeitformen mit einer Vorliebe für erzählende Präsensformen (Alkier/Paulsen 2021). Markus zeigt aber durchaus Kenntnis der Progymnasmata (Mortensen 2023), also der literarischen Einübung in rhetorische Grundformen. - Der Autor und seine religionsgeschichtliche Prägung: Markus ist mit Orten und Landschaften in Galiläa, besonders Kapernaum, vertraut und weitet den Blick auf Syrophönizien (Mk 7,24ff.
) und „alle Welt“ (Mk 14,9 ). Beim Jerusalem-Aufenthalt Jesu fokussiert Markus auf dessen (kritische) Haltung zum Tempel (Mk 11-15 ). Bei der Diskussion über „rein und unrein“ setzt Markus trennende Speisevorschriften außer Kraft (Mk 7,19 ). Markus hält an der Erwartung einer baldigen Wiederkunft Jesu (im Anschluss an die Tempelzerstörung) fest (Mk 13,24-27 ).
Aus der Spurensuche, die einer Indizienkette gleicht, ergibt sich das Bild eines nicht-ungebildeten Autors, der breite Kenntnis frühchristlicher Traditionen und eine Vorliebe für Galiläa hat, aber zugleich eine universale Perspektive für die Verkündigung Jesu und die Ausbreitung des Evangeliums entwickelt. Er denkt und schreibt im Schatten der Ereignisse des Jahres 70 (Tempelzerstörung).
2. Adressaten
Die Evangelien bieten – mit Ausnahme von Lk 1,3
3. Entstehungsort
Markus zeigt eine gute (z. B. Mk 1,21
4. Wichtige Themen
In der synoptischen Forschung der letzten Jahre wurden besonders
- Gattungsfragen (Mythos, aitiologische Erzählung, Biographie, personenzentrierte Historiographie: s. ZNT [2021]) diskutiert. In diesem Zusammenhang wurden der sprachliche und literarische Gestaltungswille des Markus herausgestellt sowie
- Fragen zu seiner Erzähltechnik („episodischer Erzählstil“: G. Guttenberger; C. Breytenbach) erörtert.
- Bei der theologischen Erschließung der frühesten Evangelienschrift stehen die Themen Nachfolge bzw. Jüngerschaft, Eschatologie
und christologische Identitätsdiskurse im Vordergrund. - Umstritten bleibt die Frage, ob Markus ein „‚Antievangelium‘ zum Aufstieg der Flavier“ konzipierte (z.B. G. Theißen, S. 69; ZNT) oder einen von der Weltpolitik weitgehend unabhängigen Entwurf einer Zeitgeschichtsschreibung bietet (E.-M. Becker).
5. Besonderheiten
Markus erzählt eilig (Καὶ εὐθὺς: Mk 1,10
Literatur
- Alkier, S./Paulsen, T. (2021), Die Evangelien nach Markus und Matthäus. Neu übersetzt. Frankfurter Neues Testament Bd. 2. Paderborn: Brill/Schöningh. (Zur Sprache und zum Stil des MkEv).
- Becker, E.-M. (2017), Der früheste Evangelist. Studien zum Markusevangelium. WUNT 380. Tübingen: Mohr Siebeck. (Zu Fragen von Gattung und Geschichtskonstruktion).
- Guttenberger, G. (2017), Das Evangelium nach Markus. ZBK.NT 2. Zürich: Theologischer Verlag. (Neuerer Kommentar)
- Mortensen, J.P.B., ed. (2023), Genres of Mark. Reading Mark’s Gospel from Micro and Macro Perspectives. SANt 9. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. (Beiträge zu Markus im Rahmen der antiken Progymnasmata).
- Strutwolf, H. et al. 2021. Editio Critica Maior (ECM) I. The Synoptic Gospels. 2 The Gospel According to Mark. Vol. 1–3. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft. (Große Ausgabe zur Texterforschung).
- Theißen, G. (2002), Das Neue Testament. München: C.H. Beck. (Knappe Einführung in die Entstehung der Evangelien).
- Themenheft Markusevangelium, in: ZNT 24, Heft 47 (2021). (Fragen zur gegenwärtigen Markusforschung).
A) Exegese kompakt: Markus 14,(1-2)3-9
Übersetzung
(1 Es fanden aber das Passahfes
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 1: Ἦν δὲ τὸ πάσχα καὶ τὰ ἄζυμα μετὰ δύο ἡμέρας: Der Doppelhinweis auf Passahfest und Mazzot, die zusammengefeiert werden konnten, ist nicht unüblich (vgl. z.B. Josephus, Ant. 14,21); der geschichtsschreibende Erzählfaden wird mit dieser Datierung wiederaufgenommen: das Passahfest beginnt in der Nacht zum 15. Nisan – der „Todesbeschluss“ erfolgt zwei Tage zuvor und soll möglichst schnell ausgeführt werden;
V. 1 und 3: Codex D, eine wichtige Bibelhandschrift aus dem 4. Jahrhundert, lässt eine Reihe von zusätzlichen Informationen weg (καὶ τὰ ἄζυμα und ἐν δόλῳ und νάρδου πιστικῆς πολυτελοῦς) und verknappt so die Erzählung zu Beginn – mit teils weitreichenden christologischen Implikationen (s.u.);
V. 3: ἔχουσα ἀλάβαστρον μύρου νάρδου πιστικῆς πολυτελοῦς: Nardenöl – in Alabastergefäßen aufbewahrt – galt als „kosmetisches Mittel der Oberschicht“ (G. Guttenberger, 325); das Partizip ἔχουσα kann unübersetzt bleiben;
V. 3: αὐτοῦ τῆς κεφαλῆς: auch hier bieten verschiedene Handschriften variierende Lesarten dazu, wie das Nardenöl auf Jesu Kopf ausgegossen wird;
V. 4: ἦσαν δέ τινες ἀγανακτοῦντες πρὸς ἑαυτούς: hier bieten verschiedene Handschriften variierende Lesarten, die insbesondere die Gruppe der τινες zu erläutern suchen, und zwar als solche aus dem Jüngerkreis (so Codex W, eine Bibelhandschrift aus dem 4. Jahrhundert) oder noch direkter D);
V. 5: ἐπάνω δηναρίων τριακοσίων: mehr als 300 Denare gingen über das Jahresgehalt eines Lohnarbeiters hinaus;
V. 8: ὃ ἔσχεν ἐποίησεν: Die Wendung lässt sich entweder so verstehen, dass die namenlose Frau das Einzige getan hat, was für Jesus angesichts seines bevorstehenden Todes noch getan werden kann, oder, dass sie – ähnlich wie die arme Witwe in Mk 12,41-44
V. 9: τὸ εὐαγγέλιον: meint Markus hier seine eigene Evangelienschrift?
2. Literarische Gestaltung
In Mk 14,(1-2)3-9 holt Markus seine Leserinnen und Leser in die erzählte Zeit zurück, die von der Datierung in 14,1
3. Kontext und historische Einordnung
Jesus hielt sich in zeitlicher Nähe zum Passahfest mit seinen Jüngern in Jerusalem auf. In Betanien war er – wie über die synoptischen Evangelien hinaus auch Johannes zu berichten weiß (Joh 11
4. Schwerpunkte der Interpretation
Die episodische Erzählung von der Salbung Jesu in Betanien (Mk 14,3-9
5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt
Auch wenn die namenlose Frau nicht selbst spricht, erfüllen sie und ihr Nardenöl sinnbildhaft den Raum – das Aroma lässt sich erahnen. Vor der Frau steht und vor sie stellt sich Jesus. Sie, die Verwirrung und Ärgernis im Haus des einstigen Leprakranken stiftet, wird von Jesus geschützt. Denn sie begreift, was die körperliche Präsenz Jesu bedeutet. Noch ist Jesus da – dieser Einsicht die nahe (Mk 14,10-15,47
Weiterführende Literatur:
- E.-M. Becker, „Was die ‚arme Witwe‘ lehrt: Sozial- und motivgeschichtliche Beobachtungen zu Mk 12,41-4par.“, in: NTS 65 (2019), 148-165.
- G. Guttenberger, Das Evangelium nach Markus (ZBK.NT 2; Zürich: Theologischer Verlag: 2017).
- D. Lührmann, Das Markusevangelium (HNT 3; Tübingen: Mohr Siebeck, 1987).
- E. Schüssler Fiorenza, In Memory of Her: A Feminist Theological Reconstruction of Christian Origins (New York: Crossroad Publishing Company, 1983).
- A. Yarbro Collins, Mark. A Commentary (Hermeneia; Minneapolis: Fortress, 2007).
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Seit meiner Kinderbibellektüre ist mir die Szene vor Augen: Eine Frau, die völlig überraschend, schnell und energisch in einer eher von Männern dominierten Runde auftaucht. Sie bricht den Kopf eines Flacons ab und schüttet wertvollstes Duftöl auf Jesu Haupt. Dann wandert der Lichtkegel der Aufmerksamkeit schon weiter auf die Männer, die ihr Tun missbilligen. Schließlich spricht Jesus – wobei mich seine Rede nie überzeugt hat. Die nüchterne Vergleichsnennung „Jahreseinkommen“ der Exegese hat mein Unbehagen dieser Verschwendung gegenüber eher vertieft als gelöst: Wenn ich auch nur einen Jahreslohn unterhalb aller Steuergrenzen von etwa 12.000 € annehme, dann ist mir das viel zu viel für einen Moment der Salbung.
Neu verstanden habe ich: Dass duftendes Öl die Haare Jesu tränkte, bevor Tränen und Schweiß und Blut dazukamen. Ja, der Leichnam, der vom Kreuz abgenommen wurde, hatte ein gesalbtes Haupt. Vielleicht war ja noch eine Spur des Duftes zu erahnen?
Und: Wie eingehend das Handeln dieser Unbekannten von Jesus gewürdigt wird, das muss festgehalten und beachtet werden.
2. Thematische Fokussierung
Selbst unsere westlichen Gesellschaften übersehen Frauen noch oft, nehmen ihr Handeln nicht ernst, kritisieren voreilig. In anderen Ecken der Welt sieht es eher schlechter als besser damit aus. Ein unkonventionelles Verhalten einer Frau wird gerne missbilligt, kein Wunder, dass Lukas aus ihr eine Sünderin macht (Lukas 7,37
In der Markusversion wird ein überraschendes, unerklärliches Verhalten einer Frau nüchtern geschildert. Und Jesus akzeptiert diese unerbetene Wohltat. Er nimmt die Unbekannte in Schutz, fordert ein freundliches Verhalten ihr gegenüber ein, würdigt ihr Handeln für jetzt und für die Zukunft. Von Jesus kommt kein „ja, aber…“, sondern eine umfassende Wertschätzung ihres Tuns.
3. Theologische Aktualisierung
Markus 14,7 spricht aus, was seit der Auferstehung und erst recht seit der Himmelfahrt der Fall ist: „Mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Die Gegenwart des Auferstandenen ist denen zugänglich, die sich den „Geringsten“ (Mt 26
4. Bezug zum Kirchenjahr
Die Evangelienlesung vom Einzug Jesu in Jerusalem nach dem Johannesevangelium (Joh 12,12-19
Diese unglaubliche Großzügigkeit, die keine Gegenleistung fordert, die nicht berechnet, die einfach nur gibt, die Schönes, Wertvolles, Wohlriechendes gibt – die hat die Welt ein bisschen besser gemacht. Eine Hingabe, die sich in Jesu Selbsthingabe spiegelt.
5. Anregungen
Diese Erzählung muss nacherzählt werden. Wenn der Predigttext trotzdem gelesen wird, bietet sich eine zusätzliche Perspektive an: Die eines Jüngers, der da richtig etwas gelernt hat. Oder die einer jungen Dienerin, die sich angenommen fühlt in der Beobachtung der Szene. Beide könnten im Rückblick erzählen: als Christenleute Ende der dreißiger Jahre in Jerusalem.
Autoren
- Prof. Dr. Eve-Marie Becker (Einführung und Exegese)
- Dr. Bianca Schnupp (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500180
EfP unterstützen
Exegese für die Predigt ist ein kostenloses Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft. Um dieses und weitere digitale Angebote für Sie entwickeln zu können, freuen wir uns, wenn Sie unsere Arbeit unterstützen, indem Sie für die Bibelverbreitung im Internet spenden.
Entdecken Sie weitere Angebote zur Vertiefung
- WiBiLex – Das wissenschaftliche Bibellexikon
- WiReLex – Das Wissenschaftlich-Religionspädagogische Lexikon
- Bibelkunde