2. Chronik 5,2-5(6-11)12-14 | Kantate | 03.05.2026
Einführung in die Bücher der Chronik
1. Endgestalt des Buches
Die Bücher der Chronik stellen eine besondere Form alttestamentlicher Literatur dar. In ihnen wird die Geschichte des judäischen Königtums, die bereits Inhalt der Samuelis-/Königebücher (SKB) ist, ein zweites Mal erzählt. Die Chronikbücher greifen dabei auf die Vorlage der SKB zurück und reformulieren diese mit Blick auf den Kult des Zweiten Tempels unter Rückgriff auf die Tora
Die LXX
2. Literarische Entstehungsgeschichte
Nach gegenwärtigem Stand der Forschung gilt die Chronik überwiegend als recht einheitliches Buch, das zwar durch verschiedene Fortschreibungen gekennzeichnet ist, in dem sich jedoch keine größeren Redaktionsprozesse ausmachen lassen. Dabei hatte es jedoch verschiedene Überlegungen gegeben, eben solche Prozesse dennoch nachzuweisen. So ist bspw. erwogen worden, dass die sog. Genealogische Vorhalle (1Chr 1-9), ein Begriff, der auf J. W. Rothstein zurückgeht, sekundär vor die Chronik gesetzt wurde. Auch ist im Gefolge von F. M. Cross die Sichtweise vertreten worden, dass es drei Chronisten gegeben habe (Chr1, Chr2, Chr3), wobei Cross die drei Siglen mit unterschiedlichen Wachstumsstufen der Chronik in Verbindung setzt. Er zeichnet damit das Anwachsen einer Grundschicht (Chr1), der Ergänzung der Genealogischen Vorhallte (Chr2) und die Verbindung mit Esr/Neh (Chr3) nach. Problematisch an dieser Sichtweise ist, dass Cross ein Blockmodell annimmt, das mit den literarischen Befunden kaum in Einklang zu bringen ist. So hat bspw. G. Knoppers ausführlich gezeigt, dass die Genealogische Vorhalle Teil der Chronik ist, da sie im Kernbereich 1Chr 10-2Chr 36 an mehreren Stellen vorausgesetzt wird. Zuvor hatte bereits S. Japhet in einem berühmten Aufsatz den Nachweis geführt, dass es ein originär Chronistisches Werk nicht gegeben hat. Diese Annahme geht auf Martin Noth zurück, der in Analogie zum Deuteronomistischen Geschichtswerk auch ein Chronistisches Werk rekonstruieren wollte. Größere redaktionskritische Thesen werden inzwischen nur noch von wenigen Forschern vertreten. So z. B. von G. Kratz und – im Anschluss an diesen – von A. Hilpert. Methodisch besteht dabei jedoch der Vorbehalt, dass sich Phänomene der sog. Rewritten Scripture, also Literatur, die bereits auf gewachsene literarische Kompositionen zurückgeht, nur noch schwer redaktionskritisch analysieren lassen. In der Chronik aber auch in der Tempelrolle und im Jubiläenbuch kommt diese Methode an ihre Grenze (vgl. Maskow).
Allgemeines
Die Bücher der Chronik (1. und 2. Chronik) wurden anonym verfasst; der unbekannte Verfasser wird in der Forschung schlicht als „Chronist“ bezeichnet. In der vormodernen Tradition galten sie als Werk Esras: Der babylonische Talmud etwa schreibt, Esra habe „sein Buch und die Genealogien des Buches Chronik bis zu seiner eigenen Zeit geschrieben“, und Nehemia habe es vollendet. Diese Auffassung setzte das Werk in die Zeit nach dem Exil und begründete zugleich dessen kanonische Autorität. Doch schon mittelalterliche Exegeten wie David Kimchi zweifelten daran und meinten, Chronik sei viel früher entstanden und von Esra nur in den Kanon aufgenommen worden. Die moderne Bibelwissenschaft hat die Autorschaft Esras und mithin die Annahme eines Chronistischen Werkes (ChrW) weitgehend verworfen. Die Forschung sieht den Chronisten heute als eigenständigen spät-perserzeitlichen, oder besser früh-hellenistischen Autor, vermutlich aus dem Jerusalemer Tempelmilieu. Seine starke Betonung der levitischen Gruppen, Priester und Tempeldiener hat früh die Vermutung geweckt, er selbst könne Levit
Insgesamt zeichnet sich der Chronist als gelehrter Theologe und Historiograph der nachexilischen Gemeinde, der in bewusstem Rückgriff auf die Überlieferungen Israels ein eigenes Geschichtswerk schafft.
Datierungen werden kontrovers diskutiert: Ältere Forscher datierten das Werk teils sehr spät (Spinoza schlug das 2. Jh. v. Chr. vor, also Makkabäerzeit), andere extrem früh (A. C. Welch vermutete sogar eine Abfassung der Grundschicht noch im 6. Jh. v. Chr., parallel zu Ezechiel). Gegenwärtig wird der Entstehungszeitraum im Allgemeinen ins 5. bis 4. Jh. v. Chr. eingeordnet, mit einer Tendenz zum späten 4. Jh. Als Argumente für eine hellenistische Datierung dienen sowohl innerbiblische Bezugnahmen zu den spätesten Texten des Pentateuchs als auch historische Überlegungen (Vgl. H. P. Mathys, L. Maskow, A. Hilpert sowie mit einer anderen Argumentation auch G. Steins).
Einen terminus a quo bietet die Erwähnung der Perserherrschaft: In 2 Chr 36,20
Die Theologie der Chronikbücher ist geprägt von einer heilsgeschichtlichen Neuinterpretation der Geschichte Israels aus nachexilischer Perspektive.
Die Salomoabschnitte der Chronikbücher
Die Perikope stellt den Höhepunkt des chronistischen Salomo-Narrativs dar, das gegenüber der Vorlage stark verändert wird. Der Chronist tilgt sämtliche problematischen Episoden der Königebücher und zeigt Salomo
Zentral ist das Motiv der Ruhe: Salomo wird als „אִישׁ מְנוּחָה“ (1 Chr 22,9
Salomo wird bereits vor seiner Geburt als designierter Erbe in Davids Stammbaum positioniert (1 Chr 3
Durch die produktive Aufnahme des Lade-Motivs (vgl. Num 10,33–36
Die Chronik erweitert dabei 1 Kön 6–8
Erst 2 Chr 8,16
Zugleich inszeniert der Chronist eine Nord-Süd-Achse: Der phönizische Ḥuram (2 Chr 2,10-12
Ḥurams Doxologie („der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat“), 1Chr 2
Die Salomo‑Utopie dient als didaktischer Spiegel: Sie zeigt, wie König, Kult und Gesellschaft aussähen, hielten sie sich strikt an die Tora.
Nach dem Untergang des Davididenhauses fungiert der ideale Salomo als Präzedenzfall, mit dem sich das Zadokiden‑Priestertum identifiziert (vgl. die Doppel‑Salbung in 1 Chr 29,22f.
Die Chronik entwirft dabei kein Zukunftsprogramm, sondern einen normativen Erinnerungsraum, der gegenwartskritisch und nicht restaurativ wirkt.
Der Chronist transformiert Salomo von der ambivalenten Königsfigur der Königsbücher zu einer makellos‑theokratischen Leitgestalt: Friedensfürst, Tempelgründer, Moses‑Erbe und quasi‑hoherpriesterlicher König. Diese Überhöhung erzeugt eine literarische Utopie, in der Ruhe, Kultzentralisierung und göttliche Präsenz synchron zur Vollendung gelangen. Ihre historiographische Funktion liegt nicht in messianischer Erwartung, sondern in der Legitimation bestehender kultisch‑priesterlicher Strukturen und in der kritischen Mahnung, dass gerechter Herrschaftsanspruch untrennbar an die konsequente Befolgung der Tora gebunden bleibt.
A) Exegese kompakt: 2. Chronik 5,2-14
Übersetzung
2 Damals ließ Salomo die Ältesten Israels und die Häuptlinge der Stämme, die Fürsten der Väterhäuser der Israeliten sich in Jerusalem versammeln, um die Lade des Bundes JHWHs hinaufzubringen aus der Davidstadt, das ist Zion.
3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels am Fest. Das ist der siebte Monat.
4 Da kamen die Ältesten Israels. Und die Leviten trugen die Lade. 5 Und sie brachten die Lade und das Zelt der Begegnung und alle Geräte des Heiligtums, die im Zelt waren, hinauf. Die levitischen Priester brachten sie hinauf.
6 Und der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die sich vor ihm versammelt hatte, stand vor der Lade. Sie opferten Kleinvieh und Rinder, die wegen ihrer Menge nicht gezählt und nicht berechnet werden konnten.
7 Dann brachten die Priester die Lade des Bundes JHWHs an ihren Ort in den hinteren Raum des Hauses, in das Allerheiligste unter die Flügel der Keruben.
8 Und die Keruben breiteten ihre Flügel über der Stätte der Lade aus. Und die Keruben bedeckten die Lade und ihre Tragestangen von oben her.
9 Und die Stangen waren lang. Und die Enden der Stangen waren zu sehen von der Lade vor dem hinteren Raum. Aber von draußen waren sie nicht zu sehen. Und sie blieb dort bis auf den heutigen Tag.
10 In der Lade war nichts außer zwei Tafeln, die Mose am Choreb hineingelegt hatte, durch die JHWH einen Bund mit den Israeliten geschlossen hatte, als sie aus Ägypten auszogen.
11 Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligtum kamen, denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, man achtete nicht auf die Dienstabteilungen.
12 Und die Leviten waren allesamt Sänger. Asaf, Heman, Jedutun und ihre Söhne waren in Byssus gekleidet. Mit Zimbeln, Harfen und Leiern standen sie östlich vom Altar und mit ihnen 120 Priester, die die Trompeten bliesen.
13 Und es geschah, dass sie wie ein Mann bliesen und mit einer Stimme Gesang hören ließen,
um JHWH zu loben und zu preisen und als sie anhoben mit Trompeten und Zimbeln und mit anderen Musikinstrumenten, und als sie JHWH lobten:
„Ja, er ist gut, denn ewig währt seine Güte!“ Da wurde das Haus von einer Wolke erfüllt.
14 Und die Priester konnten nicht hinzutreten, um den Dienst zu leisten wegen der Wolke,
denn die Herrlichkeit JHWHs hatte das Haus Gottes erfüllt.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.5 : Für das letzte Syntagma: הַכֹּהֲנִ֖ים הַלְוִיִּֽם bietet die LXX
V.9: Statt מִן־הָאָרוֹן֙ bieten einige Zeugen der LXX und die Parallele in 1Kön 8,8
2. Literarische Gestaltung
Die Chronik stellt eine sog. Reécriture der Samuelis- / Königebücher dar. Mithin ist sie also eine literarische Gattung, die explizit in Abhängigkeit zu ihren Vorlagen existiert. Unter dieser Maßgabe hat sie als kanonische Größe zwar ein Eigenrecht, jedoch entfaltet sich ihre Sinnhaftigkeit stets nur im Vergleich mit ihren Vorlagen. Die Analyse des Kontextes hat also einen Nahbereich wie auch einen Fernbereich in den Blick zu nehmen.
Nahbereich: Die Perikope folgt unmittelbar auf den Abschluss des Tempelbaus in 2Chr 5,2
Die Forschung betont häufig, dass der Chronist sein Material in konzentrischen Ringen organisiert: 1Chr 1–9 (Genealogien), 1Chr 10–29 (David), 2Chr 1–9 (Salomo), 2Chr 10–36 (Könige bis Exil). Innerhalb des Salomo‑Zyklus umrahmen zwei Kapitel über Weisheit und Reichtum (2Chr 1; 9) den Tempelbaubericht 2Chr 2–8. 2Chr 5,1 markiert den inneren Angelpunkt . Hier setzt 5,2–5 ein und eröffnet den liturgischen Teil.
Der Chronist übernimmt 1Kön 8,1‑4
W. Johnstone liest 2Chr 5 als bewusste Fortsetzung von 1Chr 13–16, der Überführung der Lade nach Jerusalem durch David. Die wiederkehrenden Verben „versammeln“ und „hinaufbringen“, das All‑Israel‑Motiv und die liturgische Prozession unterstreichen, dass Salomo
Fernbereich: Als „Fernbereich“ oder weiterer Kontext ist bei der Auslegung der Chronik auf Grund ihrer formkritischen Eigenschaften jederzeit auch die Vorlage der Samuelis- / Königebücher einzublenden. Im synoptischen Vergleich mit 1Kön 8,1-4
Selbst eine kleine Änderung wie die in 2Chr 5,10 zeigt, dass der Chronist durchgängig an einer Angleichung seiner Darstellung an die Tora arbeitet. Während die Vorlage davon spricht, dass Mose
Indem 2 Chr 5,2–14 Lade, Volk und König an einem Punkt vereint, bietet der Chronist ein Idealbild, an dem alle späteren Herrscher gemessen werden: Wer den Kult und den Bund schützt, gilt als gerechter Regent (vgl. Hiskia
3. Redaktionsgeschichte
Es ist in der Forschung relativ unumstritten, dass die Chronik weniger auf große Redaktionen, denn auf einer grundlegenden im Hinblick auf die Vorlagen durchgeführte Neuinterpretation der Geschichte der Könige Judas aus dem Geiste der Tora beruht. Sie ist daher relativ einheitlich. Die Chronik hat ein besonderes Interesse an den kultischen Vollzügen, wie sie sich in Jerusalem in der späten Perserzeit entwickelt und bis in die hellenistische Zeit weiterentwickelt haben. Dabei ist auch erkennbar, dass die Chronik die Beschreibung kultischer Vollzüge nutzt, um ihre Eigeninteressen im Gewand einer historischen, d. h. historisierten Darstellung durchzusetzen. Das zeigt sich besonders gut in 2Chr 5, einem Text, der mit dem Bereich 1Chr 13–16 korrespondiert. In 1Chr 13–16 wird geschildert, wie David die Bundeslade nach Jerusalem bringt und JHWH damit in Jerusalem präsent wird. Die Chronik beschreibt den Vorgang aus einer Perspektive, die an Num 10
4. Perspektiven für die Predigt
Der theologische Charakter ist insofern evident, als die Bearbeitungstechniken der Chronik gegenüber ihrer Vorlage von einer theologischen Idee geleitet sind. Die Chronik sucht nach einer Möglichkeit, den nachexilischen Kult zu legitimieren. Offenbar war der Tempel in Jerusalem nicht unumstritten, was die Existenz weiterer jüdischer Heiligtümer anzunehmen nahelegt. Insbesondere das Heiligtum auf dem Garizim
Die vorliegende Perikope stellt dabei eine Art Höhepunkt dar, der die Ereignisse und Einrichtungen vom Sinai dezidiert mit dem Zion verbindet.
Theologisch aufnehmen kann man ferner die folgenden Themen:
- Anreicherung und Deutung der Geschichte durch Musik. Wir haben nicht immer für alles die eigenen Worte. Manchmal wird auch gesagt: die richtigen Worte oder überhaupt Worte. Die Fixierung der Chronik auf Musik, lehrt uns neben dem Psalter wie kaum ein anderes Buch, dass Israel ein singendes Volk ist. Mithin lässt sich aus der Chronik ein Anhaltspunkt für Begleitung des Lebens in guten und schlechten Episoden durch Musik herleiten.
- Offenbar ist es in der nach-exilischen Gemeinde zu Rang- und Kompetenzstreitigkeiten gekommen. Die Chronik kann dabei helfen, Oppositionen innerhalb der Gemeinde zu benennen und zu deren Auflösung beizutragen. Neuerdings wird ja nicht mehr nur zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen unterschieden, sondern im Rahmen von multi-professionellen Teams mit weiteren Unterscheidungen operiert. Die Chronik kann besser als die meisten alttestamentlichen Bücher dabei helfen, die unterschiedlichen Kompetenzen, Gaben und Aufgaben innerhalb einer Gemeinde zu reflektieren.
- Das Kult-Symbol der Lade
hat eine aufregende Geschichte innerhalb des Alten Testaments. Sie ist zugleich ein Kriegsinstrument, ein Aufbewahrungsbehältnis, ein Präsenzsymbol und ein ritueller Gegenstand, dabei wird sie sukzessive metaphorisiert und transzendentalisiert. Es scheint fast, als wäre sie nach ihrer Zerstörung wichtiger geworden als zur Zeit ihrer physischen Existenz. Mit ihr als Erinnerungsort kann alles Mögliche erinnert werden. Es bietet sich an darüber nachzudenken, ob es in der eigenen Gegenwart oder Biographie ein solches Symbol gibt. Vielleicht gibt es auch in unserer Gesellschaft institutionelle Tatsachen, die über ihre physische Beseitigung hinaus eine Präsenz haben: die Berliner Mauer, die Twin Towers, Notre Dame, Grenzen, Personen, Mythen, Filme, Stars. - Letztlich geht es auch um die Frage der göttlichen Präsenz. Auf eine paradoxe Weise hängt sie an der Lade, zugleich ist sie davon jedoch auch vollkommen unabhängig. Diese Spannung zwischen physischer und symbolischer Existenz lädt zur umfassenden Integration ein. Es gibt in der Praxis Pietatis immer beide Momente: Manche mögen an ihren dinglichen Repräentationsfiguren hängen andere eher an ihren inneren Bildern. Die Chronik zeigt – nicht nur durch die Lade – sondern durch ihre gesamte Darstellung des Jerusalemer Kultes, dass es in religiösen Vollzügen einen Zusammenhang zwischen äußeren und inneren Repräsentationsobjekten gibt und sie lädt dazu ein, beide Ebenen miteinander ins Gespräch zu bringen, aber auch sie im Sinne der durch das erste Gebot bestimmten Unverfügbarkeit Gottes zu durchkreuzen.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Wenn´s nur wieder so wird wie früher!“ seufzt der heutige Predigttext und blickt auf die Tempelweihe in 2Chr 5 zurück. Denn diese komponierten Verse wollen – anders als die Königebücher – keine Zwischentöne oder Farbnuancen in der Erzählung der Tempelweihe haben. Die Chronik folgt ihrem theologischen Haupttopos „Der Tempel und der Kult ist unser Zentrum auf immer“. Daher muss eine Weihe-Geschichte abgeliefert werden, die mindestens vollendet ist. Und das tut sie: Salomo als zentrale Figur ist als gottgewollter, makelloser König eingeführt. Die Gästeliste ist erlesen, denn jeder, der Rang und Namen hat (V.2), und überhaupt das ganze Volk ist anwesend in Jerusalem (V.3). Der Bogen der Tradition von den heilbringenden Anfängen (Sinai V.10] – Davidisches Königtum - Zion) bis zur erzählten Weihe des 2. Tempels ist in Gestalt der Bundeslade anwesend (V.2). Der Dresscode ist nicht weniger als feinstes Leinen (V.13). Die Ausstattung unglaublich (V.9). Die Musik trifft sprichwörtlich den richtigen Ton (V.13). Und prompt stellt sich dann auch die Heiligkeit des HERRN ein und macht aus dem Haus den Tempel (V.13f).
Die Autoren der Chronik zeigen: Unsere Identität und unser Zentrum speißt sich aus der Vergangenheit. Von dort dürfen wir das Heil erwarten, das gegenwärtig fehlt. Kult und Tempel sind der Bogen zwischen Sehnsucht und Zuversicht, zwischen verlorenem vergangenem Heil und dessen Wiederherstellung.
Allerdings scheint der Tempel und der damit einhergehende Kult nicht unumstritten gewesen zu sein. Religiöses Leben und jüdische Identität scheint es auch in anderer Form gegeben zu haben. Warum sonst braucht es mit den Chroniken eine so programmatische Werbeschrift – wenn nicht, um Hegemonie in der Pluralität zu fordern. Die Exegese hat dies für mich gewinnbringend herausgearbeitet.
2. Thematische Fokussierung
Thomas Morus blickte vor 500 Jahren zuversichtlich in die Zukunft, sah er dort doch die Rückkehr der Menschheit ins Paradies. Das nannte er Utopie und stellte sich damit neben die eschatologischen Vorstellungen des Christen- und Judentums. Fast 500 Jahre nach Morus ist die Zukunft kein Land der Hoffnung mehr. Unsere Welt hängt vielerorts Visionen nach, die sich „nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit“ speisen. (Baumann, Zygmund, Retropia 2017). Das sieht man in der Verklärung politischer, menschenverachtender Systeme, in besorgniserregenden geschlechtlichen Rollenzuweisungen (TradWife, Sexualität, Genderdiskussion,…), in alten Stereotypen-Mustern, uvm. Der Brite Zygmunt Baumann hat dieses Bedürfnis nach Re-Import paradiesischer Vergangenheit als Retropie bezeichnet. Unser Predigttext, so scheint mir, ist so eine Retropie in Reinform, eine Verklärung der Vergangenheit und eine „verzweifelte Sehnsucht nach Kontinuität in einer fragmentierten Welt“ (Baumann). Wobei die Vergangenheit kein isolierter Rückschritt in die Enge sein will, sondern das Gute in die Gegenwart öffnen möchte. Denn der Chronik geht es um einen Aufbruch nach vorne im Horizont des Damals.Wir Christen leben aus der Hoffnung, dass die Zukunft trotz aller Bedrohungsszenarien das Land Gottes ist. Das lässt in unserer Gegenwart trotz allem in der Zukunft auf Heil hoffen. Tradition ist etwas Wertvolles, etwas Verbindendes, etwas Ernstzunehmendes, aber nichts ausschließend Heilversprechendes. Eine echte Eu(angelio)-Topie, wenn mir so viel Gedrehe an der griechischen Sprache erlaubt ist.
3. Theologische Aktualisierung
Der Tempel wird eingeweiht und alle freuen sich über das neue Zentrum ihres Glaubensleben.
Das genaue Gegenteil erleben wir als Kirche(n) derzeit. Überall in Deutschland müssen sich Gemeinden oft gegen ihren Willen von ihren Gebäuden und Häusern verabschieden. Schwer ist für viele vollstellbar, dass die ökonomische Realität so viel Macht bekommen hat und beendet, was (eigentlich schon lange nicht mehr) war. Und so schwer ist es, sich vorzustellen, wie es weitergehen soll, wenn so viel Bewährtes, Traditionelles und Tragendes nicht mehr da sein wird.
Der Chroniktext verweist auf das durchgestylte Narrativ heiliger Vergangenheit. Das Gute, das wir jetzt haben, stammt schon aus besseren Zeiten, sagt sie. Und möchte darin eine innovative Kraft entfaltet sehen.
Und so mancher wird sich dieser Blickweise in seiner Trauer um das Ende der Kirche, die mal war, anschließen. „Wenn´s nur wieder so wird mit der Kirche und dem Glauben wie früher!“ Aus dem Lobgesang in 2Chr 5 scheint in der Gegenwart ein Abgesang des Gemeindelebens geworden zu sein, so wie wir es heute kennen.
Und dennoch bin ich gerade am Sonntag Kantate überzeugt, dass es auch in der totalen Umwälzung der Kirchenlandschaft jeden Grund gibt, den Lobruf aus V.13 aus vollem Herzen singen zu können: „(Gott) ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.“ Denn meine Hilfe und Heil kommen vom Herrn dieser Welt und dieser Kirche. Nicht aus der Vergangenheit. Diese ist das Fundament, auf das mein Vertrauen in Gott gebaut ist. Auch nicht erst in einer noch zu erfüllenden Zukunft. Die birgt die Vollendung meines Heilswegs. Nicht durch etwas, das von mir kommt – Werke, kultischer Vollzug oder eine Ortsgebundenheit. Sondern sola gratia. Und zwar schon jetzt und heute. Das ist der Kern unserer Kirche, nicht Steine.
Und ein Ende ist ein Anfang. So wie es zum Tempel und Kult, die der Predigttext zum allein Seligmachenden erhebt, schon damals Alternativen geben hat (S. B1), so gibt es schon heute Kirche, die sich von traditionellen Gebäuden und Kultvollzügen löst und lebt. Denn unsere Kirche ist Gemeinschaft durch und mit Gott und damit lebendiger und überlebensfähiger als alles, was von ihr bisher erzählt wird. Beispiele hierfür gibt es zuhauf. Die Trauer über das Ende des Vertrauten und die Unsicherheit, sich aufmachen zu müssen in unbekannte Gefilde, verstehe ich aber gut. Denn ich teile sie. Wenn das kein Grund zu singen ist: „(Gott) ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.“ (V.13)
4. Bezug zum Kirchenjahr
Das feierliche Singen zur Tempeleinweihung und der Gesang dieser Tage in unseren Gottesdiensten werden wahrscheinlich einen ganz unterschiedlichen Klang haben. Ernüchterung, Enttäuschung, Trauern, u.a. werden vielleicht den Ton angeben. Um ein „Dennoch singen wir: (Gott) ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.“ könnte es gehen. Das Alte mag vergehen, aber dort, wo wir singen, sind wir in Gemeinschaft miteinander und mit Gott – und damit sind wir nicht weniger als Kirche. Außerdem gehört Veränderung zur Musik wie zur Kirche. Es heißt ja nicht umsonst im Wochenspruch: Singt dem Herrn ein NEUES Lied, denn er tut Wunder! (Ps 98,1a
5. Anregungen
Die Wortfelder Singen, Töne und Lied wirken weit in unsere Sprache hinein und können jeder Predigttext den O-Ton von Kantate geben. Allerdings ist es immer eine echte Aufgabe beim Predigen, „den richtigen Ton treffen“, vielleicht sogar „den Ton anzugeben“ und ja „keinen falschen Ton anschlagen“, damit „kein rauer Ton herrscht“ oder sich am Ende„der Ton verschärft“. Lieber „leise Töne anschlagen“, denn „der Ton macht die Musik.“ „Zum guten Ton gehört es“ auch bei der Verkündigung „nicht immer das gleiche Lied singen“, aber unbedingt darum, „jemandem ein Lied singen“, wenn man ganz persönlich „ein Lied davon singen kann“ – ohne jedoch „immer das gleiche Liedlein zu singen.“ Sicher ist aber, dass wir Christen auf Gott immer „ein Loblied singen können“. Und wenn uns mal nichts einfällt „kann jeder zum Singen gebracht werden.“ Klingt bedrohlich? „Da haste Töne!“
Autoren
- Dr. Lars Maskow (Einführung und Exegese)
- Christoph Maser (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500190
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