Römer 7,14-25a | 22. Sonntag nach Trinitatis | 01.11.2026
Einführung in den Römerbrief
1. Verfasser
Paulus diktierte dem Sekretär Tertius den Brief (vgl. 1,1
Paulus befindet sich an einem entscheidenden Punkt seiner langjährigen Missionsarbeit: Er will im Westen des Imperiums
2. Adressaten
Paulus schrieb den Brief an die „Berufenen Jesu Christi“, an „alle Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen“ in Rom (1,6f.
Er spricht die Christus-gläubigen Adressaten nicht als „Gemeinde“ an (so in 1Kor 1,2
- dass es sich bei den Adressaten nicht um Mitglieder einer paulinischen Gemeindegründung handelt,
- dass die Christus-gläubigen Römerinnen und Römer ganz überwiegend sogenannte Heidenchristen waren, d.h. nicht zum „Volk Israel“ gehörten,
- dass sie nur zu einem kleinen Teil Paulus persönlich bekannt waren (vgl. die Grußliste in Kap. 16
), so dass der Römerbrief an eine wenig homogene, Paulus überwiegend unbekannte und ihm nicht verpflichtete Leserschaft gerichtet ist (Wischmeyer, Römerbrief, 445-447).
Daraus erklärt sich der sehr sachlich-theologische Gesamtduktus, der auch den ethischen Teil B des Briefes (Röm 12-14
3. Entstehungsort und Entstehungszeit
4. Wichtige Themen
„Apostelamt des Paulus, Evangelium, Glaube, Gerechtigkeit Gottes, Juden und Griechen als Teilhaber an Gottes Gerechtigkeit, Israel, Verhältnis zum Imperium Romanum, Starke und Schwache, Mission des Paulus“ (Wischmeyer, Römerbrief, 429).
Besonders wichtig ist die Auslegungsgeschichte des Röm. Keine Exegese kann ohne eine Reflexion auf die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegungsgeschichte des Briefes auskommen. Der Röm war seit Erasmus und den Reformatoren – vor allem Luther, Melanchthon und Calvin – der Grundtext reformatorischer Theologie. Die „Rechtfertigungslehre“ entwickelte Luther maßgeblich aus seiner Lektüre des Galater- und Römerbriefes und seiner Interpretation der δικαιοσύνη θεοῦ vom Genitivus objectivus her: Gerechtigkeit, die vor Gott gilt bzw. Bestand hat, d.h. die Gerechtigkeit, die nicht aus der Gesetzeserfüllung, sondern aus dem Glauben kommt. Damit wurde Röm zugleich zum bleibenden Streitobjekt zwischen reformatorisch-protestantischer und katholischer Auslegung. Neuerdings muss die Christologie des Röm, die das Heil an den Glauben an Christus bindet, in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetzesverständnis neu diskutiert werden.
5. Aktuelle Fragen
Besonderes Interesse gilt in den letzten Jahren der religiös-ethnischen Identität des Paulus und einer damit verbundenen Distanzierung besonders von der christlich-theologischen Römerbriefinterpretation von Luther bis zu Barth und Bultmann. Wieweit ist Paulus auch nach seiner Beauftragung durch den erhöhten Christus (Gal 1,1
6. Besonderheiten
Röm ist der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Paulus. In mehreren ausführlichen thematisch zentrierten Textabschnitten behandelt Paulus entscheidende Themen seiner Missionsverkündigung:
Teil A In 1,16-11,36 legt er in mehreren Schritten sein „Evangelium“ dar, das „Juden und Nichtjuden (1,16
- In Kap. 1,17-4,25 entfaltet er die Heilswirkung des Evangeliums vor dem Hintergrund der Ungerechtigkeit von Nichtjuden wie Juden. 3,21-31
ist das christologische Herzstück dieser Heilsbotschaft. - In Kap. 5-8 entwickelt Paulus dann Einzelaspekte seiner Christologie.
- Kap. 9-11 ist ein eigener thematischer Traktat zum Verhältnis von Nichtjuden und Juden, der mit der Perspektive der Errettung von Nichtjuden wie Juden schließt und damit auch das Thema von 1,16
zum Abschluss bringt (11,26 ).
Teil B Von 12,1-15,13 stellt Paulus in einer reich gegliederten Paraklese (ermahnende Darlegung der Verhaltensformen in den Christus-gläubigen Gemeinden) Grundelemente gemeindlichen Verhaltens dar (darin: 13,1-7
Literatur:
- Fredriksen, P.: Paul, the Perfectly Righteous Pharisee, in: The Pharisees, hg. J. Sievers and A.-J. Levine, Eerdmans 2021.
- Kleffmann, T.: Der Römerbrief des Paulus, Tübingen 2022 (theologisch-systematische Kommentierung des Röm).
- Wischmeyer, O. / Becker, E.-M. (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen 32021; darin. Wischmeyer, O., Römerbrief, 429-469. Dort S. 468f. weiter kurz kommentierte Literatur.
- Wolter, M.: Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8. EKKNF VI/1, Neukirchen-Vluyn 2014. Teilband 2: Röm 9-16. EKKVI/2, Neukirchen-Vluyn 2019.
A) Exegese kompakt: Römer 7,14-25a
Übersetzung
14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. 15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht das, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. 17 Nun aber tue ich nicht mehr selbst das, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch[1], nichts Gutes wohnt. Denn Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
21 So finde ich nun, dass das Gesetz mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. 22 Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes? 25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich selbst nun mit dem Verstand dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
ῥύσεται ἐκ τοῦ σώματος τοῦ θανάτου τούτου: eine freie Übersetzung wäre: „erlösen von diesem Leib, der dem Tod geweiht ist.“
2. Literarische Gestaltung
(1) Der Text ist konsequent in der 1. Person Singular verfasst und setzt die Struktur von 7,7
(2) Paulus vermittelt einerseits festes religiöses Wissen Israels, zugleich aber auch persönliche Beobachtung und Erfahrung (gelb) des Paulus. Beides muss er abgleichen.
(3) Paulus entwickelt sein Argument in der Auseinandersetzung zwischen „Gesetz“ (smaragdfarben) und „Ich“ (grün). Dabei sind die beiden Pole einander antithetisch zugeordnet. Zugleich verändert Paulus im Lauf der Argumentation die Bedeutung bzw. das semantische Spektrum der Begriffe und damit auch ihre Zuordnung. Diese bewegliche Semantik muss bei der Interpretation beachtet werden. Sein Argument endet in einer Aporie (V.23). In V.24 greift er zu dem Stilmittel der exclamatio, in V.25a folgt eine Danksagung, in V.25b ein vorläufiges Fazit.
3. Kontext und historische Einordnung
Kontext: Unser Text ist der Abschluss der Kapitel 5-7, in denen Paulus die Bedeutung Christi für das Leben
Das bedeutet: Unser Text ist nur ein Teil der Argumentation, die von 7,1 bis 8,17 reicht. Es ist daher sorgfältig zu prüfen, was das proprium des Textabschnitts sei. Es ist deutlich, dass es Paulus hier nicht um die These „Ihr seid nicht unter dem Gesetz“ geht, sondern um eine anthropologische Beschreibung der Verstrickung des Menschen in die Sünde, aus der er sich nicht selbst befreien kann. Erlösung gibt es nicht in der Erfüllung des Gesetzes, sondern in Christus.
Historische Einordnung: siehe zu Römer 12
4. Schwerpunkte der Interpretation
Paulus ist überzeugt: Erlösung gibt es nur in Christus. Das führt er in Kap. 8
Zum festen Religionswissen des Juden Paulus gehört die folgende Beurteilung des Gesetzes: Das Gesetz stammt von Gott, es ist geistlich, es ist gut.
Zugleich stößt das Gesetz auf den Menschen, der nicht geistlich ist, sondern fleischlich, d.h. nicht auf Gott ausgerichtet. Er kann der Sünde, d.h. der Begierde, gegen das Gesetz zu verstoßen, nicht widerstehen. Daraus ergibt sich die negative Trias: Fleisch, Sünde, das Böse.
Diese negative Anthropologie
Literatur
- E. Lohse, Der Brief an die Römer. Meyers Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament 4, Göttingen 2003.
- O. Wischmeyer, E.-M. Becker, Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe, UTB 2767, Tübingen 32021.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Rolle, die das mosaische Gesetz im Leben eines Christen spielen soll bzw. darf, gehört zu den Lebensfragen des Apostels. In beinahe jedem Brief arbeitet er sich daran ab und nun im Römerbrief abschließend.
Der Römerbrief ist, wie wir wissen (siehe Überblick), wohl der letzte Brief des Paulus an eine unbekannte Gemeinde
Ihr schreibt er seine nun elaborierte Theologie abschließend auf.
Die exegetische Vorrednerin legt luzide dar, welche Argumentationsebenen Paulus bemüht,
ja welche gedanklichen Volten er schlägt, um seinen Adressaten die Rolle des jüdischen Gesetzes zu erklären und dabei weder seinen alten jüdischen noch seinen neuen christlichen Glauben zu verraten.
Paulus betreibt Arbeit, ja Schwerstarbeit an seiner Identität als Jude und Christ: juridisch und anthropologisch.
Festgehalten wird: das jüdische Gesetz ist geistlich – es stammt also von Gott.
Da wir Menschen aber fleischlich sind oder, wie Martin Luther
So gelesen muss man das „Ich“, das Paulus in Römer 7
In der Übersetzung von Oda Wischmeyer:
„Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“
Ist das eine Schizophrenie, mit der Paulus ins Gericht geht, dieser „sündige“ Teil in jedem Menschen, der es unmöglich macht, dass wir uns so verhalten, wie es angemessen ist?
Diese Erfahrung machen alle Menschen, egal ob sie versuchen, Gott gerecht zu werden oder den Menschen.
2. Praktisch-theologische Perspektivierung
Man hat diese zutiefst menschliche Erfahrung, nicht Herr oder Frau im eigenen Lebenshaus zu sein, in der Geistesgeschichte unterschiedlich benannt, erklärt und bewertet.
Das prominenteste Beispiel ist vielleicht Sigmund Freud
All diese Theoreme versuchen, die von Paulus unnachahmliche formulierte Verzweiflung zu fassen, dass wir Menschen immer wieder an uns selbst scheitern. Das evidenteste Beispiel ist das Phänomen der Sucht: Essen, Alkohol, Drogen.
Auch dort wo Menschen nicht krankhaft süchtig sind, ist in modernen Zeiten das Ideal eines perfekten Körpers heute vielleicht das Beispiel, an dem man den Predigthörerinnen und -hörern evident machen kann, was Paulus meint mit der sich wiederholenden Verzweiflung über das eigene Scheitern.
Man nimmt sich vor – beispielsweise zu Jahresanfang –, im kommenden Jahr zehn Kilo abzunehmen, Sport zu treiben und zwei Kleidergrößen weniger zu werden.
Und bereits in der ersten Woche genehmigt man sich den Nachtisch und den Wein.
Oder man nimmt sich vor, mehr zu arbeiten, mehr für die Schule oder das Studium zu tun, und sieht sich selbst zu, wie man die Aufgaben vor sich herschiebt, wie man Ausreden erfindet und am Ende wieder alles schlampig und auf den letzten Drücker macht.
Bei nicht wenigen Menschen führt dieses dauerhafte Scheitern zu Selbstverachtung oder auch Selbsthass.
Der Apostel Paulus verspricht nicht weniger als die Erlösung aus dem Versagen und dem Selbsthass. Alle von außen aufoktroyierten Regeln und Ideale befreien uns nicht, machen uns nicht zu einem besseren Menschen, sondern sie machen unser Versagen nur sichtbar und offensichtlich.
Erlösung heißt in und durch Christus mit sich selbst im Reinen zu sein.
Freude an sich selbst zu haben, das verspricht Paulus. Allerdings nicht in dieser etwas platten Art von Weltanschauungen, die sich „positives Denken“ nennen und uns predigen, dass wir schon irgendwie „OK“ sind.
Für Paulus ist dieser Weg der Befreiung von der Selbstverachtung eine Lebensdynamik. Ein Weg den „ich“ immer wieder gehen muss, damit ich die sich wandelnden „Gesetze“ meiner Welt in ihren unterschiedlichen Gewändern immer wieder als Ideologie des Perfektionismus erkenne und mich davon frei mache.
Denn der befreite Mensch kann unter Absehung der eigenen Person handeln und so wirklich das Gute tun oder geschehen lassen, das Gott will.
Autoren
- Prof. Dr. Dr. h.c. Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
- Prof. Johanna Haberer (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500220
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