Deutsche Bibelgesellschaft

Römer 7,14-25a | 22. Sonntag nach Trinitatis | 01.11.2026

Einführung in den Römerbrief

1. Verfasser

Paulus diktierte dem Sekretär Tertius den Brief (vgl. 1,1 und 16,22: eigener Gruß des Tertius; keine Mitverfasser).

Paulus befindet sich an einem entscheidenden Punkt seiner langjährigen Missionsarbeit: Er will im Westen des Imperiums missionieren und plant eine Reise nach Spanien. Im Zusammenhang dieser Reise zu neuen potenziellen Missionsgebieten stellt er sich den römischen Christus-Gläubigen brieflich als Apostel der Nichtjuden vor und kündigt einen Aufenthalt in Rom an, bei dem er die römischen Christus-gläubigen Gemeindeglieder an seiner Evangeliumsverkündigung teilhaben lassen will. Außerdem hofft er auf Unterstützung bei seinen Reiseplänen. Zuvor will er aber die Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde, die die kleinasiatischen und griechischen Gemeinden aufgebracht haben, persönlich nach Jerusalem bringen, so dass sich sein Rombesuch noch verzögern wird.

2. Adressaten

Paulus schrieb den Brief an die „Berufenen Jesu Christi“, an „alle Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen“ in Rom (1,6f.).

Er spricht die Christus-gläubigen Adressaten nicht als „Gemeinde“ an (so in 1Kor 1,2 τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ). Die Exegeten schließen daraus, dass es in Rom in den fünfziger Jahren des 1. Jh.s nicht nur eine, sondern mehrere Gemeinden – oft als Hausgemeinden oder auch als „Gemeinden in römischen Mietblocks“ bezeichnet – gegeben habe. Wichtig ist,

  1. dass es sich bei den Adressaten nicht um Mitglieder einer paulinischen Gemeindegründung handelt,
  2. dass die Christus-gläubigen Römerinnen und Römer ganz überwiegend sogenannte Heidenchristen waren, d.h. nicht zum „Volk Israel“ gehörten,
  3. dass sie nur zu einem kleinen Teil Paulus persönlich bekannt waren (vgl. die Grußliste in Kap. 16), so dass der Römerbrief an eine wenig homogene, Paulus überwiegend unbekannte und ihm nicht verpflichtete Leserschaft gerichtet ist (Wischmeyer, Römerbrief, 445-447).

Daraus erklärt sich der sehr sachlich-theologische Gesamtduktus, der auch den ethischen Teil B des Briefes (Röm 12-14) bestimmt.

3. Entstehungsort und Entstehungszeit

Paulus schreibt nach Rom wohl im Jahr 56 aus Korinth (Röm 16,23; 1Kor 1,14; Apg 20,4).

4. Wichtige Themen

„Apostelamt des Paulus, Evangelium, Glaube, Gerechtigkeit Gottes, Juden und Griechen als Teilhaber an Gottes Gerechtigkeit, Israel, Verhältnis zum Imperium Romanum, Starke und Schwache, Mission des Paulus“ (Wischmeyer, Römerbrief, 429).

Besonders wichtig ist die Auslegungsgeschichte des Röm. Keine Exegese kann ohne eine Reflexion auf die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegungsgeschichte des Briefes auskommen. Der Röm war seit Erasmus und den Reformatoren – vor allem Luther, Melanchthon und Calvin – der Grundtext reformatorischer Theologie. Die „Rechtfertigungslehre“ entwickelte Luther maßgeblich aus seiner Lektüre des Galater- und Römerbriefes und seiner Interpretation der δικαιοσύνη θεοῦ vom Genitivus objectivus her: Gerechtigkeit, die vor Gott gilt bzw. Bestand hat, d.h. die Gerechtigkeit, die nicht aus der Gesetzeserfüllung, sondern aus dem Glauben kommt. Damit wurde Röm zugleich zum bleibenden Streitobjekt zwischen reformatorisch-protestantischer und katholischer Auslegung. Neuerdings muss die Christologie des Röm, die das Heil an den Glauben an Christus bindet, in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetzesverständnis neu diskutiert werden.

5. Aktuelle Fragen

Besonderes Interesse gilt in den letzten Jahren der religiös-ethnischen Identität des Paulus und einer damit verbundenen Distanzierung besonders von der christlich-theologischen Römerbriefinterpretation von Luther bis zu Barth und Bultmann. Wieweit ist Paulus auch nach seiner Beauftragung durch den erhöhten Christus (Gal 1,1.15) Jude (Röm 9,1-5) und Pharisäer (so Paula Fredriksen) geblieben? Diese Frage ist nicht nur für die Paulusinterpretation, sondern auch für die Rekonstruktion der Anfänge der christlichen Kirche von bleibender Bedeutung und wird exegetisch neu justiert werden müssen.

6. Besonderheiten

Röm ist der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Paulus. In mehreren ausführlichen thematisch zentrierten Textabschnitten behandelt Paulus entscheidende Themen seiner Missionsverkündigung:

Teil A In 1,16-11,36 legt er in mehreren Schritten sein „Evangelium“ dar, das „Juden und Nichtjuden (1,16) gilt.

  1. In Kap. 1,17-4,25 entfaltet er die Heilswirkung des Evangeliums vor dem Hintergrund der Ungerechtigkeit von Nichtjuden wie Juden. 3,21-31 ist das christologische Herzstück dieser Heilsbotschaft.
  2. In Kap. 5-8 entwickelt Paulus dann Einzelaspekte seiner Christologie.
  3. Kap. 9-11 ist ein eigener thematischer Traktat zum Verhältnis von Nichtjuden und Juden, der mit der Perspektive der Errettung von Nichtjuden wie Juden schließt und damit auch das Thema von 1,16 zum Abschluss bringt (11,26).

Teil B Von 12,1-15,13 stellt Paulus in einer reich gegliederten Paraklese (ermahnende Darlegung der Verhaltensformen in den Christus-gläubigen Gemeinden) Grundelemente gemeindlichen Verhaltens dar (darin: 13,1-7 zur „Obrigkeit“; 13,8-10 Liebe als Gesetzeserfüllung; Kap. 14 Starke und Schwache in der Gemeinde).

15,14-33 gelten der aktuellen Planung, Kap. 16 enthält ausführliche Grüße.

Literatur:

  • Fredriksen, P.: Paul, the Perfectly Righteous Pharisee, in: The Pharisees, hg. J. Sievers and A.-J. Levine, Eerdmans 2021.
  • Kleffmann, T.: Der Römerbrief des Paulus, Tübingen 2022 (theologisch-systematische Kommentierung des Röm).
  • Wischmeyer, O. / Becker, E.-M. (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen 32021; darin. Wischmeyer, O., Römerbrief, 429-469. Dort S. 468f. weiter kurz kommentierte Literatur.
  • Wolter, M.: Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8. EKKNF VI/1, Neukirchen-Vluyn 2014. Teilband 2: Röm 9-16. EKKVI/2, Neukirchen-Vluyn 2019.

A) Exegese kompakt: Römer 7,14-25a

14Οἴδαμεν γὰρ ὅτι ὁ νόμος πνευματικός ἐστιν, ἐγὼ δὲ σάρκινός εἰμι πεπραμένος ὑπὸ τὴν ἁμαρτίαν. 15ὃ γὰρ κατεργάζομαι οὐ γινώσκω· οὐ γὰρ ὃ θέλω τοῦτο πράσσω, ἀλλ’ ὃ μισῶ τοῦτο ποιῶ. 16εἰ δὲ ὃ οὐ θέλω τοῦτο ποιῶ, σύμφημι τῷ νόμῳ ὅτι καλός. 17νυνὶ δὲ οὐκέτι ἐγὼ κατεργάζομαι αὐτὸ ἀλλ’ ἡ οἰκοῦσα ἐν ἐμοὶ ἁμαρτία. 18Οἶδα γὰρ ὅτι οὐκ οἰκεῖ ἐν ἐμοί, τοῦτ’ ἔστιν ἐν τῇ σαρκί μου, ἀγαθόν· τὸ γὰρ θέλειν παράκειταί μοι, τὸ δὲ κατεργάζεσθαι τὸ καλὸν οὔ· 19οὐ γὰρ ὃ θέλω ποιῶ ἀγαθόν, ἀλλ’ ὃ οὐ θέλω κακὸν τοῦτο πράσσω. 20εἰ δὲ ὃ οὐ θέλω [ἐγὼ] τοῦτο ποιῶ, οὐκέτι ἐγὼ κατεργάζομαι αὐτὸ ἀλλ’ ἡ οἰκοῦσα ἐν ἐμοὶ ἁμαρτία. 21εὑρίσκω ἄρα τὸν νόμον, τῷ θέλοντι ἐμοὶ ποιεῖν τὸ καλόν, ὅτι ἐμοὶ τὸ κακὸν παράκειται· 22συνήδομαι γὰρ τῷ νόμῳ τοῦ θεοῦ κατὰ τὸν ἔσω ἄνθρωπον, 23βλέπω δὲ ἕτερον νόμον ἐν τοῖς μέλεσίν μου ἀντιστρατευόμενον τῷ νόμῳ τοῦ νοός μου καὶ αἰχμαλωτίζοντά με ἐν τῷ νόμῳ τῆς ἁμαρτίας τῷ ὄντι ἐν τοῖς μέλεσίν μου. 24Ταλαίπωρος ἐγὼ ἄνθρωπος· τίς με ῥύσεται ἐκ τοῦ σώματος τοῦ θανάτου τούτου; 25χάρις δὲ τῷ θεῷ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν. Ἄρα οὖν αὐτὸς ἐγὼ τῷ μὲν νοῒ δουλεύω νόμῳ θεοῦ τῇ δὲ σαρκὶ νόμῳ ἁμαρτίας.

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Übersetzung

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. 15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht das, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. 17 Nun aber tue ich nicht mehr selbst das, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch[1], nichts Gutes wohnt. Denn Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

21 So finde ich nun, dass das Gesetz mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. 22 Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes? 25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich selbst nun mit dem Verstand dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

ῥύσεται ἐκ τοῦ σώματος τοῦ θανάτου τούτου: eine freie Übersetzung wäre: „erlösen von diesem Leib, der dem Tod geweiht ist.“

2. Literarische Gestaltung

(1) Der Text ist konsequent in der 1. Person Singular verfasst und setzt die Struktur von 7,7 fort (7,7-35 durchgehenderIch-Text). Das „Ich“ ist nicht biographisch (Paulus blickt auf sein früheres oder bisheriges Leben zurück), sondern generisch zu verstehen („ich“= „der Mensch“: V.24, vergleiche umgangssprachlich „du“ statt „man“). Hier liegt aber nicht Umgangssprache vor, sondern das „Ich“ dient der rhetorischen Intensivierung. Es geht um die conditio humana. Der Abschnitt ist der ausweglosen Situation des Menschen gewidmet, der zwischen Wollen und Tun aufgerieben wird und seine Rettung bei Christus findet.

(2) Paulus vermittelt einerseits festes religiöses Wissen Israels, zugleich aber auch persönliche Beobachtung und Erfahrung (gelb) des Paulus. Beides muss er abgleichen.

(3) Paulus entwickelt sein Argument in der Auseinandersetzung zwischen „Gesetz“ (smaragdfarben) und „Ich“ (grün). Dabei sind die beiden Pole einander antithetisch zugeordnet. Zugleich verändert Paulus im Lauf der Argumentation die Bedeutung bzw. das semantische Spektrum der Begriffe und damit auch ihre Zuordnung. Diese bewegliche Semantik muss bei der Interpretation beachtet werden. Sein Argument endet in einer Aporie (V.23). In V.24 greift er zu dem Stilmittel der exclamatio, in V.25a folgt eine Danksagung, in V.25b ein vorläufiges Fazit.

3. Kontext und historische Einordnung

Kontext: Unser Text ist der Abschluss der Kapitel 5-7, in denen Paulus die Bedeutung Christi für das Leben der Menschen unter der adamitisch-mosaischen anthropologischen Trias von SündeTodGesetz erörtert. In Kap. 5 weist er nach, dass für die Christusgläubigen die Sünde nicht mehr herrscht: Sie werden zu Gerechten (5,19). Kap. 6 weist nach, dass die Macht des Todes gebrochen ist und die Gabe Gottes ewiges Leben ist (6,25). In Kap. 7 ringt Paulus vertieft mit der Frage, welche Rolle das Gesetz seit Christus [noch] spiele. Er hatte in 5,20 schon gleichsam nebenbei argumentiert, das Gesetz sei [nur] „dazwischengekommen“ als Indikator der Sünde – ein heilsgeschichtliches Argument, das Paulus in Gal 3,15-4,7 ausgearbeitet hat. Offensichtlich reicht ihm diese Begründung nicht, und er unternimmt in Kap. 7 noch einmal eine dreigeteilte vertiefte Analyse der Bedeutung des Gesetzes „unter Christus“ (7,1-6; 7-13; 14-25). In 7,1-6 argumentiert er rechtlich und weist zunächst nach, dass die Christusgläubigen durch die Zughörigkeit zum Leib Christi juridisch „vom Gesetz losgelöst sind“ (V.6). Diese Überlegungen setzt er in Kap. 8,1-17 nochmals vertieft mit Aussagen zum „Gesetz des Geistes“ fort und formuliert das Urteil, die Christusgläubigen seien nicht mehr unter dem Gesetz der Sünde und des Todes, sondern unter dem Gesetz des Geistes. In 7,7-13 definiert er dann das Gesetz als Indikator oder Lackmustest für die Sündigkeit des Menschen. Hier arbeitet er mit einer heilsgeschichtlichen Retrospektive: das „Ich“ ist das adamitische Ich. In 7,14-25 beschreibt er schließlich die Situation des Menschen in einer anthropologischen Analyse zwischen dem Wollen des Guten (der Gesetzesforderungen) und dem Tun des Bösen.

Das bedeutet: Unser Text ist nur ein Teil der Argumentation, die von 7,1 bis 8,17 reicht. Es ist daher sorgfältig zu prüfen, was das proprium des Textabschnitts sei. Es ist deutlich, dass es Paulus hier nicht um die These „Ihr seid nicht unter dem Gesetz“ geht, sondern um eine anthropologische Beschreibung der Verstrickung des Menschen in die Sünde, aus der er sich nicht selbst befreien kann. Erlösung gibt es nicht in der Erfüllung des Gesetzes, sondern in Christus.

Historische Einordnung: siehe zu Römer 12.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Paulus ist überzeugt: Erlösung gibt es nur in Christus. Das führt er in Kap. 8 aus. In Kap. 7 ringt er mit der Frage nach der Bedeutung des Gesetzes, das eben nicht zur Erlösung führt. Wozu ist es dann gegeben?

Zum festen Religionswissen des Juden Paulus gehört die folgende Beurteilung des Gesetzes: Das Gesetz stammt von Gott, es ist geistlich, es ist gut.

Zugleich stößt das Gesetz auf den Menschen, der nicht geistlich ist, sondern fleischlich, d.h. nicht auf Gott ausgerichtet. Er kann der Sünde, d.h. der Begierde, gegen das Gesetz zu verstoßen, nicht widerstehen. Daraus ergibt sich die negative Trias: Fleisch, Sünde, das Böse.

Diese negative Anthropologie wird aber von der Urteilsfähigkeit des Menschen (nous) insoweit aufgefangen, als der Mensch imstande ist, diese anthropologische Analyse durchzuführen und zu verstehen, dass die Rettung in Christus liegt (V.25). Das Gesetz treibt den Menschen zu Christus.

Literatur

  • E. Lohse, Der Brief an die Römer. Meyers Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament 4, Göttingen 2003.
  • O. Wischmeyer, E.-M. Becker, Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe, UTB 2767, Tübingen 32021.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Rolle, die das mosaische Gesetz im Leben eines Christen spielen soll bzw. darf, gehört zu den Lebensfragen des Apostels. In beinahe jedem Brief arbeitet er sich daran ab und nun im Römerbrief abschließend.

Der Römerbrief ist, wie wir wissen (siehe Überblick), wohl der letzte Brief des Paulus an eine unbekannte Gemeinde, die in der wachsenden Christenheit gerade an Bedeutung und Einfluss gewinnt.

Ihr schreibt er seine nun elaborierte Theologie abschließend auf.

Die exegetische Vorrednerin legt luzide dar, welche Argumentationsebenen Paulus bemüht,

ja welche gedanklichen Volten er schlägt, um seinen Adressaten die Rolle des jüdischen Gesetzes zu erklären und dabei weder seinen alten jüdischen noch seinen neuen christlichen Glauben zu verraten.

Paulus betreibt Arbeit, ja Schwerstarbeit an seiner Identität als Jude und Christ: juridisch und anthropologisch.

Festgehalten wird: das jüdische Gesetz ist geistlich – es stammt also von Gott.

Da wir Menschen aber fleischlich sind oder, wie Martin Luther das nennt, „arme stinkende Madensäcke“, also vergängliche und fehlerbehaftete Wesen, kann das Gesetz uns nur als Spiegel dienen. Wir scheitern bei jeglichem Versuch einer Perfektion im Hinblick auf ein gottesgerechtes Leben.

So gelesen muss man das „Ich“, das Paulus in Römer 7 verwendet, natürlich als ein „ego generalis“ lesen, aber wie bei dieser Stelle häufiger, changiert die Rede zwischen mehreren Ebenen: man kann das „Ich“ in Röm. 7 auch biographisch lesen, fast als eine Art Selbstgespräch, in das er seine Leserinnen und Leser, seine Hörerinnen und Hörer mit hineinnimmt.

In der Übersetzung von Oda Wischmeyer:

„Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“

Ist das eine Schizophrenie, mit der Paulus ins Gericht geht, dieser „sündige“ Teil in jedem Menschen, der es unmöglich macht, dass wir uns so verhalten, wie es angemessen ist?

Diese Erfahrung machen alle Menschen, egal ob sie versuchen, Gott gerecht zu werden oder den Menschen.

2. Praktisch-theologische Perspektivierung

Man hat diese zutiefst menschliche Erfahrung, nicht Herr oder Frau im eigenen Lebenshaus zu sein, in der Geistesgeschichte unterschiedlich benannt, erklärt und bewertet.

Das prominenteste Beispiel ist vielleicht Sigmund Freud. Er feierte zwar die Emanzipation von der Religion und den jüdisch-christlichen Vorstellungen einer göttlichen Seele, dennoch führte er das Konzept unbewusster Instanzen ein, von denen Menschen beherrsch werden: „Triebe“ beispielsweise – den Sexual- oder auch den Todestrieb - oder ein „Es“ bzw. ein „Über-Ich“.

All diese Theoreme versuchen, die von Paulus unnachahmliche formulierte Verzweiflung zu fassen, dass wir Menschen immer wieder an uns selbst scheitern. Das evidenteste Beispiel ist das Phänomen der Sucht: Essen, Alkohol, Drogen.

Auch dort wo Menschen nicht krankhaft süchtig sind, ist in modernen Zeiten das Ideal eines perfekten Körpers heute vielleicht das Beispiel, an dem man den Predigthörerinnen und -hörern evident machen kann, was Paulus meint mit der sich wiederholenden Verzweiflung über das eigene Scheitern.

Man nimmt sich vor – beispielsweise zu Jahresanfang –, im kommenden Jahr zehn Kilo abzunehmen, Sport zu treiben und zwei Kleidergrößen weniger zu werden.

Und bereits in der ersten Woche genehmigt man sich den Nachtisch und den Wein.

Oder man nimmt sich vor, mehr zu arbeiten, mehr für die Schule oder das Studium zu tun, und sieht sich selbst zu, wie man die Aufgaben vor sich herschiebt, wie man Ausreden erfindet und am Ende wieder alles schlampig und auf den letzten Drücker macht.

Bei nicht wenigen Menschen führt dieses dauerhafte Scheitern zu Selbstverachtung oder auch Selbsthass.

Der Apostel Paulus verspricht nicht weniger als die Erlösung aus dem Versagen und dem Selbsthass. Alle von außen aufoktroyierten Regeln und Ideale befreien uns nicht, machen uns nicht zu einem besseren Menschen, sondern sie machen unser Versagen nur sichtbar und offensichtlich.

Erlösung heißt in und durch Christus mit sich selbst im Reinen zu sein.

Freude an sich selbst zu haben, das verspricht Paulus. Allerdings nicht in dieser etwas platten Art von Weltanschauungen, die sich „positives Denken“ nennen und uns predigen, dass wir schon irgendwie „OK“ sind.

Für Paulus ist dieser Weg der Befreiung von der Selbstverachtung eine Lebensdynamik. Ein Weg den „ich“ immer wieder gehen muss, damit ich die sich wandelnden „Gesetze“ meiner Welt in ihren unterschiedlichen Gewändern immer wieder als Ideologie des Perfektionismus erkenne und mich davon frei mache.

Denn der befreite Mensch kann unter Absehung der eigenen Person handeln und so wirklich das Gute tun oder geschehen lassen, das Gott will.

Autoren

  • Prof. Dr. Dr. h.c. Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
  • Prof. Johanna Haberer (Praktisch-theologische Resonanzen)

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