Römer 12,17-21 | 4. Sonntag nach Trinitatis | 28.06.2026
Einführung in den Römerbrief
1. Verfasser
Paulus diktierte dem Sekretär Tertius den Brief (vgl. 1,1
Paulus befindet sich an einem entscheidenden Punkt seiner langjährigen Missionsarbeit: Er will im Westen des Imperiums
2. Adressaten
Paulus schrieb den Brief an die „Berufenen Jesu Christi“, an „alle Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen“ in Rom (1,6f.
Er spricht die Christus-gläubigen Adressaten nicht als „Gemeinde“ an (so in 1Kor 1,2
- dass es sich bei den Adressaten nicht um Mitglieder einer paulinischen Gemeindegründung handelt,
- dass die Christus-gläubigen Römerinnen und Römer ganz überwiegend sogenannte Heidenchristen waren, d.h. nicht zum „Volk Israel“ gehörten,
- dass sie nur zu einem kleinen Teil Paulus persönlich bekannt waren (vgl. die Grußliste in Kap. 16
), so dass der Römerbrief an eine wenig homogene, Paulus überwiegend unbekannte und ihm nicht verpflichtete Leserschaft gerichtet ist (Wischmeyer, Römerbrief, 445-447).
Daraus erklärt sich der sehr sachlich-theologische Gesamtduktus, der auch den ethischen Teil B des Briefes (Röm 12-14
3. Entstehungsort und Entstehungszeit
4. Wichtige Themen
„Apostelamt des Paulus, Evangelium, Glaube, Gerechtigkeit Gottes, Juden und Griechen als Teilhaber an Gottes Gerechtigkeit, Israel, Verhältnis zum Imperium Romanum, Starke und Schwache, Mission des Paulus“ (Wischmeyer, Römerbrief, 429).
Besonders wichtig ist die Auslegungsgeschichte des Röm. Keine Exegese kann ohne eine Reflexion auf die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegungsgeschichte des Briefes auskommen. Der Röm war seit Erasmus und den Reformatoren – vor allem Luther, Melanchthon und Calvin – der Grundtext reformatorischer Theologie. Die „Rechtfertigungslehre“ entwickelte Luther maßgeblich aus seiner Lektüre des Galater- und Römerbriefes und seiner Interpretation der δικαιοσύνη θεοῦ vom Genitivus objectivus her: Gerechtigkeit, die vor Gott gilt bzw. Bestand hat, d.h. die Gerechtigkeit, die nicht aus der Gesetzeserfüllung, sondern aus dem Glauben kommt. Damit wurde Röm zugleich zum bleibenden Streitobjekt zwischen reformatorisch-protestantischer und katholischer Auslegung. Neuerdings muss die Christologie des Röm, die das Heil an den Glauben an Christus bindet, in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetzesverständnis neu diskutiert werden.
5. Aktuelle Fragen
Besonderes Interesse gilt in den letzten Jahren der religiös-ethnischen Identität des Paulus und einer damit verbundenen Distanzierung besonders von der christlich-theologischen Römerbriefinterpretation von Luther bis zu Barth und Bultmann. Wieweit ist Paulus auch nach seiner Beauftragung durch den erhöhten Christus (Gal 1,1
6. Besonderheiten
Röm ist der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Paulus. In mehreren ausführlichen thematisch zentrierten Textabschnitten behandelt Paulus entscheidende Themen seiner Missionsverkündigung:
Teil A In 1,16-11,36 legt er in mehreren Schritten sein „Evangelium“ dar, das „Juden und Nichtjuden (1,16
- In Kap. 1,17-4,25 entfaltet er die Heilswirkung des Evangeliums vor dem Hintergrund der Ungerechtigkeit von Nichtjuden wie Juden. 3,21-31
ist das christologische Herzstück dieser Heilsbotschaft. - In Kap. 5-8 entwickelt Paulus dann Einzelaspekte seiner Christologie.
- Kap. 9-11 ist ein eigener thematischer Traktat zum Verhältnis von Nichtjuden und Juden, der mit der Perspektive der Errettung von Nichtjuden wie Juden schließt und damit auch das Thema von 1,16
zum Abschluss bringt (11,26 ).
Teil B Von 12,1-15,13 stellt Paulus in einer reich gegliederten Paraklese (ermahnende Darlegung der Verhaltensformen in den Christus-gläubigen Gemeinden) Grundelemente gemeindlichen Verhaltens dar (darin: 13,1-7
Literatur:
- Fredriksen, P.: Paul, the Perfectly Righteous Pharisee, in: The Pharisees, hg. J. Sievers and A.-J. Levine, Eerdmans 2021.
- Kleffmann, T.: Der Römerbrief des Paulus, Tübingen 2022 (theologisch-systematische Kommentierung des Röm).
- Wischmeyer, O. / Becker, E.-M. (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen 32021; darin. Wischmeyer, O., Römerbrief, 429-469. Dort S. 468f. weiter kurz kommentierte Literatur.
- Wolter, M.: Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8. EKKNF VI/1, Neukirchen-Vluyn 2014. Teilband 2: Röm 9-16. EKKVI/2, Neukirchen-Vluyn 2019.
A) Exegese kompakt: Römer 12,17-21
Übersetzung
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber allen Menschen. 18 Wenn es möglich ist, soviel an euch liegt, habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn [Gottes]; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« 21 Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Der Text ist syntaktisch und semantisch unkompliziert und für die Hörerschaft verständlich. Der Ausdruck „Zorn“ steht für den endzeitlichen Zorn Gottes.
2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung
12,17-21 ist Teil der Mahnungen, die Paulus den römischen christusgläubigen Gemeindegliedern gibt. Diese Ermahnungen, die 12,1 bis 15,13 umfassen, sind allgemein gehalten, da die Gemeinde nicht von Paulus gegründet wurde, keine gemeinsame Geschichte mit dem Apostel teilt und keine eigenen Fragen an Paulus gerichtet hat. Paulus muss auch nicht fremde Missionare bekämpfen wie in den Korintherbriefen und Gal und Phil. Die Mahnungen sind daher nicht situativ und konkret, sondern bleiben bewusst allgemein.
Zur formalen Struktur des Kapitels:
In 12,1-2
In VV.9-13.15 (hier Infinitiv)-19a verwendet er Partizipien an der Stelle von Imperativen und findet damit eher zu einer Zustandsbeschreibung als zu gebotsähnlichen Vorschriften. In VV.14 und 15b.19 setzt er dann doch Imperative (2. Pers. Pl.), in VV.20f. verwendet er den Imperativ 2. Pers. Sing. und spitzt die entsprechende Mahnung damit zu. V.21 bezieht sich auf V.2 zurück: Es ist die Aufforderung zum Tun des Guten. Dieser Schlussimperativ ist als ethische Gnome gestaltet. In V.20 zitiert Paulus Sprüche 25,21f.
21ἐὰν πεινᾷ ὁ ἐχθρός σου, τρέφε αὐτόν,
ἐὰν διψᾷ, πότιζε αὐτόν·
22τοῦτο γὰρ ποιῶν ἄνθρακας πυρὸς σωρεύσεις ἐπὶ τὴν κεφαλὴν αὐτοῦ,
ὁ δὲ κύριος ἀνταποδώσει σοι ἀγαθά.
Die letzte Zeile aus Spr 25,22b die Paulus nicht mehr zitiert, enthält das Leitmotiv des „Guten“, hier verstanden als „Güter“, von Paulus ins allgemein Ethische abgewandelt.
3. Kontext und historische Einordnung
Röm 12,17-21 ist Teil des paränetischen Teils des Römerbriefs. Nachdem Paulus die große intellektuelle Auseinandersetzung mit dem theologischen Schicksal der Juden (Kap. 9-11) abgeschlossen hat, wendet er sich der Belehrung der römischen Christusgläubigen zu. Er kommentiert diese Belehrung selbst in 15,14-19 so:
14 Ich weiß aber selbst sehr wohl von euch, meine Brüder und Schwestern, dass auch ihr selber voll Güte seid, erfüllt mit aller Erkenntnis, sodass ihr euch untereinander ermahnen könnt. 15 Ich habe euch aber zum Teil sehr kühn geschrieben, um euch zu erinnern kraft der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, 16 sodass ich ein Diener Christi Jesu unter den Heiden bin, der mit dem Evangelium Gottes wie ein Priester (λειτουργὸν Χριστοῦ Ἰησοῦ) dient, auf dass die Heiden ein Opfer werden, das Gott wohlgefällig ist, geheiligt durch den Heiligen Geist (ἵνα γένηται ἡ προσφορὰ τῶν ἐθνῶν εὐπρόσδεκτος, ἡγιασμένη ἐν πνεύματι ἁγίῳ). 17 Darum kann ich mich rühmen in Christus Jesus, dass ich Gott diene. 18 Denn ich werde nicht wagen, etwas zu reden, das nicht Christus durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk, 19 in der Kraft von Zeichen und Wundern und in der Kraft des Geistes Gottes.
Er versteht seine Belehrung also als „Ethikunterricht für die christusgläubigen Nichtjuden (‚Heiden‘)“ in Rom. Die ursprünglich nichtheiligen Heiden (Röm1) sollen Gott geheiligt werden. Paulus benutzt die klassische Opferterminologie (Priester, ein heiliges Opfer) mit ihrer rituellen Terminologie und transformiert sie ins Ethische. Welcher Ethik sollen die nichtjüdischen christusgläubigen Römer/innen folgen? Paulus verbindet in Röm 12-15 ethische Standards aus der Spruchweisheit Israels mit seinem eigenen ethischen Leitbegriff der Agape und geht gleichzeitig auf die solidarische Gemeindepraxis des „Leibes Christi“ ein: οἱ πολλοὶ ἓν σῶμά ἐσμεν ἐν Χριστῷ, τὸ δὲ καθ’ εἷς ἀλλήλων μέλη (12,5).
In Kap. 13 behandelt er dann zunächst die politisch brisante Frage von Steuern (Verhältnis zur „Obrigkeit“), um weiter in VV.8-14 die grundsätzlichen Koordinaten der Ethik unter Jesus Christus vertieft zu benennen: Liebe (ἀγάπη) und leben im Bewusstsein der neuen Zeit in Christus. In Kap. 14f. wendet er sich dem spezifischen Ethos der christusgläubigen Gemeinden zu: In 14,1-15,13 wiederholt er seine Ausführungen aus 1Kor 8-10 zu den „Starken“ und „Schwachen“ in den Gemeinden und rät zur Solidarität mit den „Schwachen“, die mit der Freiheit in Christus, die Paulus predigt (Röm 8
4. Theologische Perspektivierung
Leitende Begriffe sind die formalen Kategorien „das Gute“ und „das Böse“, die in V.9 inhaltlich durch die Agape bestimmt wurden und die in Variationen in 12,2.9.17.21 begegnen: 2 τὸ ἀγαθὸν καὶ εὐάρεστον καὶ τέλειον, ἀποστυγοῦντες τὸ πονηρόν, κολλώμενοι τῷ ἀγαθῷ, 17μηδενὶ κακὸν ἀντὶ κακοῦ ἀποδιδόντες, προνοούμενοι καλὰ ἐνώπιον πάντων ἀνθρώπων· μὴ νικῶ ὑπὸ τοῦ κακοῦ ἀλλὰ νίκα ἐν τῷ ἀγαθῷ τὸ κακόν. Positiver Leitbegriff ist „das Gute“ (ἀγαθόν). Dieser Begriff ist inhaltlich offen und für Juden wie für Nichtjuden anschlussfähig. Unser Textabschnitt konzentriert sich auf einen einzigen Aspekt des Guten: zwischenmenschlichen Frieden im Sinn des respektvollen und liebevollen Zusammenlebens, negativ gewendet: des Verzichts auf Rache bzw. Vergeltung(Lev 19,18a
Wichtig ist, dass hier nicht einem konturlosen everything goes Tor und Tür geöffnet wird. Das Böse bleibt böse. Es wird von Gott selbst gerächt. Ebenfalls beachtet werden sollte die Einschränkung „soweit es an euch liegt“. Zwischenmenschlicher Friede kann nicht nur von einer Seite her hergestellt werden.
Literatur
- E. Lohse, Der Brief an die Römer. Meyers Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament 4, Göttingen 2003.
- O. Wischmeyer, E.-M. Becker, Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe, UTB 2767, Tübingen 32021.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Aufrichtige Liebe
Man darf den Textabschnitt nicht für sich allein lesen. Er braucht den Kontext, in dem er steht, vor allem die Klammer aus V.9, die den größeren Abschnitt 12,9-21 zusammenhält: „Die Liebe sei ohne Falsch“ (Luther 2017) oder – vielleicht positiv mit der Basis Bibel übersetzt: [Eure] „Liebe soll aufrichtig sein. Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest“ – Agape ist die oberste Verhaltensform für christusgläubige Gemeinden.
Ohne diese Überschrift wären die Ausführungen in den Vv. 17-21 und insbesondere das Zitat aus Spr 25,22 „… du wirst feurige Kohlen auf sein [deines Feindes] Haupt häufen…“ leicht missverständlich als eine Anweisung zu passiv-aggressivem Handeln. Eine aufrichtige Analyse der eigenen Emotionen im betont freundlichen Umgang mit böswilligen Menschen und Widersachern offenbart unterdrückte Rachegefühle, die mit dem freundlich erscheinenden Akt die Intention einer heißen und unbequemen Gewissensregung bei der anderen Person verbinden. Die Mahnung zur aufrichtigen Liebe ist da gewiss angebracht.
2. Thematische Fokussierung
Ethikunterricht nach Paulus
Als „Ethikunterricht für Christusgläubige“ ist der Text samt seiner Exegese durchaus inspirierend. Denn wenn Paulus den Abschnitt als Teil einer umfassenden Paränese an die junge Gemeinde von Christinnen und Christen in Rom schreibt, ohne dass es einen konkreten Anlass zu Mahnung oder zur Schlichtung von Auseinandersetzungen gibt, dann hat der Text tatsächlich etwas von einem „Curriculum“ einer Ethik-Einheit in Christenlehre. Als Lernziel formuliert Paulus für die Hörer:innen und Leser:innen seines Briefs einen Kompetenzgewinn: „die Kursteilnehmenden können kompetent mit Güte im Alltag umgehen“. „Die Kursteilnehmenden können besser erkennen, wann und wie sie einander kritisieren, ermahnen und ermutigen“. Beide Ziele sind Röm 15,14
Die einzelnen Module seines Ethikunterrichts füllen die vier Kapitel 12 bis 15 des Briefes. Der Predigtabschnitt geht auf den Umgang mit dem Bösen ein. Lernziel: „die Kursteilnehmenden üben sich in Reaktionen auf Negativität im Nahbereich, die geprägt sind vom Liebesgebot Christi. Sie nehmen eigene Racheimpulse wahr und überlassen sie Gott.“
Zentral ist, dass Paulus nicht eine gesamtgesellschaftliche Ethik der Weltordnung entwickelt, sondern gezielt an eine Gemeinde schreibt, die durch äußere Umstände – in der Hauptstadt des römischen Imperiums mit ihren Herrschaftsstrukturen und Behördenzwängen – und durch innere Findungsprozesse genötigt ist, ihre eigenen Regeln zu entwickeln, wie sie mit Konflikten umgeht. Der Ethikunterricht richtet sich also auf eine Ethik, die den sozialen Nahbereich der Gemeinde in einem heidnischen, also nicht mit jüdischem Gesetz und Leben vertrauten Umfeld prägen will, im Geist der Liebe als „solidarische Gemeindepraxis“ (vgl. Teil A).
Dies ist für eine Predigt in der gegenwärtigen Lebenswelt wichtig im Blick zu haben: es geht weder um das allgemein „Gute“ noch das große „Böse“ in der Welt, sondern es geht um Erfahrungen mit Bösem und Negativem im Umfeld und den Möglichkeiten, sich güterethisch in Gemeinde und Community zu verhalten.
3. Theologische Aktualisierung
Der Geist ist der Kirche nicht abhandengekommen
Ein erfolgreicher Ethikunterricht geht realistisch und ehrlich mit der Lebenswelt um, in der die Lernenden leben. Paulus hat sich in vielerlei Hinsicht sehr konkret auf die Lebenswelt der Hauptstadt Rom eingestellt. Prediger:innen und Lehrende heute sind gut beraten, sich mit der realen Lebenswelt der Hörenden und Lernenden zu befassen. Die Gemeinde von Christinnen und Christen, wie auch die kirchliche Realität insgesamt, ist keineswegs ideal und frei von Negativem. Trutz Rendtorff spricht deshalb in seinen Beiträgen zu einer ethischen Kultur des Protestantismus ein „Leiden an der Kirche, wie es gerade denen nicht unbekannt ist, die mit der Kirche leben und für sie arbeiten. Der Geist des Christentums – ist er im Alltag der Kirche abhandengekommen?“ (Rendtorff 1991, S.193) an. Aber genau hier, im „Zusammenleben in Polis, Gemeinde und Nachbarschaft“, man könnte ergänzen: in Vereinen, im Wohnquartier und Familie soll dennoch die Heiligung stattfinden, von der Röm 1 spricht (vgl. Teil A).
Das Erste, was man zur Kenntnis nehmen muss, ist die Realität des Bösen. Kristin Merle, die sich um eine theologische Deutung der Abgründe sexualisierter Gewalt in der Kirche bemüht, zieht einen popkulturellen Gegenwartstext und einen Text Martin Luthers zu Rate: „Je ehrlicher ein Mensch zu sich sein kann […], umso deutlicher treten ihm auch die eigenen Abgründe vor Augen, mit ihnen das in uns Genichtete, Beschädigte, Korrumpierte, der Nährboden des ‚alten Adam‘, der in der Taufe täglich ersäuft wird (vgl. WA 30 I, 312,14–16), wie Luther gesagt hat. Dass der ‚alte Adam‘ ein Wiedergänger ist, weiß auch die Popkultur: ‚Ein Biest lebt in deinem Haus‘, singt Peter Fox in seinem Lied Das zweite Gesicht. ‚Du schließt es ein, es bricht aus / Das gleiche Spiel jeden Tag / Vom Laufstall bis ins Grab.‘ Lutherische Theologie weiß um das bleibend ‚Böse und seine Abgründe‘ – auch der iustus bleibt peccator (vgl. WA 56, 442,17). Die grundsätzliche und bleibende Disposition des Menschen zu Zerstörung und Malignem zu verdrängen, halte ich für ideologisch und fahrlässig: Sie bricht sich unkontrolliert Bahn, nicht zuletzt in vielfältigen Formen von Gewalt.“ (Merle 2024, S.4) Es sind häufig die nahen, familiären, gemeindlichen, schulischen und seelsorglichen Orte, an denen Menschen Böses angetan wird. Der Predigttext erlaubt hier keinen moralischen Relativismus, sondern beschwört sogar Gottes Rache für Täter:innen. Bemühungen um Frieden sind deshalb auch nur im Rahmen des Möglichen (V.18) geboten. Umso wichtiger ist es aber, nicht aufzugeben im Bemühen um Gutes, um die Entwicklung einer verlässlichen Güterethik, die sich bis in die Entwicklung von Regelwerken, Maßnahmenkataloge und Präventionsarbeit verwirklicht.
Solange die Mahnung des Paulus auch heute noch Gehör findet, sich von der Macht und Erschütterung durch das Böse nicht völlig übermannen zu lassen, sondern diesem ganz unbeirrbar Gutes entgegenzusetzen, solange ist der Geist nicht abhandengekommen, sondern lebendig und am Wirken. Gerade im Nahraum gilt mit Paulus: Seid auf Gutes bedacht gegenüber allen Menschen, ob kirchlich oder nichtkirchlich!
Das Gute will und muss aber organisiert sein. Es geht um mehr als eine gute Haltung, es geht um konkrete Operationalisierung, etwa in diakonischen Maßnahmen. Der Kirchentheoretiker Frank Weyen spricht davon, dass Kirche und Kirchengemeinden sich nicht als allversorgende Institutionen aufstellen sollen, sondern als Organisation, die mit anderen gemeinsam vor Ort (in urbanen oder ländlichen Kontexten) danach schauen, was sie zum friedlichen Zusammenleben beitragen können, „auf die Bedürfnislagen der im Quartier lebenden Menschen zugeschnitten [… als] ein echtes Human-Resource-Management“ (Weyen 2020, S.210f). So wie Paulus der Gemeinde in Rom hilft, mit guter Theologie die Agape-Botschaft nach innen und nach außen zu vertreten, so sind auch wir heute aufgerufen, christliche Ethik nach innen wie nach außen konkret zu bestimmen.
4. Wie prägt der Text den Sonntag?
Ermutigung wider Verzweiflung
Auf den sozialen Nahbereich als Ort einer Ethik der Barmherzigkeit und der Überwindung von Bösem mit Gutem verweist auch der Abschnitt der hebräischen Bibel, der in jedem Fall im Gottesdienst gelesen werden sollte: das Ende des Familiendramas von Josef und seinen Brüder Gen 50,15-21
Der Text und seine Botschaft sind Ermutigung für Menschen, die sich nicht von Verzweiflung und von Verletzungen kleinkriegen lassen. Bodo Ramelow, als Politiker und ehemaliger Ministerpräsident Thüringens mit Animositäten und Widrigkeiten aller Art vertraut, hat diesen Text so gelesen: „Es sind diese Zeilen, die mir immer wieder Kraft für meine tägliche Arbeit geben. Die kleinen und großen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft und auf der ganzen Welt können einen oft zur Verzweiflung treiben. Doch man darf sich niemals vom eigenen Zorn überwältigen lassen. Die Gewissheit, dass man selbst stets das Gute in sich bewahren muss – und wenn es einen noch so zerreißt – war mir stets Inspiration. […] Keinem Menschen etwas Böses zu tun und stetig auf die bessere Welt – das Himmelreich auf Erden – hinzuarbeiten, das war mir stets Ansporn.“ (Ramelow 2016, S.198f)
5. Anregung
Ein popkulturelles Confiteor
Warum nicht den Hinweis von Kristin Merle aufnehmen und den Song von Peter Fox „Das zweite Gesicht“ – oder Ausschnitte des Textes – am Ort des Confiteor einbinden? Der Text bietet keine Auflösung, sondern verbleibt – groovend – bei der Selbsterkenntnis: Das Biest lebt in deinem Haus. Es steckt mit dir unter einer Haut.
Aber es definiert nicht, wer du bist. Kyrie eleison! Christe eleison! Kyrie eleison!
Literatur
- Peter Fox, Das zweite Gesicht, in: Stadtaffe, Downbeats Records 2008.
- Kristin Merle, Ist die Sündhaftigkeit aller Menschen eine Verharmlosung oder eine Vertiefung des Dramas der Sünde? Kann die lutherische Theologie das Böse und seine Abgründe überhaupt plastisch werden lassen?, in: VELKD-Texte 195, Dezember 2024, 3-5 (.
- Bodo Ramelow, 4. Sonntag nach Trinitatis. Römer 12,17-21, in: Christoph Levin (Hg.), Denkskizzen, Stuttgart: Radius 2019, 196-199.
- Trutz Rendtorff, Vielspältiges. Protestantische Beiträge zur ethischen Kultur, Stuttgart et al.: Kohlhammer 1991.
- Frank Weyen, Kirche in den Wirkungshorizonten ihrer Gegenwart. Protestantische Glaubens- und Organisationsformen in der Moderne, Berlin: Lit 2020.
Autoren
- Prof. em. Dr. Dr. h.c. Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Traugott Roser (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500200
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