Lutherbibel 1984 (LU84)
7

Salomo empfängt und erfährt die Weisheit

71Auch ich bin ein sterblicher Mensch wie alle andern, ein Nachkomme des ersten aus Erde geschaffenen Menschen, 2und bin Fleisch,

7,2
Ps 139,13
Hiob 10,10-11
im Mutterleib zehn Monate lang gebildet, im Blut zusammengeronnen aus Mannessamen und der Lust, die im Beischlaf dazukam. 3Auch ich habe, als ich geboren war, Atem geholt aus der Luft, die allen gemeinsam ist, und bin gefallen auf die Erde, die alle in gleicher Weise trägt; und Weinen ist wie bei den andern mein erster Laut gewesen 4und bin in Windeln gelegt und voll Fürsorge aufgezogen worden. 5Denn auch kein König hatte jemals einen andern Anfang seines Lebens, 6sondern sie haben alle denselben Eingang in das Leben und auch den gleichen Ausgang.
7,6
Hiob 1,21
7Deshalb betete ich und mir wurde Einsicht gegeben; ich rief den Herrn an und der Geist der Weisheit kam zu mir.
7,7
1. Kön 3,5-12

8Ich achtete sie höher als Zepter und Throne, und Reichtum hielt ich ihr gegenüber für nichts. 9

7,9
Hiob 28,15-19
Im Vergleich zu ihr sah ich jeden Edelstein für wertlos an; denn alles Gold ist vor ihren Augen nur geringer Sand, und Silber wird vor ihr für Schmutz gehalten.
7,9
Phil 3,8
10Ich hatte sie lieber als Gesundheit und schöne Gestalt und zog sie sogar dem Licht vor; denn der Glanz, der von ihr ausgeht, erlischt nicht. 11Zugleich aber kamen mit ihr alle Güter zu mir, und
7,11
1. Kön 3,13
unermesslicher Reichtum war in ihrer Hand. 12Ich wurde über alle diese Dinge fröhlich, weil die Weisheit sie mit sich führte; ich wusste aber noch nicht, dass sie auch ihre Schöpferin ist.

13Arglos habe ich sie gelernt, neidlos teile ich sie aus; ich will ihren Reichtum nicht verbergen. 14Denn sie ist für die Menschen ein unerschöpflicher Schatz; die ihn erwarben, erlangten

7,14
Gottes Freundschaft, weil die Gaben sie empfahlen, die die Unterweisung verleiht.

15Gott aber gebe mir, nach seinem Sinn zu reden und so zu denken, wie es solcher Gaben würdig ist. Denn er ist’s, der auch die Weisheit den Weg führt und den Weisen zurechthilft. 16Denn in seiner Hand sind wir selbst und unsre Worte, dazu alle Klugheit und Kenntnisse in mancherlei Fertigkeiten.

17Denn er gab mir sichere

7,17
Sir 17,6-8
Erkenntnis dessen, was ist, sodass ich den Bau der Welt begreife und das Wirken der Elemente: 18Anfang, Ende und Mitte der Zeiten; wie die Tage zu- und abnehmen; wie die Jahreszeiten wechseln 19und wie das Jahr umläuft und wie die Sterne stehen; 20die Natur der Tiere und die Kraft der Raubtiere; die Macht der Geister und die Gedanken der Menschen; die Vielfalt der Pflanzen und die Kräfte der Wurzeln.
7,20
1. Kön 5,13
21So erkannte ich alles, was verborgen und was sichtbar ist; denn die Weisheit, die alles kunstvoll gebildet hat, lehrte mich’s.

22

7,22-23
Kap
Denn es wohnt in ihr ein Geist, der verständig ist, heilig, einzigartig, vielfältig, fein, behänd, durchdringend, rein, klar, unversehrt, freundlich, scharfsinnig, ungehindert, wohltätig, 23menschenfreundlich, beständig, gewiss, ohne Sorge; sie vermag alles, sieht alles und durchdringt selbst alle Geister, die verständig, lauter und sehr fein sind. 24Denn die Weisheit ist regsamer als alles, was sich regt, sie geht und dringt durch alles – so rein ist sie.

25Denn sie ist ein Hauch der göttlichen Kraft und ein reiner Strahl der Herrlichkeit des Allmächtigen; darum kann nichts Unreines in sie hineinkommen. 26Denn sie ist ein

7,26
Hebr 1,3
Abglanz des ewigen
7,26
1. Joh 1,5
Lichts und ein fleckenloser Spiegel des göttlichen Wirkens und ein Bild seiner Güte. 27Obwohl sie nur eine ist, kann sie doch alles. Und obwohl sie bei sich selbst bleibt, erneuert sie das All, und von Geschlecht zu Geschlecht geht sie in heilige Seelen ein und macht sie zu
7,27
Jak 2,23
Freunden Gottes und zu Propheten. 28Denn niemanden liebt Gott außer dem, der mit der Weisheit lebt.
7,28
Sir 4,15

29Denn sie ist herrlicher als die Sonne und übertrifft alle Sternbilder. Verglichen mit dem Licht hat sie den Vorrang. 30Denn das Licht muss der Nacht weichen, aber die Bosheit kann die Weisheit nicht überwältigen.

8

81Kraftvoll erstreckt sie sich von einem Ende zum andern und regiert das All vortrefflich.

Der Lebensbund Salomos mit der Weisheit

2Die Weisheit hab ich geliebt und gesucht von meiner Jugend an und danach getrachtet, sie mir zur Braut zu nehmen, und ich hab ihre Schönheit lieb gewonnen. 3Sie zeigt sich ihrer edlen Herkunft würdig, indem sie bei Gott lebt; und

8,3
Spr 8,30
der Herr aller Dinge hat sie lieb. 4Denn
8,4
Kap
sie ist in Gottes Wissen eingeweiht und wählt aus, was Gott tut.

5Ist aber Reichtum ein Gut, das man im Leben begehrt, was ist dann reicher als die Weisheit, die alles schafft? 6Ist’s aber Klugheit, die etwas schafft, wer in aller Welt ist dann ein größerer Meister als die Weisheit? 7Hat aber jemand Gerechtigkeit lieb – so ist es die Weisheit, die die Tugenden wirkt; denn sie lehrt Besonnenheit und Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit, und nichts Nützlicheres als dies gibt es im Leben für die Menschen. 8Begehrt aber jemand Erfahrung und Wissen – so ist es die Weisheit, die das Vergangene kennt und

8,8
1. Mose 40,8
das Zukünftige errät. Sie versteht sich auf gewandte Rede und
8,8
1. Kön 10,1-4
weiß, Rätsel zu lösen. Zeichen und Wunder erkennt sie im Voraus und was Stunden und Zeiten bringen werden.

9Ich habe daher beschlossen, sie mir zur

8,9
Spr 7,4
Gefährtin zu nehmen, denn ich wusste, dass sie mir ein Ratgeber zum Guten sein würde und ein Trost in Sorgen und Traurigkeit. 10Ich werde ihretwegen Ruhm beim Volk und Ehre bei den Alten haben,
8,10
1. Kön 3,712
Ps 119,100
St zu Dan 1,45-50
obwohl ich jung bin. 11Ich werde als scharfsinnig gelten,
8,11
1. Kön 3,28
wenn ich Recht spreche, und
8,11
1. Kön 5,14
10,7
Bewunderung finden bei den Mächtigen. 12Wenn ich schweige, werden sie auf mich warten; wenn ich rede, werden sie aufmerken; wenn ich weiterrede, werden sie die Hand auf ihren Mund legen.
8,12
Hiob 29,9-11
13Ich werde ihretwegen Unsterblichkeit empfangen und ein ewiges Andenken bei denen hinterlassen, die nach mir kommen.
8,13
Dan 12,3
14Ich werde Völker regieren, und Nationen werden mir untertan sein. 15Grausame Tyrannen werden sich fürchten, wenn sie von mir hören; in der Volksversammlung zeige ich mich tüchtig und im Krieg tapfer. Kehre ich aber heim, so werde ich bei der Weisheit ruhen. 16Denn mit ihr Umgang zu haben, bringt keinen Verdruss, und mit ihr zusammenzuleben, keinen Schmerz, sondern Lust und Freude.

17Das bedachte ich bei mir und erwog es in meinem Herzen, dass die Verwandten der Weisheit

8,17
Kap
Unsterblichkeit 18und ihre Freunde wahre Freude haben und dass durch die Arbeit ihrer Hände unerschöpflicher Reichtum kommt und Klugheit durch steten Umgang mit ihr und guter Ruf durch Teilnahme an ihren Worten; darum ging ich umher und suchte, wie ich sie zu mir nehmen könnte.

19

8,19-20
Ps 51,7
Ich war aber ein wohlgestalteter junger Mann und hatte eine edle Seele empfangen; 20oder vielmehr, da ich edel war, kam ich in einen unbefleckten Leib. 21Als ich aber erkannte, dass ich die Weisheit nicht anders erlangen könnte, als dass Gott sie mir gibt – und es war schon Klugheit zu wissen, von wem diese Gnadengabe kommt –, da wandte ich mich an den Herrn, betete zu ihm und sprach von ganzem Herzen:

9

Salomos Gebet um Weisheit

91Gott meiner Väter und Herr des Erbarmens, der du

9,1
Ps 33,6
Joh 1,3
alle Dinge durch dein Wort geschaffen 2und den Menschen durch deine Weisheit bereitet hast, damit er
9,2
1. Mose 1,26-28
herrschen soll über die Geschöpfe, die von dir gemacht wurden, 3und die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit regieren und mit aufrichtigem Herzen Gericht halten soll: 4Gib mir die Weisheit, die bei dir auf deinem Thron sitzt, und verwirf mich nicht aus der Schar deiner Kinder. 5Denn ich bin dein Knecht und der Sohn deiner Magd, ein schwacher Mensch, der nur ein kurzes Leben hat und dem es an Einsicht fehlt für Recht und Gesetz. 6Denn selbst wenn einer unter den Menschenkindern vollkommen wäre, so wird er doch nichts gelten, wenn ihm die Weisheit fehlt, die von dir kommt. 7
9,7-8
2. Sam 7,12-13
Du hast mich erwählt zum König über dein Volk und zum Richter über deine Söhne und Töchter; 8du gebotest mir, einen Tempel zu bauen auf deinem heiligen Berge und in der Stadt, in der du wohnst, einen Altar, ein
9,8
2. Mose 25,8-940
Abbild des heiligen Zeltes, das du schon von Anfang an bereitet hast.

9Und bei dir ist

9,9
Kap
die Weisheit, die deine Werke kennt und die dabei war, als du die Welt schufst, und die weiß, was dir wohlgefällig ist und was recht ist nach deinen Geboten. 10Schick sie herab von deinem heiligen Himmel, und sende sie von dem Thron deiner Herrlichkeit, damit sie mir tätig zur Seite stehe, sodass ich erkenne, was dir wohlgefällt; 11denn sie weiß und versteht alles und wird mich mit Besonnenheit leiten bei meinen Werken und mich behüten in ihrer Herrlichkeit. 12Dann werden meine Werke angenehm sein, und ich werde dein Volk gerecht richten und des Thrones meines Vaters würdig sein.

13Denn welcher Mensch erkennt den Ratschluss Gottes? Oder wer kann ergründen, was der Herr will?

9,13
Röm 11,34
14Denn die Gedanken der sterblichen Menschen sind armselig und unsre Vorsätze hinfällig.
9,14
Ps 146,4
15Denn der vergängliche Leib beschwert die Seele, und die irdische
9,15
Jes 38,12
2. Kor 5,1-4
Hütte drückt den viel überlegenden Geist nieder. 16Wir erfassen kaum, was auf Erden ist, und begreifen nur schwer, was wir in Händen haben. Was aber im Himmel ist, wer hat es erforscht?
9,16
Joh 3,12
17Und wer hat deinen Ratschluss erkannt? Es sei denn, du hast Weisheit gegeben und
9,17
1. Kor 2,9-16
deinen Heiligen Geist aus der Höhe gesandt. 18Und so wurden die Erdenbewohner auf den rechten Weg gebracht und die Menschen in dem unterwiesen, was dir gefällt, 19und durch die Weisheit errettet.