Lutherbibel 1984 (LU84)
1

Die Geschichte von Susanna und Daniel

(Zusatz am Anfang des Buches)

11Es war ein Mann in Babylon mit Namen Jojakim; 2der hatte eine Frau, die hieß Susanna, eine Tochter Hilkijas; die war sehr schön und dazu gottesfürchtig. 3Denn sie hatte fromme Eltern,

1,3
5. Mose 6,6-7
die sie nach dem Gesetz des Mose unterwiesen hatten. 4Und Jojakim war sehr reich und hatte einen schönen Garten an seinem Hause. Und die Juden kamen stets bei ihm zusammen, weil er der Angesehenste von allen war.

5Es wurden aber im selben Jahr zwei Älteste aus dem Volk als Richter bestellt; das waren solche Leute, von denen der Herr gesagt hatte:

1,5
Jer 29,22-23
Bosheit ging aus von Babylon von den Ältesten und Richtern. In ihnen sah man die Führer des Volks. 6Die kamen täglich zu Jojakim; und wer eine Streitsache hatte, musste dorthin vor sie kommen.

7Und wenn das Volk mittags weggegangen war, pflegte Susanna sich im Garten ihres Mannes zu ergehen. 8Und als die beiden Ältesten sie täglich darin umhergehen sahen, entbrannten sie in Begierde nach ihr 9und

1,9
Spr 6,32
wurden darüber zu Narren und
1,9
Mt 5,28-29
warfen die Augen so sehr auf sie, dass sie nicht mehr zum Himmel aufsehen konnten und nicht mehr an gerechte Urteile dachten. 10Sie waren beide zugleich für sie entbrannt, verrieten jedoch einander ihre Leidenschaft nicht 11und schämten sich, einander ihre Begierde zu verraten; denn jeder hätte sich gern zu ihr gelegt. 12Und sie warteten täglich gespannt auf sie, um sie nur sehen zu können.

13Es sprach aber einer zum andern: Komm, lass uns heimgehen! Denn es ist nun Essenszeit. Und sie gingen hinaus und trennten sich. 14Danach kehrte jeder wieder um und sie kamen an derselben Stelle wieder zusammen. Als nun einer den andern nach dem Grund fragte, bekannten sie beide ihre Begierde. Danach kamen sie miteinander überein, darauf zu warten, wann sie die Frau allein finden könnten.

15Und als sie auf einen günstigen Tag lauerten, kam Susanna nur mit zwei Mägden, wie es ihre Gewohnheit war, in den Garten, um zu baden; denn es war sehr heiß.

1,15
2. Sam 11,2
16Und es war kein Mensch im Garten außer den beiden Ältesten, die sich heimlich versteckt hatten und auf sie lauerten. 17Und sie sagte zu ihren Mägden: Holt mir Öl und Salben und schließt den Garten zu, damit ich baden kann! 18Und die Mägde taten, wie sie befohlen hatte, und schlossen den Garten zu und gingen zur hinteren Tür hinaus, um ihr zu bringen, was sie haben wollte; aber sie sahen die Ältesten nicht, denn die hatten sich versteckt.

19Als nun die Mägde hinausgegangen waren, kamen die beiden Ältesten hervor, liefen zu ihr und sagten: 20Siehe, der Garten ist zugeschlossen und

1,20
Sir 23,25-28
niemand sieht uns, und wir sind in Liebe zu dir entbrannt; darum sei uns zu Willen! 21Willst du aber nicht, so
1,21
5. Mose 19,15
werden wir dich beschuldigen, dass wir einen jungen Mann allein bei dir gefunden haben und dass du deine Mägde deshalb hinausgeschickt hast. 22Da seufzte Susanna und sagte: In wie großer Bedrängnis bin ich! Denn
1,22
3. Mose 20,10
wenn ich das tue, so bin ich des Todes; tu ich’s aber nicht, so komme ich nicht aus euren Händen. 23Doch ich will lieber unschuldig in eure Hände fallen als
1,23
1. Mose 39,9
gegen den Herrn sündigen.

24Und Susanna fing an, laut zu

1,24
5. Mose 22,24
schreien; aber die Ältesten schrien gegen sie an. 25Und der eine lief hin zu der Tür des Gartens und öffnete sie. 26Als nun die Leute im Haus das Geschrei im Garten hörten, liefen sie durch die hintere Tür herbei, um zu sehen, was ihr widerfahren wäre. 27Und als die Ältesten anfingen, gegen sie auszusagen, schämten sich die Diener ihretwegen sehr; denn so etwas war bisher nie über Susanna gesagt worden.

28Und am andern Tag, als das Volk im Hause Jojakims, ihres Mannes, zusammenkam, da kamen auch die beiden Ältesten in der schändlichen Absicht, Susanna dem Tod zu überliefern; 29und sie sagten vor allem Volk: Schickt hin und lasst Susanna, die Tochter Hilkijas, Jojakims Frau, herholen! Da schickten sie hin. 30Und sie kam mit ihren Eltern und Kindern und ihrer ganzen Verwandtschaft. 31Sie aber war sehr schön von Gestalt und Angesicht; 32darum ließen die Bösewichte ihr den Schleier wegreißen, mit dem sie verhüllt war, um sich an ihrer Schönheit zu ergötzen. 33Und alle, die bei ihr standen und sie sahen, weinten um sie.

34Und die beiden Ältesten traten auf mitten unter dem Volk und

1,34
3. Mose 24,14
legten die Hände auf ihr Haupt. 35Sie aber weinte und
1,35
hob die Augen auf zum Himmel; denn ihr Herz vertraute auf den Herrn. 36Und die Ältesten fingen an und sagten: Als wir beide allein im Garten umhergingen, kam sie hinein mit zwei Mägden und schloss den Garten zu und schickte die Mägde fort. 37Da kam ein junger Mann zu ihr, der sich versteckt hatte, und legte sich zu ihr. 38Als wir aber in einem Winkel im Garten solche Schande sahen, liefen wir eilends hinzu und fanden sie beieinander. 39Aber den jungen Mann konnten wir nicht überwältigen; denn er war uns zu stark und stieß die Tür auf und sprang davon. 40Sie aber ergriffen wir und fragten, wer der junge Mann wäre. Aber sie wollte es uns nicht sagen. Das bezeugen wir.

41Und das Volk glaubte den beiden als Ältesten und Richtern im Volk, und man verurteilte Susanna zum Tode. 42Sie aber schrie mit lauter Stimme: Herr, ewiger Gott,

1,42
Sir 42,18-20
der du alle Heimlichkeiten kennst und alle Dinge zuvor weißt, ehe sie geschehen, 43du weißt, dass diese mich zu Unrecht beschuldigt haben. Und nun siehe, ich muss sterben, obwohl ich doch nicht begangen habe, was sie so bösartig gegen mich zusammengelogen haben. 44Und
1,44
Ps 66,18-19
Gott erhörte ihr Rufen.

45Und als man sie zum Tode führte, erweckte Gott den Heiligen Geist eines jungen Mannes, der hieß

1,45
Dan 4,5
Daniel; der fing an, laut zu rufen: 46Ich will unschuldig sein an diesem Blut! 47Und die Menge wandte sich ihm zu und fragte ihn, was er mit solchen Worten meinte. 48Er aber trat unter sie und sprach: Seid ihr Männer von Israel solche Narren, dass ihr eine Tochter Israels verdammt,
1,48
5. Mose 19,18
ehe ihr die Sache erforscht und Gewissheit erlangt habt? 49Kehrt wieder um vors Gericht, denn diese haben sie zu Unrecht beschuldigt! 50Und die Menge kehrte eilends wieder um.

Und alle Ältesten sagten zu Daniel: Setze dich her zu uns und berichte uns; denn

1,50
Hiob 32,7-9
Weish 8,10
dir hat Gott gegeben, was er sonst nur dem Alter gibt. 51Und Daniel sagte zu ihnen: Stellt die beiden weit auseinander, so will ich jeden für sich verhören! 52Als nun der eine vom andern getrennt war, rief er den einen und sagte zu ihm: Du alter Bösewicht, jetzt treffen dich deine Sünden, die du bisher begangen hast, 53als du ungerechte Urteile gesprochen und
1,53
Spr 17,15
die Unschuldigen verdammt, aber die Schuldigen losgesprochen hast, obwohl doch der Herr geboten hat:
1,53
2. Mose 23,7
Du sollst den Unschuldigen und Gerechten nicht töten. 54Hast du nun diese Frau gesehen, so sag doch: Unter welchem Baum hast du die zwei beieinander gefunden? Er aber antwortete: Unter einer Linde.1,54 Um ein Wortspiel des griechischen Textes wiederzugeben, reimte Luther: »Unter einer Linden. (V. 55) ... der Engel des Herrn wird dich finden.« 55Da sagte Daniel: Ganz recht!
1,55
Apg 5,4-5
Mit deiner Lüge bringst du dich selbst um dein Leben. Denn schon hat
1,55
1. Chr 21,15-16
der Engel des Herrn von Gott dein Urteil empfangen und wird dich mittendurch spalten.

56Und er ließ ihn wegbringen und den andern vor sich kommen und sagte zu ihm: Du

1,56
3. Mose 18,32028
Mann nach Kanaans und nicht nach Judas Art, die Schönheit hat dich betört, und die Begierde hat dein Herz verkehrt. 57So seid ihr mit den Töchtern Israels verfahren, und sie haben euch aus Furcht zu Willen sein müssen. Aber diese Tochter Judas hat nicht in eure Schlechtigkeit gewilligt. 58Nun sage mir: Unter welchem Baum hast du sie beieinander ertappt? Er aber antwortete: Unter einer Eiche.1,58 Luther: »Unter einer Eichen. (V. 59) ... der Engel des Herrn wird dich zeich(n)en«. 59Da sagte Daniel: Ganz recht! Mit deiner Lüge bringst du dich selbst um dein Leben. Der Engel des Herrn wartet schon mit seinem Schwert und wird dich mittendurch hauen, um euch so beide zu vernichten.

60Da fing das ganze Volk an, mit lauter Stimme zu rufen, und sie priesen Gott, der denen hilft, die auf ihn hoffen und vertrauen. 61Und sie erhoben sich gegen die beiden Ältesten, weil Daniel sie aus ihren eignen Worten überführt hatte, dass sie falsche Zeugen waren. 62Und

1,62
5. Mose 19,18-19
man tat mit ihnen nach dem Gesetz des Mose, wie sie gedacht hatten, ihrem Nächsten zu tun, und tötete sie.

So wurde an diesem Tage unschuldiges Blut errettet. 63Aber Hilkija und seine Frau lobten Gott um Susannas, ihrer Tochter, willen, mit Jojakim, ihrem Mann, und der ganzen Verwandtschaft, dass nichts Unehrenhaftes an ihr gefunden worden war. 64Und Daniel wurde groß vor dem Volk von dem Tage an und blieb es auch weiterhin.

2

Vom Bel zu Babel

(Zusatz am Schluss des Buches Daniel)

21Nach dem Tod des Königs Astyages kam das Königreich an

2,1
Dan 6,29
Kyrus aus Persien. Und Daniel war stets um den König und angesehener als alle »Freunde des Königs«. 2Nun hatten die Babylonier einen Götzen, der hieß
2,2
Jer 50,2
Bel; dem musste man täglich opfern zwölf Sack Weizenmehl und vierzig Schafe und sechs Eimer Wein. 3Selbst der König diente dem Götzen und ging täglich hin, um ihn anzubeten; aber Daniel betete seinen Gott an.

4Und der König sagte zu ihm: Warum betest du nicht auch den Bel an? Er aber sagte: Ich diene nicht den Götzen, die mit Händen gemacht sind, sondern dem lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und ein Herr ist über alles, was lebt.

2,4
Ps 115,3-9
Bar 6,4-6
5Da sagte der König zu ihm: Hältst du denn den Bel nicht für einen lebendigen Gott? Siehst du nicht, wie viel er täglich isst und trinkt? 6Aber Daniel lachte und sagte: Mein König, lass dich nicht täuschen; denn dieser Bel ist innen nur Ton und außen nur Kupfer und hat noch nie etwas gegessen oder getrunken.
2,6
1. Kön 18,27

7Da wurde der König zornig und ließ seine Priester rufen und sprach zu ihnen: Werdet ihr mir nicht sagen, wer dies Opfer verzehrt, so müsst ihr sterben! 8Könnt ihr aber beweisen, dass der Bel es verzehrt, so muss Daniel sterben; denn er hat den Bel gelästert. Und Daniel sprach zum König: Es geschehe, wie du gesagt hast.

9Es gab aber siebzig Priester des Bel, ohne ihre Frauen und Kinder. Und der König ging mit Daniel in den Tempel des Bel. 10Da sagten die Priester des Bel: Siehe, wir wollen hinausgehen; und du, König, sollst die Speise selbst hinstellen und den Trank selbst mischen und hinsetzen und die Tür hinter dir zuschließen und mit deinem eignen Ring versiegeln. 11Und wenn du morgen früh wiederkommst und findest, dass der Bel nicht alles verzehrt hat, so wollen wir gern sterben; sonst muss Daniel getötet werden, der uns verleumdet hat. 12Sie verließen sich aber darauf, dass sie einen geheimen Gang bis unter den Opfertisch gemacht hatten; durch den gingen sie immer wieder hinein und verzehrten, was da war.

13Als nun die Priester hinausgegangen waren, ließ der König dem Bel die Speise vorsetzen. Aber Daniel befahl seinen Dienern, Asche zu holen, und ließ sie durch den ganzen Tempel streuen vor dem König, als er nur noch allein drin war. Danach gingen sie hinaus und schlossen die Tür zu und versiegelten sie mit dem Ring des Königs und gingen davon. 14Die Priester aber gingen in der Nacht hinein nach ihrer Gewohnheit mit ihren Frauen und Kindern und aßen und tranken alles, was da war.

15Und früh am Morgen stand der König auf und Daniel mit ihm. 16Und der König fragte: Ist das Siegel unversehrt, Daniel? 17Er aber antwortete: Ja, mein König. Und sobald die Tür aufgetan war, sah der König auf den Tisch und rief mit lauter Stimme: Bel, du bist ein großer Gott, und bei dir gibt es keinen Betrug, auch nicht einen!

18Aber Daniel lachte und hielt den König zurück, damit er nicht hineinging, und sagte: Sieh auf den Boden und erkenne, wessen Fußtapfen das sind. 19Der König sagte: Ich sehe die Fußtapfen von Männern, Frauen und Kindern. 20Da wurde der König zornig und ließ die Priester mit ihren Frauen und Kindern ergreifen. Und sie mussten ihm die geheimen Gänge zeigen, durch die sie ein und aus gegangen waren und verzehrt hatten, was auf dem Tisch lag. 21Und der König ließ sie töten und gab den Bel in Daniels Gewalt; der zerstörte ihn und seinen Tempel.

Vom Drachen zu Babel

(Fortsetzung des Vorigen)

22Es gab da auch einen großen Drachen, den die Babylonier anbeteten. 23Und der König sagte zu Daniel: Wie? Willst du von dem auch behaupten, dass er nichts als ein eherner Götze ist? Siehe, er lebt ja, denn er isst und trinkt, und du kannst nicht behaupten, dass er kein lebendiger Gott ist. Darum bete ihn an! 24Aber Daniel antwortete: Ich will den Herrn, meinen Gott, anbeten; denn er ist

2,24
Jes 37,17-20
der lebendige Gott. 25Du aber, mein König, erlaube es mir, dann will ich diesen Drachen umbringen
2,25
1. Sam 17,45
ohne Schwert und Spieß. Und der König sagte: Ja, es sei dir erlaubt. 26Da nahm Daniel Pech, Fett und Haare und kochte es zusammen, machte Fladen daraus und warf sie dem Drachen ins Maul; und der Drache barst davon mitten entzwei. Und Daniel sagte: Seht, das sind eure Götter!

27

2,27-41
Dan 6,15-28
Als nun die Babylonier das hörten, verdross es sie sehr, und sie machten einen Aufruhr gegen den König und sagten: Unser König ist ein Jude geworden; denn er hat den Bel zerstört und den Drachen getötet und die Priester umgebracht. 28Und sie traten vor den König und sagten: Gib uns Daniel heraus; sonst werden wir dich und dein ganzes Haus umbringen!

29Als nun der König sah, dass sie mit Gewalt auf ihn eindrangen, musste er ihnen Daniel herausgeben. 30Und sie warfen ihn zu den Löwen in den Graben; darin lag er sechs Tage lang. 31Und es waren sieben Löwen im Graben; denen gab man täglich zwei Menschen und zwei Schafe. Aber während dieser Tage gab man ihnen nichts, damit sie Daniel fressen sollten.

32Es war aber ein Prophet, Habakuk, in Judäa; der hatte einen Brei gekocht und Brot eingebrockt in eine tiefe Schüssel und ging damit aufs Feld, um es den Schnittern zu bringen. 33Und der Engel des Herrn sprach zu Habakuk: Bring das Essen, das du trägst, zu Daniel nach Babel in den Löwengraben. 34Und Habakuk antwortete: Herr, ich habe die Stadt Babel nie gesehen und weiß nicht, wo der Graben ist.

35Da

2,35
Hes 8,3
fasste ihn der Engel des Herrn beim Schopf, trug ihn im Windesbrausen an den Haaren nach Babel und setzte ihn oben am Graben nieder. 36Und Habakuk rief: Daniel, Daniel, nimm das Essen, das dir Gott gesandt hat!
2,36
Jer 15,16
Hab 2,4
Mt 4,4
37Und Daniel sprach: Gott, du denkst ja noch an mich und
2,37
Sir 2,12
verlässt die nicht, die dich lieben! 38Und er stand auf und aß. Aber der Engel Gottes brachte Habakuk sogleich wieder an seinen Ort.

39Und der König kam am siebenten Tage, um Daniel zu beklagen. Und als er zum Graben kam und hineinschaute, siehe, da saß Daniel mitten unter den Löwen. 40Und der König rief laut: Herr, du Gott Daniels, du bist ein großer Gott, und es gibt keinen andern außer dir! 41Und er ließ ihn aus dem Graben ziehen; aber die andern, die seinen Tod gewollt hatten, ließ er in den Graben werfen; und sie wurden sofort vor seinen Augen von den Löwen verschlungen.