Deutsche Bibelgesellschaft

Uganda: Endlich sichtbar sein

Ende Januar besuchte Silke Gabrisch, Referentin für internationale Arbeit, die Ugandische Bibelgesellschaft, um sich deren Projekte für blinde Menschen anzusehen. Die Bibelgesellschaft stellt die Bibel in Brailleschrift zur Verfügung und sorgt dafür, dass blinde Menschen in der Gesellschaft sichtbarer werden.

Mit dem Reisebus fahren wir langsam über eine schmale Lehmstraße voller Schlaglöcher. Immer wieder bleiben Anwohner interessiert stehen und Kinder laufen uns nach – ein solches Gefährt ist hier wohl äußerst ungewöhnlich. Endlich haben wir unser Ziel erreicht: das Dorf Luubu im Distrikt Mayuge im Osten Ugandas. Eine wohltätige Organisation hat hier für zwanzig blinde Menschen und ihre Familien einfache Häuser errichtet. Die meisten von ihnen leben von der Landwirtschaft, doch auch eine blinde Lehrerin und eine Studentin sind hier zu Hause.

Aus allen Richtungen werden die Bewohner herbeigeführt, Stühle herangeschleppt, die Kinder versammeln sich unter einem großen Baum. Ich komme zusammen mit einer Gruppe von Kolleginnen und Kollegen aus elf afrikanischen Bibelgesellschaften. Wir sind der Einladung der Ugandischen Bibelgesellschaft gefolgt, die seit 2011 unter blinden Menschen arbeitet. Sie ist eine Vorreiterin auf dem Gebiet der Inklusion – in ihrem Land und auch unter den Bibelgesellschaften. Ihre Mitarbeitenden besuchen regelmäßig blinde Menschen, um ihnen das Wort Gottes und materielle Unterstützung zu bringen und sie zu ermutigen.

Auch heute kommen wir nicht mit leeren Händen. Jede Familie erhält einen Sack Maismehl, Reis, Seife, Öl, Zucker und andere Lebensmittel. Bevor sie verteilt werden, hält Mose, der blinde Dorfvorsteher, eine kurze Rede. Peter, ebenfalls blind, singt ein Lied und begleitet sich dabei auf seinem selbstgebauten Instrument. Gesprochen wird Lusoga, eine der 41 Sprachen Ugandas. Englisch beherrschen hier viele nur unzureichend. Umso größer ist die Freude, als wir ankündigen, dass am nächsten Tag die Braille-Bibel auf Lusoga veröffentlicht werden wird.

Vom Niemand zum Jemand

Die internationale Konferenz, die die Ugandische Bibelgesellschaft zum Thema »Bibelgesellschaftliche Arbeit unter blinden Menschen« ausrichtet, hat bereits am Tag vor unserem Besuch in der Hauptstadt Kampala begonnen. Der Festakt zu Beginn wurde überwiegend von Menschen mit Sehbehinderung gestaltet, die zeigten: Sie sind vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, die moderieren, predigen, tanzen, singen, Instrumente spielen und die Bibel lesen können wie Sehende! Leider werden blinde Menschen in Uganda häufig stigmatisiert und zu Hause versteckt. Sie sind unsichtbar. Fragt man eine Mutter, wie viele Kinder sie hat, wird sie »vier« antworten, wenn das fünfte blind ist.

Dass sich die Ugandische Bibelgesellschaft so für blinde Menschen einsetzt, bedeutet nicht nur, dass sie ihnen durch Audio- und Braille-Bibeln Zugang zum Wort Gottes ermöglicht. Oft steigern Schulkinder dadurch auch insgesamt ihre Leistungen und übertreffen nicht selten ihre sehenden Altersgenossen, da es ihr Selbstvertrauen fördert. Oder wie es ein junger Mann ausdrückte: »Als blinde Menschen kommen wir aus Orten, wo wir ein Niemand sind – die Bibelgesellschaft hat uns gezeigt, dass wir jemand sind.«

Teilhabe in Gemeinden ermöglichen

Am nächsten Tag sind wir bei einem Workshop für kirchliche Verantwortungsträgerinnen und -träger. Es geht darum, dass sie blinde Menschen in ihren Gemeinden bewusst wahrnehmen und besser integrieren. Das beginnt mit Besuchen bei den Betroffenen und der Frage, was diese brauchen. Wenn die Gemeinde für ihre Bücherei eine Braille-Bibel anschafft, erhalten blinde Menschen außerdem Zugang zum Wort Gottes und können im Glauben wachsen. Darüber hinaus können Menschen mit Sehbehinderung die Schriftlesung im Gottesdienst übernehmen, sich musikalisch einbringen, Teil des Kirchengemeinderats werden oder sogar predigen. Nicht nur sie selbst, sondern auch die Gemeinden profitieren davon.

Für die Mehrheit der Anwesenden ist das, was sie heute hören, völlig neu und es gibt ihnen wichtige Impulse für ihre Gemeindearbeit. Auch die stark sehbehinderte Anna ist an diesem Vormittag da: »Danke für das, was ihr für uns tut! Ich ermutige euch, noch heute damit zu beginnen, Menschen mit Sehbehinderung dazu einzuladen, in der Gemeinde mitzuarbeiten. Ich durfte kürzlich zum ersten Mal predigen. Die Bibel in Brailleschrift und die Unterstützung der Bibelgesellschaft haben mir dabei geholfen und es ist sehr gut geworden.«

Pastor Alfred, anglikanische Kirche

„Ich habe heute verstanden, dass blinde Menschen ein Teil von uns sind. Wir können sie nicht hinter verschlossenen Türen lassen. Ja, es gibt blinde Menschen in meiner Gemeinde, aber bisher habe ich mich nicht genauer mit ihnen befasst.“

Freude über das Wort Gottes in Blindenschrift

Am letzten Tag unseres Treffens dürfen wir etwas ganz Besonders erleben: die Veröffentlichung der Braille-Bibel auf Lusoga, die mit einem großen Fest gefeiert wird. Bereits seit 2015 existiert eine Übersetzung in diese lokale Sprache Ugandas, doch bislang gab es keine Transkription in Blindenschrift. Die neue Bibel wird von den Feiernden – egal ob sehend oder nicht – tanzend, singend und die einzelnen Bände über den Köpfen schwenkend willkommen geheißen. So viel echte Freude! Wieder einmal wird mir bewusst, wie wertvoll das Wort Gottes ist und was es für Menschen bedeutet, wenn sie es in ihrer Sprache und im benötigten Format erhalten. Die Feier klingt mit einem gemeinsamen Essen unter freiem Himmel aus, alle genießen die Gemeinschaft: Kinder laufen kreischend über die Wiesen, die Erwachsenen sitzen ins Gespräch vertieft in kleinen Gruppen zusammen. Wer hier sehend ist oder nicht, spielt keine Rolle mehr.

Autorin Silke Gabrisch ist Referentin für internationale Arbeit bei der Deutschen Bibelgesellschaft. Vor Kurzem reiste sie nach Uganda. Dieser Artikel erschien zuerst im Bibelreport 1/2025.

Unterstützen Sie die Arbeit in Uganda für Menschen mit Sehbehinderung.

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