Die Bibel in Brailleschrift


Die Bibel in Brailleschrift
»Die Brailleschrift lesen zu lernen hat mein Leben verändert. Es hat mich unabhängig gemacht und mir klargemacht, dass etwas ich mit meinem Leben anfangen kann.« Salamata, Burkina Faso
»Die Bibel in Brailleschrift ist mein inneres Hoffnungslicht.« Eduardo, Guatemala
Die Bibel kann heute relativ einfach in Brailleschrift übertragen werden. So können blinde Menschen auf der ganzen Welt die Heilige Schrift selbst lesen. Das war nicht immer so.
1825 hatte der sechzehnjährige Schüler Louis Braille sein Punktschriftsystem fertig entwickelt. Er besuchte damals das »Königliche Institut für junge Blinde« in Paris, das 1784 als erstes Blindeninstitut der Welt gegründet worden war. Braille ist es auch zu verdanken, dass an der Schule die erste kleine Bibliothek mit Büchern in Brailleschrift entstand – darunter zwei Bände mit Geschichten und Erzählungen aus dem Alten und Neuen Testament. Die geübtesten blinden Schüler hatten die Punkte in Papier gestochen, während zwei sehende Lehrer die biblischen Texte vorlasen. Trotzdem sollte es noch über 25 Jahre dauern, bis Brailles Punktschrift sich bei den Verantwortlichen des Instituts durchsetzte. In den folgenden Jahrzehnten eroberte sie die ganze Welt.
Vom Reliefdruck zur Brailleschrift
Vor der Entwicklung der Brailleschrift war das Lesen für blinde Menschen ein langsamer und mühsamer Prozess. Man stellte große Holzlettern oder Schablonen her, mit denen sich blinde Menschen die Form unserer gedruckten Buchstaben ins Gedächtnis einprägen sollten. Selbstständig lesen konnten sie aber erst, als Bücher im sogenannten »Reliefdruck« hergestellt wurden: Große Buchstaben des Alphabets wurden auf Papier geprägt, sodass man mit den Fingern ihre Umrisse abtasten konnte.
In Deutschland hatte man seit den 1830er-Jahren damit begonnen, einzelne Texte aus der Bibel im Reliefdruck für blinde Menschen herauszugeben. 1863 bot die Württembergische Bibelanstalt als einzige in Deutschland die gesamte Bibel in circa 60 Bänden in dieser Form an. Sie wurde 1867 auf der Weltausstellung in Paris mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet.
In den 1890er-Jahren begannen dann die ersten Bibelgesellschaften, Bibeln nicht mehr als Reliefdruck, sondern in Brailleschrift zu drucken, darunter auch die Bibelgesellschaften in Amerika und England. So konnte die Württembergische Bibelanstalt 1897 die ersten biblischen Bücher der Lutherbibel in Brailleschrift von der Bibelgesellschaft in London beziehen. Bis 1908 wurden alle Bücher des Alten und Neuen Testaments in Punktschrift fertiggestellt.
Von der Handarbeit zum Softwareprogramm
Die ersten Bücher in Brailleschrift wurden noch, wie in Louis Brailles Schule, in mühsamer Handarbeit erstellt: mit Schreibtafel und Stechgriffel. Ein Sehender las vor, während blinde Menschen die Punkte seitenverkehrt – von rechts nach links – in das Papier drückten. Die Erfindung einer Punktschrift-Schreibmaschine kurz vor der Jahrhundertwende vereinfachte den Prozess. Allmählich wurde diese Methode dann von einem neuen Verfahren abgelöst: Die Punkte wurden von einer Punziermaschine auf eine Platte geprägt, von der man danach beliebig viele Abdrucke auf Papier machen konnte.
Die besondere Struktur von Bibeltext mit seiner fortlaufenden Kennzeichnung von Kapitel- und Verszahlen erforderte zudem bestimmte Vereinbarungen bei der Übertragung in Brailleschrift. Sie sollten blinden Menschen die Navigation im Text ermöglichen. Da die Brailleschrift auf der ganzen Welt genutzt wird und Bibeltext in allen Sprachen dieselbe Struktur hat, mussten die Vereinbarungen international gültig sein. 1983 berief der Weltverband der Bibelgesellschaften zusammen mit der Christoffel Blindenmission deshalb eine internationale Konferenz in Darmstadt ein. Fachleute aus der ganzen Welt erarbeiteten ein Regelwerk, das von Blindenorganisationen, Institutionen und Bibelgesellschaften weltweit angenommen wurde. Es ist bis heute die Grundlage für die Umsetzung von Bibeltext in Brailleschrift.
Das elektronische Zeitalter revolutionierte seit den 1990er-Jahren die Herstellung von Büchern in Punktschrift. Textdateien können nun mit einer speziellen Software in Braille-Dateien umgewandelt und dann direkt auf einem Braille-Drucker ausgedruckt werden. Auch die Erstellung der Bibel in Brailleschrift wurde dadurch einfacher. Die Vorteile sind enorm: Während früher bei einem Braille-Projekt nicht mehr als drei bis vier neue Bücher der Bibel pro Jahr fertiggestellt werden konnten, lässt sich heute der komplette Bibeltext innerhalb einiger Wochen umsetzen.
Näher am Menschen
Anstatt auf die komplizierte technische Herstellung können Bibelgesellschaften sich heute stärker auf die Betroffenen konzentrieren. Wer blinde Menschen erreichen will, muss sich zu ihnen auf den Weg machen, muss zuhören und lernen, was wirklich gebraucht wird: Programme, die Menschen miteinander verbinden, Sehende und Nichtsehende. Eine Herausforderung bleibt: Eine Bibel in Brailleschrift kostet weiterhin etwa 50-mal so viel wie eine gedruckte Bibel. Damit ist sie für die meisten blinden Menschen unbezahlbar. Denn global gesehen gilt: Wer blind ist, ist meist auch arm.
Umso wichtiger sind die Braille-Projekte der Bibelgesellschaften. Hier können blinde Menschen der Bibel und anderen Menschen begegnen. Sie wachsen im Glauben, entwickeln ihr Selbstwertgefühl und entdecken ihr Potenzial. Durch den direkten Kontakt zwischen Blinden und Sehenden lernen alle voneinander, was Inklusion bedeutet. Bibelgesellschaften tragen heute wesentlich dazu bei, die Isolation blinder Menschen zu durchbrechen und Gemeinschaft für alle zu schaffen. Das wirkt positiv in die ganze Gesellschaft hinein.
Autorin Ingrid Felber-Bischof betreute beim Weltverband der Bibelgesellschaften von 1993–2024 Projekte für blinde Menschen


Braille-Bibeln – Zahlen und Fakten
Eine Braille-Bibel …
… besteht aus ca. 40 Einzelbänden
… wiegt ca. 40 Kilo
… ist 1,50 bis 2 Meter hoch
… kostet ca. 550 Euro*
Das ist ca. 50 x mehr als eine gedruckte Bibel.
*internationaler Durchschnittspreis
Es gibt …
… weltweit 35 Braille-Projekte von Bibelgesellschaften
… in mehr als 50 Sprachen eine vollständige Braille-Bibel
Mehrere 10 000 Menschen mit Sehbehinderung werden jährlich erreicht.
Quelle: Weltverband der Bibelgesellschaften
Aus: Bibelreport 1-2025
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