Lukas 22,(31-34)54-62 | Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus | 27.01.2024
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Der Verfasser des 3. Evangeliums, der Überlieferung nach „Lukas“, ist der beste bekannte Erzähler des Urchristentums. Darum nennt er sein Buch Bericht, Erzählung (Lk 1,1
2. Adressaten
Die Adressaten des Lk sind mit großer Wahrscheinlichkeit Christen, die, wie Theophilus
3. Entstehungsort
Der Entstehungsort des 3. Evangeliums ist vermutlich Philippi. Das lässt sich zwar nicht aus dem Evangelium selber, aber aus der Apg erschließen. Man kann auch weiter gehen: Paulinische Gemeinden. Abfassungszeit um 80 n.Chr. Vorausgesetzt ist der Fall Jerusalems, nicht aber die Christenverfolgung unter Domitian
4. Wichtige Themen
Quellen
Als Quellen gibt Lk Berichte von Augenzeugen an. Es sind dies die Redenquelle (Q), das Mk und Sondergut. Seine Hauptquelle ist Q. Er gibt ihr den Vorzug vor Mk. Mk hat ihm den Rahmen für seinen Bericht gegeben. Lk hat es an manchen Stellen gekürzt, wahrscheinlich aus Raumgründen. Das Sondergut, das wahrscheinlich in Judäa gesammelt wurde und das viele bekannte Gleichnisse enthält, ist wohl nach dem Fall Jerusalems in weiteren Kreisen verbreitet worden. Dazu gehört auch der Passions- und Auferstehungsbericht, der an vielen Stellen dem des Joh vergleichbar ist. Lk hat diesen Bericht mit dem der johanneischen Tradition zusammengearbeitet. Möglicherweise war dieser Passions- und Auferstehungsbericht bereits schon mit anderen Texten des Sondergutes kombiniert. Das würde einige Parallelen (Maria und Marta
Gliederung
Seinen „Bericht“ hat Lk so geordnet:
a) Anfänge (1,4-4,30
b) die Grundlegung (5,1-9,50
c) der Reisebericht (9,51-19.10
d) Schlussteil (19,11-24-53
5. Besonderheiten
Lukas erzählt, er macht keine theologisch eindeutigen Aussagen. Das lässt sich an einer Stelle eindrücklich zeigen: Nach 10,25
Die „Heilsgeschichte“, die Lukas erzählend wiedergibt, ist das Werk Jesu und in der Apostelgeschichte das der Kirche, an dem Jünger und Hörer:innen teilhaben. Es ist ein Weg, der durch Leiden zur Herrlichkeit führt (Lk 24,26
Die inhaltlich herausragende Stelle ist die Antrittspredigt in Nazareth
Der Satan
Die Glieder des Gottesvolkes Israel sind die Adressaten der Botschaft Jesu. Mit dem Ausdruck „dieses Geschlecht“ (Lk 11,29f.
Literatur:
- Walter Radl, Das Evangelium nach Lukas. Kommentar. Erster Teil. 1,1-9, Freiburg/ Br. 2003.
- Michael Wolter, Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 22,(31-34)54-62
Übersetzung
31 Simon, Simon, siehe der Satan hat sich erbeten, euch zu sieben wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht ablasse. Du aber, wenn du einmal umgekehrt bist, stärke deine Brüder. 33 Der aber sagte ihm: Herr, mit dir bin ich bereit auch ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. 34 Der aber sagte: ich sage dir, Petrus, der Hahn wird heute nicht krähen, bevor du dreimal geleugnet haben wirst, mich zu kennen.
54 Nachdem sie ihn gefangen genommen hatten, führten sie ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von fern. 55 Als sie aber ein Feuer in der Mitte des Hofes anzündeten und sich zusammensetzten, da setzte sich auch Petrus unter sie. 56 Als ihn eine Magd beim Feuer sitzen sah, schaute sie ihn scharf an und sagte: Auch dieser war mit ihm. 57 Er aber leugnete und sprach: Ich kenne ihn nicht, Frau. 58 Und nach kurzer Zeit sah ihn ein anderer und sagte: Auch du bist von ihnen. Petrus sagte: Mensch, ich bin es nicht. 59 Und als etwa eine Stunde vergangen war, behauptete ein anderer: Wahrlich auch dieser war mit ihm, denn er ist auch ein Galiläer. 60 Petrus aber sagte: Mensch, ich weiß nicht, was du redest. Und sofort, als er noch redete, krähte der Hahn. 61 Und indem er sich umwandte, blickte der Herr Petrus an. Da erinnerte sich Petrus an das Wort des Herrn, wie er ihm gesagt hatte: bevor der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Das ἐπιστρέψας in V.32 bezieht sich auf ein falsches Verhalten in der Vergangenheit, nicht auf eine falsche Lebensinstellung, die ein „Umdenken“ notwendig macht.
2. Literarische Gestalt
Lk 22,31-34
3. Kontext und Historische Einordnung
Das Wort an Petrus (22,31-34
Die Erzählung von der Verleugnung (22,54-62
4. Schwerpunkte der Interpretation
Beginnend mit der Leidensgeschichte ist der Satan nach Lk wieder aktiv (Lk 22,3
5. Theologische Perspektivierung
Es gibt Zeiten, in denen der Satan wirksam ist. Dann werden gute Vorsätze, Selbstverständlichkeiten des Glaubens vergessen, übersehen, beiseite gerückt. Wie man in solchem Fall bei Jesus bleiben kann, ist unklar. Man kann, um bei Jesus zu bleiben, auch bereit sein, ins Gefängnis zu gehen, und dann doch wie Petrus das Verkehrte machen. Die Botschaft ist: Jesus steht zu seinen Jüngern, auch wenn sie eine Probe nicht bestehen. Wer versagt, darf wieder zu Jesus kommen. In Reue. Jede Reue schließt Bereitschaft ein, die Konsequenzen zu tragen.
Literatur
- Wolfgang Dietrich, Das Petrusbild der lukanischen Schriften, BWANT 94, Stuttgart 1972, 116-147.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Lukas, der gekonnte Erzähler, setzt eigene Akzente in seiner Zusammenstellung der Heilsgeschichte Jesu. Auch in Lk 22, 31-34
2. Thematische Fokussierung
Selbstgesteckte Ziele zu verfehlen, von Ängsten übermannt zu werden, sich zu überschätzen, das Gute zu wollen und doch das Falsche zu tun, eher die eigene Haut zu retten als die des anderen, sind zutiefst menschliche Erfahrungen.
Im Alltag können sie dazu führen, dass Gräben zwischen Menschen entstehen, die nur noch schwer, manchmal gar nicht mehr überwunden werden.
Und so lässt mich die Verleugnung des Petrus erschüttert zurück.
So hätte ich mich auf gar keinen Fall verhalten! Niemals!
Aber was macht mich so sicher? Bröckelt die Sicherheit gar? Petrus wird hier in seinem Wollen, Versagen, Verzweifeln und Bereuen gezeigt. Am Ende weint er bitterlich. Er kommt mir dadurch erstaunlich nah.
3. Theologische Aktualisierung
Die Hähne auf den Kirchendächern drehen sich friedlich im Wind. Sie krähen nicht. Und doch könnte jedes Aufblitzen dieser goldenen Figuren im Sonnenlicht ein Hahnenschrei sein, der mich hoffentlich nicht in der Weise aufgeschreckt wie Petrus und ich bitterlich anfange zu weinen. Und doch: Der Hahn bleibt Mahnmal. Und ich bleibe menschlich.
Eine Verleugnung wie die des Petrus hätte in meinem Alltag einen wohl unüberwindlichen Graben hinterlassen. Dass dies in Lk 22
War nun aber der Satan für die Verleugnung des Petrus verantwortlich? Nach Lk 22,3
In Lk 22,54-62
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar (79 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz) mit seiner empfohlenen Predigtperikope aus der lukanischen Passion trifft kirchenjahreszeitlich auf das Ende der strahlenden Epiphaniaszeit. Man wird sich daher auch in der Liturgie entweder für Kasus oder Kirchenjahr entscheiden müssen.
Der Predigttext entspricht dem des Sonntags Lätare. Für weitere Lesungen und Lieder kann dieser Sonntag daher als Impulsgeber dienen: Epistel: 2 Kor 1, 3-7
5. Anregungen
Am Mast der Straßenlaterne in etwa 3 Metern Höhe ist ein Schild angebracht. Etwa 50 x 70 cm groß. Auf der Vorderseite eine einfache Zeichnung eines Brotlaibes. Auf der Rückseite ein Text, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt: „Lebensmittel dürfen Juden in Berlin nur nachmittags von 4-5 Uhr einkaufen. 4.7.1940“. In Sichtweite ein weiteres Schild. Mit weichen Knien gehe ich näher ran. Blaues Wasser, Sand und Bäume auf der einen Seite. Auf der anderen steht: „Badeverbot für Juden am Strandbad Wannsee. 22.8.1939“. Oh Gott, denke ich. Die kleine Erklärtafel unterhalb des Schildes nehme ich kaum wahr und stolpere weiter zu einem Schild mit Katze. „Juden dürfen keine Haustiere mehr halten. 15.2.1942“. Ich zittere…und lese endlich die Erklärtafel: „Denkmal. Orte des Erinnerns im Bayrischen Viertel.“
Heute weiß ich, es sind insgesamt 80 derartige Schilder im Bayrischen Viertel im Berliner Stadtteil Tempelhof-Schöneberg, die an die schleichende Entrechtung der Berliner Juden erinnern. Diese Schilder hängen seit 1993 dort, von zwei Künstlern im Rahmen eines Ideenwettbewerbs entworfen, von Stadtplanern, Historikern und Vertretern der Jüdischen Gemeinde unterstützt.
Inzwischen sind sie mehrfach erneuert und seit einigen Jahren auch als App mit GPS und Audiodateien zugänglich. Ja, die Erde dreht sich weiter. Und doch bleibt Geschehenes geschehen. Schreckliches bleibt schrecklich. Und Verrat bleibt Verrat.
Wenn ich unter diesen Schildern hindurchgehe, sträubt sich mir jedes einzelne Haar. Nein – ich hätte so etwas nicht einfach geschehen lassen. Ich hätte aufbegehrt! Ich hätte…
Dann Lesung von Lk 22, 31-34
Autoren
- Prof. em. Dr. Hans Klein (Einführung und Exegese)
- Angelika Ohlemacher (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500017
EfP unterstützen
Exegese für die Predigt ist ein kostenloses Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft. Um dieses und weitere digitale Angebote für Sie entwickeln zu können, freuen wir uns, wenn Sie unsere Arbeit unterstützen, indem Sie für die Bibelverbreitung im Internet spenden.
Entdecken Sie weitere Angebote zur Vertiefung
- WiBiLex – Das wissenschaftliche Bibellexikon
- WiReLex – Das Wissenschaftlich-Religionspädagogische Lexikon
- Bibelkunde