Deutsche Bibelgesellschaft

(erstellt: Februar 2026)

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1. Termini

Das Hebräische kennt verschiedene Bezeichnungen für den Regen: יוֺרֶה jôræh / מוֺרֶה môræh steht für den Frühregen, גֶּשֶׁם gæšæm für den Hauptregen im Winter (Hhld 2,11) und מַלְקוֺשׁ malqôš für den Spätregen. Dagegen dürfte מָטָר māṭār „starker Regenguss / Wolkenbruch“ (1Kön 18,41; Esr 10,9.13; Sach 10,1; Hi 37,6 u.ö.) als zusammenfassender Oberbegriff anzusehen sein, wogegen mit זֶרֶם zæræm „starker Regen“ (Jes 25,4; Jes 28,2; Jes 32,2; Hi 24,8; Hab 3,10, z.T. parallel mit Hagel gebraucht), סָפִיחַ sāfîaḥ „Sturzregen“ (Hi 14,19), סְגִירׅים səgîrîm „Platzregen“ (nur Spr 27,15), רְבִיבִים rəvîvîm „Nieselregen / Schauer“ (Ps 65,10; Dtn 32,2; Mi 5,6), שֶׁטֶף šæṭæf „Regenflut“ (Hi 38,25) und רְסִיסִים rəsîsîm „Regentropfen“ (Hhld 5,2) noch je differenzierende Spezialbegriffe vorliegen (vgl. zu den verschiedenen Termini Kipfer 2023, 74f.). Schon die Vielzahl der Begriffe für Regen zeigt an, wie wichtig dieser für die im landwirtschaftlichen Bereich tätigen Menschen war, die die jeweiligen Regenarten genau kannten und kennen mussten.

Im Griechischen lautet die Bezeichnung für Regen allgemein ὑetός hyetos, für Frühregen (wörtlich: „Frühes“) πρόϊμος proimos (Jak 5,7) und für Spätregen (wörtlich: „Spätes“) ὂψιμος opsimos (Hos 6,3 LXX).

2. Der Regen im Jahreslauf

Der erste Regen im landwirtschaftlichen Jahr war der Frühregen, der meist Ende Oktober / November das Land befeuchtete (Jes 55,10). Er war wichtig für das Aufweichen der trockenen Erde (Ps 65,10), denn nur so waren das Pflügen des Bodens und die Aussaat möglich (Dtn 11,14; Jer 5,24 Qere).

Der (manchmal starke) Hauptregen, der im Dezember / Januar einsetzte und häufig periodisch erfolgte (1Kön 17,1), speiste Quellen und Zisternen und erhöhte den Grundwasserspiegel (Dtn 32,2). Er war entscheidend für das Wachstum der → Saat (Jes 30,23). Die Bedeutung des Winterregens zeigt sich auch in der Bezeichnung „Zeit des Regens“ für den Winter (Esr 10,13).

Der Spätregen kam im April / Mai. Er wurde besonders ersehnt (Hi 29,23; Sach 10,1), war er doch wichtig für das Reifen des Getreides (Dtn 11,14; Jak 5,7).

Mit dem Ende des Winters war der Regen weitgehend vorüber (Hhld 2,11). Regen im Sommer war deshalb ein erstaunliches und seltenes Phänomen (1Sam 12,17f.), Regen in der Erntezeit unerwünscht (Spr 26,1).

In den Bergregionen fiel mehr Regen als im Flach- oder Hügelland. Vor allem → Galiläa war äußerst niederschlagsreich, wie der Norden des Landes insgesamt im Gegensatz zu den südlichen Regionen (→ Negev) ein höheres Regenaufkommen vorzuweisen hatte.

3. Die Entstehung des Regens

Zur Entstehung des Regens gibt es mehrere erfahrungsgestützte Beobachtungen: Der Regen kommt vom Himmel (Dtn 28,24; Jer 14,22), der dafür „geöffnet“ wird (Dtn 28,12). Etwas komplizierter formuliert es Hi 36,27f.: „Aus dem himmlischen Vorrat werden die Wassertropfen herausgenommen, sickern durch das Firmament, sammeln sich zu Wolken, und diese lassen schließlich den Regen fallen“ (Zobel 1984, 834). Ursprungsort ist der Himmelsozean (Ps 104,2f.; Ps 148,8), durch dessen geöffnete Luken der Regen auf die Erde strömt (Gen 7,11; Gen 8,2; Jes 24,18). Die Verbindung des Regens mit Wolken findet sich häufiger (u.a. Jes 5,6; Ps 77,18; 1Kön 18,44; Pred 11,3; Spr 25,14). Aber auch vom Zusammenhang zwischen Regen und → Wind weiß das Alte Testament (vgl. dazu 2Kön 3,17).

4. Bedeutung im Alltagsleben

In Palästina / Israel, in dem (anders als in den von den Flussläufen bestimmten Regionen Ägyptens und Mesopotamiens, vgl. Dtn 11,10) der Regenfeldbau vorherrschte (→ Ackerbau), garantierte der Regen das Überleben der Menschen. Dem Regen verdanken die Natur, die Tiere und der Mensch alles; er sorgt für das Ergrünen der Felder (Dtn 32,2; 2Sam 23,4), die Blüte der Blumen (Hhld 2,11f.), das Aufgehen der Saat (Jes 30,23) und ermöglicht Wachstum und schließlich → Ernte und damit auch Nahrung (Lev 26,4f.; Jes 55,10). Rechtzeitiger Regen war erhofft (Dtn 11,14; Dtn 28,12; Jer 5,24 u.ö.). Ausbleibender, ungleichmäßiger oder verzögerter Regen verursachte Missernten und Hungersnöte (Jer 3,3; Jer 14,2ff.; Am 4,7f.; 1Kön 17,1; → Hunger), heftiger Regen dagegen Sturzbäche, die alles, auch das Erdreich, mit sich rissen (Jes 28,2; Nah 1,8; Hab 3,10; Dalman, 1928, 201f.207) und daher erhebliche Gefahren für Menschen, Tiere und Pflanzen mit sich brachten (Ez 38,22; Ps 78,47f.; Hi 14,19). Auch Mauern und Häuser (Ez 13,11ff.; Mt 7,27) und ganze Städte (Jes 28,2) konnten so von durch Platzregen und dessen Folgen ausgelösten Zerstörungen betroffen sein. Glücklich konnte sich schätzen, wer einen Schutz vor Regen sein Eigen nennen konnte (Jes 4,6; Jes 25,4; Jes 32,2; Hi 24,8).

5. Das Verhältnis JHWHs zum Regen

JHWH galt den Israeliten als schlechthinniger Spender des Regens (vgl. Jer 14,22 und die Eliageschichten, die in polemischer Weise dem „schlafenden“ → Baal diese Fähigkeit absprechen), und der Regen war Zeichen seines → Segens (Jes 44,1-5) und seiner Gnade (Lev 26,4; Dtn 11,14; Dtn 28,12; Jer 5,24; Ez 34,26, vgl. Ps 68,10; Hi 26,8). Ausbleibender Regen dagegen signalisierte das göttliche Gericht (Dtn 11,16f.), sodass man mit J. Herrmann (1924) konstatieren kann: „Regen ist Segen […] und unberegnet ist ungesegnet“ (zu Ez 22,24). Andererseits werden Regen und andere Wettererscheinungen auch zu Werkzeugen des göttlichen Gerichtes: Der Regen erscheint als „Stärke“ JHWHs (Hi 37,6), mit der er sich gegen Israels Feinde wie auch gegen Frevler in Israel wendet (Ps 77,18; Jes 30,30). Das göttliche Erscheinen im Rahmen von Theophanieschilderungen (→ Epiphanie [AT]) ist ebenfalls von Regenphänomenen begleitet (Ri 5,4; Ps 68,9; Hab 3,10).

6. Metaphorik

Auf die Leben und Fruchtbarkeit spendende Kraft des Regens, die sehnlichst erwartet wird, wird mehrfach metaphorisch Bezug genommen. Sie wird in Beziehung gesetzt zu → Hiob (Hi 29,23) oder dem König (2Sam 23,4; Ps 72,6), deren Wirken ähnlich heilvoll und wohltuend ist (Hos 6,3; Spr 16,15). Ähnlich erquickend wie der das Grün belebende Regen ist in ihrer Wirkung auf die Menschen die → Tora (Dtn 32,2; vgl. Jes 55,10f.). Wer aber viel verspricht, ohne es einzuhalten, gleicht Wolken und Wind, die keinen Regen bringen (Spr 25,14). Wenn der Regen ausbleibt, scheint der Himmel verschlossen wie von Eisen (Dtn 28,23).

Andere Vergleiche beziehen sich auf die negativen Seiten des Regens. So schließen sich Regen und Ernte ebenso aus wie Torheit und Ehre (Spr 26,1). Besonders eindrücklich sind die bildlichen Bezüge zwischen JHWH und Regen, die auf den göttlichen Schutz rekurrieren: Auch angesichts von Unwettern und Regenfluten bietet er Zuflucht (Jes 4,6; Jes 25,4 u.ö.), sein heilvolles Wirken in der Geschichte gleicht dem Regen, der die Erde befruchtet (Ps 68,10). Aber nicht nur das Heilshandeln JHWHs wird mit Regenbildern ausgedrückt, auch sein Handeln zum Gericht (→ Gericht Gottes [AT]) wird mit der Kraft und Gefährlichkeit von herabfallenden Regenfluten verglichen (Ez 13,11.13; Ez 38,22; Jes 30,30).

7. Neues Testament

Die heilvolle, befruchtende Kraft des Regens (Hebr 6,7) wird auf den lebendigen Gott zurückgeführt (Apg 14,17), der es über Gerechte und Ungerechte regnen lässt (Mt 5,45). Die Gewährung von Schutz vor Regen ist ein Zeichen der Gastfreundlichkeit (Apg 28,2). Auf eine Wetterregel, insbesondere die Verbindung von Wolken und Regeln, rekurriert Lk 12,54. Das geduldige Harren des Bauern, der sehnlichst den Früh- und Spätregen erwartet, damit seine Arbeit auf dem Acker nicht umsonst war, wird zur Mahnung für die Christen, die ebenso geduldig das Kommen ihres Herrn erwarten sollen (Jak 5,7). Auf die erfolgreiche Bitte um das Ausbleiben bzw. das Kommen des Regens nimmt dagegen Jak 5,17f. unter Bezug auf 1Kön17f. Bezug.

Literaturverzeichnis

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928-2018
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973-2015
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Dalman, G., 1928, Arbeit und Sitte in Palästina, Bd. 1: Jahreslauf und Tageslauf, 2 Bde., Gütersloh
  • Herrmann, J., 1924, Ezechiel übersetzt und erklärt (KAT 11), Leipzig
  • Kipfer, S., 2023, Extreme Klimaereignisse und Hungerkatastrophen in den Prophetenbüchern (VT.S 194), Leiden

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