Deutsche Bibelgesellschaft

(erstellt: Februar 2026)

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1. Termini

Die hebräische Bezeichnung für Wind ist רוּחַ rûaḥ, die griechische πνεῦμα pneuma. Letztere ist in dieser Bedeutung nur in Joh 3,8a; Hebr 1,7 und 2Thess 2,8 belegt. רוּחַ rûaḥ kann sowohl für einen leichten Windhauch stehen (Jes 57,13) als auch für einen starken Windsturm (Jon 1,4; Hi 1,19). Ein Wirbelwind heißt hebräisch סְעָרָה sə‘ārāh oder סוּפָה sûfāh, griechisch λαῖλαψ lailaps.

2. Lebenswelt

Die Lebenswelt Palästinas war von verschiedenen Winden und den mit ihnen verbundenen Wettererscheinungen bestimmt. Die Winde kommen meist gegen Mittag bzw. Nachmittag vom Mittelmeer, also von Westen, ins westjordanische Bergland und schaffen in der sommerlichen Hitze angenehme Kühle. Auf solche Westwinde könnte Gen 3,8 anspielen, wo vom Tageswind die Rede ist, in dessen Kühle Gott im Paradiesgarten spazieren geht (→ Paradies / Paradieserzählung). Im Sommer brachten die Westwinde (רוּחַ־יָם rûaḥ jām) zudem Tau, im Winter dagegen Regen und sorgten aufgrund dieser Niederschläge für die Fruchtbarkeit des Landes (vgl. 1Kön 18,42-44).

Der aus der Wüste kommende Ostwind (רוּחַ קָדִים rûaḥ qādîm oder רוּחַ מִדְבָּר rûaḥ midbār „Wüstenwind“ Jer 13,24; Hos 13,15, vgl. Hi 1,19), der Chamsin oder Schirokko, trocknet das Land aus, bringt er doch heiße und trockene Luftströme nach Palästina. Im Winter war er mit Kälte (und Regen) verbunden (Ez 1,4), im Sommer mit drückender → Hitze und sinkender Luftfeuchtigkeit, was zum Abwelken der Vegetation (Jes 40,6-8; Ps 90,6; Ps 103,15f.; Gen 41,6; Jer 4,11; Ez 17,10; Ez 19,12) und zum Vertrocknen von Quellen und Wassertümpeln führte. Aufgrund seiner Heftigkeit kann er auch Zerstörungen herbeiführen (Ps 48,8; Hi 1,19).

Der heiße Südwind (Hi 37,17; Lk 12,55, vgl. Hi 1,19) ist selten. Auch er bringt heiße Wüstenluft ins Land.

Mit dem Nordwind kommt eisige Kälte ins Land (Sir 43,20, vgl. Hi 37,9).

Das Jordantal ist berüchtigt für Fallwinde, die für die Fischer auf dem → See Genezareth eine große Gefahr darstellten (Mk 4,37). Im → Negev dagegen traten immer wieder Sandstürme auf (Jes 21,1f.).

Die auf dem Mittelmeer aufziehenden Winde waren unberechenbar und stellten für die Schifffahrt (→ Schiff / Schiffbau) eine große Gefahr dar (Jon 1,4; Apg 27,13f.). Deshalb navigierte man möglichst in Küstennähe (→ Meer).

Sich um die eigene Achse drehende Wirbelwinde (2Kön 2,11, vgl. Hi 38,1) entstanden, wenn warme und kalte Luftmassen zusammenstießen. Sie führten zu aufsteigenden Wassersäulen auf dem Meer sowie zu Sand- bzw. Staubsäulen auf dem Land und waren z.T. mit großen Schäden verbunden.

Winde waren vor allem nach der Getreiderente wichtig, um beim → Worfeln die Spreu vom Weizen zu trennen (Jer 13,24; Hi 21,18; Ps 1,4). Bei Einfällen von → Heuschrecken konnten Winde dazu beitragen, dass diese verweht wurden (Ex 10,19). Andererseits konnten sie in der Wüste auch → Wachteln herbeiführen (Num 11,31). Oft wird die zerstörerische Kraft des Windes in den Blick genommen (Jes 7,2; Ez 27,26; Ps 48,8).

3. Metaphorik

Der Wind ist eine unberechenbare und rätselhafte Erscheinung (Pred 8,8; Pred 11,4f.; Joh 3,8), die der Mensch zwar in seinem Wirken beobachten (2Kön 3,17; Pred 11,4), über die er aber nicht verfügen kann. Wind steht oft auch für → Eitelkeit (Pred 1,6), Nichtigkeit und Trug, Sinn- und Nutzlosigkeit (Jes 41,29; Hi 6,26; Spr 8,33; Pred 1,14.17; Hos 12,2; Hos 8,7). Das Wiegen der Bäume im Wind wird zu einem angsterfüllten Bild (Jes 7,2). Sprichwörtlich ist die auf den → Tun-Ergehen-Zusammenhang rekurrierende Sentenz vom „Wind säen und Sturm ernten“ (Hos 8,7). Ebenso wenig wie der Mensch den Wind aufhalten kann, so kann er den Tod vermeiden (Pred 8,8). Heranbrausende Heere können mit einem stürmischen Wind verglichen werden (Jes 5,28, vgl. Jer 4,13). Wie Regen und Schnee hat der Wind nach antiker Vorstellung himmlische Kammern (Hi 37,9; Jer 10,13; Jer 51,16; Ps 135,7), aus denen er hervortritt.

4. Wind als göttliche Manifestation

Gottes Kommen kündigt sich im Wind an (2Sam 5,24). Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auf die vier Winde verwiesen (Jer 49,36; Sach 6,5; Dan 7,2; Mt 24,31; Offb 7,1), die die Himmelsrichtungen repräsentieren und besonders bei Daniel mit dem Thema „Weltherrschaft“ verknüpft sind. Von ihnen gehen vollständige Vertreibung und Zerstreuung aus (Jer 49,36). Gott schafft den Wind (Am 4,13; Jer 10,13) und benutzt ihn als sein Werkzeug (Ps 104,4; 1Kön 19,11; Gen 8,1) auch beim Gericht (Jes 29,6; Jes 57,13; Jer 18,17; Jer 51,1; Hos 13,15; → Gericht Gottes [AT]). So treibt er mit einem Ostwind die Heuschrecken ins Land (Ex 10,13), um sie dann mit einem Westwind wieder aus dem Land zu entfernen (Ex 10,19). JHWH schleudert den Wind, um das Meer aufzuwühlen (Jon 1,4).

Literaturverzeichnis

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928-2018
  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973-2015
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., München / Zürich 2004
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Donner, H., 1988, Einführung in die biblische Landes- und Altertumskunde, 2. Aufl. Darmstadt
  • Keel, O. / Küchler, M. / Uehlinger, C., 1984, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1: Geographisch-geschichtliche Landeskunde, Zürich u.a.
  • Lugt, H., 1975, Wirbelstürme im Alten Testament, BZ 19, 195-204
  • Zwickel, W., 2002, Einführung in die biblische Landes- und Altertumskunde, Darmstadt

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