Markus 2,23-28 | 20. Sonntag nach Trinitatis | 18.10.2026
Einführung in das Markusevangelium
Das Markusevangelium
1. Verfasser
Im Unterschied zum „Erfinder“ der frühchristlichen Briefform, Paulus, bleibt der Verfasser des ältesten Evangeliums anonym und im Dunkeln – er ist uns weder namentlich noch biographisch näher bekannt. Vier Spuren führen zu seinem Autorenprofil und so zu seiner möglichen Identität.
- Der Autor im Spiegel altkirchlicher Traditionen und Zeugnisse: Die frühesten Papyrushandschriften, die Teile des MkEv bezeugen (P 137 [2./3. Jh.: Mk 1,7-9.16-18
] und P 45 [3. Jh.: Mk 4,36-12,28 in Teilen] (vgl. ECM I,2), enthalten keine inscriptio und somit keinen Hinweis auf eine Autorkennzeichnung. Erst in den ältesten Vollbibelhandschriften (Sinaiticus, Vaticanus) aus dem 4. Jh. (s.: https://ntvmr.uni-muenster.de/ecm ) wird das MkEv mit ΚΑΤΑ ΜΑΡΚΟΝ überschrieben – damit ist zwar kein Autorenname gesetzt, aber eine Zuschreibung zu einem gewissen „Markus“ vorgenommen. Nach Papias von Hierapolis (erstes Drittel des 2. Jhs.) war „Markus“ der Dolmetscher des Petrus in Rom (s. auch 1 Petr 5,13 ). Diese Zuordnung rückt den Verfasser in eine Nähe zu Petrus (s. Mk 8,27-33 ; 9,2-10 ; 1,29-31 ) und verortet sein Werk in Rom. - Der Autor und seine Werkkonzeption: Markus entwickelt die Evangelienform als Erzählung über die „Anfänge des Evangeliums“ (Mk 1,1
) und stellt das öffentliche Wirken Jesu unter diese Überschrift. Er knüpft damit an den zentralen paulinischen Begriff des „Evangeliums“ an (z.B. 1 Kor 15,1 ; Röm 1,1 .15 ). - Der Autor und sein Schreibstil: Markus schreibt Koine
-Griechisch und neigt zu einem parataktischen Stil, der in der früheren Forschung als volkstümlich galt. Typische Stilmerkmale sind ein kaum variierender Wortschatz und ein lebhafter Wechsel der Zeitformen mit einer Vorliebe für erzählende Präsensformen (Alkier/Paulsen 2021). Markus zeigt aber durchaus Kenntnis der Progymnasmata (Mortensen 2023), also der literarischen Einübung in rhetorische Grundformen. - Der Autor und seine religionsgeschichtliche Prägung: Markus ist mit Orten und Landschaften in Galiläa, besonders Kapernaum, vertraut und weitet den Blick auf Syrophönizien (Mk 7,24ff.
) und „alle Welt“ (Mk 14,9 ). Beim Jerusalem-Aufenthalt Jesu fokussiert Markus auf dessen (kritische) Haltung zum Tempel (Mk 11-15 ). Bei der Diskussion über „rein und unrein“ setzt Markus trennende Speisevorschriften außer Kraft (Mk 7,19 ). Markus hält an der Erwartung einer baldigen Wiederkunft Jesu (im Anschluss an die Tempelzerstörung) fest (Mk 13,24-27 ).
Aus der Spurensuche, die einer Indizienkette gleicht, ergibt sich das Bild eines nicht-ungebildeten Autors, der breite Kenntnis frühchristlicher Traditionen und eine Vorliebe für Galiläa hat, aber zugleich eine universale Perspektive für die Verkündigung Jesu und die Ausbreitung des Evangeliums entwickelt. Er denkt und schreibt im Schatten der Ereignisse des Jahres 70 (Tempelzerstörung).
2. Adressaten
Die Evangelien bieten – mit Ausnahme von Lk 1,3
3. Entstehungsort
Markus zeigt eine gute (z. B. Mk 1,21
4. Wichtige Themen
In der synoptischen Forschung der letzten Jahre wurden besonders
- Gattungsfragen (Mythos, aitiologische Erzählung, Biographie, personenzentrierte Historiographie: s. ZNT [2021]) diskutiert. In diesem Zusammenhang wurden der sprachliche und literarische Gestaltungswille des Markus herausgestellt sowie
- Fragen zu seiner Erzähltechnik („episodischer Erzählstil“: G. Guttenberger; C. Breytenbach) erörtert.
- Bei der theologischen Erschließung der frühesten Evangelienschrift stehen die Themen Nachfolge bzw. Jüngerschaft, Eschatologie
und christologische Identitätsdiskurse im Vordergrund. - Umstritten bleibt die Frage, ob Markus ein „‚Antievangelium‘ zum Aufstieg der Flavier“ konzipierte (z.B. G. Theißen, S. 69; ZNT) oder einen von der Weltpolitik weitgehend unabhängigen Entwurf einer Zeitgeschichtsschreibung bietet (E.-M. Becker).
5. Besonderheiten
Markus erzählt eilig (Καὶ εὐθὺς: Mk 1,10
Literatur
- Alkier, S./Paulsen, T. (2021), Die Evangelien nach Markus und Matthäus. Neu übersetzt. Frankfurter Neues Testament Bd. 2. Paderborn: Brill/Schöningh. (Zur Sprache und zum Stil des MkEv).
- Becker, E.-M. (2017), Der früheste Evangelist. Studien zum Markusevangelium. WUNT 380. Tübingen: Mohr Siebeck. (Zu Fragen von Gattung und Geschichtskonstruktion).
- Guttenberger, G. (2017), Das Evangelium nach Markus. ZBK.NT 2. Zürich: Theologischer Verlag. (Neuerer Kommentar)
- Mortensen, J.P.B., ed. (2023), Genres of Mark. Reading Mark’s Gospel from Micro and Macro Perspectives. SANt 9. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. (Beiträge zu Markus im Rahmen der antiken Progymnasmata).
- Strutwolf, H. et al. 2021. Editio Critica Maior (ECM) I. The Synoptic Gospels. 2 The Gospel According to Mark. Vol. 1–3. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft. (Große Ausgabe zur Texterforschung).
- Theißen, G. (2002), Das Neue Testament. München: C.H. Beck. (Knappe Einführung in die Entstehung der Evangelien).
- Themenheft Markusevangelium, in: ZNT 24, Heft 47 (2021). (Fragen zur gegenwärtigen Markusforschung).
A) Exegese kompakt: Markus 2,23-28
Bei seiner Ansage der Königsherrschaft Gottes zeigt Jesus die Menschenfreundlichkeit Gottes. Jesus begründet sein Wirken von seiner vollmächtigen Rolle als Menschensohn her, die ein souveränes Verständnis der Schrift einschließt.
Übersetzung
2,23a Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Ährenfeld ging, 23b und seine Jünger fingen, während sie gingen, an, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sagten zu ihm: ›Siehe, was tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist?‹ 25a Und er sagt ihnen: 25b ›Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er Mangel litt und Hunger hatte, er und die, die bei ihm waren – 26 wie er hineinging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abiathar und die Schaubrote aß, die niemand essen darf außer den Priestern, und sie auch denen gab, die bei ihm waren?‹ 27a Und er sagte zu ihnen: 27b ›Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.‹
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 23 und 24: (ἐν) τοῖς σάββασιν: jeweils pluraler Dativ (mit temporaler Funktion), singularisch übersetzt;
V. 23: τίλλοντες τοὺς στάχυας: die Jünger „raufen aus“, ernten die Ähren aber nicht massenhaft in Körben – übertreten sie so das Sabbatgebot überhaupt (s.u. die Torabelege)? Was genau mit dem „raufen“ gemeint ist, bleibt bei Markus ungenau, das erläutern erst Matthäus und Lukas in ihrer Bearbeitung der markinischen Vorlage genauer (Mt 12,1
V. 24: οἱ Φαρισαῖοι: als schriftgelehrte Laienbewegung dürften sich Pharisäer durchaus auch in Galiläa aufgehalten haben; Markus zeichnet sie in ihrer Sabbatobservanz als vergleichsweise strikt (A. Yarbro Collins, 202);
V. 25: οὐδέποτε ἀνέγνωτε: Jesus fragt mit der – rhetorisch eingeleiteten Frage – die Pharisäer auf ihre Schriftkenntnis hin ab (1 Sam 21,7
V. 26: ἐπὶ Ἀβιαθὰρ ἀρχιερέως: Jesus spielt auf die Szene aus 1 Sam 21
V. 28: ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου: die einzige Bezeichnung, die der historische Jesus für sich – wenn auch nur in der 3. Person Singular beansprucht haben dürfte („Menschensohn“) –, dient hier der autorisierenden Aktualisierung des Sabbatgebotes und seiner halacha.
2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung: Wie will der Verfasser sein Lesepublikum gewinnen?
In Mk 2,23-28
3. Kontext und historische Einordnung
Die zeitgeschichtliche Erzählwelt, in die Markus seine Leserschaft führt, hat durchaus Anleihen am Leben und Wirken Jesu: Die noch am Anfang stehende Jesus-Bewegung ist nicht ortsfest, sondern mobil. Die Szenerie verlagert sich in ein Getreidefeld, das irgendwo auf dem Weg liegen dürfte. Damit ist ein Wesenszug Galiläas – der Kornkammer Israels (so auch der jüdische Historiker Josephus) – benannt. Jahreszeitlich stellt Markus seinem Leserkreis das Frühjahr vor, in dem die erste Saat offenbar reift und vor der Ernte steht. Agrikulturelle Sprache und Motivik wird Markus später ausführlich im Gleichniskapitel (Mk 4
Forschungsgeschichtlich betrachtet stand lange Zeit die literarische Entstehungsgeschichte der Perikope im Fokus ihrer Interpretation: So galten Mk 2,27f.
4. Schwerpunkte der Interpretation: Worauf es hier ankommt
Die episodische Erzählung vom Ährenraufen der Jünger am Sabbat gehört in eine Reihe von galiläischen Szenen, in denen Jesu Autorität – als desjenigen, der mit Zöllnern isst (2,13ff
5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt
In Mk 1-2 sind Ansage und Anbruch der Königsherrschaft Gottes nicht nur eilig (s. gehäuftes εὐθύς in Mk 1ff.
Literatur
- E.-M. Becker/T. Engberg-Pedersen/M. Müller (Hgg.), Mark and Paul: Comparative Essays Part II. For and Against Pauline Influence on Mark (BZNW 199; Berlin/Boston: de Gruyter, 2014 [Paperback 2017]).
- C. Berner, „Jubiläenbuch“, in: WiBiLex.
- L. Doering, Schabbat. Sabbathalacha und -praxis im antiken Judentum und Urchristentum (TSAJ 78; Tübingen: Mohr Siebeck, 1999).
- J. Gnilka, Das Evangelium nach Markus (Mk 1-8,26) (Zürich: Benziger Verlag, 19985).
- G. Guttenberger, Das Evangelium nach Markus (ZBK.NT 2; Zürich: Theologischer Verlag, 2017).
- C. Körting, „Sabbat“, in: WiBiLex.
- O. Wischmeyer/D.C. Sim/I.J. Elmer (Hgg.), Paul and Mark: Comparative Essays Part I. Two Authors at the Beginnings of Christianity (BZNW 198; Berlin/Boston: de Gruyter, 2014 [paperback 2017]).
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen: Was hat die Exegese erbracht und angeregt?
Die Exegese verdeutlicht, mit welcher Wucht das Markusevangelium beginnt. Berufungen, Dämonenaustreibung, Heilungen, Sündenvergebung. Gottes Reich ist ganz nah, eng verbunden mit dem „Menschensohn“. Das Thema der Sabbatobservanz gehört dazu.
Die Vollmacht Jesu ist zentral.
Deutlich wird in der Exegese auch, wie weit dieser Markustext von unserer Lebenswelt im 21. Jahrhundert entfernt ist: Die Jünger sind in einem Weizenfeld herumgelaufen – über diesen Frevel könnte man sich (mit Recht) aufregen. [Ich nehme mal an, dass sie nichts zertreten haben und Fußwege damals eben durch die Felder führten.] Aber über den Bruch von Sabbatregeln? Wer kennt jüdische Menschen, die mit viel Gewinn den Sabbat feiern? Als Tag, an dem auch die Hausfrau nicht arbeiten muss (es wird vorgekocht), als Tag des „digital detox“, weil eben keine elektronischen Geräte benutzt werden, als Tag der Achtsamkeit, weil man zu Fuß geht… Die Regeln für den Sabbat hatten und haben tiefen Sinn – heutzutage kennen auch Kirchgänger in der Regel höchstens eine verzerrte Sabbatobservanz („was die alles beachten mussten/müssen!“) Der Sonntag, der in seiner Form als freier Tag viel vom befreiendem Impetus des Sabbat übernommen hatte, ist Teil des Wochenendes geworden. Wenn irgendwo ein verkaufsoffener Sonntag ist, gehen sehr viele sehr gern hin. Immer wieder wird der freie Sonntag „angenagt“.
Wer kann sich heutzutage vorstellen, von den Ähren eines Feldes zu essen? Wer kennt noch den „Getreidekaugummi“? (Die Körner einer Ähre abziehen, sie in den Händflächen reiben, so dass sich die Spelzen lösen, ganz leicht hineinpusten, dann fliegen die Hüllen weg und die übriggebliebenen Körner kann man kauen. Wer das lang genug tut, hat eine Art Kaugummi im Mund.) Wir haben das als Kinder mit Interesse getan. Die Jünger hatten offensichtlich wirklich Hunger und nichts zu beißen.
2. Thematische Fokussierung: An welchen Punkten fördert die Exegese meine Predigt?
Der Fokus auf Jesu Vollmacht hilft, sich nicht in Erklärungen unbekannter und schwer verständlicher Bezüge (was sind „Schaubrote“, was wird im AT von David genau erzählt? Etc.) zu verzetteln. Die Aufnahme von Mk 2,23-28
Ebenso helfen die Hinweise aus der Exegese Schwarz-Weiß-Malerei zu verhindern: Wir können nicht wie Markus auf die Pharsäer oder gar die Juden als Leute mit seltsamen Vorschriften abheben, denn bereits Ex 23,12
3. Theologische Aktualisierung: Wie hilft der Text dazu, „jetzt“ von Gott und Christus zur Gemeinde zu sprechen?
Diejenigen, die zur Kirche kommen, schätzen den Sonntag als Tag des gemeinsamen Gottesdienstes. Für viele andere ist es ganz schön, dass der Sonntag ein freier Tag ist, aber mehr auch nicht. Immer wieder wird der Sonntag „angenagt“: Über die selbstverständlich nötigen Arbeiten in Pflege und Sicherheit hinaus versuchen Geschäfte und Firmen immer wieder, das Sonntagsgebot zu dehnen und zu umgehen. (Verkaufsoffene Sonntage ohne jeden Anlass, Arbeitsschichten bis in den Sonntagvormittag hinein…) Ein Insistieren auf der „Sabbatobservanz“ kann hier zur Freiheit für die Menschen führen.
Heutzutage muss darauf hingewiesen werden, dass die Wirtschaft für den Menschen da ist und nicht der Mensch für die Wirtschaft. (Hintergrund findet sich auf der Seite der Sonntagsallianz: https://allianz-fuer-den-freien-sonntag.de, prängnat das kda-Video 1700 Jahre freier Sonntag.) Ist der Menschensohn auch Herr über die Wirtschaft? Wie sieht es mit Jesu Vollmacht in diesem Bereich heutzutage aus?
4. Wie prägt der Text den Sonn- oder Feiertag im Kirchenjahr
Am 20. Sonntag nach Trinitatis geht es um den Sinn (oder Unsinn) von Ordnungen. Das Evangelium fügt das Ehescheidungsverbot zusammen mit der Kindersegnung (Mk 10,2-9
5. Weitere Anregungen bzw. schreib- und Inszenierungsimpulse für Predigende
Das kraftvolle Auftreten Jesu in den ersten Kapiteln des Markusevangeliums zu zeigen und den Predigttext hier einzuordnen, kann für Aha-Momente sorgen. Die Frage, wofür der Mensch gemacht ist, wirkt kritisch und befreiend. Sie muss für unsere Zeit anders beantwortet werden als für die Zeit des Predigttextes. Leitlinien dafür finden wir im Beginn des Markusevangeliums: Die Zugewandtheit Jesu zu den Menschen, seine heilende Nähe, seine Ausrichtung an der Gemeinschaft untereinander und mit Gott und: die damit einhergehende Freude.
Autoren
- Prof. Dr. Eve-Marie Becker (Einführung und Exegese)
- Dr. Bianca Schnupp (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500217
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