Deutsche Bibelgesellschaft

Epheser 4,22-32 | 19. Sonntag nach Trinitatis | 11.10.2026

Einführung in den Epheserbrief

Die aktuellen Fragen, die in der Exegese des Epheserbriefs behandelt werden, drehen sich vor allem um das Verhältnis von Ekklesiologie und Christologie sowie um die Vorstellungen zur Eschatologie.

1. Verfasser

In der Exegese herrscht große Einigkeit darüber, dass der Epheserbrief nicht von Paulus verfasst wurde. Dagegen sprechen die von den authentischen Paulusbriefen abweichende eigene Sprachgestalt (z.B. die Vorliebe für überlange Sätze) sowie theologische Weiterentwicklungen, besonders in Christologie und Kosmologie (z.B. Christus, der das All zusammenfasst Eph 1,10), Soteriologie (Gott hat uns mit auferweckt und eingesetzt im Himmel in Christus 2,6), Ekklesiologie (die über die einzelne Gemeinde hinaus wachsende Kirche als Leib mit Christus als Haupt, 1,22) und die Bedeutung der apostolischen Tradition, die die Existenz der Kirche garantiert (2,20). Hinzu kommt die weitgehende Abhängigkeit des Eph vom (früheren) Kolosserbrief, bis hin zu wörtlichen Übernahmen. Der namentlich unbekannte Verfasser des Eph fühlt sich der paulinischen Tradition verpflichtet (z.B. 2,8) und will sie in seiner eigenen Zeit, vermutlich zwischen 80 und 90 n. Chr., und unter anderen Umständen erneut zur Sprache bringen. Auch der Aufbau des Briefes entspricht im Wesentlichen den authentischen Paulusbriefen, vor allem mit der Aufteilung in einen eher grundlegend-lehrhaften und einen daraus Konsequenzen ziehenden paränetischen Hauptteil. Ungewöhnlich ist aber das Nebeneinander einer ausführlichen Eulogie und Danksagung im Eingangsteil (1,3-14. 15-23) und das Fehlen von Grüßen am Schluss.

2. Adressaten

Der Eph ist nach 1,1 und der Briefüberschrift ein Schreiben an die Christen in Ephesus. Allerdings fehlt die Ortsangabe in 1,1 in den ältesten Handschriften, und es finden sich keinerlei nähere Angaben zu den Adressaten; persönliche Notizen oder Grüße fehlen, die Mahnungen bleiben allgemein. Konkrete Probleme, die die Abfassung erklären könnten, werden nicht angesprochen. Nach 1,15; 3,2f.; 4,21 scheinen sich Verfasser und Adressaten nicht einmal persönlich zu kennen. Dass die Empfänger in Ephesus beheimatet seien, geht aus dem Text nirgends hervor. Der Eph ist deshalb vielfach als Traktat, theologische Abhandlung oder auch als „Rundschreiben“ bezeichnet worden. Diese Auffassung hat wegen der Allgemeinheit des Schreibens viel für sich. Ein „situationsloses Schreiben“ ist Eph dennoch nicht, auch wenn wir seine Situation nicht mehr im Detail rekonstruieren können. Offensichtlich hat sich der Verfasser aber veranlasst gesehen, grundlegende Gedanken über die christliche Existenz und die Kirche aufzuschreiben und dabei besonders die Einheit der Kirche hervorzuheben. Die frühe Verbreitung des Schreibens im westlichen Kleinasien spricht dafür, dass die Adressaten hier zu suchen sind. Von daher lag die Provinzhauptstadt Ephesus als zugeschriebene Adresse nahe, nicht zuletzt  deshalb, weil Paulus selbst sich längere Zeit in der Stadt aufgehalten hatte.

3. Entstehungsort

Was für die Adressaten gilt, gilt auch für den Entstehungsort des Schreibens. Das westliche Kleinasien ist ein Entwicklungszentrum des frühen Christentums, wie z.B. die in Offb 2f. genannten Städte (darunter auch Ephesus) belegen. Vermutlich ist das Schreiben in diesem Umkreis entstanden. Dass der Verfasser den Kol gekannt, geschätzt und verwendet hat, unterstreicht dies (Kolossä lag etwa 170 km östlich von Ephesus).

4. Wichtige Themen

Theologie, Christologie, Kosmologie und Ekklesiologie sind wichtige Themen des Eph - und sie sind eng miteinander verbunden. Der Kosmos besteht aus zwei Räumen, Erde (4,9) und Himmel (1,3.10; 2,6). Im himmlischen Bereich befinden sich die Engel, die Äonen, die Mächte und Gewalten (1,21; 2,7), zum Bereich der Erde gehört alles Vorfindliche, hier hat der Äon dieser Welt seinen Ort (2,2), und der Weltherrscher regiert (6,12). In Christus und durch ihn ist aber alles, was im Himmel und auf Erden ist, „zusammengefasst“, (1,10), und es gibt nichts mehr, was Christus nicht unterworfen wäre (1,23). Dies gilt nicht zuletzt für Juden und Heiden, die durch einen „Zaun“ getrennt waren (2,14). Aber auch dieser Zaun ist durch Christus aufgehoben, Gemeinschaft und Einheit sind möglich geworden. In der Kirche wird dies erkannt und geglaubt. Insofern ist sie Christi Leib, Christus ist in ihr gegenwärtig, sie repräsentiert die „Fülle Christi“. Deshalb kann auch, was vor Christus Juden und Heiden voneinander schied, nicht mehr trennen (2,11-13). Durch Christus, durch sein Blut gehören beide gleichermaßen zum „Leib Christi“ und haben Zugang zum himmlischen Bereich (2,6.18); dies aber nicht im Gegensatz zur Welt, sondern im Blick auf die Welt und mit der Aufgabe, allen Menschen und kosmischen Mächten das Geheimnis Gottes zu verkündigen und vorzuleben (3,10; im Blick auf den Apostel 6,19f.).

Dies wird mit Hilfe verschiedener Bilder zum Ausdruck gebracht. Neben der Kirche als „Leib Christi“ wird sie auch als „Bauwerk“, in dem die Christen Wohnrecht haben, und als  „Tempel“ bezeichnet (2,19-22). Das Bauwerk ist jetzt schon existent (2,19f.), aber es wird auch noch daran gebaut, damit alle zur Erkenntnis des Sohnes Gottes kommen (4,11ff.). Im Rahmen der Haustafel wird das Verhältnis von Mann und Frau auf Christus und die Kirche gedeutet (5,25-32). Die verschiedenen Bilder zeigen, dass die Kirche nicht mit Sachstandsbeschreibungen zu erfassen ist, sondern als geglaubte Größe weit über ihre sichtbare Existenz hinaus reicht. Der Verfasser des Eph ist damit der erste christliche Theologe, der explizit eine Vorstellung von dem Phänomen Kirche entwickelt. Umstritten ist, ob der Eph damit die theologische Konzeption einer Universalkirche entwirft oder sich nach wie vor auf die Versammlung der Glaubenden bezieht, sodass die einzelnen Glaubenden im Blick bleiben. Beide Positionen sehen m.E. etwas Richtiges. Im Vergleich mit den unbestrittenen Paulusbriefen hat zweifellos bereits eine Entwicklung hin zur Kirche als einer die Ortsgemeinden überschreitenden Größe stattgefunden. Die Christen aller Gemeinden bauen gemeinsam an dem Bau weiter, der auf dem von den Aposteln und Propheten garantierten Fundament ruht und dessen Eckstein Christus ist (2,20). Die wachsende Zahl der Gemeinden führt aber auch zu Differenzen, und das macht die starke Mahnung zur Einheit verständlich (4,1-6). Christus ist das Haupt der Gemeinde, aber ist auch Herrscher über das  All (einschließlich aller gegenwärtig noch ungläubigen Menschen und überpersönlichen Mächte). Was in der Kirche schon erkannt wird, soll auch vor der Welt bekannt werden. Diesem Ziel dient die Einheit der Christen - und darauf liegt der Akzent, und (noch) nicht auf der Idee einer universalen Kirche im Sinne einer Heilsagentur.

Deshalb ist die Ekklesiologie auch nicht, wie oft vertreten wurde, das eine, zentrale Thema des Eph. Ohne die Christologie (und die damit verbundenen soteriologischen Aussagen) wären die Aussagen über die Kirche ihrer Grundlage beraubt. Was in der Kirche erkannt, geglaubt und von ihr in die Welt getragen wird, ist nicht in erster Linie eine Lehre von der Kirche, sondern ein Bekenntnis zu Christus (vor allem 1,3-14), der das ganze All zusammenhält. Ohne Christus als Eckstein und die apostolische Tradition (2,20) gäbe es die Kirche nicht. Ihre Aufgabe ist es, das von Christus erwirkte Heil für die ganze Welt zu verkündigen und durch ihr Handeln zu bezeugen.

Der ganze zweite Hauptteil des Eph und damit die Hälfte des Schreibens befasst sich mit der Lebensführung der Adressaten. Das hat Auswirkungen auf das Verständnis der Ekklesiologie. Gerade weil die Kirche das Geheimnis Gottes als Grundlage (1,10) und den Gottesgeist als Angeld hat (1,14), steht sie in der Gefahr, „geistlich abzuheben“ und sich über die Welt zu erheben (vgl. 2,8-10), die aber doch auch mit allem Drum und Dran von Christus zusammengehalten wird (1,10). Die umfangreiche Paränese ist deshalb die andere, notwendige Seite der ekklesiologischen Medaille. Die Lebenspraxis soll nicht nur dem Glauben der Christen entsprechen, sondern dazu helfen, den Menschenkindern (3,5) das Geheimnis Gottes zu erschließen.

Dass alles, was es im Himmel und auf Erden gibt, alle Menschen, alle Mächte und Gewalten, die von den Christen schon erkannte und geglaubte Erlösung in Christus ebenfalls erkennen und in das Gotteslob (1,3-14) einstimmen, steht freilich noch aus. Im Bild gesprochen: Der Leib Christi muss noch wachsen (4,15). Zwar sind die Christusgläubigen schon mit auferweckt und im Himmel eingesetzt (2,6), aber Vielen ist dieses Geheimnis noch fremd und unerschlossen, und Mächte und Gewalten kämpfen dagegen an (6,10). Insofern fehlt auch die Dimension der Zukunft im Eph nicht (formelhaft in 1,21). Es ist allerdings keine qualitativ andere und ganz neue Zukunft, sondern eine, die in Gottes Willen schon vor aller Zeit beschlossen ist und auf die die Christusgläubigen deshalb mit gutem Grund und fester Zuversicht hoffen können.

5. Besonderheiten

Das Schreiben ist mit dem Kol eng verwandt, und zwar im Blick auf den Gesamtaufbau (Eph 1-3 entspricht weitgehend Kol 1f., Eph 4-6 großenteils Kol 3f.) sowie den Textbestand und die Abfolge der einzelnen Aussagen; die Haustafeln sind vergleichbar (Eph 5,21-6,9; Kol 3,18-4,1) und es gibt etliche fast wörtliche Übereinstimmungen (z.B. Eph 1,1f. und Kol 1,1f.; Eph 6,21f. und Kol 4,7f.). Hinzu kommen große Ähnlichkeiten in theologischen Aussagen, vor allem zur Christologie (Christus als Haupt des Leibes = der Kirche 1,22; 4,15; 5,23; Kol 1,18; 2,19); zur Kosmologie (1,10.20-22) und zur bereits erfolgten Auferweckung der Christen (2,5.7; Kol 2,12f.; 3,1). Offensichtlich sind beide Briefe eng miteinander verwandt. Allgemein wird die literarische Abhängigkeit des Eph vom Kol angenommen. Für die Interpretation des Eph ist deshalb immer auch der Kol zu berücksichtigen.

Literatur:

  • Sellin, Gerhard: Der Brief an die Epheser, KEK, Göttingen 2008.
  • Lindemann, Andreas: Der Epheserbrief, ZBK NT 8, Zürich 1985.
  • Gese, Michael: Der Epheserbrief (BNT), Neukirchen-Vluyn 32022.

A) Exegese kompakt: Epheser 4,22-32

22ἀποθέσθαι ὑμᾶς κατὰ τὴν προτέραν ἀναστροφὴν τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον τὸν φθειρόμενον κατὰ τὰς ἐπιθυμίας τῆς ἀπάτης, 23ἀνανεοῦσθαι δὲ τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν 24καὶ ἐνδύσασθαι τὸν καινὸν ἄνθρωπον τὸν κατὰ θεὸν κτισθέντα ἐν δικαιοσύνῃ καὶ ὁσιότητι τῆς ἀληθείας.

25Διὸ ἀποθέμενοι τὸ ψεῦδος λαλεῖτε ἀλήθειαν ἕκαστος μετὰ τοῦ πλησίον αὐτοῦ, ὅτι ἐσμὲν ἀλλήλων μέλη. 26ὀργίζεσθε καὶ μὴ ἁμαρτάνετε· ὁ ἥλιος μὴ ἐπιδυέτω ἐπὶ [τῷ] παροργισμῷ ὑμῶν, 27μηδὲ δίδοτε τόπον τῷ διαβόλῳ. 28ὁ κλέπτων μηκέτι κλεπτέτω, μᾶλλον δὲ κοπιάτω ἐργαζόμενος ταῖς [ἰδίαις] χερσὶν τὸ ἀγαθόν, ἵνα ἔχῃ μεταδιδόναι τῷ χρείαν ἔχοντι. 29πᾶς λόγος σαπρὸς ἐκ τοῦ στόματος ὑμῶν μὴ ἐκπορευέσθω, ἀλλ’ εἴ τις ἀγαθὸς πρὸς οἰκοδομὴν τῆς χρείας, ἵνα δῷ χάριν τοῖς ἀκούουσιν. 30καὶ μὴ λυπεῖτε τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον τοῦ θεοῦ, ἐν ᾧ ἐσφραγίσθητε εἰς ἡμέραν ἀπολυτρώσεως. 31πᾶσα πικρία καὶ θυμὸς καὶ ὀργὴ καὶ κραυγὴ καὶ βλασφημία ἀρθήτω ἀφ’ ὑμῶν σὺν πάσῃ κακίᾳ. 32γίνεσθε [δὲ] εἰς ἀλλήλους χρηστοί, εὔσπλαγχνοι, χαριζόμενοι ἑαυτοῖς, καθὼς καὶ ὁ θεὸς ἐν Χριστῷ ἐχαρίσατο ὑμῖν.

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Übersetzung

(20 Ihr aber habt Christus nicht so gelernt, 21 wenn ihr denn von ihm gehört habt und in ihm belehrt worden seid, wie es Wahrheit in Jesus ist)

22 … dass ihr ablegt den alten Menschen mit (gemäß) seiner früheren Lebensführung, der zugrunde gerichtet ist durch die Begierden der Täuschung, 23 euch aber erneuern lasst in dem Geist eures Sinnes 24 und anzieht den neuen Menschen, der Gott gemäß geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit.

25 Darum, indem ihr die Lüge ablegt, redet die Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Wenn ihr zürnt, sündigt nicht; die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, 27 und gebt nicht Raum dem Teufel. 28 Wer stiehlt, stehle nicht mehr, vielmehr bemühe er sich, mit eigenen Händen das Gut(e) zu schaffen, damit er (etwas) habe, um es dem zu geben, der es nötig hat. 29 Kein schlechtes Wort gehe aus eurem Mund, sondern ein gutes zur Erbauung, wo es nötig ist, damit es Gnade gibt denen, die es hören.30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, in dem ihr versiegelt worden seid für den Tag der Erlösung.

31 Alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung seien von euch weggenommen samt aller Bosheit. 32 Werdet aber untereinander gütig, herzlich, vergebt einander, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.

1. Hilfen zur Übersetzung

V. 22 ἀποθέσθαι ὑμᾶς: Üblicherweise wird das Verb im Aorist Infinitiv imperativisch übersetzt: legt ab.

V. 22 τὸν φθειρόμενον κατὰ τὰς ἐπιθυμίας τῆς ἀπάτης: die Wendung bezieht sich auf den ‚alten Menschen‘, der sich mit seinem Lebenswandel und den trügerischen Begierden (Begierden der Täuschung) selbst zugrunde richtet.

V. 23 ἀνανεοῦσθαι δὲ τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν: das Verb steht eigentlich im Passiv, von dem aus auch die Wirkung des (Gottes-) Geistes (vgl. 1,13) auf Denken und Sinnen des Menschen zu erklären ist. Mit der Aufforderung, den neuen Menschen anzuziehen kommt aber auch ein aktiver Aspekt ins Spiel, sodass hier die Übersetzung ‚lasst euch erneuern“ angemessen ist. Da der neue Mensch aber ‚von Gott geschaffen‘ ist, steht auch bei dieser Aufforderung ein Handeln Gottes im Hintergrund.

V. 26 ὀργίζεσθε καὶ μὴ ἁμαρτάνετε: wörtlich - zürnt, aber sündigt nicht.

V. 29 ἀλλʼ εἴ τις ἀγαθὸς πρὸς οἰκοδομὴν τῆς χρείας: wörtlich - sondern, wenn es ein gutes (ist) zur Erbauung des Bedarfs.

2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung

Der Text lässt sich in eine grundlegende Mahnung (V. 22–24), eine Reihe von Mahnsprüchen (V. 25–30) sowie einen Laster- und einen Tugendkatalog (V. 31f.) unterteilen.

Die grundlegende Mahnung schließt an 4,17ff. an. Dort werden die Christusgläubigen in strikter (und schematisch abwertender) Abgrenzung von den ‚Heiden‘ (den Völkern) beschrieben. Auch das frühere Leben der Adressaten selbst steht unter dieser Kritik. Jetzt ist dies für sie aber keine Option mehr, da sie Christus kennengelernt haben und in ihm unterwiesen worden sind. Daran schließt – im griechischen Text mitten im Satz beginnend – der Predigtabschnitt mit der Mahnung an, den ‚alten Menschen‘ abzulegen und den ‚neuen Menschen anzuziehen. Die Metapher entstammt der alltäglichen Erfahrung des An- und Auskleidens, hat aber darüber hinaus umfassende Bedeutung: Kleidung und Mode sind nicht nur (weder in der Antike noch heute) auf die äußere Erscheinung bezogen; sie bringen vielmehr Status (z.B. die geschmückte römische Toga hochgestellter Persönlichkeiten) und Individualität zum Ausdruck. Der Wechsel vom Jugendlichen zum erwachsenen Mann wurde in Rom mit einem Wechsel der Toga (von der toga praetexta des Jugendlichen zur toga virilis) feierlich begangen. Dass Kleider „Leute machen“ gilt schon in der Antike. Das Bild geht hier aber noch weiter: nicht nur äußerlich soll der Mensch neu werden, sondern umfassend, mit allem, was Menschsein ausmacht. Dass man später den neu Getauften weiße Kleider überstreifte, brachte diesen Wechsel mit dem Taufakt in Zusammenhang (im Rückgriff auf die weißen Kleider der standhaft Glaubenden in Offb 3,4f.; 6,9-11; 7,9-14). Anders akzentuiert, aber in gleicher Weise umfassend ist das Bild in Gal 3,27 verwendet, wo Christus „angezogen werden“ soll. Natürlich sind diese Bilder „schräg“: man kann nicht einfach einen alten Menschen aus- und einen neuen anziehen. Aber die kreative Metapher macht deutlich, dass der Christusglaube eine grundlegende Veränderung anstößt.

Die ab V. 25 folgenden Mahnungen werden jeweils negativ und positiv aufgeschlüsselt (legt die Lüge ab / redet die Wahrheit etc.) und teils mit einer Begründung (V. 25 wir sind untereinander Glieder), teils mit einer weiterführenden Konsequenz ergänzt (V. 28 damit er abgeben kann; V. 29 damit es Gnade bringe). Die Mahnung, den heiligen Geist Gottes nicht zu betrüben (V. 30), hat umfassenden Charakter und schließt die vorangehenden Mahnungen mit ein.

V. 31f. fügen einen Katalog von fünf zu meidenden Lastern und einen Tugendkatalog an. Gewarnt wird vor Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei, Lästerung und zusammenfassend vor aller Bosheit; ermutigt wird zu freundlichem, herzlichem Verhalten und zur Vergebungsbreitschaft, die mit der Vergebung Gottes in Christus begründet wird.

3. Literarischer Kontext

Der Predigttext ist eng mit dem Gesamttext des Eph verknüpft. Schon in 1,1 werden die Adressaten als Christusgläubige bezeichnet. Aber das war nicht immer so; 2,1–10 greift auf ihr Leben vor ihrer Hinwendung zu Christus zurück und stellt es insgesamt unter das Vorzeichen der Sünde „nach der Art dieser Welt“ (2,2), unter der Leitung von Ungehorsam, Begierde und Zorn (2,2f.) und, wie 4,18 formuliert, entfremdet vom Leben aus Gott. Im Hintergrund steht in beiden Abschnitten traditionelle Heidenpolemik, wie sie auch sonst bekannt ist (Habgier, Ausschweifungen und Begierden V. 19.22 sind Kernvorwürfe dieser Polemik).

Aus diesem ‚falschen‘ Leben hat Gott die Adressaten errettet und mit Christus lebendig gemacht (2,5). Dieser Gegensatz von ‚einst‘ und ‚jetzt‘ ist so tiefgreifend, dass er in der grundlegenden Mahnung 4,22–24 als Wechsel vom alten zum neuen Menschen bezeichnet wird. Selbst das Bild vom Gewandwechsel reicht eigentlich nicht, um diese Neuorientierung ganz zu erfassen; denn nicht nur äußerlich ist etwas neu geworden, sondern das ganze Wesen ist erneuert „in dem Geist eures Sinnes“ (V. 23; vgl. dagegen die frühere „Nichtigkeit des Sinnes in 4,17), in Gerechtigkeit und Heiligkeit (V. 24). In 5,8 wird dies zusammenfassend als Gegensatz von Finsternis und Licht beschrieben. Wichtig ist aber: Während in 2,1–10 dieser Wechsel festgestellt wird, ist er in 4,22–als Mahnung formuliert. Zwar ist das ‚alte Leben‘ für die, die an Christus glauben, keine Option mehr; die Erneuerung in Geist und Sinn ist aber nicht einfach fester Besitz, sondern ein andauernder Prozess, der bis ins Alltägliche hineinreicht.

Die grundlegende Mahnung wird ab V. 25 in einzelnen Mahnungen konkretisiert. Dabei nimmt der Eph den entsprechenden Abschnitt aus dem Kol auf (3,8–14), versieht ihn aber mit eigenen Akzenten: Während „die Glieder“ in Kol 3,5 als „irdische Glieder“ negativ qualifiziert sind, dienen sie in Eph 4,25 als positive Begründung der Ethik. In Eph 4,25 wird Sach 8,16 zitiert, in 4,26 Ps 4,5 LXX, 4,30 spielt auf Jes 63,10 an, während diese und andere at.liche Bezüge im Kol ganz fehlen. Und in Kol 3,13 wird die Gnade von Christus gewährt, in Eph 4,31 ist es dagegen Gott, der in Christus Gnade erweist. Davon abgesehen ähneln sich beide Abschnitte aber stark, auch wenn im Detail die Terminologie etwas abweicht. Martin Dibelius hatte im Blick auf Mahnungen wie in 4,25ff. von „usueller Paränese“ gesprochen, deren allgemeinen Charakter betont und von „aktueller“, situationsbezogener Paränese abgehoben. Natürlich wird man sich die frühchristlichen Gemeinden nicht als Ansammlung leicht reizbarer Lügner und Diebe vorstellen, die mit solchen Mahnungen auf den rechten Weg gebracht werden sollen. Eph 4,25ff. geht wie vergleichbare Paränesen über konkrete Situationen hinaus. Das schließt aber bestimmte Anhaltspunkte nicht aus. Wenn man die eindringliche Mahnung zu Einheit und Einigkeit in 4,1–6 bedenkt, lassen sich die Hinweise in 4,25f.29 durchaus als Konkretisierungen verstehen. Ob es bei den Adressaten auch Diebe gegeben hat (darauf könnte das Partizip Präsens V. 28 hindeuten), mag dahingestellt bleiben. Der Akzent liegt aber auf dem Folgesatz: Mit eigenen Händen Gutes schaffen und damit in der Lage zu sein, Bedürftigen zu helfen – das ist das Gegenteil von wegnehmen (vielleicht steht hier im Hintergrund die Vorstellung aus Ps.-Phokylides, 153f., wo der arbeitsscheue Mann faktisch mit einem Dieb gleichgesetzt wird).

4. Schwerpunkte der Interpretation

Wer sich an Christus orientiert, soll im Denken und Glauben wie auch im Handeln neu werden. Bei der Wendung ἀνανεοῦσθαι δὲ τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν V. 23 sind nicht einfach nur Geist und Verstand gemeint; Pneuma weist im Eph von 1,13 an auf den Gottesgeist hin, der in den Glaubenden wirksam ist, ihnen Weisheit und Verstehen für die Neuheit des Lebens gibt (1,17) und sie zu einem entsprechenden Lebenswandel anleitet, für den Wahrheit, Gerechtigkeit und ein Leben unter Gottes Einfluss (Heiligkeit) leitend sind.

Dementsprechend ist Wahrheit auch für die konkreten Mahnungen ein Leitbegriff. Sie hat ihren Grund in Jesus (4,21) und zeichnet den „neuen Menschen“ grundsätzlich aus (4,24). „Die Wahrheit zu reden“ ergibt sich daraus von selbst; „jeder mit seinem Nächsten“ ist an Sach 8,16 angelehnt und wird hier noch auf den Leibgedanken zugespitzt: die Christen sind untereinander Glieder und gehören gemeinsam zum Leib Christi (der die Wahrheit ist). Lüge jeder Art würde diese Gemeinschaft in Frage stellen.

Zorn kann angebracht sein, aber leicht zur Sünde werden. Man kann ein „Kind des Zorns“ sein (2,3). Deshalb lasse man vom Zorn ab (V. 31) und auf keinen Fall die Sonne über dem Zorn untergehen. Der Nachsatz μηδὲ δίδοτε τόπον τῷ διαβόλῳ beschreibt die Erfahrung, dass Zorn maßlos werden kann. Der Diabolos als personifizierte Macht sucht sich der Menschen zu bemächtigen (6,11). Wo man sich dem Zorn überlässt, öffnet man dem Bösen die Tür.

Das Gute mit den eigenen Händen zu erarbeiten eröffnet die Möglichkeit, Bedürftige zu unterstützen. Bei τὸ ἀγαθόν kann an ein gutes Werk gedacht sein oder an ein Guthaben, das man sich erarbeitet und mit dem man Gutes tun kann. Andere zu unterstützen ist jedenfalls das Gegenteil von wegnehmen / stehlen – und darauf liegt der Schwerpunkt.

Wenn Christen reden, sollen es gute Worte sein, die aufbauen und hilfreich sind (Gnade geben). χάρις kommt zwölfmal im Eph vor, ganz überwiegend von der Gnade Gottes in Christus. Sie schafft die Möglichkeit, dass die Christen nun ihrerseits anderen Gutes tun und sagen. Schlechte (faule) Worte passen dazu nicht. Die Anordnung der Laster in V. 30 deutet an, wie die innere Befindlichkeit (Bitterkeit, Wut, Zorn) nach außen drängt (Geschrei und Lästerung).

Sich so wie in den negativen Beispielen zu verhalten, würde – wie in Anspielung an Jes 63,10 formuliert wird – den heiligen Geist Gottes betrüben; es würde nicht zu ihm passen und ebenso wenig zu dem neuen Sein in Christus und der darauf gründenden Hoffnung (V. 23). Im Hintergrund steht: Die Christen sind (in der Taufe) mit dem Geist versiegelt und als Christus zugehörig bestätigt, als Pfand und Angeld ihrer Erlösung (1,13f.). So fasst V. 39 die vorangehenden Mahnungen zusammen und blickt auf die Erlösung voraus.

Auch in den beiden folgenden Katalogen (sie haben mehr als die vorangehenden Mahnungen ‚usuellen‘ Charakter) tragen die positiven Mahnungen den wichtigen Akzent, wie die Begründung im abschließenden καθὼς-Satz zeigt. Gott hat den Adressaten in Christus Gnade erwiesen. Diese Erfahrung fordert und fördert ein entsprechendes Verhalten. Bosheit, welcher Art auch immer, hat da keinen Platz mehr.

5. Theologische Perspektivierung

Nicht lügen, nicht zürnen, nicht stehlen, nicht schlecht reden – das sind grundlegende ethische Mahnungen, keineswegs nur im NT. Sind sie hier mehr als zwar nicht immer befolgte, aber doch allgemein anerkannte Verhaltensregeln? Ja, in mehrfacher Hinsicht:

- Die Mahnungen dienen dem Zusammenhalt in der Gemeinschaft, u.z. in der Gemeinschaft der Christen, die zusammengehören (4,25) und zugleich am Leib Christi (4,15f.; 5,30) Glieder sind. In dieser Gemeinschaft sind sie mehr als bloß vernünftige Regeln; das sind sie auch, aber hier erwachsen sie aus erfahrener Gnade und einer grundlegenden Orientierung an Christus. Im unmittelbar anschließenden Vers 5,1f. wird dies mit dem Gedanken der Nachahmung Gottes und Christi zusammengefasst.

- Deshalb ist bei den Mahnungen der positive Aspekt stärker ausgeführt und betont. Letzten Endes geht es weniger um das, was man lassen, sondern um das, was man tun soll. Wenn man 2,1–3 (Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gewandelt seid) und 4,17–23 (legt den früheren Wandel ab) mit heranzieht, wird deutlich, dass die negativen Verhaltensweisen für die Christen gar keine Option mehr darstellen. Der Akzent liegt auf der Orientierung an Christus und einem Leben unter der Führung des Heiligen Geistes (V.23.30). Um im Bild zu bleiben: es geht weniger darum, den Geist nicht zu betrüben, sondern ihn zu erfreuen.

- Die Mahnungen in V. 25–29 haben den Nächsten im Blick, in 4,25 ausdrücklich, aber auch in den anderen Aussagen: Bedürftige unterstützen (V. 28), mit guten Worten aufbauen (V. 29), ein gütiger und herzlicher Umgang miteinander (V. 32). Wer Gnade erfahren hat (V. 32 ὁ θεὸς ἐν Χριστῷ ἐχαρίσατο ὑμῖν), kann im Umgang mit dem Nächsten gnädig handeln und reden (V. 29 ἵνα δῷ χάριν τοῖς ἀκούουσιν).

- Die beiden Mahnungen in V. 27 und 30 lenken den Blick auf das Grundsätzliche: Was oder wem gebe ich in meinem Handeln Raum? Und in was für einem Geist handle ich? Ein Leben „im Geist“ ist keine abstrakte Angelegenheit, sondern zielt auf konkretes Handeln. V. 25ff. zeigen das – negativ und positiv gewendet – an Beispielen.

Eine christliche Ethik lässt sich oftmals weder in Abgrenzung noch in positiver Darlegung bis ins letzte Detail bestimmen. Grundlegend aber ist der Blick auf die erfahrene Zuwendung Gottes in Christus. Sie steckt den Raum und den Orientierungsrahmen für das Handeln ab. Das „Anziehen des neuen Menschen“ ist ein Bild dafür. Wie jedes Bild ist es interpretationsbedürftig. Unsere Gegenwart, in der Kreativität, sozialer Status und Wertvorstellungen häufig über das „Outfit“ und sogar mittels der Gestaltung des eigenen Körpers kommuniziert werden, liefert Anschauungsmöglichkeiten – wenngleich diese Erscheinungen in der Regel beim Äußerlichen stehen bleiben. Aber dadurch stellen sie unausgesprochen die Frage, wo und wie das Leben und Handeln des „neuen Menschen“ über Äußerlichkeiten hinausgeht.

Literatur

  • Dibelius, M: Die Formgeschichte des Evangeliums, Tübingen 51966, 239f.
  • Gese, Michael: Der Epheserbrief (BNT), Neukirchen-Vluyn 32022.
  • Sellin, Gerhard: Der Brief an die Epheser (KEK), Göttingen 2008.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen: Was hat die Exegese erbracht/angeregt?

Das Anziehen des neuen Menschen, der „nach Gott geschaffen“ ist (κατὰ θεὸν κτισθέντα) in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit (4,24), spielt auf die Schöpfung des Menschen zum Ebenbild Gottes an (Gen 1,26f), bezieht sich hier aber nicht auf seine uranfängliche Erschaffung in der Schöpfungsgeschichte, sondern auf die Neuschöpfung in der Taufe „nach dem Bild (Christi)“ (κατ᾽ εἰκόνα; Kol 3,10), die durch Christus als „Ebenbild Gottes“ (εἰκὼν τοῦ θεοῦ; Kol 1,15) vermittelt ist. Gemeint ist das Anziehen des Menschen, wie er ursprünglich gedacht war, in Adam jedoch unvollendet geblieben ist (Röm 5,12-21), aber durch Christus als Ebenbild Gottes vollkommen verwirklicht wurde (2Kor 4,4). Wie der Mensch durch die Taufe auf Christus zu einer neuen Kreatur in Christus wurde (Röm 6,3f; 2Kor 5,17; Gal 6,15), sollen die Getauften nun nach dem Vorbild Christi (Kol 3,10) ein neues, gottgemäßes Leben führen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit (Eph 4,24) nach dem Motto: werde, der du (in Christus) schon bist; lebt, was ihr (durch die Taufe) bereits seid: Gott entsprechende Menschen. Damit interpretiert der Epheserbrief die Gottebenbildlichkeit durch das Heiligkeitsgesetz: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott“ (Lev 19,2), so dass sich die Heiligkeit in der Gerechtigkeit gegenüber dem Armen und Schwachen in der Praxis der Nächstenliebe auswirken soll (Lev 19,3-18). Diese Aufforderung zur Nachahmung der Heiligkeit Gottes (Lev 19,2) erläutert Eph 4,32 gemäß der Vaterunserbitte: „vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus“ (vgl. Mt 6,12.14f und Kol 3,13 sowie Röm 15,7).

Bemerkenswert lehrreich erscheint, wie kreativ der Text traditionelle Formulierungen aufnimmt und Bekanntes mit eigenen Worten neu umschreibt, indem er es nicht zitiert, sondern darauf anspielt. Während die zweite Tafel des Dekalogs Verbote formuliert und der Kolosserbrief ein plattes Gegenüber von Laster- und Tugendkatalogen bietet, löst die Paränese des Epheserbriefs beides aus der schriftlichen Vorlage in Kol 3,1-13 auf, wendet das Verbot zu stehlen (Ex 20,15) durch den Appell an die eigene Arbeit und die Freigebigkeit ins Positive (Eph 4,28), lässt das Gebot der Nächstenliebe anklingen (4,25) und konkretisiert die Aufforderung zur Gott entsprechenden Gerechtigkeit und Heiligkeit (Lev 19,2) durch die Vergebungsbitte des Vaterunsers (Mt 6,12.14f).

2. Thematische Fokussierung: An welchen Punkten fördert die Exegese meine Predigt?

Der Epheserbrief argumentiert mit der grundlegenden Erfahrung, auf die Gnade und Barmherzigkeit anderer angewiesen zu sein. Denn Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat (Eph 2,4), seine Rechtfertigung erwiesen: aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es (2,5.8; vgl. EG 355 Mir ist Erbarmung widerfahren). Bei dieser Grunderfahrung möchte ich anknüpfen, dass wir in vieler Hinsicht von Gegebenheiten und Voraussetzungen leben, die wir nicht selber schaffen können, aber auf die wir angewiesen sind. Dankbarkeit ist der Grundtenor des Epheserbriefs von der Eingangseulogie (1,3-14) bis zum Abschluss der Ermahnungen, einander zu ermuntern mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern und Gott Dank zu sagen allezeit für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus (5,19f). Indem die Paränese auf die Hilfsbereitschaft für Notleidende (4,28) und die Vergebungsbereitschaft (4,32) abzielt, greift sie zwei Bereiche elementarer Bedürftigkeit auf, die schon Jesus in den ersten beiden Wir-Bitten des Vaterunsers angesprochen hatte. Die Einsicht in die eigene Angewiesenheit bietet eine Erfahrungsgrundlage, bei der die Predigt anknüpfen kann.

Zum einen lässt sich die existenzielle Erfahrung der Angewiesenheit auf das tägliche Brot in der Zeit nach dem Erntedankfest im Sinne von Luthers Auslegung der Brotbitte im Kleinen Katechismus beispielhaft veranschaulichen von der Dankbarkeit für die Arbeitsstelle über die Gesundheit bis zum Frieden („Alles, was not tut für Leib und Leben“ einschließlich „gute Regierung, gut Wetter, Friede, … gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“). Zum anderen lässt sich um Einsicht werben, wie sehr wir angesichts eigener Fehler, Charakterschwächen, Unzulänglichkeiten, Defizite, Versäumnisse und Versagen in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, im Beruf, im gesellschaftlichen Zusammenleben immer wieder auf die Gnade und Barmherzigkeit anderer angewiesen sind. Solche Erfahrungen der Barmherzigkeit lassen gnädig werden im Umgang mit anderen.

Auf diesem Erfahrungshintergrund führt der Predigttext die Bestimmung zu einem gottgemäßen Leben in Gerechtigkeit und Heiligkeit weiter. So deutet die Paränese zum einen das Verbot zu stehlen positiv als Aufforderung zur Arbeit, um dann an die Not anderer zu erinnern und aufgrund des verdienten Lohns an die Freigebigkeit gegenüber Bedürftigen zu appellieren (4,28), d.h. sich gemäß der Goldenen Regel (Mt 7,12; Lk 6,31) wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter in die Lage des Nächsten hineinzuversetzen und ihm in seiner konkreten Notlage zu helfen und sich am Beispiel von Luthers Katechismusaufzählung zu fragen, was Familienmitglieder und Arbeitskollegen, Gesellschaft, gute Freunde und getreue Nachbarn konkret an Hilfe brauchen (Lk 10,25-37). Damit wird der biblische Gedanke der Gerechtigkeit und Gemeinschaftstreue aus dem Heiligkeitsgesetz in der Verantwortung für Arme und Schwache paränetisch umgesetzt (Lev 19). Ein neutestamentliches Beispiel solcher Verantwortung für die Gemeinschaft ist die paulinische Kollekte für die Armen der Jerusalemer Gemeinde (Röm 15,25-29; 1Kor 16,1-4; 2Kor 8f). Zum anderen schließt der Abschnitt, indem er mit der Vergebungsbitte des Vaterunsers zu Freundlichkeit und Güte ermahnt (4,32; vgl. das Tischgebet: „Zwei Dinge, Herr, sind not, die gib nach deiner Huld: Gib uns das täglich Brot, vergib uns unsre Schuld“). Neben die materielle Angewiesenheit unserer Existenz tritt die soziale Angewiesenheit zur Lebensbewältigung. Damit wird bei der Gerechtigkeit nach dem Aspekt der Gemeinschaftstreue als weiterer Gesichtspunkt die Gnadenerfahrung der paulinischen Rechtfertigungslehre angesprochen, die der Epheserbrief pointiert rekapituliert (2,5.8) und gemäß der Vaterunserbitte auf die Vergebungsbereitschaft zuspitzt (4,32). Psychologisch anregend ist der Gedanke, im Zorn die Sonne nicht untergehen zu lassen, sondern bei einem Konflikt um Versöhnung zu ringen, solange man mit dem Bruder noch auf dem Weg ist (Mt 5,23-25).

Die Heidenpolemik im Rückblick auf die vorchristliche Vergangenheit ist mit ihrer Schwarz-Weiß-Malerei heute schwer nachvollziehbar (vgl. 2,1-3). Verführerisch ist es bei der Polemik gegen den alten Menschen und seinen trügerischen Begierden stecken zu bleiben. Aber Schimpfen auf Bitterkeit, Zorn und Hass hilft in einer polarisierten Gesellschaft nicht weiter, sondern verstärkt nur, was eigentlich zu überwinden wäre.

3. Theologische Aktualisierung: Wie hilft der Text dazu, „jetzt“ von Gott und Christus zur Gemeinde zu sprechen?

Der Appell zum Anziehen des neuen Menschen arbeitet mit dem Bild des Kleiderwechsels. Das Motiv der Kleidung bringt den Status eines Menschen zum Ausdruck. In der Bibel haben Witwen, Sklaven, Priester und Würdenträger besondere Kleider, an denen sie zu erkennen sind wie heute Klinikbeschäftigte, Feuerwehr oder Rettungsdienste. Das Gewand gilt als Statussymbol nach dem Motto: „Kleider machen Leute“ (Gottfried Keller), „man ist, was man trägt." Daher ist der Kleiderwechsel keine Frage der Mode, sondern verrät etwas vom Zustand, vom Sein und Wesen, der Identität eines Menschen. Die Rede vom Anziehen überträgt das Bild vom Anlegen eines neuen Kleides auf die Annahme der neuen Existenz in Christus. Vielleicht lässt sich das Bild vom Kleiderwechsel wenigstens ansatzweise veranschaulichen am Umziehen von Arbeitskluft zur Freizeitbekleidung. Mit dem Ablegen der Arbeitskleider kann jemand auch mancherlei äußere Sachzwänge und eingeschliffene Verhaltensmuster am Arbeitsplatz hinter sich lassen, frei werden und zu sich selbst kommen, sich so verhalten, wie er oder sie es eigentlich für richtig hält. Die Pointe ist dann natürlich nicht das ungebremste Ausleben egoistischer Begierden (4,22) wie Habsucht und Mehr-haben-Wollen, Gier und Geiz, Ehrgeiz und Raffgier, Geltungsbedürfnis und Gewinnsucht. Geiz mag geil sein, aber Gier macht nicht glücklich, sondern unzufrieden. Denn sie ist unersättlich. Wer immer mehr haben will, mag äußerlich dazugewinnen, bleibt aber getrieben von der Angst und Sorge, zu kurz zu kommen. Gemeint ist vielmehr eine Neuausrichtung des Lebens in Christus, die nach dem Gebot der Nächstenliebe (Lk 10,25-37 par) und der Goldenen Regel (Mt 7,12; Lk 6,31) fragt, was im Sinne Jesu dem Nächsten gerecht wird.

Dieses Bildfeld verarbeitet der (im Eph schriftlich vorliegende) Kolosserbrief, indem er die Aufforderung zum Ablegen der Laster (Kol 3,5-9a; vgl. Röm 13,12f) zuerst rückblickend mit der tauftheologischen Erinnerung begründet, dass die Adressaten bereits „den alten Menschen“ (Kol 3,9; vgl. Röm 6,6) „mit seinen Taten“ (vgl. Röm 8,13) „ausgezogen“ (3,9) und „den neuen Menschen angezogen haben“ (3,10; Part. Aor.) – daraus ist sekundär die Sitte des Taufkleids entstanden. Daran knüpft die Paränese an (3,12), indem sie die Kleidermetaphorik (3,9f) noch einmal aufnimmt und „nun“ in eine direkte ethische Aufforderung umsetzt: „Zieht also, als Erwählte Gottes, als Heilige und Geliebte, an herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.“ Bei besonderen Anlässen, vor Festen oder in schwierigen Situationen stellt sich bisweilen die Kleiderfrage - Kol 3,12 gibt hier eine überraschende Antwort, die auszumalen lohnt. Diesen Appell führt Eph 4,22-24 weiter mit dem Ablegen des alten Menschen (vgl. das Abendgebet von Johannes Hansen EG Württ. S.1213: Am Abend dieses langen Tages lege ich ab …) und dem Anziehen des neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit, d.h. einer Neuorientierung, die fragt, wozu der Mensch als Gemeinschaftswesen von Gott bestimmt ist, was der Gemeinschaftstreue des heiligen Gottes entspricht und dem Mitmenschen gerecht wird.

Eine Frage der Gerechtigkeit ist das Erbarmen mit dem Nächsten, d.h. einem Menschen, der in Not ist, Mangel leidet, Hilfe und Unterstützung braucht – sei es materiell oder in anderer Weise (vgl. Lk 10,25-37).

Eine Frage der Gerechtigkeit und Heiligkeit ist auch der Umgang mit Fehlern. Hier könnten eigene Erfahrungen, Erwartungen und Befürchtungen helfen, auch mit anderen barmherzig zu sein. Welch ein Gewinn wäre es für unser gesellschaftliches Gesprächsklima zu bedenken, wo wir bei einem Versagen selber Gnade und Barmherzigkeit erfahren haben. Fehlerfreundlichkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Nächstenliebe macht weder kritiklos noch indifferent, verlangt vielmehr auch Kritisches offen, klar und deutlich anzusprechen, um nicht schuldig zu werden (Lev 19,17f), Korrekturen aber im Geist der Liebe und Sanftmut anzubringen (Gal 5,22f; 6,1f), um Frontstellungen nicht unnötig zu verschärfen, sondern das Böse mit Gutem zu überwinden (Röm 12,17-21). „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre“ (Röm 15,7). Diese Ermahnung im Sinne, in Analogie, nach dem Vorbild und Beispiel Christi (vgl. Röm 15,5.7 mit Mt 6,12.14f) verbindet Kol 3,12f im Appell an „herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; ertragt einander und vergebt euch untereinander, wenn jemand einem etwas vorzuwerfen hat; und wie der Herr euch vergeben hat, so auch ihr!“ Ebenso mahnt Eph 4,2.32 zu einem Leben „2 in aller Demut und Sanftmut, mit Geduld. Ertragt einander in Liebe […] 32 Seid [aber] untereinander freundlich, herzlich, vergebt einander, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus“ (vgl. Kol 3,13; Mt 6,12.14f). Mit solcher Barmherzigkeit, Fehlerfreundlichkeit und Vergebungsbereitschaft wäre auch für die heutige Gesprächskultur in unserer Gesellschaft viel gewonnen.

4. Wie prägt der Text den Sonn- oder Feiertag im Kirchenjahr?

Leitmotiv des Sonntags ist das Heil- und Gesundwerden. Von Krankheit ist in Eph 4 nicht die Rede, wohl aber von der heilsamen Haltung, mit Fehlern barmherzig umzugehen gemäß der Vergebungsbitte des Vaterunsers. Über Fehlerfreundlichkeit nachzudenken, wäre hilfreich für die aktuell polarisierte Gesprächskultur in Kirche und Gesellschaft. Darauf könnte der Wochenpsalm einstimmen: „Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind …“ (Ps 32; zweiter Bußpsalm).

5. Weitere Anregungen bzw. schreib- und Inszenierungsimpulse für Predigende

Das Anziehen des neuen Menschen spielt mit dem Motiv der Erneuerung. Von Neubeginn redet auch die Jahreslosung: „Gott spricht: Siehe ich mache alles neu!“ (Offb 21,5). Es hat seinen Reiz, über die Neuanfänge des Lebens nachzudenken, aus der Erfahrung der Gnade und Barmherzigkeit in schwierigen Situationen noch einmal neu einzusetzen, sich dem Neuen zuzuwenden, zu dem wir bestimmt sind als Ebenbild Christi in Gerechtigkeit und Heiligkeit nach dem Motto: Werde, der du bist. Lebt, was ihr seid. Das Leben ist voller Neuanfänge, nicht nur bei der Geburt, nicht nur durch die Neuschöpfung in der Taufe, nicht nur zu Jahresbeginn, sondern jeden Tag: All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu (EG 440). Das könnte Mut machen und Maßstäbe setzen – heute, morgen und an jedem neuen Tag: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist“ (Ps 51,12; vierter Bußpsalm; vgl. EG 230; 389).

Autoren

  • Prof. Dr. Peter Müller (Einführung und Exegese)
  • Prof. Dr. Ulrich Heckel (Praktisch-theologische Resonanzen)

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