Deutsche Bibelgesellschaft

1. Petrus 2,21b-25 | Miserikordias Domini | 19.04.2026

Einführung in den 1. Petrusbrief

Der erste Petrusbrief wird den katholischen Briefen zugerechnet. Er wendet sich also nicht an Einzelgemeinden oder konkrete Personen, sondern hat umfassend alle im Blick, die an Christus glauben. Konkret richtet sich der Brief an verschiedene christliche Gemeinden in Kleinasien. Die fünf Kapitel des Mahn- und Ermutigungsschreibens sind in einem gehobenen Griechisch verfasst und von Textelementen gerahmt, die ihn als Brief erscheinen lassen.

1. Verfasser

Eine Mehrheit der Exegetinnen und Exegeten sieht den ersten Petrusbrief als pseudepigrafisch an, d.h. man geht davon aus, dass der Brief nicht von Petrus als dem wichtigsten Jünger Jesu geschrieben wurde, sondern dass sich der Autor des Briefes die Autorität des Apostels „leiht“. Ob der am Ende des Brieftextes genannte Sylvanus (1 Petr 5,12) als Sekretär oder Bote fungierte, ist umstritten.

Der Brief selbst lässt keinen spezifisch petrinischen und galiläisch geprägten Hintergrund erkennen. So stellt sich die Frage, ob es der Verfasser bewusst auf Durchschaubarkeit der Pseudepigrafie seines Schreibens angelegt hat. In diesem Fall würde der Autor mittels der Gegenüberstellung des ersten Wortes des Briefes (Petrus) und seines letzten Wortes (Christus) den Blick seiner Leserschaft in die für ihn entscheidende Richtung lenken: weg von der vermeintlichen Autorität eines fiktiven und zu Beginn genannten Autors hin zu Christus, dem allein wichtigen Inhalt, durch den und in dem abschließend alle genannten christlichen Gruppen verbunden sind.

2. Abfassungszeit

Eine vorausgesetzte, bereits entwickelte und etablierte Gemeindesituation sowie eine Notiz des Papias (ca. 60-163 n. Chr.) beim Kirchenvater Euseb (ca. 260-340 n. Chr.; h.e. III,39,17) und ein Bezug in 2 Petr 3,1 machen für die Entstehung des ersten Petrusbriefes ein Zeitfenster zwischen 70‑110 n. Chr. wahrscheinlich. Die bemerkenswerte Fülle der mit Selbstverständlichkeit gebrauchten alttestamentlichen Zitate und Anspielungen deutet auf einen im Judenchristentum beheimateten Autor.

3. Wichtige Themen

Die thematische Mitte des ersten Petrusbriefes bilden zum einen die Beschreibung des Lebens der Gläubigen als einer Existenz in der Fremde und zum anderen die Deutung des ungerechtfertigten Leids, das den Gemeindegliedern begegnet. Die Angehörigen der christlichen Gemeinde leben als Erwählte, die am himmlischen Erbe teilhaben, in einem von ihnen als feindlich erfahrenen Umfeld.

Ihr Leiden lässt die Adressatinnen und Adressaten des Briefes in die Nachfolge Christi treten und ist damit Ausweis ihrer Rettung. Für die bevorstehende Heilszeit wird ihnen Genugtuung verheißen.

Wie sich die Existenz der ersten Christusgläubigen in der Fremde vollziehen soll, wird u.a. in einer „Haustafel“ konkretisiert (1 Petr 2,18–3,7), die sich dezidiert an Sklaven und Ehegatten richtet. Über die genannten Personenkreise hinaus ist der Autor bestrebt, auch alle anderen ihm wesentlich erscheinenden Gemeindegruppen in und durch Christus zu vereinen: Christusgläubige und Personen heidnischer Herkunft, Frauen und Männer, Alte und Junge, Leidende und Jubelnde, Gemeindeleiter und Gemeindeglieder, Lebende und Tote. Mit der Erwähnung Letzterer beantwortet der Verfasser die Frage nach der Rettung derer, die vor und nach Jesu irdischer Existenz gestorben sind, ohne die Heilsbotschaft erfahren zu haben. Mit dem ins apostolische Glaubensbekenntnis eingegangenen Aufenthalt Christi im Totenreich (1 Petr 3,19) wird zeitunabhängig auch allen Verstorbenen eine Heilsoption eröffnet.

4. Besonderheiten

Taufe: Von der im letzten Jahrhundert vertretenen These, es handele sich beim ersten Petrusbrief (z.T.) um eine Taufpredigt, wurde wieder Abstand genommen. Der erste Petrusbrief möchte nicht die Taufe erklären oder deren Notwendigkeit begründen, sondern seine Intention ist es, unter Verweis auf die bereits fest in der Gemeinde verankerte Taufe auf die alle Zeiten übergreifende Rettung durch Christus zu verweisen. Er ruft die als Kinder Gottes wiedergeborenen Gläubigen auf zu einer missionarischen Existenz und zu einem Gott wohlgefälligen Lebenswandel.

Petrus und Paulus: Auch wenn eine spezifisch paulinische Diktion nicht durchgängig erkennbar ist, berührt sich der erste Petrusbrief u.a. mit Blick auf den stellvertretenden Heilserwerb durch den sündlosen Christus mit den als echt geltenden Paulusbriefen. Ungeachtet diverser Beziehungen lässt sich eine literarische Abhängigkeit zwischen dem ersten Petrusbrief und dem Corpus Paulinum oder den Evangelien nicht nachweisen. Indem der Autor sich mit seinen Schlussgrüßen selbst in Babylon ansiedelt (Chiffre für Rom; 1 Petr 5,13), macht er deutlich, dass er sein Schreiben in Rom verortet wissen möchte.

Literatur:

  • Müller, Chr. G., Der erste Petrusbrief (EKK XXI; Ostfildern, Göttingen 2022).
  • Ostmeyer, K.-H., Die Briefe des Petrus und des Judas (Botschaft des NT; Göttingen 2021).
  • Vahrenhorst, M., Der erste Brief des Petrus (ThKNT 19; Stuttgart 2016).
  • Wagner, G. / Vouga, F., Der erste Brief des Petrus (HNT; Tübingen 2020).

A) Exegese kompakt: 1. Petrus 2,21-25

Im Leiden nicht allein!

21εἰς τοῦτο γὰρ ἐκλήθητε,

ὅτι καὶ Χριστὸς ἔπαθεν ὑπὲρ ὑμῶν

ὑμῖν ὑπολιμπάνων ὑπογραμμόν,

ἵνα ἐπακολουθήσητε τοῖς ἴχνεσιν αὐτοῦ,

22ὃς ἁμαρτίαν οὐκ ἐποίησεν

οὐδὲ εὑρέθη δόλος ἐν τῷ στόματι αὐτοῦ,

23ὃς λοιδορούμενος οὐκ ἀντελοιδόρει,

πάσχων οὐκ ἠπείλει,

παρεδίδου δὲ τῷ κρίνοντι δικαίως,

24ὃς τὰς ἁμαρτίας ἡμῶν αὐτὸς ἀνήνεγκεν

ἐν τῷ σώματι αὐτοῦ ἐπὶ τὸ ξύλον,

ἵνα ταῖς ἁμαρτίαις ἀπογενόμενοι

τῇ δικαιοσύνῃ ζήσωμεν,

οὗ τῷ μώλωπι ἰάθητε.

25ἦτε γὰρ ὡς πρόβατα πλανώμενοι,

ἀλλ’ ἐπεστράφητε νῦν ἐπὶ τὸν ποιμένα

καὶ ἐπίσκοπον τῶν ψυχῶν ὑμῶν.

1. Petrus 2,21-25NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

21 Christus hat nämlich auch für euch gelitten.

Er hinterließ euch ein Vorbild,

damit ihr seinen Spuren nachfolgt.

22 Er tat keine Sünde,

und aus seinem Mund hörte man nichts Hinterhältiges.

23 Selbst als er geschmäht wurde, antwortete er nicht mit Schmähung.

Im Leiden drohte er nicht,

sondern stellte seine Sache dem anheim, der gerecht richtete.

24 Er trug unsere Sünden selbst

an seinem Leib hinauf auf das Holz,

damit wir, die wir den Sünden abgestorben sind,

für die Gerechtigkeit leben.

Denn durch sein Foltermal seid ihr geheilt.

25 Ihr wart nämlich wie irrende Schafe,

aber ihr seid nun umgekehrt, hin zum Hirten

und Aufseher eurer Seelen.

Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 23 ἠπείλει, 3. Sg. Impf. v. ἀπειλέω, „er drohte“.

V. 24 (Jes 53,5) τῷ μώλωπι, Dat. masc. Sg. v. μώλωψ, „durch die blutige Strieme (das Foltermal)“.

Kontext

Der Predigttext folgt auf Verhaltensregeln für Diener oder Haussklaven, die unter ungerechtfertigten Strafmaßnahmen ihrer willkürlich handelnden Sklavenhalter zu leiden haben. Die Verse sind gestaltet als ein Danklied auf den leidenden und gekreuzigten Christus. Dabei wird Christus mit dem leidenden Gottesknecht aus dem 53. Kapitel im Jesajabuch identifiziert. Der Autor eröffnet einen innerbiblischen Leidenskontext. Die Gläubigen sind in diesen Leidenskontext durch ihre Identifikation mit Christus als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger gestellt. Abschließend wird ihnen zugesprochen, dass sie im Leiden nicht allein sind und dass Christus selbst sie sieht (2,25).

Was wird erzählt

Die Predigt-Perikope stellt die Frage nach dem Umgang mit unverdientem Leid schlechthin. Wer im ersten nachchristlichen Jahrhundert Christin oder Christ wurde, entschied sich dafür, sein Leben komplett umzustellen. Wer den Glauben an Christus als Erlöser annahm, löste sich von seiner Familie und aus allen bisherigen Kontexten (vgl. 4,4). Christus ist Aufseher und Hirte der einstmals umherirrenden, nun aber zu ihm umgekehrten Schafe. Es sind die neuen Gemeindeglieder, die gerade wegen ihres Glaubens an Christus Anfeindungen durch ihre Umwelt erfahren, bis hin zu körperlichen Misshandlungen. Den Betroffenen, die selbst nichts falsch gemacht haben und die ihr Leben ethisch einwandfrei führen, stellt sich die Frage nach dem Sinn ihres Leids.

Wie und womit wird argumentiert?

Auf die implizite Theodizeefrage gibt der erste Petrusbrief den Gemeindegliedern zur Antwort: „Euer Leiden beweist, dass ihr in der Nachfolge Christi steht [3,21], der für euch gelitten hat. Ihr seid nicht allein.“ Der Autor betont Jesu Sündlosigkeit, um zu verdeutlichen, dass seine Folter und seine Kreuzigung unverdient und ungerecht waren (2,22). Wenn es je einen Menschen gab, der kein Leiden verdient hat, dann war er es. Wer wegen seiner Zugehörigkeit zu Christus und in seiner Nachfolge leidet (3,14; 4,16), befindet sich in „bester Gesellschaft“, nämlich bei Christus. In den beiden Versen, die dem Predigttext vorangehen (2,19f.), wurde das Leiden der Christusgläubigen als „Gnade bei Gott“ gedeutet. Später gilt es sogar als Grund zur Freude (4,13).  

Wie wird erzählt?

Sprachlich und formal wird das Leiden Christi (und damit das Leiden derer, die ihm nachfolgen) auf eine höhere Ebene gestellt. In der griechischen Urtextausgabe (Nestle-Aland) sind die Verse typografisch als Gedichtzeilen abgesetzt. Als Lobgesang auf Christus ist der Abschnitt in gehobener Sprache formuliert. Die Verse 22-25 sind durchzogen von sechs Zitaten aus dem vierten Gottesknechtslied bei Jesaja (Jes 53,4-7.9.11). Jesus wird mit dem fehllosen (Jes 53,9), wegen unserer Sünden gemarterten und verstummten Gotteslamm verglichen (Jes 53,7), das die Schuld von allen getragen und damit abgetan hat (Jes 53,5.11). Der Schlachtbank bei Jesaja (Jes 53,7) entspricht im Predigttext das Holz des Kreuzes Jesu (2,24; vgl. Gal 3,13). Die für uns heilsame Strieme (Jes 53,5) steht für Jesu Geißelung (2,24).

Was ist das Argument?

Indem Christusgläubige (unverdient) leiden, treten sie in die Nachfolge des schuldlos leidenden Christus (2,22), der mit dem Gottesknecht in Jes 53 gleichgesetzt wird. Die Gläubigen haben in ihrer Taufe Anteil am Blut Jesu erhalten, das für sie vergossen ist und das alle Schuld tilgt. Von der Besprengung der auserwählten Gläubigen mit dem Blut Christi war bereits in 1 Petr. 1,2 gesprochen worden. Explizit wird die Taufe in dem Kapitel, das auf den Predigttext folgt, thematisiert (3,21; vgl. Röm 6,3).

Schwerpunkte der Interpretation

Christusgläubige wähnen sich bei Christus und damit auf der richtigen Seite. Doch die etwaige Erwartung, dass sich der Glaube an Christus im Alltag auszahlt, wird enttäuscht. Der erste Petrusbrief umspielt das Thema „unverdientes Leid“, das insbesondere den an Christus Glaubenden widerfährt, in immer neuen Varianten: Leid ist Gnade (2,20); durch Leid steht man in der Leidensnachfolge Christi (2,21f.) und folglich ist Leid Anlass zur Freude (4,13); Leid währt nur kurze Zeit, die Freude bei Christus währt ewig (1,6; 5,10; vgl. Röm 8,18); wenn schon Christinnen und Christen so leiden, um wieviel schlimmer muss es dann am Tag des Gerichts für die Ungläubigen werden (4,17) usw.

Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt

Die gepredigte Perikope verweist in hymnischem Ton auf eine doppelte Leidensnachfolge: Unmittelbares Leidensvorbild ist der gemarterte und gekreuzigte Christus. Der aber wird gleichgesetzt mit dem im vierten Gottesknechtslied von Jesaja beschriebenen Opferlamm. In 1 Petr. 1,12 heißt es, die (alttestamentlichen) Propheten hätten nicht über ihre eigene Zeit gepredigt, sondern über das, was den Christusgläubigen aktuell widerfährt. Solcherlei Offenbarung und Erfahrung seien nicht einmal den Engeln gewährt worden. Damit ist die christliche Leidensgemeinde in einen ewigen und konkret auf sie zielenden Heilskontext gestellt.

Die Vorbilder für die aktuell Leidenden bilden das theologische Leitmotiv des Predigttextes. Dabei werden der leidende Christus und der leidende Gottesknecht bei Jesaja miteinander identifiziert. Durch Christi Leid ist abgetan, was auf den Gläubigen lastete. Durch ihr eigenes Leid treten die Gläubigen in die Nachfolge Christi und erhalten Anteil an seiner Heilstat. Das heißt, Christusgläubige stehen in ihrem Leid nicht allein: Christus und der leidende Gottesknecht nehmen die heute Leidenden in ihre Mitte. Vor ihnen geht der leidende Christus, dem sie nachfolgen. Hinter ihnen, gleichsam als Rückenstärkung, kommt der alttestamentliche Prophet Jesaja mit seiner Rede vom Gottesknecht, der, wie ein Lamm, klaglos zur Schlachtbank geführt wird. Von beiden heißt es: „Durch seine Strieme seid ihr (2,24) / sind wir (Jes 53,5) geheilt“. Dieses „wir“ darf das heute leidende Predigtpublikum auf sich beziehen.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Exegese kontextualisiert diese geradezu bleiern anmutenden Zeilen als Danklied im Anschluss an die Haustafeln und verweist auf die Anrede als Berufene in 1 Petr. 2,21a, worin sich die parakletische Funktion der Perikope zeigt. Die exegetischen Ausführungen zeigen, wie die vielen starken Schlagworte aufeinander bezogen sind, und arbeiten deutlich heraus, dass sich der Text auf die Erfahrung von „unverdientem Leid“ bezieht. Darüber hinaus streift die Perikope das wichtige Thema, dass alle ohne Unterschied als Gläubige in der Nachfolge Christi stehen und damit die Sklaven in der Gemeinde gerade keinen anderen Status aufweisen. Dieser Zusammenhang muss in Auseinandersetzung mit der dichten Beschreibung des Leids zur Anschauung gebracht werden. Das Leid, genauer das „unverdiente Leid“, steht in Spannung zur Heilserwartung und der rechtschaffenen Lebensführung der Gläubigen. Der Verfasser des Briefes stellt die Leiderfahrung in den Kontext der Nachfolge Christi und nobilitiert sie damit. So wie Jesus, der unverdientermaßen am Kreuz gestorben ist, erfahren auch die Gläubigen Leid, worin sich wiederum eine Leidensgemeinschaft im engeren Sinne ausbildet. Predigerinnen und Prediger sind herausgefordert, die Appelle an eine ethisch vorbildhafte Lebensführung und an Duldsamkeit nicht als billigen Trost, ethische Überheblichkeit und eine Verherrlichung des Leids darzustellen, wie weiter unten erörtert wird. Auch die Bilder von den Schafen und dem Hirten stehen leicht in der Gefahr, in abgedroschenen und ausgeleierten Bildern aufgegriffen zu werden. 

2. Thematische Fokussierung

Die Verse setzen sich mit einer Erfahrung der Verunsicherung auseinander und thematisieren die Diskrepanz zwischen dem diesseitigen Heilsanspruch des Glaubens und der ethischen Lebensführung der Gläubigen auf der einen und der Erfahrung von Leid, Ausschluss und Herabsetzung auf der anderen Seite. Das Lebensgefühl in Mitteleuropa ist für die meisten Menschen ein ganz anderes, woran auch die Etablierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 ihren Anteil hat, die das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, das Recht auf Gleichheit und Nichtdiskriminierung, das Recht auf Bildung und das Recht auf freie Meinungsäußerung umfasst. Jeder Mensch ist demnach frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Die Welt außerhalb dieses rechtlichen Rahmens des Zusammenlebens dürfte den Predigthörerinnen und -hörer aus Romanen, Reportagen und Dokumentationen vertraut sein, doch nicht als eigene Lebenswirklichkeit. Der historische Kontext des Predigttextes ist entsprechend ein anderer und muss auch als solcher behandelt werden. Auch zeitgenössische Erfahrungen von Entwertung und Herabsetzung (etwa in digitalen Räumen) verfehlen die existenzielle Verunsicherung trotz des Glaubens und der ethischen Tugendhaftigkeit, auf die sich die Verse beziehen.

Die gleichen und ungleichen Lebensbedingungen der Menschen, die Frage nach Innen und Außen sowie Zugehörigkeit erfuhren in der politischen Auseinandersetzung mit verschiedenen globalen Migrationsbewegungen in den letzten Jahren eine hohe öffentliche Präsenz. Interessant ist vor diesem Hintergrund eine öffentlich ausgetragene katholisch-theologische Debatte, die sich mit dem Prinzip der christlichen Nächstenliebe befasste. Papst Leo XVI. widersprach dem US-amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance in einem Brief an die US-Bischöfe, in dem der Papst Vances Interpretation des christlichen Prinzips der Nächstenliebe kritisierte. Vance hatte argumentiert, dass man zuerst seine Familie, dann die Nachbarn, die Gemeinschaft und die Mitbürger in seinem eigenen Land lieben sollte, bevor man sich um den Rest der Welt kümmert. Der Papst entgegnete, dass christliche Liebe keine Ausdehnung von Interessen sei, sondern einer Brüderlichkeit entspreche, die allen ohne Ausnahme und unterschiedslos offensteht, wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter dargestellt.

3. Theologische Aktualisierung

Die Perikope bietet vielfältige theologische Anknüpfungspunkte, wobei der Umgang mit Leid, trotz des Glaubens und einer rechtschaffenen Lebensführung, vermutlich zu den virulentesten theologischen Themen überhaupt gehört. „Unverdientes Leid“ repräsentiert eine Dimension des Lebens, die vielen Menschen aus eigener Anschauung oder etwa durch Krankheit und Tod von nahen Angehörigen bekannt ist. Unweigerlich rufen Erfahrungen des Verlusts von Gesundheit, der materiellen Lebensgrundlagen oder wichtiger Beziehungen in vielen Menschen existenzielle Fragen auf, die von manchen Menschen auch als geistliche Anfragen verstanden werden. Die Perikope formuliert keine philosophische Lösung der Theodizeefrage, doch sie setzt Akzente, die Perspektiven eröffnen. Adressiert werden Berufene. Die erfahrenen Schmähungen und das Leid greifen die Menschen in ihrer Würde und vor Gott gerade nicht an. Eine zentrale theologische Pointe liegt entsprechend in der Gleichzeitigkeit von Schmähungen und Leid und dem Angenommensein von Gott. Ebenso wie Christus erfahren die Christusgläubigen eine Behandlung durch die Gesellschaft, die in tragischer Spannung zur integren Lebensführung steht. Die Verse enden mit dem Zuspruch, dass die Gläubigen im Leiden nicht allein sind und dass Christus selbst sie sieht. Dieser Zuspruch kann leicht schal wirken oder als billiger Trost abgetan werden. Entsprechend relevant ist es, die im Text verhandelte Diskrepanz als menschenmögliche Gleichzeitigkeit zu deuten, die nicht im Widerspruch zum Glauben steht, sondern auch in einem Leben erfahren werden kann, das sich immer wieder als mit Gott verbunden anfühlt.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der Wochenspruch in Joh 10,11a.27-28a sowie Psalm 23 als Wochenpsalm legen die Sicht auf den guten Hirten frei. In den Wochenliedern EG 274 und EG 358 verdichtet sich diese Fokussierung am sog. „Hirtensonntag“ Miserikordias Domini. Der Predigttext wirft eine andere Perspektive auf den Hirten, sofern von seinen Schafen oder genauer den Menschen, die sehnsüchtig eine Hirtenfigur suchen, die sie inmitten der Bedrängnis anschauen, schützen, führen und leiten möge, erzählt wird. Der Predigttext wirft ein Licht auf Erfahrungen existenzieller Not. Die Perikope stellt die Verunsicherung und Nöte der Menschen in den Mittelpunkt. Gottes Sohn, so die Verheißung dieses Sonntags, nimmt sich der Leidenden an, denn auch sie sind Berufene. Der bedeutende und so grundlegende Zuspruch, dass die zutiefst Leidenden von Gott gesehen werden, erfordert, dass die Predigt einen Kontrapunkt zu den besungenen Hirtenbildern setzt und den Perspektivwechsel zur Sehnsucht nach guten Hirten wagt.

5. Anregungen

Der kompakte Predigttext kann selbst in den interessiertesten und aufgeschlossensten Hörerinnen und Hörer leicht Widerstände erzeugen. Die frohe Botschaft liegt nicht gerade obenauf, sondern muss gesucht werden. Wer nicht nach Versatzstücken einer Theologie des Leidens sucht, sollte die im Text identifizierte Diskrepanz ernst nehmen und die vielfältigen Aussagen des Textes dazu aufgreifen. Die adressierten Gläubigen leiden ungerechtfertigt, doch ihr Leben erschöpft sich nicht in diesem Leid, sondern sie werden als Berufene angesprochen, die in der Nachfolge Christi stehen. Diese Leben sind voller Würde. Um in der Bedrängnis zu erfahren, dass auch das aktuell gefährdete und erschütterte Leben niemals seine Würde verlieren kann, sind Menschen auf andere Menschen angewiesen, die sich ihnen ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihres Alters oder ihres Leidens unablässig als ihre Nächsten erweisen. Die Auseinandersetzung mit der Gleichzeitigkeit der Erfahrung von Schmerzen und liebevoller Fürsorge, von Ausgrenzung und Gemeinschaft, von Tugendhaftigkeit und Unrecht bedarf der Reflexion und Ernsthaftigkeit und führt zugleich selbst ins Zentrum des christlichen Glaubens, der die Gegenwart Gottes auch im Leiden ausleuchtet. 

Autoren

  • Prof. Dr. Karl-Heinrich Ostmeyer (Einführung und Exegese)
  • Prof. Dr. Sonja Keller (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500188

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