Lukas 9,57-62 | Okuli | 08.03.2026
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 9,57-62
Übersetzung
57. Und als sie auf dem Weg dahinzogen, sagte einer zu ihm: „Ich werde dir folgen, wo immer du hingehst.“ 58. Und Jesus sagte zu ihm: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.“
59. Er sagte aber zu einem anderen: „Folge mir nach!“ Der aber sagte: „Herr, gestatte mir, zuvor hinzugehen, um meinen Vater zu begraben.“ 60. Er aber sagte zu ihm: „Lass die Toten ihre Toten begraben! Du aber geh hin und verkündige die Herrschaft Gottes.“
61. Es sagte aber auch ein anderer: „Ich werde dir folgen, Herr; zuvor aber gestatte mir, Abschied zu nehmen von denen zu Hause.“ 62. Jesus aber sagte zu ihm: „Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für die Herrschaft Gottes.“
1. Hilfen zur Übersetzung
Zu beachten ist zu Beginn die Angabe „auf dem Weg“. Das spielt auf den lukanischen Reisebericht an, der große Teile der lukanischen Jesusgeschichte umfasst, aber weist darüber hinaus auch in die Zukunft der Nachfolgenden: Der Auferstandene tut sich als erstes den Emmausjüngern „auf dem Weg“ kund, und „der Weg“ wird in der Apostelgeschichte zur gängigen Bezeichnung der frühchristlichen Bewegung; die Jesusgemeinschaft ist eine auf ihr Ziel hinwandernde Kirche, eine ecclesia peregrinans. Von sich selbst spricht Jesus
2. Gattung und Kontext
Formgeschichtlich handelt es sich um drei Apophthegmata oder Chrien, d.h. kurzen Szenen, die in einem markanten Jesuswort gipfeln. Thema ist die Schicksalsgemeinschaft mit Jesus, der von den Nachfolgenden verlangt, alle Brücken abzubrechen und sogar die familiären Bindungen zu kappen, auf denen in der Antike weit mehr als heute die Identität einer Person und deren soziale Absicherung beruhte. Auf diesem Wort Jesu und damit auf den Folgen der Nachfolge liegt der Akzent der Trilogie; welche Folgerungen die Gesprächspartner daraus ziehen, interessiert hier – anders als in Lk 5,10f
3. Historische Einordnung
Auch wenn es sich um stilisierte Texte handelt („ideale Szenen“), so spiegelt sich in ihnen doch das ungesicherte Leben der historischen Jesusbewegung. Zwar entwickeln sich nach Jesu Tod schon bald andere Formen ‚christlichen‘ Lebens; dennoch bildet diese radikale Frühform der Nachfolge ein Ideal, das die Späteren immer wieder herausfordert und in der Geschichte der Kirche von großer Wirkmacht war, nicht zuletzt, weil es immer wieder Neuaufbrüche veranlasst hat.
4. Schwerpunkte der Interpretation
Man kann sich die innere Logik der drei Szenen besonders von der zweiten Szene her erschließen, wo Jesus selbst jemand auffordert, ihm zu folgen. Der will aber zuvor seinen Vater
5. Theologische Perspektivierung
Die Stellung dieser radikalen Zumutungen am Beginn des Reiseberichts macht ein Doppeltes deutlich: Zum einen bedeutet Nachfolge, in dieser Welt keine endgültige Heimat zu haben, sondern mit dem Menschensohn in der Fremde
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Exegese spitzt die Radikalität der Forderung Jesu zu: Nachfolge verlangt den Abbruch von nahen Beziehungen, die Aufgabe von sozialer Absicherung und den Verzicht auf Sicherheit. Für die Predigt stellt sich damit die Herausforderung, diesen Anspruch nicht zu relativieren und zugleich die Kommunikationssituation ernst zu nehmen. Die Predigerin ist nicht diejenige, die von der Kanzel aus die Hörenden in die radikale Nachfolge ruft. Sondern sie bezeugt mit den Hörenden gemeinsam Aushandlungs- und Reflexionsprozesse von Christ:innen, die eine solche Nachfolge lebten und heute leben.
Das letzte Mal wurde dieser Text am 15. März 2020 gepredigt – einem Sonntag, in dem mancherorts Gottesdienste schon sehr vorsichtig gefeiert wurden, bevor in der Woche danach der erste Lockdown in Deutschland Versammlungen, auch in Kirchen, untersagte. Einschränkungen des öffentlichen und persönlichen Lebens begannen in diesen Tagen, die vorher kaum vorstellbar waren und länger anhielten, als man im März 2020 ahnte. Welchen Verzicht die Nachfolge Jesu in Nächstenliebe und Leidensbereitschaft fordern durfte, ist bis heute umstritten und kennt wohl viele Schattierungen und Spannungen im Feld zwischen unter eigener Gefährdung arbeitender Ärzt:innen und Pfleger:innen in den Kliniken einerseits und dem egoistischen Hamsterkauf, Maskendeal oder der Party um jeden Preis andererseits. Auf einer persönlichen Ebene war es aber für viele doch selbstverständlicher, als es heute manchmal klingt, ältere Menschen zu schützen, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, das Notwendige für die Menschen, besonders die Kinder, im eigenen Umfeld zu tun. Vielleicht bietet die Wiederkehr dieses Textes auch die Chance, den – oft bis heute mit brechender Stimme erzählten – Verzicht dieser Zeit zu würdigen und „Aufarbeitung der Pandemie“ damit von der politischen auf die persönliche Ebene zu holen.
2. Thematische Fokussierung
Matthias D. Wüthrich weist in den Göttinger Predigtmeditationen auf die Entkontextualisierung dieser Dialoge hin (Wüthrich 2020): hier werden nicht drei konkrete, gar namentlich genannte Menschen berufen und folgen Jesus ohne zu zögern, wie es an so vielen anderen Stellen in den Evangelien erzählt wird. Hier wollen mindestens zwei der Gesprächspartner von sich aus in die Nachfolge treten und die Gespräche hören sich beinahe wie Warnungen an. Weißt du, worauf du dich einlässt? Der „ethische Konflikt“ (Wüthrich, 209 in Bezug auf Bonhoeffers Nachfolge-Interpretation) steht im Vordergrund. Die Predigt könnte entsprechend davon erzählen, welche Konsequenzen Menschen bereit waren, für die Nachfolge Jesu in Kauf zu nehmen, um damit eine Haltung der Bereitschaft für den Ruf Jesu zu prägen, wann immer und wie unvorhergesehen (wie etwa im März 2020) er ergeht. Damit wäre nicht klar, was ich als Hörerin heute nun tun muss, um Jesus zu folgen, aber ich hätte eine Lesart für zukünftige Situationen, in denen unbequeme Entscheidungen zu treffen sind.
3. Theologische Aktualisierung
Von wessen Lebensrealität spricht die Predigt? In der Exegese klingt an, dass hier von der frühen Jesusbewegung über die Geschichte hinweg viele Konkretionen denkbar wären. Wer weiß gegenwärtig etwas davon, wie es ist, Vater und Mutter zu verlassen, die Toten weder beerdigen noch ihre Gräber besuchen zu können, kein Zuhause mehr zu haben (vgl. auch Lk 8,19-21
Die Öffnung traditionaler Familienmodelle für gewählte Zugehörigkeit hat auch eine Affinität zu queerer Erfahrung. Ein Coming-out kann ebenso harte Brüche in den (familialen) Beziehungen haben. Noch schwieriger wird es da, wo Differenzlinien sich komplex überschneiden. So findet Patrick D. Cheng in diesem Bibelwort seine Erfahrung als schwuler asiatischer Christ wieder und erzählt, wie viele queere junge Menschen ihre Familie verlieren, wenn sie sich offenbaren: „Viele von uns, die wir asiatische Christen und LGBT sind, haben – wie Jesus – ebenfalls keinen Ort, an dem wir unser Haupt hinlegen können. Wenn wir uns outen, […] stellen [wir] schnell fest, dass wir aus einer überwiegend weißen Queer-Community ausgeschlossen werden, die oft rassistisch ist. Wir werden auch von einer überwiegend heterosexuellen asiatischen Community ausgeschlossen, die oft homophob ist. Und wenn wir das Glück haben, an einem Ort zu leben, der Selbsthilfegruppen für asiatische LGBT-Menschen anbietet, stellen wir fest, dass wir oft von anderen ausgeschlossen werden, die Menschen mit Glauben feindlich gegenüberstehen.“ (Cheng 2018)
4. Bezug zum Kirchenjahr
Die Texte des Sonntags Okuli bewegen sich alle „auf dem Weg“ der Passion. Elia wird gestärkt in lebensbedrohlicher Situation. Jeremia dagegen wird von Gott selbst gewaltvoll überwältigt. Die fordernde Seite Gottes ist auch im Predigttext stark. Gott verlangt nicht wenig von denen, die an seinem Reich bauen. Mit der Exegese würde ich daher dafür plädieren, das Ziel dieses Weges und die Befreiung und Erlösung anklingen zu lassen, derentwegen Aufbruch, Verzicht und schmerzhafte Entscheidungen gefordert sind.
5. Gestaltungshinweise
Es könnte vielleicht einen kleinen Beitrag zur heilenden Erinnerung darstellen, wenn die Situation, in die der Text vor sechs Jahren erklang, so zur Sprache kommt, dass nicht nur das Entbehrungsreiche, das auf den Kopf gestellte Leben und die schmerzhafte Distanz vergegenwärtigt werden, sondern auch das Woraufhin des Abstandhaltens, die Sorge um die Schwachen und die kreative Gestaltung von Beziehungen.
Am Sonntag vorher, Reminiszere, steht die Verfolgung von Christ:innen in vielen Gottesdiensten im Zentrum. Die Predigt an Okuli könnte hier anknüpfen und von Menschen mit Fluchterfahrung in Deutschland erzählen – nicht als Objekte nötiger Hilfe, sondern als Glaubenszeug:innen, die dazu ermutigen sich in die Gemeinschaft Christi rufen zu lassen.
Literatur
- Matthias D. Wüthrich, „Folge mir nach!“. Lk 9,57-62 / 15.3.2020 / Okuli, in: Göttinger Predigtmeditationen. 74 (2020), 204–210.
- Patrick D. Cheng, Queer Asian Discipleship, in: Inheritance #60, Mai 2018, https://www.inheritancemag.com/stories/queer-asian-discipleship
(Übersetzung Kerstin Menzel)
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Dr. Kerstin Menzel (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500177
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