Deutsche Bibelgesellschaft

Jesaja 61,1-3(4.9)10.11 | 2. Sonntag nach dem Christfest | 04.01.2026

Einführung in das Jesajabuch

1. Verfasser

Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40 werden aber einem zweiten Propheten zugerechnet, den man Deuterojesaja nennt. Bernhard Duhm hat in seinem Kommentar von 1892 alle Kapitel ab Jes 56 einem dritten Propheten, also Tritojesaja, zugeschrieben. Die klassische Jesajathese geht also von Protojesaja oder Erstem Jesaja (Jes 1–39), Deuterojesaja oder Zweitem Jesaja (Jes 40–55) und Tritojesaja oder Drittem Jesaja (Jes 56–66) aus.

Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen:

  • Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde.
  • Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen.

Die Texte des Jesajabuches sind keine zufällige Sammlung von Einzelworten, sondern eine – wie auch immer geartete – Komposition oder bewusste Gestaltung. Auch die nicht redaktionsgeschichtliche Forschung erkennt im Jesajabuch bewusste und absichtliche Gestaltung, wobei auch in diesem Fall die Verfasser der Texte unbekannt sind.

2. Adressaten

Der Prophet Jesaja scheint ursprünglich ein Prophet gewesen zu sein, der mit dem Königtum verbunden war. Im Laufe der Geschichte wurden die Propheten, die Königsmacher und Propheten im Dienste des Königs waren, zur Opposition stilisiert, die Kritik am Königtum und am Volk äußerte. Der Adressat von Jes 6–8 ist der König von Juda, hingegen sind andere Texte an Zion-Jerusalem, Jakob-Israel und das Volk gerichtet. Das bedeutet letztlich allerdings nicht, dass die Texte den jeweiligen Adressaten (öffentlich) vorgetragen wurden.

Nach klassischer Sicht waren die Worte der Propheten dabei Aussprüche, die von ihnen selbst oder Schülern gesammelt worden waren und dann herausgegeben wurden. Dabei nahm man eine öffentliche Verkündigung an („Sitz im Leben“). Die jüngere Forschung deutet demgegenüber das Buch und die einzelnen Texte als schriftgelehrte Fortschreibung („Sitz im Buch“), die einen überschaubareren Leserkreis hatte.

3. Entstehungsort

Der Kern des ersten Teils des Jesajabuches ist in Jerusalem entstanden, da der Prophet Jesaja dort gewirkt hat. Es ist davon auszugehen, dass auch die anderen Texte aus Jes 1–39 dort entstanden sind.

Für Deuterojesaja hat man eine Entstehung im babylonischen Exil angenommen, da von Kyros und der Rückkehr des Volkes die Rede ist: Das Volk im Exil wird dort angesprochen, nun wieder in die Heimat zurückzukehren. Die Rückkehrer oder Deuterojesaja höchstpersönlich hätten dann seine Prophetien nach Jerusalem gebracht und dort mit dem ersten Jesajabuch verbunden. Tritojesaja sei dann später (ebenfalls in Jerusalem) angefügt worden.

Für eine Entstehung in Jerusalem spricht, dass es im Kern Deuterojesajas um die Wiedergewinnung Jhwhs für Jakob-Israel geht. Das Gericht und das Exil nehmen mit Kyros ein Ende, weil Babylon, das ehemalige Gerichtswerkzeug Jhwhs, von Kyros erobert und damit besiegt wird. Dieser Untergang bedeutet, dass Jhwh wieder nach Jerusalem zurückkehrt (Jes 40,1–11; 52,7–10) und Jerusalem das Zentrum der Welt wird (Jes 60). Außerdem liegt Babylon nach eigener Sicht wohl nicht am Ende der Welt, wie es Jes 41,9 indirekt behauptet. Eine solche Sichtweise passt nicht zu Babylon als Abfassungsort, da sie sich dort kaum durchgesetzt hätte, weil dort eine Diaspora bestehen blieb und nicht zurückgekehrt ist – anders als die Zion-Texte in Jes 40–66 behaupten (vgl. bes. Jes 52,11f.).

4. Wichtige Themen

Zion durchzieht das Jesajabuch wie kein zweites Thema. Neben z. B. Jes 1,21–26; 2,1–5; 37,33–38; 49,14–52,10; 54,1–17; 65 und 66 sind die drei großen Kapitel Jes 60–62 zu nennen. Die Rettung des Zion vor den Assyrern, selbst wenn es sie historisch gesehen wohl so nicht gegeben hat, ist der Kern des vorexilischen Jesajabuches. Mit Deuterojesaja und den Ereignissen um Kyros und den Fall Babylons werden dieser Erzählung weitere Zion-Texte hinzugefügt, die Jhwhs Rückkehr zum Zion (Jes 52,8) als Beginn einer neuen Zeit feiern.

Literatur:

  • Becker, U., 2022, The Book of Isaiah. Its Composition History, in: Lena-Sofie Tiemeyer (Hg.), The Oxford Handbook of Isaiah, Oxford, 37–56.
  • Steck, O.H., 1992, Zion als Gelände und Gestalt. Überlegungen zur Wahrnehmung Jerusalems als Stadt und Frau im Alten Testament, in: ders., Gottesknecht und Zion. Gesammelte Aufsätze zu Deuterojesaja, FAT 4, Tübingen, 126–145.

Einführung Tritojesaja

Tritojesaja (Jes 56–66) ist eine wissenschaftliche Hypothese von Bernhard Duhm, der diesen Textabschnitt in seinem Kommentar von 1892 einem dritten und von damit von Deuterojesaja unterschiedenen Propheten zuweist. Die literarische Einheit von Tritojesaja war schon zuvor und ist auch noch danach umstritten gewesen, sodass man heutzutage nicht mehr von einem eigenständigen Propheten ausgeht, sondern von Fortschreibung von proto- und deuterojesajanischen Texten. Den Kern von Tritojesaja sieht man dabei in Jes 60–62, worauf Jes 56–59 zulaufen. Jes 63–66 entwickeln wiederum Jes 60–62 fort.

Für die Entstehungszeit muss man die nachexilische Zeit annehmen. Die Septuaginta-Übersetzung des Jesajabuches, die man in das 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. datiert, wird man als untere Grenze für die Entstehung Tritojesajas annehmen müssen. Somit bleiben das 5. bis 3. Jahrhundert als Entstehungszeitraum zur Verfügung – eine Zeit also, in der Jerusalem nicht selbstständig war, sondern unter Fremdherrschaft der Perser und der Seleukiden bzw. Ptolemäer stand. Es geht in Jes 56–66 um das Heil – wahrscheinlich im Zeitalter des Hellenismus, als griechische und orientalische Kultur sich zu verschmelzen begannen und die religiöse und kulturelle Identität infrage gestellt wurde.

Literatur

  • Berges, U., 2022, Jesaja 55–66. Übers. und ausgelegt, HThK.AT, Freiburg i. Br..
  • Kratz, R.G., 2002, Art. Tritojesaja, in: TRE 34, 124–130.
  • Steck, O.H., 1991, Studien zu Tritojesaja, BZAW 203, Berlin/New York.
  • Zapff, B., 2006, Jesaja 56–66, NEB.AT 37, Würzburg.

A) Exegese kompakt: Jesaja 61,1-3(4.9)10.11

1ר֛וּחַ אֲדֹנָ֥י יְהוִ֖ה עָלָ֑י יַ֡עַן מָשַׁח֩ יְהוָ֨ה אֹתִ֜י לְבַשֵּׂ֣ר עֲנָוִ֗ים שְׁלָחַ֨נִי֙ לַחֲבֹ֣שׁ לְנִשְׁבְּרֵי־לֵ֔ב לִקְרֹ֤א לִשְׁבוּיִם֙ דְּר֔וֹר וְלַאֲסוּרִ֖ים פְּקַח־קֽוֹחַ׃ 2לִקְרֹ֤א שְׁנַת־רָצוֹן֙ לַֽיהוָ֔ה וְי֥וֹם נָקָ֖ם לֵאלֹהֵ֑ינוּ לְנַחֵ֖ם כָּל־אֲבֵלִֽים׃ 3לָשׂ֣וּם ׀ לַאֲבֵלֵ֣י צִיּ֗וֹן לָתֵת֩ לָהֶ֨ם פְּאֵ֜ר תַּ֣חַת אֵ֗פֶר שֶׁ֤מֶן שָׂשׂוֹן֙ תַּ֣חַת אֵ֔בֶל מַעֲטֵ֣ה תְהִלָּ֔ה תַּ֖חַת ר֣וּחַ כֵּהָ֑ה וְקֹרָ֤א לָהֶם֙ אֵילֵ֣י הַצֶּ֔דֶק מַטַּ֥ע יְהוָ֖ה לְהִתְפָּאֵֽר׃ 4וּבָנוּ֙ חָרְב֣וֹת עוֹלָ֔ם שֹׁמְמ֥וֹת רִֽאשֹׁנִ֖ים יְקוֹמֵ֑מוּ וְחִדְּשׁוּ֙ עָ֣רֵי חֹ֔רֶב שֹׁמְמ֖וֹת דּ֥וֹר וָדֽוֹר׃

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9וְנוֹדַ֤ע בַּגּוֹיִם֙ זַרְעָ֔ם וְצֶאֱצָאֵיהֶ֖ם בְּת֣וֹךְ הָעַמִּ֑ים כָּל־רֹֽאֵיהֶם֙ יַכִּיר֔וּם כִּ֛י הֵ֥ם זֶ֖רַע בֵּרַ֥ךְ יְהוָֽה׃ ס

10שֹׂ֧ושׂ אָשִׂ֣ישׂ בַּֽיהוָ֗ה תָּגֵ֤ל נַפְשִׁי֙ בֵּֽאלֹהַ֔י כִּ֤י הִלְבִּישַׁ֨נִי֙ בִּגְדֵי־יֶ֔שַׁע מְעִ֥יל צְדָקָ֖ה יְעָטָ֑נִי כֶּֽחָתָן֙ יְכַהֵ֣ן פְּאֵ֔ר וְכַכַּלָּ֖ה תַּעְדֶּ֥ה כֵלֶֽיהָ׃ 11כִּ֤י כָאָ֨רֶץ֙ תּוֹצִ֣יא צִמְחָ֔הּ וּכְגַנָּ֖ה זֵרוּעֶ֣יהָ תַצְמִ֑יחַ כֵּ֣ן ׀ אֲדֹנָ֣י יְהוִ֗ה יַצְמִ֤יחַ צְדָקָה֙ וּתְהִלָּ֔ה נֶ֖גֶד כָּל־הַגּוֹיִֽם׃

Jesaia 61,9-11BHSBibelstelle anzeigen

Übersetzung

V.1: Der Geist des Herrn Jhwh ist auf mir,

denn Jhwh hat mich gesalbt,

um den Elenden eine Freudenbotschaft zu bringen, hat er mich geschickt,

um diejenigen zu heilen, die gebrochenen Herzens sind,

um die Gefangenen zur Freilassung zu rufen

und die Gefesselten zur Befreiung,

V.2: um ein Jahr der Gnade Jhwhs auszurufen

und einen Tag der Rache unseres Gottes,

um alle Trauernden zu trösten,

V.3: um aufzurichten diejenigen, die um Zion trauern,

und ihnen einen Turban anstelle des Staubes zu geben,

ein Öl der Freude statt der Trauer,

einen Mantel des Lobes statt eines verzagten Geistes,

und sie werden „Terebinthen der Gerechtigkeit“ genannt werden,

„Pflanzung Jhwhs“, um sich zu verherrlichen.

V.4: Und sie werden die ewigen Verwüstungen aufbauen,

und sie werden die, die früher verwüstet worden sind, aufrichten,

und sie werden die Städte der Ödnis erneuern,

die Verwüstungen von Generation zu Generation.

V.9: Unter den Völkern wird ihre Nachkommenschaft bekannt sein

und ihre Nachkommen in der Mitter der Völker,

alle, die sie sehen, werden erkennen,

dass sie die Nachkommenschaft sind, die Jhwh gesegnet hat.

V.10: Ich freue mich sehr an Jhwh,

es soll jubeln meine Seele über meinen Gott,

denn er hat mir die Kleider der Rettung angezogen,

den Mantel der Gerechtigkeit hat er um mich gehüllt,

wie ein Bräutigam Gerechtigkeit anzieht

und die Braut sich schmückt mit ihrem Brautschmuck.

V.11: Denn wie aus der Erde ihr Spross hervorgeht

und der Garten das, was sprießt, hervorgehen lässt,

so lässt der Herr Jhwh Gerechtigkeit sprießen

und Ruhm vor allen Völkern.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V.1: חבשׁ : eigentlich binden, umwickeln; Gesenius18 z. St.: jemanden verbinden

V.1: פְּקַח־קוֺחַ: Gesenius18 z.St.: Öffnung im Sinne von Freilassung, Entfesselung

V.3: פְּאֵר : Gesenius18 z.St.: Kopfbinde, Turban (ein Wortspiel mit אֵפֶר: „Staub“).

V.10: צְדָקָה eigentlich: Gerechtigkeit, Recht (Zapff, S.395 z. St.: „festlich“)

2. Einordnung der Perikope in den näheren und weiteren Kontext

In Jes 60 wird die großartige, unmittelbar bevorstehende Zukunft Zions beschrieben. Angeredet wird dort eine Frau, was man an den hebräischen Suffixen in V.1 erkennen kann. Die zuletzt angeredete Frau war Zion/Jerusalem (vgl. Jes 54,1; 52,1). Das, was ihr in Jes 49 verheißen wird, steht in Jes 60 unmittelbar vor der Erfüllung: Die anrückenden Völker samt ihren Herden kann man beinahe schon sehen. Zion wird zum Mittelpunkt der Welt. In Jes 61,1 spricht nun jemand von sich in der 1. Sg. Es bieten sich mehrere Möglichkeiten an, die man am Text überprüfen muss

  1. Frau Zion,
  2. der Gottesknecht,
  3. der (Buch-)Prophet Jesaja,
  4. eine messianisch-prophetische Gestalt (vgl. Zapff, S.389).

Jede dieser Deutungsmöglichkeiten kann Anhaltspunkte am Text geltend machen. Sicher ist nur, dass in V.8 Jhwh spricht, ohne dass er eingeführt wird, so dass man wohl einen Einschub oder eine Fortschreibung annehmen muss.

In Jes 61,1-3a verkündet der Sprecher Grund und Zweck seiner Rede: Jhwh habe ihn gesandt (V.1, vgl. Jes 6,8), damit die frohe Botschaft verkündet (vgl. Jes 40,9; 52,7) und die Trauernden getröstet würden (vgl. Jes 40,1). Mit V.3b und den dann folgenden Versen (V.4–7.9) benennt er die Folgen seines Tuns für die Adressaten, weshalb sich der Sprecher abschließend über seinen Erfolg freuen und Gott Jhwh loben kann V.10f.). Mit Jes 62 beginnt dann ein neuer Abschnitt, weil das zuvor Verkündete nicht so eingetreten ist wie gedacht.

3. Textgenese

Jes 61 hat man entweder zum Grundbestand Tritojesajas, bzw. Jes 60–62 gerechnet oder als eine erste Fortschreibung von Jes 60 angesehen (vgl. vorsichtig Kratz, S.238). Deutlich wird auf jeden Fall, dass der Sprecher von Jes 61 von sich selbst spricht, während er seine Botschaft in Jes 60 an Zion richtet und sonst im Hintergrund bleibt.

Jes 61 erscheint weitgehend einheitlich zu sein, da auf die Freudenbotschaft in V.1–3a die Folgen (V.3b.4–7.9) geschildert werden, ehe der Sprecher wieder das Wort ergreift und seiner Freude Ausdruck verleiht (V.10f.). V.8 erweist sich durch den plötzlichen und unangekündigten Sprecherwechsel als Auslegung von V.7. Somit ergibt sich als Maximallösung ein Kern in V.1–7.9–11 oder – als Minimallösung – ein Kern in V.1–3a, der dann mit V.3b.4–7.9 eine Erweiterung erfahren hat, auf die dann V.10 reagiert. V.11 passt zu jedem Vers, in dem von der Gerechtigkeit Jhwhs die Rede ist, in Jes 61 aber am besten zu V.3b.

Traditionsgeschichtlich erwähnenswert sind die neuen Namen, die sich in Jes 61,3b und auch im näheren Umfeld finden (vgl. 60,14; 61,6; 62,4.12). Die „Terebinthen-der-Gerechtigkeit“ (Jes 61,3b), wie man die Trauernden um Zion dann nennen wird, deuten dabei an, dass es nicht mehr um einen Wiederaufbau der Trümmerstätten geht, die die Babylonier 587/6. v. Chr. hinterlassen haben, sondern um eine Läuterung: Die Trauernden werden zu Gerechtigkeitsvorbildern oder bezeugen (Jhwhs) Gerechtigkeit.

4. Historische Einordnung

Eine genaue zeitliche Einordnung ist bei Jes 61 nicht möglich. Dieses Kapitel mag in persischer oder hellenistischer Zeit entstanden sein. Die Erwartungen, die die Verfasser in das Ich von V.1–3a geschrieben haben, entspringen der Hoffnung auf eine Gestalt, die nicht aus der Politik stammt – diese Gestalt soll keine Stadt wieder aufbauen (so unkonkret wie V.4 daherkommt, scheint da nicht an Jerusalem gedacht zu sein), soll keinen Staat gründen oder leiten, soll nicht die Feinde bekämpfen, sondern sich um das Gottesvolk kümmern.

5. Schwerpunkte der Interpretation

Der, der in diesem Text spricht, hat ein gewaltiges Arbeitspensum vor sich: Laut V.1–3a soll er sich um alle kümmern, die trauern oder traurig sind. Er soll ihnen die Freudenbotschaft bringen. Und diese Freudenbotschaft verändert die Adressaten und ermöglicht Ihnen, wunderbare Dinge zu vollbringen (V.4). Der Zuspruch, dass man geheilt, frei gelassen, getröstet und neu eingekleidet wird (V.1–3), führt dazu, dass sich das Leben der Angesprochenen grundlegend ändert (vgl. V.4.9.10). Darauf deutet auch der neue Name „Terebinthen-der-Gerechtigkeit“ hin, mit dem wohlmöglich Jes 1,30 umgedeutet und Jes 6,13 vollendet werden soll: In Jes 1,30 waren die Angeredeten mit einer Terebinthe verglichen worden, deren Blätter welken: Kraftlos und nutzlos scheint solch ein Baum zu sein. In Jes 61,3 wird hingegen die Kraft und Stärke des Baumes betont. Besonders aber an Jes 6,13 scheint hier gedacht zu sein, wo festgehalten wird, dass auch beim Fällen eines Baumes ein Rest übrigbleibt, aus dem Neues sprießen kann. Und dieser Gedanke findet in Jes 61,3 sein Gegenstück. Das Gottesvolk mag kraftlos werden wie eine welkende Terebinte, so dass man sie abhaut – wie grausam so ein auf Menschen bezogenes Bild auch für uns heute erscheinen mag – aber aus dem Rest sprießt Neues, Gerechteres hervor.

Lukas legt den Anfang von Jes 61,1 in Lk 4,18f. Jesus in den Mund: Auf ihm ruhe der Geist Gottes, er sei gesalbt worden, um das Heilswerk zu vollbringen. Aus den Trauernden um Zion werden in der zweiten Seligpreisung ganz allgemein die Trauernden (vgl. Mt 5,4). Die Offenbarung des Johannes greift das Bild der Frau Zion, die wie eine Braut geschmückt ist, auf (Offb 21,2). Wenn Zion von sich selbst sagt, dass sie von Jhwh mit den Gewändern des Heils bekleidet und in den Mantel der Gerechtigkeit gehüllt worden sei, denkt man vielleicht auch an Gal 3,27: „Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen.“

Die von der Perikopenordnung ausgelassenen Verse (V.5–8) schildern, wie sich dereinst die so empfundene Gegenwart ändern wird: Derzeit – so muss man die Verfasser von Jes 61 verstehen – muss das Gottesvolk die Schafe fremder Herrscher weiden, dann aber wird sich das Ganze ins Gegenteil verkehren. An mehreren Beispielen wird dieser Gedanke ausgeführt. Während also in Jes 60 die fremden Völker zu(m) Zion kommen werden, weil Gottes Herrlichkeit dort erstrahlt, erwartet sie in Jes 61 auch noch eine Veränderung ihrer Stellung: Vom Herrscher zum Diener.

6. Perspektiven für die Predigt:

Es geht um die Verwandlung des Menschen: Von Trauer zu Freude, von Asche zu Kopfschmuck, von Gefangenschaft zu Freiheit, von Armut zu Reichtum, von Ödnis hin zu sprießender Gerechtigkeit. Gottes Zusage ändert alles!

B) Praktisch-theologische Resonanzen

Königliche Wurzeln! Der Baum, der zunächst verwelkt, dann abgehauen wurde und dessen Stumpf neue Triebe hervorgebracht hat, ist zu einem royalen Baum herangewachsen. Eine Entwicklung mit Perspektive: Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzung des HERRN – da erscheint ein ganzer Wald am Horizont. Jesaja erwartet eine Metamorphose: Per aspera ad astra –vom Staub zu den Sternen, vom Herzschmerz zur Liebe, aus Gebundenen zu Entfesselten, aus Ödnis zur Oase. Das Portfolio dessen, den der HERR gesalbt hat, ist reich gefüllt. Diejenigen, die bisher unterdrückt haben, werden nun selbst zu Arbeitern. Die vorher Diener waren, unterdrücken nun die ehemals Herrschenden. Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will. Oder: Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Eine Mammutaufgabe, die aber scheinbar mit Leichtigkeit und Freude geschultert wird: Ich freue mich im HERRN und meine Seele ist fröhlich! Selbst der Wiederaufbau erledigt sich da wie von selbst.

Grünende Frische… am zweiten Sonntag nach dem Christfest rieseln die Nadeln. Die meisten Weihnachtsbäume sind schon abgeschmückt und für die Abholung durch die Müllabfuhr vorbereitet. Manches Geschenk ist schon umgetauscht und der Familienzwist von Heiligabend hat sich – hoffentlich - auch schon wieder eingerenkt. Muss man wirklich an diesem Sonntag noch Weihnachtslieder singen? Vertraut an diesem Sonntag noch jemand der Botschaft der Heiligen Nacht: Friede auf Erden!

Jesus ist erwachsen geworden, Anfang dreißig, als er in einer Synagoge seiner Heimatstadt aufgefordert wird, diese Verse aus dem Jesajabuch zu lesen. Er beschließt seine Lesung mit den Worten: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren. (Luk 4,21). Ein staubiges Kaff am Rand des Römischen Imperiums, einfache, unterdrückte Leute, es müffelt in der Synagoge. Einen königlichen Baum, einen Wald aus royalen Sprösslingen, eine Truppe Gesalbter und einen von Gott Erwählten haben die Leute sich anders vorgestellt. Das muss schlimm enden. Über der Krippe das Kreuz!

Merkwürdig, dass die Menschen über der deprimierenden Besatzungssituation der nachexilischen Zeit, unter der Unterdrückung der Perser, Griechen, Römer, diese Prophetenverse nicht vergessen haben. Dass nachfolgende Generationen sich durch die offensichtliche Verwüstung ihrer Gegenwart nicht die Hoffnung auf die Zukunft haben nehmen lassen.

Ich sehe einen Wald von Zeugen. Einen Wald royaler Hoffnungsbäume. Eine Truppe verrückter Hoffender. Einen Chor, der unbeirrt Hoffnungslieder singt. Während draußen die Müllabfuhr anrückt, um die abgeschmückten, vertrockneten Bäume einzusammeln und mit ihnen alle enttäuschten Hoffnungen und Wünsche der Weihnachtstage abzuräumen, träumen da Menschen unbeirrt von Freiheit und Heilung und dem Triumph der Unterdrückten.

Aus dem Staub der Nadeln blitzt etwas – und es ist mehr als übrig gebliebenes Lametta. Es ist der Glanz der Hoffnung. Menschen sehen das Funkeln und machen auch andere darauf aufmerksam. Siehe da: Es keimt und blüht aus abgehauenen Stümpfen. Zerbrochene Herzen werden verbunden. Trümmer werden aufgebaut.

So entsteht am 2. Sonntag nach dem Christfest schon eine Ahnung von Ostern. Wissend, dass es den Karfreitag gibt. Und immer wieder leidende und unterdrückte und zerstörte Menschenleben und zertrümmerte Hoffnungen. Und trotzige Freude, die sich nicht abfindet, sondern mutig und fröhlich behauptet, dass alles anderes wird. Dass aus dem Stumpf neues Leben sprießt und zu royalen Bäumen heranwächst.

Autoren

  • Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
  • Prof. Dr. Angela Rinn (Praktisch-theologische Resonanzen)

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