Jesaja 61,1-3(4.9)10.11 | 2. Sonntag nach dem Christfest | 04.01.2026
Einführung in das Jesajabuch
1. Verfasser
Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40
Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen:
- Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde.
- Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen.
Die Texte des Jesajabuches sind keine zufällige Sammlung von Einzelworten, sondern eine – wie auch immer geartete – Komposition oder bewusste Gestaltung. Auch die nicht redaktionsgeschichtliche Forschung erkennt im Jesajabuch bewusste und absichtliche Gestaltung, wobei auch in diesem Fall die Verfasser der Texte unbekannt sind.
2. Adressaten
Der Prophet Jesaja scheint ursprünglich ein Prophet gewesen zu sein, der mit dem Königtum verbunden war. Im Laufe der Geschichte wurden die Propheten, die Königsmacher und Propheten im Dienste des Königs waren, zur Opposition stilisiert, die Kritik am Königtum und am Volk äußerte. Der Adressat von Jes 6–8
Nach klassischer Sicht waren die Worte der Propheten dabei Aussprüche, die von ihnen selbst oder Schülern gesammelt worden waren und dann herausgegeben wurden. Dabei nahm man eine öffentliche Verkündigung an („Sitz im Leben“). Die jüngere Forschung deutet demgegenüber das Buch und die einzelnen Texte als schriftgelehrte Fortschreibung („Sitz im Buch“), die einen überschaubareren Leserkreis hatte.
3. Entstehungsort
Der Kern des ersten Teils des Jesajabuches ist in Jerusalem
Für Deuterojesaja hat man eine Entstehung im babylonischen Exil
Für eine Entstehung in Jerusalem spricht, dass es im Kern Deuterojesajas um die Wiedergewinnung Jhwhs für Jakob-Israel geht. Das Gericht und das Exil nehmen mit Kyros ein Ende, weil Babylon
4. Wichtige Themen
Zion
Literatur:
- Becker, U., 2022, The Book of Isaiah. Its Composition History, in: Lena-Sofie Tiemeyer (Hg.), The Oxford Handbook of Isaiah, Oxford, 37–56.
- Steck, O.H., 1992, Zion als Gelände und Gestalt. Überlegungen zur Wahrnehmung Jerusalems als Stadt und Frau im Alten Testament, in: ders., Gottesknecht und Zion. Gesammelte Aufsätze zu Deuterojesaja, FAT 4, Tübingen, 126–145.
Einführung Tritojesaja
Tritojesaja
Für die Entstehungszeit muss man die nachexilische Zeit annehmen. Die Septuaginta-Übersetzung
Literatur
- Berges, U., 2022, Jesaja 55–66. Übers. und ausgelegt, HThK.AT, Freiburg i. Br..
- Kratz, R.G., 2002, Art. Tritojesaja, in: TRE 34, 124–130.
- Steck, O.H., 1991, Studien zu Tritojesaja, BZAW 203, Berlin/New York.
- Zapff, B., 2006, Jesaja 56–66, NEB.AT 37, Würzburg.
A) Exegese kompakt: Jesaja 61,1-3(4.9)10.11
Übersetzung
V.1: Der Geist des Herrn Jhwh ist auf mir,
denn Jhwh hat mich gesalbt,
um den Elenden eine Freudenbotschaft zu bringen, hat er mich geschickt,
um diejenigen zu heilen, die gebrochenen Herzens sind,
um die Gefangenen zur Freilassung zu rufen
und die Gefesselten zur Befreiung,
V.2: um ein Jahr der Gnade Jhwhs auszurufen
und einen Tag der Rache unseres Gottes,
um alle Trauernden zu trösten,
V.3: um aufzurichten diejenigen, die um Zion trauern,
und ihnen einen Turban anstelle des Staubes zu geben,
ein Öl der Freude statt der Trauer,
einen Mantel des Lobes statt eines verzagten Geistes,
und sie werden „Terebinthen der Gerechtigkeit“ genannt werden,
„Pflanzung Jhwhs“, um sich zu verherrlichen.
V.4: Und sie werden die ewigen Verwüstungen aufbauen,
und sie werden die, die früher verwüstet worden sind, aufrichten,
und sie werden die Städte der Ödnis erneuern,
die Verwüstungen von Generation zu Generation.
V.9: Unter den Völkern wird ihre Nachkommenschaft bekannt sein
und ihre Nachkommen in der Mitter der Völker,
alle, die sie sehen, werden erkennen,
dass sie die Nachkommenschaft sind, die Jhwh gesegnet hat.
V.10: Ich freue mich sehr an Jhwh,
es soll jubeln meine Seele über meinen Gott,
denn er hat mir die Kleider der Rettung angezogen,
den Mantel der Gerechtigkeit hat er um mich gehüllt,
wie ein Bräutigam Gerechtigkeit anzieht
und die Braut sich schmückt mit ihrem Brautschmuck.
V.11: Denn wie aus der Erde ihr Spross hervorgeht
und der Garten das, was sprießt, hervorgehen lässt,
so lässt der Herr Jhwh Gerechtigkeit sprießen
und Ruhm vor allen Völkern.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.1: חבשׁ : eigentlich binden, umwickeln; Gesenius18 z. St.: jemanden verbinden
V.1: פְּקַח־קוֺחַ: Gesenius18 z.St.: Öffnung im Sinne von Freilassung, Entfesselung
V.3: פְּאֵר : Gesenius18 z.St.: Kopfbinde, Turban (ein Wortspiel mit אֵפֶר: „Staub“).
V.10: צְדָקָה eigentlich: Gerechtigkeit, Recht (Zapff, S.395 z. St.: „festlich“)
2. Einordnung der Perikope in den näheren und weiteren Kontext
In Jes 60
- Frau Zion,
- der Gottesknecht,
- der (Buch-)Prophet Jesaja,
- eine messianisch-prophetische Gestalt (vgl. Zapff, S.389).
Jede dieser Deutungsmöglichkeiten kann Anhaltspunkte am Text geltend machen. Sicher ist nur, dass in V.8 Jhwh spricht, ohne dass er eingeführt wird, so dass man wohl einen Einschub oder eine Fortschreibung annehmen muss.
In Jes 61,1-3
3. Textgenese
Jes 61 hat man entweder zum Grundbestand Tritojesajas, bzw. Jes 60–62 gerechnet oder als eine erste Fortschreibung von Jes 60
Jes 61 erscheint weitgehend einheitlich zu sein, da auf die Freudenbotschaft in V.1–3a die Folgen (V.3b.4–7.9) geschildert werden, ehe der Sprecher wieder das Wort ergreift und seiner Freude Ausdruck verleiht (V.10f.). V.8 erweist sich durch den plötzlichen und unangekündigten Sprecherwechsel als Auslegung von V.7. Somit ergibt sich als Maximallösung ein Kern in V.1–7.9–11 oder – als Minimallösung – ein Kern in V.1–3a, der dann mit V.3b.4–7.9 eine Erweiterung erfahren hat, auf die dann V.10 reagiert. V.11 passt zu jedem Vers, in dem von der Gerechtigkeit Jhwhs die Rede ist, in Jes 61
Traditionsgeschichtlich erwähnenswert sind die neuen Namen, die sich in Jes 61,3
4. Historische Einordnung
Eine genaue zeitliche Einordnung ist bei Jes 61
5. Schwerpunkte der Interpretation
Der, der in diesem Text spricht, hat ein gewaltiges Arbeitspensum vor sich: Laut V.1–3a soll er sich um alle kümmern, die trauern oder traurig sind. Er soll ihnen die Freudenbotschaft bringen. Und diese Freudenbotschaft verändert die Adressaten und ermöglicht Ihnen, wunderbare Dinge zu vollbringen (V.4). Der Zuspruch, dass man geheilt, frei gelassen, getröstet und neu eingekleidet wird (V.1–3), führt dazu, dass sich das Leben der Angesprochenen grundlegend ändert (vgl. V.4.9.10). Darauf deutet auch der neue Name „Terebinthen-der-Gerechtigkeit“ hin, mit dem wohlmöglich Jes 1,30
Lukas legt den Anfang von Jes 61,1
Die von der Perikopenordnung ausgelassenen Verse (V.5–8) schildern, wie sich dereinst die so empfundene Gegenwart ändern wird: Derzeit – so muss man die Verfasser von Jes 61
6. Perspektiven für die Predigt:
Es geht um die Verwandlung des Menschen: Von Trauer zu Freude, von Asche zu Kopfschmuck, von Gefangenschaft zu Freiheit, von Armut zu Reichtum, von Ödnis hin zu sprießender Gerechtigkeit. Gottes Zusage ändert alles!
B) Praktisch-theologische Resonanzen
Königliche Wurzeln! Der Baum, der zunächst verwelkt, dann abgehauen wurde und dessen Stumpf neue Triebe hervorgebracht hat, ist zu einem royalen Baum herangewachsen. Eine Entwicklung mit Perspektive: Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzung des HERRN – da erscheint ein ganzer Wald am Horizont. Jesaja erwartet eine Metamorphose: Per aspera ad astra –vom Staub zu den Sternen, vom Herzschmerz zur Liebe, aus Gebundenen zu Entfesselten, aus Ödnis zur Oase. Das Portfolio dessen, den der HERR gesalbt hat, ist reich gefüllt. Diejenigen, die bisher unterdrückt haben, werden nun selbst zu Arbeitern. Die vorher Diener waren, unterdrücken nun die ehemals Herrschenden. Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will. Oder: Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Eine Mammutaufgabe, die aber scheinbar mit Leichtigkeit und Freude geschultert wird: Ich freue mich im HERRN und meine Seele ist fröhlich! Selbst der Wiederaufbau erledigt sich da wie von selbst.
Grünende Frische… am zweiten Sonntag nach dem Christfest rieseln die Nadeln. Die meisten Weihnachtsbäume sind schon abgeschmückt und für die Abholung durch die Müllabfuhr vorbereitet. Manches Geschenk ist schon umgetauscht und der Familienzwist von Heiligabend hat sich – hoffentlich - auch schon wieder eingerenkt. Muss man wirklich an diesem Sonntag noch Weihnachtslieder singen? Vertraut an diesem Sonntag noch jemand der Botschaft der Heiligen Nacht: Friede auf Erden!
Jesus ist erwachsen geworden, Anfang dreißig, als er in einer Synagoge seiner Heimatstadt aufgefordert wird, diese Verse aus dem Jesajabuch zu lesen. Er beschließt seine Lesung mit den Worten: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren. (Luk 4,21). Ein staubiges Kaff am Rand des Römischen Imperiums, einfache, unterdrückte Leute, es müffelt in der Synagoge. Einen königlichen Baum, einen Wald aus royalen Sprösslingen, eine Truppe Gesalbter und einen von Gott Erwählten haben die Leute sich anders vorgestellt. Das muss schlimm enden. Über der Krippe das Kreuz!
Merkwürdig, dass die Menschen über der deprimierenden Besatzungssituation der nachexilischen Zeit, unter der Unterdrückung der Perser, Griechen, Römer, diese Prophetenverse nicht vergessen haben. Dass nachfolgende Generationen sich durch die offensichtliche Verwüstung ihrer Gegenwart nicht die Hoffnung auf die Zukunft haben nehmen lassen.
Ich sehe einen Wald von Zeugen. Einen Wald royaler Hoffnungsbäume. Eine Truppe verrückter Hoffender. Einen Chor, der unbeirrt Hoffnungslieder singt. Während draußen die Müllabfuhr anrückt, um die abgeschmückten, vertrockneten Bäume einzusammeln und mit ihnen alle enttäuschten Hoffnungen und Wünsche der Weihnachtstage abzuräumen, träumen da Menschen unbeirrt von Freiheit und Heilung und dem Triumph der Unterdrückten.
Aus dem Staub der Nadeln blitzt etwas – und es ist mehr als übrig gebliebenes Lametta. Es ist der Glanz der Hoffnung. Menschen sehen das Funkeln und machen auch andere darauf aufmerksam. Siehe da: Es keimt und blüht aus abgehauenen Stümpfen. Zerbrochene Herzen werden verbunden. Trümmer werden aufgebaut.
So entsteht am 2. Sonntag nach dem Christfest schon eine Ahnung von Ostern. Wissend, dass es den Karfreitag gibt. Und immer wieder leidende und unterdrückte und zerstörte Menschenleben und zertrümmerte Hoffnungen. Und trotzige Freude, die sich nicht abfindet, sondern mutig und fröhlich behauptet, dass alles anderes wird. Dass aus dem Stumpf neues Leben sprießt und zu royalen Bäumen heranwächst.
Autoren
- Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Angela Rinn (Praktisch-theologische Resonanzen)
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