Deutsche Bibelgesellschaft

Römer 13,8-12 | 1. Sonntag im Advent | 30.11.2025

Einführung in den Römerbrief

1. Verfasser

Paulus diktierte dem Sekretär Tertius den Brief (vgl. 1,1 und 16,22: eigener Gruß des Tertius; keine Mitverfasser).

Paulus befindet sich an einem entscheidenden Punkt seiner langjährigen Missionsarbeit: Er will im Westen des Imperiums missionieren und plant eine Reise nach Spanien. Im Zusammenhang dieser Reise zu neuen potenziellen Missionsgebieten stellt er sich den römischen Christus-Gläubigen brieflich als Apostel der Nichtjuden vor und kündigt einen Aufenthalt in Rom an, bei dem er die römischen Christus-gläubigen Gemeindeglieder an seiner Evangeliumsverkündigung teilhaben lassen will. Außerdem hofft er auf Unterstützung bei seinen Reiseplänen. Zuvor will er aber die Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde, die die kleinasiatischen und griechischen Gemeinden aufgebracht haben, persönlich nach Jerusalem bringen, so dass sich sein Rombesuch noch verzögern wird.

2. Adressaten

Paulus schrieb den Brief an die „Berufenen Jesu Christi“, an „alle Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen“ in Rom (1,6f.).

Er spricht die Christus-gläubigen Adressaten nicht als „Gemeinde“ an (so in 1Kor 1,2 τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ). Die Exegeten schließen daraus, dass es in Rom in den fünfziger Jahren des 1. Jh.s nicht nur eine, sondern mehrere Gemeinden – oft als Hausgemeinden oder auch als „Gemeinden in römischen Mietblocks“ bezeichnet – gegeben habe. Wichtig ist,

  1. dass es sich bei den Adressaten nicht um Mitglieder einer paulinischen Gemeindegründung handelt,
  2. dass die Christus-gläubigen Römerinnen und Römer ganz überwiegend sogenannte Heidenchristen waren, d.h. nicht zum „Volk Israel“ gehörten,
  3. dass sie nur zu einem kleinen Teil Paulus persönlich bekannt waren (vgl. die Grußliste in Kap. 16), so dass der Römerbrief an eine wenig homogene, Paulus überwiegend unbekannte und ihm nicht verpflichtete Leserschaft gerichtet ist (Wischmeyer, Römerbrief, 445-447).

Daraus erklärt sich der sehr sachlich-theologische Gesamtduktus, der auch den ethischen Teil B des Briefes (Röm 12-14) bestimmt.

3. Entstehungsort und Entstehungszeit

Paulus schreibt nach Rom wohl im Jahr 56 aus Korinth (Röm 16,23; 1Kor 1,14; Apg 20,4).

4. Wichtige Themen

„Apostelamt des Paulus, Evangelium, Glaube, Gerechtigkeit Gottes, Juden und Griechen als Teilhaber an Gottes Gerechtigkeit, Israel, Verhältnis zum Imperium Romanum, Starke und Schwache, Mission des Paulus“ (Wischmeyer, Römerbrief, 429).

Besonders wichtig ist die Auslegungsgeschichte des Röm. Keine Exegese kann ohne eine Reflexion auf die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegungsgeschichte des Briefes auskommen. Der Röm war seit Erasmus und den Reformatoren – vor allem Luther, Melanchthon und Calvin – der Grundtext reformatorischer Theologie. Die „Rechtfertigungslehre“ entwickelte Luther maßgeblich aus seiner Lektüre des Galater- und Römerbriefes und seiner Interpretation der δικαιοσύνη θεοῦ vom Genitivus objectivus her: Gerechtigkeit, die vor Gott gilt bzw. Bestand hat, d.h. die Gerechtigkeit, die nicht aus der Gesetzeserfüllung, sondern aus dem Glauben kommt. Damit wurde Röm zugleich zum bleibenden Streitobjekt zwischen reformatorisch-protestantischer und katholischer Auslegung. Neuerdings muss die Christologie des Röm, die das Heil an den Glauben an Christus bindet, in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetzesverständnis neu diskutiert werden.

5. Aktuelle Fragen

Besonderes Interesse gilt in den letzten Jahren der religiös-ethnischen Identität des Paulus und einer damit verbundenen Distanzierung besonders von der christlich-theologischen Römerbriefinterpretation von Luther bis zu Barth und Bultmann. Wieweit ist Paulus auch nach seiner Beauftragung durch den erhöhten Christus (Gal 1,1.15) Jude (Röm 9,1-5) und Pharisäer (so Paula Fredriksen) geblieben? Diese Frage ist nicht nur für die Paulusinterpretation, sondern auch für die Rekonstruktion der Anfänge der christlichen Kirche von bleibender Bedeutung und wird exegetisch neu justiert werden müssen.

6. Besonderheiten

Röm ist der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Paulus. In mehreren ausführlichen thematisch zentrierten Textabschnitten behandelt Paulus entscheidende Themen seiner Missionsverkündigung:

Teil A In 1,16-11,36 legt er in mehreren Schritten sein „Evangelium“ dar, das „Juden und Nichtjuden (1,16) gilt.

  1. In Kap. 1,17-4,25 entfaltet er die Heilswirkung des Evangeliums vor dem Hintergrund der Ungerechtigkeit von Nichtjuden wie Juden. 3,21-31 ist das christologische Herzstück dieser Heilsbotschaft.
  2. In Kap. 5-8 entwickelt Paulus dann Einzelaspekte seiner Christologie.
  3. Kap. 9-11 ist ein eigener thematischer Traktat zum Verhältnis von Nichtjuden und Juden, der mit der Perspektive der Errettung von Nichtjuden wie Juden schließt und damit auch das Thema von 1,16 zum Abschluss bringt (11,26).

Teil B Von 12,1-15,13 stellt Paulus in einer reich gegliederten Paraklese (ermahnende Darlegung der Verhaltensformen in den Christus-gläubigen Gemeinden) Grundelemente gemeindlichen Verhaltens dar (darin: 13,1-7 zur „Obrigkeit“; 13,8-10 Liebe als Gesetzeserfüllung; Kap. 14 Starke und Schwache in der Gemeinde).

15,14-33 gelten der aktuellen Planung, Kap. 16 enthält ausführliche Grüße.

Literatur:

  • Fredriksen, P.: Paul, the Perfectly Righteous Pharisee, in: The Pharisees, hg. J. Sievers and A.-J. Levine, Eerdmans 2021.
  • Kleffmann, T.: Der Römerbrief des Paulus, Tübingen 2022 (theologisch-systematische Kommentierung des Röm).
  • Wischmeyer, O. / Becker, E.-M. (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen 32021; darin. Wischmeyer, O., Römerbrief, 429-469. Dort S. 468f. weiter kurz kommentierte Literatur.
  • Wolter, M.: Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8. EKKNF VI/1, Neukirchen-Vluyn 2014. Teilband 2: Röm 9-16. EKKVI/2, Neukirchen-Vluyn 2019.

A) Exegese kompakt: Römer 13,8-12

8Μηδενὶ μηδὲν ὀφείλετε εἰ μὴ τὸ ἀλλήλους ἀγαπᾶν· ὁ γὰρ ἀγαπῶν τὸν ἕτερον νόμον πεπλήρωκεν. 9τὸ γὰρ οὐ μοιχεύσεις, οὐ φονεύσεις, οὐ κλέψεις, οὐκ ἐπιθυμήσεις, καὶ εἴ τις ἑτέρα ἐντολή, ἐν τῷ λόγῳ τούτῳ ἀνακεφαλαιοῦται [ἐν τῷ]· ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. 10ἡ ἀγάπη τῷ πλησίον κακὸν οὐκ ἐργάζεται· πλήρωμα οὖν νόμου ἡ ἀγάπη. 11Καὶ τοῦτο εἰδότες τὸν καιρόν, ὅτι ὥρα ἤδη ὑμᾶς ἐξ ὕπνου ἐγερθῆναι, νῦν γὰρ ἐγγύτερον ἡμῶν ἡ σωτηρία ἢ ὅτε ἐπιστεύσαμεν. 12ἡ νὺξ προέκοψεν, ἡ δὲ ἡμέρα ἤγγικεν. ἀποθώμεθα οὖν τὰ ἔργα τοῦ σκότους, ἐνδυσώμεθα [δὲ] τὰ ὅπλα τοῦ φωτός.

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Übersetzung

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn das [was da gesagt ist]: „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, wird in diesem Wort zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. 11 Und das [tut], weil ihr die Zeit kennt, dass schon die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, jetzt nämlich ist unsere Rettung näher als [zu der Zeit], da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns nun ablegen die Taten der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

τὸν ἕτερον wird bei Paulus öfter für „den Nächsten“ verwendet (Röm 2,1.21 u.ö.). Grammatisch möglich ist auch die Beziehung zu „Gesetz“ (Wer Liebe übt, hat auch das übrige Gesetz erfüllt). Die Aussage verändert sich nicht wesentlich. ἀνακεφαλαιοῦται: „summieren“, „summarisch zusammenfassen“ (Lohse, 361). Πλήρωμα: „Akt der Erfüllung“ (Lohse 362). Der Beginn von V.11 enthält eine Verkürzung: das finite Verb fehlt.

2. Literarische Gestaltung

Der Abschnitt beginnt mit typischer Paränese, dem Aufruf zur Nächstenliebe. In den V. 8b– 10 begründet Paulus diese Mahnung mit einem Rückgriff auf die Schrift (Dekalog) und schließt mit einer Definition ex negativo: τῷ πλησίον κακὸν οὐκ ἐργάζεται, und einer Gnome: πλήρωμα οὖν νόμου ἡ ἀγάπη. Die V.11f. enthalten eine zweite Vertiefung der Mahnung zur Nächstenliebe: Paulus argumentiert jetzt mit der Zeit (καιρός). Er verwendet geläufige ethisch-eschatologisch ausgerichtete Metaphorik: Tag – Nacht, schlafen – wachen, Licht – Dunkelheit. Den Abschluss bildet wieder eine typische Paränese, die Aufforderung, Gutes zu tun (metaphorisch formuliert).

3. Kontext und historische Einordnung

Kontext: der Abschnitt gehört in der ersten Teil der Paränese des Römerbriefes (Kap. 12f.), in dem Paulus sich allgemeinen ethischen Themen widmet: das Gute, Liebe, anständiger Wandel (13,13f.). In 13,8–10 geht es zentral um die Nächstenliebe. Die Verse 11–14 behandeln das Thema „ethischer Wandel in der ‚letzten Zeit‘ “. Unser Perikopenzuschnitt trennt gegen den Textsinn die Verse 11f. und 13f. voneinander. Damit wird nur der Grundsatz angemessenen ethischen Verhaltens in der Endzeit thematisiert, nicht aber die praktische Umsetzung.

Historische Einordnung: siehe zu Röm 12.

5. Theologische Perspektivierung

Röm 12,8–10 ist neben 1Kor 13 ein zentraler Liebestext des Paulus. Aber anders als in 1Kor bedenkt Paulus hier die Liebe nicht im Zusammenhang mit den Charismen, sondern in der Auseinandersetzung mit dem Gesetz. Paulus konkretisiert das Gesetz, indem er Hauptgebote des Dekalogs aufzählt. Dabei fällt auf, dass er die Gebote mit einer gewissen Nonchalance zitiert, ihre Abfolge ändert und mit der vagen Wendung „und welches Gebot es sonst gibt“ die Bedeutung der Gebote reduziert. Seine These ist – im Einklang mit der Verkündigung Jesu nach Mk 12,28-34 –, dass die Nächstenliebe alle Gebote umfasse und erfülle. Sie ist identisch mit dem Tun des Guten. Diese grundsätzliche Aussage, die weitreichende Konsequenzen für die Bedeutung des Gesetzes Israels einerseits und für das Verhältnis der Menschen zueinander andererseits hat, wird von Paulus geradezu apodiktisch vorgetragen. Die Konsequenzen werden nicht erörtert. Es geht nur um die Nächstenliebe als Gesetzeserfüllung. 1Kor 13 setzt andere Akzente.

Literatur

  • E. Lohse, Der Brief an die Römer. Meyers Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament 4, Göttingen 2003.
  • O. Wischmeyer, E.-M. Becker, Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe, UTB 2767, Tübingen 32021.
  • O. Wischmeyer, Liebe als Agape, Tübingen 2015.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

Die Operationalisierung von Liebe

1. Persönliche Resonanzen

Der exegetische Teil betont, dass Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom einen Grundsatz (und Satz ist hier wörtlich zu verstehen) für die christliche Lebensführung in der angebrochenen Endzeit formuliert und diesen geradezu „apodiktisch vorträgt“, ihn also gar nicht erst argumentativ herleiten muss. Es geht um das ethische Verhalten in der ‚letzten Zeit‘. Dass der Perikopenzuschnitt „geläufige ethisch-eschatologische Metaphorik“ verwendet und dabei weder ausführt, was Paulus unter ‚Liebe‘ versteht, noch konkretere Angaben zum Anbruch der Endzeit macht, steht der Bedeutung des Texts nicht entgegen, sondern eröffnet für das Predigen Spielraum und vielfache Anschlussmöglichkeiten. Es wird nicht verkehrt sein, auf den anderen zentralen Liebestext zu verweisen, das Hohelied der Liebe 1 Kor 13, das Weltliteratur geworden ist. Dies hilft, die etwas spröde Rhetorik im Predigttext aufzufüllen und geschmeidig zu machen. 

2. Thematische Fokussierung

Der Text, insbesondere in V. 11–12, ruft die Erinnerung an seine Rezeption in einem Kirchenlied ab, auf die ich die Predigt aufbauen kann: Jochen Kleppers Gedicht „Die Nacht ist vorgedrungen“, entstanden am 18. Dezember 1937, hat sich – auch dank seines „dichten Gewebes von Bibel- und Liedzitaten“ und einer „kongenialen Melodie“ von Johannes Petzold 1939 (Schulz 2001, 12.14) – in der deutschen Lied-Literatur hohe Geltung erarbeitet. Es fokussiert deutlich auf den zweiten Teil der Perikope, aber der zeitgeschichtliche Kontext verweist sowohl auf die konkret-existenzielle Erfahrung einer finsteren Zeit als auch die Haltung, mit der Klepper ihr entgegentritt. Zugleich ist das Schicksal Kleppers und seiner Familie auch ein Hinweis auf die existenzielle Finsternis. Nach dem Publikationsverbot für ihn, dem Ausschluss aus der Reichsschrifttumkammer und schließlich auch der Wehrmacht wegen „Unwürdigkeit“ haben die NS-Behörden seiner jüdischen Frau Renate 1942 die Ausreise nach Schweden verweigert. Das Ehepaar setzt mit einem gemeinsamen Suizid um, was Klepper, der wiederkehrend unter Depressionen litt, schon 1933 andeutete: „Wir wollen zusammen sterben. Und soweit ich Mensch bin, sage ich nun: Der Mensch, der mein Leben ist, soll auch die letzte Stunde meines Lebens bestimmen. Und dann ist nur noch Gott.“ (zit. Heiland, 33) Diese letzte Hoffnung prägt auch die 5. Strophe des Lieds. Aber es ist auch die Erfahrung einer unzerstörbaren Liebe, die trägt.

Unabhängig von der konkreten Situation der Adressaten und Adressatinnen des Predigttextes in der Hauptstadt des Imperiums kommt durch die Rezeptionsgeschichte sein Ermutigungs- und Trostcharakter zur Geltung. Paulus geht es nicht um die Formulierung einer immergültigen Allerweltsethik, sondern um eine Grundhaltung der Christinnen und Christen, die gegen den Augenschein (es wird immer dunkler!) sich auf das Handeln Gottes verlässt, das längst schon am Werk ist und zwar überall, wo aus Liebe gehandelt wird. Liebe ist das Herz und die Wirklichkeit des Gesetzes Gottes. Zeichen der Liebe, wie klein oder groß sie auch sind, sind die „Waffen des Lichts“, mit denen die Nacht der Finsternis vergeht. 

3. Theologische Aktualisierung

Von der Grundstimmung endzeitlicher Gefühle her erschließt sich die auf ein Mindestmaß komprimierte Paränese der Verse 8–10. In keiner Weise relativiert Paulus mit seiner summarischen Bündelung „und was da sonst an Geboten ist“ (V. 9) die Gebote der hebräischen Bibel oder ‚das Gesetz‘ an sich. Wie Mk 12,28-34 ist auch hier die Liebe zum Nächsten Essenz und Erfüllung des Gesetzes, ja Wesen und Geschmack des Evangeliums. Der Hinweis in Teil A zur Übersetzung von V. 8, dass τὸν ἕτερον auch den Anderen, den Nächsten meinen kann, nicht das übrige Gesetz, eröffnet Resonanzen. Es bietet sich an, hier an den zum Allgemeingut gewordenen Satz des Augustinus zu erinnern: Liebe, und was du willst, das tue! Genauer formuliert Augustinus unter Bezug auf Gott: „Wer Gott liebt, will seine Gebote erfüllen, will lieben, was Gott liebt, will den Nächsten wie sich selbst lieben; wer den Nächsten liebt wie sich selbst, der liebt Gott.“ (Augustinus, trin. VIII, vii, 10, vgl. Breitsameder). Es geht bei Augustinus wie bei Paulus also weder um eine romantische Liebeskonzeption noch um einen Freibrief, dass man, wenn man liebe, alles tun dürfe und sich eigentlich alles weitere von selbst ergebe. Nein! Es ist die Liebe Gottes, die Christinnen und Christen mit ihrem gläubig werden (V. 11) umfängt. Es ist die Liebe, die sie bewegt, in Zeichen der Liebe anderen zum Licht in deren Finsternis zu werden. Gott ist in dunkler Nacht zur Welt gekommen und den Menschen heilend und heilbringend begegnet! Ihm folgen wir nach. Das Halten und Erfüllen der Gebote Anderen gegenüber ist die Operationalisierung der Liebe, es macht die anderen zu Nächsten, im besten Fall sogar zu Brüdern und Schwestern. Das verlangt nach entschiedenem Tun.

Deshalb lohnt als weitere neutestamentliche Lesung zum Sonntag sogar der Abschnitt aus Offb 3,14-22, wobei es v.a. die Verse 14–16 sind, an die hier zu erinnern ist. Ein Text, aus dem die endzeitliche Stimmung in gesteigerter Weise spricht und der nach einer couragierten und gott-bewussten Haltung verlangt, die in entsprechendem Handeln erkennbar ist. Christliche Ethik ist aber nicht nur eine Ethik für dunkle Zeiten, sondern auch und gerade in Konflikten, die sich durch Ambivalenz und Unklarheit auszeichnen, und in denen immer wieder abgewogen werden muss, was – aus Liebe – geboten ist. Die Betonung in V. 10, dass Liebe dem anderen „nichts Böses“ tut, findet sich in heutigen Entwürfen einer Prinzipienethik wieder, wie sie etwa von Thomas Beauchamp und James Childress formuliert wurden. Um mit ambivalenten Situationen in medizinischen Konfliktsituationen umgehen zu können, in denen nicht klar ist, was „gut und richtig“ – also geboten – ist, haben Beauchamp und Childress vier Prinzipien formuliert, von denen zwei eigentlich schon im Paulusbrief begegnen: die Prinzipien der Benefizenz (des ‚Wohltuns‘ oder Nutzens) und der Non-Malefizenz (des ‚Nicht-Schadens‘). Die Operationalisierung von Liebe erfolgt in Gestalt des Abwägens, wie man Anderen nicht Schaden zufügt (das schließt auch die Fremden ein!) und wie man ihnen Gutes tut, zu ihrem Wohlergehen beitragen kann. Die beiden weiteren Prinzipien der Autonomie und der Gerechtigkeit lassen sich ebenfalls aus einem Verständnis von Liebe ableiten: am Anderen nicht gegen seinen Willen tätig zu werden und die Abschätzung der Folgen des eigenen caritativen Handelns für andere und für das Sozialsystem.   

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der erste Advent ist einer der am meisten geprägten Sonntage des Kirchenjahres. Die Perikope aus dem Römerbrief lässt sich nicht ohne weiteres mit dem Evangelium Mt 21,1-11 zusammen denken. Bei den alttestamentlichen Texten Psalm 24 und Sach 9,9-10 als Lesetexte für diesen Sonntag wäre darauf zu achten, sie als Referenztexte eschatologischer Erwartung zu intonieren. Das ist auch in den anderen Predigttexten wie Off 3,14–22 oder Jer 23,5-8 zu hören. Röm 13,8-12 macht bewusst, dass die adventliche Zeit Endzeit-Stimmung intoniert, aber in dieser Endzeitstimmung weder zu kollektiver Depression aufruft noch eine weltvergessene Vorweihnachts-Stimmung (wie auf den Weihnachtsmärkten um die Predigtkirchen herum) verbreiten will. Der Text lädt zu entschiedenem Liebes-Handeln in einer Welt von Hass und Hate-Speech ein, zu einer kontrafaktisch scheinenden Barmherzigkeit. Am deutlichsten wird dies, wenn das Klepper-Lied (evangelisch EG 16, katholisch GL 111, mennonitisch MG 249 und im Gesangbuch Feiern & Loben FL 190) Bezugslied im Gottesdienst ist.

5. Anregungen

Der Hinweis des Paulus auf das Ablegen der Taten der Finsternis und das Anlegen der Waffen des Lichts kann umgesetzt werden in eine kleine Inszenierung des Entzündens der ersten Kerze auf dem Adventskranz. Die dunkle Farbe und der stachelige Charakter des Kranzes – sofern er aus Tannenzweigen und -nadeln gebunden ist – kann verbunden werden mit einem Anzünden kleiner Lichter auf dem Altar, bei denen an ‚Zeichen der Liebe‘ erinnert wird, die in der Gemeinde, im privaten Leben oder aus der homiletischen Großwetterlage bewusst sind. Das Entfachen der ersten Adventskerze kann dann als ein Bündeln des Licht-Werdens durch Liebe inszeniert werden.   

Literatur

  • T. L. Beauchamp / J. F. Childress: Principles of Biomedical Ethics, New York 41994.
  • C. Breitsameter, Liebe – Formen und Normen, Freiburg 2017.
  • H. Heiland: Jochen Klepper (22.3.1903–11.12.1942)., in: Erziehen heute 43 (1993) 1, 30-35 DOI: 10.25656/01:157.
  • F. Schulz: Die Nacht ist vorgedrungen, in: G. Hahn, J. Henkys (Hg.), Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Band 3.2, Göttingen.

Autoren

  • Prof. Dr. Dr. hc Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
  • Prof. Dr. Traugott Roser (Praktisch-theologische Resonanzen)

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