Römer 13,8-12 | 1. Sonntag im Advent | 30.11.2025
Einführung in den Römerbrief
1. Verfasser
Paulus diktierte dem Sekretär Tertius den Brief (vgl. 1,1
Paulus befindet sich an einem entscheidenden Punkt seiner langjährigen Missionsarbeit: Er will im Westen des Imperiums
2. Adressaten
Paulus schrieb den Brief an die „Berufenen Jesu Christi“, an „alle Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen“ in Rom (1,6f.
Er spricht die Christus-gläubigen Adressaten nicht als „Gemeinde“ an (so in 1Kor 1,2
- dass es sich bei den Adressaten nicht um Mitglieder einer paulinischen Gemeindegründung handelt,
- dass die Christus-gläubigen Römerinnen und Römer ganz überwiegend sogenannte Heidenchristen waren, d.h. nicht zum „Volk Israel“ gehörten,
- dass sie nur zu einem kleinen Teil Paulus persönlich bekannt waren (vgl. die Grußliste in Kap. 16), so dass der Römerbrief an eine wenig homogene, Paulus überwiegend unbekannte und ihm nicht verpflichtete Leserschaft gerichtet ist (Wischmeyer, Römerbrief, 445-447).
Daraus erklärt sich der sehr sachlich-theologische Gesamtduktus, der auch den ethischen Teil B des Briefes (Röm 12-14
3. Entstehungsort und Entstehungszeit
4. Wichtige Themen
„Apostelamt des Paulus, Evangelium, Glaube, Gerechtigkeit Gottes, Juden und Griechen als Teilhaber an Gottes Gerechtigkeit, Israel, Verhältnis zum Imperium Romanum, Starke und Schwache, Mission des Paulus“ (Wischmeyer, Römerbrief, 429).
Besonders wichtig ist die Auslegungsgeschichte des Röm. Keine Exegese kann ohne eine Reflexion auf die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegungsgeschichte des Briefes auskommen. Der Röm war seit Erasmus und den Reformatoren – vor allem Luther, Melanchthon und Calvin – der Grundtext reformatorischer Theologie. Die „Rechtfertigungslehre“ entwickelte Luther maßgeblich aus seiner Lektüre des Galater- und Römerbriefes und seiner Interpretation der δικαιοσύνη θεοῦ vom Genitivus objectivus her: Gerechtigkeit, die vor Gott gilt bzw. Bestand hat, d.h. die Gerechtigkeit, die nicht aus der Gesetzeserfüllung, sondern aus dem Glauben kommt. Damit wurde Röm zugleich zum bleibenden Streitobjekt zwischen reformatorisch-protestantischer und katholischer Auslegung. Neuerdings muss die Christologie des Röm, die das Heil an den Glauben an Christus bindet, in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetzesverständnis neu diskutiert werden.
5. Aktuelle Fragen
Besonderes Interesse gilt in den letzten Jahren der religiös-ethnischen Identität des Paulus und einer damit verbundenen Distanzierung besonders von der christlich-theologischen Römerbriefinterpretation von Luther bis zu Barth und Bultmann. Wieweit ist Paulus auch nach seiner Beauftragung durch den erhöhten Christus (Gal 1,1
6. Besonderheiten
Röm ist der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Paulus. In mehreren ausführlichen thematisch zentrierten Textabschnitten behandelt Paulus entscheidende Themen seiner Missionsverkündigung:
Teil A In 1,16-11,36 legt er in mehreren Schritten sein „Evangelium“ dar, das „Juden und Nichtjuden (1,16
- In Kap. 1,17-4,25 entfaltet er die Heilswirkung des Evangeliums vor dem Hintergrund der Ungerechtigkeit von Nichtjuden wie Juden. 3,21-31
ist das christologische Herzstück dieser Heilsbotschaft. - In Kap. 5-8 entwickelt Paulus dann Einzelaspekte seiner Christologie.
- Kap. 9-11 ist ein eigener thematischer Traktat zum Verhältnis von Nichtjuden und Juden, der mit der Perspektive der Errettung von Nichtjuden wie Juden schließt und damit auch das Thema von 1,16
zum Abschluss bringt (11,26 ).
Teil B Von 12,1-15,13 stellt Paulus in einer reich gegliederten Paraklese (ermahnende Darlegung der Verhaltensformen in den Christus-gläubigen Gemeinden) Grundelemente gemeindlichen Verhaltens dar (darin: 13,1-7
Literatur:
- Fredriksen, P.: Paul, the Perfectly Righteous Pharisee, in: The Pharisees, hg. J. Sievers and A.-J. Levine, Eerdmans 2021.
- Kleffmann, T.: Der Römerbrief des Paulus, Tübingen 2022 (theologisch-systematische Kommentierung des Röm).
- Wischmeyer, O. / Becker, E.-M. (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen 32021; darin. Wischmeyer, O., Römerbrief, 429-469. Dort S. 468f. weiter kurz kommentierte Literatur.
- Wolter, M.: Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8. EKKNF VI/1, Neukirchen-Vluyn 2014. Teilband 2: Röm 9-16. EKKVI/2, Neukirchen-Vluyn 2019.
A) Exegese kompakt: Römer 13,8-12
Übersetzung
8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn das [was da gesagt ist]: „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, wird in diesem Wort zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. 11 Und das [tut], weil ihr die Zeit kennt, dass schon die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, jetzt nämlich ist unsere Rettung näher als [zu der Zeit], da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns nun ablegen die Taten der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
τὸν ἕτερον wird bei Paulus öfter für „den Nächsten“ verwendet (Röm 2,1
2. Literarische Gestaltung
Der Abschnitt beginnt mit typischer Paränese
3. Kontext und historische Einordnung
Kontext: der Abschnitt gehört in der ersten Teil der Paränese des Römerbriefes (Kap. 12f.
Historische Einordnung: siehe zu Röm 12
5. Theologische Perspektivierung
Röm 12,8–10
Literatur
- E. Lohse, Der Brief an die Römer. Meyers Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament 4, Göttingen 2003.
- O. Wischmeyer, E.-M. Becker, Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe, UTB 2767, Tübingen 32021.
- O. Wischmeyer, Liebe als Agape, Tübingen 2015.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
Die Operationalisierung von Liebe
1. Persönliche Resonanzen
Der exegetische Teil betont, dass Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom einen Grundsatz (und Satz ist hier wörtlich zu verstehen) für die christliche Lebensführung in der angebrochenen Endzeit formuliert und diesen geradezu „apodiktisch vorträgt“, ihn also gar nicht erst argumentativ herleiten muss. Es geht um das ethische Verhalten in der ‚letzten Zeit‘. Dass der Perikopenzuschnitt „geläufige ethisch-eschatologische Metaphorik“ verwendet und dabei weder ausführt, was Paulus unter ‚Liebe‘ versteht, noch konkretere Angaben zum Anbruch der Endzeit macht, steht der Bedeutung des Texts nicht entgegen, sondern eröffnet für das Predigen Spielraum und vielfache Anschlussmöglichkeiten. Es wird nicht verkehrt sein, auf den anderen zentralen Liebestext zu verweisen, das Hohelied der Liebe 1 Kor 13
2. Thematische Fokussierung
Der Text, insbesondere in V. 11–12, ruft die Erinnerung an seine Rezeption in einem Kirchenlied ab, auf die ich die Predigt aufbauen kann: Jochen Kleppers Gedicht „Die Nacht ist vorgedrungen“, entstanden am 18. Dezember 1937, hat sich – auch dank seines „dichten Gewebes von Bibel- und Liedzitaten“ und einer „kongenialen Melodie“ von Johannes Petzold 1939 (Schulz 2001, 12.14) – in der deutschen Lied-Literatur hohe Geltung erarbeitet. Es fokussiert deutlich auf den zweiten Teil der Perikope, aber der zeitgeschichtliche Kontext verweist sowohl auf die konkret-existenzielle Erfahrung einer finsteren Zeit als auch die Haltung, mit der Klepper ihr entgegentritt. Zugleich ist das Schicksal Kleppers und seiner Familie auch ein Hinweis auf die existenzielle Finsternis. Nach dem Publikationsverbot für ihn, dem Ausschluss aus der Reichsschrifttumkammer und schließlich auch der Wehrmacht wegen „Unwürdigkeit“ haben die NS-Behörden seiner jüdischen Frau Renate 1942 die Ausreise nach Schweden verweigert. Das Ehepaar setzt mit einem gemeinsamen Suizid um, was Klepper, der wiederkehrend unter Depressionen litt, schon 1933 andeutete: „Wir wollen zusammen sterben. Und soweit ich Mensch bin, sage ich nun: Der Mensch, der mein Leben ist, soll auch die letzte Stunde meines Lebens bestimmen. Und dann ist nur noch Gott.“ (zit. Heiland, 33) Diese letzte Hoffnung prägt auch die 5. Strophe des Lieds. Aber es ist auch die Erfahrung einer unzerstörbaren Liebe, die trägt.
Unabhängig von der konkreten Situation der Adressaten und Adressatinnen des Predigttextes in der Hauptstadt des Imperiums kommt durch die Rezeptionsgeschichte sein Ermutigungs- und Trostcharakter zur Geltung. Paulus geht es nicht um die Formulierung einer immergültigen Allerweltsethik, sondern um eine Grundhaltung der Christinnen und Christen, die gegen den Augenschein (es wird immer dunkler!) sich auf das Handeln Gottes verlässt, das längst schon am Werk ist und zwar überall, wo aus Liebe gehandelt wird. Liebe ist das Herz und die Wirklichkeit des Gesetzes Gottes. Zeichen der Liebe, wie klein oder groß sie auch sind, sind die „Waffen des Lichts“, mit denen die Nacht der Finsternis vergeht.
3. Theologische Aktualisierung
Von der Grundstimmung endzeitlicher Gefühle her erschließt sich die auf ein Mindestmaß komprimierte Paränese der Verse 8–10. In keiner Weise relativiert Paulus mit seiner summarischen Bündelung „und was da sonst an Geboten ist“ (V. 9) die Gebote der hebräischen Bibel oder ‚das Gesetz‘ an sich. Wie Mk 12,28-34
Deshalb lohnt als weitere neutestamentliche Lesung zum Sonntag sogar der Abschnitt aus Offb 3,14-22
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der erste Advent ist einer der am meisten geprägten Sonntage des Kirchenjahres. Die Perikope aus dem Römerbrief lässt sich nicht ohne weiteres mit dem Evangelium Mt 21,1-11
5. Anregungen
Der Hinweis des Paulus auf das Ablegen der Taten der Finsternis und das Anlegen der Waffen des Lichts kann umgesetzt werden in eine kleine Inszenierung des Entzündens der ersten Kerze auf dem Adventskranz. Die dunkle Farbe und der stachelige Charakter des Kranzes – sofern er aus Tannenzweigen und -nadeln gebunden ist – kann verbunden werden mit einem Anzünden kleiner Lichter auf dem Altar, bei denen an ‚Zeichen der Liebe‘ erinnert wird, die in der Gemeinde, im privaten Leben oder aus der homiletischen Großwetterlage bewusst sind. Das Entfachen der ersten Adventskerze kann dann als ein Bündeln des Licht-Werdens durch Liebe inszeniert werden.
Literatur
- T. L. Beauchamp / J. F. Childress: Principles of Biomedical Ethics, New York 41994.
- C. Breitsameter, Liebe – Formen und Normen, Freiburg 2017.
- H. Heiland: Jochen Klepper (22.3.1903–11.12.1942)., in: Erziehen heute 43 (1993) 1, 30-35 DOI: 10.25656/01:157.
- F. Schulz: Die Nacht ist vorgedrungen, in: G. Hahn, J. Henkys (Hg.), Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Band 3.2, Göttingen.
Autoren
- Prof. Dr. Dr. hc Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Traugott Roser (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500153
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