Matthäus 21,1-11 | 1. Sonntag im Advent | 01.12.2024
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 21,1-11
Übersetzung
1 Und als sie sich Jerusalem näherten und kamen nach Betfage zum Berg der Ölbäume (= Ölberg), da sandte Jesus zwei Jünger 2 und sagte ihnen: Geht in das Dorf, das gegenüber von euch, und ihr werdet rasch eine angebundene Eselin finden und ein Fohlen mit ihr. Nachdem ihr sie losgebunden habt, führt (sie) zu mir. 3 Und wenn einer etwas zu euch sagen sollte, könnt ihr ihm sagen, dass der Herr ihrer bedarf. Rasch aber wird er sie senden. 4 Dies aber ist geschehen, damit erfüllt wird das Gesagte durch den Propheten, wenn er sagt (Sach 9,9): 5 „Sagt der Tochter Zion:
Siehe, dein König kommt zu dir,
sanftmütig und aufgesessen auf einem Esel
und auf einem Fohlen, Nachkomme eines Zugtieres.
6 Indem die Jünger so hingingen und taten, wie es ihnen Jesus befohlen hatte 7, führten sie die Eselin und das Fohlen und legten auf sie (Plural) die Obergewänder, und er setzte sich oben auf sie. 8 Aber der Großteil der Menge breitete ihre eigenen Obergewänder auf dem Weg aus, einige aber hieben Zweige von den Bäumen und breiten sie auf dem Weg aus. 9 Aber die Massen, die vor ihm hergingen und die ihm folgten schrien und sagten (Ps 118,25f.):
Hosanna dem Sohn Davids!
Es sei gesegnet der Kommende im Namen des Herrn!
Hosanna (Ps 118,25) in den höchsten Höhen (Ps 148,1)!
10 Und als er nach Jerusalem hineinkam, war die ganze Stadt(bevölkerung) in Aufregung versetzt und sagte: „Wer ist dieser? 11 Aber die Massen sagten: „Dies ist der Prophet Jesus, der aus dem Nazareth Galiläas."
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.1 Die Ortslage Betfage (nur hier sowie Mk 11,1
V.3 ὁ κύριος αὐτῶν „ihr Herr“ – diskutiert wird, ob damit Gott gemeint ist, oder der eigentliche Besitzer der Tiere, den man sich in der Begleitung Jesu vorstellt, oder – und das ist am wahrscheinlichsten – Jesus als königlicher Messias, der sein Königsrecht (vgl. 1Sam 8,16
V.5 Zum Zitat aus Sacharja: Im ersten Teil ersetzt der Evangelist (oder seine Vorlage) die Anrede „Freue dich sehr, Tochter Zion“ Sach 9,9
„Dein König kommt zu dir“ (σοι): dieses „zu dir“ kann auch, entsprechend dem hebräischen Text, als „für dich“ übersetzt werden.
„sanftmütig und auf einem Esel reitend“ – während der hebr. Text vier Aussagen über den messianischen Zionskönig macht („ein Gerechter“, „ein Geretteter“, „ein Armer/Demütiger“ und einer, der auf einem Esel
V.7 καὶ ἐπεκάθισεν ἐπάνω αὐτῶν – „und er setzte sich auf sie“: die meisten Kommentare sehen hier ein Problem, indem sie das Possessivpronomen αὐτῶν (Genitiv Plural) auf die beiden Tiere beziehen statt auf die voranstehenden Obergewänder (τὰ ἱμάτια). So soll der unsinnige Eindruck erweckt werden, dass Jesus gleichzeitig auf beiden Eseln saß (die Parallelberichte Mk 11,2.5
V.8 Mt verwendet das seltene Verb στρωννύω „ausbreiten“ (6-mal im NT) in diesem Vers gleich zweimal: 1. für das Ausbreiten der Kleider und 2. für das Ausstreuen der Zweige. Im NT dominiert der erste Gebrauch, indem das Verb abgesehen von dieser Stelle immer im Zusammenhang mit Textilien (Gewänder oder Sitzpolster) verwendet wird, vgl. Mk 11,8
Zum Abhauen der Zweige von den Bäumen: Bei Matthäus wird dies als eine spontane Reaktion geschildert, ausgelöst durch den dem Esel reitenden Jesus; bei Lukas fehlt dieses Element, Markus lässt die Menschen Laubbüschel oder Gräser von den Feldern holen (11,8b
V.9 Zur Begrüßung des Herrschers mit Lobgesängen und Segenswünschen s. 1Makk 13,51
ὡσαννά ist die Wiedergabe des hebräischen Bittrufs hōschī‘āh nā’ aus Ps 118,25
εὐλογημένος ὁ ἐρχόμενος ἐν ὀνόματι κυρίου – „Es sei gesegnet der Kommende im Namen des Herrn!“: dieser Halbvers aus Ps 118,26
2. Literarische Gestalt und Kontext
Der zeichenhafte Einzug Jesu nach Jerusalem wird von allen vier Evangelisten berichtet und bildet den Auftakt zur Passionsgeschichte. Das von Markus vorgeprägte Wochenschema beginnt mit diesem ersten Einzug in Jerusalem („Palmsonntag“), während Johannes von mehreren Besuchen in Jerusalem weiß. Matthäus beschreibt von 21,1–17 den ersten Tag, 21,18
3. Historische Einordnung
Historisch spricht nichts dagegen, dass Jesus seinen Einzug in Jerusalem in einer Weise inszeniert hat, die an die Zeichenhandlungen der biblischen Propheten erinnerten. Dass er in Jerusalem die Entscheidung suchte, ist einerseits historisch wahrscheinlich (vgl. Lk 13,32f.
Der Hinweis der „Menschenmengen“ (V.8f.11), der Einziehende sei „der Prophet Jesus, der aus Nazareth in Galiläa“ (V.11) zeigt an, dass es sich hier um die Pilgerscharen aus Galiläa handelt, unter denen Jesus seine Wunder getan und die er ins Staunen versetzt hat (vgl. Mt 9,33b
4. Schwerpunkte der Interpretation
Zwei ineinander verwobene Erzähllinien von Matthäus kommen in der Einzugsperikope zusammen: Jesus reitet als der erwartete Nachkomme Davids, der „im Namen des Herrn“ zu seinem Volk kommt, in seine Stadt ein und auch dieses Geschehen ist in der Schrift bereits vorgezeichnet: das Sacharja-Zitat ist das erste Erfüllungszitat seit 13,35
Besonders das Sacharja-Zitat (nur bei Matthäus und – weniger prononciert – in Joh 12,14
5. Theologische Perspektivierung
Die Einzugsgeschichte mit dem „Hosanna dem Sohn Davids“ wird oft mit dem Ruf der „Menschenmengen“ (27,20
Der Schwerpunkt liegt dann auf den beiden alttestamentlichen Zitaten und den in ihnen verborgenen Hoffnungen, die sich erst rückblickend erschließen: so wie bei Jesu Geburt noch nicht klar war, wie sich durch dieses Kind das Heil der Welt verwirklicht, so haben auch die jubelnden Festpilger noch nicht verstanden, wer hier als sanftmütiger König in seine Stadt einzieht. Erst von Ostern her wird rückblickend deutlich, dass mit ihm einer gekommen ist, der einen anderen, tieferen Frieden brachte: Einen Frieden, der nicht auf dem Sieg über die Feinde und nicht auf dem Tod und Leiden anderer basiert, sondern auf der Bereitschaft dieses Messiaskönigs, für sein Volk zu leiden. Er erweist die Hingabe für andere als den wahrhaftig königlichen Weg, um aus der Vergeltungsspirale zur Vergebung und damit zur Versöhnung zu finden.
Literatur
- Hengel, Martin u. Anna Maria Schwemer, Jesus und das Judentum, Geschichte des frühen Christentums 1, Tübingen 2007, 551–555.
- Hossfeld, Frank-Lother u. Erich Zenger: Psalmen 101–150, HThKAT, Freiburg 2008, 309–336 (zu Psalm 118).
- Küchler, Max: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, OLB IV/2, Göttingen 2007, 790–810.913–942.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem ist mir durch ihre Doppelpräsenz im Kirchenjahr (am Ersten Advent in der matthäischen Fassung, am Palmsonntag in der johanneischen Version
Dass der Evangelist Jesus auf ein weibliches Reittier setzt wie einstmals König Salomo
Interessant fand ich überdies, dass sich durch die Exegese mein Bild der Menschenmenge differenziert hat, die in der Geschichte vorkommt. Bisher erschien mir diese Menge eher als eine opake Masse. Nun unterscheide ich Jünger und galiläische Pilger, die vor und hinter Jesus einhergehen, Kleider und Zweige ausbreiten und Hosianna rufen. Daneben die Jerusalemer Stadtbevölkerung, die herausgefordert und neugierig auf das Spektakel reagiert. Wegen des Hinweises auf Mt 21,15
2. Thematische Fokussierung
An welcher Stelle lässt sich der Predigttext „packen“? Welche Anknüpfungspunkte bietet er für eine Predigt im hier und heute? Verschiedenes ist möglich:
Man könnte zum einen auf das inszenatorische Moment von Jesu Ankunft in Jerusalem fokussieren, also der symbolträchtigen Wahl einer Eselsstute nachgehen und sie ins Verhältnis setzen zu anderen Ankunftsszenarien bzw. den entsprechenden Inszenierungen. Das könnten biblische Szenen (König Salomo) sein oder Szenen aus unserer alltäglichen Lebenswelt (Wie betritt ein neuer Schüler am ersten Schultag den Klassenraum? Wie stellt sich die neue Klinikdirektorin vor?). Natürlich ließe sich genauso das Eintreffen von Politikerinnen oder religiösen Amtsträgern bei Staatsbesuchen in den Blick nehmen – oder Stars auf dem roten Teppich.
Ein anderer Ansatzpunkt könnten die Reaktionen der Menschen auf Jesu Ankunft sein und hier insbesondere der freudige, laute (und, wie die Exegese deutlich gemacht hat, keineswegs irrtümliche) Jubel, der die Geräuschkulisse der Geschichte bildet. Aus welchen nachvollziehbaren, aber zugleich auch verstörenden Gründen jubeln Menschen bestimmten Personen zu? Wann war mir zuletzt nach „Hosianna“ zumute?
Und um noch eine Deutung aufzugreifen, die sich traditionell mit dieser Geschichte verknüpft – dem Transfer des Geschehens ins Innere des religiösen Subjekts: Wie ist das mit der Ankunft Jesu im Leben jedes und jeder Einzelnen? Wie vollzieht sie sich? Welche Reaktionen löst sie aus? Schon Luther hat in seiner Wittenberger Predigt über diesen Text am 3. Dezember 1531 formuliert: „Das sind lauter feurige, liebliche, süße Worte, die uns zur Freude erwecken sollen, da sie unsern König aufs allerfreundlichste abmalen, so dass das Menschenherz fröhlich werden und jauchzen muss, zumal wenn es seiner bedarf.“ Und Paul Gerhardt dichtete 100 Jahre später „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier?“ (EG 11,1).
3. Theologische Aktualisierung
Wir haben es im christlichen Glauben immer von Neuem mit einer grundlegenden und vertrackten Aufgabe zu tun. Diese Aufgabe lautet: Wie bekommen wir ein auf Stärke und Machtfülle abhebendes Gottesbild (das nicht nur religionsphänomenologisch seine Berechtigung hat, sondern auch in weiten Teilen der biblischen und nicht zuletzt unserer liturgischen Tradition präsent ist) mit dem genauso im Christentum verankerten Verständnis überein, dass das Wesen der göttlichen Macht in Selbstaufgabe, Opfer und Leidensbereitschaft besteht? Neben der Passionszeit ist es ist v.a. das Weihnachtsfest, an dem diese Frage aufbricht. Im Advent und mit Blick auf den Predigttext Mt 21,1–11 stellt sich das Problem in seiner christologischen Gestalt: Wie gehören der in göttlicher Autorität agierende Wundermann und messianische Davidssohn mit dem sanftmütigen, leidensbereiten Gottesknecht zusammen als der uns Jesus in der Geschichte ebenfalls präsentiert wird? Während die traditionelle Dogmatik diese Frage mit fein ziselierten (aber heute nicht mehr unbedingt überzeugenden) Denkfiguren zu beantworten versucht, loten die Evangelien die Spannung narrativ aus bzw. präsentieren sie wie im Fall des Predigttextes in symbolisch verdichteten Bildern (Wahl der Eselin als Reittier!). Das scheint mir gerade ihre Stärke zu sein.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Auch im Proprium des ersten Advents finden sich die eben schon erwähnten unterschiedlichen Vorstellungen göttlicher Macht. So wird die Gemeinde im Wochenpsalm
Es gibt gleich mehrere Kirchenlieder, die die Geschichte von Jesu Einzug in Jerusalem aufgreifen. Interessanterweise transportieren sie sehr unterschiedliche Stimmungen und spiegeln damit auf ihre Weise die Gegensätze wider, die diese Geschichte prägen. Das Stimmungsspektrum reicht vom fröhlichen und familiengottesdiensttauglichen „Jesus zieht in Jerusalem ein“ (EG 314), über das (meinem Eindruck nach) selten gesungene und ernstere „Nun jauchzet all ihr Frommen“ (EG 9) bis zum verinnerlichten „Wie soll ich dich empfangen“ (EG 11), das gleichzeitig eins der Wochenlieder für dem Ersten Advent ist. Auch das beliebte Lied „Tochter Zion“ (EG 13) greift die Predigtperikope auf. Hier steht der Jubel im Vordergrund.
5. Anregungen
Gottesdienste am Ersten Advent sind oft Familiengottesdienste. Wenn dort überhaupt gepredigt wird, dann anders, kürzer, narrativer, bezogen auf die Lebenswelt der Kinder. Die interessieren sich bekanntlich für Tiere. Und so spricht viel dafür, die Geschichte von Jesu Einzug in Jerusalem aus der Perspektive der Eselsstute (oder sogar ihres Fohlens?) zu erzählen, zumal sich der symbolische Gehalt dieses Reittiers in der Exegese als äußerst vielschichtig herausgestellt hat. Falls sich die Eselin gut in den heiligen Schriften auskennt, ließen sich auf diese Weise auch die Bezüge zu David, seinem Sohn Salomo und dem Sacharjabuch einbauen. Wem diese Idee zu abgegriffen ist, könnte auch versuchen, die Einzugsgeschichte aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen. Kinder werden zwar nicht eigens in Mt 21,1–11 erwähnt, sind aber durch den Kontext der Perikope im Geschehen präsent.
Für Predigten, die sich an Erwachsene richten, könnte es gut sein, das von der Exegese eingeführte Stichwort vom „Königsweg“ aufzugreifen. Dieses geflügelte Wort zielt ja auf so etwas wie „den richtige Weg“ oder ein „sinnvolles Vorgehen“. Dies ließe sich in verschiedene Richtungen ausbuchstabieren. Was ist der „Königsweg“ in der Adventszeit? Was ist der Königsweg mit Blick auf unser Gottesbild? Und schließlich: Was ist – religiös gesprochen – der Königsweg für Gott, um die Menschenherzen für sich zu gewinnen und zum Jubeln zu bringen?
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Dr. Kathrin Mette (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500076
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