Psalm 16,(1-4)5-11 | 16. Sonntag nach Trinitatis | 15.09.2024
Einführung in die Psalmen
Für umfangreichere Informationen besuchen Sie den Artikel Psalmen (AT)
1. Der Psalter – das Psalmenbuch
Mit „Psalter“ bezeichnet man in der Regel die Sammlung von 150 Psalmen (in der griechischen Tradition 151 Psalmen), aufgeteilt auf fünf Bücher, wie sie im hebräischen Alten Testament zusammengestellt sind. Die atl. Exegese hat sich, vor dem Hintergrund variierender Psalmensammlungen in Qumran
2. Die Psalmen
Während die Bezeichnungen Psalm und Psalter auf eine musikalische Tradition und den Vortrag von Psalmen verweisen, wird mit den Bezeichnungen tehillīm „Preisungen“ (tehillāh als Lobpreis Gottes; „…und mein Mund wird deinen Lobpreis verkündigen“, Ps 51,17b
Mit Aufkommen der Gattungsforschung Ende des 19. und Anfang des 20. Jh.s wurden Einzelpsalmen auf bestimmte wiederkehrende Muster bezüglich ihrer Form und ihrer institutionellen Einordnung, d.h. ihres sog. Sitzes im Leben, hin befragt. Die Klagelieder des Einzelnen (s. Ps 13
Das Lob Gottes äußert sich in den Hymnen, die zum Lob auffordern und es anschließend entfalten (Ps 98,1: „Singt JHWH ein neues Lied, denn er hat Wunder getan, seine Rechte hat ihm geholfen, sein heiliger Arm“). Teilweise wird das hymnische Loblied vom Danklied (Ps 30
Zahlreiche Psalmen sind aufgrund ihres Inhalts einzelnen Gruppen zugeordnet, so die Zionspsalmen (u.a. 46
3. Datierung
Die Datierung einzelner Psalmen ist ausgesprochen schwierig, da in den Texten an sich altes Traditionsgut wieder aufgenommen und in neue Zusammenhänge gestellt worden ist. In der Regel bemüht man sich, unter Berücksichtigung von Querbezügen zu anderen Überlieferungen des Alten Testaments sowie mittels traditions- und theologiegeschichtlicher Einordnungen um eine Zuordnung der einzelnen Psalmen zu größeren Epochen, d.h. der Königszeit, der exilisch-nachexilischen und der hellenistischen Zeit.
Der Psalter als abgeschlossene Sammlung wird ins 2.Jh.v.Chr. zu datieren sein.
4. Theologie
Die Psalmen befassen sich mit Grundfragen des Lebens, die im Gebet vor Gott gebracht werden. Lebensfreude
Die Gerechtigkeit Gottes wird gepriesen oder eingefordert, wo sie, der eigenen Lebenserfahrung gemäß, nicht zu greifen scheint. Neben der – immer wieder auch konfliktbehafteten – Verhältnisbestimmung von Gott, Individuum und dessen sozialem Umfeld gehört auch die Reflexion über Gott, Mensch und Welt in das Gebet. Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst (Ps 8,5
Als herausfordernd werden die sog. Rachepsalmen empfunden (u.a. Ps 94,1–2
5. Rezeption
Die Rezeptionsgeschichte der Psalmen und des Psalters hat in den letzten Jahren immer mehr an Raum gewonnen. Unterschiedliche Auslegungstraditionen, so in jüdischer und christlicher Exegese werden ebenso in den Blick genommen, wie Psalmen und Psalter in darstellender Kunst oder Musik.
Zur Anregung: Gillingham, S., 2008–2022, Psalms through the Centuries, Blackwell Publishing, Vol 1–3.
Literatur:
- Janowski, B., 22006, Konfliktgespräche mit Gott. Eine Anthropologie der Psalmen, Neukirchen-Vluyn.
- Körting, C., 2015, The Psalms - Their Cultic Setting, Forms and Traditions, in: Hebrew Bible / Old Testament Volume III Part 2 The Twentieth Century – From Modernism to Post-Modernism, Göttingen, 531–558.
- Zenger, E., 2011, Psalmen Auslegungen Band II; 4. Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen, Freiburg i. Br., 679–854.
A) Exegese kompakt: Ps 16,(1-4)5–11
Übersetzung
1 Miktam Davids
Bewahre mich Gott, denn ich berge mich bei dir.
2 Ich spreche zu Jhwh:
Mein Herr bist du,
mein Gutes ist allein bei dir.
3 Was die Heiligen anbetrifft, die sie im Lande sind,
sie sind die Herrlichen, an denen ich meinen Gefallen habe.
4 Zahlreich sind die Schmerzen derjenigen,
die einen anderen (Gott) umworben haben.
Ich will ihre Trankopfer von Blut nicht ausgießen
Und ich setze ihren Namen nicht auf meine Lippen.
5 Jhwh, Maß meines Anteils und meines Bechers;
Du bist der, der mein Los hält.
6 Die Messschnur (pl.) ist für mich aufs glücklichste gefallen (pl.);
ja, mein Erbbesitz gefällt mir wohl.
7 Ich preise Jhwh, der mich beraten hat;
ja, in den Nächten mahnen mich meine Nieren
8 Ich habe Jhwh vor mich gesetzt allezeit;
weil (er) zu meiner Rechten ist, wanke ich nicht.
9 Darum freut sich mein Herz und jubelt meine Ehre;
ja, mein Fleisch wohnt geborgen.
10 Denn du überlässt mein Leben nicht dem Totenreich;
du gibst deinen Frommen nicht preis, dass er die Grube sieht.
11 Du zeigst mir den Weg des Lebens;
Fülle der Freude ist vor deinem Angesicht;
Glück in deiner Rechten für immer.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 5 Die Form תומיך (von תמך „halten“) wird in der Regel, mit der LXX und in Abweichung von der Vokalisation, als Part.m.sg. im Qal verstanden und auf das direkt vorausgehende Personalpronomen der 2.m.sg. bezogen.
V. 6 Der MT fügt, entgegen der LXX und der Peschitta, kein Suffix der 1.c.sg an נחלת (von נחלה „Erbbesitz“) an. Ggf. handelt es sich auch um eine scriptio defectiva (MT) und die 1.c.sg. ist impliziert. Oder aber נחלת wird als seltene Femininform im status absolutus verstanden.
V. 8b Die Partikel כי ist an dieser Stelle kausal „weil“, und nicht, in Übereinstimmung mit der Partikel אף „ja“ der vv. 6, 7 und 9, als deiktische Partikel übersetzt worden. Dass allein hier von einem Muster abgewichen wird, sollte sichtbar werden.
V. 9 כבודי „meine Ehre“ wird in der Vg. mit „gloria mea“ wiedergegeben, die LXX hingegen weicht ab und ordnet dem jubelnden Herzen die jubelnde Zunge (γλῶσσα) zu. Der Apparat der BHS schlägt sogar כבדי „meine Leber“ vor. Doch der כבוד des Menschen als handelndes Subjekt kommt durchaus auch an anderen Stellen vor (s. Ps 3,4
V. 9 und 10 Die LXX weicht in diesen beiden Versen signifikant vom MT ab. In v. 9 heißt es vom Fleisch κατασκηνώσει ἐπ᾿ ἐλπίδι „in Hoffnung (zu) wohnen.“ In v. 10 nimmt die LXX nicht eine Übersetzung von שחת „Grube“ auf, sondern formuliert mit διαφθορά „Vernichtung, Verwesung.“ Anders als der MT eröffnet die LXX mit den Abweichungen in v. 9b und 10a die Perspektive auf eine Auferstehungshoffnung (s. Theologische Perspektivierung).
2. Literarische Gestaltung
Der Psalmist eröffnet sein Gebet in Bitte und Vertrauen, direkt gerichtet an Jhwh, „mein Herr“ und „mein Glück“ allein (vv. 1b–2). Diese Grundlegung wird in den zu besprechenden vv. 5–11 ausgelegt. Die vv. 3–4 hingegen stellen das vertrauende Ich des Beters auf die Seite der Jhwh-Frommen und in einen Kontrast zu den Götzen und deren Dienern, von denen er sich deutlich abgrenzen will.
Psalm 16,5–11 ist in vier kleinere Abschnitte zu unterteilen, die über die gewählten semantischen Felder zusammengehalten werden. Jeder Abschnitt beleuchtet unter einem anderen Schwerpunkt die Gottesbeziehung des Beters (vv. 5–6 als Anteilhabe an Gott; vv. 7–8 hinsichtlich der Lebensführung; vv. 9–10 als Lebensfreude und -fülle). V. 11 fasst alles zusammen: Leben, Freude und Glück sind bei Gott.
3. (Literarischer) Kontext
Psalm 16 ist Teil der Psalmengruppe 15–24
4. Schwerpunkte der Interpretation
Der Psalm zeichnet sich durch den Rückgriff auf eine reiche Bildwelt aus, die sich dem Leser und der Leserin heute nicht unmittelbar erschließt. Die vv. 5-6 beschreiben mittels der Termini „Maß meines Anteils,“ „Los,“ „Messschnur“ und „Erbe“ die Gottesbeziehung des Beters. Die Begriffe gehören in den Kontext der Landverteilung und -vermessung sowie der dauerhaften Zuordnung von Lebensraum. Vor diesem Hintergrund kann Jhwh selbst als Anteil seines Volkes beschrieben werden (vgl. Jer 10,16
7-8 Zur Gestaltung des Lebens gehört es, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dazu berät Jhwh das betende Ich. Die Nieren vermögen zu mahnen, denn sie stehen für das Innerste des Menschen. Hier werden Konflikte zwischen Mensch und Gott ausgetragen (Hi 16,12f.
9-10 Die Erfahrung guten und glücklichen Lebens kann der Beter nur mit übersprudelnder Freude und Dankbarkeit beantworten. Er tut dies mit seinem ganzen Herzen, d.h. mit Denken und Fühlen. Den Bildern von Lebensraum (vv. 5-6) (und Lebensgestaltung [vv. 7-8]) steht in v. 10 die Rede von Totenreich und Grube gegenüber. Totenreich und Grube, Räume des Todes, haben das Potential sich auszudehnen, in den Bereich des Lebens hineinzugreifen und den Menschen zu sich hinunterzuziehen (vgl. Ps 18,5–6
Die Sprache des Psalms regt jedoch zugleich dazu an weiterzudenken. Und in späterer Zeit wird das Vertrauen auf eine Gottesgemeinschaft, die über den Tod hinaus besteht (so in Ps 73,26a
5. Theologische Perspektivierung
Was macht Lebensglück, mit dem Ps 16 schließt, eigentlich aus? Der Psalm singt von Vertrauen statt Angst, gerade auch angesichts der Fragilität des Lebens. Dieser Angst steht kein Raum zu, sie darf sich nicht ausweiten, nicht nach dem betenden Ich greifen.
Natürlich kann Ps 16,10, mit Rückgriff auf die Rezeption (u.a. Apg 2,25‑36
Literatur
- Liess, Kathrin. 2004. Der Weg des Lebens. Psalm 16 und das Lebens- und Todesverständnis der Individualpsalmen. FAT II 5. Tübingen: Mohr Siebeck.
- Lindström, Fredrik. 2020. „The Path of Life – for the Wise Only? On Psalm 16 and How to Avoid Sheol Below.“ in: Fromme und Frevler. Studien zu Psalmen und Weisheit. FS für H. Spieckermann, hrsg. von Corinna Körting und Reinhard Gregor Kratz, 19–30. Tübingen: Mohr Siebeck.
- Spieckermann, Hermann. 2023. Psalmen Band 1: Psalm 1-49. ATD 14. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Exegese hilft mir zunächst für die Entscheidung der Textauswahl. Es ist gut, die vv. 1–4
Der Psalm 16
Durch die Exegese treten nun auch die ungewöhnlichen und nicht leicht zugänglichen Bildworte hervor und gewinnen an Bedeutung. Im Kontext von Landvermessung und Landverteilung bzw. -zuteilung leuchtet unmittelbar ein, was gemeint ist: Inniger und unauflöslicher kann die Beziehung zwischen Gott und Mensch nicht sein, als dass Gott selbst zum Anteil und dauerhaft zugeteiltem Lebensraum wird.
Überraschend erhalten die vv. 5–11
Wichtig wird auch ein Aspekt aus dem literarischen Kontext: Obwohl die Gottesbeziehung hier höchst persönlich, individuell, ja mit ihren Bildern des zu Herzen, Nieren, ins Fleisch und an die Ehre Gehenden geradezu intim ihren Ausdruck findet, ist der Tempel der Ort, an dem Jhwhs Angesicht wohnt und seine Gegenwart und Führung gefeiert werden. Persönliche Gottesbeziehung und gottesdienstliche Feier kommen hier zusammen.
Schließlich setzt sich die theologische Perspektivierung von dem ab, was die Rezeption an Deutung nahelegt und aufgrund von v. 10
Um der Anforderung zu begegnen, braucht es die Hinweise auf das Ringen zwischen Gott und Mensch (Interpretation zu vv. 7-8
2. Thematische Fokussierung
Der Beter richtet sein Vertrauen, seine Freude und sein Glück an den Urheber all dessen. Die Beziehung ist außerordentlich und exklusiv. An keiner Stelle findet sich eine Einladung oder gar Aufforderung teilzuhaben oder einzustimmen.
Die intensive Beziehung zu Jhwh ist vorausgesetzt. Wie es zu dieser kam und warum es so ist, erfahren wir nicht. Es könnte auch anders sein. Der Psalmist setzt sich überdeutlich von denen ab, die eine andere Entscheidung getroffen haben und nun deren Konsequenzen erleiden.
Auf welche Weise also dient das persönliche Gebet des Psalmisten denen, die es wahrnehmen über Raum und Zeit hinweg? Je persönlicher und tiefer sich das Gebet erschließt, desto mehr entsteht bei mir zunächst das Bedürfnis, auf Distanz zu gehen und den Beter nicht vorschnell als leuchtendes Vorbild dazustellen und zur Identifizierung mit ihm einzuladen.
Indem der Psalmist Einblick gewährt in das, was sein Leben erfüllt, sicher und glücklich macht, letztlich also in das, was sein Leben ausmacht, schlicht in das, was sein Leben ist, erfahren wir in Anlehnung an die Abschnitte des Textes seine Antworten auf die Fragen:
Wie ist das (bei mir), mit Gott zu sein?
Wie geht das (bei mir), mit Gott unterwegs zu sein?
Was bedeutet es (für mich), mit Gott zu leben?
Die Predigt kann diesen Fragen und Antworten Raum geben. Ob die einzelnen Predigthörenden sich darin wiedererkennen, daran stören, angeregt werden, den Weg mit Gott zu wagen und sich letztlich einladen lassen, die Lebensfreude und -fülle vor Gottes Angesicht gemeinsam zu feiern, bleibt in Gebet und Lied zu erbitten.
3. Theologische Aktualisierung
Der Beter ist sich so sicher, er weiß sich geborgen, beraten, gestützt. Bestätigend selbstsicher betont das jeweilige Ja! in den vv. 6
Der Raum, der Gott selbst ist und in dem sich der Gottesfürchtige befindet, ist so geschützt und stark, dass die raumgreifenden feindlichen Mächte des Todes keine Chance haben, den mit Gottes Nähe erfüllten Lebensraum zu schmälern oder in ihn einzudringen. Das kommt vollmundig daher und mag angesichts der aktuellen persönlichen Situation mancher Gottesdienstbesucherinnen und -besucher und der politischen, gesellschaftlichen Lage im September 2024 zynisch klingen. Es ist faktisch nicht so, dass die Frommen vor Krankheit, persönlichen Anfeindungen, Krieg und Tod geschützt sind und diejenigen, die unter lebensfeindlichen Angriffen leiden, einen anderen Gott umworben hätten, nicht fest genug glaubten oder einfach das Pech hatten, dass die Messschnur für sie nicht aufs Glücklichste gefallen ist.
Die Antworten des Psalmbeters haben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Selbstverständlichkeit. Überraschend beschenkt erkennt der eine, dass Gott selbst ihm zum Erbe geworden ist. Dankbar greife ich den Hinweis auf, dass in den Nieren Konflikte zwischen Gott und Mensch ausgetragen werden. Entscheidungen liegen nicht im Lichte des Tages auf der Hand, sondern müssen im nächtlichen Kampf oftmals errungen werden. Ich, Mensch, bin aktiv beteiligt, denn ich setze Gott vor mich und entscheide damit, wer mich beraten, mir zur Seite stehen darf. Darum (!), so der Hinweis zu v. 8b
Die Erfahrungen sind so unterschiedlich wie die der verschiedenen Psalmen in der Gruppe. Dieser Aspekt aus der Exegese erweist sich als besonders hilfreich. Das Wandern im dunklen Tal, Gewalterfahrungen, Krankheit und Tod gehören auch dazu. Aber nicht immer muss alles gesagt und bewogen werden. Hier hat einer erlebt, dass Leben in und mit Gott tatsächlich ein Bollwerk ist und alles auszuschließen vermag, was dagegenspricht. In Gottes Nähe erweist sich das Leben um ein Vielfaches stärker als der Tod. Vor seinem Angesicht werde ich gewahr, wie glücklich ich bin – in der Gegenwart! Da mag ich fröhlich Amen sagen und weiteres für ein anderes Mal aufheben.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der 16. Sonntag nach Trinitatis feiert 24 Wochen (ein halbes Sonnenjahr) nach dem Osterfest erneut die Auferstehung. Die Texte und Lieder erzählen von Totenauferweckungen und verweisen auf Jesus Christus, der dem Tod die Macht genommen und das Leben ans Licht gebracht hat. Dahinter bleibt die Predigt zu Psalm 16
Autoren
- Prof. Dr. Corinna Körting (Einführung und Exegese)
- Daniela Fricke (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500061
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