Deutsche Bibelgesellschaft

(erstellt: Februar 2026)

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1. Wortfeld

Jemanden oder etwas berühren zu können, gehört zu den anthropologischen Grundkonstanten und ist auch im Alten Testament meist im eigentlichen, haptischen Sinn gemeint. Mit „berühren“ werden in den Übersetzungen die hebräischen Wurzeln נגע ng‘, משׁשׁ mšš und פגע pg‘ (eher: „jemandem begegnen“ bzw. „auf jemanden / etwas treffen“) sowie in manchen Übersetzungen die Wurzel נשׁק nšq Hif. (eigentlich „küssen“) übersetzt. Daneben gibt es einige Verbbedeutungen, die Berührung implizieren (z.B. אחז ’ḥz „ergreifen“ oder סמך smk „auflegen“; vgl. Dietrich / Schellenberg, 166). Gleiches gilt häufig für Nomen wie יָד jād → „Hand“ oder אֶצְבַּע ’æṣba‘ → „Finger“. Personen können Personen bzw. Körperteile von diesen berühren (z.B. Ex 4,25; Gen 24,2f.). Von Äckern, Häusern und Städten kann man sagen, dass sie sich an ihren Grenzen berühren (נגע ng‘ Hif., z.B. Jes 5,8; פגע pg‘ mit Beth loc., z.B. Jos 16,7). „Berühren“ kann aber auch bildhaft in idiomatischen Wendungen / Sprichwörtern verwendet werden (z.B. Hi 20,6). Emotionale Berührtheit bzw. Ergriffenheit wird im Alten Testament selten (vgl. Jer 4,18) mit den genannten Lexemen beschrieben.

Eng mit dem Begriff „berühren“ hängt die Vorstellung von Gott „geschlagen“ oder „geplagt (zu) werden“ zusammen, was meist durch נגע ng‘ (z.B. Ps 73,5) und פגע pg‘ (z.B. Ex 5,3) ausgedrückt wird.

Im Akkadischen hat lapātu einen ähnlichen Bedeutungsumfang wie die althebräischen Lexeme, nämlich: „berühren / in Kontakt kommen“, „während einer Symbolhandlung berühren“ oder „jemanden (wiederholt) verletzen“. Davon abgeleitet ist das Nomen liptu „Körpermal / Aussatzbefall“. Vergleichbares gilt für das semantische Spektrum von aramäisch נגע ng.

2. Die Wurzel נגע ng

2.1. Berühren mit Gott als Subjekt

Die Berührung durch Gott bzw. Gottes Hand (z.B. Gen 12,17; Hi 1,11) geht oft mit → Plagen, → Krankheit, → Aussatz und → Tod einher. So lässt sich erklären, dass נגע ng‘ auch „schlagen“ bedeuten kann und das Nomen נֶגַע næga‘ sogar nie eine „Berührung“ meint, sondern immer im Sinne von „Schlag / Plage / Aussatz“ zu verstehen ist (vgl. z.B. Ex 11,1; Ps 39,11). Im Buch → Hiob wird diese Bedeutung in besonderer Weise dargestellt. In der Rahmenhandlung hält der → Satan Gott dazu an, seine Hand auszustrecken und alles, was Hiob gehört, zu berühren, also umzubringen oder zu zerstören (Hi 1,11). Der Verlust seiner Mitmenschen, Güter und Gesundheit mündet in der Bitte Hiobs, Gott möge seine Hand nach ihm selbst ausstrecken, um ihn zu töten (Hi 6,9).

In Gottes Berührung manifestiert sich eine Transformation. In 1Sam 10,26 führt die Berührung der Herzen des Heeres durch Gott dazu, dass es → Saul folgt. Eine ausdrücklich anthropomorphe Vorstellung Gottes (→ Körper; → Anthropomorphismus) steht wohl hinter Bibelstellen wie Jer 1,9, wo JHWH selbst den Mund des Propheten berührt. Diese Geste wird durch den Text selbst ausgelegt: Gott legt sein Wort in den Mund des Propheten (vgl. Ez 2,8-3,3 und Apk 10,9f.). Der „Finger Gottes“ schreibt die Zehn Gebote (→ Dekalog) auf die Tafeln (Ex 31,18; Dtn 9,10), wobei in diesem Kontext kein Verb aus dem Wortfeld „berühren“ steht (→ Finger [AT]). In → Psalmen mit Schöpfungsbezug und in der Feindklage wird Gott die Macht zugesprochen, durch seine Berührung Berge rauchen zu lassen (Vulkane; Ps 104,32; Ps 144,5). Vergleichbar schmilzt / bebt durch seine Berührung die Erde (Am 9,5), ein Bild für seine Schöpfermacht (→ Epiphanie [AT]).

2.2. Berühren mit Boten / Engeln als Subjekt

Während die Berührung Gottes stets verändernd auf das berührte Objekt wirkt, ist die Berührung durch Boten Gottes (→ Engel [AT]) in bestimmten Kontexten einer menschlichen Berührung ähnlich. In der Elia-Erzählung (→ Elia [AT]) begegnet der erschöpfte und von Todessehnsucht ergriffene Prophet auf seiner Flucht einem Boten JHWHs (1Kön 19,5-8). Dieser berührt Elia zweimal, was ihn lediglich aus dem Schlaf weckt. Der Gottesbote → Gabriel berührt → Daniel und hilft ihm auf die Füße, nachdem er bei dessen Anblick zu Boden gesunken war (Dan 8,18; Dan 10,10). Eine umfassendere Wirkung hat die Berührung von → Gideons Opfergaben durch den Boten JHWHs mit einem Stab, denn diese Gaben werden sofort von einem Feuer verzehrt (Ri 6,21). Beim Kampf am Jabbok berührt der Widersacher → Jakobs ihn an der Hüfte und renkt ihm so sein Hüftgelenk aus (Gen 32,26). In der Berufungserzählung → Jesajas (Jes 6,6f.) wird der Mund des Propheten durch die Hand des → Serafen mit einer brennenden Kohle berührt und damit von Sünde befreit, wodurch eine neue Beziehung zwischen Gott und Prophet möglich wird.

2.3. Berühren mit Menschen als Subjekt

2.3.1. Wirkmächtiges Berühren

In zahlreichen alttestamentlichen Kontexten geht Kraft von Berührungen aus – entweder vom berührten Objekt oder vom berührenden Subjekt. Heiliger Boden darf nicht mit Schuhen betreten werden (Ex 3,5; Jos 5,15), das Volk Israel, mitsamt seinen Tieren, darf den → Sinai zunächst nicht berühren (Ex 19,12f.), die einzige Ausnahme ist → Mose. Die Richtlinien zum Transport der → Stiftshütte geben vor, dass → Aaron und seine Söhne die heiligen Geräte nicht berühren dürfen. Eine Berührung zöge den sofortigen Tod nach sich (Num 4,15), eindringlich geschildert in der Erzählung des → Usa in 2Sam 6,6f. par. 1Chr 13,9f., der durch ein Missgeschick und aus Versehen die → Bundeslade berührt.

Im Rahmen von Segenshandlungen (→ Segen) lassen sich zwei Hauptgesten unterscheiden: die der Handauflegung (Gen 48,14, vgl. Num 27,18) und die Segnung mit erhobenen Händen (Lev 9,22f.). Weiterhin kann durch die Berührung einer Person mit besonderer Gottesverbindung Heilung vermittelt werden, so z.B. bei dem Toten, der allein durch die Berührung von → Elisas Gebeinen wieder aufersteht (2Kön 13,21), eine Steigerung der Erzählung über Elia aus 1Kön 17,21f.

Im Neuen Testament heilt Jesus durch Berührung (Mt 8,3; Lk 5,13; Lk 22,51), andernorts ist allein die Berührung der Gebetsfäden von Jesu Gewand ausreichend (im griechischen Text steht wie in der Septuaginta κράσπεδον kraspedon, Übersetzung der Septuaginta von hebr. צִיצִת ṣîṣit, Luther: „Saum des Mantels“, Mt 9,20; Mt 14,36; Mk 6,56). Der auferstandene Christus des Johannesevangeliums darf hingegen nicht von Maria Magdalena berührt oder festgehalten werden (Joh 20,17). Anders beim Jünger Thomas, dessen Zweifel durch die Berührung der Wundmale ausgeräumt werden (Joh 20,27).

2.3.2. Schadenstiftendes Berühren

„Berühren“ steht an einigen Stellen als Synekdoche für „jemandem durch Berührung etwas (Schlechtes) antun“ (vgl. Jos 9,19; Gen 26,11.29; Ps 105,15; Sach 2,12). Boas formuliert an → Rut gewandt: „Habe ich nicht meinen Knechten geboten, dich nicht anzurühren?“, ihr also nichts anzutun, wohl auch mit sexueller Konnotation (Rut 2,9). „Berühren“ im sexuellen Sinne, das im Rahmen von Ehebruch stattfindet, zieht Strafe nach sich (Gen 20,6; Spr 6,29).

2.4. Berühren mit Dingen als Subjekt

Es ist naheliegend, dass sich auch Dinge gegenseitig berühren können, z.B. das Ysop-Büschel (→ Ysop), das den Türrahmen berührt (Ex 12,22), oder die Flügel der Kerubenfiguren (→ Keruben), die sich gegenseitig und die Wände berühren (2Chr 3,11). Das Wehewort in Jes 5,8 gegen „die Besitzkonzentration in den Händen der Reichen“ (Kessler, 43) wird über die Berührung, also das enge Beieinanderstehen der Häuser verbildlicht.

2.5. Unreinheit und Reinheit

Insbesondere im kultischen Bereich spielt die Vorstellung eine Rolle, dass Unreinheit und Heiligkeit durch Berührung übermittelt werden können (vgl. Dietrich / Schellenberg, 167). Auf die Berührung von Unreinem (Speisen, Menschen, Tieren, Toten usw. vgl. Lev 5,2-6; Lev 11,4-8.24-39; Lev 22,5f.; Num 16,26; Num 19,11-22; Num 31,19; Dtn 14,8; Jes 52,11) folgt die Unreinheit der berührenden Person, die dabei Schuld auf sich zieht (Lev 5) und sich rituell reinigen muss (→ Reinheit / Unreinheit / Reinigung [AT]). Auch die Berührung von (benutztem) kultischem Reinigungswasser macht unrein (Num 19,21). Zu unreinen Menschen, die ihrerseits Heiliges nicht berühren dürfen, zählen Menschen mit Aussatz, Frauen während und nach der Menstruation bzw. während des Wochenflusses (vgl. dazu auch die Regeln im Talmud, z.B. Niddah 31b; 33a), Gleiches gilt für Männer mit Ausfluss (Lev 15,2). Gebote wie das Berührungsverbot dienen im Buch → Leviticus dazu, Priestern und JHWH-Eigentum Schutz vor Entweihung zu gewährleisten (vgl. Grohmann, 269). Frauen sind nach der Geburt eines Sohnes 33 Tage und nach der Geburt einer Tochter zwei Wochen unrein und dürfen sich 66 Tage dem Heiligtum nicht nähern und nichts Heiliges berühren (Lev 12,1-8). Nach Ex 29,37 und Ex 30,29 wird heilig, wer den Altar (oder dessen Geräte) berührt, sowie diejenigen, die von den Opfergaben essen (dürfen) (vgl. Lev 6,11.20; Ez 46,20). Die Auslegung des Gesetzes durch die Priester in Hag 2,12-14 verweist darauf, dass Heiligkeit nicht indirekt übertragen werden kann (anders in Ez 44,19, vgl. Tiemeyer, 73). Unreinheit hingegen kann durch indirekte Berührung weitergegeben werden (vgl. Klgl 4,14).

2.6. Bildliche Verwendung

Hyperbolisch beschreibt → Hosea das Ausmaß der Schuld des Volkes als so groß, dass sich die Gräueltaten regelrecht „berühren“ (Hos 4,2). Ein erschütterndes Ausmaß an Gewalt wird in 2Chr 28,9 dargestellt: „Ihr habt sie so gräulich ermordet, dass es den Himmel berührt“ (vgl. Jer 51,9). Die kämpfenden Benjaminiter berührt das Böse / Übel / Unheil (רעה r‘h) für sie überraschend – sie unterliegen im Krieg (Ri 20,34.41). Der Hochmut eines Menschen kann sprichwörtlich so stark ausgeprägt sein, dass sein Kopf die Wolken berührt (Hi 20,6). „Den Himmel berühren“ kann aber auch schlicht „sehr hoch sein“ meinen, wie in der Erzählung von Jakobs → Himmelsleiter, deren „Haupt den Himmel berührt“ (Gen 28,12). Die eigene Boshaftigkeit kann das Herz berühren, sodass das schlechte Verhalten körperlich spürbar wird (Jer 4,18). In Jer 12,14 berühren / tasten Feinde das Land des Volkes Israel an.

Im Hinblick auf das zeitliche Herannahen spricht das Alte Testament davon, dass Jahre und (böse) Tage (Pred 12,1; Ez 7,12) nahekommen. Auch Jahreszeiten nähern sich (Hhld 2,12 „Zeit des Frühlings“), „berühren“ sinngemäß die eigene Zeit.

3. Die Wurzel משׁשׁ mšš

Die seltene Wurzel משׁשׁ mšš hat die Bedeutung „jemanden oder etwas mit Erkenntnisgewinn berühren / fühlen / abtasten“. In der Jakob- und Esau- Erzählung gleicht Jakob die haptische Qualität seiner Arme denen → Esaus an und täuscht so den blinden, tastenden → Isaak über seine Identität (Gen 27,21f.). Ähnlich verhält es sich in der Erzählung vom Diebstahl der Hausgötter Labans durch → Rahel, in der Laban das gesamte Inventar des Zeltes → Leas mit den Händen befühlt und dennoch keinen Fund macht (Gen 31,34). In der → Plagenerzählung ist im übertragenen Sinne von einer Finsternis die Rede, die man greifen kann (Ex 10,21).

Literaturverzeichnis

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • The Interpreter’s Dictionary of the Bible, Nashville / New York 1962
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973-2000
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., Gütersloh 2004
  • Handbuch alttestamentliche Anthropologie, Tübingen 2024

2. Weitere Literatur

  • Dietrich, J. / Schellenberg, A., Art. Sinne, in: Handbuch alttestamentliche Anthropologie, Tübingen 2024, 162-168
  • Grohmann, M., Heiligkeit und Reinheit im Buch Leviticus, in: C. Schwöbel (Hg.), Gott, Götter, Götzen. XIV. Europäischer Kongress für Theologie, 11.-15. September 2011 in Zürich (VWGTh 38), Leipzig 2013, 266-281
  • Kessler, R., Staat und Gesellschaft im vorexilischen Juda. Vom 8. Jahrhundert bis zum Exil (VT.S 47), Leiden 1992
  • Levine, A. / Brettler, M.Z. (Hg.), Das Neue Testament – jüdisch erklärt, Ostfildern 2017
  • Reilich, M., Grenzfall Mensch. Biblische Impulse für eine Theologie der Berührung, Stuttgart 2013
  • Tiemeyer, L.S., The Question of Indirect Touch: Lam 4,14; Ezek 44,19 and Hag 2,12-13, Biblica 87 (2006), 64-74

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