Deutsche Bibelgesellschaft

(erstellt: Februar 2026)

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1. Der Name und seine Herkunft

Der Name Hanun ist ein passives Partizip der Wurzel ḥnn und bedeutet „der Begnadigte“, mit Bezug auf die Gnade einer Gottheit. In der Hebräischen Bibel sind zwei bzw. drei Figuren mit dem Namen Hanun erwähnt: (1) Hanun, König der Ammoniter (2Sam 10,1–4 par. 1Chr 19,1–4), (2) ein gewisser Hanun, der zusammen mit den Einwohnern von Sanoach Reparaturarbeiten an den Mauern von Jerusalem unternimmt (Neh 3,13), und (3) ein gewisser Hanun, Sohn des Zalaf, der ebenfalls an den Mauerreparaturen in Jerusalem beteiligt ist (Neh 3,30). Unklar ist, ob sich die zwei Erwähnungen von Hanun in Neh 3 auf eine einzige oder auf zwei unterschiedliche Personen beziehen.

1.1. Hanun, König der Ammoniter (2Sam 10,1–5 par.)

1.1.1. 2Sam 10,1–5

Nach 2Sam 10,1 folgt Hanun auf dem Thron seines Vaters, der in diesem Vers durch den Erzähler nur als „König der Ammoniter“ bezeichnet wird. In v2 hingegen wird Hanun von → David als „Sohn des Nahasch“ bezeichnet. Dieser Vers schildert Davids Bereitschaft, dem Hanun „Barmherzigkeit“ (ḥæsæd) zu erweisen, was wohl im Kontext der Erneuerung einer paritätischen Allianz zu verstehen ist (Edelman, 53; Klein, 402). Nahasch, König der Ammoniter, wird in 1Sam 11–12 als Zeitgenosse → Sauls erwähnt, aber zwischen 1Sam 11–12 und 2Sam 10,2 ist sonst keine Rede von Beziehungen zwischen Nahasch und David. Die Erzählungen über Konflikte mit den Ammonitern in 1Sam 11 und 2Sam 10 weisen gewisse Parallelen auf: Beide fangen mit der namentlichen Erwähnung des Ammoniterkönigs (Nahasch bzw. Hanun) an, beide drehen sich um das Thema einer politischen Allianz, beide heben die Rolle von Boten hervor. Weiter beinhalten beide Texte das Motiv einer teilweisen Körpermutilation als Beschämung (das Ausstechen des rechten Auges der Bewohner von Jabesch-Gilead [→ Jabesch] in 1Sam 11,2 bzw. das Rasieren der Hälfte des Barts [nach der LXX von 2Sam 10,4 und dem MT von 1Chr 19,4 wird der ganze Bart rasiert] und das Abschneiden der Hälfte der Gewänder der Boten Davids in 2Sam 10,4), und beide enden in der Schilderung eines Siegs über die Ammoniter (zu den Parallelen vgl. Adam, 144, Anm. 40). Es ist zu vermuten, dass die Ammoniterkriegserzählung in 2Sam 10 die Erzählung von Sauls Sieg über die Ammoniter in 1Sam 11 voraussetzt und dass 2Sam 10 den Hanun, Sohn des Nahasch, in einem ebenso negativen Licht darstellt wie seinen Vater in 1Sam 11.

Die Ammoniterkriegserzählung, die in 2Sam 10 eröffnet wird, findet ihren Abschluss in 2Sam 12,26–31, nach der Erzählung von David, → Uria und → Batseba in 2Sam 11 und der Prophezeihung des → Natan in 2Sam 12,1–25 (zu den lexikalischen und thematischen Verbindungen zwischen 2Sam 10,1–5 und 2Sam 11–12 vgl. Kalimi, 37–39). Hier wird Hanun nicht namentlich erwähnt, sondern lediglich „der König“ der Ammoniter (2Sam 12,30), was eventuell auf eine andere Kompositionsebene von 2Sam 12,26–31 verglichen mit 2Sam 10,1–5 hinweisen könnte.

Gelegentlich wird die Nennung eines gewissen Schobi, Sohn des Nahasch, in 2Sam 17,27 als Beleg dafür gedeutet, dass David den König Hanun durch einen anderen Sohn des Nahasch als Marionettenkönig ersetzt hätte (vgl. Edelman, 53). Zwar deutet die Erwähnung von Schobi, Sohn des Nahasch in 2Sam 17,27 darauf hin, dass dieser Vers die Erzählung in 2Sam 10 wohl voraussetzt (anders Klein, 401f, der erwägt, ob 2Sam 17,27 erzählchronologisch vor 2Sam 10 zu setzen sei); der historische Wert dieser Namen für eine Rekonstruktion der geopolitischen Verhältnisse zur Zeit Davids ist jedoch fraglich (vgl. Frevel, 120).

1.1.2. 1Chr 19,1–5.6

Die Parallelerzählung zu 2Sam 10,1–5 in 1Chr 19,1–5 weist einige kleine Unterschiede zu 2Sam 10,1–5 auf. Während der Name „Nahasch“ in 2Sam 10,1 und in der LXX-Version von 1Chr 19,1 fehlt, ist er im masoretischen Text von 1Chr 19,1 präsent. Umgekehrt wird im masoretischen Text von 1Chr 19,1 der Sohn von Nahasch nicht explizit als „Hanun“ erwähnt, wohingegen dies in 2Sam 10,1 und im Text der LXX von 1Chr 19,1 der Fall ist (vgl. Willi, 210). Im Unterschied zu 2Sam 10 wird aber Hanun in 1Chr 19 ein weiteres Mal erwähnt (v6): „Die Ammoniter aber sahen, dass sie sich bei David verhasst gemacht hatten. Da sandten Hanun und die Ammoniter tausend Kikkar Silber, um sich von Aram-Naharajim und von Aram-Maacha und von Zoba Wagen und Reiter dienstbar zu machen.“ In der Parallelstelle 2Sam 10,6 werden lediglich die Ammoniter als Kollektiv erwähnt, ohne Erwähnung von Hanun. Während die Formulierung in 2Sam 10,6 eventuell auf Textwachstum hinweist (v6–19 als Fortschreibung von v1–5), scheint 1Chr 19,6 den Wortlaut seiner Vorlage vereinheitlicht zu haben.

1.1.3. 3Kgt (1 Kön) 12,24a

Im Anschluss an 1Kön 12,24 bietet die → Septuaginta eine lange Passage über die Teilung des Königreiches Israel unter → Rehabeam und → Jerobeam I., die im masoretischen Text nicht vorkommt (3Kgt 12,24a-z). In dieser Passage (v24a) wird die Abstammung Rehabeams noch ausführlicher präsentiert als im hebräischen Text von 1Kön 14,21, wo die Mutter Rehabeams als „Naama, die Ammoniterin“ bezeichnet wird. In 3Kgt 12,24a hingegen wird die Mutter Rehabeams als „Naanan, Tochter des Anan, Sohn des Naas, König der Söhne Ammons“ bezeichnet. In der LXX von 1Chr 19,1–6 wird der Name Hanun als Anan wiedergegeben (in der LXX von 2Sam 10,1–5 hingegen als Annōn). Dies legt nahe, dass das Plus der LXX in 3Kgt 12,24a-z die Erzählung über Hanun aus 2Sam 10,1–5 – und zwar nach ihrem Wortlaut in 1Chr 19,1–5 – voraussetzt. Aus textpragmatischer Perspektive dient diese Verknüpfung von Rehabeam mit dem „bösen“ Ammoniterkönig Hanun dazu, Rehabeam in einem negativeren Licht darzustellen als in 1Kön 14,21-24. Diese Tendenz von 3Kgt 12,24a zeigt sich zudem in der Aussage, dass Rehabeam das Böse in den Augen JHWHs tat, wohingegen die Parallele in 1Kön 14,22 „Juda“ anstatt „Rehabeam“ liest.

1.2. Hanun, Zeitgenosse Nehemias (Neh 3,13.30)

Eine Person namens Hanun wird zweimal in Neh 3 erwähnt (Neh 3,13.30), beide Male in Zusammenhang mit Reparaturarbeiten an den Mauern von → Jerusalem zur Zeit → Nehemias. Laut Neh 3,13 hat ein gewisser Hanun, zusammen mit den Bewohnern von Sanoach, das Tal-Tor (auf der Westseite der Stadt, nahe des heutigen Jaffa-Tors) sowie tausend Ellen an der Mauer, bis zum Mist-Tor, ausgebessert. Laut Neh 3,30 haben → Hananja, Sohn des Schelemja, und Hanun, der „sechste Sohn des Zalaf“ einen weiteren Abschnitt der Mauer ausgebessert. Auch wenn die Gleichsetzung der zwei Erwähnungen eines Hanun in Neh 3,13 und Neh 3,30 gelegentlich infrage gestellt wurde (vgl. die zitierte Literatur in Edelman, 53), scheint eine solche Gleichsetzung plausibel, vor allem weil Neh 3,30 Hanun in Zusammenhang mit der Ausbesserung eines „weiteren/zweiten Abschnitts“ (middâh šēnî) erwähnt. Nach dieser Lesart stellt hingegen die Erwähnung von Hanun mit Vatersnamen in Neh 3,30, aber ohne Vatersnamen in Neh 3,13 ein kleines narratives Problem dar: Wenn Hanun in beiden Versen dieselbe Person wäre, wäre zu erwarten, dass er bereits in Neh 3,13 mit Patronymikon erwähnt würde (vgl. ebenfalls die Erwähnung eines Hananja ohne Patronymikon in Neh 3,8).

1.3. Hanunu, König von Gaza (spätes 8. Jh. v.Chr.)

Außerbiblisch ist der Name Hanun vor allem mit einem König von Gaza im 8./7. Jh. v.Chr. verbunden (zu weiteren Belegen des Namens in neuassyrischen Quellen ab ca. 800 v.Chr. vgl. Fuchs/Streck, 457f.). Dieser König findet in mehreren neuassyrischen Quellen aus der Zeit → Tiglat-Pilesers III. (734 v.Chr., Weippert, 289.292, Tadmor/Yamada, 104–107.125–133) und → Sargons II. (720 v.Chr., Weippert, 303–304; Frame, 57–58.141.157.167–168.181.341) Erwähnung.

Bei einem Feldzug Tiglat-Pilesers III. im Jahr 734 v.Chr. im Westen wurde die Stadt → Gaza geplündert, wobei deren König Hanun vorübergehend nach Ägypten floh und später durch Tiglat-Pileser III. wieder als Vasallenkönig eingesetzt wurde. Infolge der Teilnahme Hanuns an der Rebellion eines hohen assyrischen Beamten in Ägypten im Jahr 720 v.Chr. wurde Gaza noch einmal erobert und Hanun nach Assyrien exiliert (vgl. bes. die Übersetzungen der Quellen in Weippert, 289.292.303–304, sowie die Zusammenfassung der Ereignisse in Berlejung, 154f.). Möglicherweise ist die Gefangennahme Hanuns im Jahr 720 v.Chr. im Palast Sargons II. in Khorsabad dargestellt (Uehlinger 1998, 751–753.756; zur Diskussion s. weiter Uehlinger 2002).

Die Existenz eines Königs von Gaza namens Hanun im späten 8. Jh. v.Chr. ist für die biblische Figur Hanun in 2Sam 10,1–5 par. 1Chr 19,1–5.6 von literarhistorischem Interesse, denn es gibt in den Davidserzählungen der Samuelbücher einen ähnlichen Fall möglicher „Wiederverwendung“ des Namens eines Königs des südpalästinischen Küstenstreifens im 8./7. Jh. v.Chr. (vgl. König Ikausu von Ekron [677 v.Chr.] mit König → Achisch von Gath in 1Sam 21; 1Sam 27–29; s. dazu Gaß, 237–238).

1.4. Hanunu und Hanuna in Quellen aus neubabylonischer und persischer Zeit

Einige weitere außerbiblische Quellen aus neubabylonischer und persischer Zeit belegen den männlichen bzw. weiblichen Personennamen Hanun(u) bzw. Hanuna. Im sog. Hofkalender Nebukadnezars II. trägt der Beamte mit Aufsicht über die königlichen Händler (rab tamkārī ša šarri) den westsemitischen Namen Ḫanūnu (zum Text vgl. Da Riva, 213; s. weiter Alstola, 29). Ein juristischer Text aus Babylonien erwähnt einen gewissen Nargia, Sohn des Hanūnu (Strassmaier, Cyr 312; Sandowicz, 28). Ein Yehud-Stempelabdruck auf einem Krughenkel aus einer Ausgrabung in Tel Ḥarasim enthält den Namen „Hanuna“; ein anderer Krughenkel aus Ausgrabungen der Deutschen Orientgesellschaft in Babylon (1899–1917) weist einen Abdruck von demselben oder einem sehr ähnlichen Stempel auf (zu beiden Objekten vgl. Naveh, 45). Die Deutung des Namens חנונה (ḥnwnh) als Frauenname („Hanuna“) veranlasste Joseph Naveh dazu, drei weitere Yehud-Stempelabdrücke mit dem Namen חננה (ḥnnh) ebenfalls als defektive Schreibweise des weiblichen Namens „Hanuna“ zu deuten und diese Frau als Beamtin in der Verwaltung der persischen Provinz Yehud zu interpretieren (Naveh, 44–46, mit Verweis auf Avigad, 4–5).

Literaturverzeichnis

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
  • The New Interpreter’s Dictionary of the Bible, Nashville 2006-2009
  • Herders Neues Bibellexikon, Freiburg u.a. 2008
  • Encyclopedia of the Bible and its Reception, Berlin / New York / Boston 2009ff.

2. Weitere Literatur

  • Adam, K.-P., 2008, Erzählerwertung und Geschichtsverständnis in den Samuelbüchern (1Samuel 31, 2Samuel 1; 11; 18), in: K.-P. Adam (Hg.), Historiographie in der Antike (BZAW 373), Berlin, 131–179
  • Alstola, T., 2017, Judean Merchants in Babylonia and Their Participation in Long-Distance Trade, WdO 47, 25–51
  • Avigad, N., 1976, Bullae and Seals from a Post-Exilic Judean Archive, Qedem 4, Jerusalem, 1–36
  • Berlejung, A., 2012, Shared Fates: Gaza and Ekron as Examples for the Assyrian Religious Policy in the West, in: N. N. May (Hg.), Iconoclasm and Text Destruction in the Ancient Near East and Beyond, Chicago, 151–174
  • Da Riva, R., 2013, Nebuchadnezzar II’s Prism (EŞ 7834): A New Edition, ZA 103/2, 196–229
  • Edelman, D., 1992, Art. Hanun, ABD III, 52–54
  • Frame, G., 2021, The Royal Inscriptions of Sargon II, King of Assyria (721–705 BC) (RINAP 2), University Park/Pennsylvania
  • Frevel, C., 22018, Geschichte Israels (Kohlhammer Studienbücher Theologie), Stuttgart
  • Fuchs, A. / Streck, M.P., 2000, Art. Ḫanūnu, in: H.D. Baker (Hg.), The Prosopography of the Neo-Assyrian Empire, Volume 2, Part I: Ḫ–K, Helsinki, 457f.
  • Gaß, E., 2009, Achisch von Gath als politische Witzfigur, TQ 189, 210–242
  • Kalimi, I., 2016, Re-examining 2 Samuel 10–12: Redaction History versus Compositional Unity, CBQ 78, 24–46
  • Klein, R.W., 2006, 1 Chronicles: A Commentary (Hermeneneia), Minneapolis
  • Naveh, J., 1996, Gleanings of Some Pottery Inscriptions, IEJ 46, 44–51
  • Sandowicz, M., 2024, West Semites in Babylonian Courts of Law, in: Ł. Niesiołowski-Spanò / K. Ziemba (Hgg.), Contact Zones in the Eastern Mediterranean Judeans and their neighbours in intercultural contexts: places, middlemen, transcultural contacts – sixth to second century BCE (Mundus Orientis 5), Göttingen, 19–47
  • Strassmaier, J. N. (Hg.), 1980, Babylonische Texte 7. Inschriften von Cyrus, König von Babylon (538–529 v. Chr.), Leipzig
  • Tadmor, H. / Yamada, S., 2011, The Royal Inscriptions of Tiglath-Pileser III (744–727 BC) and Shalmaneser V (726–722 BC), Kings of Assyria (RINAP 1), Winona Lake
  • Uehlinger, C., 1998, „... und wo sind die Götter von Samarien?“: Die Wegführung syrisch-palästinischer Kultstatuen auf einem Relief Sargons II. in Ḫorṣābād/Dūr-Šarrukīn, in: M. Dietrich / I. Kottsieper (Hg.), „Und Mose schrieb dieses Lied auf“: Studien zum Alten Testament und zum Alten Orient (FS O. Loretz), Münster, 739–776.
  • Uehlinger, C., 2002, Hanun von Gaza und seine Gottheiten auf Orthostatenreliefs Tiglatpilesers III., in: U. Hübner / E. A. Knauf (Hgg.), Kein Land für sich allein. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Israel/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65. Geburtstag (OBO 186), Fribourg/Göttingen 94–127.
  • Weippert, M., 2010, Historisches Textbuch zum Alten Testament (GAT 10), Göttingen
  • Willi, T., 2019, Chronik (1 Chr 17,1–22,1) (BKAT XXIV/2,3), Neukirchen-Vluyn

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