Deutsche Bibelgesellschaft

(erstellt: Februar 2026)

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1. Name und naturräumliche Lage

Arwad (hebr. אַרְוָד ʾarwād, arab. أرواد ʾArwād, griech. ἡ Ἄραδος hē Arados, sowie das numismatisch bezeugte phöniz. ʾYNK ʾaynuk) ist eine der syrischen Küste vorgelagerte Insel und befindet sich knapp drei Kilometer von Tartus (Tortosa) entfernt. Mit einer Länge von etwas über 700m, einer maximalen Breite von 500m und ihren 20ha Fläche beherbergt sie ein Fischerstädtchen, das die antiken Reste vollkommen überbaut. Im Nord-Osten der Insel befindet sich ein schützender Naturhafen, der schon in der Antike große Wichtigkeit hatte. Arwad bildet die nördliche Grenze einer Küstenlandschaft nebst Hinterland, die in der Antike → Phönizien (mit volatilen Grenzen), im vorklassischen Altertum → Kanaan hieß.

2. Geschichte

2.1. Spätbronzezeit

Schriftliche Nachrichten erreichen uns aus der Spätbronzezeit zum einen aus Ägypten: Im Amun-Ra-Tempel im ägyptischen Karnak erzählt ein Feldzugsbericht aus dem frühen 15. Jahrhundert v.Chr. über die Siege von Pharao Thutmosis III. während seines fünften Feldzugs gegen die nordsyrischen Stadtstaaten, zu denen wohl auch die Insel Arwad gehörte. Ferner informieren fünf Briefe – allein drei davon stammen von Rib-Haddi aus Byblos an Amenophis III. und → Amenophis IV. / Echnaton – aus dem Sample der Amarnakorrespondenz (→ Amarnabriefe):

  • EA 101, 104, 105: Briefe von Rib-Haddi von Byblos, der die Bedrohung durch Arwads Flotte beschreibt, die mit Amurru verbündet ist.
  • EA 98: Yapaḫ-Adda berichtet, dass Arwads Schiffe Häfen blockieren, um Getreidelieferungen nach Sumura zu verhindern.
  • EA 149: Abi-Milki von Tyros (→ Tyrus) erwähnt Arwads Flotte als Verbündete von → Sidon im Kampf gegen Tyros.

Die Insel war ein wichtiger Handelsknotenpunkt zwischen Ugarit und Ägypten, neben Städten wie Byblos, Tyros und Ašdod (Aschdod). Nach der ägyptischen Eroberung des Hinterlandes (Sumura) dürfte die Bedeutung als Handelsstützpunkt aber gelitten haben.

Die Erwähnung Arwads in der Amarnakorrespondenz (und auch in allen späteren Quellen) geschieht nicht aus einer Eigensicht – Quellen aus Arwad selbst fehlen –, wohl aber aus einer gewissen Nahperspektive: die wiederholt diskutierten „Männer aus Arwad“ sind Akteure in Rib-Haddis vielfältig konstruierten Bedrohungsszenarien. Sie dürften als Söldner und Freibeuter in volatilen Verhältnissen zu verschiedenen Fürsten der Levante gestanden haben (Vidal 2008; Emanuel 2020). Die unübliche Herkunftsbezeichnung „Männer aus Arwad“ (man erwartet sich eher „Arwaditer“) ohne Erwähnung eines Stadtkönigs führten zu Mutmaßungen über eine durch die isolierte Lage bedingte politische Sonderstellung Arwads, da kein monarchischer Herrscher erwähnt wird (Briquel Chatonnet 2000); ebenso überrascht die Persistenz der Wendung „Männer aus Arwad“.

Im Zuge der Expansionstendenzen des mittelassyrischen Reiches und seiner Ausdehnung über die Euphratgrenze hinaus gerät auch die Levante in den Blick. Unter Tiglat-Pileser I. (1115–1076 v.Chr.) wird auch Arwad erwähnt, welches Tribut entrichten sollte. Arwad ist in der politischen Geographie des mittelassyrischen Reiches für diese Zeit der westlichste Vorposten einer (prä)imperialen, idealen Durchmessung der Welt, welcher sich zur Zeit der neuassyrischen Expansion, für die die Quellen deutlich reichlicher fließen, ins Innere einer idealen/kosmischen Ausdehnung Assyriens verlagert (Lang/Rollinger 2013).

2.2. Arwad im 9. Jahrhundert v.Chr.

Unter Aššurnaṣirpal II. (883–859 v.Chr.) wurde Arwad erneut als Tributzahler erwähnt. Die Assyrer zeigten ein besonderes Interesse an der Stadt aufgrund ihrer strategischen Lage im Mittelmeer.

Während der Regierungszeit von → Salmanassar III. (858–824 v. Chr.) beteiligte sich Arwad an einer Koalition in der Schlacht von Qarqar 853 v.Chr. gegen die assyrische Expansion, konnte jedoch aufgrund seiner Insellage eine direkte Eroberung vermeiden. Im Zuge dieser Schlacht, die auf der berühmten Kurkh-Stele memoriert wird, findet sich erstmalig der Name eines Stadtfürsten von Arwad, Matinu-Ba‘al, der mit einem kleinen Kontingent von 200 Mann in der Koalition dem Assyrerherrscher entgegentritt.

2.3. Arwad im 8. und 7. Jahrhundert v.Chr.

Unter → Tiglat-Pileser III. (745–727 v.Chr.) wurde Arwad Teil des assyrischen Tributsystems, behielt aber aufgrund seiner Insellage eine gewisse Autonomie. Die Stadt wurde nicht direkt in eine assyrische Provinz integriert, sondern blieb ein wichtiger Handels- und Marinestützpunkt.

Während der Herrschaft von Aššurbanipal (668–627 v.Chr.; → Assurbanipal) kam es zu Konflikten mit Arwad, als der König der Stadt, Yakīnu, sich weigerte, sich den Assyrern zu unterwerfen. Aššurbanipal unternahm eine Strafexpedition gegen Arwad und zwang den König zur Unterwerfung.

2.4. Arwad in neubabylonischer und achaimenidischer Zeit

In neubabylonischer Zeit erwähnt die ursprünglich als „Hofkalender“ bezeichnete, wohl knapp nach 598 v.Chr. entstandene und nur in Fragmenten erhaltene Inschrift Nebukadnezars II. neben anderen Herrschern der Levanteküste auch einen König von Arwad (LUGAL ša KUR.ar-ma-[da]; vii, 26‘, ed. Da Riva 2013). Diese listenartig erfassten Stadtkönige (vom westlichen Rand des Imperiums) und andere Offizielle dürften einfach zur administrativen Struktur des neubabylonischen Imperiums gezählt worden sein. Archivalien kennen noch Zimmerer (naggāru) aus Arwad (Jursa 2010, 73). Die Region, in achaimenidischer Zeit auch die Provinz an der phönizischen Küste, zu der auch Arwad zählt, wurde als eber nāri („Jenseits des Flusses [Euphrat]“, „Transpotamien“) bezeichnet. Während der Perserkriege, etwa bei der Schlacht von Salamis, sind Seeleute aus Arwad im persischen Flottenverband tätig (Hdt. Hist. 7,98; Elayi 2006).

Wenngleich Arwad niemals eine so prominente politische Bedeutung zukommt, wie den Küstenstädten Sidon, Tyros und Byblos, so scheint Arwad in der Perserzeit doch eine gewisse Autonomie erlangt zu haben, die sie auch seiner Bedeutung in der persischen Flotte verdankt. Auch hier sehen wir die lange Kontinuität nautischer Kompetenz und Spezialisierung. Die Bedeutung Arwads dokumentiert auch die beginnende, eigenständige Münzprägung im 5. Jh. v.Chr., die wohl als Zeugnis eines nach außen gerichteten Handels zu sehen ist, andererseits spiegelt dies eine (spätere) Bemerkung Strabons: Er nennt Arwad in einem Atemzug mit Byblos und Tyros und bemerkt, dass es einen beträchtlichen Teil des Küsten- und Hinterlandes dominiert habe (Strab. Geogr. XVI,15–16, 743 C). Seine geostrategische Rolle im Kampf um Hegemonien der Küstenstädte einerseits und in Diensten der jeweilig dominierenden Imperien andererseits schien Arwad stets recht geschickt ausnützen zu können.

Zur Religion Arwads ist lediglich zu vermelden, dass es aus seleukidischer Zeit Münzprägungen gibt, die (möglicherweise) einen Ba‘al Hammon (→ Baal) abbilden; überdies standen vor allem im Küstenbereich von Amrit (das antike Marathos) bedeutende Heiligtümer, die wohl → Melqart, Ešmun (→ Eschmun), Aštarte (→ Astarte), aber auch Ba‘al Hammon geweiht waren (Xella 2019, 276).

3. Das biblische Arwad

Arwad erscheint im Alten Testament zum einen als Toponym „Arwad“ (hebr. אַרְוָד ʾarwād), während zum anderen die Bewohner der Inselstadt vom Gentilnamen hergeleitet als Arwaditer (hebr. אַרְוָדִי ʾarwādî) bezeichnet werden. Als solchen erwähnt die Völkertafel (Gen 10,18) Arwad als einen der Nachkommen Kanaans. Ist Sidon der erstgeborene Bruder, so gehört neben dem Hewiter, dem Arkiter und dem Siniter der Arwaditer mit dem Zemariter und dem Hamatiter zu den jüngeren Brüdern. Gemäß Gen 46,16 und Num 26,17 werden die Arwaditer, die Nachkommen Arods (אֲרוֹד ʾǎrôd) in die Linie der Söhne Gads eingeordnet.

Neben dem Gentilnamen „Arwaditer“ auf der Völkertafel Gen 10,18 sowie in 1Chr 1,16, der auf ganz typisch gebildet wird, finden sich auch die Wendungen „Bewohner von (Sidon und) Arwad“ in Ez 27,8 sowie „Söhne Arwads“ in Ez 27,11. In Ez 27 wird Arwad im Zusammenhang mit der Stadt Tyros erwähnt, die als prächtige Handelsmetropole erscheint. Durch die zweimalige Nennung Arwads in Ez 27,8 und Ez 27,11 entsteht eine Inklusion einer Einheit, in welcher die fremdländischen Arbeitskräfte in den Diensten der Stadt Tyros (Premstaller 2005, 83) dargestellt werden. Die Rede von Leuten aus Arwad dient im Ezechielbuch zur Gänze seinem Tyros-Logos und ist diesem bei- und untergeordnet. Die Arwaditer werden als erfahrene Seeleute und Krieger dargestellt, die ein den Handel dominierendes und thalassokratisch agierendes Tyros unterstützen, dessen Untergang → Ezechiel aber beklagt.

Die Fremdbezeichnung Bewohner/Söhne von Arwad (Ez 27,8.11) erinnert an die bronzezeitliche Bezeichnung „Männer von Arwad“. Sie lässt auf Leute schließen, die auf die Seefahrt spezialisiert sind und die auch schon die bronzezeitlichen Texte kennen. Die Erwähnung im Ezechielbuch deutet zum einen auf eine gewisse Kontinuität, zum anderen auf die wirtschaftliche Situiertheit dieser Leute hin: Aufgrund ihres begrenzten Lebens- und Wirtschaftsraumes auf einer kleinen küstennahen Insel finden sie ihre ökonomische Nische durch Tätigkeiten von Spezialisten in maritimen Kontexten und häufig auch fern ihrer Heimat.

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