Offenbarung
(erstellt: Februar 2025)
Vorgänger-Artikel von Joachim Weinhardt und Sabine Pemsel-Maier im PDF-Archiv
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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.100066
1. Offenbarung als Reflexionsbegriff
1.1. Ein Schlüsselbegriff der Systematischen Theologie
Das aus dem Mittelhochdeutschen abgeleitete Wort offen baren bedeutet offenlegen, aufdecken, enthüllen, das griechische Äquivalent lautet apokalypsis, lateinisch revelatio. Mit diesen Formulierungen verbindet sich der Gedanke, dass → Gott
Offenbarung ist als theologischer Reflexionsbegriff zu verstehen, genauerhin als „Deutungskategorie“ (Wendel, 2022), der die Geschichte Gottes mit den Menschen und sein Handeln an der Welt und den Menschen als Selbstmitteilung Gottes erschließt. Insofern er die gesamte Wirklichkeit, auf die sich der christliche → Glaube
1.2. Religionspädagogisch wenig bedacht
Offenbarung ist, von der Erwachsenenbildung und der Sekundarstufe II abgesehen, in der Regel kein eigenes Thema in Unterricht und Katechese. Insofern aber die Inhalte der christlichen Offenbarung ständig thematisiert werden, ist auf diese Weise der Offenbarungsgedanke selbst implizit ständig mit im Spiel. Als Schlüsselbegriff der Theologie ist Offenbarung nicht nur für die Systematische Theologie, sondern auch für die → Religionspädagogik
2. Fachwissenschaftlich-systematische Orientierungen
2.1. Der Ort der Offenbarung: Die Geschichte
Der Ort der jüdisch-christlichen Offenbarung ist die Geschichte; in ihr ergeht Gottes Wort. Insofern Geschichte zwar einerseits vom Menschen gemacht und geplant wird, andererseits aber auch als das Unplanbare und Unerwartete auf ihn zukommt, ist sie der für Gottes Offenbarung angemessene Ort beziehungsweise das angemessene Medium schlechthin. Denn die Offenbarung als freie Tat Gottes kann nicht von Menschen geplant oder erzwungen werden, sondern kommt ihnen von außen entgegen und hat den Charakter eines Geschenkes. Gott teilt sich in einer Vielzahl von geschichtlichen Ereignissen mit, beginnend mit der Berufung Abrahams und dem Exodus bis hin zu Jesus Christus (→ Christus/Christologie
Dass die Offenbarung als geschichtliches Ereignis von außen auf die Menschen zukommt, ist nicht im Sinne eines Extrinsezismus zu verstehen, so als handele es sich dabei um eine dem Menschen rein äußerliche oder gar fremde Wirklichkeit. Beide Konfessionen haben das Erbe der Aufklärung und die Subjektphilosophie rezipiert und herausgestellt, dassdie Bedingung der Möglichkeit des Verstehens und der Annahme der Offenbarung von Gott her im Menschen selbst angelegt ist. Auf katholischer Seite war es vor allem das Verdienst Karl Rahners, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die anthropologische Wende (→ Anthropologie
2.2. Jesus Christus als Höhepunkt der Offenbarung
Nach christlichem Glauben ist Jesus Christus die Selbstmitteilung Gottes schlechthin, Offenbarung und Offenbarer zugleich. In ihm erreicht die Gottesoffenbarung deswegen ihren Höhepunkt, weil sich hier Gott in einem konkreten geschichtlichen Menschen, Jesus von Nazareth, mitteilt. Katholische Theologie hebt dabei darauf ab, dass Gott unter den Bedingungen dieser Welt nicht mehr und nichts Größeres tun kann, als Mensch zu werden; darum betrachtet sie die Offenbarung unter den Bedingungen von Raum und Zeit mit Jesus Christus als abgeschlossen. Die evangelische Theologie formuliert hier zurückhaltender. Beide kommen überein in der Überzeugung: Nicht weil Gott den Menschen nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil er in Christus alles gesagt und sich in ihm ganz gegeben hat, ist sie vollendet. Darum ist mit ihm die Endzeit, die „Fülle der Zeit” (Gal 4,4
In Jesus Christus offenbart sich Gott auf unüberbietbare Weise, macht sich so nahe und erfahrbar, dass die Menschen durch ihn Gemeinschaft mit ihm haben können. Und doch begegnet Gott in Christus nicht direkt und unvermittelt, sondern in menschlicher Gestalt bzw. bleibt Gottes Offenbarung in ihm den Bedingungen von Raum und Zeit unterworfen. Endgültig abgeschlossen ist die Offenbarung erst eschatologisch (→ Eschatologie
2.3. Ein Geschehen im Dialog von Gott und Mensch
Wenngleich die Offenbarung Gottes Initiative und Geschenk ist, so ist sie doch kein einseitiges Ereignis von oben nach unten. So wie ein Geschenk erst dadurch zum Geschenk wird, dass es angenommen wird, braucht die Offenbarung Menschen, die sich von Gott ansprechen lassen, seine Selbstmitteilung annehmen und sie weitertradieren. Darum ist der Mensch mehr als nur passiver Empfänger der Offenbarung. Das Hören auf sie, ihr glaubendes Annehmen und auch ihr Weitersagen und ihre Bezeugung gehören konstitutiv ins Offenbarungsgeschehen hinein. Offenbarung ereignet sich so als gott-menschliches Miteinander, als dialogisches Geschehen, als Wort und Antwort. Die Annahme und Weiterbezeugung der Offenbarung ist freilich nicht einfachhin menschliche Leistung, sondern geschieht in der Kraft des Heiligen Geistes (→ Heiliger Geist
Eben weil die Offenbarung das Annehmen von Gottes Selbstmitteilung und seine Weiterbezeugung umfasst, gehört ihre Erstbezeugung ins Offenbarungsgeschehen selbst mit hinein. Dies begründet die besondere Bedeutung der frühen, als apostolisch bezeichneten Kirche, die selbst Bestandteil der Offenbarung ist. Dies begründet ebenso die besondere Bedeutung der schriftlichen Aufzeichnung der durch Gott ergangenen Offenbarung als Heilige Schrift, der besondere Autorität und normativer Charakter zukommt.
3. Theologiegeschichtliche Entwicklungen
3.1. Mittelalterlicher instruktionstheoretischer Offenbarungsbegriff
Das Verständnis von Offenbarung war im Lauf der Theologiegeschichte beträchtlichen Wandlungen unterworfen (Reikerstorfer, 2012). Kennzeichnend für das Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert war eine fortschreitende Intellektualisierung der Offenbarungsidee, die später als instruktionstheoretisch qualifiziert werden sollte: Offenbarung wurde verstanden als göttliche Belehrung über Heil und Erlösung, als Information über übernatürliche satzhafte Wahrheiten und Sachverhalte, als Übermittlung einer übernatürlichen Doktrin. Dem Menschen blieb als adäquate Reaktion nichts anderes als das gehorsame Annehmen und Fürwahrhalten von sonst uneinsichtigen Glaubenswahrheiten.
3.2. Kommunikationstheoretisch-partizipatives Offenbarungsverständnis der Gegenwart
Diesem Verständnis hat die neuere Offenbarungstheologie eine klare Absage erteilt. Auf evangelischer Seite setzte diese Auffassung spätestens mit dem deutschen Idealismus ein, auf katholischer Seite geschah dies vor allem in der Dogmatischen Konstitution über die Offenbarung Dei Verbum auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (Dei Verbum V, 4 und 6; → Vaticanum, Zweites
Offenbarung vermittelt nicht Wissen vom Heil, sondern ist die Verwirklichung von Heil. Es gibt kein Heilsgeschehen außerhalb von ihr. Auf Seiten des Menschen entspricht ihr das Annehmen der Offenbarung, das Sich-Einlassen auf dieses Heilsgeschehen, das umfassend und ganzheitlich zu verstehen ist, bis hin zur liturgischen Feier. In diesem Sinne ist Offenbarung ein dialogischer Vorgang, ein Geschehen von Gottes Wort und menschlicher Antwort, ein Kommunikationsprozess, in den sich Gott wie Mensch einbringen – eben kommunikationstheoretisch-partizipativ.
4. Offenbarungstheologie und Religionspädagogik
4.1. Unterschiedliche Orientierungen
Offenbarungstheologie und Religionspädagogik verfolgen in Bezug auf die Relevanz der göttlichen Offenbarung unterschiedliche Orientierungen: Während die eine die Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus zum Maßstab hat und von daher einen normativen Anspruch nicht nur geltend machen kann, sondern geltend machen muss, fokussiert die andere sich auf diejenigen, die diese Selbstmitteilung für sich annehmen und auslegen – Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Die Zielsetzungen erscheinen auf den ersten Blick geradezu entgegengesetzt: hier die Inhalte des christlichen Glaubens, dort die Verstehens-, Deutungs- und Konstruktionsprozesse von Kindern und Jugendlichen, hier verobjektivierbare Aussagen, dort Subjektorientierung, hier institutionelle → Religion
4.2. Anwältin der tradierten Glaubensinhalte
Offenbarungstheologie versteht sich dabei als Anwältin der tradierten Glaubensinhalte und der Auseinandersetzung damit gegenüber einer einseitigen Fokussierung auf die Vielfalt der subjektiven Aneignungsprozesse. Nicht nur die verschiedenen in der Glaubensgeschichte begegnenden Überlieferungen haben sich am Grundgeschehen der Offenbarung auszuweisen, sondern auch die individuellen Konstruktionen. Dabei weiß die Systematische Theologie sehr wohl die individuell-existenziellen Aneignungsformen in ihren unterschiedlichen Gestalten, in Kunst, Musik, Literatur etc. als unverzichtbare Zugänge zum Glauben zu würdigen. Als Offenbarungswissenschaft macht sie jedoch die Religionspädagogik darauf aufmerksam, dass die Inhalte des Christentums sich nicht menschlicher Reflexion und gedanklicher Konstruktion verdanken, sondern dem extra nos der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, so dass sie den Menschen vorgegeben sind und von Gott her auf sie zukommen. Dass der Gott, an den Christinnen und Christen glauben, einer ist, der das Heil der Menschen will, dass er im Alten beziehungsweise Ersten Bund immer wieder neu um sein auserwähltes Volk wirbt, wenn es sich von ihm abzuwenden droht, dass er nicht nur Israel, sondern alle Menschen vorbehaltlos liebt und unter ihnen sein Reich aufrichten möchte, dass dieser Gott Mensch wird in Jesus von Nazareth, dass dieser sich ans Kreuz schlagen lässt, obwohl er niemandem etwas getan hat, dass er vom Tod wieder auferweckt wurde (→ Auferstehung Jesu
4.3. Gegenwärtige Notwendigkeiten
Der Rekurs auf die Offenbarung erscheint gegenwärtig umso dringlicher, als christliche Gottesvorstellungen an Relevanz verloren haben. Empirische Erhebungen (→ Empirie
4.4. Mit normativem Anspruch
Nicht nur die verschiedenen in der Glaubensgeschichte begegnenden Überlieferungen haben sich an der Offenbarung auszuweisen, sondern auch alle individuellen Glaubensvorstellungen und -artikulationen. Aus diesem Grund sieht die Offenbarungstheologie in den Inhalten des christlichen Glaubens nicht nur den Ausgangspunkt oder das Material für das eigene Theologisieren, sondern spricht ihnen normativ-orientierenden Charakter zu. Aus dem gleichen Grund reichen ihr nicht individuelle Konstruktionen – und seien sie noch so kreativ –, sondern sie verlangt eine methodisch-hermeneutisch geleitete und an der Sache selbst ausgewiesene Deutung im Kontext der christlichen Tradition. Den Rückbezug auf die Offenbarung fordert die Theologie je neu ein: im interreligiösen Horizont (→ Interreligiöses Lernen
Weiter fordert der der christlichen Theologie aufgetragene Bezug auf die Offenbarung die Explikation zentraler christlicher Themen, auch wenn sie Kinder, Jugendliche oder Erwachsene möglicherweise nicht von sich her zum Thema machen, wie die Frage nach dem dreifaltigen Gott (→ Dreifaltigkeit/Trinität
5. Didaktische Perspektiven
Dass Gott nach christlicher (und ebenso jüdischer und muslimischer) Vorstellung einer ist, der sich den Menschen in verschiedenen geschichtlichen Ereignissen offenbart, kann bei ganz unterschiedlichen Anlässen zum Thema werden. „Bei der Beschäftigung mit dem Thema im Religionsunterricht bietet es sich an, von Alltagssituationen auszugehen. SuS können bereits in der Grundschule beschreiben, wie Menschen plötzlich ‚ein Licht aufging‘, überraschenderweise ‚der Groschen fiel‘, oder eine bisher unbekannte Einsicht zur lebensbestimmenden Gewissheit wurde“ (Käbisch, 2019, 319). In höheren Klassen bietet es sich an, „Texte für den Religionsunterricht auszuwählen, in denen Menschen eine zurückliegende Offenbarung bzw. Erkenntnis Gottes zum Ausdruck bringen und reflektieren“ (Käbisch, 2019, 320). „Neben Offenbarungssituationen von biblischen Einzelgestalten (Hagar, Jakob, Jesaja, Salomo etc.) bietet sich im Religionsunterricht darüber hinaus die Beschäftigung mit biblischen Geschichtsbildern an. Charakteristisch für diese ist, dass Gottes Wirken in der Geschichte erst im Rückblick erkannt wird“ (Käbisch, 2019, 321). Nicht zuletzt steht die Anschlussfähigkeit des Offenbarungsglaubens an die eigene Lebenswelt auf dem Spiel. Daher geht es darum, dass Kinder und Jugendliche „eigene Schlüsselerfahrungen und Entscheidungssituationen als religiös relevant erkennen, indem sie diese mit biblischen Schlüsselerfahrungen und Entscheidungssituationen vergleichen“ (Käbisch, 2019, 326). Umgekehrt ist aber auch geltend zu machen:
„Gerade für eine Theologie der Offenbarung müssten doch beispielsweise Ergebnisse nicht ganz uninteressant sein, die sich mit den anthropologischen Bedingungen des Glaubenlernens wie den kontextuell situierten praktischen Vollzügen religiöser Bildungsprozesse im Religionsunterricht des Ruhrgebietes beschäftigen“ (Grümme, 2017, 42).
Literaturverzeichnis
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