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Kindertorah

Andere Schreibweise: Kinderthora; jüdische Kinderbibel

(erstellt: Juni 2021)

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1. Retrospektive, Begriff und Ziel

1.1. Rahmenbedingungen

Die religiöse Unterweisung gehört schon seit biblischer Zeit zu den wichtigsten Aufgaben im jüdischen Erziehungswesen. Bereits in der Torah werden die Grundlagen der Kindeserziehung manifestiert (Dtn 4,9; Dtn 6,6-9.20-25; Dtn 11,18-20). Hiernach fungiert der Vater als Lehrer und belehrt seine Kinder in den zwei großen Themenbereichen, die in der Torah wurzeln: 1. das Religionsgesetz, welches die zahlreichen Gebote und Verbote umfasst, und 2. die Geschichte des jüdischen Volkes. Es gehört in diesem Rahmen seit jeher zu den Grundpfeilern des Judentums, Kleinkindern so früh wie möglich die biblischen Geschichten zu erzählen. Des Weiteren sollen Kinder laut traditioneller Überlieferung ab dem fünften Lebensjahr das hebräische Alphabet erlernen, um damit die Fähigkeit zu erwerben, selbst die Torah lesen zu können (Spr 5,21).

1.2. Begriff und Ziel

Da der Originaltext der Torah in sprachlicher und thematischer Hinsicht sehr komplex ist, war und ist er für Kinder schwer verständlich und kaum zugänglich. Vor diesem Hintergrund und da man zugleich dem innerjüdischen ideologischen Anspruch gerecht werden möchte, über fundierte Torahkenntnisse zu verfügen, entsteht die Notwendigkeit für sogenannte Kindertoroth (Plural Kindertorah).

Die theoretischen Überlegungen, wie sie im Zusammenhang mit christlichen → Kinder- und Jugendbibeln angestellt werden, decken sich hierbei weitgehend mit denen einer Kindertorah. In heutiger Zeit wird die Bibel sowohl in der religiös indifferenten Bevölkerung als auch in christlichen und jüdischen Gemeinden zunehmend gleichgültig oder völlig verzerrt wahrgenommen (Liss/Landthaler, 2016). Bei einer Kindertorah geht es jedoch nicht darum, die ursprüngliche Torahfassung auf einen unterhaltsamen Lesestoff zu reduzieren und dabei Passagen zu zensieren, die als unzeitgemäß oder politisch inkorrekt empfunden werden. Vielmehr soll der jungen Generation dieses inhaltsreiche Werk, das die jüdische und christlich-abendländische Kultur sowie die humanistische Entwicklung der heutigen Gesellschaft in verschiedenen Lebensbereichen entscheidend geprägt hat, in seiner Gesamtheit zugänglich gemacht werden. Aus religionspädagogischer Sicht sollte die Vermittlung dieser Inhalte von Erwachsenen angeregt, angeleitet und in den unterschiedlichen Altersstufen entsprechend sukzessive fortgeführt werden. Nur durch solch ein Vorgehen kann gewährleistet werden, dass Kinder und Jugendliche mit der Denkweise der Torah vertraut gemacht werden und ihren eigenen Weg in unserer pluralistischen Mehrheitsgesellschaft finden.

1.3. Verbreitung

Kindertoroth werden grundsätzlich von Anhängern aller Denominationen des Judentums akzeptiert und aufgrund ihres pädagogischen Ansatzes und Mehrwerts besonders geschätzt. Heutzutage existieren weltweit die unterschiedlichsten Torahausgaben für Kinder und Jugendliche jeden Alters, die mittlerweile sogar alle mit ansprechenden Illustrationen versehen sind. So gibt es Werke, die beispielsweise altersgerechte Nacherzählungen ausgewählter biblischer Geschichten für Kleinkinder enthalten oder bei denen es sich um Aufarbeitungen der Wochenabschnitte der Torah für Heranwachsende handelt. Allerdings lässt sich hierzu keine genaue Zahl nennen, da beispielsweise einige religiöse Verlage ihre Bücher nicht mit einer ISBN kennzeichnen und diese somit nur in einer Buchhandlung direkt vor Ort auffindbar sind. Es ist anzunehmen, dass die meisten offiziell veröffentlichten Kindertoroth auf Hebräisch, Englisch, Spanisch oder Russisch vorliegen und es in den jeweiligen Sprachen eine verhältnismäßig große Auswahl gibt. Im Gegensatz dazu und im Gegensatz zur Zeit vor 1933 sind heutzutage leider nur noch sehr wenige deutschsprachige Werke vorhanden.

2. Deutschsprachige Werke

2.1. Von der Haskala bis ins 19. Jahrhundert

Im Zuge der Haskala (Lehren und Lernen seit der jüdischen Aufklärung) entwickelt sich in der Geschichte der jüdischen Pädagogik erstmals eine eigenständige Kinder- und Jugendliteratur. Diese befasst sich u. a. damit, eine Auswahl an Geschichten aus der Torah in eigenen Worten und vor allem auf Deutsch nachzuerzählen. Der sprachliche Aspekt spielt hierbei eine besonders wichtige Rolle, da auf diese Weise sogar der jüdische Bibelunterricht im Sinne der Haskala die Integration in die Mehrheitsgesellschaft befördert. Somit wird die Kenntnis des Hebräischen als Sprache des Torahtextes sekundär und das Übersetzen erübrigt sich zunehmend. Anhänger des orthodoxen Judentums widersetzten sich lange dieser Tendenz, da der Verzicht der ganzheitlichen Torahlektüre auf Hebräisch sowie die Reduzierung und Überarbeitung des Torahtextes als massive Eingriffe in das seit jeher gepflegte traditionelle Lehren und Lernen aufgefasst werden. In orthodoxen Kreisen wird der Mehrwert dieser Innovation erst mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert erkannt und die damit verbundenen pädagogischen Absichten als doch durchaus legitim aufgefasst.

1823 veröffentlicht Moses Mordechai Büdinger, der Leiter des israelitischen Lehrerseminars in Kassel, mit „Der Weg des Glaubens“ eine weitgehend wörtliche Übersetzung ausgewählter Passagen aus der Torah. 1837 legt David Samosc mit „Nahar me-Eden“ (hebr., Fluss aus Eden) eine jüdische Neubearbeitung der „Zweymal zwey und fünfzig auserlesene Biblische Historien“ (1714/1772) von Johann Hübner vor (→ Religionsbuch, evangelisch; Kap. 2.1). 1854 bzw. 1858 erscheint die zweibändige „Kleine Schul- und Haus-Bibel“ von Jakob Auerbach, dem langjährigen Religionslehrer am Philanthropin in Frankfurt am Main. 1862 publiziert Moritz Abraham Levy mit „Die biblische Geschichte nach dem Worte der heiligen Schrift der israelitischen Jugend erzählt“ eine weitere jüdische Schulbibel.

All diese deutschsprachigen Auswahlbibeln tragen entscheidend dazu bei, die alttestamentlichen Kenntnisse mehrerer Schülergenerationen zu fördern. Die erwähnten jüdischen Schulbibeln erfreuen sich insgesamt derart breiter Resonanz, dass sie immer weiter ergänzt werden, in zahlreichen Neuauflagen erscheinen und über ein halbes Jahrhundert, d.h. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erfolgreich im jüdischen Bibel- und Religionsunterricht eingesetzt werden.

2.2. Freie Nacherzählungen biblischer Geschichten

Während diese Schulbibeln oftmals eine paraphrasierte Übersetzung des Torahtextes darbieten, entwickelt sich ab 1828 mit der freien Erzählung ein weiteres eigenständiges jüdisches Genre. Hierbei wird die wörtliche Bindung an die Formulierungen des Torahtextes aufgelöst und durch eine freie, altersgerechte Nacherzählung ersetzt. Die so entstandenen freien biblischen Geschichten werden durch religiöse oder moralisch-pädagogische Lehren, mit realhistorischen Darstellungen aus der Geschichte des jüdischen Volkes oder mit Überlieferungen aus dem → Midrasch, der traditionellen weiter ausführenden jüdischen Schriftauslegung, ergänzt. Zu den Autoren solcher Bearbeitungen der biblischen Texte, die primär für den jüdischen Religionsunterricht in der Schule gedacht sind, gehören Joseph Maier („Lehrbuch der Biblischen Geschichte als Einleitung zum Religionsunterricht in israelitischen Schulen“, 1828), Abraham Jakob Cohn und Abraham Dinkelspiel („Erzählungen der Heiligen Schrift für Israeliten“, 1864), Moses Plaut („Biblische Geschichten für die israelitischen Kleinen erzählt“, 1897), Samuel Müller („Ein Buch für unsere Kinder“, 1897), Schalom Asch („Kleine Geschichten aus der Bibel“, 1923), Joachim Prinz („Die Geschichten der Bibel“, 1933/34; „Die Reiche Israel und Juda“, 1936) und Abrascha Stutschinsky („Die Bibel für Kinder erzählt nach der Heiligen Schrift und der Agada“, 1964).

Alle Autoren beabsichtigen mit ihren Werken, in einer den Schülern verständlichen Sprache auf explizit unterhaltsame, implizit jedoch belehrende Weise moralisch-ethische Werte zu vermitteln und gleichzeitig ihre jüdische Identität zu stärken.

2.3. Innovationen im 20. Jahrhundert

Asch, Prinz und Stutschinsky heben sich von den anderen Autoren ab, da sie sich bei ihrer freien Nacherzählung nicht nur am Torahtext orientieren, sondern auch Überlieferungen aus dem Midrasch aufnehmen. Dieses wachsende Interesse, Schülern zunehmend Zugang zum Midrasch zu verschaffen, hängt unmittelbar mit der religionsgeschichtlichen Erforschung des Alten Testaments in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg zusammen (Reents/Melchior, 2011).

Darüber hinaus weisen diese drei Werke eine weitere Innovation auf: Sie enthalten zahlreiche Illustrationen zur besseren Visualisierung der Erzählungen für die Schüler. So verwendet Asch beispielsweise dreizehn Holzschnitte der Renaissancekünstler Hans Holbein der Jüngere und Hans Sebald Beham. Das zweibändige Werk von Prinz wird mit insgesamt über 130 Zeichnungen von Heinz Wallenberg illustriert. Auch Stutschinskys Werk ist mit 91 Zeichnungen ebenfalls umfangreich bebildert.

Mit der → Schoah gerät das einst weit angesehene, prosperierende deutsche Judentum in eine allumfassende Krise. Viele jüdische Autoren sehen sich durch die zahlreichen Restriktionen der Nationalsozialisten dazu gezwungen, das Deutsche Reich zu verlassen. Die seit der Haskala aufstrebende jüdische Kinder- und Jugendliteratur nimmt ein bitteres Ende, mit dem bedauerlicherweise auch die seinerzeit erfolgreiche Tradition der Kindertoroth endet und die Werke – zumindest in Deutschland – lange Zeit nahezu in Vergessenheit geraten.

2.4. Die Bibel für Kinder erzählt

Abrascha Stutschinsky gilt als erster Autor nach der Schoah, der die Tradition der deutschsprachigen Kinderbibeln wieder aufleben lässt. Stutschinsky, der selbst seit 1929 Lehrer an der Schule der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ist, erkennt den Bedarf nach einer neuen zeitgemäßen Kindertorah, da alle zuvor erschienen Werke aufgrund ihrer eintönigen Erzählweise und pathetischen Sprache veraltet wirken (Reents/Melchior, 2011).

Stutschinskys Kindertorah ist ursprünglich (1964) ein zweibändiges Werk, welches jedoch seit 1978 als ein einheitlicher Band erscheint. Es umfasst elf Kapitel, die die Geschichte des jüdischen Volkes chronologisch von der Weltschöpfung bis zum Propheten → Nehemia umfasst. Während die ersten vier Kapitel die Erzählungen aus der → Tora wiedergeben, beruhen die folgenden Kapitel auf Darstellungen aus den Prophetenbüchern (→ Prophetenbücher) und → Schriften. Eine strikte Trennung wie ursprünglich bei den Büchern des Tanach (→ Tenach) lässt sich allerdings nicht finden.

Mithilfe des Midrasch erweitert Stutschinskys die in der Torah traditionell überlieferten Geschichten. Auf diese Weise finden mehrere Passagen aus dem Leben von → Abraham Einzug in die Kinderbibel, die sich per se nicht im Urtext finden. Hierzu gehört beispielsweise, dass einige Zauberer dem soeben geborenen Abraham in Ur anhand einer Sterndeutung seine Hegemonialstellung gegenüber den anderen Völkern ankündigen und den territorialen Anspruch über das Land bekräftigen. Ebenso erfährt man nur aus dem Midrasch, dass Abraham die → Götzen, die sein Vater Terach verkauft, vernichtet. Des Weiteren ist die Opferung Isaaks an die Rahmengeschichte in Hi 1 angelehnt: Satan löst die Glaubensprobe aus, indem er Abrahams Frömmigkeit vor Gott hinterfragt.

In ähnlicher Weise verwebt Stutschinsky auch bei → Jakob, → Josef und → Moses interessante Erzählstränge aus dem Midrasch mit der traditionellen biblischen Geschichte. So berichtet nämlich nur der Midrasch, dass Jakob auf seiner Flucht vor Esaw (→ Esau) zwölf Sterne sieht, mit denen Gott selbst ihm seine künftigen Söhne prophezeit, oder dass sich die Steine, auf die sich Jakob unmittelbar vor dem Traum von der Himmelsleiter legt, in ein weißes Kissen verwandeln. Über den verkauften Josef erfährt man beispielsweise, dass er auf dem Weg nach → Ägypten am Grab seiner Mutter → Rahel betet und diese in der Note um Hilfe anfleht. An späterer Stelle führt Stutschinsky an, dass man Josef in einem Sarg beisetzt, der wiederum von den Ägyptern heimlich im Nil versenkt wird und von Moses und seinen Männern kurz vor dem Auszug aus Ägypten geborgen werden muss. Das künftige Befreiungswerk wird dem Pharao – noch vor der Geburt von Moses – in dem Traum von einer Waage angekündigt, bei dem ein Lamm mehr wiegt als alle ägyptischen Fürsten. Am Ende seiner Tage segnet Moses das Volk mit dem Schma Israel, woraufhin die drei → Erzengel erscheinen und Moses auf sein Ableben vorbereiten: → Gabriel stellt ein Ruhebett bereit, → Michael eine purpurfarbene Decke und → Rafael ein weißes Kissen. Gott selbst sorgt durch einen Kuss dafür, dass die Seele seinen Körper verlässt. Während die Torah das einzigartige Wirken von Moses als Tatsache präsentiert, würdigt laut Midrasch eine himmlische Stimme seine verdienstvollen Taten.

In den folgenden Erzählungen von den Richtern, Propheten sowie den Königen von Israel und Juda legt Stutschinsky ein besonderes Augenmerk darauf, zu zeigen, wie das Volk Israel stets aufs Neue davor gewarnt wird, zu fremden Göttern abzufallen und den heidnischen Kulten der umliegenden Völker nachzugehen. Im letzten Teil werden das babylonische Exil und die Zeit unter persischer Herrschaft thematisiert. Stutschinsky beschließt seine Kindertorah mit der Verlesung der Torah durch Esra und Nehemia und hebt dadurch auf einprägsame Weise die unabdingbare Einhaltung der Gebote hervor. Auf diese Weise gelingt es Stutschinsky, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verbinden, seine Kernaussage auf alle drei Zeitstufen zu projizieren und ihr dadurch ihre immerwährende Gültigkeit für das jüdische Volk anzuerkennen. Ferner wird dadurch Stutschinskys pädagogische Absicht und seine Nachricht an die Schüler deutlich.

2.5. Die Bibel erzählt

Die Kindertorah von Hella Taubes erscheint 1963 und enthält 24 Geschichten aus der Torah, die jeweils von einer passenden Illustration begleitet sind. Die freien Nacherzählungen orientieren sich an bedeutenden Persönlichkeiten und setzen bei Adam und Eva als Urgeschichte der Menschheit ein und führen über die Stammväter Abraham, Isaak und Jakob zu Josef und seinem Werdegang. Fast die Hälfte dieses Werkes befasst sich mit Moses und seinem Wirken und endet schließlich mit seinem Tod.

Haubes Erzählungen sind kurzgefasst, eignen sich gut zum Vorlesen und sind eher an jüngere Kinder adressiert. Sie enthalten durchgehend deutliche religiöse oder moralische Lehren, aus denen das klare Verhältnis zwischen Gott und Mensch sowie die Bedeutung des Glaubens für den Menschen hervorgeht. Besonders der Aspekt des Gottvertrauens wird in mehreren Erzählungen direkt thematisiert.

2.6. Meine kleine Tora

Illustrationen zur Visualisierung des Fließtextes werden lange Zeit aus ökonomischen Gründen und wegen des biblischen Bildverbots (Ex 20,4) eher selten angefertigt und verwendet (Reents/Melchior, 2011). 1928 veröffentlicht Otto Geismar, langjähriger Lehrer der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die erste textlose jüdische „Bilder-Bibel“.

„Meine kleine Tora“ von Rabbiner Ahron Falk greift diese Tradition 1996 in Variation wieder auf. Dieses bis dahin einmalige Werk stellt unter den deutschsprachigen Kinderbibeln in vielfacher Hinsicht eine völlige Innovation dar, da erstmals die gesamte Torah vollständig im Comicformat veröffentlicht wird. Tatsächlich handelt es sich um eine aus dem Hebräischen übersetzte Lizenzausgabe, die bereits 1988/89 in Israel erscheint.

Diese bebilderte Kindertorah ist eine systematische, fundierte Aufarbeitung der einzelnen Wochenabschnitte, wobei jeder Wochenabschnitt auf jeweils vier Seiten graphisch aufgearbeitet wird. Besonders komplexe oder schwer nachvollziehbare Sachverhalte werden mithilfe der graphischen Darstellungen hervorragend erklärt und lassen sich dadurch leichter erschließen. Dieser einzigartige Comic ist aufgrund der Verbindung aus Bild- und Textinformation schwerlich zum Vorlesen geeignet. Er richtet sich daher vielmehr an ältere Grundschulkinder, die bereits selbstständig lesen können, bzw. wegen der Komplexität der Gattung Comic sogar an Jugendliche im Bat/Bar Mitzwah-Alter. Vielfach werden in einem Panel mehrere Handlungen vereint, die eigentlich nacheinander und nicht, wie anhand des Bildes zunächst anzunehmen, gleichzeitig ablaufen. Darüber hinaus werden die Texte nicht in geraden Lettern, sondern in einer Art kursiven Handschrift präsentiert.

Im Vergleich zu allen anderen bereits vorgestellten Kindertoroth ist die Verwendung des Hebräischen besonders positiv hervorzuheben. So werden die Namen des jeweiligen Wochenabschnittes sowohl auf Hebräisch als auch in deutscher Umschrift angegeben. Darüber hinaus werden Personennamen und religiöse Begriffe anhand des hebräischen Wortes transkribiert. So wird beispielsweise für Gott die traditionelle Bezeichnung Haschem (Der Name) und für die Israeliten Bne Jisrael (Kinder Israel) verwendet.

Die biblischen Erzählungen werden im Zuge der graphischen Umsetzung aktualisiert, sodass in den Panels oft Kinder oder Gegenstände aus der Moderne dargestellt sind. Auf diese Weise sollen die jungen Leser die biblischen Geschichten schneller begreifen und sich einfacher mit ihnen identifizieren können. Der Comic trägt zur traditionell orthodox-konservativen Identitätsstiftung bei, da u.a. alle jüdischen männlichen Personen immer mit einer Kippah als Kopfbedeckung dargestellt sind.

Falks Werk ist eine freie Nacherzählung, wobei etliche Paraphrasierungen des Torahtextes enthalten sind. Darüber hinaus geben die Texte nicht nur die biblische Geschichte wieder, sondern werden in geschickter Weise mit modernen Sachverhalten verwoben und wirken moralisierend. Zudem ist „Meine kleine Tora“ als interaktives Lehrwerk angelegt, da es vereinzelte Leseaufträge und am Ende von jedem Wochenabschnitt ein Quiz zur Wiederholung und Vertiefung gibt. Hierbei wird das neu Erworbene im Rahmen von vier Fragen repetiert.

Insgesamt lässt diese Kindertorah deutlich erkennen, dass sie vielmehr die religiöse Erziehung fördern soll als rein unterhaltsamen Charakter zu haben. Im Vordergrund steht somit die fundierte Kenntnis der Torah sowie der religiösen Pflichten und Bräuche (Reents/Melchior, 2011).

2.7. Erzähl es deinen Kindern. Die Torah in fünf Bänden

Das fünfbändige Werk (2014-2016) von Hanna Liss und Bruno Landthaler ist ein beeindruckender Meilenstein in der Geschichte der deutschsprachigen Kindertoroth. Bei dieser Kinderbibel handelt es sich um eine kindgerechte und altersgemäße Nacherzählung, zugleich aber auch um eine auf Vollständigkeit bedachte Übertragung bzw. „sensible Übersetzung“ (Liss/Landthaler, 2016) der Torah. Zudem orientiert sich dieses Werk am Lesezyklus der Wochenabschnitte und kann daher während der wöchentlichen Torahlesung in der Synagoge verwendet werden. Somit wird eine wichtige intrareligiös-pädagogische Absicht verfolgt: Die Kinder werden auf diese Weise dafür sensibilisiert, die Torah als selbstverständliches Herzstück des Synagogengottesdienstes zu verstehen.

Diese Kindertorah dient primär zum Vorlesen. Allerdings liegt ihr ein wohl durchdachtes Konzept zugrunde, das weit über das reine Vorlesen hinausgeht. So gibt es kursiv hervorgehobene – teils sehr kurze, teils längere – Textpassagen, die für Kleinkinder übersprungen werden können, ohne dass dadurch der Lesefluss beeinträchtigt wird. Zu Beginn jedes Wochenabschnittes finden sich neben einer allgemeinen Zusammenfassung des jeweiligen Abschnitts immer zwei weitere Angaben, die die entsprechende Torahpassage in den Kontext von Tradition und Liturgie setzen. So verweisen die Autoren auf Verse des Wochenabschnittes, die in der Liturgie eingesetzt werden. Hinzu kommt ein erklärender Hinweis zur Prophetenlesung, der sich im synagogalen Gottesdienst direkt an die Torahlesung anschließt. Jeder Wochenabschnitt enthält eine farbenfrohe und detaillierte Illustration, die mehrere der in dem jeweiligen Abschnitt vorkommenden Szenen geschickt in einem Bild vereint.

Einzigartig im Vergleich zu den anderen Kinderbibeln sind auch die ausführlichen weiterführenden Kommentare der Autoren, die das Verständnis komplexer Sachverhalte erleichtern und dabei helfen, die anspruchsvolleren Torahtexte zu erschließen. Daher sind die Kommentare nicht in allen fünf Bänden gleich verteilt, sondern unterscheiden sich je nach Band an Intensität und Ausführlichkeit. Diese Hintergrundinformationen sind in Marginalspalten um den Fließtext angeordnet und richten sich als Lesehilfe an Erwachsene und interessierte Jugendliche. Hierdurch erweitert sich der ursprüngliche Adressatenkreis dieses Werkes: Diese Kindertorah richtet sich daher nicht ausschließlich an Kinder, sondern verschafft auch Jugendlichen und Erwachsenen einen Zugang zu einer fundierten Lektüre. Zugleich ermöglichen die Kommentare, beim Vorlesen direkt und gezielt auf eventuelle Rückfragen der zuhörenden Kinder einzugehen. Somit enthält diese Kindertorah ansatzweise auch eine wissenschaftliche Auslegung der Torah.

Hervorzuheben ist der besondere Stellenwert, der dem Hebräischen in dieser Kindertorah kontinuierlich beigemessen wird. Wie bereits aus „Meine kleine Tora“ bekannt, werden auch hier Personennamen und religiöse Begriffe anhand des hebräischen Wortes transkribiert. Die Namen der im deutschsprachigen Raum gängigen Konvention sind am jeweiligen unteren Seitenrand angegeben. Darüber hinaus findet sich in einem ausführlichen Anhang eine Zusammenstellung aller vorkommenden hebräischen Personen- und Ortsnamen. Besonders innovativ ist, dass die ersten drei Verse jedes Wochenabschnitts immer auf Hebräisch angeführt werden. Zusätzlich hierzu erscheinen auch die Verse, die in der Liturgie und Tradition eingesetzt werden (beispielsweise Gen 2,1-3 beim Kiddusch am Freitagabend), in der Sakralsprache. Auf diese Weise bezwecken die Autoren, langfristig zur Lektüre in der Originalsprache zu animieren. Hierdurch wird der pädagogische Anspruch deutlich, dass die Torah traditionellerweise auf Hebräisch gelehrt und rezipiert werden sollte.

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur zeichnet den ersten Band dieser Kindertorah im Juli 2014 mit dem Prädikat „Buch des Monats“ aus.

Literaturverzeichnis

  • Asch, Schalom, Kleine Geschichten aus der Bibel, Berlin 1923.
  • Auerbach, Jakob, Kleine Schul- und Haus-Bibel, Frankfurt a. M. 1858.
  • Büdinger, Moses M., Der Weg des Glaubens oder: Die kleine Bibel enthaltend einen vollständigen Auszug aus den Büchern der heiligen Schrift; zunächst für israelitische Frauen und Mädchen und mit der Rücksicht auf den Unterricht in der Religion und Sittenlehre bearbeitet, Stuttgart 1824.
  • Cohn, Abraham J./Dinkelspiel, Abraham, Erzählungen der Heiligen Schrift für Israeliten. Zum Schul- und Privatgebrauche bearbeitet, Barmen/Leipzig 1864.
  • Falk, Ahron, Meine kleine Tora. Mit Bildern durch den Wochenabschnitt, Basel/Zürich 1996.
  • Geismar, Otto, Bilder-Bibel, Berlin 1928.
  • Hübner, Johann, Zweimal zwey und fünfzig auserlesene Biblische Historien, aus dem Alten und Neuen Testamente, der Jugend zum Besten abgefasset, Chur, Lindau neue vermehrte Auflage 1772 [1. Aufl. 1714].
  • Levy, Moritz A., Die biblische Geschichte nach dem Worte der heiligen Schrift der israelitischen Jugend erzählt, Breslau 1862.
  • Liss, Hanna/Landthaler, Bruno, Erzähl es deinen Kindern. Die Torah in fünf Bänden, illustriert von Darius Gilmont, Berlin 2. Aufl. 2015-2016.
  • Maier, Joseph, Lehrbuch der Biblischen Geschichte als Einleitung zum Religionsunterricht in israelitischen Schulen, Frankfurt a. M. 1828.
  • Müller, Samuel, Ein Buch für unsere Kinder. Biblische und nachbiblische Geschichten in methodischer Bearbeitung zum Unterricht der israelitischen Jugend, Stuttgart 1897.
  • Plaut, Moses, Biblische Geschichten für die israelitischen Kleinen erzählt, Frankfurt a. M. 1897.
  • Prinz, Joachim, Die Geschichten der Bibel. Der jüdischen Jugend neu erzählt. Mit vielen Bildern, Berlin 1934.
  • Prinz, Joachim, Die Reiche Israel und Juda. Geschichten der Bibel. Der jüdischen Jugend neu erzählt. Mit sechs Tafeln und vielen Bildern, Berlin 1936.
  • Reents, Christine/Melchior, Christoph, Achtes Kapitel. Jüdische Kinder- und Schulbibeln in deutscher Sprache von der Haskala bis heute, in: Reents, Christine/Melchior, Christoph, Die Geschichte der Kinder- und Schulbibel: evangelisch – katholisch – jüdisch, Arbeiten zur Religionspädagogik 48, Göttingen 2011, 573-645.
  • Samosc, David, Ssefer Nahar me-Eden oder biblische Erzählungen nach Hübner, Breslau 1837.
  • Stutschinsky, Abrascha, Die Bibel für Kinder erzählt. Nach der heiligen Schrift und der Agada, Köln 1962.
  • Taubes, Hella, Die Bibel erzählt, illustriert von Dan Bar-Giora, Frankfurt a. M. 1963.

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