Deutsche Bibelgesellschaft

Kirchenjahr, evangelisch

Andere Schreibweise: engl. Church year

(erstellt: Februar 2026)

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1. Das Kirchenjahr als Lebensgestalt des Christentums

1.1. Das agendarische und das gelebte Kirchenjahr

Das Kirchenjahr ist der historisch gewachsene Jahreskalender des Christentums (→ Kalenderrechnung, christliche), in dem die Gottesdienste der Festzeiten (→ Fest/Feste), der Feiertage und der fortlaufenden Sonntage liturgisch gekennzeichnet und als eine durchgehende Folge aneinandergefügt werden (Bieritz, 2014; Schroeter-Wittke, 2003). Konfessionell wie kulturell variierend hat das Kirchenjahr einen prägnanten Grundrhythmus ausgebildet. Er prägt den Jahreskreis – evangelisch wie katholisch strukturell übereinstimmend – insbesondere entlang der großen Festzeiten und ihrer inneren Dramaturgie von Vorbereitung, Festereignis und Nachklang. In den lutherischen und unierten Kirchen der Reformation hat das Kirchenjahr eine gottesdienstliche Textur, die in den Agenden, d.h. den kirchlichen Gottesdienstbüchern, in denen der Ablauf und die Texte vorgezeichnet sind, eine verbindliche Gestalt hat (Liturgische Konferenz in der EKD, 2018). Sie schlägt sich im jeweiligen Proprium der Sonn- und Festtagsgottesdienste nieder, d.h. z.B. in der Zuordnung der biblischen Lesungen, des Psalms und der Perikopentexte für die Predigt, in der Auswahl des Wochenliedes und den liturgischen Farben. Im Zusammenspiel ergibt sich ein thematisches oder festzeitliches Profil des jeweiligen Gottesdienstes im Kirchenjahr.

Als agendarisches oder (kirchen-)‘offizielles‘ ist das Kirchenjahr jedoch noch nicht hinreichend bestimmt. Es gestaltet sich vielmehr in der gegenwärtigen Lebenspraxis vielfältig, selektiv und mehrdeutig. Das Kirchenjahr ist eben nicht nur das kirchliche Jahr oder gar das Jahr der Kirche. Es ist darüber hinaus ein Element – ein Zeitgeber, eine Prägekraft – gesellschaftlicher und kultureller, individueller und familiärer Lebenspraxis. Zu seiner Bedeutung gehört wesentlich, dass es sich als gelebtes Kirchenjahr inkulturiert, ohne dass es dabei vom agendarischen, in den Gottesdiensten gestalteten Kirchenjahr abgekoppelt ist. Es bildet heute ein Spannungsfeld und zugleich ein Verbindungsglied zwischen kirchlicher Theologie und gelebter Religion. In dieser Weise ist es ein lebensweltlicher Resonanzraum für den christlichen Glauben, der im gottesdienstlichen Geschehen zur Darstellung kommt und kommuniziert wird. Das gelebte Kirchenjahr gab und gibt es nicht in ‚Reinkultur‘, es war schon immer unterfüttert durch volkskulturelles Brauchtum und angereichert aus der Vorstellungswelt der Volksfrömmigkeit; heute würde man eher von Popularkultur und Leutereligiosität sprechen (Fechtner, 2023, 88-104). In einer traditionell liturgiegeschichtlich orientierten Lesart wird das gelebte Kirchenjahr nicht selten in normativ scharf markierter Abgrenzung als mindere Form oder gar als eine Verfallsform des agendarisch festgehaltenen Kirchenjahres verstanden. In einer kulturwissenschaftlich ausgelegten Praktischen Theologie hingegen kann es auch als Ensemble seiner lebensweltlich-konkreten und darin immer partikularen Gestaltungen begriffen werden. In diesem Sinne ist es eine der vitalen Lebensgestalten des zeitgenössischen Christentums. Dies gilt in kirchlicher, kultureller und individueller Hinsicht: Es bestimmt den gottesdienstlichen Spielplan kirchlicher Praxis, es ist eine wesentliche Referenz des gesellschaftlich in Geltung stehenden Jahreskreises und es prägt auch die privaten Jahreskalender und das persönliche Zeitempfinden.

1.2. Kalender als symbolische Ordnungen der Zeit

Kalender strukturieren Zeit und bringen sie in eine berechenbare Ordnung von Tagen, Wochen, Monaten und Jahren. Mit ihnen organisieren Gesellschaften und Gemeinschaften ihr soziales Leben, sie koordinieren individuelles und kollektives Handeln. Kalender beziehen sich auf natürliche Gegebenheiten, sie orientieren sich an solaren und lunaren Rhythmen (Aveni, 1991). Sie sind selbst aber kulturelle Konstruktionen, insofern sie Zeit(en) in je unterschiedlicher Weise bestimmen und deuten. So sind sie zugleich immer auch symbolische Ordnungen der Zeit und stiften gemeinschaftliche Identität. Dies gilt insbesondere für religiöse Kalender.

1.3. Die Pluralität heutiger Zeitordnungen

In der Spätmoderne bildet sich nun jedoch im Kirchenjahr keineswegs das Ganze gegenwärtiger Zeitorientierungen ab; Zeitgenossinnen und Zeitgenossen sind heute lebensweltlich notorische ‚Zeiten-Wechsler‘, die sich zwischen unterschiedlichen öffentlichen, beruflichen und privaten Kalendarien bewegen. Hinzu kommt, dass sich in einer religionsdifferenten Gesellschaft die religiösen Festkalender vervielfältigen, auch wenn im öffentlichen Kalender hierzulande bislang lediglich christliche Feste und Feiertage staatlich in Geltung stehen. Insofern hat das Kirchenjahr im gesellschaftlichen Leben eine spezifische → Deutungsmacht, die in jüngerer Zeit immer wieder zu Konflikten führt. Im pluralen Arrangement unserer kulturell kontextualisierten Zeitbestimmungen ist das Kirchenjahr eine wesentliche, die Lebenswelt prägende Größe unter anderen. Hinzu kommt die Einsicht, dass das dominierende Konzept des Kirchenjahres auch als kalendarisches Element der westlichen Kolonialgeschichte erscheint und im Rahmen postkolonialer Theorien kritisch wahrzunehmen ist, wie es Festkalender anderer Kulturen hegemonial überformt hat.

2. Aufriss und Gestaltung des zeitgenössischen Kirchenjahres

Der Aufriss des agendarischen Kirchenjahres reicht vom ersten Advent bis zum letzten Sonntag im evangelischen Kirchenjahr, dem Ewigkeits- oder Totensonntag. Als Jahresfestkreis gliedert es sich in drei Zeitabschnitte: 1. Der Weihnachtsfestkreis erstreckt sich von den Sonntagen im Advent über die Weihnachtsfesttage bis hin zur Epiphaniaszeit, 2. der Osterfestkreis, historisch die älteste Sequenz, umgreift die Passionszeit, hat in seiner Mitte die Karwoche und das Osterfest und findet traditionell seinen Abschluss im Pfingstfest, 3. die sich daran anschließenden Sonntage werden, beginnend mit dem Trinitatisfest, als Trinitatiszeit bis zum Ende des Kirchenjahres durchgezählt (Bieritz, 2014; Schroeter-Wittke, 2003). Insbesondere die zweite Kirchenjahreshälfte nach Ostern bleibt in der klassischen Gliederung allerdings lebensweltlich unterbestimmt. Deshalb kann sie in stärker am gelebten Kirchenjahr orientierten Entwürfen prägnanter strukturiert werden, indem das Kirchenjahr in ein „Vier-Felder-Schema“ übersetzt wird: Weihnachten – Ostern – pfingstliche Zeit – späte Zeit des Kirchenjahres (Josuttis, 2006; Fechtner, 2007).

2.1. Weihnachtsfestkreis

Weihnachten (→ Geburtsgeschichten Jesu/Weihnachten, bibeldidaktisch) ist das dominierende Fest im Jahreskreis des neuzeitlichen Christentums, es gilt als das „Fest der Feste“ innerhalb christlich geprägter westlicher Gesellschaften. Das „Weihnachts-Christentum“ (Morgenroth, 2002) manifestiert sich auf unterschiedlichen Ebenen: Zu seiner kirchlichen Praxis gehören Advents‑ und Weihnachtsgottesdienste und zur Familienreligion die häuslichen Festgestaltungen und Feiern. Als gesellschaftliche Institution begegnet es in seinen kommerzialisierten Formen, aber auch in spezifischen kulturellen Gattungen wie der Weihnachtsliteratur oder zivilreligiösen Elementen wie der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten. Schließlich ist Weihnachten heute auch im weitesten Sinne ein signifikanter Gefühlsraum, es ist ein ‚Festivitätsgefühl‘, welches noch diejenigen zu affizieren vermag, die am Fest selbst nicht teilnehmen. Die Atmosphäre des Weihnachtlichen grundiert die Festpraxis und das Alltagsleben, die auch dann weihnachtsreligiöse Konnotationen haben, wenn diese gar nicht explizit zum Ausdruck gebracht werden. Drei Aspekte prägen in besonderer Weise die gegenwärtige Praxis:

Erstens hat sich die Dramaturgie des gegenwärtigen Festzyklus signifikant verändert. Die Mitte des Weihnachtsfestes ist auch im kirchlichen Bewusstsein hierzulande mehr und mehr vom ersten Weihnachtstag auf den Heiligabend vorgezogen worden, der traditionell als Vorabend des Festes verstanden wurde. Zugleich wird die Adventszeit insgesamt als (Vor-)Weihnachtszeit wahrgenommen.

Weihnachten ‚funktioniert‘ zweitens heute in hohem Maße über Kinder und in Kindheitsmustern. Festpsychologisch hat Weihnachten einen regressiven Grundzug und beruht wesentlich auf Erinnerungen bis zurück in die eigene, immer auch imaginierte Kindheit. All dies macht nicht zuletzt die Lebenskraft von Weihnachten aus. Das Kindheitsmotiv birgt zugleich die Versuchung, Weihnachten zu verniedlichen. Die Weihnachtsgeschichte ist auch Flucht‑ und Rettungsgeschichte Gottes, sie ist symbolisch ausgespannt zwischen den Polen von Finsternis und Licht.

Drittens verändern schließlich post-christliche Mythen und Mythologien, die sich mit Weihnachten heute verbinden, Sinngehalte und Sinnkonstellationen des Festes, man denke an die Figur des Weihnachtsmannes. Man mag diese und andere Phänomene als pagane Überformungen des christlichen Weihnachtsfestes beklagen. Theologisch sehr viel wichtiger jedoch ist es, immer wieder neu Weihnachten aus seiner biblischen Sinnmitte heraus zu bestimmen und gottesdienstlich zu inszenieren.

2.2. Osterfestkreis

Der Osterfestkreis reicht von der Passionszeit mit der Karwoche über die Osterfeiertage bis zur österlichen Freudenzeit (→ Passion und Auferstehung, bibeldidaktisch, Grundschule; → Passion und Auferstehung, bibeldidaktisch, Sekundarstufe). Von alters her das christlich hervorgehobene Fest und nach traditionell theologischer Lesart das Grunddatum des christlichen Glaubens ist Ostern heute in seiner gesellschaftlichen Bedeutung hinter das Weihnachtsfest zurückgetreten. In der gelebten Religion des neuzeitlichen Christentums verlagert sich der Akzent vom „Kreuz zur Krippe“ (→ Weihnachtskrippe). In der symbolischen Ausgestaltung ist Ostern jahreszeitlich geprägt, so verknüpfen sich im populären Osterbrauchtum Facetten naturzeitlichen Erlebens mit dem Mysterium des Osterereignisses: aufbrechendes und sich erneuerndes Leben. Sinnenfällig wird das Osterfest in traditionellen Bräuchen wie den mittelalterlichen Passions- und Osterspielen und populären Festpraktiken mit ihren naturzeitlichen und nutritiven Symboliken (z.B. frisches Grün von Osterzweigen oder gefärbte Ostereier, die den Ursprungsort neuen Lebens versinnbildlichen).

Grundmotiv der christlichen Ostersymbolik sind der Kontrast, Übergang und Weg von Dunkelheit zu Licht als transitus vom Tod ins Leben. Gegenüber dem - religionspsychologisch betrachtet - eher ‚regressiven‘ Momenten des weihnachtlichen Geburtsfestes hat die Feier von Tod und → Auferstehung Jesu einen ‚progressiven‘ Charakter, der den Übergang in ein neues Leben eröffnet (Walther-Sollich, 1997, 144-150).

Drei Momente sind praktisch-theologisch genauer wahrzunehmen:

Innerhalb der protestantischen Tradition besitzt der Karfreitag ein besonderes Gewicht. Allerdings lässt sich, so die erste Beobachtung, erkennen, dass im Laufe des vergangenen Jahrhunderts dessen Bedeutung zurückgegangen ist, dies betrifft sowohl den Gottesdienstbesuch wie die kulturelle Verankerung. Die traditionelle Sühnopfertheologie hat weithin ihre Plausibilität verloren, im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich in der kirchlichen Verkündigung der thematische Fokus der Karfreitagspredigt von der Frage nach Schuld hin zur Frage nach dem Umgang mit Leid verschoben (Walther-Sollich, 1997).

Auf evangelischer Seite hat sich zweitens in jüngerer Zeit die Fastenaktion „Sieben-Wochen-Ohne“ etabliert. An ihr wird deutlich, wie sich in Aufnahme eines zentralen Motivs der Passionszeit die Tradition einer österlichen Vorbereitung in neue Lebenskontexte transformiert. Sie gewinnt ihre Plausibilität innerhalb der Spätmoderne, die ein neues Körperbewusstsein (Diät, Fitness) hervorgebracht hat und in der der Verzicht als Moment intensivierten Selbst‑ und Welterlebens wirksam werden kann (Fechtner, 2023, 125-131).

Drittens ist die aus der Alten Kirche stammende Osternachtfeier als eine liturgische Form österlichen Erlebens im 20. Jahrhundert in der katholischen wie den evangelischen Kirchen wiederentdeckt und neugestaltet worden. Sie zeugt davon, dass sich ein Erbe der Kirchenjahrestradition im gottesdienstlichen Leben der Gegenwart neu erschließen kann. In der Spätmoderne ist der Sinn für geprägte Gestalten gottesdienstlicher Praxis gewachsen, die zu besonderen Zeiten und in besonderer Weise gefeiert werden.

2.3. Pfingstliche Zeit

Pfingsten (→ Pfingstgeschichte, bibeldidaktisch (Primar- und Sekundarstufe)) ist neben Weihnachten und Ostern das dritte große christliche Fest im Kirchenjahr. In der gegenwärtigen kirchlichen und kulturellen Praxis ist Pfingsten allerdings schwächer ausgeprägt und bleibt in seiner Motivik – die Gabe des Heiligen Geistes (→ Heiliger Geist) als göttliche Lebenskraft – undeutlicher.

Das Brauchtum ist zu Pfingsten weniger prägnant als dasjenige der anderen christlichen Festzeiten, es ist vorrangig naturzeitlich bestimmt: grüne Zweige an Häusern und Kirche bis hin zu Pfingstbäumen und anderen Formen frühsommerlichen Schmuckes. Hinzu kommen Festivitäten wie Pfingsttänze oder Umzüge. Allerdings ist das (früh-)sommerliche Feld der pfingstlichen Zeit durch Momente von Aufbruch und Auszeit, intensiviertem Leben und Gemeinschaftlichkeit gekennzeichnet, die sich auch religiös und kirchlich widerspiegeln: Es ist die Zeit von Trauungen und Taufen, in denen sich eine lebenseröffnende, biographisch bestimmte Kasualfrömmigkeit zum Ausdruck bringt. In den Gemeindefesten, die ebenfalls in die pfingstliche Zeit gehören, zeigt sich die Gesellungskraft religiöser Praxis auch über den Gottesdienst hinaus.

2.4. Späte Zeit des Kirchenjahres

Das vierte Feld spannt sich aus zwischen der spätsommerlichen Rückkehr aus der Ferienzeit, dem Erntedankfest und dem Totensonntag als letztem Sonntag im Kirchenjahr. In dieser Zeitspanne umgreift es auch einzelne kirchliche Feiertage der evangelischen Tradition, die für die kirchliche Identität bedeutsam sind: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Mittwoch vor dem letzten Sonntag im evangelischen Kirchenjahr als Buß- und Bettag ausgewiesen. Im gottesdienstlichen Akt wird die Schuld und Not vor Gott gebracht, die das Gemeinwesen und die Kirche belasten. Der Gedenktag der Reformation am 31. Oktober erinnert an den Thesenanschlag Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg. Er hält die „Freiheit eines Christenmenschen“ als Identität des Glaubens „ohn all mein Verdienst und Würdigkeit“ (Luther, 1529, 870) fest. Insgesamt ist die späte Zeit des Kirchenjahres durch die Motive des gereiften, angegriffenen und endlichen Lebens bestimmt.

Das Erntedankfest hat seine spätmoderne Bedeutung in einer nach-agrarischen Gesellschaft gewonnen, es ist heute eine der prominentesten Gottesdienststationen im Jahreslauf. Es nimmt schöpfungstheologisch eine andere Seite von Naturerfahrung wahr, indem für deren Gaben und für die Erträge menschlicher Arbeit gedankt wird. Heute ist insbesondere die ökologische Einsicht, dass der Mensch von Bedingungen lebt, die er nicht selbst hervorbringt, ein starker Impuls.

Auch der Totensonntag ist, wenn auch aus anderen Gründen, für die Wahrnehmung des Kirchenjahres von besonderer Bedeutung (→ Tod/Todesverständnis). In seinem Fürbittritual des Totengedenkens ist der Gottesdienst Teil einer religiösen Praxis des gemeinschaftlichen Trauerns und des individuellen Erinnerns. Von den Beteiligten kann das Eingedenken als ein Begegnungsgeschehen mit den Verstorbenen erlebt werden und zugleich als ein heilsamer Akt der inneren Trennung von ihnen, der in Gemeinschaft erlebt wird.

3. Auslegungen des Kirchenjahres

Auf zwei Ebenen bzw. in zwei Hinsichten lassen sich die Kirchenjahreszeiten ausdeuten:

Erstens verbinden sich mit den vier Zeiten unterschiedliche religiöse Grundmotive: anfänglich leben (Weihnachtsfestkreis) mit den Momenten von Erwartung, Sehnsucht und Ankunft; aus dem Tod heraus (Osterfestkreis) mit den Momenten von Leiden, Abschied und Übergang; Aufbruch ins Leben (pfingstliche Zeit) mit den Momenten von Fülle, Verausgabung und Vereinigung; im Glauben reifen (späte Zeit des Kirchenjahres) mit den Momenten von Ernte, Schuld/Vergebung und Hoffnung. In dieser Weise erscheint das Kirchenjahr als ein Erfahrungsraum, in dem sich Lebensthemen und religiöse Sinngehalte wechselseitig füreinander erschließen. In seiner theologischen Textur bilden sich Inhalte des christlichen Glaubens ab: das Zur-Welt-Kommen Gottes, Kreuz und Auferstehung Christi (→ Auferstehung Jesu), die Freiheit und Fülle des Heiligen Geistes (→ Heiliger Geist), Leben als göttliche Gabe, Rechtfertigungsglaube, Eingedenken der Toten und ewiges Leben.

Die vier Felder des Kirchenjahres können zweitens auch als Resonanzräume begriffen werden, in denen sich je unterschiedliche Selbst‑ und Weltempfindungen zum Ausdruck bringen. In der evangelischen Tradition wird dies unter anderem in klassisch-vertrauten Kirchenliedern hörbar: als adventlich und weihnachtliche Gestimmtheit, angerührt zu werden und empfänglich zu sein – „Wie soll ich dich empfangen“ (EG 11); in der österlichen Empfindung, konfrontiert zu werden mit dem Leiden, standzuhalten und sich wieder aufzurichten – „… ist erstanden“ (EG 99); in der pfingstlichen Bewegung, sich nach außen zu wenden und sich hinzugeben – „Geh aus mein Herz …“ (EG 503); in der Ahnung und Besinnung, dass endliches Leben zurechtgebracht wird und gehalten bleibt – „Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit“ (EG 325). In der Frömmigkeitspraxis des Kirchenjahres werden Lebens- und Glaubensgefühle als leibliche Regungen spürbar.

4. Zur Bedeutung des Kirchenjahres heute

4.1. Rhythmisierung

Im kollektiven Jahreskreis des Kirchenjahres bilden Menschen ein Zeitbewusstsein aus. Gelebte Zeit ist immer mehr als lediglich formal strukturierte, gleichförmige Zeit. Im Horizont des Kirchenjahres wird der Jahreskreis zur gestalteten und bewusst erlebten Zeit, die als je besondere Zeit qualifiziert wird. In der spätmodernen Kirchenjahresfrömmigkeit gewinnen Zeit und Zeiterleben eine äußere und innere Ordnung. Biographische Zeit (→ Biografie/Lebensgeschichte/Lebenslauf) verwebt sich im sich wiederholenden Jahreszyklus des Kirchenjahres mit einem Grundrhythmus, der sich in die Lebensgeschichte einschreibt.

4.2. Ritualisierung

Das Kirchenjahr wird in seinen Ritualisierungen (→ Rituale) zugänglich und erlebbar. Die rituellen Gestaltungen entlang des Kirchenjahres sind im Gegenüber zu den alltäglichen Routinen symbolische Gesten, die individuell, familiär oder gemeinschaftlich ihren eigenen Ort und ihre feste Form haben. In den geprägten, sich wiederholenden Handlungen partizipieren die Akteure an einer Sinntradition, die sie (sich) vergegenwärtigen. Für die Bedeutung des Kirchenjahres wesentlich sind seine Gottesdienste (→ Gottesdienst, evangelisch; → Gottesdienst, katholisch), insbesondere diejenigen der Festzeiten und Feiertage. Sie sind im Kontext des kirchlichen Christentums der rituelle Raum und das rituelle Geschehen, innerhalb dessen das gelebte Kirchenjahr seine explizit christlich-religiöse Textur erhält und behält.

4.3. Unterbrechung

Die Frömmigkeitspraktiken des Kirchenjahres gestalten Auszeiten und Anderszeiten; sie unterbrechen Alltagsabläufe und Alltagsgeschäftigkeit. Die großen festtäglichen Unterbrechungen wie die kleinen, alltagsbezogenen Unterbrechungen sind Refugien, in denen Zeit anders erlebt wird. In der spätmodernen Frömmigkeit lebt man alltagsweltlich nicht im Kirchenjahr, man kehrt vielmehr gelegentlich – an signifikanten Wegstationen – im Kirchenjahr ein. So wird das Kirchenjahr als je besonders gestaltete Situation bedeutsam.

4.4. Intensivierung

In den religiösen und kulturellen Praktiken des Kirchenjahres werden Selbst- und Wirklichkeitserfahrungen intensiviert, indem die Akteurinnen an Sinndeutungen partizipieren, die mit den Handlungen verbunden sind und sich in ihnen erschließen (Kerzen entzünden, Fasten, sich gemeinsam erinnern etc.). Die populare Religiosität manifestiert sich im Kirchenjahr in einer gesteigerten Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit für den Wechsel naturzeitlicher Erfahrungen und für die elementaren Lebensbedingungen der eigenen Existenz. Das Kirchenjahr wird in dem, wie es begangen und gestaltet wird, zu einem (mit‑)erlebten Kirchenjahr.

4.5. Thematisierung von Lebens- und Glaubensthemen

Die Symbolik des Kirchenjahres birgt in sich existentielle Lebensthemen im Horizont des christlichen Glaubens und gibt ihnen Ort und Zeit, im Kirchenjahr werden Lebensthemen und Glaubensgehalte füreinander transparent: z.B. in Erwartung stehen, mit Schuld konfrontiert sein, Dankbarkeit spüren, Abschied begehen u.a. Dabei bilden sich im Kirchenjahr die Themen endlichen Lebens nicht einfach ab, sondern sie werden im Medium der Glaubensüberlieferung fokussiert. Die symbolischen Ordnungen des Kirchenjahres stellen gelebtes Leben in einen christlichen Sinnhorizont.

5. Perspektiven praktischer Gestaltung

Eine breite Palette von Praxisliteratur zeigt, dass das Kirchenjahr in unterschiedlichen Bereichen kirchlichen Lebens an Bedeutung eher gewonnen hat: Liturgische und homiletische Arbeitsbücher entwerfen Gottesdienstmodelle und enthalten Predigtimpulse, die thematisch am Gang des Kirchenjahres orientiert sind (Bäuerle, 2006). Zahlreich sind religions- und gemeindepädagogische Beiträge und Handbücher, die den christlichen Festkalender zur Leitschnur und zum Medium religiöser Erziehung im Kindergarten, in der gemeindlichen Kinderarbeit und in der Grundschule machen (Wendland, 2014). In seiner elementaren Gestalt kann das Kirchenjahr auch Gestaltungsperspektiven für Schulgottesdienste eröffnen (Gojny, 2021). Dies schließt mit ein, dass das Kirchenjahr in seinem Lebens- und Erfahrungszusammenhang mit anderen religiösen Festkalendern ein interreligiöses Lernfeld darstellt (→ Interreligiöses Lernen), in dem es um Konvivenz und Identität geht. In der lebensweltlichen Praxis bleibt es nicht bei einem ‚Traditionskirchenjahr‘, es entstehen neue Konstellationen und Arrangements in der symbolischen Ordnung des Jahreskreises. Schließlich finden sich zahlreiche Titel, die als spirituelle Anleitungsliteratur das Kirchenjahr in seinen als heilsam wahrgenommenen Rhythmen als Lebenshilfe erschließen und zu seiner persönlichen rituellen Gestaltung anregen wollen (Grün, 2016; Behringer, 2016). Das Kirchenjahr zu erschließen und zu begehen, ist eine ‚Einübung‘ ins Christentum.

Literaturverzeichnis

  • Aveni, Anthony, Rhythmen des Lebens. Eine Kulturgeschichte der Zeit, Stuttgart 1991.
  • Bäuerle, Sabine (Hg.), Im Kirchenjahr leben. Liturgien und Rituale. Materialbuch des Zentrums Verkündigung der EKHN 105, Frankfurt a. M. 2006.
  • Behringer, Hans Gerhard, Die Heilkraft der Feste entdecken. Den Jahreskreis neu entdecken, Ostfildern 2016.
  • Bieritz, Karl-Heinz, Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart. Neu bearbeitet von Albrecht, Christian, München 9. erw. Aufl. 2014.
  • Bieritz, Karl-Heinz, Ein Haus in der Zeit. Kirchenjahr und weltliches Jahr, in: Zeichen setzen. Beiträge zu Gottesdienst und Predigt, Praktische Theologie heute Bd. 22, Stuttgart 1995, 177-187.
  • Fechtner, Kristian, Mild religiös. Erkundungen spätmoderner Frömmigkeit, Stuttgart 2023.
  • Fechtner, Kristian, Evangelische Spiritualität im Kirchenjahr, in: Zimmerling, Peter (Hg.), Handbuch Evangelische Spiritualität. Band 3: Praxis, Göttingen 2020, 357-373.
  • Fechtner, Kristian, Im Rhythmus des Kirchenjahres. Vom Sinn der Feste und Zeiten, Gütersloh 2007.
  • Gojny, Tanja, Schulgottesdienste in der Pluralität. Theoretische Grundlegung, konzeptionelle Bestimmungen und Handlungsorientierungen, Stuttgart 2021, 380-390.
  • Grün, Anselm, Bilder der Seele. Die heilende Kraft des Jahreskreises, Münsterschwarzach 2016.
  • Hermelink, Jan, Weihnachtsgottesdienst, in: Grethlein, Christian/Ruddat, Günter (Hg.), Liturgisches Kompendium, Göttingen 2003, 282-304.
  • Josuttis, Manfred, Verführung zum Leben. Übe die Geheimnisse des christlichen Glaubens, Gütersloh 2006.
  • Josuttis, Manfred, Texte und Feste in der Predigtarbeit, Gütersloh 2002.
  • Klie, Thomas (Hg.), Valentin, Halloween & Co. Zivilreligiöse Feste in der Gemeindepraxis, Leipzig 2006.
  • Liturgische Konferenz in der Evangelischen Kirche Deutschland (Hg.), Perikopenbuch nach der Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder. Mit Einführungstexten zu den Sonn- und Feiertagen, Bielefeld/Leipzig 2018.
  • Luther, Martin, Der Kleine Katechismus (1529), in: Dingel, Irene (Hg.), Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition, Göttingen 2014, 862-910.
  • Morgenroth, Matthias, Weihnachts-Christentum. Moderner Religiosität auf der Spur, Gütersloh 2002.
  • Schroeter-Wittke, Gottesdienst in der Zeit, in: Grethlein, Christian/Ruddat, Günter (Hg.), Liturgisches Kompendium, Göttingen 2003, 235-259.
  • Walther-Sollich, Tilman, Festpraxis und Alltagserfahrung. Sozialpsychologische Predigtanalysen zum Bedeutungswandel des Osterfestes im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997.
  • Wendland, Ingmar, Erkläre mir die Osterzeit. Von Aschermittwoch bis Pfingsten, Münster 2024.

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