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Paulus- und Theklaakten

(erstellt: Juli 2023)

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1. Überblick

Die Akten des Paulus und der Thekla (APTh), auch Theklaakten genannt, gehören zu den bekanntesten frühchristlichen apokryphen Apostelakten. Nachdem Thekla, eine junge Frau aus Ikonium (heutiges Konya, Türkei), die enkratische Lehre des Paulus hört, verzichtet sie auf die Heirat und entscheidet sich für ein asketisches Leben (→ Thekla). Sie steht zweimal kurz vor dem → Martyrium, wird aber durch göttliches Eingreifen gerettet. Schlussendlich tauft Thekla sich selbst und fährt damit fort, das Wort Gottes zu verkünden. Die APTh gehören zu den Paulusakten (Acta Pauli, API), gemeinsam mit dem → dritten Brief an die Korinther und dem Martyrium des Paulus (Martyrium Pauli). Die APl begannen ursprünglich wohl mit der Bekehrung des Paulus und seinem Aufenthalt im (syrischen) Antiochien. Daran schlossen sich vermutlich die in den APTh erzählten Abschnitte an. Fragmentarische griechische und koptische Papyri ergänzen die APl mit Erzählungen über die Mission des Paulus in Myra, → Phönizien, → Ephesos, → Philippi und → Korinth, die seinem Martyrium vorausgehen. Unklar ist, ob die APTh von Anfang an als Teil der API konzipiert waren oder als ursprünglich eigenständiger Text später in die API integriert wurden. Die APTh zirkulierten in jedem Fall auch unabhängig von den API. Die APTh gehören zum Genre der praxeis, die Leben und Lebensleistung prominenter Personen erzählen und einen stark hagiographischen Charakter besitzen. Daneben lassen sich auch charakteristische Züge antiker (Liebes-)Romane erkennen. Verfasst zur Bildung und frommen Unterhaltung, lassen die APTh zugleich eine asketisch-enkratitische Theologie erkennen, die die eschatologische Erwartung mit der Enthaltsamkeit verbindet.Die APTh erzählen die Geschichte von Thekla in zwei großen Abschnitten, die jeweils in Ikonium und in Antiochia (am Orontes?) spielen. Nachdem Thekla Antiochia verlässt, trifft sie Paulus in Myra und kehrt anschließend nach Ikonium zurück. Die Erzählung endet mit dem Tod der Thekla in Seleukia. Die Einheitlichkeit des Werkes ist umstritten. Die Antiochia-Episode inklusive ihrer Darstellung einer unabhängigen Thekla könnte auf eine ältere Tradition zurückgehen, die später um die Ikonium-Episode ergänzt wurde, in welcher Thekla dem Paulus als Jüngerin unterstellt ist (Esch-Wermeling). Verfasst wurden die APTh vermutlich in der zweiten Hälfte des 2. Jh. Der erste Beleg findet sich bei Tertullian (De baptismo 17) gegen Ende des 2. Jh.. Die Schrift könnte auf mündliche Traditionen des 1. Jh. zurückgehen (MacDonald, Barrier). Die APTh stammen aus einer asketischen Gemeinschaft, in der Frauen eine größere Rolle spielten, und wurden besonders in den Ostkirchen sehr geschätzt. Die Erwähnung der APTh auf der Liste biblischer Bücher im Codex Claromontanus (6. Jh.) verweist auf einen beinahe kanonischen Status der Schrift. Aufwind bekam der Thekla-Kult im 5. Jh. auch durch die Vita Leben und Wunder der Heiligen Thekla, die die APTh nacherzählt und sich darüber hinaus auf die Wunder Theklas an ihrem Schrein in Seleukia (heutiges Silifke, Türkei) bezieht.

2. Text und Übersetzungen

2.1. Griechische Handschriften

Verfasst wurden die APTh auf Griechisch. Der Text wird auf Grundlage mittelalterlicher → Codices rekonstruiert. Die erste Ausgabe, die 1698 von E. Grabe herausgegeben wurde, stützt sich auf den Codex Baroccianus 180 aus dem 11. Jh., für den sich die Abkürzung mit dem Großbuchstaben G etabliert hat. Er überliefert eine spätere Version der APTh.

Tischendorf legte seiner Ausgabe die Codices Par. Gr. 520; 1454 und 1468 (A, B und C, 9.-10. Jh.) zugrunde. Lipsius verwendete zusätzliche Manuskripte des 11. bis 14. Jh. (E, F, H, I, K, L und M). Zusätzlich gibt es eine Reihe weiterer Manuskripte aus dem 10.-12. Jh.. In den Codices finden sich die APTh neben anderen apokryphen Apostelakten, in Menologia oder unter den Märtyrerakten. Frühe fragmentarische Papyri des 4. und 5. Jh. (P. Ant. I.13; P. Oxy. 6) mit dem Text der APTh stammen aus ägyptischen Miniaturcodices, die vermutlich für Pilger hergestellt wurden. Auch P. Yale 87/P. CtYBR 1376 (4./5. Jh.) enthält wahrscheinlich Abschnitte der APTh. Der älteste Textzeuge ist das Fackelmann-Papyrus (MS 2634/1) aus dem 3. Jhd., ein winziges Fragment aus Ägypten.

2.2. Die Koptische Übersetzung

Das Heidelberg-Papyrus (Cop1, 6. Jh.) ist eine mehr oder weniger vollständige Übersetzung der API, die auf eine frühere Textüberlieferung zurückgehen könnte.

2.3. Lateinische Übersetzungen

Daneben existieren lateinische Übersetzungen. Gebhart unterscheidet dabei fünf Typen dieser lateinischen Übersetzungen: vollständig erhalten (A, C), fast vollständig (B) oder fragmentarisch erhalten (D, E), in verschiedenen Manuskripten überliefert, und in unterschiedlicher Qualität. Die meisten lateinischen Handschriften ordnen die APTh bei anderen Märtyrerakten ein, wodurch Thekla als Typus der jungfräulichen Märtyrerin dargestellt wird.

2.4. Syrische Übersetzungen

Die syrische Version der APTh ist in vier großen Handschriften aus dem 10.-12. Jh. erhalten und wird dort entweder als Teil eines ‚Buches der Frauen‘ (mit Ruth, Esther, Susanna und Judith) oder in hagiographisch-martyrologischen Sammlungen geführt. In anderen Handschriften (Mss. Deir al-Surian 28; 27, 6.-8. Jh.; Sinai Syr. 30, 8. Jh.) werden die APTh mit Daniel zusammengestellt, in einem ‚Buch der Frauen‘ genannt oder gemeinsam mit Erzählungen vom Leben anderer Märtyrer oder Heiliger erfasst (Wright; Burris). Die syrische Tradition könnte insgesamt näher am griechischen Original sein.

2.5. Weitere Übersetzungen

Die armenischen APTh sind eine im 5. Jh. entstandene Übersetzung der syrischen Version der APTh (Wright, Calzolari). Die APTh finden sich in acht arabischen Manuskripten des 10.-19. Jh. (Davis, in Barrier et al.). Zudem überliefern mehrere altkirchenslawische Übersetzungen (die früheste aus dem 11. Jh.) Varianten der APTh oder der Vita (Ivanov).

3. Die Erzählung der APTh

3.1. Paulus und Thekla in Ikonium

Paulus kommt von Antiochien (in Pisidien?) nach Ikonium. Onesiphorus, der Leiter einer → Hausgemeinde, empfängt ihn in seinem Haus. Paulus bricht das Brot und verkündet das Wort Gottes über Enthaltsamkeit und Auferstehung in einer Reihe von Seligpreisungen. Diese versprechen den Reinen, die ihre Keuschheit bewahren, Heil und Gemeinschaft mit Gott. Thekla, eine junge Frau aus der örtlichen Oberschicht, ist von den Worten des Paulus fasziniert. Sie widersteht dem Druck ihrer Mutter und ihres Verlobten und verzichtet so auf die Heirat mit Thamyris, dem angesehensten Mann der Stadt. Währenddessen verschwören sich Demas und Hermogenes, die hinterhältigen Jünger des Paulus, mit Thamyris gegen ihn. Sie lehnen die Lehre des Paulus über die Auferstehung als Belohnung für die Keuschen ab und vertreten eine bereits verwirklichte Eschatologie, die auf der Vorstellung basiert, dass die Auferstehung bereits in den eigenen leiblichen Kindern stattgefunden habe (→ Auferweckung). Von Demas und Hermogenes angestiftet, liefert der eifersüchtige Thamyris Paulus der römischen Obrigkeit aus. Dieser wird wegen Verführung des Volkes durch die neue Religion der Christen, sozialer Unruhen und Magie sowie der Tatsache, dass er Thekla und andere junge Leute auffordert, auf die Ehe zu verzichten, angeklagt. Schließlich wird Paulus ausgepeitscht und der Stadt verwiesen; Thekla aber soll verbrannt werden. Auf dem Scheiterhaufen hat sie eine Vision Christi, der in Gestalt des Paulus zum Himmel emporsteigt. Auf wundersame Weise wird sie von einem Hagelsturm, der das Feuer löscht, gerettet.

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Nach ihrer Freilassung trifft sie bei einer Mahlfeier in einer Grabstätte wieder auf Paulus, Onesiphorus, und dessen Familie. Thekla bittet Paulus um die Taufe und bietet an, ihm als Jüngerin zu folgen. Paulus aber weist sie zurück und deutet an, dass sie noch nicht bereit sei, die Prüfungen zu überstehen.

3.2. Thekla in Antiochia und darüber hinaus

Paulus und Thekla machen sich nun auf den Weg nach Antiochia. Alexander, erster Mann der Stadt und möglicherweise ein Syriarch (Vorsitzender des Koinons von Syrien und Hohepriester des Kaiserkultes), verliebt sich in Thekla und versucht, ihr seinen Willen aufzudrängen. Thekla aber weist Alexander zurück, ergreift sein Obergewand und reißt ihm den Kranz vom Kopf. Dieser Angriff auf seine Autorität wird als Sakrileg gedeutet. Infolgedessen rächt sich Alexander und übergibt Thekla der römischen Obrigkeit. Der Statthalter verurteilt sie dazu, den wilden Tieren vorgeworfen zu werden, woraufhin Thekla darum bittet, ihre Keuschheit bis dahin bewahren zu dürfen. Königin Tryphaena, eine reiche Frau und Verwandte des Kaisers, nimmt Thekla deshalb in ihrem Haus auf. Dies geschieht auf Fürsprache Falconillas, der verstorbenen Tochter Tryphaenas, die ihrer Mutter im Traum erscheint. Thekla soll für sie beten, damit Falconilla an den ‚Ort der Gerechten‘ versetzt werde. Hierbei handelt es sich um das früheste christliche Zeugnis für den Glauben, das Schicksal Verstorbener durch Gebet beeinflussen zu können.Nachdem Alexander die Spiele vorbereitet hat, werden Thekla in der Arena die Kleider ausgezogen und sie wird den wilden Tieren vorgeworfen. Eine Löwin kämpft für Thekla und stirbt dabei. Schließlich bemerkt Thekla ein Wasserbecken (mit angeblich lebensbedrohlichen Robben darin), wirft sich hinein und tauft sich selbst im Namen Jesu Christi auf den letzten Tag. Ein Blitz tötet die Robben und Thekla steigt lebendig aus dem Wasser. Diese Szene veranschaulicht die Theologie der Taufe als Tod und Auferstehung in Christus in den APTh. Obwohl Alexander weitere wilde Tiere in die Arena schickt, bleibt Thekla unverletzt. Nach Beendigung der Spiele bekennt Thekla vor dem Statthalter ihren Glauben an Christus, den Retter und Spender von Unsterblichkeit. Danach fordert der Statthalter sie auf, ihre Kleider wieder anzuziehen (wie in den ergänzenden Riten der Taufe), lässt Thekla frei und bekennt sich zum einen Gott, der Thekla gerettet hat. Thekla kehrt zu Tryphaena zurück, die ihren Glauben an die Auferstehung und die Rettung ihrer verstorbenen Tochter bekennt. Dort lehrt Thekla das Wort Gottes und bekehrt das Haus von Tryphaena.In Begleitung mehrerer jungen Männer und Frauen macht sich Thekla in Männerkleidung auf die Suche nach Paulus. In Myra trifft sie schließlich wieder mit dem Apostel zusammen. Sie erzählt von ihrer geistigen Erfahrung und ihrer Taufe und übergibt Paulus das Geld, das Tryphaena ihr für die Armen geschickt hat. Paulus beauftragt Thekla nun damit, das Wort Gottes zu verkünden und zu lehren. Sie kehrt nach Ikonium zurück, wo sie im Haus des Onesiphorus Gott und Christus als ihre Retter und Erleuchter preist. Thekla erfährt, dass ihr ehemaliger Verlobter inzwischen gestorben ist. Sie versucht, ihre Mutter zu bekehren, und bricht anschließend nach Seleukia in → Kilikien auf. Die Erzählung endet mit einer Zusammenfassung von Theklas Mission, durch die sie viele mit dem Wort Gottes erleuchtet habe, sowie dem Bericht ihres edlen Todes.

3.3. Spätere Erweiterungen der Erzählung

Einige griechische Handschriften erweitern den Aufenthalt in Seleukia mit einem hagiographischen Bericht über die Rettung Theklas vor einer Verschwörung griechischer Ärzte: Thekla lebt 72 Jahre lang asketisch in einer Höhle. Ihre zahlreichen Heilungen wecken die Eifersucht heidnischer Ärzte. Aufgrund des Zusammenhangs zwischen Theklas Heilkräften und ihrer Enthaltsamkeit entsenden diese einige junge Männer, um Thekla zu verführen. Auf wundersame Weise wird Thekla gerettet, indem sich ein Fels auftut und sie unterirdisch verbirgt. Sie reist dann nach → Rom, um Paulus zu treffen, muss dort aber erfahren, dass er bereits gestorben ist. Thekla stirbt mit 90 Jahren und wird nicht weit von Paulus entfernt begraben. Durch diese Erweiterung der Erzählung wird deutlich, dass Thekla auch als Wundertäterin verehrt wurde und ihre Verehrung auch Rom erreichte. Eine sehr ähnliche, aber detailliertere Geschichte, die Theklas Tod und Begräbnis nicht in Rom verortet, wird im Codex Baroccianus 180 (→ 2.1.) erzählt. Demnach schließen sich wohlhabende Frauen Thekla in der Nähe von Seleukia an. Die Erzählung zeigt die wachsende Verehrung der Thekla auch in monastischen Frauengemeinschaften, wobei der Schlussteil sie als Protomärtyrerin, Apostelin (→ Aussendung / Mission / Apostel) und Jungfrau charakterisiert.

4. Religiöse Vorstellungen und Glaubensvollzüge

4.1. Theologische Akzente

Die APTh sind ein klarer Ausdruck des Enkratismus, insofern sie sexuelle Enthaltsamkeit und Eheverzicht als Voraussetzung eschatologischer Erlösung fördern. Die engelhaften Merkmale des Paulus, seine Gleichstellung mit Jesus und die wiederholte Rettung der Thekla vor dem Tod zeigen, dass die Asketen bereits in diesem Leben die Verklärung ihres Leibes, die Errettung vor dem letzten Gericht und einen Vorgeschmack der Auferstehung erfahren. In Auseinandersetzung mit den → Pastoralbriefen, wird die Normativität der Ehe in Frage gestellt. Die Auferstehung stellt eine Belohnung für die Keuschen, die auf die Ehe verzichten, dar.

4.2. Liturgische Praxis

Die Taufe wird als Waschung und als Siegel in Christus, das Versuchung fernhält, beschrieben. Sie wird durch das Untertauchen im Namen Christi vollzogen, wobei eine trinitarische Formel nicht erkennbar ist. Die Taufe antizipiert die eschatologische Rettung und ist eng verbunden mit Keuschheit. Zweimal wird eine asketische, anscheinend mit Wasser anstatt Wein durchgeführte Eucharistiefeier beschrieben (APTh 3.5; 3.25). In der Erzählung ist keine Rede von kirchlichen Ämtern. Gemeinschaften scheinen also auf einfache Haushaltsstrukturen beschränkt zu sein. In Ikonium wird das Haus des Onesiphorus als Ort der Lehre und Anbetung vorgestellt. In Antiochien finden im Haushalt der Tryphaena Verkündigung und Konversion statt. Autorität wird in den APTh eher charismatischen und asketischen Lehrern und Lehrerinnen (Paulus und Thekla) zugeschrieben, weniger den Leiterinnen und Leitern der Haushalte.

4.3. Frauen in den APTh

Frauen spielen in den APTh eine bedeutende Rolle. Dass eine Frau lehrt und tauft, sowohl sich selbst als auch andere, ist ungewöhnlich (siehe aber Mariamne in den → Philippusakten). Thekla selbst lehrt nach ihrer Taufe und nachdem sie von Paulus beauftragt wurde. Der Abschluss des Textes berichtet darüber, dass Thekla viele mit dem Wort Gottes erleuchtet habe. Obwohl die Historizität der Erzählung fragwürdig ist, weist die Auseinandersetzung mit den APTh bei Tertullian darauf hin, dass zumindest in manchen asketischen Gemeinschaften Frauen lehrten.

5. Sozio-kulturelle Hintergründe

Mehrere Figuren gehören der lokalen oder der Provinz-Elite an oder sind sogar Teil einer königlichen Familie – ein Charakteristikum, das die APTh mit anderen Apostelakten teilen. Die Figur der Königin Tryphaena ist angelehnt an Antonia Tryphaena, eine enge Verwandte mehrerer Kaiser, Tochter, Ehefrau und Mutter der Klientelkönige Roms, Wohltäterin und Priesterin des Herrscherkults. Dies könnte darauf hinweisen, dass zumindest einige Mitglieder der Gemeinde wohlhabender waren und vielleicht zur lokalen Oberschicht gehörten. Zudem stellen die APTh die Frage nach einer angemessenen Verwendung von Reichtum. Die Gegner von Paulus und Thekla verschwenden ihr Geld auf der Suche nach Vergnügung sowie bei dem Versuch, die Diener Gottes zu zerstören. Thekla und Tryphaena dagegen setzen ihren Reichtum für einen guten Zweck ein. Tryphaena handelt als Patronin und wird zum Vorbild für wohlhabende Frauen. Auch Onesiphorus öffnet sein Haus für Wanderprediger und die ganze Gemeinschaft. Die APTh spiegeln auch das spannungsreiche Verhältnis der Christinnen und Christen zur Gesellschaft wider, das zeitweise zu Verfolgungen führte. Die Gerichtsprozesse des Paulus in Ikonium und der Thekla in Antiochia lassen auf drängende Probleme im Angesicht der römischen Gesetzgebung schließen. Die Anklagen gegen Paulus zeigen weitverbreitete römische Bedenken wie Misstrauen gegenüber neuen, fremden und betrügerischen religiösen Überzeugungen und Magie, sowie ein Entstehen sozialer Spannungen durch den Angriff auf die Ehe. Zudem erfolgt aber auch ein spezifischer Vorwurf, nämlich das Christsein (nomen Christianum). Thekla wird bei ihrer Verurteilung zum Tod durch die wilden Tiere auf dieser Grundlage Sakrileg vorgeworfen.

6. Rezeption

6.1. Sammlungen autoritativer Schriften

Die Aufnahme der APTh in Sammlungen autoritativer/kanonischer Schriften weist darauf hin, dass auch die APTh einen vergleichbaren Status genossen. P. Hamb. 1, eine ägyptische Papyrushandschrift aus dem 3. oder 4. Jh., enthält die API und eine Reihe alttestamentlicher Schriften (Hhld, Klgl, Pred/Koh). Die API sind darüber hinaus auf der Kanon-Liste des Codex Claramontanus (6. Jh.) enthalten, ebenso wie der → Barnabas-Brief, der → Hirt des Hermas und die Petrusapokalypse. Einige neutestamentliche Handschriften aus dem 6.-13. Jh. erklären Passagen aus 2 Tim mit Details aus den APTh (Pervo). Dies zeigt, dass die API und mit ihnen die APTh als Quellen zuverlässiger Informationen angesehen wurden, die helfen konnten, kanonische Schriften zu interpretieren. Übersetzungen der APTh in bestimmten Handschriften sowie die Tatsache, dass mehrere patristische Texte die APTh und die Figur der Thekla mit biblischen Büchern und Figuren in Verbindung bringen, weisen zudem auf eine informelle Kanonisierung der APTh hin.

6.2. Thekla in der Hagiografie

Die von den APTh inspirierte hagiografische Tradition wurde an neue kirchliche und theologische Herausforderungen angepasst. Die dem Bischof Basilius von Seleukia zugeschriebene Vita Leben und Wunder der Heiligen Thekla (Mitte des 5. Jh.) stellt sie als mächtige Wundertäterin dar, die in die zeitgenössischen theologischen Debatten eingreift. Ihre Wunder erweitern dabei ihre Autorität in die Gebiete heidnischer Gottheiten hinein und bestrafen Bischöfe, die sie nicht ehren – konkret den arianischen Bischof von Seleukia, der versucht, eine trinitarische Inschrift zu entfernen. Thekla wird zur Lehrerin der nizänisch-homoousianischen Christologie wie auch der trinitarischen Orthodoxie. Diese Tendenz findet sich auch in der arabischen Überlieferung der APTh: Thekla tauft sich auf den Namen der Dreifaltigkeit. Am Ende fordert sie ihre Mutter auf, an Gottes einzigen Sohn und an den Heiligen Geist zu glauben, der ihnen gleich sei. Thekla bleibt ein Beispiel für weibliche Bescheidenheit, zugleich aber wird ihre Lehrautorität bestätigt. Die Vita betont zwar ebenso wie die APTh die Überlegenheit der Jungfräulichkeit, betrachtet aber die Ehe zudem als Heilmittel gegen die Unzucht, das von Gott zur Erhaltung der Menschen gegeben wurde. Der Byzantiner Symeon Metaphrastes (10. Jh.) nahm eine Überarbeitung des Lebens der Thekla in sein Menologion auf. Theklas Geschichte inspirierte Berichte über andere weibliche Asketen und Märtyrer. Das Leben der Syncletica (5. Jh.), das für asketische Frauen in Alexandria verfasst wurde, stellt die Heldin als Anhängerin von Thekla dar. Das Leben der Eugenia schildert eine junge Frau aus der römischen Elite in Alexandria, die dem Vorbild von Thekla folgt, nachdem sie auf ihrer Reise die APTh gelesen hat. Die Geschichte der Thekla diente außerdem als Inspiration für das ägyptische Martyrium der Heiligen Paese und Thekla, das Martyrium der Heiligen Rhipsimē, das mit der Bekehrung Armeniens in Verbindung gebracht wird, das syrisch-byzantinische Leben der Marina und andere Märtyrertraditionen in Italien, Frankreich, Nordafrika und Palästina.Ein Auszug der APTh wurde in eine spätere Ergänzung der Legenda aurea des Jacobus de Voragine aufgenommen (Augsburger Ausgabe von 1489).

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6.3. Hochschätzung der Thekla bei den griechischen Kirchenvätern

Die erste Erwähnung der APTh im Osten findet sich bei Origenes, der die APTh zitiert, ohne dabei allerdings Thekla zu erwähnen. Mehrere griechische Kirchenväter nennen Thekla dagegen explizit, loben sie für ihre Enthaltsamkeit, ihre Stärke im Angesicht von Leiden oder für ihre Abwendung vom Reichtum. Als Asketin und Märtyrerin wird Thekla besonders zum Vorbild für Frauen. So zitiert etwa Athanasius (De virg.) die APTh und preist Thekla als Beispiel der Standhaftigkeit asketischer Frauen. Das Symposion des Methodius stellt Thekla als Erste unter den Jungfrauen dar. Ihr philosophisches Lob der Jungfräulichkeit, verbunden mit der Verurteilung der Ketzerei, wird ihr eine Belohnung von Arete einbringen. Gregor von Nyssa lobt Thekla als jungfräuliche Jüngerin des Paulus und ganz besonders ihre Ablehnung aller Leidenschaften, die dazu führe, dass das Wort Gottes in ihr leben könne (Hom. Cant. 14). Gregor bezieht sich auch im Leben der Macrina auf Thekla: Ein Engelsbote nennt dort das Kind, das geboren werden soll, Thekla, um ihr jungfräuliches Leben anzudeuten. Ferner beruft sich Gregor von Nazianz wiederholt auf Thekla (Or. 24 in laud. Cyp. 10; Contra Jul. 1.69). Neben Susanna wird Thekla häufig auch mit anderen biblischen Figuren wie Esther, Judith oder Ruth in Verbindung gebracht (Physiologus, Isidor von Pelusium). Joh. Chrysostomos lobt Thekla für das Vererben ihres Vermögens und fordert seine Gemeinde auf, ihrem Beispiel zu folgen (Hom. 25 zur Apg). Epiphanius erinnert an Theklas Eheverzicht um des Himmels willen und betrachtet sie als zweitwichtigste Person nach Maria (Pan. 78.16; 79.5).Pseudo-Chrysostomos‘ Homilie über die heilige Thekla, Protomärtyrerin und Apostelin (s. M. Aubineau), spricht von der Jungfräulichkeit als einer Form des Martyriums. Severus von Antiochien vergleicht die Prüfungen von Thekla mit denen von Daniel und seinen Gefährten (vgl. Dan 3; 6). In seiner Homilie 97 stellt er Thekla als ein Bild der Kirche dar (M. Pesthy, in Bremmer, Apocryphal). Thekla wird auch in der Panegyrik des Niketas von Paphlagonien über Paulus wie auch in dem anonymen Leben der Olympias erwähnt. Ein langes Panegyrikon über Thekla wird Photius zugeschrieben (Gebhart, 177-182).Das asketische Leben von Thekla wird auch von heterodoxen Gruppen, wie den Manichäern und den Anhängern von Priscillian, wertschätzend betont. Im Psalter der ägyptischen Manichäer (→ Manichäismus) wird Thekla als Jungfrau und Geliebte Gottes gepriesen, die Ausdauer im Leiden bewiesen hat. Faustus verteidigt in seinem Gespräch mit Augustinus die asketischen Ansichten der Manichäer am Beispiel der Thekla (C. Faust. 30.4).

6.4. Ambivalente Rezeption im Westen

Lateinische Übersetzungen der APTh bezeichnen Thekla als Märtyrerin, Jungfrau und Jüngerin des Paulus, aber nicht als Apostelin oder Apostelgleiche. Dies lässt sich wohl auf die negative Wertung der APTh bei Tertullian (Bapt. 17) zurückführen. Er lehnt die APTh ab, weil sie fälschlicherweise mit dem Apostel in Verbindung gebracht und von Frauen benutzt würden, um das Recht zu lehren und zu taufen für sich zu beanspruchen. Der angebliche Verfasser, ein Presbyter aus Asien, sei von seinem Amt zurückgetreten, nachdem er zugegeben habe, sie aus Liebe zu Paulus geschrieben zu haben. Tertullian erhebt keine theologischen Einwände, sondern beanstandet die Auswirkungen der Schrift auf die kirchliche Praxis der Frauen, die gegen das Redeverbot verstößt. → Hieronymus folgt Tertullian und bezeichnet die Periodoi des Paulus und der Thekla als apokryph. Dies hindert beide allerdings nicht daran, sich in Bezug auf das Martyrium des Paulus auf die APl zu berufen. Das Decretum Gelasianum (6. Jh.) führt die APTh unter den apokryphen Schriften. Ungeachtet der o.g. Vorwürfe finden sich bei vielen lateinischen Autoren Hinweise auf Thekla. → Ambrosius lobt Thekla für das Verteidigen ihrer Jungfräulichkeit im Angesicht des Todes (De virg. 2.19-21). Er erwähnt Thekla zusammen mit Agnes und Pelagia als Jungfrauen, die das Martyrium in Todesverachtung angenommen hätten (Ep. 37.36 an Simplicianus). Augustinus nennt Thekla in einem ähnlichen Zusammenhang (Virg. 44). In seinem Brief an Eustochium, in dem er den Wert der Jungfräulichkeit preist, erwähnt Hieronymus Thekla unter den heiligen Frauen, die Eustochium nach ihrem Tod willkommen heißen würden (Ep. 22.41). Er vergleicht Melania die Ältere aufgrund ihrer Tugenden mit Thekla (Rufinus, Apol. in Hyeron. 2.26). Zeno von Verona erinnert an Theklas Mut, wobei er sich auf die Antiochia-Episode bezieht (Tract. 8.1. De timore). Als Märtyrerin wird sie auch in Ps.-Cyprians Or. pro martyribus, Or. sub die passionis suae und in der Cena Cypriani erwähnt. Sulpicius Severus, der Biograph des Martin von Tours (4./5. Jh), berichtet Martins Vision von der Jungfrau Maria mit der hl. Agnes und Thekla (Dial. 2,13). Thekla wird in den Hymnen des Venantius Fortunatus (6. Jh.) zusammen mit anderen Jungfrauen vielfach gelobt (Carmina). Der hl. Aldhelm (Abt von Malmesbury, Bischof von Sherborne) berichtet von Theklas Leben und Furchtlosigkeit (De laud. virg.) und noch im 10. Jh. Verbindet die Legende des hl. Radboud (10. Jh.), Schutzpatron von Deventer, Thekla mit der hl. Agnes.

Siehe auch

Literaturverzeichnis

Textausgaben und Übersetzungen

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  • Dagron, G. / Dupré La Tour, M., Vie et miracles de sainte Thècle: texte grec, traduction et commentaire (SHG 62), Bruxelles 1978
  • Davis, St., An Arabic Acts of Paul and Thecla: Text and Translation, with Introduction and Critical Commentary, in: J. W. Barrier et al. (Hgg.), Thecla: Paul’s Disciple and Saint in the East and West (Studies on early Christian Apocrypha 12), Leuven 2017, 106–151
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  • Wright, W., Apocryphal Acts of the Apostles Edited from Syriac Manuscripts in the British Museum and Other Libraries I-II, London 1871

Sekundärliteratur

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  • Bremmer, J. N. (Hg.), The Apocryphal Acts of Paul and Thecla (Studies on the Apocryphal Acts of the Apostles 2), Kampen 1996
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Abbildungsverzeichnis

  • Der Beginn der APTh im Codex Baroccianus 180 © Bodleian Libraries, University of Oxford
  • Thekla auf dem Scheiterhaufen (Mitte), Abbildung: Ausschnitt eines Freskos in der Kharga-Oase, El-Bagawat (Ägypten, 5./6. Jh.) Quelle: Wikimedia Commons (Public Domain)
  • Thekla auf dem Scheiterhaufen in der Augsburger Legenda aurea von 1489 Quelle: Digitalisat der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München (Public Domain)

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