2. Petrus 1,2-11 | Aschermittwoch | 14.02.2024
Einführung in den 2. Petrusbrief
Bemüht euch um die Tugenden des Glaubens!
Der zweite Petrusbrief
Im NT ist dieses Schreiben in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Sein griechischer Stil ist elaboriert, sein Vokabular breit und weniger an der griechischen Bibel als an klassischer Literatur orientiert, viele der Vokabeln kommen nur hier im NT vor. Sein realer Autor muss daher eine hohe formale Bildung gehabt haben, was sich auch in der Aufnahme philosophischer Diskurse (3,4-13
1. Verfasserschaft
Die (fiktive) Autorisierung ist stark und konsequent durchgeführt: In 1,1
Quellen des Schreibens sind zunächst die als ‘prophetisches Wort’ (1,19-21
Eine dieser Schriften wurde in letzter Zeit intensiv diskutiert, die im frühen 2. Jh. entstandene und im 2. Jh. sehr beliebte Petrusapokalypse
Aus dieser Beziehung ließe sich sogar erklären, warum so spät im 2. Jh. ein Autor noch das Pseudonym des Petrus wählte: Die ApkPetr verbindet Jesu Ansage des Todes des Petrus in Rom mit der Erwartung, dass nun mit dem Ende Neros die Endereignisse beginnen und die Parusie Christi kommt. Eine solche ‚naive‘, terminierte Erwartung konnte wenige Jahrzehnte später unglaubhaft wirken. Gegen eine so begründete Skepsis der ‚Spötter‘ gegenüber der Parusiehoffnung (3,3f.
Der Gebrauch einer solchen Autorfiktion in einem vielfältigen ‚petrinischen Diskurs‘ ist kein Versuch, die Leserschaft zu ‚betrügen‘. Vielmehr scheint ein solches Vorgehen für gebildete Zeitgenossen durchsichtig und zugleich legitim. Wie ein Schauspieler im Theater durch die Maske einer anderen ‚persona‘ spricht (und das im Unterricht vielfach übt), so spricht der Autor durch die Maske Petri. Die Pseudepigraphie ist mithin wohl eine „offene“, zumindest für gebildete Kreise. Andere mögen an der Konstruktion ihre Zweifel geäußert haben, und diese Zweifel wirken in der frühen Kirche fort.
2. Adressaten
2 Petr ist ein wirklich ‚katholischer‘ (= allgemeiner) Brief. Er will alle wahren Christen (1,1
Die im 2 Petr bekämpften und mit allen Mitteln diskreditierten Gegner waren möglicherweise einfach anders denkende Christen. Sie lasen wohl die Paulusbriefe, redeten von Freiheit und vom Geist. Demgegenüber redet 2 Petr nicht vom Hl. Geist als gegenwärtigem Phänomen der Gemeinde und sieht die Freiheits-Verkündigung als Einfallstor von Zügellosigkeit und Amoralität.
3. Entstehungsort
Lange wurde angenommen, dass 2 Petr in Rom
4. Wichtige Themen
- Eschatologie
: Der Autor verteidigt die Parusieerwartung in einer Zeit, in der die Dehnung der Zeit längst spürbar war (3,9 ). Er verweist auf Gottes Verlässlichkeit und Macht, auf das prophetische Wort und auf die Sintflut , in der die Welt (3,5f. ) schon einmal zugrunde ging, so dass eine erneute Zerstörung durch Feuer nicht unplausibel ist. Der Autor nimmt hier die stoische Tradition des Weltenbrandes (korrigierend) auf. - Ethik: Der Autor mahnt zum Bemühen um einen tugendhaften christlichen Lebensstil (1,5-7
). Mit der Ausbildung von Tugenden antworten Christen auf die ‚Tugend‘, die ihnen Gott bzw. Christus in der Berufung bzw. der Sündenvergebung (Taufe) vorweg erwiesen hat. Dies ist plausibel im Horizont des hellenistischen Wohltäterwesens, in dem Wohltätern (Stifter, Stadtgründer, Herrscher) für ihr Tun Ehre und Loyalität entgegengebracht wird.
Literatur:
- Jörg Frey, Der Judasbrief und der zweite Petrusbrief, ThHK 15/2, Leipzig 2015.
- Jörg Frey / Matthijs den Dulk / Jan G. van der Watt (Hg.), 2 Peter and the Apocalypse of Peter. Towards a New Perspective, BIS 174, Leiden 2019.
- Henning Paulsen, Der zweite Petrusbrief und der Judasbrief, KEK 12/2, Göttingen 1992.
A) Exegese kompakt: 2. Petrus 1,2-11
Der Predigttext bietet den Eingang des 2. Petrusbriefs, den letzten Teil des erweiterten Präskripts (V. 1-4
Übersetzung
2 Gnade und Friede werde euch in Fülle zuteil in der Erkenntnis Gottes und unseres Herrn Jesus, 3 wie ja (doch) seine göttliche Macht uns alles, was zum frommen Leben dient, geschenkt hat, aufgrund der Erkenntnis dessen, der uns berufen hat kraft seiner eigenen vortrefflichen Herrlichkeit 4 durch welche uns die überaus großen und kostbaren Verheißungen geschenkt sind, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet und so der Vergänglichkeit entflieht, die aufgrund der Begierde in der Welt ist. 5 Und deshalb sollt ihr unter Einsatz allen Eifers in eurem Glauben die Tugend herausbilden, in der Tugend aber die Erkenntnis, 6 in der Erkenntnis aber die Selbstbeherrschung, in der Selbstbeherrschung aber die Geduld, in der Geduld aber die Frömmigkeit, 7 in der Frömmigkeit aber die geschwisterliche Liebe, in der geschwisterlichen Liebe aber die Liebe [überhaupt]. 8 Denn wenn diese [Tugenden] bei euch vorhanden sind und zunehmen, lassen sie euch nicht untätig oder fruchtlos sein hinsichtlich der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus. 9 Derjenige nämlich, dem diese Dinge fehlen, ist blind vor Kurzsichtigkeit und ist vergesslich geworden im Blick auf die Reinigung von seinen früheren Sünden. 10 Darum, Geschwister, eifert (noch) mehr darum, eure Berufung und Erwählung fest zu machen. Wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln. 11 Denn so wird euch der Eingang in die ewige Königsherrschaft unseres Herrn und Retters Jesus Christus reichlich gewährt werden.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 2-4
V. 3
V. 5
V. 9
2. Literarische Gestalt und Kontext
2 Petr ist ein Text mit kompliziertem Stil und ‚großer‘, etwas manierierter Rhetorik, was sich in langen Satzgebilden, seltenen Vokabeln und vielen plerophorischen Doppelausdrücken sowie in der wirkungsvollen klimaktischen Reihung von Tugenden V. 5-7
Der ganze Abschnitt lehnt sich nämlich an die Sprache zeitgenössischer Ehrendekrete an, wie sie in jeder antiken Stadt auf vielen Inschriften zu lesen waren. Dort wird Wohltätern (Herrscher, Patrone, wohlhabende Stifter) im Gegenzug für ihre Taten zum Wohl der Stadt oder eines Vereins angemessen Dank erwiesen. Ehrungen werden versprochen oder organisiert, und die Leser der Inschrift werden zu adäquatem Handeln aufgefordert. Dieses ‚Patronage‘-System („eine Hand wäscht die andere“) prägte die Antike weithin. Es bildet den Plausibilitätskontext für die hier thematisierte Entsprechung der ‚Tugend‘ Christi und der von den Glaubenden auszubildenden Tugenden.
Hellenistisch geprägt ist auch das in V. 3-4
3. Historische Einordnung
2 Petr ist als Vermächtnis des Petrus kurz vor seinem Tod (1,14f.
Der Text spricht in eine völlig andere, spätere Situation als die Paulusbriefe, die er bereits in einer Sammlung voraussetzt. Hier geht es nicht mehr um das jüdische Gesetz und die Einfügung von Heiden in das Gottesvolk. Das Problem sind Lehrdifferenzen bzw. Falschlehrer (2,1f.
4. Schwerpunkte der Interpretation
Die Mahnung zur Tugend erfolgt aber nicht mit der Drohung (die 2 Petrus auch kennt und nutzt). Sie basiert zunächst auf der Betonung der „überaus großen und kostbaren Verheißungen“ die Gott bzw. Christus den Christusgläubigen geschenkt hat (V. 3f.
Der Tugendkatalog folgt zwar keiner klaren Logik, aber doch wächst alles aus dem Glauben (der Berufung, der Christuszugehörigkeit) heraus und zielt auf die unbeschränkte Liebe. Die Tugenden selbst sind durchaus begründbar: Im Kontrast zum hemmungslosen Egoismus ist Selbstbeherrschung weise und sozial verträglich. Geduld ließe sich als Resilienz in Krisenzeiten fassen. Das altertümliche Wort „Frömmigkeit“ macht Mühe, aber εὐσέβεια meint nicht Bigotterie, sondern beinhaltet Achtsamkeit, Taktgefühl, Anstand.
5. Theologische Perspektivierung
An 2 Petrus scheiden sich die Geister. Man hat dem Autor vorgeworfen, die urchristliche Tradition ‚hellenisierend‘ umzuformen, ‚frühkatholisch‘, ‚dogmatisch‘ oder ‚werkgerecht‘ zu argumentieren. Ich plädiere dafür, die Stimme des Autors als eine eigene, an ihrem Ort sinnvolle ernst zu nehmen. Der Text ist nicht an Paulus zu messen, sondern in seiner eigenen Logik ernst zu nehmen. Wie kann positiv (ohne falsche Moralisierung und auch ohne apokalyptische Schreckensbilder) ein ethischer Lebensstil eingeübt und vermittelt werden? Und kann der Glaube, die Erinnerung an die Wohltaten Christi, an die eigene Berufung und das Ziel der Teilhabe am Reich Gottes dazu motivieren? Gewiss, es gibt auch einen gesetzlichen Gebrauch des Wortes ‚Das tat ich für dich – was tust du für mich?‘ Aber die Abwehr von Gesetzlichkeit sollte uns nicht hindern, die Herausforderung des Textes aufzunehmen und positiv über den Wert und den (individuell und sozial) heilsamen Charakter allgemeiner und speziell christlicher Tugenden nachzudenken.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Einführungen zu 2 Petrusbrief vertiefen mein Verständnis dieser biblischen Schrift, die mir bis dato relativ unbekannt war. Dass dieser Brief sich intensiv mit hellenistischem Gedankengut auseinandersetzt, sich im Modell der Pseudepigrafie auf biblische Autoritäten wie Petrus bezieht, um das Gesagte zu untermauern, und Hellenistisches und Biblisches aufeinander bezieht, halte ich fest. Der Autor mischt sich ein in die Wahrnehmung der Welt zu seiner Zeit und in den Diskurs darüber. Er beschreibt „die Möglichkeit, dass die Welt nicht ‚unveränderlich‘ ist…. Er …verändert aber den stoischen Gedanken unendlich vieler aufeinander folgender Welten im Sinne des biblischen Weltbildes.“ Dieser Umgang mit den beiden Traditionen scheint mir stilbildend zu sein auch für den Abschnitt des 1. Kapitels
2. Thematische Fokussierung
„Spiritualität ist die Kunst, der Sehnsucht nach dem Reich Gottes zu folgen“ (F. Steffensky). Der Text redet im Stil einer entfachten Sehnsucht und weniger im Stil einer Drohung, wenn es um einen ethischen Lebensstil und seine Vermittlung geht. In der apokalyptischen Weltwahrnehmung der Gegenwart, für die sich Beispiele leicht nennen lassen, ist das ein sehr wichtiger Gegenpol. Die Basis von Veränderung ist eine positive: das göttliche Geschenk dessen, was zum Leben führt und Menschen dazu bringt, Gott auf richtige Weise Gott zu ehren, und die Kraft, die Gutes wirkt, zu erkennen im Glauben. Wer sich dem zuwendet, wird am Wesen Gottes teilhaben. Das entwickelt in der Logik dieses Textes eine Sogkraft, eine Sehnsucht nach einem tugendhaften Leben, nach imitatio Christi und Gottes. Dann ist Glaube Verinnerlichung, Nachahmung, in das hineinwachsen, was verheißen ist als gutes Leben, als Reich Gottes. Die Mahnung, sich fernzuhalten von dem, was durch die Gier dieser Welt Verderben bringt, ist eingebettet in einen großen Tugendkatalog. Auch hier also nur eine Spur Negativität, umso größer wirkt die positive und aufsteigende Reihung der Tugenden. Und über jede Einzelne ließe sich viel sagen in einer Predigt.
3. Theologische Aktualisierung
Die Verkürzung der Gottesrede auf „den lieben Gott“, auf den „beschützenden Gott“ verursacht eine Infantilisierung des Christentums in der Öffentlichkeit. Ich sehe in diesem Predigttext die Chance, eine andere Form der Gottesnähe zu predigen. Sie ist gegeben als großes Geschenk. Die Zuwendung der Gemeinschaft oder jedes einzelnen Glaubenden schenkt Teilhabe, imitatio Christi, und das Gute entsteht von selbst: Selbstbeherrschung, Resilienz, Achtsamkeit, Liebe. Eine Ethik, die weder erdrückt im Stil der Vorbildchristologie, die Jesus als den ganz Großen zu feiern, der alles „richtig“ und „gut“ gemacht hat, noch in einem künstlichen Gegeneinander von Glauben und Taten/Werken stecken bleibt. Eine Ethik, die Erkenntnisgewinn verspricht, eine Wechselwirkung von Glauben und Handeln.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Als Predigttext für den Aschermittwoch ist 2 Petr 1,2-11
Literatur
- Spiritualität der Zukunft, hrsg. M.Rötting & Ch. Hackbarth-Johnson, EOS 2019, siehe hier besonders den Aufsatz „Aspekte einer Spiritualität der Zukunft“ von Katharina Ceming.
Autoren
- Prof. Dr. Jörg Frey (Einführung und Exegese)
- Melitta Müller-Hansen (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500022
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