4. Mose 6,22-27 | Trinitatis | 31.05.2026
Einführung in das 4. Buch Mose
Der vierte Teil des Pentateuch wird im Hebräischen nach Num 1,1
Eine Priesterschriftliche Erzählung
In einer Neubearbeitung des Pentateuch wird das Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26
In der späten Epoche des Zweiten Tempels (im 4./3. Jh.) nimmt das Numeribuch
Literatur:
- Achenbach, R., 2003, Die Vollendung der Tora. Studien zur Redaktionsgeschichte des Numeribuches im Kontext von Hexateuch und Pentateuch (BZAR 3), Wiesbaden.
- Bührer, W., 2021, Schriftgelehrtes Murren. Schriftgelehrte Fortschreibungs- und Auslegungsprozesse in den Murrerzählungen in Exodus und Numeri (FAT 152), Tübingen.
- Frey, J., 1994, „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat…“. Zur frühjüdischen Deutung der „ehernen Schlange“ und ihrer christologischen Rezeption in Johannes 3,14f., in: M. Hengel / H. Löhr (Hgg.), Schriftauslegung im antiken Judentum und im Urchristentum (WUNT 73), Tübingen, 153–205.
- Römer, Th., 2014, Das Buch Numeri, in: W. Dietrich u.a. (Hgg.), Die Entstehung des Alten Testaments. Neuausgabe (ThW 1), Stuttgart, 135–149.
A) Exegese kompakt: 4. Mose 6,22-27
Übersetzung
Num 6,22 Und Jhwh sprach zu Mose um zu sagen: 23 „Sprich zu Aaron und zu seinen Söhnen um zu sagen: So sollt ihr die Kinder Israels segnen, indem ihr ihnen zusagt: 24 „Jhwh segne dich, und er beschütze dich,
25 Jhwh lasse aufleuchten sein Angesicht über dir, und er sei dir gnädig,
26 Jhwh erhebe sein Angesicht über dich, und er setze dir Frieden!“
27 Und so sollen sie meinen Namen auf die Kinder Israels legen, dann werde ich selbst sie segnen.
Anm. zur Übersetzung:
V. 26: וְיָשֵׂ֥ם לְךָ֖ שָׁלֽוֹם – nicht „er gebe“ (hebr. natan), sondern „er setze“ (hebr. sîm) – shalôm kann man nicht „haben“ oder „besitzen“, man wird in ihn versetzt in Gemeinschaft mit Menschen, Tieren, Natur, Welt und Gott. V. 27b: durch den Zuspruch des Namens im Gotteswort erreicht uns die Nachricht über das geheimnisvolle Geschehen, dass wir durch Gottes aktives Segnen selbst tatsächlich gesegnet werden.
1. Einordnung der Perikope
Die priesterschriftliche Erzählung des Pentateuch
2. Textgenese
Der religiöse Brauch von Gott Lebenskraft zu erbitten und solche einem anderen Menschen im Namen Gottes zuzusprechen reicht weit in die vorbiblische Zeit zurück. Das Grundwort barakh beschreibt den Zustand des mit Lebenskraft Begabten, des gesegneten und gelobten Menschen, der seinerseits Gott den Segen
3. Exegetische Hinweise
Die Stellung des Textes hinter den Anweisungen für die besonders Geweihten ist auffällig. Er soll wohl deutlich machen, dass man sich Segen nicht eigenmächtig selbst zusprechen soll, sondern dass er zugesprochen werden muss. Darum wird nun ein von Jhwh selbst an Mose geoffenbartes Segenswort in der Tora kanonisch festgeschrieben. Die oberste Autorität und damit gleichsam ein geistliches Wächteramt über das Segenswort wird Aaron, dem Hohepriester, und seinen Söhnen zuerkannt, indem Gott ihnen den Auftrag erteilt, mit diesen Worten Israel zu segnen. Dabei sprechen sie den ansonsten aus Ehrfurcht vor dem Heiligen nicht mehr gedankenlos ausgesprochenen Gottesnamen
Darum wird das Segenswort traditionell eingeleitet: „Er, Jhwh, segne dich!“ – d.h. er lasse dir all seine Lebenskraft zukommen. Dieser Wunsch wird komplementär parallel begleitet und vervollkommnet durch den Wunsch „er behüte/beschütze dich“ vor allem Bösen und allem Lebensbedrohlichen bis hin zum Tod (vgl.
4. Historische und hermeneutische Perspektiven
Nach der Zerstörung des Tempels ist die „Birkat-Kohanim
Die Unaussprechlichkeit und somit die Heiligung des Namens kann auch in der Titulatur als „der Ewige“ oder „der Name“ aufgehoben sein.
Das bleibende Segenswort Gottes über Israel ist zugleich auch das bleibende Segenswort über den Völkern. In Christus erhält die christliche Gemeinde Anteil an dem bleibenden Segenswort Gottes an Israel. Es ist ihre Aufgabe, dieses Segenswort reichlich auszurichten, als bleibendes Wort im Licht des Zuspruchs von Gottes Segen, Schutz, Gerechtigkeit, Gnade und Frieden, an der sie alle menschlichen Ordnungen misst (Barmen, 31.05.1934, vgl. 2 Tim 2,6
Literatur
- Achenbach, R., 2003, Die Vollendung der Tora. Studien zur Redaktionsgeschichte des Numeribuches im Kontext von Hexateuch und Pentateuch (BZAR 3), Wiesbaden, 499–513
- Leuenberger, M., 2008, Segen und Segenstheologien im alten Israel. Untersuchungen zu ihren religions- und theologiegeschichtlichen Transformationen (AThANT 90), Zürich 2008,155–177
- Liss, H., 2005, Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel (Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg 8), Heidelberg,138–139
- Renz, J., 1995, Die Althebräischen Inschriften. Teil 1: Text und Kommentar (HAHE 1), Darmstadt, 447–456
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
„Du“ statt „Ihr“
Der aaronitische Segen trägt eine erstaunliche Würde in sich und strahlt sie mit jedem Wort aus. Die Exegese erschließt mir dies auf neue Weise. Schon an der Übersetzung fällt auf, dass die Segensworte dem einzelnen Menschen gelten, auch wenn es seine Individualität im Kontext der Gemeinschaft findet. Es bleibt doch ein „Du“. Dem entsprechen die meisten Empfehlungen und Gottesdienstordnungen der evangelischen Kirchen. Mitunter wird als Alternative die 2. Ps. Pl. („segne euch…“) empfohlen oder die Formulierung als Segenswunsch („segne uns und behüte uns“). Damit wird eine wichtige Bedeutungsverschiebung vorgenommen, die dem verbindlichen Text Num 6,24-26
Wichtig ist auch der Hinweis auf die möglichen und tatsächlichen Sprecher:innen. Es war und ist in der synagogalen Liturgie von Bedeutung, wer den Segen spricht; wo jemand aus priesterlicher Abstammung anwesend ist, rezitiert dieser den Segen. Sonst ist es Aufgabe des Kantors. Es geht dabei aber nicht nur um Autorität. Der Segen wird am Sabbat über die Kinder gesprochen; in der familiären Praxis wirken Vater und Mutter als Segensmittler: das ermöglicht einen Zugang zu „G*tt“ und „Herr*“ als Quelle aller Lebenskraft und öffnet den Text und unsere Gottesbilder in gendersensibler Perspektive.
2. Thematische Fokussierung
Reduzierte Pastoralmacht
Die uralten hebräischen Worte umspannen alle Zeiten, von der Vorzeit über die Gegenwart bis in die Zukunft: Es sind ewige, ewiggültige, ewigwahre und ewigmächtige Worte. An wohl kaum einem anderen Text lässt sich das mehr nachvollziehen als an diesem. Menschen kommen manchmal nur wegen dieser Worte in den Gottesdienst.
Ich erinnere mich an eine Szene aus meiner Jugendzeit, in der ich mir ein Taschengeld als Bedienung in einem fränkischen Dorfgasthaus verdiente. Die Männer, die am Konfirmations-Sonntag schon früh zum Stammtisch gekommen waren, hatten die Uhr im Blick, um „rechtzeitig zum Segen“ noch schnell in die benachbarte Kirche zu eilen.
Die Erfahrung von der Wirkmächtigkeit der Worte steht auch hinter der Entscheidung im (nicht mehr ganz so) „Neuen Evangelischen Pastorale“ der Liturgischen Konferenz, den aaronitischen Segen in die kleine Sammlung von Texten „Für alle Fälle“ aufzunehmen, mit Ps 23
Pastorales Personal sollte die Segensformel stets parat haben und auf alternative und dekorativ ausschmückende Formulierungen verzichten. Fulbert Steffensky formuliert in gekonnt kritischer Schwarzbrot-Spiritualitäts-Manier: „Ich wende mich […] gegen die Pest gedanklicher Elaboration von Gesten und Formeln. Wir kennen das: ‚Wenn ich dir jetzt die Hand auflege, dann bedeutet das, dass ich dir Glück wünsche für deinen Weg, …‘ Leg‘ die Hand auf und halt’s Maul! Die Erklärung vertreibt die Poesie aus der Geste, das Geheimnis und das Schweigen, das zumindest an der Stelle des Segens kostbarer ist als Beredtheit. […] Ich schätze die Formel auch deswegen, weil ich beim Segen nicht denken will. Ich möchte mich einschmiegen in die wiegende Bewegung der Formel, fallen lassen in ihr Bild. Dazu brauch ich aber einen Gestus oder ein Wort, das ich kenne, das sich schon oft wiederholt hat. […] Ich will keinen originellen Segen.“ (Steffensky 1993, 6, zitiert bei Lammer 2007) Schon der Aufbau des kurzen Abschnitts entspricht dieser Anweisung. Die liturgische Bühne wird gleich mehrfach gliedernd bereitet: von Jhwh über Mose zu Aaron und seinen Söhnen zu den Kindern Israels. Auf die liturgische Bühne treten auch Christinnen und Christen, die sich durch Christus mit den Kindern Israels verbunden wissen. Das gebietet einen respektvollen Umgang mit der Würde des Textes als einem „der heiligsten Texte der Tora“ (Achenbach 2006), erlaubt aber einen analytischen Zugang, etwa zu seiner poetischen Struktur, bei der V. 24 durch die Folgeverse mit ihren Sprachbildern den Raum der Imagination weit öffnen.
Die Exegese erklärt den zweiten Wunsch, Jhwh möge sein Angesicht „aufstrahlen“ lassen (V.25) mit der sog. „Solarisierung“. Dies irritiert zunächst etwas, auch im Wissen um religionsgeschichtliche Prozesse im Gottesbild, da die Formulierung bei den Hörer:innen eher sinnliche Assoziationen und Resonanzen des Naturerlebens auslöst. Der Sonnengott, der als Richtergott Wahrheit und Gerechtigkeit bringt, dessen Antlitz man aber nur ertragen kann, wenn er gnädig ist und vergibt, verlangt nach einer vertieften theologischen Reflexion, die über ein simplifizierendes Verständnis des ‚lieben Gottes‘ hinausreicht. Da tut es zumindest gut, dass der Segensspruch die Möglichkeit, dass Gott sein Antlitz abwendet und Tod und Verderben herrschen, gar nicht formuliert und sie eher in den Bereich des undenkbaren, unsagbaren deus absconditus gehört. Performativ gilt nur die Rede des zugewandten Angesicht Gottes.
3. Theologische Aktualisierung
Eine doppelte Spur
Heute gilt der aaronitische Segen als „Spezifikum des evangelischen Gottesdienstes“ (Meyer-Blanck 2011, 515), das den Abschluss des Gottesdienstes markiert. Über viele Jahrhunderte, schon in den Zeiten der Alten Kirche war das nicht die Regel. Erst Martin Luthers
Die Verwendung im gemeindlichen Gottesdienst von der Entstehungszeit bis in die Gegenwart ist aber nur eine Spur, der man folgen kann und die sich auf der Performanz des Textes als priesterlicher Zuspruch, was auch das Laienpriestertum der Glaubenden einschließt (vgl. oben zum Segen der Kinder beim Familiengebet zuhause). Der Befund aus der biblischen Archäologie lenkt auf eine andere Spur, die eher den Inhalt betont. Teil A beschreibt zwei Amulette aus vorexilischer Zeit, die in Gräbern des 7./6. Jahrhunderts im Hinnomtal unterhalb der südwestlichen Mauer der Altstadt Jerusalems gefunden wurden (Fotos sind im Internet unter https://www.bibelausstellung.de/home/navi1030_1881_die-silberrollen-von-ketef-hinnom
Die Verwendung des Segens im Umfeld von Tod
4. Der Text im Kirchenjahr
Trinitarische Räume öffnen
Num 6,22–27 ist Predigttext für den Tag der Heiligen Dreieinigkeit. Darum bietet es sich an, den Segen trinitarisch zu verstehen und auszulegen. Die erste Zeile des Segens wird dann auf den Schöpfungsaspekt der Behütung, die zweite auf den gnädigen Gott (Erlösung) und die dritte vom zum Frieden leitenden Gott der Heiligung her gedeutet (so Meyer-Blanck 2011). In einer solchen Predigt kann dann auch darauf hingewiesen werden, dass der Gottesdienst mit dem trinitarischen Votum „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ beginnt und nun auch trinitarisch beschlossen wird. Damit würde sich auch anbieten den Kanon „Ausgang und Eingang“ EG 175 wiederholend am Anfang und am Ende des Gottesdienstes singen zu lassen.
Wird die trinitarische Auslegung mit dem Hinweis auf Gottes Segenswirken am Anfang und am Ende in der Liturgie verbunden, liegen zwei lebensweltliche Konkretionen in der Predigt nahe:
1. die eben geschilderte Bedeutung des aaronitischen Segens als dem zentralen Segen bei Krankheit und Bedrohung, in Sterben und Trauer. Gerade da zeigt sich, wie wichtig es ist, dass dieser Segen der einzelnen Person zugesprochen, an das „Du“ gerichtet ist. Sterben kann zwar massenhaft geschehen, aber Gott erweckt den einzelnen Menschen zu neuem Leben.
2. Der Segen markiert nicht nur das Ende des Gottesdiensts, sondern auch den Übergang in die Woche und die Alltagswelt mit ihren weltlichen Herausforderungen. Diese kleine Transzendenz ist der lebensweltliche Horizont im Wechsel von Alltag und Sonntag. Der Segen entfaltet seine Kraft in dem, was nach dem Gottesdienst kommt. Hier sind die Liebe, die Barmherzigkeit und Zuwendung, die Gerechtigkeit und der Friede gefragt, zu dem jeder und jede Gottesdienstteilnehmer:in etwas beitragen kann. So verbindet sich das Handeln Gottes mit dem Handeln des Menschen, so kann jeder und jede als gesegnete Person zur segnenden Person werden. Das aufstrahlende Antlitz Gottes strahlt im Widerschein des Antlitzes des Menschen weiter. Schön, wenn nach dem Gottesdienst an Trinitatis Menschen mit strahlenden Gesichtern durch das Kirchenportal nach draußen gehen.
5. Anregungen
Segensgesten meditieren
Da Num 6,22-23
Es empfiehlt sich deshalb zur Vorbereitung eine meditative Körperübung, bei der auf Thomas Kabels Ausführungen zu liturgischer Präsenz zurückgegriffen werden kann. Die Körperhaltung, Gestik und Mimik beim aaronitischen Segen ist Träger von Bedeutung. Kabel empfiehlt, dass die liturgischen Gesten durch Übung gerade zu einer zweiten Natur werden, so dass die Segnende ihre Rolle "Liturg" präsent und authentisch ausübt und darin ehrlich und glaubwürdig ist. Die meditative Übung sollte das liturgische Anliegen Kabels mit der Mahnung zu Reduktion Steffenskys verbinden. Das ist kein Leichtes.
Literatur
- Achenbach, R., 2006, Aaronitischer Segen, in: Wibilex https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/aaronitischer-segen
(Zugriff 22.12.2025). - Büssing, A./Dickmann, A. et al., 2025, Erfassung existenzieller und spiritueller Bedürfnisse bei Patient*innen in der Palliativsprechstunde mit dem Spiritual Needs Screener – Befunde und Reaktionen des Palliativteams, in: Zeitschrift für Palliativmedizin 26:2, 89–96 DOI: 10.1055/a-2357-8306
- Kabel, T., 2002, Handbuch Liturgische Präsenz. Zur praktischen Inszenierung des Gottesdienstes, 1. Bd. Gütersloh
- Lammer, K., 2007, Segnen, in: K. Eulenberger, L. Friedrichs, U. Wagner-Rau (Hg.) Gott ins Spiel bringen. Handbuch zum Neuen Evangelischen Pastorale, Gütersloh, 229–236
- Liturgische Konferenz (Hg.), 2005, Neues Evangelisches Pastorale. Texte, Gebete und kleine liturgische Formen für die Seelsorge, 2. Auflage, Gütersloh
- Meyer-Blanck, M., 2011, Gottesdienstlehre, Tübingen
- Steffensky, F., 1993, Segnen. Gedanken zu einer Geste, in: PTh 82, 2–11
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Achenbach (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr.Traugott Roser (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500196
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