Römer 5,1-5(6-11) | Reminiszere | 01.03.2026
Einführung in den Römerbrief
1. Verfasser
Paulus diktierte dem Sekretär Tertius den Brief (vgl. 1,1
Paulus befindet sich an einem entscheidenden Punkt seiner langjährigen Missionsarbeit: Er will im Westen des Imperiums
2. Adressaten
Paulus schrieb den Brief an die „Berufenen Jesu Christi“, an „alle Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen“ in Rom (1,6f.
Er spricht die Christus-gläubigen Adressaten nicht als „Gemeinde“ an (so in 1Kor 1,2
- dass es sich bei den Adressaten nicht um Mitglieder einer paulinischen Gemeindegründung handelt,
- dass die Christus-gläubigen Römerinnen und Römer ganz überwiegend sogenannte Heidenchristen waren, d.h. nicht zum „Volk Israel“ gehörten,
- dass sie nur zu einem kleinen Teil Paulus persönlich bekannt waren (vgl. die Grußliste in Kap.16
), so dass der Römerbrief an eine wenig homogene, Paulus überwiegend unbekannte und ihm nicht verpflichtete Leserschaft gerichtet ist (Wischmeyer, Römerbrief, 445-447).
Daraus erklärt sich der sehr sachlich-theologische Gesamtduktus, der auch den ethischen Teil B des Briefes (Röm 12-14
3. Entstehungsort und Entstehungszeit
4. Wichtige Themen
„Apostelamt des Paulus, Evangelium, Glaube, Gerechtigkeit Gottes, Juden und Griechen als Teilhaber an Gottes Gerechtigkeit, Israel, Verhältnis zum Imperium Romanum, Starke und Schwache, Mission des Paulus“ (Wischmeyer, Römerbrief, 429).
Besonders wichtig ist die Auslegungsgeschichte des Röm. Keine Exegese kann ohne eine Reflexion auf die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegungsgeschichte des Briefes auskommen. Der Röm war seit Erasmus und den Reformatoren – vor allem Luther, Melanchthon und Calvin – der Grundtext reformatorischer Theologie. Die „Rechtfertigungslehre“ entwickelte Luther maßgeblich aus seiner Lektüre des Galater- und Römerbriefes und seiner Interpretation der δικαιοσύνη θεοῦ vom Genitivus objectivus her: Gerechtigkeit, die vor Gott gilt bzw. Bestand hat, d.h. die Gerechtigkeit, die nicht aus der Gesetzeserfüllung, sondern aus dem Glauben kommt. Damit wurde Röm zugleich zum bleibenden Streitobjekt zwischen reformatorisch-protestantischer und katholischer Auslegung. Neuerdings muss die Christologie des Röm, die das Heil an den Glauben an Christus bindet, in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetzesverständnis neu diskutiert werden.
5. Aktuelle Fragen
Besonderes Interesse gilt in den letzten Jahren der religiös-ethnischen Identität des Paulus und einer damit verbundenen Distanzierung besonders von der christlich-theologischen Römerbriefinterpretation von Luther bis zu Barth und Bultmann. Wieweit ist Paulus auch nach seiner Beauftragung durch den erhöhten Christus (Gal 1,1
6. Besonderheiten
Röm ist der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Paulus. In mehreren ausführlichen thematisch zentrierten Textabschnitten behandelt Paulus entscheidende Themen seiner Missionsverkündigung:
Teil A In 1,16-11,36 legt er in mehreren Schritten sein „Evangelium“ dar, das „Juden und Nichtjuden (1,16
- In Kap. 1,17-4,25 entfaltet er die Heilswirkung des Evangeliums vor dem Hintergrund der Ungerechtigkeit von Nichtjuden wie Juden. 3,21-31
ist das christologische Herzstück dieser Heilsbotschaft. - In Kap. 5-8 entwickelt Paulus dann Einzelaspekte seiner Christologie.
- Kap. 9-11 ist ein eigener thematischer Traktat zum Verhältnis von Nichtjuden und Juden, der mit der Perspektive der Errettung von Nichtjuden wie Juden schließt und damit auch das Thema von 1,16
zum Abschluss bringt (11,26 ).
Teil B Von 12,1-15,13 stellt Paulus in einer reich gegliederten Paraklese (ermahnende Darlegung der Verhaltensformen in den Christus-gläubigen Gemeinden) Grundelemente gemeindlichen Verhaltens dar (darin: 13,1-7
Literatur:
- Fredriksen, P.: Paul, the Perfectly Righteous Pharisee, in: The Pharisees, hg. J. Sievers and A.-J. Levine, Eerdmans 2021.
- Kleffmann, T.: Der Römerbrief des Paulus, Tübingen 2022 (theologisch-systematische Kommentierung des Röm).
- Wischmeyer, O. / Becker, E.-M. (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen 32021; darin. Wischmeyer, O., Römerbrief, 429-469. Dort S. 468f. weiter kurz kommentierte Literatur.
- Wolter, M.: Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8. EKKNF VI/1, Neukirchen-Vluyn 2014. Teilband 2: Röm 9-16. EKKVI/2, Neukirchen-Vluyn 2019.
A) Exegese kompakt: Römer 5,1-5
Übersetzung
1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 2 Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. 3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Textkritik zu Vers 2: die Variante „im Glauben“ ist ähnlich gut bezeugt wie der Text ohne den Zusatz. Die lectio brevior ist vorzuziehen. Inhaltlich besteht kein Unterschied.
Das doppelte Perfekt in V.2 weist auf den Zustand hin, den die Glaubenden bereits erreicht haben.
2. Literarische Gestaltung
Röm 5,1-5 fungiert als Gelenktext zwischen Röm 1-4 und den Kapiteln 5-8. Daher beginnt Paulus in 5,1.2 mit einer „zusammenfassenden Feststellung über die Rechtfertigung aus Glauben“ (Lohse 163). Damit formuliert Paulus den Heilsstatus der Christusgläubigen (durchgehendes „Wir“). VV.1 und 2 nennen vier Aspekte des Heilsstatus: Rechtfertigung
3. Kontext und historische Einordnung
Zur historischen Einordnung siehe zu Röm 12,9-16
4. Theologische Perspektivierung
Es handelt sich um einen theologischen Grundsatztext, in dem Paulus den Ist-Stand der Christusgläubigen positiv – Heil
Das wird in Vers 3 deutlich. Hier steuert Paulus dagegen, indem er auf die Drangsale und Prüfungen
Literatur:
- E. Lohse, Der Brief an die Römer. Meyers Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament 4, Göttingen 2003.
- O. Wischmeyer, E.-M. Becker, Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe, UTB 2767, Tübingen 32021.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Perikope aus Röm 5,1-5
Paulus eröffnet einen neuen Horizont, in dem die Getauften ihr Leben verorten. Sie betreten mit der Taufe den Christusraum („in Christus“), in dem sich das individuelle und das gemeinschaftliche Leben neu definiert.
2. Praktisch-theologische Fokussierung
Die Mitglieder der römischen Gemeinde werden – das lerne ich aus der Exegese – in ihrer Identität neu definiert und das in einem Prozess, der durch die Begriffe „Rechtfertigung“ „Gnade“ und „Hoffnung“ gekennzeichnet wird.
Die Adressaten werden eingeladen vollkommen abzuschließen mit ihrer Vergangenheit und ihr Herz in die Zukunft zu werfen.
Was für eine unglaubliche Offerte! Du kannst und darfst vollkommen neu anfangen und lebst ab jetzt im Status der warmen göttlichen Gnade.
Wir wissen, dass es in der Mehrzahl vom Leben gezeichnete Menschen waren, die sich den christlichen Gemeinden anschlossen. Witwen, die in der Gemeinde Ansehen und Schutz fanden, Sklaven, die von ihren Herren zu Drecksarbeiten gezwungen worden waren, Prostituierte, die sich selbst für eine Ware hielten und auch so behandelt wurden. Menschen, die ihr Leben verzockt und verplempert hatten. Soldaten mit blutigen Händen, die von den diversen Schlachtfeldern zurückkehrten.
Sie alle betraten mit der Taufe einen neuen Lebensraum. Sie erhielten ein weißes Gewand, tauchten in der Taufe vollständig unter und tauchten als neue Menschen wieder auf.
Sie durften nun abschließen - oder hatten mit diesem Ritual endgültig abgeschlossen mit ihrem alten Leben.
Sie haben vor sich selbst und vor der Welt wieder ein ganz eigenes Lebensrecht. Es ist ihnen vergeben, sodass sie sich nun auch selbst vergeben können. Sie bleiben niemandem etwas schuldig und sie vergeben denen, die an ihnen schuldig geworden sind. Sie sind gerechtfertigt vor Gott und den Menschen. Sie können nun Frieden schließen mit sich selbst und der Welt.
Tabula rasa des Lebens. Das Leben liegt vor ihnen wie eine weiße Fläche frisch gefallenen Schnees. Jeder Schritt, den sie nun gehen, hinterlässt eine ganz eigene neue Spur.
Sie leben im Zustand der Gnade.
Die Psychologie lehrt, dass die Menschen ihre beschwerliche Vergangenheit verarbeiten müssen, um unbelastet neu anzufangen. Traumatische Erlebnisse müssen zur Sprache gebracht werden, Schuld muss erkannt und ausgesprochen werden.
Das Christentum hat von Beginn an eine Reihe von Ritualen entwickelt, in denen genau dies im Umfeld der Sakramente wie Taufe bzw. Abendmahl vollzogen wird. Vor der Lossprechung liegt die Beichte und sie ist – will man Martin Luther glauben – ein „vortreffliches, köstliches und tröstliches Ding“ (Martin Luther 1529, Eine kurze Vermahnung zur Beichte).
An der Schwelle zum Christusraum darf alles abgeladen werden und der Blick darf nach vorne gerichtet werden.
Denn – losgelöst von der Vergangenheit – kann der Mensch nun den Blick nach vorne richten – voller Hoffnung.
Die Exegetin hat im Paulustext einen Prozess der Heilung des Lebens aufgespürt, der in der Predigt genauso skizziert werden kann.
Dieser Zustand der Gnade darf allerdings nicht verwechselt werden mit einem Status der Unverletzbarkeit und der Unversehrtheit oder gar des ewigen Glücks.
Die Bedrängnisse des Lebens hören nicht auf, ja verschärfen sich womöglich, wenn ein Mensch getauft ist. Allerdings erhalten die Bedrängnisse des Lebens eine neue Bedeutung. Sie beschweren das Leben nicht, sondern sie lehren die Christen eine neue Lebenskunst: die Geduld, die alles Leiden kennt, die aber nie in die Verzweiflung führt. Denn die Leiden dieser Welt sind in ihren Halbwertszeiten entlarvt. Ich darf sie gelassen vorübergehen lassen
Autoren
- Prof. em. Dr. Dr. h.c. Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese)
- Prof. em. Johanna Haberer (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500176
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